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Im Schatten der Titanen

Lily Braun: Im Schatten der Titanen - Kapitel 4
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authorLily Braun
titleIm Schatten der Titanen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
printrun161. bis 220. Tausend
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Aus Bonapartes Stamm

Jerome Napoleon

Wo alte Linden ihre Kronen breit und stolz gen Himmel wölben, ihre weit ausladenden Äste nach allen Richtungen auseinanderstrecken, da hat nicht nur die innere Lebenskraft sie zu so vollkommener Entwicklung befähigt, da hat die Natur ihnen auch den freien Raum gewährt, der solches Wachsen ermöglicht. Ihre jüngeren Geschwister und ihre Nachkommen erreichen niemals die Höhe und Stärke der Großen über ihnen: sie genießen ihres Schutzes, sie atmen dieselbe Luft; der Blütenreichtum, den der Sturm abweht von denen da droben, fällt duftend auf ihre jungen Häupter, aber mit ihrem vollen Strahlenkranz krönt sie die Sonne nicht – im Dämmer stehen sie, im Schatten der Titanen. Und das Zeichen ihres Lebens im Schatten verlieren die Epigonen nie ...

Am 9. November des Jahres 1784, einem rauhen Spätherbsttage, brachte Lätitia Bonaparte das letzte ihrer zwölf Kinder zur Welt: Jerome. Fünfzehn Jahre früher, als die Hochsommersonne über Ajaccio brannte, und Herz und Geist der blühend schönen jungen Frau erfüllt waren von den Kämpfen um Korsikas Freiheit, die sie, hoch zu Roß, ihrem Gatten zur Seite, das schlummernde Leben in ihrem Schoß, mitgekämpft hatte, war ihr zweiter Sohn geboren worden: Napoleon. Ihn trieb der strenge Vater und das rauhe Schicksal früh aus dem Schutz des Elternhauses; arm und unbekannt mußte er sich schon als Knabe aus eigener Kraft die Stellung schaffen. Anders Jerome. Sein Vater starb, als er ein Jahr alt war; seine Mutter, seine Geschwister, allen voran der ernste Bruder, der, als sei es selbstverständlich, an Stelle des Oberhauptes trat, umgaben das reizende Kind mit den zierlichen Gliedern und den großen lachenden Augen mit zärtlicher Liebe. Bis zu seinem dreizehnten Jahre blieb es bei der Mutter, während schon der Stern Napoleons immer leuchtender aufging über der Welt. Als dann das Kollegium von Juilly den jungen Jerome aufnahm, war er nicht ein neuer, fremder Schüler wie andere, sondern der Bruder des großen Napoleon, dessen Triumphe jedes französische Herz höher schlagen machten; Lehrer und Kameraden, stolz, einen desselben Blutes unter sich zu haben, begegneten ihm mit liebevoller Bewunderung.André Martinet, Jérôme Napoleon, roi de Westphalie. Paris 1902. Seite VIII f.

Von den Ferien in Paris bei Frau Lätitia in der Rue de Rocher oder in dem kleinen Hause in der Rue Chantereine, wo Josephine ihn mit Zeichen der Güte und Verwöhnung überschüttete,Mémoires et Correspondance du roi Jérôme et de la reine Catherine. Paris 1861–1866. 7 Bände. Bd. 1, S. 18. – Dieses Quellenwerk umfaßt die ganze Korrespondenz des Königs mit Napoleon, mit seiner Gattin und mit hervorragenden Persönlichkeiten seiner Zeit, zugleich das regelmäßig geführte Tagebuch der Königin, ferner die amtlichen Berichte aus den Archiven der Ministerien des Krieges, der Marine und des Auswärtigen sowie einen großen Teil der Berichte des Grafen Reinhard, Gesandten Napoleons in Kassel, an diesen. kehrte er, erfüllt von Schlachtenbildern und Siegeshymnen, in die Schule zurück. Und welche Gefühle des Stolzes und der Begeisterung, welche Träume von Ruhm und Glanz mußten den Fünfzehnjährigen bewegen, als Napoleon, von seinem ägyptischen Märchenzuge heimkehrend, das jubelnde Frankreich durchzog. Dieser Soldat von dreißig Jahren, der Österreich unterworfen, England erschüttert, Venedig gedemütigt und Italien erobert hatte, war sein Bruder! Europa zitterte vor ihm; vor Jerome aber wandelte sich der ernste Heros zum zärtlichsten der Väter. Unter der Wohnung des Ersten Konsuls wurden dem Knaben seine Zimmer angewiesen. Er erfreute sich hier der vollkommensten Freiheit, und selbst alte, graue Männer, die Napoleons Zärtlichkeit für den jungen Bruder sahen, beugten den Nacken vor ihm.Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 20f. Seine Wünsche blieben selten unerfüllt; zwischen einer Familie, die immer bereit war, seine Streiche zu verzeihen, und einem Hof, dessen ständiges Amüsement sie waren, konnte Jerome seinen Phantasien freien Lauf lassen.Martinet, a.a.O. S. IX. Er war schön und graziös, voll sprühenden Temperaments und lachenden Leichtsinns; alles Schöne entzückte ihn, und sein Bedürfnis, das Glück, sein Lebenselement, überall um sich zu fühlen, machte ihn verschwenderisch, wenn es galt, Freunde zu erfreuen, Unglücklichen beizustehen. Ein liebenswürdiges Glückskind – so erschien er auf den ersten Blick. Er wäre es gewesen, wenn nicht jene allzu häufige Begleiterscheinung der Güte – Schwäche denen gegenüber, die er liebte – und die Familieneigenschaften der Bonapartes – trotziger Stolz und verzehrender Ehrgeiz – der lichten Helligkeit seines Bildes die tiefen Schatten hinzugefügt hätten. Zwei seiner Jugenderlebnisse sind bezeichnend für diese Seiten seines Charakters.

Mit fünfzehn Jahren kannte er keinen heißeren Wunsch, als Napoleon in den italienischen Feldzug zu begleiten. Seine Freundschaft für seinen Spielkameraden Eugen Beauharnais verwandelte sich in einen nie ganz überwundenen Haß, als der Wunsch diesem, dem älteren, gewährt, ihm aber abgeschlagen wurde. Er blieb teilnahmslos und finster angesichts der Siegesnachrichten und war der einzige, der den heimkehrenden Sieger zu begrüßen sich weigerte und, von ihm aufgesucht, all seiner Zärtlichkeit gegenüber eisig blieb. »Was soll ich tun, um dich zu versöhnen?« fragte lächelnd der Held den jungen Trotzkopf. »Den Säbel von Marengo schenke mir!« rief dieser. Sein Wunsch ward erfüllt, und unzertrennlich blieb er bis zum Tode von der Waffe des Bruders.Mémoires, a.a.O. S. 22, und Martinet, a.a.O. S. X.

