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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Das Ende dieses widrigen Zwischenfalles mitzuerleben, blieb Eva erspart. Die Aebtissin hatte sie die Treppe hinauf und in das Wohngemach geführt. Die heilige Klara selbst, meinte sie, habe die Vorklerin gesandt, um Eva die Wahl zu erleichtern, vor die sie die Nichte noch heute zu stellen gedachte.

Schon während sie die breiten Stufen mit ihr erstieg, legte sie ihr den Arm um die Schultern; im Wohnzimmer aber, von dem man die Mittagssonne abgehalten, wo sie Kühlung und der Duft der Rosen- und Resedasträuße empfing, die Eva und der Gärtner am frühen Morgen in die Krüge auf dem Sims gestellt, zog die Aebtissin den Liebling fester an sich und sagte: »Die Welt zeigt Dir, mein armes Kind, noch einmal ihr garstigstes Gesicht, bevor Du ihr valet sagst.«

Dabei küßte sie ihr liebreich Stirn und Augen und erwartete, daß Eva, wie sie es schon manchmal gethan, wenn ihr etwas die junge Seele bedrängte, ihre Zärtlichkeit stürmisch erwidern und mit dankbarem Ungestüm die Ladung in die Freistätte annehmen würde, die sie ihr darbot; doch der garstige Angriff des rohen Weibes, der 105 ihr vor Augen führte, was die Leute von ihr dachten und sprachen, wirkte ganz anders auf das seltsame Kind, das ihr schon so manche Ueberraschung bereitet, als sie vorausgesetzt hatte. Wohl war es Eva noch keineswegs gelungen, das Weh zu vergessen, das ihr die nichtswürdigen Anklagen der Vorklerin verursacht; wenn sie aber noch in der Sänfte besorgt hatte, es werde ihr an Kraft gebrechen, der lieben Lehrerin und Freundin eine so große Enttäuschung zu bereiten, so fühlte sie jetzt, daß diese Furcht vergebens gewesen und daß der verletzte jungfräuliche Stolz sie der Rücksicht, auf wen es auch sei, entbinde.

Mit liebenswürdiger Behutsamkeit befreite sie sich von den Armen der Aebtissin, schaute, mit den großen Augen wie um Vergebung bittend, betrübt zu ihr auf und warf sich, als sie sah, mit wie schmerzlicher Befremdung die Muhme auf sie hinschaute, ihr noch einmal an die Brust.

Statt sich von der alternden Freundin schützend umschlingen zu lassen, zog die jüngere sie an sich, küßte und streichelte sie mit liebkosender Herzlichkeit und bat sie mit der ihr eigenen, bestrickenden Anmut, ihr zu verzeihen, wenn sie ihr und sich selbst versage, wonach sie sich so lange als nach dem Schönsten und Höchsten gesehnt.

Als die Aebtissin sie dann unterbrach, um ihr noch einmal vor Augen zu führen, was sie in der Welt, was im Kloster erwarte, hörte sie ihr, fest an sie geschmiegt, bis ans Ende aufmerksam zu; dann aber warf sie, so tief aufseufzend, als schmerze sie der eigene Entschluß, das Haupt zurück und rief: »Doch trotz alle und alledem kann und darf ich jetzt nicht ins Kloster.«

106 Dann ergriff sie die Hand der Aebtissin und legte ihr dar, was sie verhindere, den Wunsch der Leiterin ihrer Kindheit, der auch so lange der ihre gewesen sei, zu erfüllen. Ueberfließend von warmer, redlich empfundener Dankbarkeit pries sie, was sie bei den lieben Klarissinnen an stillen Wonnen und süßen Erwartungen genossen, bis die Minne sich ihrer bemächtigt.

