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Gutenberg > Georg Ebers >

Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Els blieb im Hause zurück.

Die Abweisung, die sie soeben erfahren, bereitete ihr bittern Kummer. Der Vater hatte recht. Nur in selbstsüchtiger Absicht war es geschehen, wenn Herr Kaspar sich ihr freundlich erwiesen. Sie selbst galt ihm nichts.

Aber es gab so viel für sie zu thun, daß sie nur wenig Zeit fand, diesem neuen Leid nachzuhängen.

Eva betete im Sterbezimmer mit einigen Klarissinnen, die in der Mutter eine freigebige Wohlthäterin verloren, für die Seele der teuren Verstorbenen.

Els war es lieb, sie beschäftigt zu wissen; denn viel, was ihr zu besorgen oblag, blieb der Schwester besser erspart. Während sie mit dem Sargschreiner und Hegelein, dem Sakristan und Tapezierer verhandelte und Kerzen in reicher Menge und was sonst noch zu dem Begräbnis der Herrin eines vornehmen Hauses gehörte, umsichtig bestellte und auch Zeit fand, nach dem Vater und der Gräfin Cordula, der es besser ging, zu sehen, vergaß sie ihre eigenen Angelegenheiten doch nicht.

Biberli war wiedergekommen. Er hatte viel zu berichten; da er aber bekennen mußte, daß es nichts Eiliges 23 sei, ersuchte sie ihn, es auf später zu verschieben, und beauftragte ihn für heute nur, auf die Burg zu gehen, um Wolff in ihrem Namen zu begrüßen und ihm den Hingang der Mutter zu melden. Kätterle sollte ihn begleiten, um ihn durch ihren Landsmann, den Schweizer Thorhüter, bei ihm einführen zu lassen.

Sie, Els, hätte einen der Aufwärter entsenden können, doch erstens sollte der Aufenthalt des Flüchtlings verborgen bleiben, dann aber sagte sie sich, daß Biberli, da er Zeuge der Vorgänge des letzten Abends gewesen, Wolff am besten von dem wahren Hergang der Dinge unterrichten könnte. Als sie ihm darum die Erlaubnis erteilte, ihrem Bräutigam alles zu berichten, was er gestern im Ortliebhof gesehen und gehört, sagte der Diener, das habe ein Besserer auf sich genommen. Sein Herr sei, als er ihn verlassen, willens gewesen, ihren Bräutigam aufzusuchen. Wenn sie erfahre, was alles über den Ritter gekommen, werde sie begreifen, daß er nicht mehr er selbst sei. Els fehlte es indes an Zeit, ihm zuzuhören und versprach, ihm, wenn er zurückkehre, das Ohr zu leihen; er war aber zu voll von dem Erlebten, als daß er es hätte unerwähnt lassen können, und erzählte ihr in kurzen Worten, wie wunderbar der Himmel seinem Herrn das Leben erhalten. Dann vertraute er ihr auch noch schnell, was ihr, der Jungfrau Els, durch die Schuld seines Herrn zugestoßen, belaste diesem die Seele. Eben deswegen habe er die Nacht nicht vorübergehen lassen wollen, ohne ihrem Verlobten wenigstens zu zeigen, was er, wenn es auch in sein Versteck dringe, von dem Gerede der bösen Zungen halten dürfe.

Da atmete Els tief aus. Wolff mußte ihr ja 24 vertrauen! Doch wie häßlich gefärbte Berichte konnten aus dem Eysvogelhause zu ihm gelangen! Nun er die volle Wahrheit durch den glaubhaftesten Augenzeugen erfuhr, fürchtete sie auch die schlimmste Verleumdung nicht mehr.

Beim Nachtmahl erschien nur der Vater.

Eva hatte ihr Ausbleiben zu entschuldigen gebeten. Sie wollte und sollte ungestört bleiben, aber auch in ihre Hingabe an den Schmerz um die Mutter griff die Welt mit rauher, doch wohlthätiger Hand.

Der Schneider, der wegen der Trauer um den jungen Kaisersohn Hartmann diese Stunde für die schönen Ortliebschwestern »gestohlen« zu haben versicherte, kam mit der Gehilfin, und zugleich mit ihm ein Knecht aus dem Tuchhause am Markte, der weiße Zeugrollen zur Auswahl überbrachte. Da galt es denn, sich für Schnitt und Stoff zu entscheiden; mußten doch die Schwestern schon morgen bei der Einsegnung und dann bei den Totenmessen in Trauerkleidern erscheinen.

Eva war mit aufrichtigem Widerwillen an diese weltlichen Dinge gegangen; Els aber ließ sie nicht los, bis sie ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenkte.