Ein Jahr später wurde er Soldat; im gleichen Regiment diente der Bruder Davouts. Auch dessen Brust schwellte der Stolz, und er begegnete dem Kameraden hochmütiger als dieser ihm. Einer von uns ist zuviel in der Welt – dieser Gedanke beherrschte Jerome mehr und mehr. Er forderte Davout zum Duell, einem Duell ohne Zeugen bis zur Abfuhr. Sein Gegner schoß ihn in den Unterleib, wo die Kugel sich an einem Knochen platt drückte und dort liegenblieb, bis sie sechzig Jahre später bei der Autopsie der Leiche gefunden wurde.Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 23. Schon damals also schien jene dunkle Prophezeiung sich zu bewahrheiten: daß kein Bonaparte von einer Kugel fällt – jene Prophezeiung, die ein Unterpfand des Glücks zu sein schien, und deren Erfüllung schließlich das Unglück erst vollenden half!

Inzwischen hatte Europa sich merkwürdig verwandelt: als wäre die Alte Welt nichts als weiche, gefügige Masse in der Hand des Bildhauers Napoleon. Er allein war es aber auch, der die Stelle zuerst empfand, wo sie seiner Absicht harten Widerstand leistete. Das britische Inselreich mit seiner meerbeherrschenden Macht war das Gespenst, das er drohend vor sich sah und nicht zu fassen vermochte. Darum setzte er alle Kräfte daran, die französische Flotte auszubauen und kriegstüchtig zu machen, darum suchte er für die Marine sorgfältig die besten Männer aus. Seine Liebe zu Jerome, seine große Meinung von den Fähigkeiten des Bruders konnte er nicht besser beweisen als dadurch, daß er ihn zum künftigen Admiral bestimmte. Hier, so glaubte er, sollte seine tollkühne Tapferkeit und seine Abenteuerlust das rechte Feld finden. »Nur auf dem Meere«, so schrieb er an Jerome, »ist heute noch Ruhm zu erwerben. Lerne, was Du irgend kannst, dulde nicht, daß irgend jemand es Dir zuvortut, suche Dich bei allen Gelegenheiten auszuzeichnen. Denke daran, daß die Marine Dein Beruf sein soll.«Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 51. Mit erstaunlicher Leichtigkeit fand sich der verwöhnte siebzehnjährige Jüngling in den anstrengenden Schiffsdienst, den ihm der Konteradmiral Gauteaume auf Napoleons ausdrücklichen Befehl auferlegte. Die Flotte, die dieser im Verein mit Salmgunt zu befehligen hatte, war für Ägypten bestimmt; die Ungeschicklichkeit der Führer machte die Expedition zu einer völlig zwecklosen. Jerome entgingen die Gründe nicht; sein Blick dafür wurde durch den Ärger über die Situation, die es ihm unmöglich machte, sich auszuzeichnen, noch geschärft. Er kritisierte streng die beiden Admirale, deren gegenseitige Eifersüchteleien sie am Vorgehen hinderten. »Gibt es etwas Jämmerlicheres«, schrieb er, »als um lächerlicher Prätensionen willen eine große Sache zu gefährden?... Wie gefährlich, zwei Menschen zusammenzuspannen, von denen der eine nicht zu befehlen, der andere nicht zu gehorchen versteht.«Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 52 ff. Mag sein, daß diese freimütige Kritik seiner Vorgesetzten, die eine Kritik seines Bruders in sich schloß, diesem zu Ohren kam und, ihm selbst vielleicht unbewußt, dazu beitrug, Jerome mit anderen Augen anzusehen. Die großen Tatmenschen haben mit den Mondsüchtigen eins gemein: sie vertragen es auf ihrem gefährlichen Wege nicht, angerufen, gestört oder gar gewarnt zu werden. Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit äußerster Heftigkeit packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurück, von wo aus er dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemännischen Ausbildung nach den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef, Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die Gunst des Ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjährigen, der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitän des »Epervier«.Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 107 u. 118f. Als selbständiger Führer des eigenen Schiffes sollte er nach Frankreich zurückfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? Bei der Begegnung mit einem englischen Kriegsschiff nötigte er es, die Segel aufzubrassen und Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast gleichkam. Das Unglück, das er dadurch heraufbeschwor, war um so größer, als es gerade nur eines Zündstoffs bedurfte, um die kriegerische Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu lassen.Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 123f. Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Engländer bereits beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen. Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes übrig, als auf neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er wählte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg über Amerika, wo er die Gelegenheit zur Überfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Die Liebedienerei der französischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner, Europäern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen – vielleicht ein Zeichen, daß das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht fortgeschwemmt ist –, zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblüt wurde der Bruder Bonapartes empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die äußersten Anstrengungen machte, um seine Rückkehr nach Frankreich zu beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, daß seine Anwesenheit den Engländern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre Vorsichtsmaßregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es bedurfte jedoch einer größeren Macht als der Englands, um den jungen Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm liebeglühend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich glückverheißend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, ließen ihn Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mädchens ihn mit schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des großen Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Müßige Fragen! Ist's nicht genug der Erklärung, daß zwei junge schöne Menschen in Liebe zueinander entbrennen? Mit dem Feuer seiner neunzehn Jahre liebte Jerome, mit der Sicherheit des verwöhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl liebte Napoleon seine Brüder und Schwestern, und diesen, den jüngsten, vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine; wohl wollte er sie glücklich sehen, aber nur das Glück aus seinen Händen galt ihm als solches. Die Nachricht, daß Jerome eigenmächtig, ohne seine Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Miss Patterson geschlossen habe, traf in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem Ersten Konsul die kaiserliche Würde verlieh und seine Brüder und Schwestern zu Prinzen und Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines Ruhms, und da das französische Gesetz die Rechtsgültigkeit der ohne Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte und Lätitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der Seite Napoleons stand, erklärte Napoleon die Ehe für null und nichtig und schloß Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen waren damit noch nicht zerstört; der hinreißende Liebreiz seines Weibes mußte, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen. Im März 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon; französische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.

Wie anders fand er Europa, als da er es verließ. Die drei Jahre seiner Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglück, hatten den Bruder, hatten Frankreich emporgeführt zum Gipfel des Weltruhms. Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe jenem Manne, der die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt und um die Kronen Europas kämpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs Haupt setzte und zum Gedächtnis der Schlacht von Marengo die Böllerschüsse krachten, die Glocken läuteten, die Fahnen wehten und Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben, betrat Jerome – er, der den Säbel von Marengo trug! – ein Unbekannter, ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben würde – er hätte vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt –, mußte ihn die Zärtlichkeit Napoleons erschüttern. Alle sah er wieder, die Brüder, die Freunde, geschmückt mit dem immergrünen Lorbeer des Ruhms, während in seinen Händen die welkenden Rosen der Liebe schon entblätterten. Er stand vor der Wahl – denn unerbittlich blieb der Kaiser –, auf der einen Seite der Weg empor zu den Höhen der Menschheit, zu höchsten Siegespreisen, zur Königskrone, auf der anderen das Leben im Dämmerschein stillen Familienglücks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich ihm auch das Herz zusammenkrampfte – wie er Elisabeth liebte, dafür zeugen seine Briefe aus jener Zeit –, er wählte den Ruhm, nicht die Liebe. Welch ein Jüngling von einundzwanzig Jahren hätte anders zu wählen vermocht!Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 128 bis 324. – Dieser Abschnitt enthält die ausführliche Darstellung der Ehe Jeromes mit Elisabeth Patterson und all ihrer Folgen bis zu seinem Tode, sowie zahlreiche Briefe Jeromes an Elisabeth, auch aus der Zeit nach der Trennung der Ehe.

