Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

Die Stadtthore waren schon geöffnet.

Bauern und Bäuerinnen, die Gemüse und andere ländliche Waren zu Markte brachten, bevölkerten jetzt die Straße. Mit Korn oder Holzkohlen belastetes Fuhrwerk zog knarrend neben Rinder- und Schweineherden, neben beladenen Eseln und den kleinen Wäglein der Meier und Zeidler, die Milch und Honig in die Stadt führten, auf dem ungepflasterten, von dem nächtlichen Regenguß immer noch durchweichten Damme dahin.

Das Gewitter hatte die Luft abgekühlt, doch die junge Morgensonne versandte schon stechende Strahlen. Nur einige schwere, kleine Wolken stachen dunkel vom Blau des Himmels ab, und ein Bauer, der zwei Ferkel vor sich her trieb, wies mit dem Stocke nach oben und rief einem andern, der in jedem Arm eine Gans trug, lehrhaft zu, die Sonne ziehe Wasser, und ein Unwetter komme selten allein.

Noch sah es freilich heiter genug aus in der frischen Juniusfrühe. Die Mägde, die die Laden öffneten, schauten munter auf die Gasse und ordneten die Blumen vor dem Fenster oder verneigten sich fromm, wenn ein Priester 225 auf dem Wege zur Messe vorbeikam. Dem barfüßigen Kapuziner mit dem langen Barte winkte die Köchin oder Handwerkerfrau, und während sie ihm etwas Gutes in den Bettelsack that, und er ihr mit einem frommen Spruche freundlich dankte, war es ihr, als habe sie sich selbst und dem Hause für den kommenden Tag ein Anrecht auf den Segen des Himmels erworben, und frohgemut fuhr sie fort mit der Arbeit.

An dem niedrigen breiten Bogenfenster der Bäckerhäuser blitzte es hell auf von der messingenen Auslage, und der blasse Geselle wischte sich den Mehlstaub vom Gesichte und reichte der Meisterstochter mit den roten Wangen frisches, noch warmes Gebäck, um es auf dem blanken Brett auszubreiten. Der flinke Badergehilfe hängte Tuch und Becken an die Thür, während der Meister, müde vom Wein und Geplauder in der Trinkstube oder von der geschäftigen Thätigkeit auf der Brandstätte, noch ruhte. Sein rühriges Weib hatte sich vor ihm erhoben, bestreute die Barbierstube mit frischem Sand und erneute dem Stieglitz das Futter.

Werkstätten und Läden waren mit Birkenreisern geschmückt, und die jungen Bürgerstöchter im kleidsamen Häublein, die Mägde und Lehrburschen, die mit dem Korbe am Arm zu Markte gingen, trugen eine Blume oder etwas Grünes an Brust und Kappe.

Ernst und feierlich riefen die ersten Glockenstimmen zur Messe, in den Gärten sangen die Vögel, auf dem Hofe krähte der Haushahn. Das Vieh, das durch die Gasse zog, brüllte, grunzte und gackerte munter in den neuen Tag hinein.

Leichtlebige junge Männer, fahrende Schüler, die auf 226 dem Lande billige Herberge gesucht, zogen jetzt mit einem übermütigen Liede auf der vom ersten Bartflaum beschatteten Lippe in die Stadt ein, und wo ihnen eine Jungfrau begegnete, schlug sie vor den ausgelassenen Taugenichtsen die Augen sittig zu Boden.

Die Schrecken der furchtbaren Gewitternacht schienen vergessen. Es sah fröhlich aus in Nürnberg, zumal auch aus manchem Chörlein ein Teppich ausgehängt worden war und von vielen Dächern und Altanen Fahnen und Banner wehten, um die hohen Gäste zu ehren. Auch von ihnen gab es bereits mancherlei zu sehen; denn Edel- und Roßknechte in den Farben ihrer Herren ritten mutige Hengste ins Freie, und etliche Ritter, die das Frühaufstehen liebten, saßen schon im Sattel, und von blanken Helmen und Kettenpanzern gleißte es hell auf in der Sonne.

Durch die knospende Lust dieses Junitages schritt die Riesengestalt des Ritters Siebenburg gesenkten Hauptes dem Eysvogelhofe entgegen.

Mit dem finstern, übernächtigen Gesichte und den verschobenen Kleidern gewährte er einen Anblick, der die beiden jungen Schustergesellen, die sich, sauber angethan, in die Werkstätte begaben, veranlaßte, einander anzustoßen und ihn prüfend zu betrachten.

»Dem begegnet man auch lieber hier bei hellem Tag unter Häusern und Leuten als im Dämmerlicht beim Wandern auf der Landstraße,« bemerkte der eine.