Das kam ihrer gemarterten Seele und den armen, rotgeweinten Augen zu gute. Als sie aber wieder im Sterbezimmer neben ihren lieben Nonnen kniete und das bei allen gleiche graue Gewand sah, stieg der Wunsch, den sie schon so oft gehegt, es gleichfalls zu tragen, von neuem in ihr auf. Ihrem himmlischen Bräutigam gefiel kein anderes besser, und an den einzigen, dem zu liebe sie sich gern geschmückt hätte, verbot sie sich in dieser Stunde zu denken. Doch schon das Streben, seiner zu 25 vergessen, führte sie wieder und wieder mit ihm im Geiste zusammen, wie kräftig sie auch sein Bild zurückwies, so oft es sich ihr zeigte. Aber mußte die Mutter nicht nach ihrem letzten Gespräche in dem Glauben geschieden sein, sie werde von ihrer Liebe nicht lassen? Und die letzten Worte der Verstorbenen? Mochten sie gelautet haben wie sie wollten, – hier, jetzt durfte sich nichts zwischen sie und die geliebte Verstorbene drängen, – und mit Herz und Sinn ergab sie sich der Erinnerung an sie, der Sehnsucht nach ihr.

Der Schmerz um ihren Verlust, die Reue, sich ihr nicht treu genug gewidmet zu haben, die Hoffnung, im Kloster auch der Seele der teuren Entschlafenen einen auserwählten Platz im Jenseits erbeten zu können, führten sie jetzt auf das Verlangen nach dem Schleier zurück. Den Klarissinnen, die ihr Streben teilten, fühlte sie sich zugehörig. – Wie der Vater kam, um sie zur Ruhe zu schicken, und sie frug, ob sie als mutterloses Kind sich seiner Liebe und Sorge auch fürder anzuvertrauen oder sich eine andere Mutter, die nicht von dieser Welt, zu erwählen gedenke, versetzte sie still ergeben und mit einem innigen Blick auf das Bild der heiligen Klara: »Wie Ihr wollt, Herr Vater, und wie sie es befiehlt.«

Da hatte Herr Ernst freundlich erwidert, es liege noch lange Zeit für das Ja oder Nein vor ihr.

Dann ermahnte er sie nochmals, die Leichenwache den dazu bestellten Frauen und den Klarissinnen, die bei der Verstorbenen zu bleiben begehrten, zu überlassen; Eva aber bestand so eifrig darauf, die Wache zu teilen, daß Els den Vater mit einem bedeutungsvollen Winke bestimmte, ihr den Willen zu thun.

26 Von der Einkleidung der Verstorbenen, der Aufbahrung und was den Leichenfrauen sonst an ihr zu verrichten oblag, hielt die Schwester sie fern, indem sie ihr den Auftrag erteilte, Muhme Christine, die Hausfrau des Schultheißen Berthold Pfinzing, zu empfangen, die auf die Nachricht vom Tode der Schwägerin aus Schweinau herbeigeeilt war.

Nichts sollte dem geliebten Kinde die Erinnerung an die teure Dulderin trüben, und Els wußte, daß Frau Christine der Entschlafenen eine teuere Freundin gewesen, daß Eva der trefflichen Frau anhing wie einer zweiten Mutter, und daß aus ihrem redlichen Herzen der Schwester nichts zukommen konnte, was ihr nicht wohlthat. Sie hatte sich auch nicht geirrt; denn die gemütsvoll warme Weise, mit der die Matrone Eva begegnete, gab sie sich selbst zurück; ja, als Frau Christine gehen mußte, weil allerlei ernste Pflichten ihr die Zeit beschränkten, hätte sie sie gern zurückgehalten.

Als Eva endlich ruhiger als vorher in den Saal trat, wo die Leiche der Mutter jetzt im weißen seidenen Sterbehemde auf schneeigen Atlaskissen dalag, wie sie morgen zur Einsegnung vor den Altar gestellt werden sollte, wurde sie aufs neue mit aller Gewalt vom tiefsten Schmerze ergriffen; ja, das brennende Weh ihrer Seele äußerte sich so ungestüm, daß es der Aebtissin, die wiedergekommen war, während die Schwestern noch von der Schultheißengattin Abschied nahmen, erst gelang, sie zu besänftigen, als sie sie beiseite nahm und ihr zuflüsterte: »Denke an unsern Heiligen, Kind. ›Schwester Leid‹ nannte er jedes, auch das schmerzlichste Weh. So sollst auch Du, mein Mädchen, in dem Leid eine Tochter Deines 27 Vaters im Himmel, eine Schwester begrüßen. Erinnere Dich, von wie hoher, liebreicher Hand es Dir zukam, und Du wirst es geduldig ertragen.«

Da nickte Eva ihr dankend zu, und wenn der Schmerz sie übermannen wollte, dachte sie an das versöhnliche Wort des Heiligen: »Schwester Leid«, und es ward ihr stiller im Herzen.

