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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

In den Tagen, die der Seelenmesse folgten, war es gar still im Ortliebhofe.

Der Burggraf von Zollern, der den tapferen Streitgenossen, dem er die Reichssturmfahne auf dem Marchfelde anvertraut, wenn er dem eigenen stählernen Arme Ruhe zu gönnen gewünscht, immer noch gern in seiner Burg verborgen hielt, hatte Herrn Ernst als künftigem Schwiegervater des jungen Mannes gestattet, ihn aufzusuchen. Jetzt standen beide in lebhafter Verbindung, wie Els hoffte, zum Besten der Eysvogelschen Handlung.

Biberli hörte nicht auf, den Vermittler zwischen ihr und dem Bräutigam zu spielen, ja er konnte ihr jetzt sogar den Löwenpart seiner Zeit widmen; denn zum erstenmale seit er ihm diente, hatte sein Herr sich von ihm getrennt.

Dem Kaiser war hinterbracht worden, welche tiefe Erschütterung die Seele des jungen Ritters erfahren; doch hätte es des für ihn nicht bedurft; denn auch einem weniger scharfen Auge wäre das veränderte Wesen Heinz Schorlins nicht entgangen.

61 Der edle Mann, der auch als Herrscher die Herzenswärme bewahrt, die ihm als wenig beachtetem Grafen in der Jugend eigen gewesen, hatte den heiteren, treuen und tapfern jungen Landsmann lieb gewonnen, dessen Vater ihm wert gewesen, dessen Mutter er hoch schätzte, der seinem ihm zu früh entrissenen Hartmann der liebste Freund gewesen war.

Er kannte ihn durch und durch und war seiner Entwicklung mit um so wärmerer Teilnahme gefolgt, je mehr ihn mancher Zug, den er an Heinz wahrnahm, an das eigene Wesen und Wünschen in seinen Jahren erinnerte.

Am Hose Friedrichs II. war auch er nicht immer den Weg der Tugend gewandelt, doch wie Heinz hatte er es nie bis zur Zügellosigkeit kommen lassen und die ritterliche Würde seines Standes noch strenger als dieser gewahrt.

Ebenso hatte er sich zu keiner Zeit von der tiefen Frömmigkeit, die er aus dem Elternhause mit an den Kaiserhof genommen, abwenden lassen, und das war ihm in der Nähe des zur Lästerung auch des Heiligsten geneigten kühnen und geistvollen Hohenstaufen schwerer gemacht worden als Heinz. Endlich hatte auch er sich der Stimmung verfallen sehen, die den frohgemuten Schorlin jetzt in das Kloster zu führen drohte.

Die mächtige Bewegung, die zu jener Zeit infolge des Beispiels und der Lehre des heiligen Franz in Italien so viele Gemüter ergriffen hatte, war damals auch an seiner jungen, durch die Teilnahme an mancher Ausschweifung und mancher von der Kirche verdammten Meinung beunruhigten Seele nicht spurlos vorübergegangen. Bevor er aber auch nur den ersten entscheidenden Schritt 62 gethan hatte, war er nach Hause gerufen worden. Sein Vater hatte beschlossen, auf dem geweihten Boden Palästinas sich der Gnade des Himmels teilhaftig zu machen, die dem vom Bannfluche getroffenen Kaiser versagt war, und seinen Erstgeborenen Rudolf beauftragt, ihn daheim zu vertreten.