In den letzten, schmerzensreichen Tagen habe sie auch den Weg zu ihrer Heiligen zurückgewonnen und den schönsten Trost im Gebete gefunden; so oft sie aber das Herz zu dem Heiland erhoben, dem sie sich einst mit so inbrünstiger Liebe als seine Braut angelobt habe, sei der Erlöser ihr zwar wie sonst vor das innere Auge getreten, doch habe er an Gestalt und Antlitz dem Ritter Heinz Schorlin geglichen, und statt sich der Welt ab und der himmlischen Liebe zuzuwenden, hätte sie sich ganz der irdischen Minne gefangen gegeben. Ihr Gebet sei zur Sünde geworden. Das Lied des Heiligen:

»O Lieb, aus Liebe künde,–
Warum mich so verwunden?
In Minneglut geschwunden
Ist mir mein Herz und Leben,«

hätte sie nicht mehr aufgefordert, sich selbst aufzugeben, um in himmlischer Liebe hinzuschmelzen, sondern ihr nur die eigene Seelennot verdeutlicht und der Sehnsucht ihres Herzens nach dem Geliebten Worte geliehen.

Da unterbrach die Muhme sie mit der Versicherung, daß das alles – sie hätte es selbst erfahren, als sie, der Minne des höchsten und herrlichsten der Männer entsagend, den Schleier genommen – anders, ganz anders werden würde, wenn sie erst unter dem Beistand 107 der heiligen Klara den Weg wiedergefunden habe, auf dem sie schon einmal dem Himmel so nahe gekommen. Den Tag sehe sie bereits vor Augen, an dem Eva auf die Welt, die sie verlassen, wie auf gestaltenlose Wolkenmassen niederschauen werde. Das wären keine hohlen Worte. Etwas Selbsterlebtes führe sie vielmehr zu dieser Verheißung.

Auf ihrer Fahrt nach Rom habe sie im Alpenlande von einem Berge hinunter geschaut und in der Tiefe sich zu Füßen nur kleine Höhen, Wälder, Thäler und blitzende Flüsse und hie und da auch ein Dorf erkannt, doch weder einzelne Menschen noch Tiere; denn ein leiser Nebel habe das alles verschleiert und es zu einem einzigen grauen Ganzen verbunden. Ueber sie her aber habe sich der Himmel, einer großen Riesenkuppel vergleichbar, so blau wie Türkis und Saphir, rein und frei von Dünsten und Wolken in schöner Wölbung gebreitet. So nahe sei er ihr erschienen, als hätte ihn der Adler, der sich in ihrer Nähe aufschwang, schon mit wenigen Flügelschlägen zu erreichen vermocht. Lichte Klarheit habe sie umflossen, und die Sonne mit überwältigend hellem Glanze wie das Auge Gottes auf sie niedergeschaut.

Hart neben ihr hätte ein bunter Falter das einsame weiße Blümlein umschwebt, das aus einem nackten Felsstücke in der höchsten Höhe hervorwuchs. In dem Lichte und dem feierlichen Schweigen ringsum sei ihr jener Schmetterling wie eine verklärte Seele erschienen, und die Frage in ihr laut geworden, wer sich wohl, wenn es ihm vergönnt sei, in dieser lichten Höhe, so nahe dem Höchsten zu leben, zurückwünschen könnte in den grauen Nebel da unten.

108 Auch die Menschenseele, die die lichte Höhe erflogen, aus der sie dem Himmel so nahe, genieße glückselig die Reinheit der Luft und das ungetrübte Licht, das sie umwehe, und was da unten in der Welt vorgehe, verschwimme für sie zu einem einzigen, überwundenen Etwas, in dem man das Besondere nicht mehr unterscheide, noch auch zu unterscheiden begehre. So werde auch ihr das Bild Heinz Schorlins zusammenschmelzen mit der übrigen tief unter ihr liegenden Welt, zu der es gehöre. Es werde sie nur reizen, dem Himmel näher und näher zu kommen, dem hehren Lichte über ihr, zu dem ihre Seele so leicht aufsteigen würde wie jener Adler, der vor ihren, der Pilgerin, leiblichen Augen in himmlischer Bläue und in goldenem Sonnenglanze verschwunden.

