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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Das Gemach der Gräfin Cordula von Montfort schaute nach Osten hin und in den Garten. Die Sonne des Junimorgens war eben aufgegangen und erhellte es freundlich.

Die Zofe der Leidenden hatte Els den Eintritt verwehren wollen, die Gräfin aber sie lebhaft zu sich berufen und dann geboten, die Fenster zu öffnen, weil sie sich nur wohl fühle, wenn es licht um sie her sei und sie die frische Gottesluft atme.

Der Morgenwind führte den Rauch, der immer noch der Brandstätte entstieg, in eine andere Richtung, und so zog denn in der That vom Garten her eine erquickende Luft in das Gemach; denn der Gewitterregen hatte der gesamten Kreatur Labung gespendet, und von Beet und Rasen, Strauch und Baum ging ein frischer Erd- und Pflanzenduft aus, den zu atmen Genuß bot.

Eben hatte der Medicus Otto, derselbe, vor dessen Thor der schwer verwundete Ulrich Vorchtel niedergelegt worden war, die Gräfin verlassen. Die Brandwunden an ihren beiden Händen und Armen waren verbunden worden, ja der alte Herr hatte mit eigener Hand die angesengten Stellen an ihrem Haare beschnitten; denn in 209 ihrer derben Tüchtigkeit erschien Cordula dem weit berühmten Arzte solcher Mühewaltung wert. Er hatte ihr auch geraten, die ältere Tochter ihres Wirts, dessen kranke Hausfrau er behandelte, zu ihrer Pflege herbei zu ziehen, und sie war ihm gerne gefolgt; denn Els hatte ihr von der ersten Begegnung an wohl gefallen, und sie war gewohnt, bei Sonnenaufgang den Tag zu beginnen.

»Wie kommt es nur,« frug Cordula jetzt die Nürnbergerin, die neben ihrem Lager Platz genommen hatte, »daß Ihr weder weint noch den Kopf senkt nach allem, was diese Nacht über Euch brachte. Ihr seid dem Schweizer fremd, und als wir Euch mit ihm überraschten, waret Ihr nicht zu einem Stelldichein gekommen, – ich weiß es. Wenn Euch aber in der That eine so feste und warme Minne mit dem jungen Eysvogel verbindet, wie kommt es, daß Euch die Absage seines Vaters und seine unselige That, die allerdings gerade in dieser Zeit kaum ungestraft hingehen möchte, den frohen Mut so wenig verdunkelt? Zu den Leichtfertigen scheint Ihr mir nicht zu gehören, und dennoch . . .«

»Dennoch,« versetzte Els mit einem liebenswürdigen Lächeln, »ist mir schon mancherlei tiefer gegangen. Wir sind nicht alle vom nämlichen Holze, Gräfin, doch gerade Ihr habt mancherlei an Euch, was es Euch leicht machen muß, mich zu verstehen; denn seht, gnädige Gräfin . . .«

»Nennt mich Cordula,« unterbrach sie jene mit freundlicher Bitte. »Warum soll ich leugnen, daß ich Euch gut bin, und auf die Gefahr hin, Euch eitel zu machen, sei Euch verraten . . .«

»Nun?« frug Els gespannt.

»Der alte, prächtige Medicus beschrieb Euch mir ganz, 210 wie ich mir Euch dachte,« lautete die Antwort. »Ihr gehörtet zu denen, sagte er, deren bloße Gegenwart am Krankenbett wie gute Arznei wirkt – und da seid Ihr, und mir, werte Jungfrau Els, kommt dies wohlthätige Heilmittel zu gute.«

»Wenn ich mich der ›gräflichen Gnaden‹ enthalten soll,« fiel ihr hier die andere ins Wort, »so erlaßt Ihr mir wohl auch die ›werte Jungfrau‹! Bei Eurer Wartung bin ich um so lieber behilflich, zu je wärmerem Danke . . .«

»Laßt das,« schnitt Cordula ihr das Wort ab. »Aber, bitte, seht doch einmal nach dem Verbande, unter dem es stärker glüht und sticht, als es not thut, und dann fahrt fort mit Eurer Erklärung.«