Um die Stimme des Herzens zu übertönen und nachzuholen, was er versäumt hatte, stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt wurde.

Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals Willaumez den »Veteran« und nahm mit ihm von Brest aus neun englische Schiffe, die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Höhe von Concarneau erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war verzweifelt; auf der einen Seite der überlegene Feind, auf der anderen Sandbänke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben, ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkühnheit, von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: »Jerome Napoleon hat allen unseren Maßregeln zu trotzen gewußt und alle Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; daß er den Hafen sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel für das unglaubliche Glück, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften scheint und alle ihre Operationen begleitet.«Mémoires, a.a.O. Bd. 1, S. 876 ff., und Martinet, a.a.O. S. XVIII.

Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines französischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang eines Konteradmirals. Als höhere Auszeichnung noch empfand es Jerome, daß Napoleon ihm für den bevorstehenden preußischen Feldzug die bayrische und württembergische Division anvertraute und es ihm nun endlich vergönnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen Bruders zu fechten. Jerome bewährte sich. Trotz seiner vierundzwanzig Jahre wußte er sich den Respekt der Truppen und ihrer Führer zu gewinnen, aber mehr noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge für ihr Wohl.Martinet, a.a.O. S. XVIII. Am Tage, als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon hatte Preußen unterworfen und seinem Bruder ein Königreich erobert. Mit ein paar Federstrichen warf er die Länder links von der Elbe zu einem Staat zusammen und ernannte Jerome zum König von Westfalen; mit ein paar gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des Souveräns von Württemberg, die Königin. Das Herz der also durch kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das blonde, rosige Prinzeßlein aus altem Fürstenstamm dem dunklen, blassen Jüngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenübertrat, da wußte es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern würde.

Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten, Fürsten und Königen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28. August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlöschten in strömendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren, prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des Donners...

Inzwischen war die Organisation des jungen Königreichs erfolgt, mit dem Code Napoléon die neue Administration im Lande eingeführt, zum Empfang des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals auseinandersetzte, entließ ihn Napoleon. »Schenke denen kein Gehör, die Dir sagen werden, daß Deine Völker, an Sklaverei gewöhnt, unserer Gesetze nicht würdig sind«, so heißt es darin, »das ist nicht wahr. Sie erwarten vielmehr mit Ungeduld, daß ein jeder, den das Talent dazu befähigt – nicht nur der Adlige –, zu jeder Stellung Zugang finden kann, daß jede Form der Dienstbarkeit und Abhängigkeit ein für allemal abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maßregeln, als auf die Resultate großer Eroberungen. Dein Volk muß sich einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht ihresgleichen haben. Diese Art zu regieren, wird zwischen Dir und Preußen eine zuverlässigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen einer liberalen Herrschaft kennengelernt hat, wird in die Bande des Absolutismus zurückkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller König. Du schaffst Dir damit ein natürliches Übergewicht über Deine Nachbarn.«Martinet, a.a.O. S. 19 ff., und Mémoires, a.a.O. Bd. 3, S. 71f.

In den Empfindungen der großen Masse des Volkes schien sich Napoleon nicht zu täuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen, seine Person ihm zunächst gleichgültig, vielleicht sogar antipathisch sein, es begrüßte in ihm den endlichen, heißersehnten Frieden, geordnete Verhältnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.Dr. Rudolf Goecke und Dr. Theodor Ilgen: Das Königreich Westfalen. Nach den Quellen dargestellt. Düsseldorf 1888. S. 163. – Die Verfasser, unter den deutschen Historikern des westfälischen Königtums diejenigen, die sich möglichster Objektivität befleißigten, verurteilen die nach Jeromes Abdankung erschienenen gemeinen Klatschgeschichten über seine Regierungszeit, die »nach den Urteilen Ununterrichteter die Epoche der Fremdherrschaft allein ausgefüllt haben«. S. 116.. Darum war sein Empfang ein überraschend freudiger, den die persönliche Freundlichkeit des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des Königs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten, verhieß die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels- und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die Neuordnung des Gerichtsverfahrens. »Lange genug hat euer Land unter den Vorrechten des Adels und den Intrigen der Fürsten gelitten. Alle Leiden der Kriege mußtet ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt ihr ausgeschlossen. Einige eurer Städte erwarben die unfruchtbare Ehre, daß Verträge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie bewohnte.«Goecke und Ilgen, a.a.O. S. 50 f., und Mémoires, Bd. 3, S. 82 ff. War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789, unter deren Einfluß das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht der Fürsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als Fürstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten. Küster, der Geschäftsträger Preußens in Westfalen, der dem Berliner Hof regelmäßig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem Bevollmächtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen Einrichtungen Wurzeln zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevölkerung empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenüber den alten Zuständen; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit längst überzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen; Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefördert. »Was mir aber das meiste Vergnügen macht«, schrieb Küster am 21. November 1808 nach Berlin, »ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer aufgeklärten und gerechten Verwaltung folgen zu können, welche auf einer glücklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist nicht zweifelhaft, daß dieser neue Staat, dessen Souverän nur das Gute will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit – bald zu einem hohen Grad der Vollkommenheit und des öffentlichen Glücks gelangen wird.«Goecke und Ilgen, a.a.O. S. 122. In einem späteren Brief rühmt er die Einfachheit und Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des durch den König geschaffenen Zentralbüros für Armenunterstützung in Kassel und sagt von ihm, daß er von den regierenden Brüdern des Königs die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.A.a.O. S. 117.

Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglück Jeromes. Ein eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brüdern am wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein, wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war. Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter König zu sein; ihn verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu beweisen, daß er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten stießen auf unüberwindliche Widerstände und wurden durch die Pläne des Kaisers durchkreuzt.

Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate früher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von fünf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation durch französische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen erschöpft, und um allein die Kosten für die Einrichtung des Hofes, die Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu können, mußte Jerome ein Darlehn aufnehmen.Mémoires, a.a.O. Bd. 3, S. 78 f. und S. 90 f. Die traurigsten Verhältnisse fand er vor, als er einzog. Selbst für ihn persönlich war die Lage eine äußerst beschränkte; er, der gewöhnt war, rückhaltlos aus dem vollen zu leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas Selbstverständliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch ehe er ein König war, königlich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu Kassel nur notdürftig eingerichtete Zimmer und eine gähnende Leere im Säckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der holländische Gesandte an König Louis, den Bruder Jeromes: »Die finanziellen Schwierigkeiten Westfalens sind enorm.«Martinet, a.a.O. S. 37. Aber nicht genug der vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf der einen Seite machte er dem König heftige – und nicht unberechtigte – Vorwürfe über die hohen Gehälter seiner Minister, auf der anderen schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: »Ich brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den eroberten Ländern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget allein beträgt 400 Millionen. Statt der 20 000 Mann, die Du stellen mußt, stelle 40 000 – Du kannst es.«A.a.O. S. 45. Nach einem Vertrage vom April desselben Jahres mußte sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen des früheren Souveräns und den säkularisierten Besitzungen derjenigen Personen, die nicht mehr westfälische Untertanen waren, stammenden Einkünfte dem Kaiser zu überlassen. Zwar nahm dieser zunächst nur sieben Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht weniger als 26 Millionen im Verlaufe von achtzehn Monaten aufbringen.Mémoires, Bd. 3, S. 129 ff. Außerdem hatte Westfalen 12 500 Mann französischer Truppen ständig zu besolden und zu ernähren.Goecke und Ilgen, a.a.O. S. 76.

Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er müsse, da Österreich rüste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten; im August wurden für den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der französischen Truppentransport.Martinet, a.a.O. S. 46 ff. Als Jerome und Katharina der Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber für die Sorgen des Königs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das Darniederliegen von Handel und Gewerbe kümmerte ihn wenig; was galt ihm, der Staaten zerstörte und schuf, Könige absetzte und krönte, das Land Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg über die Niederungen, nur die Gipfel grüßend. Wie alle großen Tatmenschen war er, sich selbst unbewußt, zum Zerstören vor allem geschaffen: das Alte zu stürzen, dazu gehörte Titanenkraft; das Neue aufzubauen ist die Aufgabe für den emsigen Fleiß der vielen.

Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand Dörnbergs, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen überschütteten Offiziers seiner Garde, folgten die Kämpfe von Schills Freischaren und der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-Öls, der zur äußersten Entrüstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen imstande war. Mochte Jerome, der kaum vierundzwanzigjährige, von allen Seiten auf das härteste bedrängte König, sich wirklich taktischer Fehler schuldig gemacht haben – er hatte sich stets als ein Draufgänger, nicht als überlegener Feldherr bewiesen –, so war die Strafe, die ihn traf, eine unverhältnismäßig harte. Napoleon ließ ihn seine Oberhoheit auf das empfindlichste fühlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, daß sie »sich in erster Linie dem Kaiser gegenüber verantwortlich fühlen müßten«; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde angehalten, »nach Paris zu melden, was in den westfälischen Küchen vor sich geht«, obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrüstet verbeten und ihm erklärt hatte: »Alles, was mein Bruder wissen will, kann er von mir selbst erfahren.«A.a.O. S. 50. Und wie der Kaiser durch brutale Zurücksetzung des Königs Stolz verletzte, so verletzten die französischen Truppen die Sicherheit des Königreiches. »Seit meiner Thronbesteigung fahren die französischen Offiziere, Soldaten, Reisenden und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es in einem Königreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen ergeben ist, an jeder Rücksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen lassen«, schrieb Jerome an den Marschall Berthier.Mémoires, a.a.O. Bd. 4, S. 33. Seine Bitte um strengere Vorschriften für das Benehmen der Truppen hatte keinen Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rücksichtslosigkeiten hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung – Jerome erfuhr gesprächsweise davon – erschienen auf Napoleons Befehl zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die englische Einfuhr französische Zollbeamte in Westfalen und traten wie die Herren auf.Martinet, a.a.O. S. 85. Plünderungen und Diebstähle, die auf ihre Rechnung geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs äußerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. »Ich ignoriere«, schrieb er nach Paris, »durch welche Befehle fremde Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen König noch ein Königreich. Es kann doch unmöglich den Intentionen des Kaisers entsprechen, daß ein Souverän in seinem eigenen Lande solchen Übergriffen ausgesetzt ist.« Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht, abzudanken, sprach, sagte er: »Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet, und ich kann nicht zugeben, daß durch solche, das Land ruinierende Maßregeln das Volk mir vollends entfremdet wird.«A.a.O. S. 86.

Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrößerung seines Reichs durch Hannover bis zur Küste der Nordsee wurde ihm in Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nöte gesichert. Im März 1810, als Jerome und Katharina mit großem Gefolge der Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der Österreicherin nach Paris gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld. Napoleon, auf der Höhe seines Glücks, wollte nur Glückliche um sich sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der üppigen Feste ließen Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden. Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weißem, goldgesticktem Samtkostüm, die weißen, wallenden, von blitzender Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Samtbarett, das feingeschnittene dunkle Gesicht mit den großen glänzenden Augen von strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wußte. Er und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen Olympier die Götter der Jugend und Schönheit, und die seligen Zeiten, da er als Knabe, von allen verwöhnt, unter den Zimmern des großen Bruders wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.

Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel zurück. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen, wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermündungen in Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag, Napoleon nahm den wertvollsten Teil der dem Königreich Westfalen inzwischen neu einverleibten hannoverschen Lande wieder in französischen Besitz und hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Bülow nur die eine Antwort: »Ich nehme es, weil ich es brauche.« Jerome berief seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schärfster Form, als Entschädigung für Hannover, Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und die sächsischen Herzogtümer verlangte. Reinhard gegenüber sprach er wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre für ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzüglich über diese Unterredung nach Paris und fügte hinzu: »Wenn jemals der König mir Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit.A.a.O. S. 119. »Ich glaube, hätte Jerome eine Armee von 300 000 Mann, er würde mir den Krieg erklären!« rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.Mémoires, Bd. 4, S. 336 ff.

Aber so groß auch Jeromes Entrüstung, so tief sein Stolz auch verletzt war – eine Empfindung behielt zuletzt bei ihm immer die Oberhand: die Bewunderung und Ehrfurcht vor der Größe seines Bruders. Mitten im härtesten Winter nach der Zurücknahme von Hannover zog er sich, um seinen Schmerz in der Stille zu überwinden, auf das Land zurück und schrieb von da aus an den Kaiser: »Entspricht es Ew. Majestät politischen Absichten, Westfalen mit dem Kaiserreiche zu vereinigen, so habe ich nur den einen Wunsch, davon sofort in Kenntnis gesetzt zu werden, um nicht in die Lage zu kommen, deren Maßnahmen trotz des besten Willens, mich ihnen stets anzupassen, fortwährend zu durchkreuzen ... Ich bin aller Opfer, aller Beweise meiner Anhänglichkeit fähig, wenn Ew. Majestät es verlangt. Soll ich aber weiter regieren, so kann es nur unter Bedingungen sein, die mich nicht entwürdigen.«Goecke und Ilgen, a.a.O. S. 206. Die Antwort war – Mahnungen zur Kriegsbereitschaft, zu neuen Aushebungen, zum Unterhalt neuer französischer Truppendurchzüge. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die alles Vorhergegangene übertraf, führte der Marschall Davout, Jeromes alter Feind, seine Armee durch Westfalen; in Kassel einziehend, ignorierte er den König, im ganzen Reiche hausten seine Soldaten wie in Feindesland. Und Napoleon schien blind und taub zu sein für das drohende Schicksal, das sich langsam vorbereitete, für die zähneknirschende Wut, die die Faust noch in der Tasche ballte, aber schon heimlich nach offenen Waffen Umschau hielt. Jerome sah das Unheil wachsen, und als einziger vielleicht, der es damals wagte, dem Imperator mit einer selbständigen Meinung gegenüberzutreten, schrieb er ihm am 5. Dezember 1811 folgenden denkwürdigen Brief:Martinet, a.a.O. S. 148ff.

