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Im Schmiedefeuer

Georg Ebers: Im Schmiedefeuer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schmiedefeuer
authorGeorg Ebers
year1895
firstpub1894
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleIm Schmiedefeuer
pages631
created20100405
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Ueber dem Frauenthor und dem Ortliebhofe hatte das Gewölk sich besonders schwarz und dicht zusammengeballt. Bevor das Gewitter losgebrochen war, lastete drückende Schwüle so schwer auf den Herzen wie draußen auf Baum und Strauch und der gesamten Kreatur.

Unter dem Dache, wo die Lagerstätten der Dienstboten standen, schliefen die Mägde traumlos und ruhig, schnarchten die Knechte mit offenem Munde nach des Tages Arbeit, ohne zu ahnen, was draußen am Himmel vorging und was im Innern des Hauses ihrem Herrn und den Seinen die Ruhe raubte.

Nur in der kleinen Kammer hart neben der auf den Boden führenden Treppe, die Kätterle allein bewohnte, war das Lager noch unberührt geblieben. Die Schweizerin lag davor auf den Knieen, drückte das Gesicht in das grobe Linnen des Kopfkissens und schluchzte, betete und verwünschte sich selbst und ihren Leichtsinn.

Als der Sturm, der dem Gewitter voranging, Laub und Stroh durch das offene Fensterlein wehte, fuhr sie zusammen. Sie glaubte, Herr Ortlieb komme, um sie zur Rechenschaft zu ziehen, das Gericht über sie sollte 178 beginnen. Die Baderwitwe, die sie erst vor drei Tagen mit einem Steine am Hals am Pranger gesehen, weil sie einer leichtblütigen Tuchmachertochter gestattet hatte, mit einem schmucken Trompeter von den Stadtpfeifern in ihrem Quartiere zusammen zu kommen, trat ihr vor das innere Auge. Wie die Aermste gezittert und gewinselt hatte, nachdem ihr der schwere Stein von den Leben um den Hals gehängt worden war! Dann hatte sie, außer sich gebracht von dem Spott und den Schmähungen der Leute, den Würfen der Gassenbuben und der unerträglichen Last, sich nicht mehr halten können, lächerliche Verwünschungen ausgestoßen und den Peinigern die Zunge gewiesen.

Welches Schauspiel war das gewesen! Aber sie, bevor sie solche Schande auf sich nahm, wollte sie dem Leben mit all seinen Freuden, und auch dem Landsmanne, an dem ihr Herz hing, und der sie trotz seiner schön bewährten Treue und Standhaftigkeit ins Elend gebracht hatte, Valet sagen.

Jetzt fiel es ihr schwer aufs Herz, daß auch sie der Baderwitwe ein häßliches Wort zugerufen. Nie, nie wieder wollte sie sich hoffärtig über einen Nächsten erheben, der ins Unglück geraten!

Dies und vieles andere gelobte sie der heiligen Klara; dann aber wandte sie den Geist auf den Stadtgraben, auf die Pegnitz, den Fischbachfluß und alle Gewässer in und bei Nürnberg, in denen es möglich war, sich zu ertränken, um sich der gräßlichen Schande zu entziehen, die ihr drohte. Doch damit hatte sie wohl eine neue schwere 179 Sünde begangen; denn während sie sich den Dutzenteich vergegenwärtigte, von dessen dunklem Spiegel sie manchmal, wenn es durch das Frauenthor ins Freie gegangen war, weiße Mummeln gepflückt hatte, und sich sagte, an welcher Stelle seines schilfreichen Ufers sie ihr Vorhaben am leichtesten ausführen könnte, flammte es hell auf in ihrer Kammer, und zu gleicher Zeit erschütterte ein gewaltiger Donnerschlag das alte Gebäude.

Das galt ihr und ihren sündlichen Gedanken!

Nein! Sie durfte nicht, um der Schmach hienieden zu entgehen, die ewige Seligkeit und die Hoffnung verscherzen, ihr selig Mütterlein in jener Welt wieder zu sehen.

