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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Kaum war Wolff von der Straße und Els vom Fenster verschwunden, als sich, wie der Erde entstiegen, eine schmale Männergestalt neben dem Kellerhals auf der linken Seite des Hauses regte. Gleich darauf ließ sich ein leises Klopfen auf dem Pflaster des Vorraums vernehmen, und um weniges später wurden die schweren, mit Eisen beschlagenen Eichenholzflügel der Hausthür aus einander gezogen, und eine Frauenhand winkte dem späten Gaste. Behend huschte er entlang dem schmalen Schatten des Hauses dem Thore zu und war bald hinter ihm verschwunden.

Der Mond schaute ihm bedenklich nach. Oft genug war er früher des schmalschulterigen Gesellen in der Nähe des Ortliebhofes ansichtig geworden, und sein Treiben hatte seine Neugier gereizt; denn er war auf verliebten Wegen gewandelt, und zwar schon, als noch an dem jüngst vollendeten Klarissinnenkloster – eine Stiftung der Brüder Ebner, zu der auch Herr Ernst Ortlieb eine stattliche Summe gefügt – gearbeitet wurde. Damals – etwa drei Jahre war es her – hatte der dreiste 15 Bursche sich Abend für Abend zum Stelldichein auf die Baustelle begeben. Das saubere Mädchen aber, das sich dort mit ihm zusammen gefunden, war das Kätterle gewesen, die Gürtelmagd der schönen E's, wie man in Nürnberg die Ortliebschen Schwestern Els und Eva nannte.

Viele Eide, die ihr heiße, unwandelbar treue Minne verhießen, waren damals zu dem Monde aufgestiegen, und das Aeußere des Mannes, der sie leistete, bot eine gewisse Gewähr, daß er sie halten werde; denn er hatte schon damals das lange dunkle Gewand der ehrbaren Leute getragen und auf der Vorderseite des Kogels, von dem ihm ein sackartiges Netz auf den Rücken herabhing, war ein großes S, auf dem linken Schulterstücke seines langen Rockes aber ein T zu schauen gewesen: die Anfangsbuchstaben der Worte »Standhaftigkeit« und »Treue«. Sie lehrten, daß derjenige, der sie sich in die Kleidung hatte einsticken lassen, diese Tugenden für die höchsten und edelsten halte. Man hätte auch glauben mögen, daß der hagere Bursche, dem man übrigens seine fünfunddreißig Jahre kaum ansah, an diesen schönen Eigenschaften festhalte; denn nachdem er, seit er sich mit Kätterle zum letztenmal auf dem Bauplatze getroffen, volle drei Jahre ausgeblieben war, hatte er sich nach dem Einzuge des Kaisers Rudolf der Herzliebsten wieder in gewohnter Standhaftigkeit und Treue genähert.

Er hatte ihr Grund gegeben, auf ihn zu bauen; der Blick des Mondes aber reichte weit, und er hatte sich überzeugt, wie es mit der Standhaftigkeit und Treue Walther Biberlis beschaffen.

16 In einer Hinsicht bewährten sie sich aufs schönste und beste; denn unter Tausenden von Dienern hatte der Mond keinen gesehen, der mit treuerer Hingabe an seinem Herrn hing. Den hübscheren jungen Weibern gegenüber brachte er dagegen seine Haupttugenden in höchst sonderbarer Weise zur Geltung; denn der blasse nächtliche Wanderer da oben war ihm in verschiedenen Ländern und Städten begegnet, und überall, wo er sich längere Zeit aufgehalten hatte, war eine andere der Treue und Standhaftigkeit Biberlis versichert worden.

