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Im Schatten des Todes

Wilhelm Walloth: Im Schatten des Todes - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Schatten des Todes
authorWilhelm Walloth
year1909
firstpub1909
publisherSueviaverlag
addressJugenheim a. d. Bergstraße
titleIm Schatten des Todes
pages386
created20100316
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

»Wie dem nun auch sei, Tatsache ist, du hast die Dame besucht. Ich verbiete dir hiermit den Umgang mit dieser – Emma Dorn,« sagte der Gymnasialdirektor Adolf Körn zu seinem 19jährigen Sohn Karl in seinem strengsten Schultyrannenton. »Ich weiß zwar, du wirst doch hingehen, – aber ich verbiete dir den Umgang mit der Schriftstellerin Emma Dorn.«

Wie ein tragischer Schauspieler deklamierte er in seiner grandiosen Manier, der kleine zierliche Mann, und schritt im Zimmer einher, genau wie er es in der Schulstube tat, wenn ein »großer Fall« seine Beredsamkeit weckte. Er spielte vornehm mit der linken Hand an seiner goldnen auf weißer Weste ruhenden Uhrkette, während die Rechte nachlässig-graziös seinen Worten tiefere Wucht zu geben bemüht war. Man sah ihm an, wie er in seiner eignen professoralen Würde schwamm, wie er seine eigne 2 Größe kostete. Sein Anzug war ganz modern. Er ging jedes Jahr auf vier Wochen nach Paris, angeblich, um seine Aussprache zu verbessern. Seine Feinde sagten: er verbessere diese Sprachtalente dort oft in sehr »besserungsbedürftigen« Lokalen. Jedenfalls kleidete er sich sehr elegant: helle Hose, weiße Weste, schwarzer Rock. Sein ganzes Wesen machte den Eindruck des Jugendlichen, er suchte Schillerschen Idealismus zu vereinigen mit französischer Verve! Seine Züge waren immer noch hübsch, und ein lebhaftes schwarzes Auge deutete auf Temperament.

Karl saß mit trotzig aufeinandergepreßten Lippen, düsteren Blicken und gerunzelter Stirn vor dem Vater und lauschte mismutig auf dessen litterarisch-moralische Abhandlung, die ein wahres Wunderwerk war in jener Kunst: mit möglichst viel hochtrabenden Redensarten, möglichst wenig zu sagen. Immer kehrten die Lieblingsphrasen des Direktors wieder: wie dem nun auch sei – Tatsache ist die – es ist nicht in Abrede zu stellen u. s. w. Es machte den Eindruck, als ob der kleine, zierliche Mann um so mehr durch die Wucht seiner Beredsamkeit imponieren wollte, je weniger er durch sein Äußeres imponieren konnte.

»Aber warum soll ich denn Fräulein Emma Dorn nicht besuchen?« fragte Karl, dessen 20jährige Gesichtszüge schon einen gewissen unjugendlichen, professoralen Ausdruck trugen. »Sie ist eine bekannte Schriftstellerin, – ich lerne viel bei ihr, sie kann mich guten Verlegern empfehlen . . .«.

»Eben das will man nicht!« deklamierte der 3 Direktor. Das Wörtchen ›man‹ wendete er so häufig an, daß er in der Schule den Spitznamen der ›man‹ erhalten hatte. »Man weiß, was junge Leute dort lernen; sie ist eines jener emanzipierten Frauenzimmer, die sittenverderbend wirken . . .«

»Ich muß das doch in Abrede stellen,« fuhr Karl auf. »Fräulein Dorn hat nie meine Sitten verdorben.«

»Sie könnte es aber. Wie dem nun auch sei, – sie schreibt für das hiesige Vorstadtblatt Theaterkritiken, das Blatt ist sozialistisch angehaucht! Sie schwelgt in diesem schändlichen Naturalismus; man haßt das Ideale in der Kunst . . .«

»Das ist nicht wahr,« platzte der Sohn heraus. »Sie hat überhaupt kein bestimmtes litterarisches Programm; für sie gibt es nur gute und schlechte Kunstwerke.«

»Wie dem nun auch sei, – es paßt mir nicht, daß du zu ihr gehst. Man spricht in der ganzen Vorstadt zu viel von der Dame . . . . von ihrem Lebenswandel: man soll rauchen, man soll sogar schon Männerkleider getragen haben! man lebt da mit einer Freundin zusammen, man soll auch dem Trunk ergeben sein.«