Vor dem Aufbruche vertraute er dem herrlich erblühten Sohne, was er für den großen und wachsenden Besitz seines Hauses erstrebte, und dem würdigen, weitsichtigen Manne gegenüber, den die Unterthanen mit Recht »den Weisen« nannten, hatte der einundzwanzigjährige Rudolf es nicht einmal gewagt, auf den heißen Wunsch hinzudeuten, fürderhin nur noch für das Heil seiner gefährdeten Seele zu leben. Das Pflichtgefühl, das er von Vater und Mutter ererbt und das beide ihm tief in die Seele geprägt hatten, daneben aber auch der Ehrgeiz, der am Hofe Kaiser Friedrichs fleißig genährt worden war, hatten ihm die Kraft verliehen, dem Verlangen, mit dem er den Hohenstaufenhof verlassen, auf immer zu entsagen. Das Opfer war schwer gewesen, doch hatte er es willig gebracht, sobald es seinem ruhig denkenden Geiste zur Gewißheit geworden, daß nicht nur der irdische, sondern auch der himmlische Vater ihm die Aufgabe stellten, die reiche Fülle seiner Fähigkeiten und die hohe Kraft seines Willens der Größe des Hauses Habsburg zu widmen.

Schon im folgenden Jahre war er an die Stelle des Vaters getreten, der zu Askalon, tief beklagt, ein vorzeitiges Ende gefunden.

Bei der schweren Arbeit, die ihm dann die Herrschaft über den eigenen großen Besitz, und das nie rastende Bestreben, ihn gemäß den Wünschen des Verstorbenen und über sie 63 hinaus zu vergrößern, auferlegten, war ihm keine Zeit geblieben, noch weiter dem Verlangen nach dem Frieden des Klosters Raum zu geben.

Nach seiner Wahl zum Könige hatte sich in dem verwahrlosten, so lange nur von Scheinkaisern regierten Deutschland die Last seiner Pflichten um so gewaltiger vergrößert, je ernster er sie nahm, je schwerer es ihm besonders der böhmische König Ottokar machte, die gewonnene Krone zu behaupten, je eifriger er auch nach dem Siege auf dem Marchfelde, der ihm die Herrschaft sicherte, seine Hausmacht zu vergrößern bestrebt blieb.

Eine bindende Pflicht, eine schwierige Aufgabe sollten auch Heinz Schorlin von den Wünschen abziehen, nach deren Erfüllung seine feurige junge Seele jetzt sicherlich brünstig verlangte, und die – er wußte es – von einem würdigen und beredten Minoriten mächtige Nahrung empfingen.

Rudolfs leiblicher Bruder war als Domherr zu Basel und Straßburg in stillem Seelenfrieden gestorben, seine Schwester fühlte sich als bescheidene Dominikanerin glücklich in ihrem Adelnhausener Kloster, der junge Ritter aber, über dessen Wohl er seiner Mutter zu wachen verheißen und der ihm lieb war, paßte nicht für das geistliche Leben.

Wie ernst er es nach dem Wunder, das für ihn geschehen zu sein schien, mit dem Vorhaben auch meinen mochte, der Welt zu entsagen, – für Heinz mußte früher oder später die Zeit kommen, in der er sich nach ihr und dem Waffenhandwerk, für das er geboren und erzogen, zurücksehnen würde. Sah er aber auch ab von dem Eintritt in den bescheidenen Orden der barfüßigen Bettler, die stolzen Sinnes die Armut ihre geliebte Braut nannten, 64 und wurde er jung an die Spitze eines Bistums gestellt, dann würde er gewiß zu einem jener streitbaren Prälaten werden, die dem Kaiser, dem jede Halbheit zuwider, nicht ganz Ritter und nicht voll Geistliche zu sein schienen, und mit denen er manchen Strauß ausgefochten hatte.

Widerspruch hätte das Verlangen des jungen Weltflüchtigen nur verschärft. – Sein kaiserlicher Gönner war ihm darum begegnet, als bliebe ihm verborgen, was in seinem Innern vorging. Ohne Umschweif hatte er ihm geboten, mit einigen tüchtigen Fähnlein fränkischer, schwäbischer und schweizer Reisiger, die er seiner Führung anvertraut, die Brüder Siebenburg und ihre Verbündeten anzugreifen und ihre Burgen zu brechen. Wenn möglich, sollte er sie lebend vor den kaiserlichen Richterstuhl führen und dem Eysvogelschen Handlungshause die Güter zurück verschaffen, die ihm geraubt worden waren.