Allerdings wandte sich der Langrock, so oft ihn der Weg zu einer, der er ewige Minne geschworen, zurückführte, zunächst nur immer wieder an sie, falls auch sie ihm die alte Neigung bewahrt. Das Kätterle aber durfte mit Recht die größten Stücke auf ihn halten; denn ihr war er wärmer ergeben als den übrigen allen, und mit ihr meinte er es in seiner Weise auch redlich. Beabsichtigte er doch allen Ernstes, sich, sobald sein Herr den Kaiserhof – hoffentlich nicht allzu bald – verließ und sich in seiner Schweizer Heimat auf die Burg seiner Väter zurückzog, für die alten Tage einen eigenen Herd zu gründen, und niemand als Kätterle sollte das Feuer auf ihm entzünden. Ihr Aeußeres sagte ihm so wohl zu wie ihr inneres Wesen. Sie war frei geboren wie er selbst, der Sohn eines Waldhüters, sie stammte, wie er, aus der Schweiz, und ihr Erbe, das für sie, die Waise, in ihrer Heimat Sarnen auf Haus und Ackerland feststand, und zu dem noch ihr Erspartes kam, genügte seinen Ansprüchen. Vor allem aber glaubte sie ihm und bewunderte seinen beweglichen Geist und seine Erfahrung. Außerdem leistete sie ihm widerspruchslos 17 Gehorsam und hing so treu an ihm, daß sie um seinetwillen im ledigen Stand verblieben war, obgleich eine ganze Reihe von ansehnlichen Männern ernstlich um sie warb.

Zum erstenmal war Kätterle ihm begegnet, als er sich nach der Schlacht auf dem Marchfelde vor länger als drei Jahren mehrere Wochen in Nürnberg aufgehalten hatte. Bei einem Turnier war sie auf dem Schaugerüst seine Nachbarin gewesen, und, da sie einander an dem scharfen »ch« in »ich« und anderen Worten als Schweizer Landsleute erkannt hatten, war er ihr und sie ihm von vornherein mit gutem Vorurteil entgegen gekommen.

Das Kätterle hatte ein gutes Herz; zu jener Zeit wäre sie aber beinah der Versuchung erlegen, den Himmel anzurufen, die Heilung der schweren Wunden eines tapferen Kämpen nicht allzu sehr zu beschleunigen; denn sie wußte, daß Biberli als Herrenknecht im Dienste des jungen Schweizer Ritters Heinz Schorlin stand, dessen Name in aller Mund war, weil er auf dem Marchfelde trotz seiner jungen Jahre sich durch seltene Tapferkeit ausgezeichnet hatte, und daß der junge Held nur bis zur völligen Heilung seiner schweren Wunden in Nürnberg bleiben würde. Sein Aufbruch brachte für sie die Trennung von seinem Diener mit sich, und sie hatte bisweilen, da sie das Heimweh ohnehin quälte, gemeint, sie würde den Abschied von ihm nicht überleben. Biberli pflegte indes seinen Herrn mit so treuem Eifer gesund, als hielte ihn nichts in Nürnberg zurück, und Kätterle blieb auch nach seinem Aufbruch in gutem Wohlsein.

Jetzt hatte sie ihn wieder.

Gleich nach dem Einzuge des Kaisers Rudolf vor 18 fünf Tagen war Biberli frei und offen in den Ortliebhof gekommen, und hatte sich Martsche, der alten Haushälterin der Herrschaft, als Landsmann und Freund der Gürtelmagd vorgestellt, der ihr Grüße von daheim überbringe.

Ein vertrautes Wort mit ihr zu reden, war indes weder in der vollen Küche, noch im Ehaltengelaß möglich gewesen. Das Stelldichein heute abend sollte dazu Gelegenheit bieten.

Die männliche Dienerschaft war, um die Sänften und Fackeln zu tragen, mit dem Herrn, der seine jüngere Tochter Eva zum Tanze führte, ausgegangen. Vor dem Rathause sollten die Knechte warten, weil es in Frage stand, ob die Tochter des Hauses, die nur mit Widerstreben an dem Feste teilnahm, nicht zeitig zum Aufbruch drängen würde. Der Graf von Montfort, der im Ortliebhof im Quartier lag, und seine gesamte männliche Dienerschaft waren sicher erst ganz spät oder gar gegen Morgen zurück zu erwarten; denn Gräfin Cordula hielt es beim Tanze aus bis zum Kehraus, und ihr Vater beim Weine, bis die Tochter ihn von den Zechgenossen in der Trinkstube fortrief.