»Unsinn! Vorstadtgeklatsch! Das Fräulein Luise, das bei ihr wohnt, ist Klavierlehrerin; sehr anständig, sehr gebildet, – wenn auch arm. Hier . . . hier . . . ist übrigens das Bild der beiden Damen,« setzte Karl mit jugendlichem Verteidigungseifer hinzu, eine Kabinetsphotographie aus der inneren Rocktasche hastig hervorsuchend. »Ist der Ausdruck eines 4 dieser Köpfe etwa unmoralisch? satanisch? lasterhaft?«

»Was?« rief der Direktor streng, »man besitzt sogar die Photographie der Damen?«

»Ja,« verteidigte der Jüngling mit naivem Übereifer seine Heldinnen, »man besitzt die Photographie . . .«

Dies ›man‹, das dem Sohn unwillkürlich entschlüpft war, trug ihm zunächst einen misbilligenden väterlichen Blick ein. Doch griff der gestrenge Pädagog nichts desto weniger neugierig nach dem Bild. Die beiden Köpfe überraschten ihn. Emmas Gesicht trug jenen dämonischen Ausdruck einer gewissen ›wilden‹ Schönheit, der an südfranzösische Leidenschaftlichkeit und Geist erinnerte; Luisens Gesicht drückte deutsche Gemütstiefe aus; eine sanfte, beinahe krankhafte Schwärmerei flehte aus diesen sinnenden Augen den Beschauer um Nachsicht an. Der staatlich geprüfte Erzieher behielt indes seine Beobachtungen und Gefühle, die jene Bilder in ihm erweckten, bei sich. Er legt die Photographie stillschweigend auf seinen Schreibpult, was soviel sagen wollte, als: sie ist einstweilen konfisziert.

»Da hat mir,« sagte er, »mein verehrter Kollege, dein Lehrer, Dr. Simmer, den neuesten Roman dieser Emma Dorn gebracht . . . wie heißt er gleich?« er suchte unter den auf dem Pult liegenden Papieren.

»Finstre Dämonen,« half Karl seinem Gedächtnis nach.

»Ja,« fuhr Körn fort, »Finstre Dämonen. Das soll ein höchst unmoralisches Buch sein. Mit einem 5 Weib, das solche Bücher schreibt, verkehrst du nicht.«

»Hast du denn das Buch gelesen?« erlaubte sich Karl zu fragen und erhielt zur Antwort: »Noch nicht.«

»Du wirsts aber lesen?«

»Man wird es lesen und davon wird meine weitere Entscheidung abhängen. Dr. Simmer war entrüstet.«

»Ach,« fuhr Karl auf, »der ist über alles gleich entrüstet, was nicht in seinen Kram paßt.«

»Von deinem Lehrer sprichst du nicht per: ›der‹!« tadelte der Direktor. »Indes, drücke dich auch sonst gewählter aus; ›Kram paßt‹! das ist kein Ausdruck. Das beiläufig. Kurz, wie dem nun auch sei, – man spricht in unsrer Vorstadt von den seltsamen Manieren der Dame. Ich weiß ja, daß du heimlich schriftstellerst, – du hast ja bereits in der Zeitschrift »Freiland« allerlei veröffentlicht, was mir gar nicht übel gefallen hat. Ich lege dir, so lange du deine Arbeiten in der Klasse zur Zufriedenheit deiner Lehrer ablieferst, nichts in den Weg. Meinetwegen mach Verse. Aber der Umgang mit dieser Dame . . .« Er wollte weiterreden, als das Dienstmädchen auf einem versilberten Teller die Morgenpost brachte. Es war auch ein Brief für Karl dabei, den der Direktor schweigend seinem Sohn überreichte. Der Sohn wollte sich auf sein Zimmer begeben.

»Lies ihn hier,« herrschte der Vater.

»Hier?«

»Ja. Lies ihn mir vor.«

»Verzeih, Papa, das . . .«

»Ich wills! Ich habe das Recht als dein Erzieher, zu wissen, mit wem du Briefe wechselst.«

»Du hast noch nie verlangt, daß ich dir Briefe vorlege.«

»So verlange ichs jetzt.«

»Ich bin aber doch alt genug . . .«

»Du bist noch nicht 21 Jahre. Also – bitte – lies!«

Karl erbrach hastig den Brief, las und entfärbte sich. Seinem Vater war das Zittern nicht entgangen, das den Körper seines Sohnes überschauerte. Mistrauisch beobachtete er über den Rand der Zeitung hinwegblickend, das Gebahren seines Kindes.

»Was hast du?« fragte er.

»Nichts . . .«

»Ich merke doch, daß du bleich wirst und zitterst.«

Karl sah verstört durchs Fenster auf den S . . . platz hinunter.

»Nun,« mahnte der Direktor ironisch, »ich darf mich doch, – besonders, wenn sie einen solchen Eindruck hervorruft! – nach der Korrespondenz meines Filius erkundigen?«

»Ach, eine litterarische Streitsache!« lehnte dieser, mit sich kämpfend, ab und wollte gehen.