Als Heinz, nachdem Kaiser Rudolf jenen Namen genannt hatte, ihm mit aller Wärme ans Herz legte, die Verfolgung Wolffs einzustellen, verhieß der Herrscher, sobald die rechte Zeit gekommen sei, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Es liege ihm selbst daran, dem tapferen Streiter vom Marchfelde, der schwer gereizt das Schwert gezogen habe, sich gnädig zu erweisen. Als Heinz den Kaiser dann aber auch ersucht hatte, ihm seinen Freund, den Grafen Gleichen, zur Seite zu stellen, war ihm dies Verlangen abgeschlagen worden. Er allein sollte mit voller Verantwortlichkeit das Unternehmen zu Ende führen, an dessen Spitze er stand; denn nur eine schwer wiegende Pflicht, die niemand ihm tragen half, verhieß, ihn alles, was ihn sonst beschäftigte, und damit auch sein neues Sehnsuchtsziel vergessen zu lassen. Außerdem sollte ihm, 65 kehrte er siegreich heim, Ruhm und Lohn ungeschmälert zu teil werden.

Was den Habsburger selbst auf dem Wege erhalten, den er Heinz wandeln zu sehen wünschte, mochte sich jetzt auch an dem jungen Schutzbefohlenen bewähren: Eine mit schwerer Verantwortlichkeit verbundene anstrengende Thätigkeit, das Gelingen, an das sich die Hoffnung auf weitere Erfolge knüpft, und damit der Ehrgeiz.

Die mit Herzensgüte verbundene weitsichtige Klugheit Kaiser Rudolfs, die die Freunde des ergrauten Herrschers »Weisheit« nannten, hatte gewiß das Rechte für Heinz getroffen; – ihn aber, dem bis dahin jede Gelegenheit, das Schwert für seinen Herrn zu ziehen, wie ein schönes Glück erschienen war, hatte dieser größte und ehrenvollste Auftrag, der ihm bis dahin zu teil geworden war, überrascht und erschreckt. Riß er ihn doch aus der neu betretenen Bahn, auf der er sich, da ihn die Minne, der er nicht abzusagen vermochte, immer wieder in die Welt zurückstieß, noch nicht recht heimisch gemacht, mitten in das Leben und Treiben zurück, von dem sich abzuwenden der Himmel selbst ihm geboten.

Der Minorit hatte schwerlich recht mit der Behauptung, nur die ersten Staffeln an der Leiter, die in die himmlische Seligkeit führt, wären schwer zu erklimmen. Wie schnell war es ihm gelungen, den Fuß auf die ersten Stufen zu setzen; aber jedem Schritte aufwärts war ein anderer gefolgt, der ihn wieder heruntergestürzt hatte; ja, es war ihm rätlich erschienen, gänzlich von dem Bestreben abzusehen, sie zu ersteigen, als der Mönch ihm zugemutet hatte, das Band, das ihn an den Kaiser fesselte, zu zerreißen und dem Herrscher jetzt schon zu erklären, daß er 66 sich in den Dienst eines Höheren gestellt habe, der ihm befehle, von nun mit anderen Waffen als mit Schwert und Lanze zu streiten.

In diesem Verlangen hatte Heinz eine Aufforderung erblickt, zum Verräter zu werden. Nicht der fromme, erfahrene Seelenführer schien sie ihm an den Jünger, sondern der Welf an den Gibellinen zu stellen, der er zu bleiben gedachte. Die Dankbarkeit war auch eine christliche Tugend, und dem Kaiser, der sich wie ein Vater gegen ihn erwiesen, dem er Treue geschworen und der ihn mit Wohlthaten überhäuft, einen Dienst, und solchen Dienst zu versagen, das konnte keine Gott wohlgefällige That sein. Ein Welf, hielt er dem greisen Freunde vor, könnte er niemals werden. Kaiser Rudolf sei sein lieber Herr, dem er nichts als Gutes verdanke. Ebensowohl könnte man ihm ansinnen, dem leiblichen Vater als ihm den Gehorsam zu kündigen.