Els wußte, wie schwer ermüdet sie von den Aufregungen der letzten Nächte sein mußte, und hatte ihr die Leichenwache nur zu teilen gestattet, weil sie voraussah, daß sie sich des Schlafes nicht würde erwehren können. Zwischen ihrem Rücken und der hohen Lehne des Prunkstuhles, den sie ihr zum Sitze angewiesen, hatte sie ein Kissen geschoben, doch Eva täuschte ihre Erwartung; denn was sie ernstlich wollte, das führte sie durch, und während Els die Augen oft zufielen, blieb sie völlig wach. Wenn der Schlaf sie aber übermannen wollte, dachte sie der letzten Worte der Mutter und besonders das eine, »das Schmiedefeuer des Lebens«, schien ihr bedeutsam. Zu einiger Klarheit darüber war sie indes dennoch noch nicht gelangt, als die Hähne krähten, das Lied der Nachtigall verstummte und das Gezwitscher der anderen Vögel in den Sträuchern und Baumkronen des Gartens den kommenden Tag begrüßte.

Da erhob sie sich und küßte Els, die leise schlummerte, lächelnd die Stirn. Dann sagte sie der Schwester Renata, sie werde sich zur Ruhe begeben, und legte sich in dem verdunkelten Schlafgemache zu Bett.

Betend und sinnend hatte sie vorhin der Mutter fortwährend gedacht. Jetzt träumte ihr, Heinz Schorlin hätte sie, wie der Ritter Altrosen die Gräfin Montfort, 28 mit starken Armen aus dem brennenden Kloster gerettet und sie der Verstorbenen, die ihr so frisch und gesund wie vor der Krankheit erschienen war, entgegengetragen.

Als sie drei Stunden vor Mittag erwachte, begab sie sich erfrischt zu der Verstorbenen zurück. Wie mild und freundlich war ihr Antlitz auch jetzt noch; doch die lieben, stummen Lippen konnten ihr nie wieder den Morgengruß bieten, und, von heißem Schmerz ergriffen, warf sie sich vor dem Sarg auf die Kniee.

Bald aber erhob sie sich wieder. Der Schlaf von vorhin hatte die leidenschaftlich schmerzliche Erregung in stillen Kummer verwandelt.

Auch auf äußere Dinge zu achten gelang ihr.

An der Aufbahrung der Verstorbenen gab es wenig auszusetzen; nur den lieben, zarten, blassen Händen wußte sie eine schönere Lage zu geben, die ihrer gewohnten Haltung besser entsprach, und die Blumen, die der Gärtner zur Ausschmückung des Sarges gebracht, genügten ihr gar nicht. Sie kannte alle, die in der Umgebung Nürnbergs in Wald und Flur wuchsen, und niemand verstand sie zierlicher zum Strauße zu vereinen. Einige hatte die Mutter besonders gern gehabt und sich gefreut, wenn sie sie von ihren Spaziergängen mit der Aebtissin oder der Schwester Perpetua, der alten, erfahrenen Aerztin des Klosters, heimgebracht hatte. Viele wuchsen im Forste, andere am Ufer des Wassers. Ohne ihre freundlichen Lieblinge sollte die teuere Verschiedene das Haus nicht verlassen, dessen Leiterin und Zierde sie gewesen.

Was der Gärtner gebracht, ordnete Eva so ansprechend es anging. Dann bat sie Schwester Perpetua, sie auf einem Gang zu begleiten, und teilte Vater und Schwester 29 mit, daß es sie verlange, mit der Klarissin ein wenig ins Freie zu gehen.

Was sie vorhatte, verriet sie niemand.

Die Lieblingsblumen sollten ihr letztes eigenstes Geschenk an die Mutter sein.

Der alten Martsche gab sie heimlich den Auftrag, ihr Ortel, den jüngsten Knecht des Hauses, einen achtzehnjährigen gutwilligen Burschen, mit einem Korbe nachzuschicken, damit er sie und die Nonne beim Weirhause erwarte.

Nach dem Gewitter gestern war die Luft besonders rein und frisch, und das bloße Atmen ein wahrer Genuß Die Sonne schien hell und mild vom wolkenlosen Himmel. Auf dem Fußwege zum Weirhause, unweit desselben Dutzenteiches, in dem Kätterle gestern den Tod zu suchen beschlossen, wanderte es sich köstlich durch Wiese und Wald. Die ganze Natur schien erlabt wie nach einem erfrischenden Bade. Lerchen stiegen aus der vollen Wintersaat mit leisem Zittergesang himmelan, über den blühenden Wiesen wiegten sich Falter. Schlanke Libellen und kleinere, fleißige Insekten flatterten summend von Blüte zu Blüte, sogen Honig aus vollen Kelchen und trugen anderen den Samen zu, dessen sie zur Bildung der Frucht bedurften. Aus manchem Strauche am Wege klang noch Finkenschlag und Grasmückengezwitscher.

Im Forste umfing sie köstlicher Schatten, belebten hundert laute und leise Stimmen die Nähe und Ferne. Unter Moos und Farnen hatten sich zahllose Knospen erschlossen, reiften hart über dem Boden an Erdbeerpflanzen und an den zarten, blattreichen Zweigen der Heidelbeerbüsche saftreiche, noch grüne oder rosenrote Früchte.