»Du bleibst! ich will Genaueres wissen . . .«

»Ich – ich,« stammelte Karl betreten, »hab für das Blatt »Die litterarische Wacht« Kritiken geschrieben.«

»Das weiß man.«

»Nun, da hab ich die Gedichte eines hiesigen Schriftstellers – Alfred Märzler – etwas stark vermöbelt.«

»Drücke dich doch gewählter aus! Vermöbelt? 7 was ist das für ein Ausdruck?«

»Der Kraftausdruck für herunterreißen.«

»Du hast also die Gedichte scharf kritisiert?«

»Ja, unter dem Pseudonym Paolo Reddi.«

»Hattest du ein Recht hierzu?«

»Die Gedichte dieses Märzler sind miserabel.«

»Nun? und? was schreibt man dir?«

Karl bekam einen hochroten Kopf.

»Laß mich sehen!« befahl der Vater.

Karl zögerte.

»Er . . . der Märzler hat sich an die Redaktion der »Litterarischen Wacht« gewendet und will wissen, wer unter diesem Paolo Reddi verborgen ist.«

»Weshalb?«

»Er . . .« stammelte Karl. Dann rief er ganz laut: »Er will mich verklagen.«

Der Direktor schnellte vom Sitz empor.

»Dich . . . ver . . . klagen?«

Dann riß er dem Sohn die Papiere aus der Hand. Der Redakteur teilte dem jungen Kritiker mit, er glaube kaum, daß dem erzürnten Dichter seine richtige Adresse dauernd verborgen werden könne. Der Brief Märzlers lag bei. Darin hieß es:

Die Kritik meiner Herbstblätter ist in einem derartig rohen Ton abgefaßt, daß ich die Sache meinem Rechtsanwalt übergeben habe und Sie sich auf eine Beleidigungsanklage gefaßt machen müssen.

Dr. Georg Simmer.

»Dr. Simmer?« rief der Direktor, dem das Blut in die Stirn schoß, »Dr. Simmer? dein Religionslehrer?«

8 »Ich wußt nicht,« verteidigte sich der Jüngling hastig, »daß unter diesem Märzler – Dr. Simmer verborgen ist.«

»Du hast also,« schrie Körn wütend, »die Gedichte deines Lehrers angegriffen! Und zwar jedenfalls in einer Weise angegriffen, die eine Beleidigungsklage rechtfertigt?«

»Konnt ich wissen,« rief, am ganzen Körper zitternd, der junge Mann, »daß mein Religionslehrer so schlechte Verse in die Welt setzt?«

Der Direktor schritt wie ein gefangner Löwe im Zimmer einher, pustend, schnaubend, wobei er aber stets die äußere Eleganz wahrte und immer nachlässig mit der goldnen Uhrkette spielte.

»Schöne Geschichte, das!« polterte er grimmig vor sich hin. »Wahrlich, nette Verwicklung! Dr. Simmer weiß noch gar nicht, daß sein eigner Schüler, mein Filius! ihn beleidigt . . . öffentlich an den Pranger gestellt . . .! Wahrhaftig, du baust vortrefflich an deinem Lebensglück. Was soll aus dir mal werden? Ein Journalist? Ein Federlump? Ein verhungerter Dachstubenpoet? Denn das sag ich dir: Ich mische mich nicht in diese Sache . . . mit keinem Wort! Du hast dir die Suppe eingebrockt; tunke nur sie selbst aus! Fällt mir nicht ein, für dich die Kastanien aus dem Feuer zu holen! schon aus Prinzip nicht! Der Sohn des Direktors muß noch weit strenger und parteiloser behandelt werden, als ein anderer Schüler. Von mir erfährt Dr. Simmer gar nichts. Er soll dich nur verklagen. Dann aber . . . fliegst du sofort aus der Schule, 9 sofort! Ha ha! ein halbes Jahr vor Maturitas – aus dem Gymnasium; – sehr gut! Dann schmier an einer Zeitung – Leitartikel! Dr. Simmer wird und soll dich verklagen. Ich bitte ihn sogar darum; ja, ich bitte ihn darum, hörst du? Denke nur nicht, ich lege mich als Direktor ins Mittel. O nein! keineswegs! Und jetzt . . . hole mir die Kritik. Hast du sie noch?«