»Nichts da,« unterbrach ihn der andere. »Der trägt jetzt den Kappzaum. Aus dem Raubneste verzog er in den reichen Eysvogelhof da drüben. 's ist der Eidam des Herrn Kaspar. Aber von fremdem Besitz kann das 227 doch nimmer lassen. Treiben's hier nur in eigener Weise. Die Schuh, die er trägt, in unserer Werkstätte sind sie gefertigt, doch nach der Zahlung pfeift der Meister vergebens. Und überall hängt er: beim Schneider, Nestler, Schwertfeger, Gürtler und Goldschmied. Wenn der Lehrbursch ihn mahnt, mag er vor blauen Flecken sich hüten.«

»Auch gegen dergleichen Unbill,« rief der andere, größere Gesell, der schmucke Sohn eines Meisters von Weißenburg am Sand, der bald an des Vaters Stelle zu treten gedachte, in zorniger Wallung, »sollte Kaiser Rudolf einen Landfrieden erlassen. Bei dem Graufelser, der von seiner Burg aus unserem Städtchen aufsitzt, liefe ohne uns Herr und Knecht barfuß. Seit drei Jahren gab es trotzdem keinen dünnen Heller von ihm zu schauen, und doch, sagt mein Herr Vater, wäre es schon besser geworden, seit der Habsburger als ein gerechter Mann . . .«

»So schlimm,« unterbrach ihn der andere, »läßt es sich hier, den Heiligen sei Dank, schon längst nicht mehr treiben. Endlich wird auch der Siebenburg, oder doch die reiche Sippe seiner Hälfte, gezwungen, das Ding zu begleichen. Dafür haben wir das Gesetz und den ehrbaren Rat. Schau auf! Das große alte Haus dort, das hat dem Ritter Habenichts die Tochter gegeben. Auch sie gehört zu unserer Kundschaft. Ein stattlich Weibsbild, und gewiß nicht die schlimmste. Aber die Frau Mutter, die eine geborene Gräfin! Wenn da der Schuh nicht klein macht, was groß von Natur, dann gibt's ein Gewinsel . . . Weit schlimmer freilich treibt es die Alte, die Mutter der Hausfrau! Das keift und das zetert . . . Aber schau nur hinauf nach dem Chörlein! 228 da steht sie leibhaftig am Fenster . . . Bin nur eines armen Brauknechtes Sohn, aber eh ich . . .«

»Daß Dich!« fiel ihm hier der andere ins Wort. »Hast Du die Eule im Käfig vor dem Wächterhaus am Spittelthore gesehen? Ihr Ebenbild ist sie! Und wie ihr das Kinn in die Luft ragt und auf und nieder haspelt, als müßte sie Rindsleder kauen!«

»Und doch,« versicherte der Brauknechtssohn, als gälte es etwas schwer Glaubliches zu erhärten, »und doch ist die Alte eine leibhaftige Gräfin.«

Mit einem neuen »Daß Dich!« gab der Weißenburger sein Erstaunen zu erkennen; doch ergriff er dabei den Arm des andern und fügte dringlich hinzu: »Machen wir fort! Eben blitzte das wüste Weibsbild mir gerade ins Auge, und wenn das nicht der böse Blick war . . . Gleich tret' ich in die Kirche und verscheuche mit Weihwasser das Uebel.«

»So komm,« sagte der Nürnberger und fügte nachdenklich hinzu: »Die Großmutter bei meinem Meister ist mit ihren achtzig doch wohl noch älter als die da oben, aber ein lieber, freundlicher Frauchen läßt sich nicht denken. Blickt sie einen günstig an, so ist's als schaute des lieben Herrgotts Segen wie aus zwei Fensterlein auf einen her.«

»Und erst mein alt Großmütterlein bei uns daheim!« rief der Weißenburger mit leuchtenden Augen.

Damit wandten sie sich von dem Eysvogelhofe ab und zogen ihrer Wege.

Siebenburg hatte die Gesellen überholt; bevor er aber die Schwelle des Hauses überschritt, das nun auch sein Heim, war er davor stehen geblieben.

229 Vielleicht durfte man es das größte und prächtigste in Nürnberg nennen; aber es war doch nur eine zweistöckige breite Gebäudemasse. Allerdings hatte man es am Dache mit Zinnen und an jeder Seite mit einem Erkertürmlein geschmückt. In der Höhe des ersten Stockes war auch eine Konsole mit einem Marienbilde und auf der andern Seite das Chörlein angebracht, aus dem die alte Gräfin Rotterbach auf die Straße geschaut hatte.

