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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Vor dem Ortliebhofe sah Eva Biberli dem Frauenthor entgegenschreiten. Er war lange bei Els gewesen, um ihr so unbefangen wie je Bericht zu erstatten. Gestern schon hatte er Kätterle gesagt: »Beruhige Dich, Lämmlein. Nun die Tochter Dich und mich zu geheimen Botendiensten gebraucht, läßt uns auch der Vater in Frieden. Solch ein Herr vom Rat steht gleichsam als Hehler da, wenn er einen, den er wert hält für den Pranger, ihm mancherlei Dienste zu leisten gestattet.«

Und Herr Ernst Ortlieb ließ ihn in der That gewähren, weil er seine und Kätterles Unentbehrlichkeit für den Verkehr seiner Tochter mit Wolff anerkennen mußte.

Els hatte dem gewandten Burschen um so williger verziehen, je tröstlicher die Nachrichten lauteten, die er ihr von ihrem Bräutigam brachte. Endlich empfand sie es als ein besonderes Glück, daß sie durch ihn mancherlei im stillen erfuhr, was Heinz Schorlin betraf, und was zu wissen ihr für die Schwester lieb war.

Zwar wäre es vergebene Mühe gewesen, dem treuen und standhaften Biberli auch nur ein Wort abzufragen, das er zu Gunsten seines Herrn besser verschwiegen hätte; er stand ihr aber geduldig Rede, und was er ihr mit gutem Gewissen mitteilen konnte, das hatte er ihr vorhin 44 vertraut. So war sie denn, als Eva heimkehrte, von allem genau unterrichtet, was den Ritter gestern morgen mit Kummer erfüllt und betroffen.

Teilnehmend war sie der Klage des Dieners über die unerhörte Wandlung gefolgt, die mit Heinz, seit der Blitz ihm das Roß erschlagen, vorgegangen war. Ungläubig hatte sie indes zu der Versicherung Biberlis das Haupt geschüttelt, sein Herr gehe allen Ernstes damit um, wie seine beiden älteren Schwestern im Kloster Frieden zu suchen. Bei der lebendigen Schilderung des Dieners, wie Pater Benedictus die Stimmung seines Herrn verwerte, um ihn der Welt zu entfremden, waren die Zweifel freilich geschwunden. Biberlis Versicherung, er hätte mehrfach mit angesehen, wie auch andere junge Ritter, die mit besonders glücklichem Uebermut in die Welt hinausgestürmt wären, eines Tages wie erschreckt vor sich selbst stehen geblieben wären und sich keinen andern Rat gewußt hätten, als die Rüstung mit der Mönchskutte zu vertauschen, erinnerte sie außerdem an ähnliche Vorgänge in ihrer nächsten Umgebung. Der Diener hatte auch recht mit der Behauptung, den meisten wäre durch Mönche von dem Orden des heiligen Franciscus der Weg ins Kloster gewiesen worden, seit der Name des Mannes von Assisi und die Wunder, die sich an ihn knüpften, auch hier zu Lande bekannt geworden. – Wen, versicherte der erfahrene Bursche, es unmöglich dünke, dem frohgemuten Ritter Heinz einmal in der braunen Kutte zu begegnen, der könnte sich irren.

Die Herausforderung des Ritters Siebenburg und was seinem Herrn sonst mit dem »Schnurrbart« begegnet war, hatte er geflissentlich verschwiegen; dagegen war er 45 eifrig genug bemüht gewesen, Els bis ins einzelne von dem Empfange zu berichten, den er bei ihrem Verlobten gefunden. Mit wie warmem Eifer hatte er berichtet, daß Wolff als wackerer Mann, der er sei, auch den leisesten Zweifel an ihrer Standhaftigkeit und Treue, die auch seine Haupttugenden wären, weit von sich weise.