»So komm und wage den Flug!« schloß sie in warmer Begeisterung. »Deiner Seele, Du erwählte Himmelsbraut, sind die Schwingen gewachsen, deren es dazu bedarf. Brauche sie! Und was Dir jetzt das höchste der Ziele verleidet, es wird von Dir abfallen wie die alte Haut von der Schlange. Wie der Phönixvogel aus der Asche wird aus dem Zusammenbruch der kleinen, weltlichen Minne, die Dich heute mehr ängstigt als froh macht, die große Liebe zu demjenigen erstehen, der die Liebe selbst ist, die Liebe, die den einsamen Schmetterling auf der weißen Blume in der stillen, menschenleeren Hochlandseinöde, dem kein Stäubchen auf dem Flügel, kein Härlein am Fühlhorne mangelt, so warm und sorgsam umfaßt wie das große, unbegrenzte Weltall, dessen Dauer erst mit der Ewigkeit endet.«

Tief atmend hatte Eva an den Lippen der verehrten Frau gehangen, die zuletzt wie eine Seherin mit weit geöffneten Augen aufwärts geschaut.

109 Als sie schwieg, nickte sie ihr beistimmend zu.

Die würdige Lehrerin und Freundin schien ihren Widerstand gebrochen zu haben.

Wie den Adler, der vor den Augen der Pilgerin in der Bläue des Himmels verschwunden, rief das helle Licht in der reinen Höhe auch ihre beschwingte Seele auf, den Flug zu wagen.

Erfreut folgte die Aebtissin der Wirkung ihrer Rede auf den Liebling, der jetzt das Vernommene zu durchdenken schien und sinnend zu Boden schaute.

Plötzlich aber hob Eva wieder das gesenkte Haupt, und ihr in hellerem Glanze aufleuchtendes Auge suchte das der Aebtissin.

Aufmerksam hatte ihr lebhafter Geist das Gehörte überdacht. Ihrer regen Einbildungskraft war es gelungen, das Bild, das sie schon halb für die Wünsche der Freundin gewonnen, in die Wirklichkeit zu übertragen.

»Nein, Muhme Kunigunde, nein!« begann sie, und erhob dabei wie zur Abwehr die Hände. »Auch mich zieht Deine lichte Höhe gewaltig an, doch wie gern ich auch glaube, daß die Welt sich für viele leicht vergessen läßt da oben, wo kein Laut von ihr zu uns dringt und der Nebel die einzelnen Gestalten in ihrer Mitte den Blicken entzieht, für mich wäre schon, seit mir die Minne das Herz erfüllt, das Besteigen der Höhe allein und ohne ihn unmöglich.

»Höre mich nur, Muhme!

»Was war es denn, was mich von Anfang an so gewaltig zu ihm hinzog? Zuerst –Du weißt es ja – die Hoffnung, ihn zum Streiter für die Güter zu machen, die ich durch Dich als die höchsten und heiligsten liebe. Als 110 dann die Minne dazu kam, als in mir eine neue, mir bis dahin fremde Gewalt erwacht war und mich – es muß alles gesagt sein – auch nach seinem Werben verlangte und seiner Umarmung, auch da fühlte ich, daß nur im vollen Einklang unserer gemeinsamen Liebe zu Gott und dem Heiland unser Bündnis Wurzel schlagen und Blüten treiben könne. – Und wenn mir auch seit der Seelenmesse für die Mutter – das that weh, und der Trotz und das Verlangen ihn zu strafen, trieben mich schon an, die Klostermauer zwischen uns beide zu legen – kein weiteres Zeichen seiner Minne zukam, wenn es mir auch so wenig verborgen blieb wie Dir, daß es ihn drängt, die Welt zu verlassen, so stört das mit nichten die Sicherheit hier drinnen, nein, es bestärkt sie nur, daß unsere Seelen so untrennbar zu einander gehören, als habe das Sakrament unser Bündnis geheiligt.