Die Erinnerung an die liebe alte Frau, die sich so redlich geplagt und sie zu allem Guten angehalten von klein an, beruhigte sie ein wenig. Sie sah ja von oben auf sie herab und wußte, daß sie brav und ehrbar geblieben war, daß sie ihrer Herrschaft auch keine Stecknadel entfremdet hatte und daß sie den kleinen Fehler, der so furchtbar gestraft werden sollte, nur aus Liebe zu ihrem Landsmanne begangen, der es in seiner Treue und Standhaftigkeit redlich mit ihr meinte. Was Biberli ihr zu thun geboten, das konnte kein schweres Vergehen sein.

Doch die da oben schienen anderer Meinung; denn abermals ergoß sich blendend helles Licht durch die Kammer und krachend und prasselnd begleitete es mit betäubender Kraft die Donnerstimme des grollenden Himmels. Da schrie sie laut auf, und es war ihr, als hätte sich das Thor der Hölle vor ihr geöffnet oder der Untergang der Welt den Anfang genommen.

Außer sich vor Schreck und Furcht eilte sie ans Fenster, durch das ihr feuchte Tropfen ins Antlitz spritzten. 180 Die kühlten ihr das erhitzte Gesicht und führten sie in die Wirklichkeit zurück. Was sie vorhin begangen, war doch wohl kein so ganz leichtes Vergehen gewesen. Sie, die Herr Ortlieb mit vollem Vertrauen in den Dienst des schönen jungen Geschöpfes gestellt, dessen kranke Mutter nicht auf sie acht haben konnte, hatte sich verleiten lassen, die kaum den Kinderschuhen entwachsene Eva zum Stelldichein mit einem Manne zu verleiten. Als einen frommen, tugendsamen Ritter hatte sie ihn der unerfahrenen Jungfrau vorgestellt, obgleich sie von Biberli wußte, wie weit sein Herr an Treue und Standhaftigkeit hinter ihm zurückstand.

»Führe uns nicht in Versuchung!« Wie oft hatte sie es im Vaterunser gebetet, und nun war sie selbst zur Schlange geworden, die das unschuldige Kind, über das zu wachen ihr die Pflicht geboten hätte, zur Sünde verführte.

Nein, nein! Die Schuld, die sie mit Strafe bedrohte, gehörte mit nichten zu den leichten, und wenn der irdische Richter sie auch nicht zur Rechenschaft zog, wollte sie doch morgen schon beichten und redlich erfüllen, was ihr als Buße auferlegt wurde.

Von solchen Gedanken bewegt, schaute sie über den Hof nach dem Klarissinnenkloster hinüber. Da blitzte und donnerte es wieder, und angstvoll schlug sie die Hände vor das Antlitz. Als sie aber den Arm wieder senkte, gewahrte sie am Dache des Speichers der Nonnen, an den sich der Stall mit den Milchkühen schloß, zitternden Rauch, den ein heller Lichtschein erst leiser, dann immer stärker erhellte.

Der Blitz hatte da drüben gezündet!

181 Die Teilnahme an der Gefahr und dem Schaden anderer drängte ihr eigenes Leid und Bangen tief in den Schatten, und ohne lange zu denken und zu wägen, schlüpfte sie in die Schuhe, riß ihr Tuch aus der Truhe und eilte mit dem Ruf: »Es schlug ein! Es brennt bei den Klarissinnen!« die Treppe hinunter.

Da öffnete sich das Gemach der Schwestern, und Ernst Ortlieb trat mit wirrem Haar und bleichen Wangen daraus hervor ihr entgegen.

Dort hatte der trübe Schein des Lämpleins und das flammende Licht der Blitze in von Thränen gerötete, verstörte Gesichter geleuchtet.

Im schlichten, langen Nachtgewande, barfuß, wie sie dem Lager entstiegen, war Eva, nachdem Heinz Schorlin sie angerufen und Els ihr zu Hilfe geeilt war, der Gürtelmagd in ihr Gemach gefolgt. Der Ritter, der gestern noch, sie wußte es, wie zu einer Heiligen zu ihr aufgeschaut hatte, welche Vorstellung mußte er sich jetzt von ihr bilden?