Schon vor dem Besuche des Ritters Schorlin hatte der junge Herr Eysvogel gewußt, was von den Verleumdungen, die ihm allerdings zugetragen worden wären, zu halten. Wie ruhigen, ungetrübten Mutes und hellen Geistes er geblieben, beweise wohl am besten, daß er viele Bogen Papier mit Zahlen bedeckt, die sich alle auf den Stand des Eysvogelschen Handels bezögen. Auch diese Schriften habe er ihm anvertraut, um sie seinem Herrn Vater zu übergeben, und erst nachdem er sich dieses Auftrags entledigt, sei er zu ihr gekommen. Das Beste habe er jedoch wieder, seiner Gewohnheit gemäß, für das Ende verspart; jetzt aber sei es an der Zeit, es ihr zu überreichen.

Damit hatte er eine Rose von geschmiedetem Eisen aus der Brustöffnung des langen Gewandes hervorgezogen. Sie war Els wohlbekannt; denn sie hatte das Gürtelschloß ihres Bräutigams verziert und schon oft wegen der besonders zierlichen Feinheit der Arbeit ihre Bewunderung erweckt. Was diese Gabe ihr künden sollte, stand auf dem Blatte zu lesen, das sie begleitete, und das folgende kunstlose Reimlein enthielt:

»Das Eisen roh, das Glut und Schläge bogen;
Schau, wie's als Rose uns ergötzt die Sinne.
So bringt, was uns zum Leid die Bösen logen,
Zur vollsten Blüte unsrer Herzen Minne.«

46 Gleich nach der Uebergabe dieses Geschenkes hatte Biberli sich entfernt; denn sein Herr erwartete ihn bei der Heimkehr von dem frühen Spazierritt mit dem Kaiser; Els aber las mit glühenden Wangen wieder und wieder die Verse, die ihr der Geliebte so tröstlich zusang. Wie ein Wunder wollte es ihr erscheinen, daß sie sich auf eins der Worte der sterbenden Mutter bezogen, auf das Schmiedefeuer, dessen die Entschlafene in den letzten Augenblicken im Zusammenhang mit der Zukunft Evas gedacht. – Hier hatte es aus rohem Eisen die schönste der Blumen zu bilden gestattet. Etwas Holderes und Liebenswürdigeres, dachte die Schwester, konnte man freilich aus dem Lieblinge nicht machen. Ob das Feuer aber auch die Kraft besaß, Eva gleichsam vom Himmel auf die Erde zu führen und sie in ein gleichmäßig denkendes und handelndes, thatkräftiges Weib zu verwandeln? Kaum! Und wozu auch? Sie war ja da, um sie zu leiten und ihr die Steine aus dem Wege zu räumen.

Ja, wenn sie dem Kloster entsagte und einen Gefährten fände wie ihren Wolff! Wieder und wieder überlas sie seinen Gruß und führte das teuere Blatt an die Lippen. Am liebsten wäre sie zu der Leiche der Mutter geeilt, um es ihr zu zeigen. Doch da kehrte Eva eben zurück. Sie mußte sich mit ihr dieser schönen Bestätigung ihrer Hoffnung freuen, und als sie mit glühenden Wangen und perlender Stirn vor ihr stand, zog sie sie zärtlich an sich, zeigte ihr, überströmend vor Dankbarkeit, das Geschenk und die Verse des Geliebten und lud sie ein, teilzunehmen an dem großen Glück, das die Nacht ihrer Kümmernis so freundlich erhellte. Und Eva, die sich vor Müdigkeit kaum auf den Füßen zu halten 47 vermochte, gedachte, als Els ihr die Verse Wolffs vorlas, wie die Schwester soeben, der letzten Worte der Mutter. Nicht in eine Rose verwandeln, härter, fester sollte das Schmiedefeuer des Lebens sie machen, und sie wußte auch warum und für wen. Gestern noch hätte sie bei solcher Erschöpfung nichts zurückgehalten, sich nach einigen kurzen Worten, die Els vor Enttäuschung bewahrt hätten, niederzulegen, sich die Kissen von ihr zurechtlegen und sich mit einem erfrischenden Trank erlaben zu lassen; jetzt aber gelang es ihr nicht nur aufmerksam zu erscheinen, sondern auch mit wahrer Teilnahme des Herzens nachzufühlen, was die Schwester so tief beglückte. Und wie schön war es doch, derjenigen, von der sie sonst immer nur empfing, auch einmal etwas zu gewähren.