»In einer Lage, die mich zum äußersten Vorposten Frankreichs macht, durch Neigung und Pflicht dazu getrieben, alles zu beobachten, was sich auf Ew. Majestät Interessen beziehen kann, ist es, denke ich, richtig und notwendig, Sie mit aller Offenheit über das zu informieren, was in meiner Nähe vor sich geht. Ich beurteile die Ereignisse vollkommen ruhig; ich sehe der Gefahr entgegen, ohne sie zu fürchten; aber ich muß Ew. Majestät die Wahrheit sagen, und ich hoffe, Sie vertrauen mir genug, um sich auf meine Art, die Dinge zu sehen, verlassen zu können.

Ich weiß nicht, wie Ihre Generäle und Ihre Agenten Ihnen die jetzige Situation in Deutschland darstellen; wenn sie Ihnen von Unterwerfung, von Ruhe und Schwäche sprechen, so werden Sie von ihnen getäuscht und betrogen. Die Gärung ist aufs höchste gestiegen; die verwegensten Hoffnungen werden unterhalten und mit Begeisterung großgezogen; man hält sich an das Beispiel Spaniens, und wenn der Krieg ausbrechen sollte, so wird das ganze Land vom Rhein bis zur Oder der Herd einer ausgedehnten und tatkräftigen Empörung sein.

Die Hauptursache dieser gefährlichen Bewegungen ist nicht allein der Haß gegen die Franzosen und der Unwille gegen das Joch der Fremdherrschaft, sie liegt noch weit mehr in den unglücklichen Zeiten, in dem gänzlichen Ruin aller Klassen, in dem übermäßigen Druck, den die Abgaben, die Kriegskontributionen, der Unterhalt der Truppen, die Durchzüge der Soldaten und die unausgesetzt sich wiederholenden Belästigungen aller Art ausüben. Es sind Ausbrüche der Verzweiflung von den Völkern zu besorgen, die nichts mehr zu verlieren haben, weil man ihnen alles genommen hat.

Es ist nicht nur in Westfalen und in den Frankreich unterstellten Ländern, daß die Feuersbrunst ausbrechen wird, sondern auch in den Ländern aller Souveräne des Rheinbunds. Sie selbst werden die ersten von ihren Untertanen Unterworfenen sein, wenn sie nicht mit ihnen gemeinsame Sache machen ...

Ew. Majestät braucht nicht anzunehmen, daß ich übertreibe, indem ich Ihnen das Unglück des Volkes schildere; ich kann Ihnen sagen, daß in Hannover, in Magdeburg und anderen wichtigen Städten meines Königreiches die Besitzer ihre Häuser im Stiche lassen und vergebens versuchen, sie zu den niedrigsten Preisen loszuwerden. Überall droht das Elend den Familien; der Aristokrat, der Bürger und der Bauer, überlastet mit Schulden, scheinen keine andere Hilfe mehr zu erwarten als von einem Befreiungsfeldzug, den sie mit all ihren Wünschen herbeisehnen, auf den sie alle Gedanken richten.

Dieses Bild entspricht in all seinen Einzelheiten den Tatsachen. Von den Hunderten von Berichten, die mir täglich zukommen, widerspricht ihm keiner. Ich wiederhole es Ew. Majestät: ich wünsche nichts so sehr, als daß Sie angesichts dieser Tatsachen die Augen öffnen und mit all der Überlegenheit Ihres Geistes urteilen mögen, um danach die Ihnen richtig erscheinenden Maßnahmen zu treffen ...«

Selbst wenn der Inhalt dieses Briefes von Eindruck gewesen ist – er kam zu spät, der unheilvolle Krieg gegen Rußland, wo Feuer und Frost sich vereinigten, um, weil Menschenkraft der Großen Armee nichts anzuhaben vermochte, zum vernichtenden Feinde zu werden –, war schon beschlossen, und als einzige. Antwort brachte der Kurier des Kaisers die mit eigener Hand in größter Eile hingeworfene Frage nach dem Stande der verfügbaren Streitkräfte Westfalens.Martinet, a.a.O. S. 170 ff. Wenige Monate später rückte Jerome an der Spitze seiner Truppen in Polen ein. Er war bestimmt, den rechten Flügel der Armee zu kommandieren und sich dem Heere des Prinzen Bagration gegenüberzustellen. Nach mühseligen Märschen im Regen und im Sumpf gönnte Jerome in Grodno seinen Truppen drei Ruhetage. Dem Kaiser wurde davon Meldung gemacht. Er sah eine Eigenmächtigkeit des Bruders darin, die seine sorgfältig erwogenen Pläne durchkreuzte, und befahl dem Marschall Davout, sobald seine Armee mit der Jeromes zusammenstieße, den Oberbefehl über beide zu übernehmen. Davout nahm die Gelegenheit wahr, in schroffster Form dem Befehl Folge zu leisten. Jerome reichte sein Entlassungsgesuch ein und verließ Polen noch am gleichen Tage. Nicht das Verlangen nach den Vergnügungen Kassels – wenig verlockend mögen sie in dieser Zeit dumpfer Gewitterschwüle gewesen sein! – trieb ihn zu diesem raschen Entschluß: sein tief verletzter Stolz allein hieß ihn handeln.Mémoires, a.a.O. Bd. 5, S. 140. Und sein Entschluß war berechtigt; starrköpfig und falsch wurde seine Handlungsweise erst, als Napoleon ihn zu bleiben bat und er dennoch den Weg heimwärts fortsetzte. Im August kam er in Kassel an, zwei Monate später kehrten die traurigen Reste der westfälischen Armee in die Heimat zurück, durchzogen die jammervollen, von Frost und Hunger, Krankheit und Verwundungen gezeichneten Gestalten, die letzten Glieder der großen Armee, plündernd, stehlend und bettelnd das erschöpfte Land. Und schon wurden von Paris neue Forderungen laut: Magdeburg sollte mit 20 000 Mann besetzt und auf ein Jahr verproviantiert werden, eine neue Armee galt es zu schaffen, ohne Aufenthalt Bataillone und Eskadronen zu formieren!A.a.O. S. 185ff. Jerome wußte es: das war das Ende, und entrüstet wandte er sich an Reinhard, der ihn zur Eile in der Erfüllung der kaiserlichen Befehle nötigen wollte. »Wenn Westfalen dem Elend erliegen wird«, rief er aus, »und die Einwohner sich lieber eine Kugel vor den Kopf schießen, als daß sie ihr letztes Stück Brot opfern, dann wird man Ihnen vorwerfen, daß Sie die wahre Lage verschwiegen haben. Ihre Pflicht wäre es, die Wahrheit zu sagen, selbst auf die Gefahr hin, in Ungnade zu fallen. Nach drei Monaten würde man Ihnen recht geben!«A.a.O. S. 191. Sein Appell blieb ohne Erfolg. Und nun rüstete er sich mit vollem Bewußtsein zum Ende seines Königsdramas, das viele töricht – oder verlogen – genug waren, für eine fröhliche Operette zu erklären.