Wie verunglimpft und mit einem Makel behaftet kam sie sich vor. Aber es war ja nicht ihr eigener Wille gewesen, der das alles verschuldet, und von der furchtbaren Ueberzeugung ergriffen, daß unheimliche, übermächtige Gewalten, gegen die kein Widerstand möglich, ein grausames Spiel mit ihr trieben, war es ihr gewesen, als schleudere das sturmbewegte Meer sie in einem steuerlosen Nachen auf wirbelnden Wogen umher.

Unfähig, wie sonst im Gebet Trost zu suchen, hatte sie sich dumpfer Verzweiflung überlassen; doch nur auf kurze Zeit; denn Els war ihr bald nachgefolgt, und die ruhig bestimmte Weise, mit der die besonnene, hilfreiche Freundin 182 und Schwester ihr auch diesmal begegnet und sogar bestrebt gewesen war, ihr durch einen Scherz den gesunkenen Mut zu heben, bevor sie sie in das Krankenzimmer der Mutter geschickt hatte, war ihr wie erfrischender Tau auf die Seele gefallen; nicht etwa, weil Els für sie zu handeln verheißen, – nein, im Gegenteil, weil das, was sie doch wohl zu thun beabsichtigte, sie zum Widerspruch reizte.

Wohl hatte sie sich noch viel zu schuldig und gedrückt gefühlt, um ihr zu widersprechen, doch der Verdruß über die herben Worte, mit denen Els des Ritters gedacht, und über ihr Vorhaben, ihm, vielleicht auf immer, das Haus zu verbieten, hatten sie wie starker, herber Wein neu belebt.

Erst nachdem die Schwester sie verlassen, war sie fähig geworden, sich klar zu vergegenwärtigen, was sie beim Nachtwandeln empfunden.

Während die Mutter, dank einem Schlaftrunke, von tiefem Schlummer umfangen, ruhig atmete und unten im Soler, sie wußte nicht was, vielleicht infolge der Heimkehr des Vaters, vor sich ging, dachte sie, sann sie, erhob eine ungestüme Schar von aufrührerischen Wünschen und Gedanken fordernd und ablehnend die Stimme in ihrer bewegten Brust.

Wie es gekommen, daß sie dem Lager entstiegen war und sich hinaus begeben hatte, war ihr völlig aus dem Gedächtnis gewichen; was sie aber beim Nachtwandeln empfunden hatte, war ihr immer noch deutlich bewußt.

Die gewaltigste Sehnsucht, die ihr das Herz je beunruhigt hatte, war in ihr rege gewesen. Wenn sie bis dahin aus dem Kelche des Glaubens Himmelsseligkeit zu trinken 183 getrachtet, hatte sie, während sie das Haus durchwandelte, nichts begehrt, als sich satt zu trinken aus dem Becher der irdischen Luft. Heißen Küssen, an die sie sich auch nur zu denken verboten, hatte sie mit wonnigen Schauern entgegengeharrt. Das zage Herz, das von jungfräulicher Sittsamkeit im Bann gehalten, sich nichts zu wünschen getraut, als was sie der Schwester und Aebtissin hätte eingestehen dürfen, war, als sei es jeder Fessel und Schranke ledig geworden, frei und mutig entschlossen gewesen, das Kühnste zu wagen. Die Nachtwandlerin hatte sich nach dem Augenblicke gesehnt, an dem sie, nachdem Heinz Schorlin ihr bekannt, daß er sie liebe, ihm mit seliger Dankbarkeit die Arme um den Hals schlingen durfte.

War sie in wachem Zustand nur begierig gewesen, ihm von ihrer Heiligen und seiner Pflicht zu reden, die Feinde der Kirche nieder zu werfen, so hatte sie, als sie auf der Treppe und vor dem Hausthor in den Mond geschaut hatte, begehrt, ihm süße Liebesworte zuzuflüstern, den seinen zu lauschen und dabei sich selbst zu vergessen, die Welt und alles, was nicht zu ihm und ihr und ihrer Minne gehörte.

Und dieses Sehnens und Verlangens erinnerte sie sich in ganz anderer Weise, als hätte sie nur davon geträumt. Es schien ihr vielmehr als sei, während der Mond sie mit Zaubergewalt sich nachgezogen hatte, etwas, das schon längst in der Tiefe ihrer Seele geschlummert, aufgewacht und ins Leben getreten, als habe etwas Gestalt in ihr gewonnen, was sie früher mit frommem Grauen von sich gewiesen, bevor noch Herz und Geist vermocht hatten, es recht zu erfassen.