»Ja . . .«

»Also, bring sie . . .«

Karl verließ mit sehr niedergeschlagenem Ausdruck auf dem vorzeitig gealterten, wenn auch zarten Gesicht, das Studierzimmer und begab sich auf sein kleines, nach dem Hof hinaus gelegenes Zimmerchen. Dort saß er einige Zeit an dem beim Fenster stehenden Tisch, der mit Büchern und Heften bedeckt war und starrte mit seinem neuropathischen Blick hinaus auf den kleinen Hausgarten, dessen Bäume bereits, vom Herbstwind geschüttelt, ihre Blätter verloren. Durch den gelbroten Blättervorhang herüber glänzten die breiten Fenster der Erhardtschen Druckerei. Hinter den Scheiben hantierten die Setzer vor den Setzkästen, grünlich verschwommen schimmerten Gesichter, Arme, Hände durch das Glas. Links an der äußeren Hauswand puffte und paffte ein Dampfrohr; ewig hing dort eine weiße Dampfwolke wie ein großer Wattbündel, den der Wind beständig in Fetzen um die Hausecke riß. Karl versenkte sich in den Anblick der sonderbar gestalteten Dampfschleier . . . . . Unbestimmte, nicht zu Ende gedachte Gedanken rief der Anblick dieser immer vom Wind zersausten Wolke 10 in ihm wach . . . Doch, das kann jeder denken, sagte er sich, das ist nichts für dein Tagebuch. – Jeder Schulmeister wird diese Rauchwolke mit dem Menschenleben vergleichen . . . sogar Dr. Georg Simmer . . . Ja so! ich soll ja die »Literarische Wacht« suchen! . . . Welches Mißgeschick! sann er weiter; ich zerreiße die Geistesprodukte meines Lehrers! Warum schreibt er solchen Blödsinn? Er kramte unter den Heften und zog schließlich eine gelb eingebundne Broschüre hervor. Nebenan lag auch sein geliebtes Tagebuch.

Doch war jetzt keine Zeit mehr, darin zu blättern. Die Schulstunden riefen. Rasch packte er seine Bücher zusammen, im Innersten fest entschlossen, dem Gebot des Vaters zu trotzen und gleich nach Schulschluß Fräulein Emma Dorn aufzusuchen. »Du wirst zwar doch hingehen, ich verbiete dirs aber!« Daß aber der Vater Ernst machen würde mit seiner Drohung, ihn aus der Schule zu weisen, wenn eine Anklage erfolgte, daß wußte er. Der Vater zeigte ihm ja stets nur den Pädagogen, nie den Vater!

Nun ging er nach dem Wohnzimmer – als er so mit den Büchern unterm Arm erhobenen Haupts über den Flur schritt, sah er aus wie ein Professor en miniature. Geistiger Hochmut, der jedoch durch Schwärmerei veredelt wurde, sprach aus diesen jugendlichen Greisenzügen. Eigentümlicher Weise bildete sich bei ihm unterm Kinn hervor ein leichter Bartflaum, der seinem Gesicht nun erst recht den Charakter des Frühreifen verlieh.

Der Direktor hatte indessen in sehr übler Laune 11 sich zum Ausgehen zurecht gemacht. Diese schlechte Laune verstärkte sich, als er seine Frau Katharina im rotgeblümten Hauskleid am Schreibtisch sitzen sah.

»Der Kaffee,« sagte er, »war heute wieder miserabel.«

»Sag das dem Dienstmädchen,« gab die starkknochige Frau ohne aufzusehen zurück, »und stör mich nicht.«

»In aller Frühe schon vorm Pult!« schimpfte er weiter. »Natürlich, da muß die Haushaltung zu Grund gehen. Wie oft hab ich dir schon gesagt, daß bei deinen Götheforschungen absolut nichts herauskommt.«

»Das kannst du noch so oft sagen, als du willst.«

»Das ist krankhaft bei dir. Dr. Müller sagt das auch. Du hast ja gar nicht die nötige Vorbildung, um solche Forschungen zu treiben.«

Die Frau Direktor fuhr mit wutverzerrtem Gesicht empor.

»Natürlich,« versetzte sie giftig, »nur die Herren Gelehrten dürfen sich wissenschaftlich beschäftigen. Alle anderen Menschen sind Dummköpfe.«

»Das behaupt ich nicht,« gab er immer gereizter zurück. »Ich kenne aber doch deinen Bildungsgang und weiß, daß du absolut unfähig bist, wissenschaftliche Forschungen anzustellen. Deine Schreibereien verschlingen viel Geld, alle Augenblicke mußt du bald nach Wetzlar, bald nach Weimar reisen, mußt bald die Kirchenschwelle photographieren, über die Göthe mal geschritten, bald jene wurmstichige Bettlage besichtigen, in der er mal eine Nacht geschlafen 12 haben soll. Und was bringt das alles für einen Nutzen? Du stellst im besten Fall ein paar gänzlich unwichtige Kleinigkeiten fest, die zum Verständnis der Götheschen Geistesgröße ganz ohne Belang sind.«

»Das ist nicht wahr!« verteidigte sie ihren allerdings ans Pathologische grenzenden Forschungseifer. »Es handelt sich um eine sehr wichtige Frage. Ich bin dem echten, wahren Mädchen auf der Spur, das Göthe beim »Gretchen« zum Modell gedient hat.«

»Das weiß man ja längst,« wendete er resigniert ein.