So vollkommen gelang es ihr, das Ringen gegen die Ansprüche des ermatteten Körpers zu verbergen, daß Els, nachdem sie froh gewahrt, wie treu die Schwester ihre Glückseligkeit mit empfand, fortfuhr, ihr zu berichten, was sie eben vernommen. Und Eva zwang sich, ihr zuzuhören und sich das Ansehen zu geben, als berichtete sie ihr auch mit der wunderbaren Rettung Heinz Schorlins und mit seinem Verlangen nach dem Kloster etwas Neues.

Erst als Els ihr auch das letzte mitgeteilt, bekannte sie der Schwester, daß sie der Ruhe bedürfe, und als diese, erschreckt über ihre geringe Aufmerksamkeit, sie nötigen wollte, sich niederzulegen, that sie es erst, nachdem sie die heimgebrachten Blumen mit Wasser erfrischt. Endlich streckte sie sich mit der Schwester, die so lange des Schlafes und der Ruhe entbehrt, auf dem Lager aus, und wenige Augenblicke später umfing beide der feste, traumlose Schlaf der Jugend, bis Kätterle sie nach einer Stunde weckte.

48 Beiden pflegten die begünstigten Augenblicke, die beim Erwachen einem festen Schlafe folgen, die besten Gedanken und gesündesten Entschlüsse zu bringen. Als Eva das Schlafgemach verließ, hatte sie, was die letzte Zeit ihr genommen und gegeben, und was die Zukunft von ihr verlangte, klar überschaut und eine bestimmte Antwort auf die große Frage gefunden, die jetzt an sie herantreten mußte.

Els wollte, wie der Geliebte, festhalten an ihrer Minne und was sich ihr auch an Hindernissen, besonders aus dem Eysvogelschen Hause, entgegenstellte, mit unermüdlicher Geduld zu überwinden versuchen.

Schon daheim schmückte Eva die geliebte Leiche mit Blüten, Blättern und Ranken, die der Gärtner gebracht und die sie selbst gesammelt. In der Kirche legte sie die letzte Hand an dies ihrem Herzen teure Werk. Denjenigen Blumen, die der Mutter die liebsten gewesen, gab sie den Vorzug; aber auch die anderen fanden Verwendung. Mit leichter Hand und feinem Sinne für das Ansprechende und Schöne verflocht sie die Kinder des Waldes mit denen des Gartens. Sie konnte sich selbst nicht genug thun, bis jede das rechte Plätzchen gefunden.

Gräfin Cordula hatte sich nicht abhalten lassen, der Einsegnung der Leiche beizuwohnen; indes war ihr unbekannt geblieben, wer ihre Ausschmückung besorgt. Als sie aber dem offenen Sarge in der Kirche gegenüberstand, versenkte sie sich, bevor das Orgelspiel begann, lange in den Anblick der milden, noch im Tode liebenswürdigen Züge der stillen Dulderin, die in ihrem bunt anmutigen Lager, nur von einem leichten Schlummer umfangen, zu träumen schien. Endlich flüsterte sie Els zu: »Wie wunderlieblich! Hast Du das gemacht?«

49 Verneinend schüttelte diese das Haupt; Cordula aber fuhr wie im Selbstgespräche fort: »Als ob die Hände der Madonna selbst eine schlafende Heilige mit Gartenblumen geschmückt und Engelskinder die Blumen des Waldes über sie hingestreut hätten.«

Da brach Els, der es bisher widerstanden hatte, an dieser Stätte und in dieser feierlichen Stunde zu reden, das Schweigen und unterrichtete Cordula kurz, wer die Mutter so kunstvoll und liebreich geschmückt.

»Eva?« wiederholte die Gräfin wie überrascht und schaute auf die jüngere Schwester der Freundin, die, da Orgelspiel und Wechselgesang eben begannen, schon die Kniee gebeugt hatte, und fühlte sich von ihrem Anblick lange gefesselt; denn frisch wie eine Maienrose und so rührend schön in der frommen, tiefen Andacht, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und in den weißen Trauergewändern, daß Cordula nicht begriff, wie sie ihr jemals hatte gram sein können, schien Eva mit aufwärts gerichtetem Blick in den offenen Himmel zu schauen.