184 Jetzt erschrak sie vor diesem neu erkannten, gewiß sündigen Teile des eigenen Wesens, von dem sie selbst gewähnt, daß es einem reinen Gefäße gleiche, in dem es für nichts Raum gab, als für Hohes, Heiliges und Reines.

Auch sie – nun wußte sie es – war ein Mädchen wie jene anderen, auf deren Verlangen nach Minne sie mit hochmütiger Verachtung geschaut, keine Himmelsbraut oder Heilige.

Noch hatte sie den Schleier nicht genommen, und es war gut so; denn was wäre aus ihr geworden, wenn sie erst nach dem Profeß den Teil ihres Wesens in sich entdeckt hätte, den, dachte sie, jede wahre Nonne, wenn er ihr überhaupt eigen war, vor der Ablegung des Ordensgelübdes von sich entfernt haben mußte, wie das Haar, das man ihr abschnitt.

Während dieser Selbstschau kam es ihr immer bestimmter vor, als sei sie nicht eins, sondern zwei in einem, ein Doppelwesen mit einem einzigen Leibe und zwei von einander deutlich trennbaren Seelen, und diese Ueberzeugung that ihr so weh, als blute der Schnitt noch, der diese Trennung verursacht.

Da fiel ihr Blick auf das Gnadenbild der Mutter Gottes ihr gegenüber, und nun ergriff sie mächtiger als vorhin der gewohnte Zwang, die Seele im Gebet zu ihm zu erheben. In brünstiger Wärme flehte sie es an, sie von dem andern, neu erwachten, dem Himmel gewiß nicht wohlgefälligen Wesen zu befreien und sie wieder werden zu lassen, wie sie vor dem unseligen Wandeln im Mondschein gewesen.

Aber bald war es wieder um die Sammlung 185 geschehen, deren sie zum Beten bedurfte; denn wieder und wieder trat ihr das Bild des Ritters entgegen, und es war ihr dabei, als höre sie von dem inneren Ohre den eigenen Namen, den er ihr mit so heißem Verlangen entgegengerufen.

Wer die Stimme so zu einem andern erhebt, der liebt ihn. Heinz Schorlins Minne war groß und echt, und statt der inneren Stimme zu achten, die sie mahnte, zum Gebet zurück zu kehren, rief sie trotzig vor sich hin: »Ich will nicht!«

Noch konnte sie von dem Manne, dem ihr Herz mit so leidenschaftlicher Sehnsucht entgegenschlug, der so tapfer und fromm war und ihr in heißer Minne so ganz ergeben, nicht lassen.

Friedvoll schon war es freilich gewesen, sich in die lichte Herrlichkeit des Himmels hinein zu träumen, doch die stürmische Glückseligkeit, die sie empfand, da sie seiner und seiner Minne gedachte, erschien ihr reicher und größer. Sie konnte und wollte nicht mehr von ihm lassen.

Dabei kam ihr das Vorhaben der Schwester in den Sinn, Heinz – denn so nannte Eva den Ritter schon im Selbstgespräche – aus ihrer Nähe zu vertreiben, und der Gedanke, sie könnte ihn dabei vielleicht so scharf verletzen, daß ihm die ritterliche Ehre die Wiederkehr verböte, ängstigte sie und brachte sie auf.

Was gab Els denn das Recht, ihm zu mißtrauen? Ein frommer Ritter wie er trieb kein frevelhaftes Spiel mit der Dame seines Herzens, und das, ja das war sie gewiß, seit sie ihm ihre Farbe bekannt. Nichts sollte sie mehr von ihm trennen. Wie Luft und Licht brauchte sie ihn zu ihrem Glücke. Nach der Seligkeit in einer 186 andern Welt hatte sie bis dahin getrachtet; aber sie war noch so jung, sie hatte wohl noch lange unter der Sonne zu wandeln, und was konnte das Dasein hienieden ihr bieten, wenn man ihr die Hoffnung auf seinen Besitz verkümmerte und raubte.