Da machte sich Els mit dem Arme der Gräfin zu schaffen und wandte ein Hausmittel an, dessen Kenntnis sie der Muhme Christine, der Gattin des kaiserlichen Schultheißen, verdankte, die wohl mit der Heilkunde vertraut war. Es linderte auch den Schmerz, und als Cordula dies zugestand, fuhr Els in ihrer Erklärung fort: »Was da alles über mich kam, schien mir anfangs allerdings unerhört und kaum zu ertragen. Nachdem dann noch die unselige That meines Wolff dazu kam, hatte ich das Gefühl, als stünde ich in dichtem, dunklem Nebel und als müßte jeder Schritt vorwärts mich in einen erstickenden Sumpf oder tödlichen Abgrund führen. Dann aber übersann ich das Geschehene, wie es meine Art ist. Das Ueble, das mir in der Zukunft bevorsteht, trennte ich im Geiste vom Guten, und kaum war ich damit ein Stück vorwärts gekommen, als schon Sumpf und Abgrund ihre Schrecken verloren. Beide, fand ich, ließen sich, da es ja weder bei Wolff noch bei mir an 211 Liebe fehlt und gutem Willen, bei einiger Klugheit und Vorsicht umgehen.«

»Ja, dies Sinnen und Ueberdenken!« rief die Gräfin mit einem leisen Seufzer. »Auch mir glückt es manchmal. Nur beginn' ich damit leider gewöhnlich erst, wenn es zu spät, und die Tollheit vollbracht ist.«

»So solltet Ihr fürder es umgekehrt halten,« entgegnete Els heiter. Doch gleich darauf änderte sie den Ton, und es klang ernst genug, als sie fortfuhr: »Das Herzeleid der armen Vorchtels, und was mein Bräutigam leiden mag, weil der Gefallene ihm früher ein lieber Freund war, das wirft freilich einen dunklen Schatten auf vieles; aber Ihr, die Ihr eine Jägerin seid, kennt gewiß die nebeligen Herbstmorgen, an die ich denke. Weit und breit wird alles von einem dichten Schleier umzogen, doch man ahnt den lichten Sonnenschein, der sich hinter ihm verbirgt. Plötzlich reißt der Nebel . . .«

»Und Berg und Wald, Land und See liegen in lichtem Sonnenschein vor uns!« rief die Gräfin. »Ob ich dergleichen kenne! Und wie sollt' es mich freuen, wenn ein glücklicher Wind das Nebelgrau recht bald für Euch zerstreute. Nur – eine Schwarzseherin bin ich gewiß nicht – nur wißt Ihr vielleicht nicht, wie ernst der Kaiser es mit dem Landfrieden nimmt. Wenn Euer Bräutigam sich hinreißen ließ . . .«

»Nicht zum erstenmale,« fiel ihr Els hier eifrig ins Wort, »unterfing sich der junge Vorchtel, ihn vor anderen zu reizen, – und er meinte berechtigt zu sein, dem früheren Freunde zu grollen; galt es doch für ausgemacht, daß Wolff und seine Schwester Ursula ein Paar werden sollten . . .«

212 »Bis,« unterbrach Cordula die andere, »bis er Dir Tausendschön in die hellen Augen schaute.«

»Wie könnt Ihr das wissen?« frug Els befangen.

»Weil wie bei den Zahlen, so auch in Minne und Haß auf die Eins die Zwei und die Drei folgt,« lachte die Gräfin. »Was aber Euren Wolff im besonderen angeht, so nehme ich gern mit Euch an, es werde ihm vor den Richtern sich zu reinigen glücken. Doch der alte Eysvogel, der aussieht, als sähe er, wenn er dem lieben Herrgott begegnete, ihn zuerst darauf an, wer der reichere sei von ihnen beiden, Euer künftiger Schwager Siebenburg, der widrige ›Schnurrbart‹ und sein armes Weib, das sich daheim grämt über den zügellosen Hausherrn, welcher Dank Euch von solcher Sippe bevorsteht . . .«

»Keiner,« versicherte Els betrübt. Dann aber beugte sie sich über die Kranke, und ihren Mund umspielte es schalkhaft, als sie leise fortfuhr: »Was ich aber Gutes von all dem Bösen erwarte, ist, daß es sich zwischen die Eysvogels und uns hinziehen wird wie Mauer und Graben. Nie und nimmer schicken sie sich an, sie zu überschreiten; Wolff aber fände den Weg zu mir zurück, und trennte uns auch ein großes Meer und himmelhohe Berge.«

»In dieser Zuversicht läßt der gute Mut sich freilich bewahren,« sagte die Gräfin und fuhr mit einem leisen Seufzer fort: »Wie Schlimmes auch über Euch kam, es möchte Euch mancher beneiden.«