30 In der Nähe des Weirhauses erhob sich ein lautes Klingen und Schallen, das doch ganz anders wirkte als das Geräusch der Stadt; denn statt zu erregen und die Neugier zu spannen, lag eher etwas Beruhigendes in dem Gleichklang der Schläge des Eisenhammers und in dem eintönigen Quaken der Frösche.

An dieser Stelle des Waldes, wo auch die schönsten Blumen wuchsen, hing der Morgentau noch frisch und blank an Blüten und Gräsern. Hier war es so lebensvoll und doch so lauschig, und mitten in der Fülle der Töne, aus denen das Hacken des Spechtes, der Schrei des Kibitzes und der Ruf der fernen Hohltaube hervorklang, war es doch so still und friedlich, daß Eva das Herz aufging, trotz all ihrer Trübsal.

Schwester Perpetua sprach nur, wenn man sie fragte. Sie fühlte nach, was in Eva vorging, wenn sie der Freude über jeden neuen Fund unbefangen Ausdruck gab; denn sie wußte, für wen und zu welchem Zweck sie die Blumen suchte und brach, und statt sie der Gefühllosigkeit zu zeihen, verfolgte sie mit stiller Rührung die Wandlung, die in diesem holdseligen Kinde das Streben hervorrief, im Bunde mit der Natur der Geliebtesten etwas Liebes zu erweisen.

Manchmal freilich griff auch jetzt der Schmerz Eva unsanft ans Herz. Dann blieb sie stehen, um still vor sich hin zu seufzen, oder um der Begleiterin zuzurufen: »Ach, wenn sie doch bei uns sein könnte,« oder auch, um sie nachdenklich zu fragen, ob sie sich noch erinnere, wie die Mutter sich über die duftige Orchis oder die Wasserlilie gefreut, die sie eben gefunden.

Schwester Perpetua hatte ihr einen Teil des 31 Gesammelten abgenommen; aber da stand schon Ortel mit dem Korbe, und der Haushund Wasser, der dem jungen Knechte gefolgt war, eilte den Frauen mit munterem Gekläff entgegen. Eva hatte schon genug, um den Sarg zu schmücken, wie es ihr vorschwebte, und die Sonne zeigte, daß die Zeit zur Heimkehr gekommen.

Bis dahin war ihnen niemand begegnet. Hier auf der Waldwiese, im Schatten des dichten Haselgebüsches, das den Tannenwald umsäumte, ließen die Blumen sich in Ruhe ordnen.

Nachdem Eva die ihren in das Gras geworfen, forderte sie die Schwester auf, mit ihrem bunten Bündel das gleiche zu thun.

Zwischen dem langhin gestreckten Gesträuch und dem Wege stand eine kleine Kapelle. Das Geschlecht der Mendel hatte sie an der Stelle errichtet, wo ein Sohn des alten Herrn Nikolaus ums Leben gekommen war. Vier verbündete fränkische Raubritter hatten ihn samt dem Warenzuge, dem er entgegengeritten war, überfallen und den feurigen jungen Mann, der sich tapfer zur Wehr gesetzt, im Kampfe erschlagen.

Dergleichen wäre jetzt freilich in solcher Nähe der Stadt nicht mehr möglich gewesen. Aber Eva wußte, was den Eysvogelschen Handelsgütern geschehen war, und obgleich es ihr nicht an Mut gebrach, fuhr sie darum doch erschrocken zusammen, als sie plötzlich nicht von der Stadt, sondern vom Innern des Forstes her Pferdegetrappel und Waffengeklirr näher kommen hörte.

Hastig winkte sie der schwerhörigen Begleiterin, die noch nichts vernommen, sich mit ihr hinter das Haselgesträuch zu verbergen. Auch dem jungen Knechte, der 32 den Korb schon zu den Blumen gestellt hatte, gebot sie, sich zu verstecken, und gespannten Ohres lauschten nun alle drei in den Wald hinein.

Ortel hielt den Hund am Halsbande, gebot ihm Ruhe und versicherte der jungen Herrin, es werde nur ein neues Fähnlein Reisiger sein, das von Altdorf her zum kaiserlichen Kriegsheere stoße.

Bald aber erwies es sich, daß er doch kaum das Rechte vermutet; denn erst näherten sich zwei bewaffnete Reiter, die behend wie ihre mährischen Rosse in höchst verdächtiger Weise die Hälse bald hier bald dorthin wandten, um in das Strauchwerk zur Seite des Weges zu spähen. Nach einer ziemlich langen Pause aber zeigte sich auf einem gewaltigen Binzgauer Hengste die hohe Gestalt eines älteren Herrn in tiefer Trauer, der eine mit seinem Pelzwerk verbrämte Mütze auf dem langen, bis an die Schulter herabwallenden Haare trug, und neben ihm auf einem edelgebauten feurigen Braunen eine noch ganz junge Frau von biegsamem Wuchs und von höchst vornehmer Haltung.