Da hatte der Minorit mit strafendem Ernste gerufen: »Was Welf, was Gibelline? Hingabe an den Höchsten oder an die Welt und ihre Forderungen lautet die Frage. Und warum sollte der Himmel das Ansinnen, wie Du es nennst, Gott dem Herrn williger zu gehorchen als dem irdischen Erzeuger, nicht an Dich stellen, an Dich, den die Gnade des Höchsten unter Donner und Blitz vor Tausenden berief, der Seine zu werden? Als Franz, unserem heiligen teueren Vorbilde, dem Sohne des Pier Bernardone, der Vater mit seinem Fluche drohte, wenn er von dem Wege, den der Höchste ihn führte, nicht zu ihm zurückkehren würde, gab Franz ihm alles, was er von ihm empfangen, bis auf das letzte Gewand zurück, und mit dem Rufe: ›Vater unser, der du bist im Himmel, nicht 67 mehr Pier Bernardone!‹ – hatte er die Wahl getroffen zwischen seinem irdischen und himmlischen Vater. Von jenem hätte er in Fülle erhalten, was das Herz des Weltkindes begehrt: Reichtum, Elternliebe und jenen Segen, der Häuser bauen soll auf Erden. Franz aber zog Armut und Verachtung hienieden, ja auch den Fluch des Vaters und den Vorwurf der Undankbarkeit jenen hohen Gaben vor, und was er dafür eintauschte, waren Güter von edlerer Art und längerer Dauer. Du hörtest sie nennen. Sie besitzen, heißt teilhaftig sein der Seligkeit des Himmels. – Und Du,« fuhr er laut und zum erstenmale mit befehlshaberischer Strenge fort, »trachtest Du nicht nur zum Spiel nach diesen höchsten der Güter, so begib Dich noch in dieser Stunde auf die Veste und in die Reichsburg, und mit dem Rufe, wenn auch nicht auf den Lippen, so doch im Herzen: ›Vater unser, der du bist im Himmel, nicht mein gnädiger Herr und Wohlthäter Rudolf!‹ vertraue dem Kaiser, welchem höheren Gebieter Du Dich gelobtest.«

Da war in der Seele Heinz Schorlins ein schwerer Kampf entbrannt, und vielleicht hätte er zu Gunsten der neuen Lebensbahn und des heiligen Franz geendet, wäre Biberli nicht, bevor er zum Abschlusse gelangt war, ins Zimmer gestürzt, um dem Ritter entgegenzurufen: »Seitz Siebenburg, Herr, der Schnurrbart, ist zu seinen Brüdern und dem Absbacher gestoßen, und noch andere, der von Hirsdorf, von Streitberg und wie sie alle heißen, schlossen sich an sie. – Auch vom Maine her, heißt es, erwarteten sie Zuzug, um sich das Recht auf die Straße . . .«

»Gerede oder eine sichere Nachricht?« unterbrach ihn Heinz hoch aufgerichtet mit der umsichtigen Gelassenheit, 68 zu der er am leichtesten gelangte, wenn eine schwere Gefahr ihn bedrohte.

»So sicher,« versetzte der Diener eifrig, »wie der Siebenburg in allen deutschen Landen der größte Schelm ist. Um den Tjost mit ihm, Herr, seid Ihr schmählich betrogen; denn auf den Block statt auf den Hengst kommt er jetzt sicher, wie Ihr voraussaht. Mit Nadeln und Ruten treiben die Damen ihn fort von den Schranken, der Prügel ungerechnet, womit Ritter und Knapp den elenden Lästerer zum Schweigen bringen. O Herr, wenn Ihr wüßtet!«

»Nun?« frug der Ritter gespannt.