»So hat Frau Minne auch Euch? . . .« begann die andere; Cordula aber fiel abweisend ein: »Laßt das, werte Jungfrau. Vielleicht behandelt mich die Minne wie die Mutter das unbescheidene Kind, weil ich zu viel von ihr verlange. Zu einer endlosen Treibjagd ist 213 mein Leben geworden. Viel Wild jeder Art kommt dabei zum Schusse, doch rechte Lust bringt dem Weidmann nur das Birschen auf den einzigen Spielhahn, die einzige Gemse . . . Aber nein,« und in ihrer großen Lebendigkeit schwang sie dabei die kranke Hand so hoch, daß sie vor Schmerz aufstöhnen und sich Stillschweigen auferlegen mußte. Als sie endlich wieder zu reden vermochte, stieß sie, immer noch von arger Pein gequält, unmutig hervor: »Nicht Treiben, nicht Birschen, was soll mir die Beute? Auch ich bin ein Weib. Das arme verfolgte Wild möcht' ich sein, dem der Jäger nachsteigt auf die Gefahr hin, Hals und Bein dabei zu brechen. Das zu erleben muß schön sein! Dafür läßt sich der Schmerz einer Wunde willig ertragen. Nicht solche elende Brandblasen, eine tiefe, tödliche mein' ich!«

»Aber diese da,« fügte Els in herzlichem Mahnungstone hinzu, »hättet Ihr Euch ersparen können. Bedenkt nur, was Ihr Eurem Herrn Vater seid, und wie weh ihm Euer Schmerz thut. Wegen eines blöden Viehs ein köstliches Menschenleben wagen . . .«

»Das nennen sie Frevel, ich weiß ja,« fuhr Cordula auf. »Und doch beginge ich morgen dasselbe, auf die Gefahr hin, mir noch einmal . . . O, ihr vorsichtigen Stadtleute hier, ihr Jungfräulein mit den schneeweißen Händen . . . Was wißt ihr alle von einer wie ich bin? Nicht einmal ahnen kannst Du, was mir, als ich klein war . . . Und doch! Mit einem kurzen Worte ist es gesagt: Mir fehlte die Mutter! Nie, nie durft' ich sie sehen, nie hörte ich ihre liebe, warnende Stimme. Daß sie mir das Leben schenkte, hatte sie mit dem ihren zu büßen. Der Vater? Wie gut er ist! Er meinte die 214 Verstorbene zu ersetzen, indem er mir gewährte, was er mir an den Augen absah. Hätte ich das Schloß mir zur Augenweide brennen zu sehen verlangt, es läge jetzt vielleicht in Asche . . . So ward ich zu dem, was ich bin. Größer wurde ich freilich, und – das ist schon etwas – wenigstens zu eines Menschen Freude: der seinen. Nein, nein! Daheim gibt es doch auch noch andere, wenn sie auch nur in elenden Hütten wohnen, die mich zurückwünschen möchten. Außer ihnen aber! – Wer fragte wohl viel nach der unbändigen Gräfin? Seh' ich doch selbst nicht gern lange hin, wenn mir der Spiegel mein Bild zeigt. Was das mit dem Feuer zu thun hat, möchtet Ihr wissen? Viel! Denn ich wäre kaum wund ohne das alles. Der Wetterschlag hatte nur die Scheuer des Klosters getroffen; der Kuhstall war noch heil, als wir kamen, doch bald wurde auch er von den Flammen ergriffen. Die Rinder ins Freie zu ziehen, hatten die Nönnlein und auch die Männer versäumt. Das arme Stadtvieh! Auf dem Lande genießt es freundlicherer Sorge. Als es endlich an seine Rettung ging, weigerten sich die Kühe natürlich, das alte Heim zu verlassen. Damit es nicht ersticke, hatte ein Kluger die Thür aus den Angeln gerissen. Ganz vorn stand eine hübsche rotbraune Blässe mit dem Kälblein daneben. Die Alte war schon in die Knie gesunken und leckte in der Todesnot das Kleine. Da jammerte mich des armen Dinges, und weil Boemund Altrosen, der mit dem schwarzen Haare, der nach dem Ritt auf die Kadolzburg mit den anderen bei euch eintrat, eben daherkam, gebot ich ihm, das Kälblein zu retten. Natürlich that er mir den Willen, und wie es sich auch sträubte, schleppte er es mit den starken Armen 215 aus dem Stalle. Der brannte in lichten Flammen, und das Strohdach drohte schon einzustürzen. Da schaute die alte Kuh mich mit einem so kläglichen Blick an und stieß ein so jammervoll schmerzliches Gebrüll aus, daß es mir ans Herz griff. Dabei fiel mein Blick auch auf das Kälbchen, und eine Stimme hier drinnen raunte mir zu, das würde nun wie ich ein mutterlos Kind sein, und in der ersten Zeit des Lebens des Besten entbehren. Weil aber bei mir – ihr hörtet es ja schon – das Handeln dem Denken vorangeht, kam ich – ich weiß selbst nicht mehr wie – hinein in den brennenden Stall. Es atmete sich schwer in dem widrigen Rauche, und glimmende Funken versengten mir das Tuch samt dem Haare; dabei aber blieb mir das eine fortwährend bewußt: Dem hilflosen Kleinen mußt du die Mutter erhalten! So rief ich und lockte sie denn, wie ich es daheim thue, wo alle Kühe mir gut sind; doch es war vergebene Mühe, und als ich das eben einsah, stürzte das Strohdach zusammen, und es wäre wohl um mich geschehen gewesen, hätte nicht Altrosen diesmal meine eigene, keineswegs leichte Person statt des Kalbes aus dem Stalle getragen.«