Zunächst brachte er die Königin in Sicherheit: er sandte sie am 10. März 1813 mit einigen Damen ihres Hofes nach Paris, sie rücksichtsvoll in dem Glauben lassend, daß es sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln würde. Nachdem ihm dann der Kaiser seine dringende Bitte, sich in Magdeburg, dem wichtigsten und am meisten gefährdeten Punkt seiner Monarchie, mit seinen Truppen einschließen zu dürfen, rundweg abgeschlagen hatte,Goecke und Ilgen, a.a.O. S. 258. wandte er all seine Zeit und Kraft auf die Ausbildung der jungen Rekruten, ohne den Forderungen des Kaisers rasch genug nachkommen zu können. Infanterie, Artillerie, Husaren, Kürassiere – lauter blutjunge Westfalen, die, wie Jerome einmal in der Verzweiflung ausrief, sich oft noch vor dem eigenen Gewehr fürchteten und auf dem Pferde nicht festsaßen – sollten zur Armee des Prinzen Eugen stoßen. Kassels Garnison bestand schließlich nur noch in einem Regiment unausgebildeter Rekruten. Dabei wurde der Geldmangel immer empfindlicher, die von Frankreich versprochene finanzielle Unterstützung für die Equipierung der neuen Truppen blieb aus, und die Armeelieferanten wollten nur noch gegen sofortige Bezahlung liefern. Jerome verkaufte die Staatswagen, den größten Teil seines Marstalls, Silber und Kleinodien, um sie in Waffen und Uniformen zu wandeln.Martinet, a.a.O. S. 200.

Noch einmal bat er den Kaiser, bei einer persönlichen Begegnung in Dresden, um einen Posten in dem großen Kampf, der bevorstand. Napoleon bot ihm, den er selbst zum König gemacht hatte, eine untergeordnete Stellung als Untergebener eines seiner Marschälle an. Jerome, in der bitteren Erinnerung an die noch nicht vernarbte Wunde, die ihm in Polen geschlagen worden war, lehnte ab. Aber mochte auch der Kaiser ihn an seiner verwundbarsten Stelle, seinem Stolze, treffen, seine persönlichen Dienste geringschätzen – der napoleonischen Sache, die auch die seine war, blieb sein Denken und Tun geweiht. Mit ruhigem Ernst, fast mit Heiterkeit, hinter der selbst seine Freunde die Überzeugung des Königs von der Unabänderlichkeit des kommenden Untergangs nicht zu ahnen vermochten, widmete er sich weiter der Reorganisation der Truppen und sandte sie immer wieder zur Armee, sobald ihre Ausbildung es ermöglichte. Nicht er, der wissen mußte, daß die Entblößung der Hauptstadt von allen Verteidigungsmitteln der Preisgabe seiner Person gleichkam, sondern Reinhard war es schließlich, der von der kaiserlichen Armee die Deckung Kassels gegen die Scharen der immer näher anrückenden Kosaken forderte. Umsonst! Die Angst der Bewohner wuchs zusehends, nur Jerome blieb ruhig. Im Morgengrauen des 28. September waren die Russen vor den Toren. Die in der Nacht und am Abend vorher unter des Königs Augen aufgeführten Barrikaden, von den Königshusaren verteidigt, an deren Spitze der vierundachtzigjährige General von Schlieffen focht wie ein Rekrut, waren von der russischen Artillerie bald überwunden. Der Ministerrat trat zusammen: er überwand schließlich den Widerstand des Königs und vermochte ihn dazu zu bringen, die Stadt zu verlassen, um sich mit den bereits angekündigten Hilfstruppen der kaiserlichen Armee zu vereinigen. Seine erste Empfindung hatte ihm den richtigen Weg gezeigt: die Stadt zu verteidigen bis zum letzten Blutstropfen, zu fallen eher als davonzugehen oder sich zu ergeben; daß er ihr nicht folgte – wer will ihn darum richten? Die Hoffnung ist eine starke lebenerhaltende Kraft, bei einem Mann von neunundzwanzig Jahren vor allem. Zu bleiben bedeutete für ihn gewissen Tod oder Schlimmeres: russische Gefangenschaft. Und Größere als er haben zur rechten Zeit zu sterben nicht verstanden!

Am Nachmittage desselben Tages kapitulierte Kassel vor Czernischeff. Fünf Tage später verließen die Russen die Stadt. Und nach zwei weiteren Tagen erschienen zum Erstaunen aller die ersten königlichen Truppen wieder. Jerome folgte ihnen von Koblenz aus. Aber in jeder Stunde, die ihn Kassel näher führte, schien sich der Himmel mehr zu verdüstern: Bayern hatte sich vom Kaiser losgesagt, Württemberg schloß sich unter der Führung von Jeromes Schwiegervater seinen Feinden an, Bremen hatte kapituliert, in Scharen desertierten die Soldaten, um sich den Gegnern anzuschließen, und vom Kaiser selbst keine Nachricht! Trotz alledem trieb es Jerome nach Kassel zurück – niemand wußte, warum. Am Abend des 16. Oktober traf er ein; zwei Tage darauf folgte dem Kaisertraum der Bonapartes das furchtbare Erwachen der Leipziger Schlacht. Bis zum Abend des 24. Oktober drangen nur dunkle Gerüchte von dem, was geschehen war, in die Stadt, bis sich die Masse der Alliierten langsam heranwälzte. Wo ist der Kaiser? Diese eine Frage peinigte Jerome unausgesetzt. Hilfe dem Kaiser! Dieser Gedanke beherrschte ihn schließlich allein. Alle, die die Treue noch hielten – es waren angesichts der wachsenden Desertion wenig genug –, ihm zuzuführen: dieser Wunsch wurde zum Entschluß. Mit einer kleinen, von allen Seiten zusammengezogenen Armee von 5000 bis 6000 Mann erreichte er Köln, ein anderer Truppenteil von demselben Umfang befand sich in Wesel. Nun, da er, ein König ohne Land und Krone, dem besiegten Kaiser gegenüberstand, hoffte er endlich als einfacher französischer General seine unter so schweren Opfern geschaffene und zusammengehaltene Armee in den Entscheidungskampf führen zu dürfen. Über seinen Kopf hinweg wurde dem Herzog von Tarent der Oberbefehl übergeben. So war er verurteilt, er, der treueste der Brüder, abseits zu stehen, als die letzten Kämpfe geschlagen wurden.

Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum Heimatlosen, Landesflüchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der König von Napoleons Gnaden, ihn in Württemberg, wo Katharina im Hause der Eltern Zuflucht glaubte finden zu können, zum Gefangenen gemacht, ihn unausgesetzt auf das ehrenrührigste behandelt hatte und seine tapfere, treue Frau mit allen Mitteln der Überredung und der Drohung hatte bewegen wollen,Mémoires, a.a.O. Bd. 6 und 7. sich von ihm zu trennen, wurde ihm schließlich mit Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung geboren hatte, von jenem politischen Rechenkünstler Metternich, der in dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der erste und der einzige der Brüder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei Belle-Alliance den äußersten linken Flügel der Armee bildete und aus deren Reihen die ersten Schüsse fielen, das Signal zur furchtbaren Schlacht. Gegen den Wald und das Schloß von Hougoumont stürmte Jerome tollkühn mit den Seinen, und überall, wo das Gewühl am dichtesten war, wehte sein weißer Mantel.Mémoires, a.a.O. Bd. 7, S. 46 ff., Martinet, a.a.O. S. 274 ff. Als es zu Ende ging, blieb er in nächster Nähe Napoleons. »Zu spät, mein Bruder, hab' ich dich erkannt«, soll der Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlöschte, zu ihm gesagt haben.Mémoires, a.a.O. Bd. 7, S. 46 ff., Martinet, a.a.O. S. 274 ff. Die Sage meldet, daß sie beide der erlösenden Kugel warteten. Wer aber zu so schwindelnder Höhe stieg, muß bis zum tiefsten Abgrund niedersteigen: zu Tausenden fielen die altem Krieger um sie her, ihnen aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die Verlassenheit.

Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes Wanderleben, unter ständigen, quälenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem Bericht an die deutschen Souveräne für »einen der gefährlichsten und unruhigsten Köpfe der Bonaparteschen Familie« erklärte und auf dessen Veranlassung die Mächte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstießen, weil es zu gefährlich sei, »den verwegensten der kaiserlichen Brüder, Jerome, mit Geldmitteln zu versehen.Ed. Wertheimer: Die Verbannten des ersten Kaiserreichs. Leipzig 1897, und Correspondance inédite de la reine Catherine de Westphalie. Publiée par le baron A. du Casse. Paris 1891. Erst als der einsame gefesselte Adler auf fernem Felsen die große Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn der langsamen österreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die Überreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde gemacht hatte – erst dann war es dem alternden Jerome vergönnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur der Invaliden ernannt, hütete er den toten Bruder, wie er dem lebenden gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem sein Leben verflossen war.

Ist das das Bild des »Königs Lustik«, das uns von allen Moralpredigern und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel verderblicher Sündhaftigkeit vor Augen geführt wurde? Haben in diesem Leben, vor allem in den sechs Jahren des westfälischen Königtums, von denen ein Jahr immer reicher war an Kämpfen nach innen und außen als das andere, alle jene schwülen Geschichten Platz, die die lange Regierungszeit eines Ludwig XV. kaum ausfüllen könnten? Es scheint, daß der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Größten der Erde erhob, ein Opfer der historischen Legende werden mußte, weil Haß und Neid nicht emporreichten bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses Halbgottes zu tragen, mußte er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.

Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfänglichen, leicht zu entflammenden Herzen; der antike Schönheitskultus von Florenz, der Stadt seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein. In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten war für ihn die größte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine Rolle spielte, unterstützten die Entwicklung dieser Seiten seines Wesens. Er war ein Grandseigneur – es gibt keine deutsche Bezeichnung dafür. Mit dem Maßstab des Kleinbürgers gemessen, war er ein Verschwender. Daß er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafür zeugt die finanzielle Lage seines Königreichs, der ständige Kampf mit den durch die Forderungen der napoleonischen Politik entstehenden großen pekuniären Schwierigkeiten. Gewiß: sein Hof, der eines jungen strahlenden Fürsten, war ein glänzender, die leeren Räume der Schlösser von Kassel und Napoleonshöhe füllten sich bald nach seinem Einzug mit den schönsten Erzeugnissen der feinen Kunst des Empire; er und die Königin – deren tatsächlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im Zügel gehalten werden mußte, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die den Franzosen, den »Erbfeind« treffen wollten und die deutsche Prinzessin daher schonten, sorgfältig verschwiegen wurdeMémoires, a.a.O. Bd. 5, S. 27, wo von 64 000 Fr. berichtet wird, die der König seiner Frau zur Begleichung ihrer Schulden schenkte. Mémoires, a.a.O. Bd. 3, S. 118 ff., wo Reinhard von ihrem Toilettenluxus spricht. Vgl. auch Ernestine v. B.: König Jerome und seine Familie im Exil. Leipzig 1870. S. 128 f., wo erzählt wird, wie Katharina sich hundert Paar Schuhe aus Paris bestellen wollte und Jerome unter Hinweis auf ihre finanzielle Lage sie vor Verschwendung warnte. – hatten immer eine offene Hand für ihre Freunde. Gewiß: Jerome erwies sich oft als allzu gutmütig, indem er Unwürdige mit Geschenken überschüttete; noch für die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Kräfte überstieg, und den Wünschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war schon vorhanden, als er die Regierung übernahm, und mußte durch die furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszüge notwendig zum äußersten führen. Was aber die Berichte über Jeromes wahnsinnige Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Märchen verweist, ist die Tatsache, daß Jerome, der beschuldigt worden ist, ein großes Vermögen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von Kassel nach Köln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches Gespann von sechs Schimmeln, für neunzehnhundert Franken zu verkaufen, und daß er schließlich nur ein bares Vermögen von achtzigtausend Franken besaß. Er und die Königin waren genötigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum nannten – Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstände –, zu verkaufen, um überhaupt existieren zu können.Martinet, a.a.O. S. 223, 232, 239, 245, und Mémoires, a.a.O. Bd. 7, S. 233, wo im Detail über den zum Teil vom König von Württemberg erzwungenen Verkauf des Schmucks der Königin Katharina, des Silbers, der Kunstgegenstände berichtet wird.

Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er doch ein Wüstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das »Austoben« ihrer eigenen Jugend für selbstverständlich halten, aber an den korsischen König von dreiundzwanzig Jahren den strengsten Maßstab der Moral anlegen zu müssen glauben.

Seine Zeitgenossen erzählen von ihm, wie schön und verwegen, von welch bestrickender Liebenswürdigkeit er gewesen. Noch als Greis wußte er die Menschen zu faszinieren. Küster rühmte von Kassel aus seine große Güte für hoch und niedrig und sein strahlendes, alle mit sich fortreißendes Temperament;Goecke und Ilgen, a. a. O. S. 117, und Martinet, a. a. O. S. 52. Reinhard, der ihm kritisch genug gegenüberstand, schrieb: »Nichts ist der Leichtigkeit und Würde zu vergleichen, mit der der König repräsentiert; nichts erscheint angelernt, nichts studiert. Man sieht, daß ihn die Krone nicht drückt, die er trägt, weil er sich würdig fühlt, sie zu tragen.«Mémoires, a. a. O. Bd. 3, S. 198 ff., Briefe Reinhards vom 15. Januar 1809. Und diese Krone fiel ihm in den Schoß, da er kaum dreiundzwanzig Jahre alt war! Zu gleicher Zeit aber fesselten ihn politische Rücksichten an ein Weib, das sein Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach lieben lernte.