Auffallend und außer Verhältnis mit der einfachen Schlichtheit des übrigen Gebäudes war nur das Wappen. Prunkend und weithin sichtbar nahm es den breiten Raum zwischen dem Hausthor und den Fenstern des oberen Stockwerkes ein. An den Schild mit den Vögeln lehnte sich der des gräflichen Hauses, dem Frau Rosalinde, die Gemahlin Herrn Kaspars, entstammte. Die Rotterbachschen Wappenhalter: ein wilder Mann und ein aufgerichteter Bär, erhoben sich zu beiden Seiten des Doppelwappens. Die Eysvogelsche Helmzier hatte der Steinmetz mit einer Grafenkrone umgeben.

Dieser prunkende Schmuck des alten Patrizierhauses war zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden und hatte Herrn Kaspar im ehrbaren Rate und anderwärts oft genug veranlaßt, die Faust unter der Schaube zu ballen; denn es hatte dem hochfahrenden Manne offenen Tadel und sogar bitteren Spott zugezogen; doch sein Wunsch, es durch ein bescheideneres ersetzen zu lassen, war an dem Widerstand der Frauen seines Hauses gescheitert. Sie hatten es, wie es da war, herzustellen geboten und duldeten nicht, obgleich auch Wolff nach der Heimkehr aus Italien auf seine Entfernung gedrungen, daß man daran taste.

230 Es hatte den Eysvogels kein Glück gebracht; denn am Tage seiner Vollendung war das Geschäft vom ersten ernsten Fehlschlage betroffen worden, und es gedieh dem Handlungshause auch in handgreiflich äußerer Weise zum Schaden. Während nämlich früher manche Waren, die trocken untergebracht werden mußten, von dem Eingangsthore und der Straße aus auf den weiten Bodenraum gewunden worden waren, wurde dies jetzt durch den weit vorspringenden wilden Mann und Bären verhindert. Darum war es nötig geworden, was von Gütern auf den Boden gehörte, vom Hofe aus in die Höhe zu winden, und dies verursachte Aufenthalt und Hindernisse mancher Art. Wohl hatte man Auskunftsmittel vorgeschlagen, doch die Frauen waren einem jeden entgegengetreten; denn ihnen war es genehm, daß die häßlichen Ballen und Fässer nicht mehr an ihren Fenstern vorbei den Weg auf den Boden fanden; auch daß sie von der Straße aus nicht mehr sichtbar waren, begrüßte ihr Hochmut mit Freude.

Jetzt schaute Siebenburg zu dem großen Wappen empor und gedachte dabei des Tages, an dem er, nachdem er von Isabella Eysvogelin auf einem Geschlechtertanz im Rathause ausgezeichnet worden war, an der nämlichen Stelle gestanden. Damals hatte eben eine Reihe von hochbeladenen Frachtwagen vor dem Thore Halt gemacht, über dem das Doppelwappen prangte, und wenn er vorher geschwankt hatte, ob er sich die Gunst Isabellas, deren kühle Majestät ihn zwar anzog, doch auch mit leisem Bangen erfüllte, zu nutze machen sollte, so war er hier zur Ueberzeugung gekommen, wie thöricht es sein würde, das Eisen, das zu seinen Gunsten zu 231 glühen schien, ungeschmiedet zu lassen. Welche Reichtümer führten die Knechte da in den Soler, dessen Umfang den im Ortliebhof um das Doppelte übertraf. Dazu hatte das Wappen mit der Grafenkrone dem Ritter die Gewißheit gegeben, daß er sich auch vor den Standesgenossen einer Verbindung mit der Nürnbergerin nicht zu schämen haben würde. Sicher konnte die Hand Isabellas ihn von der drückenden Last seiner Schulden befreien, und ein prächtiges Weibsbild war sie gewiß! Wie gut schien auch ihre hohe Gestalt zu ihm und den Siebenburgs zu passen, deren Name von den sieben Fuß herkommen sollte, die viele von ihnen maßen.

Jetzt erinnerte er sich auch wieder der Stunde, in der sich ihre schmale Hand in die seine gelegt hatte. Kurze Zeit lang war er damals in der That glücklich gewesen durch ihren Besitz. So leichten Herzens hatte er sich, seit er die Kinderschuhe ausgetreten, nicht gefühlt, obgleich er sich anfänglich nur getraut hatte, dem Schwiegervater die Hälfte seiner Schuldenlast zu bekennen. Auch neue Verpflichtungen war er eingegangen, um die Brüder von den dringendsten Sorgen zu befreien. Sie waren zu seiner glänzenden Hochzeit gekommen, und es hatte ihm geschmeichelt, ihnen zu zeigen, was er als Eidam des reichen Eysvogel vermochte.