Sobald die Haselsträucher und Tannen, die dies edle Paar den Blicken entzogen hatten, es gestatteten, erkannte Eva in dem Herrn den Kaiser Rudolf, in seiner Begleiterin die Herzogin Agnes von Oesterreich, seine junge Schwiegertochter, deren sie seit dem Tanz auf dem Rathause nicht vergessen. Hinter ihnen kamen einige Ritter in Kettenpanzern und mit allen Zeichen tiefer Trauer an Gewand und Helmzier, und unter diesem dem Herrscher nahestehenden Gefolge nahm Eva – das Herz drohte ihr stille zu stehen – denjenigen wahr, den sie hier am letzten zu finden erwartet: Heinz Schorlin.

33 Während sie die Blumen für den Sarg der Mutter pflückte, war ihr sein Bild beinahe ganz aus dem Gedächtnis geschwunden. Jetzt zeigte er sich ihr in eigener Person, und sein Anblick ergriff sie so mächtig, daß Schwester Perpetua, die sie erbleichen und sich an dem jungen Tannenbaum neben ihr festhalten sah, ihr verändertes Aussehen der Furcht vor Raubrittern zuschrieb und ihr zuraunte: »Unbesorgt, Kind, es ist nur der Kaiser.«

Weder die ersten Reiter – Sicherheitswächter, die der Reichsschultheiß, Evas Oheim Berthold Pfinzing, dem Herrscher ohne sein Vorwissen beigegeben hatte, um ihn bei seinem Spazierritt in der Frühe vor unliebsamen Begegnungen auf dem Gebiete der Stadt zu behüten – noch der Kaiser und seine Begleiter konnten Eva wahrgenommen haben, während sie an der Kapelle vorüberritten. Kaum aber hatten sie diese erreicht, als der Hund Wasser, der sich von der Hand Ortels losgerissen hatte, aus dem Haselnußgebüsch hervorbrach und sich mit lautem Gebell dem Rosse der Herzogin entgegenstürzte.

Das feurige Tier sprang unruhig zur Seite; doch schon wenige Augenblicke später hatte Heinz Schorlin sich aus dem Sattel geschwungen und den Hund mit einem so kräftigen Fußstoße getroffen, daß er sich heulend in das Strauchwerk zurückzog. Dabei war er jeder Bewegung des Braunen aufmerksam gefolgt, und zu rechter Zeit hatte seine starke Hand sich ihm in die Nase geschlagen und ihn zum Stillstande gezwungen.

»Immer wach und zu rechter Zeit am Platze!« rief der Kaiser und fügte dann wehmütig hinzu: »So war auch unser Hartmann.«

34 Die Herzogin neigte beistimmend das Haupt; der bekümmerte Vater aber wies auf Heinz und bemerkte: »Teils dankte der Knabe die frische Rüstigkeit wohl dem gesunden Schweizerblute, mit dem er zur Welt kam; doch der da gab ihm in den entscheidenden Jahren das Beispiel. Willst Du absteigen, Kind, und es dem Schorlin überlassen, den Braunen zur Ruhe zu bringen?«

»O nein,« versetzte die Herzogin. »Ich kenne den Unband. Das Scheuen, Ritter Heinz, triebt Ihr dem wundervollen Wüstensohne doch noch nicht aus, wie Ihr verhießet. Nicht der kläffende Rüde, der vom Himmel gefallene Korb dort thut es ihm an.«

Damit wies sie auf den Rasen bei der Kapelle, in dem neben Evas Blumen das helle Weidengeflecht stand, das sie aufnehmen sollte.

»Wohl möglich, hohe Frau,« versetzte Heinz, indem er dem Araber, ein Geschenk des ägyptischen Mamlukensultans Kalaûn an den Kaiser, den glänzenden Hals klopfte. »Vielleicht aber wollte das kluge Tier seine edle Reiterin nur zwingen, hier zu verweilen. Geruht nur gütigst dorthin zu schauen, Hoheit! Sieht es nicht aus, als hätte die Waldsee selbst für Eure erhabene Person alles an den Weg gelegt, was sie Schönstes in Wald und Flur, am See und im Moose erblühen läßt?«

Damit bückte er sich, entnahm der Menge der von Eva gesammelten Blumen diejenigen, die ihm besonders ins Auge fielen, scharte sie flüchtig zu einem Strauße zusammen und reichte sie der Herzogin mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

Da dankte sie ihm freundlich, steckte sich das Sträußlein in den Gürtel und schaute ihm dabei mit einem so 35 innigen Blick in die Augen, daß es der spähenden Eva dabei war, als zöge das Herz sich ihr zusammen.

Selbst Fürstinnen, die eine weite Kluft von ihm trennten, mußten diesem Manne hold sein. Wie hätte sie, die schlichte Jungfrau, die er seiner Minne versichert, von ihm zu lassen vermocht?