Da brach Biberli, ohne des strengen und wiederholten Gebotes seines Herrn, der Ortliebschen Töchter nie wieder vor ihm zu gedenken, weiter zu achten, unwillig los: »Einen Stein möcht' es erbarmen, zu was der Unhold die Jungfrau Eva und die reine und tugendsame andere, die vielgetreue Braut eines wackeren Herrn, machte. Und die Ekelnamen, womit sie die Jungfrauen bedenken, die sonst Jung und Alt mit der Hand am Hute die schönen E's hießen.«

Da stampfte Heinz mit dem Fuß auf den Estrich, und außer sich stieß er jäh aufwallend in redlicher Entrüstung hervor: »Daß Gottes Luft und Duft den verleumderischen Schurken verderbe! Die Marter soll mich schinden, wenn ich . . .«

Hier unterbrach ihn ein leiser Warnungsruf des Minoriten, der in den rohen Verwünschungen des Ritters einen bedauerlichen Rückfall erkannte. Heinz aber schämte sich zwar dieser gottlosen Flüche; die frühere Gelassenheit wieder zu finden gelang ihm jedoch mit nichten, während er tief atmend fortfuhr: »Und diese städtischen Gleisner, 69 die sich Christen nennen und köstliche Dome erbauen mit ihrem Besten, sie entblöden sich nicht – ja, würdiger Pater, so ist es – unseren Herrn und Heiland, der die Liebe selbst ist, und der auch die Ehebrecherin wert hielt seiner Gnade, schnöd zu verleugnen und in teuflischer Bosheit sich die Hände zu reiben, da es ihnen straflos durchgeht, das weiße Gewand der Unschuld zu besudeln, fromme, holdselige Einfalt an den Pranger zu zerren . . .«

»Eben weil es so ist, mein Sohn,« fiel ihm hier der Mönch begütigend ins Wort, »ziehen wir Jünger des Heiligen von Assisi aus, um den Verirrten zu zeigen, was der Herr von ihnen heischt. Eben darum laß den Staub der Welt hinter Dir, der Leib und Seele besudelt, und geselle Dich zu uns, die es vor Dir thaten, um als einer der Unseren zu besseren, zu lauteren, zu echten Christen zu machen, was in Sünden verdirbt und den Namen Christi so schmählich verunehrt. Noch in dieser drängenden Stunde lege das Schwert aus der Hand und trenne Dich von dem Rosse . . .«

»Ich reite, verlaßt Euch darauf, Herr Pater!« brauste Heinz von neuem auf. »Und wie der Engel Michael will ich mit dem Himmelblau der gnadenreichen Jungfrau, das ich liebe, an Schild und Helmzier unter die Siebenburger fahren und was an ihnen hängt. Und Ihr, Herr Pater, der Ihr auch einmal ein Ritter waret, wenn der ›Schnurrbart‹ sich mir zu Füßen in seinem Blute wälzt und um Gnade bettelt, – ich werde ihn lehren . . .«

»Sohn, Sohn,« fiel ihm der Mönch wiederum, und diesmal mit flehend erhobenen Händen in die Rede; Heinz aber achtete nicht seiner Mahnung, sondern wandte sich 70 an Biberli und sprudelte mit heiserer Stimme hervor: »Und woher hast Du die Botschaft?«

»Von dem Berner Landsmann auf der Veste,« versicherte der Diener eifrig. »Der Brandenstein, Schweppermann und Heidenab brachten die Kunde. Am Burgthore, wo er Wacht hielt, nahm der Kaiser sie ihnen ab, bevor er aufs Roß stieg. – Mit eigenen Ohren hörte der Berner, wie er den ritterlichen Boten zurief: ›So wird die Nuß sein hart, die es unserem Heinz Schorlin zu knacken obliegt.‹«

»Und die er aufschlagen wird, ganz nach seinem Herzen!« rief Heinz mit blitzenden Augen.