Das alles berechtigte die Liebenden, auf ein ungestörtes Beisammensein zu hoffen. Auch der Schauplatz des Stelldicheins war gut gewählt. Nur den Mond verdroß seine Wahl; denn nachdem Biberli die schwere Hausthür hinter sich zugezogen, fand er keine Spalte oder Ritze, durch die einer seiner behenden Strahlen 19 hätte erspähen können, was der treue und standhafte Biberli mit Kätterle trieb. Ein Fensterlein gab es wohl neben der Thür, doch es war verschlossen, und das Kreuz mit undurchsichtigem Schafleder bekleidet.

So mußte der Mond sich denn der Neugier begeben.

Statt seiner beleuchtete den langen, mit einem hohen Kreuzgewölbe überspannten Soler des Ortliebhofes nur das Licht dreier Laternen, das sich mühsam durch Hornscheiben Bahn brach. Die glänzenden Punkte in einer dunklen Ecke des weiten Raumes waren die Augen eines schwarzen Katers, der dort auf Ratten und Mäuse lauerte.

Für die heimliche Begegnung zweier Liebenden bot dieser Raum in der That manchen Vorzug; denn er besaß, da er durch die ganze Breite des Hauses hinlief, zwei Oeffnungen, von denen die eine auf die Straße, die andere auf den Hof führte. An den rechten Langseiten des Solers befand sich aber auch noch je eine kleine Thür, zu der Stufen hinaufführten. Beide verschlossen zu dieser Stunde menschenleere Räume; denn die Schreibstube und das Gemach, in dem Herr Ernst Ortlieb die Geschäftsfreunde empfing, waren schon seit Sonnenuntergang unbenützt, und die Badestube mit dem Ankleidezimmer daneben fand nur bei Tage Verwendung.

Von der großen breiten Eichenholztreppe her, die in den oberen Stock führte, hätte freilich leicht ein unberufener Störenfried kommen können. Aber für diesen Fall drängten sich hier den Liebenden die köstlichsten Verstecke geradezu auf; denn dort standen neben und über einander große und kleine Kisten als undurchdringliche 20 Schutzmauer, hier bildeten hoch über einander getürmte Säcke und lange Reihen von Fässern Gelegenheit, sich hinter ihnen zu verbergen. In Matten verpackte lange Bündel lehnten an die Kisten und luden ein, hinter sie zu schlüpfen, und hinter jenen Bergen von Rinderhäuten und mit Palmenbast umschnürten Paketen hätte niemand leicht ein Liebespärlein vermutet. Es wäre übrigens auch kaum rätlich gewesen, sich in ihrer Nähe zu verbergen; denn diese Warenballen, die das Ortliebsche Haus aus Venedig bezog, enthielten Pfeffer und andere Gewürze, und es entströmte ihnen ein starker, nur für abgehärtete Nerven auf die Dauer erträglicher Duft.

Wertvolle Güter verschiedener Art lagerten hier, bis man sie in Keller und Speicher oder weiter in den Handel führte. Es gab aber auch manchen leeren Platz in dem weiten Raume; denn das Raubwesen auf der Landstraße hatte trotz der Strenge Kaiser Rudolfs noch mit nichten aufgehört und veranlaßte Herrn Ernst Ortlieb immer noch, sich bei der Einführung kostbarer Güter Vorsicht aufzuerlegen.

Nachdem Biberli und seine Herzliebste sich überzeugt, daß die Glut ihrer Minne keineswegs erkaltet, ließen sie sich auf etlichen mit Gewürznelken angefüllten Säcken nieder.