»Nichts weiß man,« rief sie mit glühenden Wangen. »Alle tappen im Finstern, – ich allein bin dem echten Modell auf der Spur gekommen. Ich sag dir: es gibt eine Umwälzung, eine völlige Umgestaltung in der Beurteilung Göthes . . .«

Er seufzte verzweiflungsvoll auf. »Meinetwegen,« jammerte er. »Mit Karl ists auch nicht mehr auszuhalten. Da hat er seinen eignen Lehrer, den Dr. Simmer, öffentlich angegriffen, diesen eiteln, ehrgeizigen Theologen.«

Sie erkundigte sich. Er teilte ihr den Sachverhalt mit und schloß: »Ich rühr keinen Finger in der Sache. Er mag ihn verklagen! Dann fliegt er aus der Schule, – seine Schriftstellern verbiet ich ihm! – und dir die deinige auch. Ist das eine Haushaltung? Wann bekomm ich mal was Vernünftiges zu essen? Und nie zur rechten Zeit! Und dabei sparst du am unrechten Ort: das Brot wird schimmlig, die Butter ranzig, die Wurst wird aufgehoben bis kein Hund sie mehr frißt. Und was ist denn das?« setzte er zornig hinzu, sich nach der linken Stubenecke wendend, in der zwei dicke in Zeitungspapier gehüllte Pakete standen. Er riß die Zeitungshülle hinweg, – harmlose Regenschirme blickten ihm entgegen und seine Frau beeilte sich, ihn mit siegesgewisser Miene aufzuklären: »Ja, Regenschirme, die ich sehr billig bei Tietz gekauft . . .«

»Ja,« schrie Körn wütend, »wie viel sind denn das? Eins, zwei, drei, vier . . . zwei Dutzend? vierundzwanzig Regenschirme?!«

Mit größter Seelenruhe und großem Stolz auf ihre ökonomischen Talente setzte ihm Katharina auseinander, daß dies ein sehr vorteilhafter Gelegenheitskauf sei. Die Regenschirme werden immer teurer; in M . . . regne es stets . . . der Herbst sei im Anzug . . . nun sei die Familie gleich fürs ganze Leben mit Regenschirmen versorgt.

»Vierundzwanzig Regenschirme?!« tobte der Direktor, bleich vor Wut . . . . »Bist du verrückt? So wirfst du das Geld zum Fenster hinaus? 24 Regenschirme! Das soll Dr. Müller hören, – ob das noch vernünftig ist! 24 Regenschirme auf einmal!«

Katharina schrieb ruhig weiter. Ihr Gatte stürzte ins Schlafzimmer, riß seinen Ueberzieher vom Nagel und kam, den Cylinder auf dem Kopf (er ging stets im Cylinder), elegant wie ein Pariser Stutzer, wieder ins Wohnzimmer. Die gute Gelegenheit, seine Eloquenz leuchten zu lassen, ließ er sich nicht entgehen, immer wieder fiel er über die 24 Regenschirme her.

»Jetzt hör mal endlich auf,« unterbrach Katharina seinen klassischen Redestrom. »Schau durchs Fenster, – es regnet. Nimm dir nur gleich einen 14 neuen von den 24 Schirmen, dein alter ist fadenscheinig.«

Den Direktor brachte diese Ruhe vollends auf. »Laß dein Geschreibsel!« schrie er. »Marsch in die Küche! Man will was Ordentliches zu essen – wenn heute das Mittagessen wieder erst um 2 Uhr fertig ist, eß ich im Wirtshaus.«

»Mein Gott,« verteidigte sich die Götheforscherin, »lebst du denn um zu essen? Wenn der Mensch nur was im Magen hat . . .«

»Ich will was Ordentliches im Magen haben oder gar nichts!« tobte der große Pädagoge.