Aber wie schnell war das alles ganz anders geworden!

Er hatte erfahren, daß er, außer der Frau, die ihm das Herz geschenkt und die eine ihm bis dahin fremde Leidenschaft in ihm erweckt hatte, noch zwei andere Weiber in die Ehe genommen.

Jetzt, da das Bild der alten Gräfin Rotterbach, der 232 Großmutter Isabellas, sich ihm in die Vorstellung drängte, zog er die Stirn unwillig zusammen. Viel hatte er sie nicht sprechen hören, aber mit jedem Wort, das sie ihm vergönnt, hatte er etwas Bitteres hinnehmen müssen. – Selten nur verließ sie den Platz im Sorgenstuhl bei dem Chörlein im Wohngemache; doch es war, als hätten ihre kleinen Augen die Kraft, durch Mauern und Thüren in die Ferne zu dringen; denn sie wußte um alles, was ihn betraf, auch um Geheimes, das er wohl verborgen zu haben meinte. Mehr um ihret-, als um der Schwiegermutter willen, die nichts that, als was jene ihr gebot, hatte er wiederholentlich versucht, mit seiner Hausfrau auf das Gut Tannenreuth zu ziehen, das ihm bei der Hochzeit zugeschrieben worden war, damit sein Ertrag den jungen Hausstand erhalte; aber Mutter und Großmutter hielten seine Gattin zurück, und ihr Wille galt ihr mehr als der seine. Vielleicht aber hätte er sie dennoch bewogen, ihm Folge zu leisten, wenn ihr Vater nicht aus seinen Schulden eine Schlinge gemacht hätte, die er zusammen zog, wenn es galt, ihm den Willen zu ersticken; und auch er wollte die Tochter im Hause behalten.

Seit sein Schwager Wolff aus Italien zurück war, wußte er auch, daß der Goldstrom der Eysvogels nur noch spärlicher fließe oder doch nicht mehr da sei, um seine kostspieligen Neigungen bedingungslos zu befriedigen. So hatte sich sein Verkehr mit dem Schwager, dessen verständige Vorsicht er für Geiz hielt, dessen ernste Einsprache gegen seine oft unerhörten Forderungen ihm die Galle erregte, immer unfreundlicher gestaltet.

Die Mitbewohner machten ihm das eigene Heim unerträglich, und von der Junggesellenzeit her wußte er 233 nur zu gut, wo es lustiger zuging in Nürnberg. So wurde er zu einem seltenen Gaste im Eysvogelhofe, und als Isabella sich vernachlässigt sah und betrogen, ließ sie ihn in ihrer stolzen und, sobald sie sich verletzt fühlte, schroffen Weise ihren Groll fühlen.

Anfangs war ihr Unwille ihm schwer auf die Seele gefallen; die Leidenschaft aber, die ihn im Anfang der Ehe ergriffen, war erloschen und flackerte nur bisweilen mit der alten Glut wieder auf; – dann aber wies das vernachlässigte stolze Weib ihn mit beleidigender Schärfe zurück.

Nur den Gemahl hinter seinem Rücken, von wem es auch sei, herabsetzen zu sehen, hatte sie niemals ertragen. Davon nahm Siebenburg freilich nichts wahr; um so deutlicher aber, daß Vater und Sohn Eysvogel eine schwere Sorge bedrückte und daß die Summen, die Wolff, der jetzt an der Kasse stand, ihm auszahlte, nicht mehr hinreichten, um seine Gläubiger in Zaum zu halten. Sich Zwang anzuthun, war nicht seine Sache, und so wurde es bald stadtbekannt, daß er mit seiner Hausfrau und den Ihren in Unfrieden lebte.

Vor fünf Wochen schien es indes besser damit werden zu sollen; denn durch die Geburt der Zwillinge war ihm etwas Neues zugekommen, das ihm Isabella wieder näher gebracht hatte.

Wie zwei holde Wunder waren die Kleinen ihm anfänglich erschienen. Beide Knaben, beide ihm ähnlich wie aus den Augen geschnitten. Wenn man sie ihm in den weißen mit Spitzen besetzten Kissen gebracht hatte, war das Herz ihm aufgegangen, und sie anzuschauen seine höchste Lust gewesen.

234 So hatte es kommen müssen!

Er, der starke Siebenburg, war zum Vater nicht nur eines gewöhnlichen Buben, sondern zweier kleiner Ritter auf einmal geworden. Bei der Heimkehr – und war er auch auf wankenden Füßen gekommen – hatte ihnen sein erster Besuch gegolten, und oft war es ihm gewesen, als sei er viel zu arm und gering, um der vernachlässigten Gattin für ein so kostbares Geschenk zu danken.