»Darum würde es mir nie und nimmer glücken, dem Himmel so nahe zu kommen, wie er Dir einsamen, frommen Pilgerin auf dem Gipfel Deines Berges gelang, wenn er mich nicht im Geiste begleitete, wenn seine Seele sich nicht mit der meinen zum Aufstiege oder zum Fluge in die Höhe vereinte. Sie ruht eben in der meinen wie die meine in der seinen, und wollte man sie von einander trennen, sie würden beide wie mit zerschnittenen Adern verbluten. Und darum, Muhme, kann er für mich nie und nimmer mit der übrigen Welt unter mir zu einer einzigen Masse verschmelzen; denn er selbst würde ja, hätte ich den lichten Gipfel erreicht, bei mir weilen auf der Höhe und mit mir auf die von Nebeln verhüllte Welt niederschauen. Aus den Augen der Seele schwinden kann er mir nirgends und niemals, und darum, 111 Muhme, und weil ich ihm schulde, auch den Schein zu vermeiden . . .«

Hier stockte sie; denn aus dem Nebenzimmer ließ sich eine tiefe Männerstimme vernehmen, die Els laut und erregt eine Mitteilung machte.

Der Aebtissin war diese Unterbrechung willkommen; denn sie hatte noch keine Entgegnung auf den überraschenden Einwand der Nichte gefunden.

Mit dem Rufe: »Der Ohm Schultheiß« beantwortete Eva den fragenden Blick der Muhme.

»Er,« bemerkte diese niedergeschlagen. »Seine Meinung gilt Dir ja etwas, und heute während der Beisetzung versicherte er noch, wie lieb es ihm sei, Dich bei den Klarissinnen den häßlichen Verleumdungen, die Deine Unvorsichtigkeit hervorrief, entrückt zu sehen!«

»Doch gerade er – gleich wirst Du es sehen,« – versicherte das Mädchen, »versteht mich gewiß, wenn ich erkläre, daß ich lieber das Schlimmste erleiden, als mir das Ansehen geben mag, die Furcht vor den bösen Zungen jage mich in die Flucht. Wer von Eva Ortlieb erwartet, sie würde hinter sicheren Mauern Schutz suchen vor ihrer Bosheit, der soll sich getäuscht sehen. Ihm, Muhme, Heinz ist ja bewußt, mit wie schmählichem Unrecht man uns verfolgt, und wenn er zurückkommt, soll er mich da wieder finden, wo er mich verließ. Was jetzt über mich kommt, das ist, was die sterbende Mutter das Schmiedefeuer des Lebens nannte, und ich will mich ihm nicht feige entziehen. Er aber, Heinz, zu Boden treten wird er diejenigen, die dies Otterngezücht gegen uns entfesselten, ich weiß es; kehrt er aber nicht wieder oder bringt es dennoch über sich, die Minne, die uns verbindet, mit samt 112 der Welt, von der er sich abwenden möchte, hinter sich zu werfen – dann Muhme« – und die Augen Evas flammten in leidenschaftlichem Feuer hell auf und aus ihrer hellen Stimme klang die sichere Entschlossenheit eines kräftigen Willens – »dann gebe ich unsere Sache demjenigen anheim, der es nicht dulden kann, daß die Lüge obsiegt über die Wahrheit, das Unrecht über das Recht. Dann mag – und gilt es auch, die Sohlen auf glühende Pflugscharen setzen – ein Gottesgericht für uns zeugen.«

Da trat die Aebtissin erschreckt und doch erfreut von der Fülle des Glaubens, die ihr aus der leidenschaftlichen Rede des Lieblings entgegenflammte, Eva näher, um ihr beruhigend zuzusprechen. Kaum aber hatte sie damit begonnen, als die Thür sich öffnete, und der kaiserliche Schultheiß Berthold Pfinzing mit der älteren Nichte eintrat.