»Dann lieber gar nichts. Du bist zu materiell, du bist kein Geistmensch . . .«

»Lieber will ich einer von deinen 24 Regenschirmen sein als dies Leben länger aushalten!«

»Du hast es so lange ausgehalten, bist alt dabei geworden und gesund geblieben.«

»Wie dem nun auch sei, – Tatsache ist: man will Ordnung in seinem Haushalt! Neulich hast du ebenso einen pathologischen Streich verübt –: zwei Dutzend Gummischuhe angeschafft. Vor drei Monaten warens tausend Zündholzpakete. Wo soll das hinaus?«

»Und,« rief Frau Katharina, »da sagt der Mann, ich verstehe nichts von Haushaltung! Er weiß gar nicht, welche Perle er an mir besitzt?«

»O, du kostbare Perle!« höhnte der Direktor, sich vor seiner Frau mit burlesker Grazie verbeugend, »wenn du mir nur nie gestohlen wirst! Ich verdanke dir ja so herrliche Stunden! Du wirst auch 15 noch einmal eine berühmte Frau werden und meinen Namen verewigen.«

»Jedenfalls,« versetzte sie kühl, »hast du mehr Aussicht durch mich berühmt zu werden, als ich durch dich! Was hab ich, als ich Braut war, für Hoffnungen auf dich gesetzt. In der ganzen Vorstadt A . . . . hießest du nur das Wunderkind; dein Vater, der Schulrat, glaubte, du würdest ein wahrer Himmelstürmer . . . . Weißt du noch, wie du mir dein Drama »Die Hohenstaufen« überreichtest? Du selbst warst am entzücktesten davon. Du rühmtest den Adel der Sprache! Die Kritik nannte es: ein echtes Oberlehrer-Drama, ohne Handlung, ohne Charakteristik, mit schwulstigen Phrasen aufgedonnert. Ich glaubte damals als Siebzehnjährige einen großen Poeten in dir zu lieben; aber aus dem großen Poeten ward nur ein kleiner Schultyrann.«

»Und nun glaubst du,« verteidigte er sich, innerlich kochend, »du müßtest meine litterarische Ehre retten? Wenn ich auch kein großer Poet geworden bin,– man ist ein Pädagoge geworden, den die Regierung hochschätzt . . .«

»Ein großer Pädagog,« höhnte sie, »der seine eigenen Kinder nicht zu erziehen versteht.«

»Wenn sie der Mutter nachschlagen,« gab er ihren Hieb zurück, »kann sie der Teufel erziehen. Deine Kinder sinds leider, in jeder Beziehung.«

»Ich bin stolz auf solche Kinder,« widersprach sie. »Weißt du, was unser Karl gestern in sein Tagebuch geschrieben hat?«

»Nun?«

16 »Eine geniale Bemerkung!«

»Will ich gar nicht wissen!«

»Die Schullehrer,« sagte sie scharf, »sind es meistens deshalb geworden, weil sie Etwas zu sagen haben, was für die Erwachsnen zu dumm, für die Kinder zu gescheidt ist.«

Der Direktor mußte unwillkürlich lächeln. Dieser Ausdruck seines Sohnes versöhnte ihn wieder ein wenig mit dessen Eigenart. Er war ja im Grund stolz auf die Talente dieses Kindes, – aber er wollte sich ums Himmels willen nicht merken lassen, daß er seinen Karl liebte, ja bewunderte. Er zeigte ihm stets die strenge Magistermiene, die ihm der Sohn mit einer noch kälteren Maske erwiderte.

»Karl,« sagte er streng, »könnte auch was Besseres in sein Tagebuch schreiben. Unsinn! Was will man damit sagen? Der unreife Schlingel soll erst was lernen. Er ist gerade so abnorm wie du.«

»Diese Abnormität,« erwiderte sie, »laß ich auf mir sitzen. Bei Karl hat sie sich in Genialität verwandelt. Du wirst noch staunend zu deinem Sohn emporblicken.«

»Wo bleibt er denn nur mit seiner verwünschten Kritik?« rief er. In diesem Augenblick trat Karl, zum Gang ins Gymnasium gerüstet, ins Zimmer und überreichte dem Vater das gelbe Heft. Der Direktor überflog die Kritik.

»Sehr bissig!« sagte er dann entsetzt. »Sie strotzt von beleidigenden Ausdrücken – dieser Zionswächter – dieser David, der nach seiner Bathseba schmachtet – frömmelndes Gekrähe eines 17 brünstig aufgeblähten Hahns – möcht ihm die Tugendmaske vom Heuchlergesicht reißen . . . Wie kommst du auf solche Wendungen?!«

»Die Gedichte Märzlers,« entschuldigte sich Karl, »sind ›geistlicher‹ Art . . .«

»Was berechtigt dich Wendungen zu gebrauchen wie die: er schielt durch seine fromme Maske mit dem linken Auge nach einem Orden, mit dem rechten nach Beförderung und legt sich dabei mit hochmütiger Geberde die Falten seines Priestertalars zurecht . . . er kann sich beruhigen, sein Streben wird höheren Orts belohnt werden . . .«

»Ich habe dir hier sein Werk mitgebracht,« sagte Karl. »Lies die Sachen durch, ob ich nicht recht habe.«

Körn nahm das Bändchen in Empfang.