Wenn diese Empfindung über ihn gekommen war, hatte er Isabella mit demütiger Zärtlichkeit seiner Minne versichert. Sie aber, die ihm aus Liebe die Hand gereicht, vergaß dabei alles, was er ihr angethan hatte, und das Herz schlug ihr schneller vor dankbarer Freude, wenn sie ihn die Zwillinge voll väterlichen Stolzes mit gebogenen Knieen, wie eine Last, die seinen Riesenarmen zu schwer, umhertragen sah.

In der zweiten Woche nach der Geburt war sie leicht erkrankt. Mutter und Großmutter hatten ihre Pflege übernommen, und da er beide bei den Zwillingen fand, so oft er kam, um nach ihnen und ihrer Mutter zu sehen, wurde ihm die Wochenstube verleidet. Wie vor der Geburt der Kinder suchte er außer dem Hause Entschädigung für den Verdruß, den ihm die Weiber daheim bereiteten; aber das Bild der Knäblein ging ihm nach, und wo er Standesgenossen in der Trinkstube fand, lud er sie zu Gaste und forderte sie auf, mit ihm auf das Wohlergehen der Kleinen vom Allerbesten zu trinken.

So war es fortgegangen, bis der Reichstag auch die Montforts, denen er schon früher auf einem Turnier zu Augsburg begegnet war, nach Nürnberg geführt hatte.

235 Wo Gräfin Cordula sich zeigte, ging es munter her, und er brauchte Zerstreuung und hatte sich an die Spitze ihrer Verehrer gestellt. Mit wie schlechtem Erfolge war ihm erst vorhin deutlich geworden.

Jetzt stand er wieder vor dem großen Bauwerke, in dem er gehofft hatte, Wohlleben und Reichtum zu finden, und wo jetzt die Herzen sorgenvoller schlugen als weiland die der Seinen in der ärmlichen Burg seines längst verstorbenen Vaters.

In den Eysvogelhof mit dem prunkenden Wappen über der Thür drohte der Mangel und vielleicht sogar – er wußte es – Hand in Hand mit ihm, das häßlichste seiner Kinder, die Schande, zu dringen.

Jetzt kam ihm auch in den Sinn, was er begangen, um die Gefahr, in der das alte Handelshaus schwebte, zu steigern. Vielleicht rechnete der alte Mann da drinnen auch auf das Gut Tannenreuth, das er ihm zugeschrieben, um einen Posten, auf den viel ankam, damit zu decken, und er hatte es verwürfelt. Das galt es jetzt zu bekennen, und dazu auch die Größe seiner eigenen Schulden.

Ein schwerer Gang stand ihm bevor; aber so demütigend und bedrückend auch war, was ihn jenseits der Schwelle erwartete, vor der er immer noch stand, seinen Schwager Wolff konnte er wenigstens nicht finden. Das erschien ihm wie ein Geschenk; denn zum erstenmal fühlte er sich dem ungeliebten Schwager gegenüber im Unrecht. Selbst die Last seiner Schulden lag ihm nicht so schwer auf dem Gewissen wie die aufreizenden Worte, mit denen er den Schwiegervater bestimmt, das Verlöbnis Wolffs mit Els Ortliebin zu lösen. Das war hämisch und nichtswürdig gewesen. Wie viel er auch gefehlt, 236 dergleichen hatte er sich noch nie zu Schulden kommen lassen, und mit einer Verwünschung gegen sich selbst auf den bärtigen Lippen trat er der Eingangsthür entgegen. Auf halbem Wege blieb er indes noch einmal stehen und schaute zu den Fenstern im zweiten Stockwerk empor, hinter denen die Zwillinge ruhten. Wie gern hatte er ihrer immer gedacht; diesmal aber verdarb ihm der Auftrag der Gräfin Cordula an seine Hausfrau, sie möge sie so heranziehen, daß sie anders würden als er, der Vater, die Erinnerung an das Pärchen. Ein böser Wunsch! Und doch! Die wärmste Liebe hätte für das wahre Wohl der Knaben keinen besseren zu finden vermocht.

Das sagte er sich, während er auf die schwere, mit Eisen beschlagene offene Thür unter dem Wappen zuschritt.

Er werde erwartet, rief ihm der Hausmeister entgegen; er aber drängte die breite Brust heraus, als ob er sich zu einem Ringkampfe rüste, zog den Schnurrbart länger und stieg die Treppe hinan.

 

 

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.