Aber es wurde ihr keine Zeit gelassen, zu denken und zu wägen; denn schon ritt der Kaiser mit dem böhmischen Königskinde weiter, und Heinz ging auf sein Roß zu, das einer der Trabanten, die dem Zuge folgten, am Zügel hielt.

Bevor er sich wieder in den Sattel schwang, blieb er indes nachdenklich stehen.

Es war ihm in den Sinn gekommen, daß er einer Blumen- oder Kräutersammlerin einen Teil des Ergebnisses ihrer Morgenarbeit geraubt, und einem schnellen Triebe gehorsam, warf er eine blanke Zechine in den Korb.

Eva sah es, und alles, was in ihr war, drängte sie, hervorzutreten und ihm zu sagen, daß ihr die Blumen gehörten, und ihm im Namen der Armen, denen sie sein Geschenk zustellen wollte, zu danken; doch jungfräuliche Befangenheit hielt sie zurück, obgleich er ihr lange genug Gelegenheit gab, ihm zu nahen; denn als er das Gnadenbild in der Mendelschen Kapelle gewahrte, bekreuzte er sich, nahm den Helm ab und sprach mit geneigtem Knie, während die anderen ohne ihn weiterritten, ein stilles Gebet.

Die braunen Locken umwallten ihm dabei das Haupt, und in seinen Zügen lag tiefer Ernst und heiße Inbrunst.

O wie gern hätte sie sich neben ihn auf die Kniee 36 geworfen, die Hände mit den seinen verflochten, und – nein, nicht gebetet, dafür schlug ihr das Herz zu ungestüm – wohl aber das Haupt an seine Brust geschmiegt und ihm gesagt, daß sie ihm vertraue und sich Eins mit ihm fühle in der irdischen wie in der himmlischen Minne.

Wer in der Einsamkeit so betete, dessen Seele war auf das Höchste gerichtet. – Mochten die anderen sagen, was sie wollten, sie kannte ihn besser! Dieser Mann hatte sie von der ersten Stunde an mit der heißesten, aber auch mit der heiligsten Minne geliebt, nie und nimmer sie nur an sich gezogen, um ein frevelhaftes Spiel mit ihr zu treiben. Der letzte Wunsch der Mutter würde sich dennoch erfüllen. Es galt nur, ihm mit ganzer Seele zu vertrauen und es dem »Schmiedefeuer des Lebens« zu überlassen, sie zu stärken und zu läutern.

Jetzt kam ihr auch wieder in den Sinn, woher die Sterbende dies Wort genommen.

Muhme Christine hatte es neulich vor der Mutter gebraucht. Der junge Kunz Schürstab war in Lyon auf schlechte Wege geraten. Alle Welt, auch der leibliche Vater, hatte ihn verloren gegeben; dann aber war er nach Jahren heimgekehrt und hatte sich im Geschäfte seines Hauses wie im Rate vortrefflich bewährt. Auf die Frage der Verstorbenen, wo diese Wandlung sich an dem jungen Manne vollzogen, hatte die Muhme versetzt: »Im Schmiedefeuer des Lebens.« Sie, rief Eva sich selbst zu, war geflissentlich fern gehalten worden von seinen Flammen, und im Kloster hätten sie sie vielleicht niemals berührt. Gestern zum erstenmale war sie von ihnen ergriffen worden, und sie wollte sich ihnen auch fürder nicht entziehen, um der Mutter gehorsam zu sein und 37 um des stillen Beters dort würdig zu werden. Noch war sie es nicht. Er dankte seinem Heldenmute und guten Schwerte einen ruhmreichen Namen; was aber hatte sie bis jetzt gethan, als selbstsüchtig für das eigene Wohlergehen im Diesseits und das eigene Heil im Jenseits zu sorgen. Nicht einmal stark genug war sie gewesen, um derjenigen, der sie alles verdankte, und die sie so zärtlich geliebt hatte, das Haupt zu halten, wenn der Krampf sie geschüttelt.

Auch als die Mutter die Augen geschlossen – sie hatte es wohl bemerkt – war sie von jeder Verrichtung im Hausstand und an der teueren Leiche ferngehalten worden, weil man sie für untauglich dafür hielt und Els und jedermann sich scheute, ernste Anforderungen des Lebens zwischen die »kleine Heilige« und ihr Streben nach der Seligkeit des Himmels zu stellen. Und doch fühlte Eva, daß sie konnte, was sie wollte, und statt die starke Kraft zu gebrauchen, die sie in dem zarten Leibe sich mit verborgener Macht regen fühlte, es vorgezogen hatte, sich tragen zu lassen, um in einer andern Welt als derjenigen zu weilen, in der es ihr vergönnt gewesen wäre, sie zu bewähren. Das Schmiedefeuer, durch das aus unnützen Eisenstücken Schwerter und Pflugscharen wurden, – auch auf sie sollte es sich wirksam erweisen. Mochte es sie brennen und quälen, wenn es aus ihr nur ein echtes, rechtes Weib machte, ein Weib wie Muhme Christine, von der die Mutter das Wort vom »Schmiedefeuer des Lebens« vernommen, die Hunderten half und den Weg wies und wohl auch schon in ihrem Alter keiner Els bedurft und keiner Muhme Aebtissin, um dem Leib und der Seele die rechten Wege zu weisen. Sie liebte beide, 38 doch etwas in ihr lehnte sich heftig auf gegen das Kindsein, und – nun die Mutter nicht mehr war – gegen die Zumutung, den eigenen Willen einem andern unterzuordnen als dem des Mannes, zu dem sie gern wie zu ihrem Herrn aufgeschaut hätte.