Der neu erwachte Teil ihres Wesens verlangte sein Recht. Ganz würde er sich nie mehr in den alten Schlaf zurückzwingen lassen.

Wenn die Schwester zurückkam und sich rühmte, das reißende Tier auf immer vertrieben zu haben, wollte sie ihr zeigen, daß sie anders über den Ritter dachte und niemand gestattete, sich zwischen sie und ihn zu stellen. Während sie sich aber noch mit diesem Vorhaben beschäftigt hatte, war das Krankenzimmer leise geöffnet worden, und der Vater hatte ihr gewinkt, ihm zu folgen.

Schweigend war er Eva durch den halbdunklen, nicht mehr vom Mondlicht erhellten Hausflur vorangegangen und hatte das Gemach seiner Töchter vor ihr betreten. Die Lampe brannte dort noch immer und zeigte ihr das verstörte Antlitz der Schwester, die mit dem Kinn in der Hand auf dem Schemel neben dem Spinnrade hockte.

Da war Eva der hell aufgeflackerte Mut wieder gesunken.

»Jesus Maria! Was ist da geschehen?« hatte sie angstvoll gerufen; der Vater aber dumpf erwidert: »Um Deiner wackeren Schwester willen, der ich es versprach, lege ich mir auf, ruhig zu bleiben. Aber schau sie nur an! In ihrem armen Herzen muß es aussehen wie auf dem Friedhof. Ihr Liebstes zu begraben, wurde über sie verhängt. Und wer,« fuhr er, hingerissen von Schmerz und Empörung, uneingedenk seines Versprechens, ruhig 187 zu bleiben, aufbrausend fort, »wer trägt Schuld an dem allen, als Du und Dein schrankenloser Leichtsinn.«

Da versuchte Eva mit erhobenen Händen zu erklären, wie sie, ihrer selbst nicht mächtig, nachtwandelnd auf die Treppe und vor das Haus geraten; er aber fiel ihr mit einem: »Schweig, ich weiß alles,« gebieterisch ins Wort. »Einem nichtswürdigen Verführer gab meine Tochter das Recht, das Schlimmste von ihr zu erwarten. Du, die wir für die Zierde dieses Hauses hielten, das bisher makellos rein war, Du trägst die Schuld, wenn die Leute auf der Gasse mit Fingern darauf weisen! O, o! Unsere Ehre, unser alter, fleckenloser Name!«

Aufstöhnend schlug der Vater sich an die Stirn; als aber Els sich erhoben und ihm den Arm um die Schulter geschlungen hatte, um ihm tröstlich zuzusprechen, ließ es Eva, die bis dahin vergebens nach Worten gerungen, nicht dazu kommen.

»Wer das mir nachsagt, Herr Vater,« rief sie mit funkelnden Augen und der Stimme kaum mächtig, »der öffnete das Ohr der Verleumdung, und wer Heinz Schorlin einen nichtswürdigen Verführer nennt, den blendet der Schein, und dem rufe ich ins Gesicht, und wäre es auch der Herr Vater, dem ich Dankbarkeit schulde und Ehrfurcht . . .«

Hier aber stockte sie und streckte dem tief gereizten Manne die Arme abwehrend entgegen; denn er näherte sich ihr mit zuckenden Lippen und – sie sah es ihm an – schon im Banne des furchtbaren Jähzorns, der ihn auch zum Unerhörtesten fortreißen konnte; Els aber hatte sich fest an ihn gehängt, und indem sie ihn mit dem Aufgebot aller Kraft zurückhielt, rief sie ihm mit herbem 188 Vorwurfe zu: »So haltet Ihr mir, was Ihr drinnen versprachet?«

Dann senkte sie die Stimme, und sie klang bittend und zärtlich, als sie fortfuhr: »Könnt Ihr denn daran zweifeln, lieber, teurer Herr Vater, daß sie nur im Schlafe, ihrer Sinne nicht mächtig, vollführte, was so viel Elend über uns bringt?«

Dann unterbrach sie sich selbst und fügte eifrig, im Ton der festesten Ueberzeugung, hinzu: »Nein doch! Bisher kam weder Schande noch Elend über Euch, Herr Vater, und das arme Kind dort. Nur gegen mich und mich allein richtet sich ein übler Verdacht, und wenn eins hier elend werden soll, so bin ich es.«

Da trat Herr Ernst, seiner selbst wieder mächtig, von Eva zurück; sie aber rief wie außer sich: »Wollt ihr mich um den Verstand bringen mit den dunklen Reden und Klagen? Was, in aller Heiligen Namen, ist denn geschehen, das meine Els in Elend stürzen soll und in Schande?«

»In Elend und Schande,« wiederholte der Vater dumpf und warf sich auf den Sessel.