Auf die heilige Handlung vor ihr gab die Gräfin nur wenig acht. Um so aufmerksamer beobachtete sie die E's, wie auch sie die Schwestern gern nannte. Die ältere konnte, auch während der Schmerz sie so heftig ergriff, daß sie aufschluchzen mußte, von der Sorge um die Ihren nicht lassen und schaute bald mit innigem Mitleid auf den Vater, bald mit stillem Weh auf die Schwester. Eva blieb dagegen dem eigenen Herzeleid und der Erinnerung an diejenige, die es verursacht, völlig ergeben. Die anderen schienen nicht für sie vorhanden.

Während ihr aber schwere Thränentropfen über die 50 Wangen perlten, schaute sie bald der geliebten Leiche zärtlich ins Antlitz, bald mit inniger Bitte auf das Bild der Mutter Gottes. In dem flehenden Blick ihrer großen blauen Augen schien aber der Gräfin ein so offenes Bekenntnis kindlicher Hilfsbedürftigkeit zu liegen, daß das unbändige Mädchen sie am liebsten ans Herz gezogen und ihr zugerufen hätte: »Warte nur, Du holdseliges, mir aufsässiges Waislein. Die Cordula, die Du nicht ausstehen magst, ist immer noch da, und wenn es Dir auch widersteht, etwas Gutes von ihr anzunehmen, wirst Du es Dir doch gefallen lassen müssen. Was gelten mir die Verehrer eines recht armseligen Götzen alle, die sich meine ›Anbeter‹ nennen? Um mir die Zeit zu kürzen, braucht' ich nur Fahrende festzuhalten oder gar Minnesänger aufs Schloß zu laden. Und er, nach dem Dir Engelskind das Herz steht? Wär' er nicht ein Narr, wenn er mir Irrwisch vor Dir den Vorzug erteilte? Uebrigens hat der Bauer es leicht, die Wolke, die ihm über dem Acker hängt, dem Nachbar zu schenken. Vor dem Tanze freilich . . . Aber was hin ging, ist hin. Nur Boemund, der Altrosen, bleibt sich immer gleich. Auf ihn ist fester Verlaß; doch im Grunde brauchte ich keinen von beiden. Könnt' ich's nur aushalten ohne die freie Luft, den Wald, das Roß und das Weidwerk, ich paßte besser ins Kloster als diese Eva, die ja der Himmel selbst zu einer Wonne für jedes Männerherz schuf. Sehen wir zu, wofür sie selbst sich entscheidet.«

Dann gewahrte sie den Ritter Altrosen unter den Anwesenden, und still vor sich hindenkend fuhr sie fort: »Ein ganzer Mann ist er, und wer sich für mich das Haupt so elend zerschlagen läßt, an dem sollt' ich zu 51 heilen suchen, was sonst noch wund an ihm ist. Vielleicht thu' ich's auch noch.«

Solchen Gedanken hing sie nach, bis sie Heinz Schorlin bemerkte, der, von einem Pfeiler halb verborgen, hinter Altrosen kniete.

Von Biberli hatte er erfahren, zu welcher Stunde die Einsegnung der Verstorbenen stattfinden würde, die ihm so viel zu vergeben hatte, und das wackere Herz befahl ihm, sich zu dieser Handlung zu begeben.