Während Heinz das Knie vor der Kapelle neigte, ohne Schwester Perpetua zu bemerken, die vor dem Altare in ihrem Innenraume betete, kreuzten ihr diese Gedanken blitzschnell das Gehirn. Jetzt erhob er sich und näherte sich dem Rosse. Bevor er es aber bestieg, brach der Hund von neuem dicht neben ihr mit wütendem Gebell aus dem Dickicht hervor.

Da mußte er ihr weißes Trauergewand wahrgenommen haben; denn der Ruf ihres Namens klang ihr ans Ohr, und um weniges später – sie hätte nicht zu sagen vermocht, wie es geschehen war – stand Heinz mit ihrer Hand in der seinen bei den Blumen und neben dem Korbe und schaute ihr so ernst und traurig, daß er ein ganz anderer zu sein schien als der übermütige Tänzer im Rathaussaale, und doch gerade so lieb und warmherzig wie damals in die Augen. Dabei sprach er von der tiefen Wunde, den ihr der Tod der Mutter geschlagen. Auch ihn hätte das Schicksal hart angegriffen; der Schmerz aber lehre ihn, sich dahin zu wenden, wohin sie selbst ihn gewiesen.

Da tönte der Hornruf durch den Wald, mit dem der Herrscher dem Gefolge in seine Nähe zu eilen gebot.

»Der Kaiser!« rief Heinz und wies in den Wald. Dann bückte er sich zu den Blumen, ergriff einige Vergißmeinnicht, und während er bald sie, bald Eva liebevoll anschaute, stieß er, als hemme der Schmerz ihm die 39 Sprache, mit gedämpfter Stimme hervor: »Ich weiß, daß Du sie mir vergönnst; denn sie tragen die Farbe der hohen Himmelskönigin, die auch die Deine und die die meine sein wird, bis Herz und Augen mir brechen.«

Mit einem leisen: »Behaltet sie,« erfüllte Eva sein Verlangen; er aber preßte die Hand an die Stirn und fuhr wie von einem scharfen Zwiespalt zerrissen, hastig fort: »Ja wohl; – es ist auch die der gnadenreichen Jungfrau. Die Welt zu meiden, ihr und dem Höchsten allein zu dienen, sagen sie, habe der Himmel mich durch ein Wunder berufen, – und oft will es mir scheinen, als hätten sie recht. Aber wie sich auch entscheide, was mir, dem Raschentschlossenen, seit jenem Blitzschlag die Seele bald hierhin zieht, bald dorthin, – Dein Blau, Eva, die Farbe dieser Blumen, es bleibt mir, trage ich es nun zu der gebenedeiten Jungfrau Ehre oder – läßt die Welt mich dennoch nicht los – zu der Deinen. Sie oder Du! – Auch Du, Eva, – ich weiß es – stehst zaudernd vor zwei Wegen . . . Der rechte? . . . Bitten wir, daß ihn der Himmel Dir und mir zeige!«

Damit schwang er sich schnell auf das Roß und jagte, seinem Rufe gehorsam, dem kaiserlichen Herrn nach.

Schweigend schaute Eva auf die Stelle hin, wo er hinter einem Tannendickicht verschwunden; doch bald weckte sie der Knecht Ortel, der eben einige frühe Erdbeeren für sie gepflückt hatte, aus dem wachen Traume und rief, indem er die großen Hände laut zusammenschlug: »Da müßte mich doch . . . Jungfrau Ev, wenn der Ritter, der Euch hier antrat, nicht der Schweizer ist, an dem gestern das große Wunder geschah.«

»Das Wunder?« frug sie gespannt; denn Els hatte 40 ihr geflissentlich verschwiegen, was sie davon vernommen, und es hing doch gewiß mit der »wunderbaren Berufung« zusammen, von der Heinz geredet, ohne von ihr verstanden worden zu sein.