Dann that er sich Zwang an und rief in gebrochenen Sätzen, während Biberli ihm die Rüstung anzulegen half: »Euer Verlangen, würdiger Pater, ist auch das meine . . . Die Welt! . . . Je eher ich sie mir vom Halse schaffen darf, um so besser. Doch was Ihr mir am lockendsten zu schildern wißt, das ist die Ruhe in Eurer Mitte, und ich – ich . . . Nie und nimmer wird es stille hier drinnen, bevor nicht . . .«

Hier stockte er plötzlich, schlug sich mit beiden Fäusten schnell und wiederholt auf die Brust und fuhr eifrig fort: »Hier, Vater Benedictus, hier drinnen erheben sich noch Forderungen, alte und starke, die Ihr auch einmal gekannt haben müßt, bevor Ihr dem Feinde auch die andere Wange botet. Wie ich sie nennen soll, weiß ich nicht recht; doch bevor ihnen nicht Genüge geschah, werd' ich nie und nimmer der Eure . . . Ihnen gilt es, Befriedigung schaffen; dann aber, und wenn es mir in Kampf und Blut auch glückt, der Minne zu vergessen, die aufersteht und aufersteht, so oft ich ihr auch den Todesstreich 71 versetzte, und wenn der Himmel dann noch Verlangen trägt nach dem wunden und glücksarmen Heinz Schorlin, dann soll er ihn haben.«

Mit einer stummen Neigung des Hauptes erwiderte der Minorit diese Verheißung. Er fühlte, daß er die Erfüllung seines heißen Wunsches, diese Seele für den Himmel zu gewinnen, vielleicht ernstlich gefährdete, wenn er jetzt weiter in Heinz drang. Geduldig eine gelegenere Zeit abwartend, begnügte er sich jetzt darum, ihn über den Feind und seine Burgen leichthin zu befragen.

Der Tag war heiß, und als Biberli dem Herrn den Gamberon, das starke, gepolsterte Untergewand zunestelte, worüber der schwere, mit Schuppen und Ringen bedeckte Lederpanzer gezogen wurde, drang dem Mönche der Ruf über die Lippen: »Liegt erst hinter Euch, was Ihr noch der Welt als Pflicht zu schulden wähnt, dann werdet Ihr als der Unsere auch dankbar erfahren, wie wohl es thut, mit befreiter Seele in unserer leichten braunen Kutte zu wandeln.«

Doch er hätte diese Bemerkung zurückhalten sollen; denn Heinz warf ihm einen Blick zu, der dem Erstaunen Ausdruck gab, sich so falsch verstanden zu sehen und rief mit abweisender Bestimmtheit: »Wenn mich nach etwas in eurer Mitte lüstet, Herr Pater, ist es nicht nach Leichtem, sondern nach dem Allerschwersten. Eure Forderung, mich mit dem Kreuze unseres Erlösers zu beladen, gefällt mir besser.«

»Und ich, mein Sohn, glaube, daß dies Wort Dir zu denen geschrieben werden wird, die des Lohnes gewiß sind,« versicherte der Mönch und fügte dann gesenkten Hauptes hinzu: »In diesem Augenblicke warst Du dem 72 Himmelreich näher als der alte Gefährte des heiligen Franz.«

Da nahm er wahr, wie Heinz ungeduldig die Achseln zuckte, und in der sicheren Empfindung, daß es geraten sei, den jungen Ritter einstweilen sich selbst zu überlassen, segnete der Greis ihn nur noch mit väterlicher Wärme und verließ ihn. Hatte der feurige junge Held sich erst der Aufgaben entledigt, die jetzt seine ganze Kraft in Anspruch nehmen mußten, hoffte er ihn geneigter zu finden, sich auf der betretenen Bahn weiter führen zu lassen.

 

 

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