Die Ortliebschwestern bemerkten ihn nicht; Cordula aber schüttelte bei seinem Anblick unwillkürlich das Haupt. War dieser ernste Mann, der tief in Andacht versunken, keinem ringsum auch nur einen Blick gönnte, der Heinz, dessen köstlicher Frohmut ihr das Herz erfrischt hatte? Der Lindenbaum, an dem im Herbste die Blätter verdorrten, sah dem im Frühling, wenn die Vögel in seinen Blütenzweigen sangen, ähnlicher, als dieser in sich versunkene Beter dem kecken Heinz von vor wenigen Tagen. So hatte der Kämmerer Wiesenthau, der alte Spottvogel, doch recht gehabt, als er ihr und dem Vater heute morgen erzählte, den munteren Schweizer hätte das Wunder, das an ihm geschehen, wie den Saulus in der Geschrift, im Handumdrehen in einen Paulus verwandelt. Die Kalendermacher rüsteten sich schon, dem heiligen Schorlin einen Tag einzuräumen.

Aber sie hätte doch lieber nicht in das unbändige Gelächter einstimmen sollen, womit der Vater den alten Lästerer für diese Neuigkeit lohnte. Nein! Was dem Ritter begegnet war, mußte ihn tiefer ergriffen haben, als die anderen ahnten.

Vielleicht endete die Minne der kleinen Eva dennoch 52 damit, daß sie bei den Klarissinnen, Heinz bei den Barfüßlern nach Frieden und nach einer höheren Liebe suchten. Beklagenswert war sie gewiß, wenn die Minne ihr schon so tief ins Herz gegriffen hatte, wie sie wahrgenommen zu haben meinte.

Wiederum füllte das weiche Herz sich ihr mit inniger Teilnahme, und als die Schwestern den Sänften entstiegen, die sie in den Ortliebhof zurückgebracht hatten, und Cordula Eva auf dem Hausflur begegnete, bot sie ihr mit freimütiger Herzlichkeit die Rechte und sagte: »Schlage nur getrost ein, Mädchen. Zwar machst Du Dir nicht viel aus dieser Hand; sie streckt sich aber keinem hin, mit dem es die Cordula nicht wohl meint.«

Ueberrascht that Eva ihr den Willen. Wie offen und gut ihre grauen Augen doch waren! So mußte auch Cordula selbst sein, und einem raschen Antriebe gehorsam, nickte sie ihr mit warmer Freundlichkeit zu und eilte dann, als schämte sie sich ihrer Sinnesänderung, an ihr vorbei und die Treppe hinan.

Für den folgenden Tag war die Seelenmesse in St. Sebald angesagt worden.

Els hatte Eva mitgeteilt, die Gräfin hätte Heinz Schorlin bei der Einsegnung bemerkt. Das that ihr wohl, und sie äußerte ihre Freude darüber so lebhaft und sprach so zuversichtlich von der Minne des Ritters, daß Els sich dadurch beunruhigt fühlte. Aber sie fand nicht den Mut, ihr die Ruhe zu stören. Auch die beiden Schwestern ihres Vaters, die Aebtissin und die Schultheißengattin, sprachen mit Eva noch nicht von der Zukunft, während sie Els halfen, die Sachen der Verstorbenen, die den Armen geschenkt werden sollten, zu ordnen, mit 53 ihr zu bestimmen, welchen Personen oder Wohlthätigkeitsanstalten sie überwiesen werden sollten und sich von ihr über die Thatsachen Auskunft erteilen zu lassen, die den gegen sie gerichteten Verleumdungen zu Grunde lägen, die sich immer lauter und allgemeiner in der Stadt vernehmbar machten.

Eva empfand diesmal schmerzlich, für wie unfähig, ihnen Beistand zu leisten, die anderen sie hielten, und sich ihnen aufzudrängen, verbot ihr der Stolz. Selbst Muhme Kunigunde würdigte sie kaum einer Frage. Noch schien der Aebtissin eben die rechte Stunde nicht gekommen, das entscheidende Wort mit ihr zu sprechen, und die kluge Frau Christine redete mit der jüngeren Nichte nie von geistlichen Dingen, wenn sie nicht von ihr selbst dazu aufgefordert wurde.

Zu ungewöhnlich früher Stunde sollte die Seelenmesse celebrirt werden; hatte doch eine andere, an der die ganze Stadt und was an Großen, Rittern und Herren zum Reichstage gekommen war, teilzunehmen verhieß, schon vier Stunden vor Mittag zu beginnen. Dem so früh von hinnen gerafften Kaisersohne Hartmann sollte sie gelten.