Hier berichteten sie einander, was die Trennungszeit jedem gebracht.

Das Dasein Kätterles war in freundlichem Gleichmaß dahingeflossen.

Ueber die Herrschaft brauchte sie nicht zu klagen.

Die kranke Frau Maria Ortliebin bedurfte ihrer nur selten.

21 Bei einem Ritt zu Verwandten in Ulm war der Zug der Reisenden, der mit einer Reihe von Nürnberger Frachtwagen unter dem nämlichen Geleit gestanden, von den Rittern Absbach und Hirschhorn überfallen worden. Ein Bolzen hatte den Zelter der Frau Ortliebin getroffen, und die Unglückliche einen schweren Fall gethan, der ihr einen innern Schaden zugefügt, von dem sie noch nicht genesen. Dem jungen Hirschhorn, den das Geleit ergriffen, war der Anfall übrigens schlecht bekommen; denn am Galgen hatte er ein schmähliches Ende gefunden.

Bei dieser Mitteilung brauste Biberli auf. Trotz allen Mitleids für die schwer verletzte Frau meinte er doch, die Nürnberger hätten an dem Hirschhorn wie rechte Schelme gehandelt; denn er war ein Ritter, und sie hätten ihn darum als redliche und des Gesetzes kundige Richter nicht mit dem Strick, sondern mit dem Schwerte zu Tode bringen müssen. Und Kätterle stimmte ihm bei; denn sie widersprach ihm überhaupt nicht, und was einem Ritter zukommt, mußte Biberli, der Milchbruder eines solchen, ja wissen.

Auch über die Töchter des Ortliebschen Hauses, in deren persönlichem Dienste sie stand, führte die Magd keine Klage. Els, die älteste, wußte sie sogar nicht hoch genug zu rühmen. Sie war gerechten Sinnes, die sorgsame Pflegerin der Mutter und sich immer gleich in ihrer heiteren Gutheit.

Auch Eva, der jüngeren, wollte sie nichts Uebles nachsagen, zumal sie an Frömmigkeit alles im Hause überbiete. Trotz ihrer wundervollen Schöne – sie könnte wissen, daß nichts daran falsch und gemacht sei, – werde sie doch wohl bei den Klarissinnen enden. Aber wie der 22 Wetterhahn auf dem Turm ändere sie bei jedem Lüftchen die Stellung. Wäre sie mit dem falschen Fuß aus dem Bette gestiegen, oder lese man ihr einmal nicht von den Augen ab, was sie begehrte, bringe ein Nichts sie in Wallung. Da fielen denn bisweilen recht unholde Worte; aber lange gram sein könnte man ihr doch nicht; denn es sei nicht zu beschreiben, wie lieblich sie gut zu machen trachte, wozu das rasche junge Blut sie fortgerissen habe. Wie zum Begräbnis sei sie heute zum Tanze gegangen; denn sie meide die Mannsbilder wie Gift, und sogar den Freundinnen der Schwester gehe sie aus dem Wege.

Da lachte Biberli, wie gewiß seiner Sache und rief: »Nur noch ein weilchen Geduld! Heute abend begegnet ihr mein Herr auf dem Rathaus, und wenn sich das magere Eichkätzlein von vor drei Jahren wirklich so köstlich herauswuchs, und er kommt ihr nicht auf die Fährte und bindet mit ihr an, will ich nicht länger Biberli heißen.«

»Aber Du sagtest ja,« versetzte Kätterle bedenklich, »Du hättest ihn noch nicht bewogen, es Dir nachzuthun in Standhaftigkeit und Treue.«