In Kassel strömte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich später als Freiheitskämpfer ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rühmen konnten, umschmeichelten ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Würden aus seinen Händen. Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den König beherrschen, und solche, die von dem schönen Manne geliebt sein wollten, drängten sich in seine Nähe. Und er war kein prinzipienfester Tugendbold – korsisches Blut ist wild und heiß –, er liebte die schönen Frauen. Es bedurfte keiner Verführungskünste, um sie zu besitzen; wie der Prinz im Märchen vom Rosengarten war er: die Rosen schmiegten sich ihm von selbst zu Füßen, er brauchte sie nicht zu brechen. Die Gräfin Truchseß-Waldburg, geborene Prinzessin von Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die Gräfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.Un roi qui s'amusait. Par un indiscret. Paris 1888. S. 40 u. 44. Dies Buch ist nur insofern eine zuverlässige Quelle, als der Autor Berichte und persönliche Briefe des Grafen Reinhard zitiert, und es wurde auch nur insoweit von mir benutzt. Reinhard, der in seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfältig registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung für wert befand, weiß wohl von denen zu erzählen, die das Herz des Königs entflammten, aber von den wüsten Orgien, die jene übelduftende, gleich nach dem Sturz des Königs anonym erschienene »Geheime Geschichte des ehemaligen westfälischen Hofes zu Kassel«Geheime Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel, Petersburg (Braunschweig) 1814. Zwei Bände, fast ausschließlich voll mehr oder weniger schmutziger, durch nichts beglaubigter Anekdoten. behaglich und weitschweifig darstellt, weiß er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen Erinnerungen Otto von Boltenstern kürzlich veröffentlichte, weiß nichts davon. Von schönen Frauen und frohen Festen erzählt er, auch davon, daß der König die Liebe genoß, aber zu gleicher Zeit erklärt er, daß die geringste Verletzung des Anstands, daß zweideutige Äußerungen und öffentliche Galanterien am Hofe vom König selbst auf das strengste bestraft wurden und »kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld eines jungen Mädchens von gutem Ruf durch Verführungskünste untergraben worden wäre.«Otto von Boltenstern. Am Hofe König Jeromes. Erinnerungen des westfälischen Pagen von Lehsten. Berlin 1905. S. 29 f. Lehsten erzählt unter anderem, um zu beweisen, wie groß Jerome gegenüber die Verleumdungssucht war, daß man bei seinem Aufenthalt in Dresden seine Pagen – also auch ihn, Lehsten – für verkleidete, zum »Harem« Jeromes gehörige Mädchen gehalten und sie dadurch aufs bitterste gekränkt habe. Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von Kaisenbergs über Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei näherer Prüfung aber zeigt es sich, daß ein großer Teil der veröffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des Ganzen entspricht. Die darin erzählten Schauergeschichten sind vielfach wörtlich jener ominösen »Geheimen Geschichte« entnommen, die auch vielen ebenso wertlosen wie tendenziösen Romanen das Material geliefert hat.Moritz von Kaisenberg: König Jerome Napoleon. Leipzig 1899. – Der Verfasser vermischt authentische Briefe eines seiner Vorfahren mit Briefen einer Frau von Sothen und anderer, in denen zahlreiche Abschnitte mit Stellen aus der eben zitierten »Geheimen Geschichte des ehemaligen Hofes in Kassel« zum Teil wörtlich identisch sind. Es sei nur auf die folgenden hingewiesen: Geheime Geschichte I S. 91 und Kaisenberg S. 143, Geh. Gesch. S. 92 und Kaisenberg S. 101, Geh. Gesch. S. 93 und Kaisenberg S. 73, Geh. Gesch. S. 96 und Kaisenberg S. 73, Geh. Gesch. S. 89 und Kaisenberg S. 74, Geh. Gesch. S. 113 und Kaisenberg S. 96 ff., Geh. Gesch. S. 133 und Kaisenberg S. 143, Geh. Gesch. S. 174 ff. und Kaisenberg S. 75 ff., Geh. Gesch. S. 192 und Kaisenberg S. 78, Geh. Gesch. S. 235 ff. und Kaisenberg S. 160 usw. Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler als der der Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fühlt die eigene gemeine kleine Seele sich wohltuender berührt, als wenn sie Hochgestellte erniedrigen kann. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft würden Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenkönigs, dessen Charakter eine unumstößliche Rechtfertigung gefunden hat. Für ihn gilt, wie für Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Katharina von Württemberg war ihm ohne Liebe vermählt worden. Bald nach der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: »Ich bin die glücklichste der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, daß sie mein Schicksal mit dem der besten der Männer vereint hat.«Martinet, a. a. O. S. 15. Reinhard berichtete von Kassel aus an den Kaiser: »Das Leben der Königin ist nur von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum König beherrscht.«Un roi qui s'amusait, a. a. O. S. 253.

Das Tagebuch der Königin bringt auf jeder Seite die rührendsten Beweise ihrer Liebe und ihres Vertrauens.Das Tagebuch ist in den sieben Bänden der Memoiren vollständig veröffentlicht. Während der häufigen Trennungen korrespondierten die Gatten täglich miteinander, und über einen langen Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Königin folgende Stellen: »Ich habe nur Dich in der Welt« – »Lieber nehme ich alle Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglück, Dir zu mißfallen« – »Du weißt, daß nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so unglücklich macht, als von Dir getrennt zu sein.«Correspondance inédite, a.a.O. S. 66f., S. 150 f., außerdem die zahlreichen, in den Memoiren veröffentlichten Briefe Katharinens an Jerome, und S. Schloßberger: Briefwechsel der Königin Katharina. Stuttgart 1886.

Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina für sich und ihr Kind einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein Schloß in Württemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende Existenz an – für den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber während Napoleons Gattin den vom Glück Verlassenen ruhig verriet und seinen und ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an Österreich auslieferte, schrieb Katharina ihrem Vater: »Durch die Politik gezwungen, den König zu heiraten, hat das Schicksal es doch gefügt, daß ich die glücklichste Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefühle gehören ihm: Liebe, Zärtlichkeit, Bewunderung«, und sie erklärte zum Schluß: »Der Tod oder mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!«Mémoires, a.a.O. Bd. 6, S. 38a f. – In ihrer Verzweiflung über die Gewaltmaßregeln, die ihr Vater ergriffen hatte, um sie zur Trennung von Jerome zu zwingen, wandte sich Katharina schutzflehend sowohl an den Kaiser von Rußland wie an den von Österreich, und erniedrigte sich so sehr, den Falschesten unter den Falschen, Metternich, um seine Unterstützung zu bitten. Ihre Empörung über ihre Familie, die alles tat, um ihren Mann in ihren Augen herabzusetzen, und die Liebe zu ihm, der »das ganze Glück meines Lebens ist«, drückt sich darin rührend aus. Vgl. Correspondance inédite, a.a.O. S. 165.

Einem Mann, der ein Wüstling ist, kann eine Frau sich vielleicht aus falschem Pflichtgefühl opfern, nie aber wird sie ihm die heiße Liebe eines Lebens weihen – jene Liebe, die selbst die schwerste Probe besteht: daß das Herz des anderen nicht stets in gleicher Liebe für sie entbrannte.

Allen Schmutz, den Neid und Haß und böswillige Verleumdung auf Jeromes Grab gehäuft haben, spült der Strom der Liebe Katharinas fort, und gelingt es ihm nicht ganz, bleibt noch etwas von ihm an den bunten Blumen der Erinnerung haften, die darauf wachsen, so weiß ich von einer anderen Liebe, einer heimlichen, stillen, die auch die letzten Blättchen reinwäscht. Von ihr will ich erzählen.

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