»Aus dieser Kritik,« tadelte der Vater, »spricht übrigens ein ganz anarchistischer Geist . . .«

»Ich bin auch Anarchist in gewissem Sinne,« versetzte der Sohn trotzig.

»Unsinn!« fuhr ihn der Direktor an. »Du bist gar nichts. Du hast in der Schule zu arbeiten, weiter nichts. – Und hier . . . hast du dir auch Ausfälle gegen Militär, Staat und Kirche erlaubt?! Karl, Karl, du bist ein Verlorener! Ich werde meine Hände von dir ziehen. Diese Anklage kommt mir gerade recht, ich sage mich von dir los! . . . Da siehst du nun deine Kinder!« Die letzte Phrase galt seiner Frau.

»Wenn du nur nicht immer von meinen Kindern sprechen wolltest!« fuhr sie auf. »Als wenn du ganz unbeteiligt gewesen wärst! Was Karl anlangt, so 18 laß ihn doch austoben. Welcher Jüngling war nicht mal eine Zeit lang Anarchist? Das kommt nur vom Zwang des Gymnasiums, von der väterlichen Strenge.«

»Bei mir, liebe Mama,« wendete Karl ein, »entspringt der Anarchismus aus tieferen Quellen. Meine Überzeugung lautet: nur die Gesetzlosigkeit ist das oberste Gesetz, weil der Mensch sich selbst ein Gesetz . . .«

»Ach, lieber Karl,« beruhigte ihn die Mutter, »du hast zu viel Nietzsche gelesen.«

Sofort griff der Direktor dies Wort auf. »Das ists,« donnerte er. »Dieser gottverfluchte Nietzsche verwirrt den jungen Leuten die Köpfe. Dieser wahnsinnige Halbphilosoph, den man polizeilich verbieten sollte, macht die unreife Welt wahnsinnig. Du liest mir keine Zeile mehr von diesem Umwerter aller Werte! Es bleibt dabei: wenn Dr. Simmer auf einer Anklage besteht, fliegst du aus dem Gymnasium. Dann kannst du sehen, wohin du mit deinem Anarchismus kommst . . . Und jetzt fängt der auch noch an!« schimpfte er, mit bösem Blick nach der Salontüre, aus der soeben Klavierspiel ertönte. »Ich bin der reinste Irrenhauswärter. Eduard ist gerade so verrückt wie ihr beide; aus dem wird auch nichts. Meint, er sei ein musikalisches Genie! Sein Genie steckt nur in seinen langen Haaren. Das sind nun deine Kinder!« fuhr er wieder seine Frau an, die wiederum nicht verfehlte, ihm dies »deine« vorzuwerfen. Er fuhr fort: »Ich bezahle nur noch ein halbes Jahr seine Studien. Warum brach er mitten in der Juristerei ab, der Phantast! Und du, Karl, wirst gefälligst alle Hebel in Bewegung setzen, daß 19 keine Anklage kommt. Ich kümmere mich gar nicht um die Sache!«

Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer.

Nun trat Eduard herein. Der Bruder Karls war ein langaufgeschossener Mensch mit blonden Schmachtlocken, die ihm über die Schultern herabhingen. Er trug stets ein bleiches ›fürnehmes‹ Dulderantlitz zur Schau und hatte wegen seines pathetisch idealen Benehmens im Vorstadtviertel den Spitznamen »Der Gott« erhalten. Die ganze Nachbarschaft war außer sich darüber, daß er am Klavier stundenlang ewig dieselben Stellen wiederholte. Unter allen seinen Briefen stand: Eduard Körn, Sänger, Schriftsteller und Komponist. Er schrieb nämlich auch zuweilen Kritiken. Nun schüttelte er sein löwenmähniges Künstlerhaupt und fragte mit einem Pathos, als wolle er im fünften Akt der Tragödie aufs Schaffot wandeln: »Was hat er wieder, er, der den großen Richard Wagner nicht versteht?«

»Kinder,« wendete sich die starkknochige Mutter an ihre beiden Sprößlinge, »laßt ihn! er versteht uns nicht, diese pedantische Schulmeisterseele. Wartet die Stunde ab, in der die Welt uns anerkennend zu Füßen liegt, dann erst wird er sich bekehren und einsehen, – was er heute schon sehen sollte . . .« Ja, ja, dachte sie weiter, dann sind es meine Kinder, die er mir immer vorwirft . . .

Eduard blickte mit majestätischem Augenaufschlag zur Decke.