»Ja, ein echtes und großes Wunder,« fuhr Ortel eifrig fort. »Der Blitz – ich hab' es von dem Metzgerbuben, der das Fleisch bringt. Er vernahm's von der Frau Meisterin selber, und jetzund ist es schon jedem Kinde bekannt: in den Helm des Ritters schlug der Blitz bei dem Unwetter gestern. Die Rüstung fuhr er entlang, und dabei hat es ein helles Leuchten und Strahlen gegeben. Das Roß sank unter ihm tot zusammen und regte kein Glied mehr; er selbst aber ging heil und gesund von hinnen, und an der Stelle, wo der Blitz den Helm traf, soll heute noch ein Kreuz zu schauen sein.«

»Und das, meinst Du,« frug Eva gespannt, »sei dem nämlichen Ritter begegnet, der die Blumen dort aufnahm?«

»So wahr ich mit dem Sakrament zu sterben hoffe, Jungfrau Ev,« versicherte der junge Knecht. »Mit dem hageren Biberli, der des Kätterle Liebster und der ihm dient, sah ich ihn reiten, und dergleichen Herren gibt's nicht zu Dutzend. Er gehört auch zu des Kaisers Rudolf nächsten Begleitern. Ist er es nicht, will ich gleich in Jammer und Plage . . .«

»Pfui über Dein garstiges Fluchen,« fiel Eva ihm verweisend ins Wort. »Weißt Du auch, daß der hohe, ehrwürdige Herr mit dem langen grauen Haare . . .«

»Das war Kaiser Rudolf!« rief Ortel, gewiß seiner Sache. »Wer den einmal sah, der vergißt ihn nicht wieder . . . Ihm gehört ja wohl alles auf Erden; wie 41 aber der Ritter so frei in unsere Blumen griff, als wären sie sein eigen, dacht' ich mir dennoch . . . Doch da – da – da. Seht nur selbst her, Jungfrau! Eine schwere, unbeschnittene gelbe Zechine!«

Dabei schlug er auf die Münze in seiner Hand, bekreuzte sich und fuhr nachdenklich fort: »Das Silberstücklein oder was er sonst hierher warf, vielleicht um die Blumen zu bezahlen, die doch keine fünf Heller wert sind, – in eitel Gold hat es der Heilige verwandelt, der für ihn die Wunder verrichtet . . . Meiner Seelen! Wenn viele in Nürnberg das Viehfutter dort so hoch bezahlten, träte der reiche Eysvogel aus dem Rat und ginge Waldblumen suchen!«

Da bat Eva den Knecht, ihr die Zechine zu lassen und versprach, ihm daheim eine andere und als Aufgeld auch noch ein halb Pfund Heller zu schenken; Ortel aber rief: »Das nenn' ich einen Morgen!« Gleich darauf änderte er jedoch den Ton; denn das weiße Trauergewand Evas und der Zweck ihres Ausganges waren ihm in den Sinn gekommen, und seine frische Stimme klang mitleidig genug, als er fortfuhr: »Wenn man nur die gnädige Frau Mutter ins Leben zurückrufen könnte. Daß mich! . . . Ich kaufte gleich für mein ganzes Erspartes so viele Kerzen, wie meine Mutter in ihrem Lädlein führt, um sie den lieben Heiligen zu spenden, wenn sich's abändern ließe.«

Dabei füllte er den Korb mit Blumen, und die Nonne half ihm, während Eva ihm gesenkten Hauptes voranschritt.

Durfte sie noch auf den Besitz des Mannes hoffen, an dem der Himmel solches Wunder verrichtet? War es 42 keine Sünde, zu hoffen und zu erflehen, daß er ihre gemeinsame Farbe nicht der hohen Königin des Himmels, sondern ihr, der geringen Eva zu Ehren, an der nichts stark war als der Wille zum Guten, trage? Zwang Heinz sie nicht geradezu, einen Wettstreit mit derjenigen zu beginnen, mit der sich auch nur aus der Ferne zu vergleichen, von vorn herein unterliegen hieß? Aber nein! Die gnadenreiche Freundin dort oben kannte sie und ihr Herz. Sie wußte, mit wie inniger Liebe und Verehrung sie zu ihr aufschaute von Kind an, und ihr, die sich ihr tausendmal, wenn sie die Seele zu ihr im Gebete erhoben, huldreich erwiesen, legte sie jetzt auch ihre Minne ans Herz.

Als der Wald hinter ihr lag, atmete sie schwer auf und blieb stehen, bis Schwester Perpetua ihr Gebet in der Kapelle beendet und sie erreicht hatte. Es war ihr schwer ums Herz, und als jenseits des Forstes auf der Wiese die Glut der Sonne, die schon die Mittagshöhe erreicht, sich fühlbar machte, überkam sie die Empfindung, als hätte sie das unbefangene Glück der Kindheit in dem grünen Dickicht hinter sich gelassen. Und doch hätte sie diesen Gang in den Forst um keinen Preis ungeschehen machen mögen. Wußte sie doch jetzt, daß sie keine Nebenbuhlerin habe als diejenige, die Heinz nicht weniger lieben durfte als sie. Ob sie sich beide für die Welt entscheiden mochten oder für das Kloster, – in der Liebe für sie und ihren erhabenen Sohn blieben sie Eins.

 

 

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