Er hielt Els an der Hand, und beiden sah man deutlich an, daß sie etwas Betrübendes, ja Schmerzliches beschäftigte.

»Etwas neues Schreckliches?« klang es Eva, bevor sie noch den liebsten ihrer Anverwandten begrüßte, in bangem Frageton von den Lippen.

»Denke Dir nur etwas recht Schlimmes,« lautete die Antwort der Schwester. und sie klang so kleinlaut und bekümmert, daß Eva sich mit dem leisen Aufschrei: »Der Vater!« ans Herz griff.

»Nicht tot, Herzlein,« versicherte der Schultheiß und strich ihr beruhigend mit der kurzen, breiten Hand über den Scheitel. »Bei allen Heiligen, nicht einmal wund oder unpaß. Aber recht hat die arme Tochterseele dennoch geraten. Den Vater geht es an, und schlimm ist es gleichfalls. Hört mich denn schnell! Um es euch 113 selbst zu künden, ließ ich die ›Ehrbaren‹ warten; denn was wird unterwegs, wenn sie von Mund zu Mund geht, aus solcher Kunde! Eine Kröte, eine recht garstige ist es, und es widerstrebt mir, euch armen Dingern statt ihrer einen Lindwurm ins Haus tragen zu lassen.«

Das alles sprudelte er schnell hervor; denn er hatte trotz der großen Hitze und der Last der Geschäfte das Rathaus – allerdings nur seinen lieben E's zu Gefallen – verlassen. Er und Frau Christine, seine wackere Hausfrau, die Schwester Ernst Ortliebs und der Aebtissin, waren längst mit allem vertraut, was die Verleumdung ins Leben gerufen, und sie hatten sich fleißig genug bemüht, ihr entgegenzutreten. Was es jetzt zu berichten gab, erfüllte ihn mit ehrlicher Entrüstung gegen die bösen Zungen, und er wußte, wie tief es Eva, sein Patenkind, das seinem Herzen besonders nahe stand, erregen und bekümmern würde. Gern hätte er ihr vor dem Berichte gute Worte geschenkt, doch er mußte bald wieder auf dem Rathause sein, um die wichtige Verhandlung wegen des Schicksals der Eysvogelschen Handlung zu eröffnen.

Man sah ihm auch an, in welcher Hast er sich durch den Sonnenbrand hieher begeben; denn heller Schweiß perlte ihm auf der hochgewölbten, niedrigen Stirn, auf den runden, glattrasirten Wangen und auf dem starken roten Hals, in dem das kleine Kinn wie in einem Polster verschwand. Dabei führte er fortwährend ein großes Linnentuch an das Antlitz, und der gewaltige Leib rang nach Atem, während er Eva und der Aebtissin schnell wiederholte, was er Els vorhin in wenigen, flüchtigen Worten gemeldet.

Herr Ernst Ortlieb war auf das Rathaus gekommen, 114 hatte als Schöffe einem Verhöre beigewohnt und war dann auf den Hof getreten, um sich in dem schattigen Gange beim Hauptthor mit einigen anderen »Ehrbaren« ein wenig zu erfrischen.

Da war der Schneidermeister Seubolt, der Vormund des jungen Knechtes und der Küchenmagd, die im Ortliebhofe dienten, auf das Rathaus zugeschritten. Niemand hätte dem langen Graukopfe mit dem gekrümmten Rücken, der den Sechszig nahe sein mußte, angesehen, daß er ernstlich im Sinne trug, ein junges Ding wie Metz Vorklerin zu seiner Hausfrau zu machen. Er gab sich dazu auch ein gar demütiges und bescheidenes Ansehen, als er durch das Eingangsgewölbe des Rathauses, das jedem Bürger offen stand, auf Herrn Ernst zutrat, um ihm mit vielen Bücklingen und gehorsamen Bitten um Verlaub mitzuteilen, daß man sich im Ortliebhofe weigerte, seine Mündel aus einem Dienste zu entlassen, von dem ihre Mutter wie er selbst überzeugt wären, er würde ihnen – vorausgesetzt, daß der wohledle »Ehrbare« nichts dagegen habe – an Leib und Seele zum Schaden gedeihen.