»Und Ihr?« frug Els gespannt.

»Ich ließ mir's eben gefallen,« versetzte die Gräfin.

»Nein, nein,« fuhr Els eindringlich fort. »Das Herz schlug Euch dabei höher in dankbarer Freude; denn da sahet Ihr ja erfüllt, wonach Eure Seele verlangt: Ein Weidmann, und noch dazu der edelsten einer, setzte beim Jagen nach Eurer Minne das Leben aufs Spiel. O, Gräfin Cordula, dieses Ritters erinnere ich mich gar wohl, und war der dunkelblaue Aermel, den er beim Turnier im vorigen Jahre am Helm trug. der Eure . . .«

216 »'s ist, denk' ich, der meine gewesen,« unterbrach Cordula sie obenhin. »Was mir übrigens mehr gilt: Als ich die Augen wieder aufthat, stand die Kuh draußen und leckte wieder ihr wohlerhaltenes Kälblein.«

»Und der Ritter?« frug Els. »Wer das eigene Leben für einen Wunsch seiner Dame so heldenhaft aufs Spiel setzt, der sollte doch wohl ihres Dankes gewiß sein.«

»Auf den darf Boemund zählen,« versicherte Cordula bestimmt. »Jedenfalls fällt auch, was er diesmal für mich that, schwerer ins Gewicht als sein Lanzenbrechen, sein Minnegesang und die stumme Sprache seiner sehnsüchtigen Augen. Das sind Pfeile, die wenigstens mir nicht ins Herz gehen. Wie vorwurfsvoll Ihr mich anschaut! Laßt ihn bei seinem Freunde, dem Heinz Schorlin in die Schule gehen, und das Ding kann sich für ihn bessern. Ja, der Schweizer! Das wäre mein Mann, trotz Eures unfreiwilligen Stelldicheins mit ihm und Eurer frommen Schwester, über die er alle anderen, und so auch mich, im Tanzsaale vergaß. O, Jungfrau Els! Ich habe Jägeraugen, die scharf sehen! Um seinetwillen möchte Eure schöne Eva mit den gottseligen Heiligenaugen leicht das Beten verlernen. Auch seid Ihr es nicht gewesen, sondern sie, die ihn heute nacht in euer Haus zog. Wäre dieser Einfall mir schon drunten im Soler gekommen, ich hätte mir – ehrlich gestanden – wahrscheinlich mein Märlein gespart und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Sancta Klara hätte schon für die künftige Genossin ein übriges gethan. Und dann! Dies hoffärtige Dämlein freut es, mir so deutlich es nur immer angeht, zu zeigen, daß ich ihr ein Greuel bin. Dergleichen nehme hin, wer da mag . . . Mein Christentum 217 geht nicht weit genug, um ihr auch die rechte Wange zu bieten. Und wißt Ihr was? Um ihr das Spiel zu verderben, wäre ich im stande, trotz aller Lebensretter der Welt, den Schorlin im vollen Ernst an mich zu fesseln.«