»Dafür ist er ein Ritter,« entgegnete der Diener und schlug sich selbstbewußt, als gehöre er mit zu diesem bevorzugten Stande, unter das T an der Schulter, »und einem solchen steht die Jagd frei auf das Weibsbild wie auf das Wild in den Forsten. Und mein Heinz Schorlin! Du sahst ihn ja und bekanntest selbst, es lohne sich, den Hals nach ihm zu drehen. Dazu war das damals, wo er kaum von den schweren Wunden genesen, und was ist er heute! Da war der französische Ritter von Preully, mit dem mein Milchbruder selig zu Paris, so lang er noch munter . . .«

23 Hier stockte er; denn ein fragender Blick der Herzliebsten bewies, daß er es, vielleicht aus guten Gründen, verabsäumt hatte, ihr von seinem Aufenthalt in Paris zu erzählen.

Jetzt, da er älter geworden und dem wilden Treiben in jener Zeit zu Gunsten der Treue und Standhaftigkeit entsagt, teilte er gelassen mit, was sie zu erfahren begehrte.

Beim Unterricht mit seinem Milchbruder, dem älteren Sohne des alten Ritters Schorlin, der damals noch am Leben gewesen, hatte er mancherlei Kenntnisse erworben. Darum war ihm, kaum zwanzig Jahre alt, die Schulmeisterstelle zu Stansstadt anvertraut worden. Er wäre auch vielleicht beim Unterrichten geblieben, weil er sich gut dazu anließ, wenn ihm nicht eine üble Kränkung sein Aemtlein verleidet.

Es war ihm nämlich kund geworden, daß man den Söldnern in der Schnitzturmwache einen um fünf Heller höheren Wochenlohn vergönnte als ihm, trotz seines mühsam erworbenen Wissens.

Da sei er denn im Verdruß auf die Schorlinburg, die ihm stets offen stehe, zurückgekehrt und zu guter Stunde gekommen.

Der ältere Bruder seines jetzigen Herrn, der von schwacher Gesundheit gewesen, habe nämlich nicht für ritterlich Werk getaugt und eben im Begriff gestanden, sich mit dem Herrn Kaplan und dem Roßknecht auf die hohe Schule nach Paris zu begeben. Da nun Frau Wendula, die gnädige Frau Mutter seines Herrn, gesehen, welch ehrbares Wesen er sich als Schulmeister erworben, habe sie den Gemahl bewogen, ihn als Herrenknecht dem gebrechlichen Sohne mitzugeben.

24 In Paris hätte es nun anfänglich an Ergötzlichkeiten aller Art mit nichten gefehlt, zumal sie unter den Söldnern des Königs manchen ausgelassenen Schweizer Ritter und Knecht gefunden. Den Versuchungen aber, die der Gottseibeiuns in Paris aussäe wie anderwärts der Bauer Roggen und Hafer, habe sein Milchbruder zu seinem Leidwesen nicht zu widerstehen vermocht, und bald habe den jungen Ritter schweres Siechtum befallen. Da sei es denn auch für ihn aus gewesen mit dem fröhlichen Treiben. Monatelang wäre er Tag und Nacht keine Stunde vom Lager des erkrankten Milchbruders und Herrn gewichen, bis ihn der Tod seiner schweren Leiden entledigt.

Daheim auf der Schorlinburg habe er bei der Rückkehr vieles verändert gefunden; denn der alte Ritter sei wenige Tage vor dem Tode seines Sohnes abgerufen worden, und Heinz Schorlin, seinem jetzigen Herrn Burg und Land als Erbe zugefallen. Doch damit habe es nicht gar viel auf sich gehabt, weil auf dem schönen großen Grunde der Schorlins viele Schulden gehaftet.

Der alte Ritter sei als Landsmann, guter Gesell und Waffenbruder des Kaisers Rudolf stets bereit gewesen, ihm mit dem Schwerte zu dienen; auch wo es ein großes Turnier gegeben, hätte er dabei sein müssen. So sei das Vermögen aufgezehrt worden, und Frau Wendula mit dem Sohn und drei Töchtern in mäßigem Wohlstand zurück geblieben. Die beiden älteren hätten den Schleier genommen, während die jüngste, ein frohgemuter Wildfang, bei der Frau Mutter verweile.