Ueberrascht und ungehalten, aber noch völlig gelassen, hatte Herr Ernst ihn ersucht, was er ihm zu sagen habe, zu gelegenerer Zeit vor ihn zu bringen.

Da der Schneider aber versicherte, diese Angelegenheit dulde keinen Aufschub, hatte jener ihn aufgefordert, mit ihm zur Seite zu treten, um die Ratsherren, die ihn umstanden, nicht zu Zeugen dieses widrigen Handels zu machen.

Doch Meister Seubolt schien nichts sehnlicher zu wünschen, als von möglichst vielen gehört zu werden. Mit 115 laut erhobener Stimme begann er darum, immer noch im Tone tiefer Ergebenheit, die Gründe darzulegen, die ihn zwängen, seine Mündel, so bitteres Weh ihm dies auch bereite, aus dem Ortliebschen Hause zu entfernen. – Und nun wiederholte er, indem er sich mit manchem »wie man sich erzählt« und »Gott verhüte, daß ich dergleichen glaube« den Rücken deckte, was sich die giftigste Verleumdung den schönen E's anzuheften vermaß.

Eine Weile hatte Herr Ernst bei dieser böswilligen Verunglimpfung seines Liebsten sich zum ruhigen Zuhören gezwungen; endlich aber wurde es dem jähzornigen Manne zu viel. – Der Schneider hatte sich vermessen, »der gewiß kaum mit vollem Recht so übel verunglimpften Jungfrau Els« mit Worten zu gedenken, die auch die umstehenden Ratsherren zu lautem Einspruch veranlaßten und den Schultheißen, der eben hinzugetreten war, bewogen, den Stadtknechten zu winken. Da war dem beleidigten Vater das Blut zu Kopfe gestiegen und das Unglück geschehen; denn als es dem Schneider unversehens begegnete, Herrn Ernst bei einer Geste mit dem beweglichen Arme die Mütze zu streifen, hatte dieser, außer sich vor Empörung, einem der Stadtknechte, die sich eben, dem Winke des Schultheißen gehorsam, dem Schneider näherten, die Pike entrissen, und mit einem wilden Aufschrei war der schnöde Afterredner zusammengesunken.

Ungesäumt hatte der Schultheiß mit der ihm eigenen Gegenwart des Geistes den Bütteln befohlen, den Verwundeten in das Innere des Rathauses zu tragen, und damit verhindert, daß die unselige Gewaltthat Aufsehen erregte.

Die wenigen auf dem Rathaushofe anwesenden Leute 116 waren zurückgehalten worden, und so ließ sich vielleicht noch alles zum Besten wenden.

Herr Ernst hatte sich sogleich dem Gerichte gestellt und war nicht wie ein gemeiner Verbrecher in das Loch, sondern in einer verschlossenen Sänfte in den Luginslandturm geführt worden.

Die Pike hatte dem Schneidermeister die Schulter durchbohrt. Die Wunde schien indes heilbar, und die rasche That des Herrn Ernst konnte durch ein Wehrgeld, das freilich bei der Meisterwürde und dem Wohlstande des Schneiders hoch auszufallen drohte, gesühnt werden.