»Thut es nicht!« bat Els mit bittend erhobenen Händen und fügte wie zur Erläuterung hinzu: »Um des edlen Boemund Altrosen willen, laßt es.«

»Das zu verheißen, mein Liebling,« entgegnete Cordula kühl, »geht über meine Macht, schon weil ich selbst am wenigsten weiß, was ich morgen oder übermorgen thu' oder lasse. Ein Buchenblatt bin ich auf dem Spiegel des Baches. Sehen wir zu, wohin das Wasser es treibt! Sicher ist« – und sie blickte dabei auf die verbundenen Hände, »daß das beste an mir – die runden Arme – nun auch entstellt sind. Narben schmücken den Mann, am Weibe sehen sie krankhaft aus und häßlich. Beim Tanz wird es sie unter enge Aermel verbergen gelten. Aber wie heiß würde das werden beim Schwäbeln und Raien. In Zukunft halte ich mich darum besser fern von dem närrischen Treiben. Ein Kalb, das eine Gräfin aus dem Tanzsaale weist! Wie findet Ihr das? Es gibt doch manchmal noch etwas Neues.«

Hier wurde sie unterbrochen; denn die Schaffnerin rief Els hinaus, weil der Ritter Siebenburg gekommen sei, um sie, trotz der unzeitigen Morgenfrühe, in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Der Herr Vater aber habe sich zur Ruhe begeben und schlafe. Der Ritter lasse sich auch teilnahmsvoll nach dem Befinden der Gräfin Montfort erkundigen und lege ihr seinen Respekt zu Füßen.

»Von dem ich keinen Gebrauch machen kann,« brauste Cordula auf. »Sagt ihm das, Frau Martsche!«

218 Als die Haushälterin sich entfernte, stieß jene ungeduldig hervor: »Wie das brennt! Die Glut genügte, um das gerettete Kalb zum genießbaren Braten zu machen. Am besten verschlafe ich wohl, was der Narrenstreich mir eintrug. Das Sonnenlicht fängt an aufdringlich zu werden. Ich mag es nicht mehr; denn es blendet! Verhängt mir die Fenster!«

Eilfertig folgte die eigene Zofe Cordulas diesem Befehle. Els half der Gräfin, sich in den Kissen zu wenden, und als sie ihr dabei den Arm berührte, rief die Leidende unwirsch: »Wer fragt darnach, was mir weh thut? Auch Ihr nicht!«

Hier stockte sie. Der bittende Blick, mit dem Els sie angeschaut hatte, mußte ihr in das weiche Herz gedrungen sein; denn plötzlich hob und senkte sich ihr die volle Brust, und mit mühsam verhaltenem Schluchzen stieß sie hervor: »Ich weiß ja, daß Du es gut meinst; aber ich bin auch nicht von Stein oder Eisen . . . Allein sein will ich und schlafen.«

Damit schloß sie die Lider, und als Els sich über sie beugte, um sie zu küssen, netzten Thränen die Wangen der Gräfin.

Um weniges später trat Els auf dem Flur des ersten Stockes dem Schwager ihres Verlobten entgegen. Er hatte es abgelehnt, in das leere Wohngemach zu treten.

Seitdem er vorhin mit dem Schwiegervater den Ortliebhof verlassen, hatte sich eine große Veränderung mit dem Ritter begeben. Die unfreundliche Weise, in der er von der Gräfin Montfort verabschiedet worden war, hatte ihn stark verdrossen. Tief gegangen aber war sie ihm mit nichten. Andere Ereignisse hatten das 219 Andenken an den bitteren Angriff Cordulas, für die er nie eine ernste Neigung empfunden, ohnehin in den Schatten gedrängt.

Was ihm in den letzten Stunden begegnet war, hatte aus dem sorgfältig ausstaffirten Galan einen rohen Gesellen gemacht, der auch äußerlich kenntliche Spuren innerer Verkommenheit trug. Das tadellos geschnittene Gewand hatte sich an seinen gewaltigen Gliedern verschoben und war an der Brust von vergossenem Weine befleckt. Das straff anliegende stählerne Kettengewebe, mit dem er ausgeritten war, umgab jetzt in großen Falten die kräftigen Arme und Beine. Der lange Schnurrbart, der so übermütig in die Welt zu weisen pflegte, fiel ihm feucht und schlaff über Mund und Kinn, das lange rötliche Haar hing ihm wirr in das gedunsene Gesicht. In dem Blicke der hellblauen Augen, die vorher so feurig geglänzt, lag jetzt etwas Blödes, und auf den kupferroten Wangen zeigten sich blasse Flecke.