Dort blieb er mit dem Haupt in den Händen regungslos sitzen, während Els der Schwester mitteilte, was sich, als sie gegangen war, um mit dem Ritter zu reden, im Soler ereignet.

Tief atmend folgte Eva ihrem Berichte. Während eines kurzen Augenblickes ergab sie sich dem Verdachte, Cordula habe nicht aus reinem Mitgefühl gehandelt, sondern um Heinz Schorlin zu Dank zu verpflichten und ihn fester an sich zu fesseln. Als sie aber vernahm, daß der Vater den Ring der Tochter Herrn Kaspar 189 Eysvogel zurückgegeben und die Verlobung seines Kindes gelöst habe, da dachte sie an nichts mehr als an das Unglück der Schwester und laut aufschluchzend warf sie sich Els um den Hals.

Fest umschlungen hielten sich die Mädchen, bis plötzlich der erste Blitz und Donnerschlag das Gespräch unterbrach.

So heftig bewegt waren Vater und Töchter gewesen, daß sie den Sturm, der sich draußen erhoben, überhört hatten, und der Ausbruch des Unwetters sie überraschte. Der Donnerschlag, der dem Blitze so schnell folgte, erschreckte auch sie, und als bald darauf ein zweiter mit krachendem und prasselndem Gedröhn das Haus erschütterte, trat Herr Ernst hinaus, um den obersten Aufläder zu wecken. Doch der alte Endres hielt schon Wacht unter den ihm anvertrauten Waren, und als der Hausherr nach kurzer Abwesenheit zurückkehrte, fand er Eva wieder an der Brust der Schwester und sah, wie diese ihr Stirn und Augen küßte und sie zärtlich zu trösten versuchte.

Doch Eva schien taub für ihre beruhigenden Worte. Els, ihre treue Els, sollte nicht mehr die Braut ihres Wolff, und ihr großes, schönes Glück vernichtet sein auf immer. Morgen sollte ganz Nürnberg erfahren, Herr Kaspar habe die Verlobung seines Sohnes gelöst, weil Wolffs Braut ihm, einem Verführer, dem Ritter Heinz Schorlin zu Gefallen, die Treue gebrochen.

Wie tief schnitt das alles Eva ins Herz, wie furchtbar quälte sie der Gedanke, daß sie es sei, die dies entsetzliche Unglück verschuldet! Zerfließend in Jammer und Thränen flehte sie die Beklagenswerte an, ihr zu vergeben, und Els that es gern und in einer Weise, die 190 dem Vater tief ins Herz griff. Wie gut waren die Mädchen, die trotz des schweren Leides, das die eine über die andere gebracht, so treu und fest zusammenhielten.

Ueberzeugt, daß auch Eva nichts Strafbares begangen, näherte er sich beiden, um sie ans Herz zu ziehen; doch er kam nicht dazu, es auszuführen; denn eben erdröhnte das Gemach von dem Wetterschlage, der Kätterle so furchtbar erschreckt hatte.

»Heilige Klara, hilf!« rief Eva, indem sie sich bekreuzte und auf die Kniee warf; Els aber eilte ans Fenster, stieß es auf und schaute mit dem Vater auf die Straße. Dort war nichts zu sehen als ein leichter Feuerschein am fernen nördlichen Horizont und zwei geharnischte Söldner, die in raschem Trab auf die Stadt zuritten. Aus den Ställen am Marienturme waren sie abgesandt worden, um, falls ein Feuer ausbrach, beim Löschen Ordnung zu halten. Einige Knechte, die ihnen mit Haken und Stangen folgten, eilten gleichfalls dem Frauenthor zu.