»Mein Gaul,« schloß der Schultheiß, »wartete meiner und brachte mich so schnell hieher, wie er mich gleich wieder aufs Rathaus zurückführen soll. Ihr armen Dinger aber . . . Was Dich, mein Elsle, angeht – Du stehst auf festen Füßen, und bleibst Du dabei, die Ladung in unser Haus auszuschlagen, so warte meinetwegen hier ab, ob der Vater nicht Deiner bedarf. Für Dich, mein Evapatchen, ist ja gesorgt. Dies Elend wirft Dir, wie von selbst, den Schleier über den Blondkopf.«

Dabei schaute sie der wackere Mann, während er ihr die Hand auf die Schulter legte, mit einem Blicke an, der ihre volle Zustimmung vorauszusetzen schien; sie aber unterbrach ihn mit dem Rufe: »Nein, Herr Ohm! Erst wenn Ihr Euch überzeugtet, daß es niemand mehr wagt, Eva Ortliebin an die Ehre zu tasten, fragt wieder bei ihr an, ob sie nach dem Schutze des Klosters verlangt.«

Da nahm der Schultheiß, nachdem er das große Tuch schnell über das ganze Antlitz geführt, Evas Haupt 117 in beide Hände, küßte ihr die Stirne und frug, indem er die blitzenden, klugen Augen, die so rund waren, wie alles an ihm, den anderen zuwandte: »Hat einer ihr das gesteckt, oder ist die ›kleine Heilige‹ selbst auf diesen verständigen Gedanken gekommen?«

Und als Eva lächelnd auf die eigene Stirn wies, rief er: »Meinen Respekt, Kind! Sie sagen, was da oben sich regt, das vererbe sich von dem Paten auf das Patenkind, und ich will keinen Becher mehr zu Munde führen, wenn ich . . .«

Hier hielt er inne und rief Els nach, daß es so nicht gemeint sei; denn sie entfernte sich schnell, um dem Oheim einen Trunk zu holen. Bevor sich aber noch die Thür hinter ihr geschlossen, fuhr er eifrig fort: »Das ist nun die Els; – Dir aber, mein Heiligenkind, sag' ich: Deine Frömmigkeit fliegt zwar viel zu hoch, als daß ich ihr mit meiner Leibeslast nachkommen könnte; eben indes, auf dem Ritte hieher, lüftete es mich alten Sünder selbst, Dich – nichts für ungut, Schwägerin Aebtissin! – Dich einstweilen noch vor dem Kloster zu warnen, und dazu bewog mich dasselbe Bedenken, das Dich selbst noch von Deiner Heiligen fernhält. Wir finden schon den Knebel, der den verfluchten Lästermäulern den Rachen schließt auf immer, und willst Du dann noch ins Kloster, dann sollen sie bei der Einkleidung nicht sagen: ›Da versteckt sich nun die Eva Ortliebin vor der eigenen Schande und den Schelmenkünsten, womit wir sie aus der Welt heraus ängstigten, hinter den Schleier!‹ Nein! Mit einstimmen soll ganz Nürnberg in das Hosianna.«

Dabei griff er nach dem Pokal, den Els eben gefüllt, 118 leerte ihn mit großem Behagen und rief dann, während er sich eilig entfernte, den Schwestern zu: »Auf baldiges Wiedersehen, ihr braven Elein! Meine Hausfrau kommt beizeiten, um das weitere mit euch zu bereden. Die Kinder der nichtswürdigen Kerzenkrämerin laßt ihr mir nicht aus dem Hause, bevor ihre Zeit um ist! Wollt ihr den Vater auf dem Luginsland besuchen, so steht dem – ich unterrichte den Wärter – nichts im Wege. Nur nach Sonnenuntergang wird die Zugbrücke erhoben. Auch für sein leibliches Wohl, Els, dürft ihr sorgen. Freilassen können wir ihn noch nicht; das Recht muß halt seinen Gang gehen.«

An der Thüre blieb er noch einmal stehen und rief in das Zimmer zurück: »Man kann nicht wissen. Wenn die Vorklerin und der Anhang des Schneiders Lärm machen, und ihr werdet, wie auch immer, behelligt, so schicket gleich aufs Rathaus. Ich halte die Augen auf und gebe dort die nötigen Befehle.«

Um weniges später trabte er auf dem schweren Hengste dem Frauenthor entgegen.

 

 

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