Seit Gräfin Cordula ihm den verletzenden Gruß an seine Hausfrau mitgegeben hatte, war aber auch mehr als sonst im Laufe ganzer Jahre über ihn gekommen.

»Eine verwünschte Nacht!« hatte er der Schaffnerin auf ihre Frage, was sein verstörtes Wesen verschulde, zugerufen.

Auch Els erschrak über sein Aussehen und den heiseren Klang seiner Stimme. Ja, sie trat vor ihm zurück; denn der flackernde Blick seines Auges ließ sie befürchten, daß er berauscht sei.

Freilich hatte er sich noch vor kurzem kaum aufrecht zu halten vermocht; die Schreckensbotschaften, die auf ihn eingestürmt waren, hatten ihn indes rasch genug entnüchtert.

220 Er kam zu dieser ungewöhnlich frühen Stunde, um sich bei den Ortliebs zu erkundigen. ob sie nichts über das Verbleiben seines Schwagers Wolff vernommen. Des gebrochenen Verlöbnisses gedachte er mit keinem Worte.

Für das Versprechen, das Els ihm unaufgefordert erteilte, sobald sie Nachricht von dem Verlobten erhalte, es die Eysvogels wissen zu lassen, dankte der Mann, der ihr immer nur abweisend oder gleichgiltig begegnet war, so unterwürfig, daß es sie überraschte. Sie wußte aber vollends nicht, wie ihr geschah, ja ihr ahnte nichts Gutes. als er sie mit dringlicher Herzlichkeit bat, der unliebsamen Vorgänge in dieser Nacht, die sie einer leidenschaftlichen Wallung des Herrn Kaspar zu gute halten möge, zu vergessen. Viel zu lieb und wert sei sie allen Mitgliedern des Hauses, als daß sie so leicht von ihr zu lassen vermöchten. Das Vorgefallene – sie müsse es selbst eingestehen – hätte auch ihren besten Freund veranlassen können, es mißzuverstehen. Während eines kurzen Augenblicks wäre auch er versucht gewesen, an ihrer Unschuld zu zweifeln. Wenn sie wüßte, in welcher furchtbaren Lage der alte Eysvogel sich befände, würde sie gewiß alles daransetzen, ihren Herrn Vater zu bewegen, ihn morgen bei sich zu empfangen, oder – was noch erwünschter wäre – ihn in seiner Schreibstube aufzusuchen. Es handle sich um das Wohl und Wehe vieler, und allen voran auch um das ihre, da sie ja als Wolffs Braut untrennbar zu ihm gehöre.

»Auch ohne den Ring?« unterbrach ihn Els bitter, und als Siebenburg lebhaft bedauerte, ihn nicht zurückgebracht zu haben, entgegnete sie stolz: »Unbesorgt, Ritter Seitz! Ich bedarf dieses heiligen Pfandes so wenig wie 221 derjenige, der meinen Ring heute noch trägt. Sagt das auch den Euren. Dem Vater werde ich den Wunsch des Herrn Kaspar bestellen; jetzt schläft er. Rate ich recht, wenn ich vermute, daß die Unfälle, die Euch sonst noch betrafen, mit den Wagenzügen zusammenhängen, die Wolff so sorgenvoll erwartet?«

Da drehte Siebenburg verlegen die Kappe, bejahte ihre Frage mit der Versicherung, daß er nichts wisse, als daß sie verloren, und verließ sie, nachdem er die Bitte wiederholt, sie möge die Begegnung der alten Herren vermitteln.

Els Rede zu stehen wäre ihm freilich peinlich gewesen; denn ein Bote hatte berichtet, die Wagenzüge wären überfallen und ausgeraubt worden, die Thäter aber seine beiden leiblichen Brüder im Bunde mit ihrem Vetter und Spießgesellen Absbach.

Seitz selbst hatte zwar nicht teil gehabt an dem Ueberfalle, doch fühlte er sich nicht frei von Schuld an dem Geschehenen; denn bei Wein und Spiel hatte er in Gegenwart der Räuber mit den kostbaren Gütern geprahlt, die sein Schwiegervater erwarte, und auch des Weges gedacht, den sie zögen.