Aber Kaiser Rudolf hätte Frau Wendulas und ihres verstorbenen Herrn mit nichten vergessen und ihr in aller 25 Gunst geboten, ihm den einzigen Sohn zuzuschicken, sobald er Schwert und Lanze zu führen gelernt.

Die Liebe und Treue, die der Vater ihm lebenslang erwiesen, denke er an Heinz zu vergelten.

Und der Habsburger, versicherte Biberli, halte sein kaiserlich Wort.

Schon nach wenigen Jahren sei sein junger Herr reif für den Hofdienst gewesen.

Gotthart von Ramsweg, Frau Wendulas älterer Bruder, ein weidlicher Ritter, wäre nach dem Tode ihres Gemahls zu der Schwester verzogen, um des Ihren zu walten und den Neffen in den ritterlichen Künsten zu unterweisen. Bald habe der starke, behende, furchtlose Sohn eines tapferen Vaters es denn auch unter Führung eines solchen Lehrers manchem Aelteren zuvor gethan. Kaum achtzehn Jahre alt sei er gewesen, als die Frau Mutter ihn zu dem kaiserlichen Herrn entsandt. Wackere Rosse und die feinsten Stücke aus der Rüstkammer des Vaters, einen Waffenträger und Pferdeknecht habe sie ihm samt ihrem Segen mit auf den Weg gegeben, und der Ritter Ramsweg, sein Ohm, es auf sich genommen, ihn nach Lausanne zu geleiten, wo Kaiser Rudolf damals Hof hielt, um mit Papst Gregor, dem zehnten seines Namens, wegen eines neuen Kreuzzuges zu verhandeln. Von ihm, den sie da sehe, sei noch keine Rede gewesen. Am Abend vor dem Aufbruch aber hätte ein Fahrender auf der Burg Einlaß gefunden und von den Thaten der früheren Kreuzfahrer gesungen und dabei gar beweglich der Verlassenheit gedacht, mit der der wunde Ritter Wiesenthau auf dem Schmerzenslager gelegen. Da sei ihr der verstorbene älteste Sohn in den Sinn gekommen 26 und die brüderliche Wartung, die er, Biberli, ihm hatte angedeihen lassen.

»Und darum,« fuhr der Diener fort, »trug sie mir in der Besorgnis ihres mütterlichen Herzens auf, auch Heinz, ihr teures Herzblatt, als Herrenknecht zu begleiten und über sein Wohlergehen zu wachen.

»Weil ich der Feder mächtig, sollte ich auch dann und wann schreiben, was einer Mutter frommt von dem Sohn zu erfahren. Sie hegte ein gutes Zutrauen zu mir, weil sie mich als treu und standhaft befunden. Ich aber, wenn ich damals Frau Wendula in die Hand geschworen, daß sie sich nicht in mir betrogen sehen sollte, so hab' ich Wort gehalten in allen Stücken. Als wär' es gestern gewesen, steht jener Abend mir heute noch im Gedächtnis. Damit ich stets vor Augen behalte, welchen Lobes mich Frau Wendula gewürdigt, vermaß ich mich, die Schwestern meines jungen Herrn zu ersuchen, mir ein T' und S in den Kogel und in das neue Gewand zu sticken, und noch in der nämlichen Nacht wurde solches von den Fräulein gar säuberlich verrichtet. Seitdem aber begleiten mich diese beiden Anfangsbuchstaben oder Initiales, wohin das Roß uns auch führt, und wie er nach dem Marchfelde seinen Herrn mit Mühe und Sorge gesund gepflegt, so denkt Biberli auch Dir, seiner einzigen Herzliebsten, zu bewähren, daß er mit gutem Recht sein T und S trägt.«

Für diese guten Worte gönnte Kätterle dem Freunde mit solcher Hingebung den gebührenden Lohn, daß es ein Raub an dem Monde war, ihr nicht zuschauen zu dürfen.

