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Im Schatten Shakespeares

Eduard Stucken: Im Schatten Shakespeares - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/stucken/schatten/schatten.xml
typefiction
authorEduard Stucken
titleIm Schatten Shakespeares
publisherHoren-Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1929
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090222
projectidccbc9428
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Erstes Buch

1

Im Sommer 1927 berichteten die Zeitungen, daß der berühmte Essexring von seinem letzten Besitzer dem Staate England geschenkt worden sei. Einst hatte ihn Königin Elisabeth ihrem Günstling Essex an den Finger gesteckt, – nicht um den schwer zu Bändigenden an sich zu fesseln, vielmehr, um sich und ihrem unbändigen, alternden Herzen eine Fessel anzulegen. Ihre Gunst, das wußte sie, war eine Liane, die leicht welken konnte; der Weg vom Königspalast zum Tower war nicht gar weit; ein Henkergespenst kauerte zu Füßen des Thrones und erwartete die Zuhochgestiegenen ... Darum forderte sie den Günstling auf, ihr das Kleinod zuzuschicken, falls er künftig einmal in Ungnade fallen, dem Schafott verfallen sollte; sie werde beim Anblick des Ringes – das versprach sie feierlich – gedenken, Gnade walten lassen, aus Todesnot befreien.

Als wenige Jahre später Essex seinen Kopf verwirkt hatte, bat er eine nahe Verwandte, Alice Lady Howard, seinen Ring der Königin zu bringen. Die Lady war bereit, es zu tun; ihr Gatte jedoch, dem sie davon erzählte, verbot es ihr. Nicht verwinden konnte Admiral Howard, der einst gemeinsam mit Essex die Spanier bei Cadiz überfallen hatte, daß er vom glanzvollen Rivalen überstrahlt und in den Schatten gestellt worden war. Sein heimlicher Erzfeind bisher, wurde er nun sein heimlicher Mörder.

Zwei Jahre vergingen. Lady Howard erkrankte. Der Königin, die an ihr Sterbebett kam, zeigte sie den Ring. Stöhnend, zerfressen von Reue, halb wahnsinnig vor Mitgefühl mit sich selbst und mit der schmerzerstarrten Königin, beichtete sie, was Essex ihr aufgetragen und was sie, eingeschüchtert durch das Verbot ihres Gatten, auszuführen unterlassen hatte. Ehe sie tränengebadet dies hervorächzte, waren auf ihren Wunsch alle Anverwandten und Pflegerinnen wie auch das Gefolge Elisabeths ins Nebenzimmer gegangen, – allein war sie mit ihrer Richterin. Diese sagte nichts, stierte hilflos vor sich hin. Zuerst hatte ein flüchtiges Lächeln über ihr greises, fahles Gesicht hingezuckt, als wäre sie befreit von bleierner Last –: also war er doch nicht so hochmütig und trotzig zum Henkerblock geschritten, also hatte er doch ihre Güte nicht verschmäht, hatte also doch die Hand nach ihrer Hand ausgestreckt und an ihr Erbarmen geglaubt ... Doch das Lächeln versteinerte, wurde blutfinster, wurde schmerzhafte Verzerrung. Stumm, qualvoll stumm, wiegte sie wie ein todwundes Tier den Kopf und den ins perlenbesäte Mieder geschnürten Rumpf von links nach rechts und von rechts nach links – immer wieder ohne Unterlaß ... Plötzlich umkrallte sie die abgemergelten Arme der Sterbenden, beugte sich über sie, brachte ihr Gesicht dicht an das blutlose Gesicht, senkte den brennenden Blick in die erlöschenden Augen, um Höllenflammen darin zu entzünden ... Lady Howard vernahm den gemurmelten grauenvollen Fluch nicht mehr. Die draußen Wartenden aber vernahmen gleich darauf einen gräßlichen Aufschrei; – als sie ins Zimmer traten, lag die Königin schluchzend über einer Leiche.

Die vergoldete Hofkarosse fuhr nach Whitehall zurück, – da sah jedermann den Tod in Elisabeths Blick. Unenträtselbar war, was sie, flüsternd vor sich hinredete. Sie verweigerte jegliche Nahrung, legte sich angekleidet aufs Bett, fand nicht Schlaf noch Ruhe und irrte, eine flackernde Kerze in der Hand, durch die nachtfinstern Prunksäle, als wäre sie ihr eigenes Gespenst. Sie überlebte Lady Howard nur zwölf Tage und verschied erwürgt vom Gram.

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