Aber das Gewissen Seitz Siebenburgs wurde auch noch von etwas ganz anderem belastet.

Verdrossen und gereizt von der beleidigenden Abweisung der Gräfin war er in den »Grünen Schild« gegangen, um im Quartier des Herzogs von Pommern den Aerger beim Spiele zu vergessen. Es war ihm dabei übel ergangen. An feurigem Rheinwein hatte es bei dem freigebigen Wirte nicht gefehlt, die Gewitterschwüle den Durst verschärft, und halb berauscht, 222 aufgebracht durch das Glück Heinz Schorlins, in dem er den bevorzugten Liebhaber der Dame sah, die ihm ihre Gunst so jäh entzogen, war er zu Sätzen von unerhörter Höhe fortgerissen worden. Zuletzt hatte er Gut, Burg und Dorf verwürfelt, die er als Mitgift seiner Hausfrau bei Hersbruck besaß. Dazu war er sich bewußt, Dinge gesagt zu haben, die seinem Gedächtnis zwar im einzelnen entfallen, die aber von vielen Anwesenden mit Entrüstung abgewiesen worden waren. Sie hatten besonders den Ortliebschen Schwestern gegolten.

Bei dem wüsten Lärm, der den Spieltisch in dieser Nacht umtobte, war von dem Zweikampfe, der dem jungen Vorchtel das Leben gekostet, erst nach den letzten Würfen geredet worden. Dabei hatte man auch der Braut des Siegers gedacht, und Siebenburg erinnerte sich wohl, von der Lösung des Verlöbnisses seines Schwagers geredet und sie mit Beschuldigungen begründet zu haben, die ihn in Händel mit mehreren Anwesenden und auch mit Heinz Schorlin verwickelt.

Aehnliches begegnete ihm häufig, und er war mutig, stark und geschickt genug, um es mit jedem, auch mit dem gefürchteten Schweizer, aufzunehmen; nur verdroß und beunruhigte es ihn, gerade dem Manne gegenüber die Haltung verloren zu haben, an den er seine liegende Habe verwürfelt. Außerdem hatte der Schwiegervater ihm so ernst ans Herz gelegt, seinem Wunsche, mit den Ortliebs Frieden zu schließen, kein Hindernis in den Weg zu legen, daß er ihnen gegenüber den steifen Nacken beugen mußte.

Die Lage des hochfahrenden Ritters war verhängnisvoll, und wahre innere Würde ihm fremd. Dennoch hätte 223 er sich eher mit den Brüdern auf den Richtplatz schleppen lassen, als sich vor dem Schweizer gedemütigt. Aber reden mußte er auch mit ihm, schon um seiner Zwillinge willen, deren Erbe er schmählich verwürfelt. Das äußerste freilich, wozu er sich zu bequemen gedachte, war das Eingeständnis, im Rausche, als trunkener Mann, sein Gut aufs Spiel gesetzt und Dinge gesagt zu haben, die ihm leid wären. Die Großmut Heinz Schorlins war bekannt. Vielleicht bot er ihm einen annehmbaren Vergleich an, bevor der Notar sein Eigentum auf ihn übertrug. So weit herunter gekommen fühlte er sich noch nicht, um sich von diesem jungen Glückspilze beschenken zu lassen.

War sein Schwiegervater, der ihm das Leben fristete, wie er vorhin versichert, in der That zu Grunde gerichtet, dann freilich konnte er betteln gehen mit der Hausfrau, deren majestätische Gestalt sich ihm fortwährend mit stummem Vorwurf vor das innere Auge stellte, mit seinem prächtigen Zwillingspärchen und der Last seiner Schulden.

Der riesenstarke Mann fühlte sich von den furchtbaren Schicksalsschlägen, die ihn in der letzten durchwachten Nacht getroffen, auch körperlich wie gebrochen. Am liebsten hätte er sich in das nächste Wirtshaus begeben und es dort dem Weine überlassen, ihm Vergessenheit zu schenken. Dort zu trinken, immer zu trinken und in den Pausen mit dem Kopfe auf den Armen zu schlafen, schien ihm das Schönste. Aber er mußte zu den Eysvogels zurück. Es stand zu viel auf dem Spiele. Bei alledem sehnte er sich auch, die Zwillinge wieder zu sehen, die ihm wie aus dem Gesicht geschnitten waren, und denen Gräfin Cordula wünschte, daß sie dem Vater nicht nacharten möchten.

 

 

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