»Meine sechs Vertonungen von Nietzsches Liedern sind beendet,« sagte er. »Du hast mir versprochen, 20 Mama, daß ich sie auf deine Kosten herausgeben darf?«

»Gern, gern, mein Sohn,« sagte sie achtungsvoll. »Meinen letzten Heller wende ich daran, dir zum verdienten Erfolg zu verhelfen.«

»Die Lieder sind mir gelungen,« fuhr der ›Gott‹, sich selbst anbetend, fort. »Zwar dem Papa gefallen sie nicht; doch das ist gerade die beste Kritik, – der Arme steht noch bei Mozart . . .«

Er hatte die letzten Worte mit unnachahmlich mitleidiger Verachtung ausgesprochen. Die Frau Direktor setzte hinzu: »Er hat sich mit seinem besten Freund überworfen, weil der Beethoven über Mozart stellte . . .«

»Und dabei weiß ich,« warf Karl ärgerlich dazwischen, »daß er im Grund viele Stellen aus dem Lohengrin, sobald ich sie spiele, sehr gern hört. Es ist der reinste Widerspruchsgeist von ihm.«

»Ja, Kinder,« bestätigte die Mutter, »er besitzt einen gewissen germanischen Starrsinn und – Neid! Bismarck sagt einmal, der Neid sei das deutsche Nationallaster! Der Vater, der in der Jugend »Das Wunderkind« hieß, ärgert sich im Stillen darüber, daß er kein Wundermann, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Sterblicher geworden. Nun läßt er seinen schulmeisterlichen Zorn an jedem aus, der mehr Talent hat als er.«

»Das ist richtig,« fiel Karl ein. »An allem nörgelt er herum. Sein Haß auf Fräulein Emma Dorn ist auch – Neid!«

»Ganz gewiß!« rief Frau Katharina. »Kann man 21 denn mit ihm irgend ein Kunstwerk, eine Theatervorstellung sehen, eine Musik hören, ohne daß er darüber schimpft? Nur seine alten Griechen sind unfehlbar. Dabei kämpft er in der Politik für Freiheit, – im eignen Haus ist er Tyrann. Kinder, ihr wißt nicht, was ich mit dem Mann schon ausgestanden hab. Unsre Ehe . . .! nun ich will vor euch nicht klagen, – ihr sehts ja leider selbst.«

Karl trat zu der beinahe in Tränen Ausbrechenden hin und sagte mit naivem Schmerzausbruch: »Du glaubst gar nicht, Mama, wie mirs das Leben verbittert, daß ihr gar nicht miteinander auskommt.«

Katharina umarmte ihn. »Mein armes Kind,« schluchzte sie, »ich kenne dein tiefes Gemüt, das hast du von mir. Gott! du hast ja recht. Es muß da eine Änderung geben, so kanns nicht weitergehen. Ich bin ja nicht schuld an diesen ewigen Zerwürfnissen!«

»Erlaub, Mama,« ließ Karl zaghaft einfließen; »ich meine . . . verzeih . . .«

Sie sah ihn erstaunt an und fragte: »Wie?«

»Ich meine,« fuhr er leise fort, »es könnt mancher Zwist vermieden werden, wenn . . . . du ihm ein wenig entgegenkämst . . . in der Haushaltung . . .?«

Ihre Miene verdüsterte sich. »Ja, was ist denn?« fragte sie; »entbehrt er denn etwas? entbehrst du etwas? Bin ich nicht sparsam? praktisch? pünktlich?«

»Nun ja, nun ja,« beeilte sich der Sohn die Beleidigte zu besänftigen. »Du bist ja eine so geistig hochstehende Frau, – deine Götheforschungen werden dich gewiß einst noch berühmt machen . . .«

22 Ihre Züge verklärten sich. »Er tadelt meine Anschaffungen,« rechtfertigte sie sich. »Sie kommen aber dem Haushalt zugut; wir sind jetzt auf dreißig Jahre mit Regenschirmen versorgt, auf zwölf Jahre mit Gummischuhen, auf zehn Jahre mit Zündhölzchen. O, ich bin ein ökonomisches Genie . . . etwa nicht?«

Die beiden Söhne sagten weder ja noch nein. Der Schriftsteller, Sänger und Komponist schüttelte seine blonden Schmachtlocken und zog sich mit fürnehmer Leidensmiene an den Flügel zurück, auf dem er »neue« Akkorde suchte, der geniale Gymnasiast, der vor dem Maturitätsexamen stand, folgte seinem Vater ins Gymnasium und die Frau Direktor begrub ihre rötlich angehauchte Habichtsnase in die Hefte ihrer Götheforschungen, während das unbeaufsichtigte Dienstmädchen in der Küche nach Gutdünken schaltete, d. h. einen ungenießbaren ›Fraß‹ zusammenpantschte.

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