Bald nach Sonnenaufgang versammelten sich denn auch die Ortliebs, ihr gesamter Anhang, die Mitglieder des Rates mit ihren Frauen und Töchtern und viele Bürger und Bürgerfrauen in St. Sebald.

Noch verschwanden die Anwesenden in dem weiten und hohen dreischiffigen Raume. Anfänglich wollte es auch zu keiner rechten Andacht kommen; denn die frühen Kirchengänger hatten einander mancherlei zu fragen und zuzuraunen, und der Stadtbaumeister besprach, ohne 54 der lauten Stimme besonderen Zwang aufzuerlegen, mit einem Kölner Kunstgenossen, in welcher Weise das Gotteshaus, das ursprünglich in byzantinischem Stil erbaut war, wenigstens zum Teil dem französischen Spitzbogenstil, der auch in Deutschland, zu Köln und Marburg, so außerordentlich glücklich zur Anwendung kam, angepaßt werden könnte. Sie redeten von dem Ostchore, der einer völligen Neugestaltung bedürfe, von den fehlenden Türmen und der Wirkung des Spitzbogenbaues, der so recht der deutschen Gefühlsweise entsprach, und kamen erst zur Ruhe, als die Musik begann. Jetzt ließ sich auch an der großen Zahl der Anwesenden erkennen, wie viel Liebe die Verstorbene gesät und geerntet.

Vorher hatten auch die Schwestern sich umgeschaut und mit dankbarer Freude den alten Herrn Berthold Vorchtel, den Vater des jungen Mannes, der im Zweikampfe mit Wolff gefallen war, seine Hausfrau und seine Tochter Ursula bemerkt. Dagegen war das Gestühl noch leer, auf dem das Eysvogelwappen prangte. Das bekümmerte und bedrückte Els aufs schwerste; doch atmete sie wieder auf, als – der Introitus hatte eben begonnen – wenigstens ein Mitglied der stolzen Sippe erschien, der sie sich durch Wolff zugehörig fühlte. – Isabella Siebenburg, die Schwester ihres Verlobten, war gekommen. Daß sie trotz des Ausbleibens der anderen und auch des eigenen Gatten kam, war freundlich, und Els wollte es ihr und ihren Zwillingen gedenken.

Die Musik, die mit herzergreifender Kraft die feierliche Handlung begleitete, griff beiden Schwestern tief in die Seele; als aber schon nach dem »Gloria in excelsis 55 Deo das »cum sancto spiritu« erscholl, fühlte Eva, die, in tiefe Andacht versunken, längst nicht mehr nach links und rechts schaute, die Hand der Schwester auf ihrem Arme, und als sie ihrem Blicke folgte, sah sie in ziemlicher Entfernung sich schräg gegenüber denjenigen, nach dem ihre Seele verlangte, und der ernste, fromme Ritter dort, er stand ihr noch näher, er gefiel ihr noch besser, als der muntere Gesell, der den Männern so herausfordernd trotzig, den schönen Frauen so minniglich beim Tanze ins Antlitz geschaut.

Wie schnell ihr das Herz schlug, mit wie heißem Verlangen sie den Augenblick ersehnte, an dem er das Haupt erheben und zu ihr herüberschauen würde! Doch wenn er sich einmal regte, so geschah es nur, um der heiligen Handlung und mit ihr dem Kreuzesopfer Christi im Geiste zu folgen.

Da erhob sich in Eva der Vorwurf, daß sie in dieser heiligen, dem Heil ihrer Seele gewidmeten Stunde der Mutter entziehe, was ihr gebührte, und mit aller Kraft suchte sie die verlorene Andacht zurückzugewinnen. Doch der Geliebte saß ihr gegenüber, und ob sie die Augen auch niederschlug, blieb ihr ernstes Bemühen, die rechte Sammlung zu finden, dennoch vergebens.