Ganz unbefriedigt sollte seine Neugier indes dennoch 27 nicht bleiben; denn als Biberli fand, die Zeit sei für ihn gekommen, auf dem Rathause nachzusehen, ob Ritter Heinz Schorlin, sein Herr, nicht seiner Dienste bedürfe, trat Kätterle mit ihm vor die Hausthür.

Dort fanden sie noch mancherlei zu reden und zu thun, bevor sie sich trennten.

Zunächst begehrte die Schweizer Magd zu wissen, wie Kaiser Rudolf Heinz Schorlin empfangen und erhielt die erfreulichste Auskunft.

Schon zu Lausanne, wo er den ersten Sieg beim Lanzenstechen erfocht, habe Heinz den Ritterschlag erhalten. Nach dem Marchfelde aber sei er dem Kaiser immer lieber geworden, zumal auch eine feste Freundschaft seinen Herrn mit Hartmann, dem achtzehnjährigen Sohne Rudolfs, verbinde, der jetzt aber am Rhein sei. Erst heute hätte Heinz einen klingenden Beweis der kaiserlichen Gnade erhalten und wäre darum auch gar wohlgemut zum Tanze gegangen.

So gute Kunde über den Ritter, der ihrer jungen Herrin vielleicht jetzt schon begegnet sein konnte, weckte in der Magd, die sich gern in der ihrem Geschlechte teuren Beschäftigung des Ehestiftens versucht hätte, hochfliegende Anschläge, die nichts Geringeres bezweckten, als aus ihrer jüngeren Herrin und Heinz Schorlin ein Paar zu machen. Biberli aber hatte kaum gewahrt, worauf die Rede Kätterles zielte, als er sie beunruhigt und mit der Versicherung, er habe schon zu lange gesäumt, unterbrach und es kurz mit dem Abschiede machte, bevor er sie verließ. Die Ehe seines Herrn mit einer Jungfrau von städtischem Adel, der in seinen Augen weit hinter dem eines Ritters Schorlin zurückstand, sollte seinem Heinz keinen Stein 28 in die Ruhmesbahn werfen, die ihn so schnell aufwärts führte. Es mußte auch noch viel Wasser ins Meer laufen, bevor Biberli ihm aus gutem Herzen den Rat erteilen konnte, dem freien fröhlichen Leben von heute zu entsagen und im eigenen Neste Ruhe zu suchen.

Mochte Eva Ortliebin so holdselig sein wie die gnadenreiche Jungfrau in eigener Person und dem Ritter Heinz das leicht entzündbare Herz wie heiß auch immer entflammen, in die lähmende Knechtschaft der Ehe sollte er sich auch von ihr nicht locken lassen, so lange er da war und über ihn wachte.

Mußte einmal geheiratet sein, dann hatte er etwas anderes für ihn im Sinn, das ihn auf einen Schlag zum großen Herrn machte. Aber auch dafür war es zu früh.

Als er über die Fleischbrücke auf den Markt kam und dem hellerleuchteten Rathause zuschritt, hatte er Mühe, vorwärts zu kommen; denn der ganze Platz war von Neugierigen, Dienern in bunten Festkleidern, Sänften, reich geschirrten Rossen und Fackelträgern erfüllt. Der Troß der Montforts, die im Ortliebhofe Quartier gefunden, gehörte zu den glänzendsten und zahlreichsten von allen, und schmunzelnd ließ er den Blick über die mit Gold beschlagene Sänfte der jungen Gräfin schweifen. Ihr hätte er seinen jungen Herrn lieber gegönnt als der Städterin, die Kätterle noch dazu mit einem Wetterhahne verglich und der darum die hohe Tugend der Standhaftigkeit ganz gewiß abging.

 

 

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