Auf die Frage, wohin, und wo es brenne, erfolgte die Antwort: »Nach dem Fischbache, um ihn aufstauen zu helfen. Es hat, scheint's, unter der Feste am Tiergärtnerthore gezündet.«

Zu gleicher Zeit bewies der langgezogene Hilferuf aus dem Horn des Türmers, daß die Knechte ihn recht unterrichtet.

Da eilte er hinaus, und von der oberen Treppe her scholl ihm das Zetergeschrei Kätterles: »Es schlug ein! Bei den Klarissinnen brennt es!« entgegen.

Herr Ernst hatte ihr das Urteil gesprochen, und ihr Anblick erregte seinen Groll aufs neue so heftig, daß er, trotz der dringenden Gefahr, ihr zurief, was ihn jetzt 191 auch in Anspruch nehme, sie werde der strengsten Strafe für ihr schändliches Verhalten gewiß nicht entgehen.

Dann befahl er dem alten Endres, mit zwei Knechten bei der Schlafkammer der Hausfrau zu wachen, um, falls sich etwas ereigne, die Hilflose zuerst in Sicherheit zu bringen.

Bevor er sich selbst auf die Brandstätte begab, eilte er noch einmal zu den Töchtern zurück.

Während die Mädchen ihm Hut und Umwurf reichten, erfuhren sie, wo der Blitz gezündet, und nun sollte es noch einen Aufenthalt für den besorgten Hausherrn geben; denn Eva griff nach Schuhen und Strümpfen und erklärte, während sie die kleinen Pantoffeln von den Füßen schleuderte, wo ihre lieben Aebtissinnnen in Gefahr schwebten, da dürfte auch sie nicht fehlen; der Vater aber befahl ihr, bei der Schwester und Mutter zu bleiben, und näherte sich der Thüre. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen und wandte sich mit der besorgten Bitte: »Denkt an die Mutter!« an seine Töchter.

Ein neuer Donnerschlag übertönte das Geräusch seiner die Treppe hinabeilenden Schritte.

Als Els, die dem Vater kurze Zeit aus dem Fenster nachgeschaut hatte, sich der Schwester wieder näherte, trocknete sie Augen und Wangen und sagte: »Vielleicht hat er recht; doch jedesmal, wenn das Herz mich antreibt, einem warmen Verlangen zu folgen, wirft man mir Steine in den Weg. Ein wie willenloses Nichts ist doch die Tochter eines ehrbaren Nürnberger Geschlechtes.«

Erstaunt vernahm Els diesen Klageruf. War das ihre Ev, ihre »kleine Heilige«, die sich gestern noch nichts sehnlicher gewünscht hatte, als in demütigem Gehorsam, 192 fern vom Geräusche der Welt, ihres himmlischen Bräutigams würdig zu werden und im stillen Frieden des Klosters die Seele zu Gott zu erheben? Was war in wenigen Stunden aus dem Mädchen geworden! Selbst die am weltlichsten Gesinnte unter ihren Freundinnen hätte solche Klage der andern verdacht.

Aber sie fand jetzt keine Zeit, der Verirrten ins Gewissen zu reden. Liebe und Pflicht riefen sie ans Lager der Mutter. Und dann! Das Kind war sich seiner Minne bewußt geworden, und sie, die durch den eigenen Vater von dem Geliebten getrennt war, und doch nicht von ihm zu lassen gedachte, war sie auch berechtigt, der Schwester zu raten, ihre Minne und die Hoffnung auf künftiges Glück mit und durch den Geliebten zu den Toten zu werfen?

Was für Wunder die Minne doch wirkte! Wenn sie in einer Nacht aus ihrer frommen, künftigen Himmelsbraut ein ungestüm begehrendes Weib gemacht hatte, dann konnte sie auch für sie das Unglaubliche thun.

Während Eva zum Fenster hinausschaute, begab Els sich zu der Mutter zurück. Sie schlief noch immer, und ohne sich von der Neugier oder von dem Verlangen, zu helfen, von ihrer Pflicht abwenden zu lassen, behauptete sie trotz des Feuerlärms, der gedämpft in das Gemach drang, ihren Platz am Lager der teuren Kranken.

 

 

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