Da wurde ihr Ringen von dem Beginn des »Credo« unterbrochen, und während dieses Bekenntnisses, das dem Christen in fester Form vorführt, was ihm zu glauben obliegt, kam ihr der Gedanke, diejenige, deren treue Liebe sie stets sicher und zu ihrem Besten geleitet, anzuflehen, sich an die hohe Fürbitterin, die Königin des Himmels, der Heinz so treu anhing wie sie selbst, zu wenden, daß sie ihr ein Zeichen gebe, ob sie fortfahren dürfe an seine 56 Liebe zu glauben und ihm Treue zu halten, oder ob sie auf den Weg zurückzukehren habe, der zu einer andern Glückseligkeit führte.

Während des Credogesanges gab sie derjenigen in der Höhe, auf deren Beistand sie hoffte, zu wissen, daß sie, wenn Heinz, bevor das Sanctus, das gleich nach dem Credo angestimmt werden mußte, beendet, zu ihr hinschaute und ihren Blick erwiderte, als sicher annehmen würde, die heilige Jungfrau gestatte ihr, auf seine Minne zu hoffen. Unterließe er es, dann wollte sie es für entschieden annehmen, daß er um der himmlischen Geliebten willen die irdische preisgab und selbst versuchte, von der weltlichen Minne, in der sie doch auch etwas Himmlisches erkannt zu haben meinte, zu lassen.

Und das Credo ging dem Ende entgegen und verhallte, die mächtigen Accorde des Sanctus erfüllten die weite Halle, und mit immer gleicher andächtiger Aufmerksamkeit folgte der Ritter der heiligen Handlung, bei der Brot und Wein sich in der Vorstellung des Gläubigen in den Leib und in das Blut Christi verwandeln und eine bedeutungsvolle, schmerzlose Handlung den blutigen Kreuzestod des Erlösers vertritt.

So wie er – sagte sie sich – hätte sie selbst der Messe folgen müssen, die der Seele ihrer eigenen Mutter galt; doch es wollte ihr nicht mehr gelingen. Dabei war es ihr auch untersagt, frei und oft zu demjenigen hinüberzuschauen, von dessen Bewegungen das Geschick ihres Lebens abhing. Ihr, der Tochter der Verstorbenen, zu deren Gedächtnis sich hier so zahlreiche Mitbürger versammelt, galten gewiß viele Blicke; mancher war vielleicht nur gekommen, um die »schönen E's« zu sehen. 57 Sitte und Züchtigkeit verboten ihr darum, Heinz im Auge zu behalten. Nur dann und wann durfte sie verstohlen auf ihn hinzulugen wagen.

Jeder Ton des Sanctus war ihr vertraut, – und als es dem Ende entgegenneigte, hatte er immer noch die gleiche Stellung bewahrt. Die schönste Hoffnung ihres Lebens mußte zu den Blumen der Mutter in den Sarg gelegt werden.

Jetzt begannen die das Sanctus beschließenden Takte. Hatte er auch, seit sie eben verstohlen auf ihn hingeschaut, kaum Zeit gefunden, die Stellung zu wechseln, konnte sie doch dem Verlangen nicht widerstehen, noch einmal – war es auch vergebens – den Blick zu ihm zu erheben. So mochte es dem Angeklagten zu Mute sein, der den Richter aufstehen sieht und nicht weiß, ob er seine Unschuld anzuerkennen oder den Stab über ihn zu brechen gedenkt. Eben erhob der Stadtlautenist, der den Chor leitete, die Hände noch einmal, um sie am Schlusse des Sanctus auf lange Zeit sinken zu lassen, und als sie von ihm aus das Auge dahin wandte, von woher ihr doch wohl nur zu bald das schönste der Rechte abgesprochen werden sollte, rötete ihr plötzlich eine heiße Blutwelle die Wangen; denn voll und hell hatte der Blick Heinz Schorlins den ihren getroffen.

Da preßte Eva, wie um Hilfe bittend, die gefalteten Hände auf die Brust, die sich unter ihnen in stürmischer Bewegung hob und senkte. Und – nein, sie konnte sich nicht täuschen – er hatte sie verstanden; denn aus seinen Augen wogte ihr eine Fülle von Mitleid entgegen, eines Mitleids, so heiß und schmerzlich, wie nur die Liebe es kennt. Dann hatten beide die Augen niedergeschlagen. Als ihre Blicke sich aber wieder begegneten, scholl das Hosianna des Chores wie ein Ruf des Willkommens, den 58 die erlöste Kreatur dem erwachenden Lenze zujauchzt, ihnen beiden entgegen, und auch in dem tief erschütterten, zur Flucht vor der Welt und ihrer eitlen Lust entschlossenen Ritter schien das Hosianna, das ihm entgegen rauschte, während der Blick der Geliebten den seinen zum zweitenmal traf, die welkende Daseinslust neu zu beleben. Der Ruf, der dem Heiland bei seinem Einzug in Jerusalem Heil fordernd entgegen geklungen, wie ein Gebot der Liebe, das Herzensthor wieder zu öffnen, drang es auf den »Berufenen« ein, und ob er wollte oder nicht, die Minne hielt unter den Feierklängen des Hosianna von neuem fröhlichen Einzug in seine junge Seele. Aber schon bei dem Benedictus wagte er den ersten Versuch, dieser Regung zu widerstreben, und während Eva erst für diese tröstliche Entscheidung dankte und sich dann ernstlich bemühte, den Geist an der heiligen Handlung teilnehmen zu lassen, untersagte sie sich züchtig, zu dem Geliebten hinüber zu blicken, bemühte sich Heinz, die Hoffnungen, die sich seiner zur Entsagung entschlossenen Seele wieder bemächtigten, zu Boden zu ringen.

Doch er fand den Kampf schwerer, als er erwartet, und wie am Schluß der Messe das »Dona nobis pacem« – schenke uns Frieden – angestimmt wurde, fand er es nötig, flehentlich einzustimmen in dies Gebet.

Die Erhörung blieb ihm jedoch versagt, denn auch noch während des Hochamts, das der Seele seines liebsten Freundes galt, und das auch die Ortliebs in der Kirche festhielt, versuchte er nur zu oft dem Blicke Evas wieder zu begegnen; indes stets vergebens. Nur einmal, als das Dona nobis pacem, und diesmal für den Kaisersohn abermals erscholl, begegnete sein Auge dem der Geliebten noch einmal.

59 Die junge Herzogin Agnes bemerkte, wohin er so häufig schaute; da aber Gräfin Cordula neben den Ortliebs kniete und jeden Blick des Ritters, den sie erhaschte, frisch erwiderte und ihm sogar einmal dabei leise zuwinkte, fand die junge Böhmin das Gerücht, Heinz Schorlin und die Gräfin wären so gut wie versprochen, bestätigt, und das verdroß sie, ja es verdarb ihr die Stimmung für den ganzen eben erst begonnenen Tag.

Als Heinz das Hochamt verließ, erfüllte das Bild Evas ihm Herz und Sinn. Geradeswegs begab er sich aus der Kirche in sein Quartier; dort aber wollte weder Frau Barbara, seine hübsche junge Wirtin, noch Biberli Augen und Ohren trauen, als jene von der Hausflur, dieser vom Nebenzimmer aus, das Klatschen einer Geißel auf menschliche Glieder und lautes Stöhnen vernahm. Beide Klänge waren Bärbel durch ihren Vater und Biberli von der Bußzeit nach seinem Aufenthalte in Paris und von der eigenen Person her vertraut.

Heinz Schorlin hatte sich, gewiß zum erstenmale, selbst gegeißelt.

Auf Rat des Paters Benedictus war es geschehen; doch obgleich er ihn mit solchem Ernste befolgt, daß starke blutrünstige Schwielen ihm noch lange Rücken und Schultern bedeckten, hatte dies Mittel gegen sündige Gedanken das gerade Gegenteil dessen bewirkt, was er davon erwartet; denn so oft ihn die Stellen, an denen die Geißel ihn so hart getroffen, unter der Rüstung schmerzten, erinnerten sie ihn an diejenige, um derentwillen er die Hand gegen sich selbst erhoben, und an den wonnesamen Blick ihrer Augen.

 

 

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