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Im Schatten der jungen Mädchen

Marcel Proust: Im Schatten der jungen Mädchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMarcel Proust
titleIm Schatten der jungen Mädchen
publisherVerlag die Schmiede
yearo.J.
translatorWalter Benjamin und Franz Hessel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140310
projectid44acc111
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Meine Mutter sprach, als davon die Rede war, Herrn von Norpois zum erstenmal einzuladen, ihr Bedauern aus, daß Professor Cottard auf Reisen und sie selbst außer allem Verkehr mit Swann sei, denn beide wären ohne Zweifel für den ehemaligen Botschafter interessant gewesen; mein Vater antwortete, ein Gast von der Bedeutung, ein Gelehrter vom Range Cottards sei bei einem Diner immer am Platze, aber Swann mit seinem hochfahrenden Wesen, der aufdringlichen Art, seine belanglosesten gleichgültigsten Beziehungen auszuposaunen, sei ein gewöhnlicher Wichtigtuer, den der Marquis von Norpois, wie er sich ausdrückte, »übel« finden würde. Diese Erwiderung meines Vaters erfordert ein paar erklärende Worte, da sich mancher wohl noch eines recht mittelmäßigen Cottard und eines Swann entsinnen wird, der in gesellschaftlichen Dingen zurückhaltend diskret und äußerst taktvoll war. Allein, es war mit diesem alten Freunde meiner Eltern dahin gekommen, daß er »Swann junior« und den Swann vom Jockeyklub um eine neue Persönlichkeit vermehrt hatte (und es sollte die letzte nicht sein), um den Gatten Odettes. Wenn er den schlichten Ambitionen dieser Frau Instinkt, Begier und Umsicht, wie sie immer ihm geeignet hatten, anpaßte, so geschah, es in der Absicht, weit unter seiner alten Stellung eine neue anzulegen, die der Gefährtin, die sie mit ihm teilen sollte, entsprach. Er zeigte sich als ganz neuer Mensch. Da er (ohne seinen eigenen Verkehr mit persönlichen Freunden aufzugeben, denen er Odette nicht aufdrängen wollte, soweit sie sich nicht aus eigenem Antrieb um ihre Bekanntschaft bemühten) ein zweites Leben in Gemeinschaft mit seiner Frau mitten unter neuen Wesen begann, hätte man noch verstehen können, daß er, um den Rang dieser Leute und dementsprechend seine persönliche Genugtuung an ihrem Besuch abzuschätzen, als Vergleichspunkt zwar nicht die glänzendsten Erscheinungen der Gesellschaft, in derer vor seiner Ehe verkehrte, aber doch Odettes frühere Beziehungen genommen hätte. Allein selbst wenn man wußte, daß er jetzt mit uneleganten Beamten und zweifelhaften Frauen, den Blüten der Ministerbälle, anzuknüpfen wünschte, mußte man sich doch wundern, ihn, der ehedem und auch heute noch eine Einladung nach Twickenham oder Buckingham Palace so anmutig zu verheimlichen verstand, laut verkünden zu hören, die Frau eines stellvertretenden Kabinettchefs habe Frau Swann ihren Besuch abgestattet. Man wird das vielleicht so verstehen: die Einfachheit des eleganten Swann sei nur eine besonders raffinierte Form der Eitelkeit gewesen, und der alte Freund meiner Eltern habe nach Art gewisser Israeliten abwechselnd die verschiedenen Zustände darzustellen verstanden, welche die Leute seiner Rasse vom naivsten Snobismus und der flegelhaftesten Formlosigkeit bis zur vollendeten Höflichkeit nacheinander durchgemacht haben. Aber der Hauptgrund war einer, der sich auf Menschen im allgemeinen anwenden läßt: unsere Tugenden besitzen nicht an sich selbst die freie Beweglichkeit, die uns beständig über sie verfügen ließe; sie gehen in uns im Laufe der Zeit so enge Verbindung mit den Gelegenheiten ein, bei denen sie aus Pflicht von uns geübt werden, daß eine abweichende Wirksamkeit uns unvorbereitet findet und wir gar nicht auf den Gedanken kommen, sie gestatte die Anwendung eben dieser Tugenden. Bei seinem Eifer um die neuen Beziehungen, die er mit Stolz erwähnte, hatte Swann etwas von der Bescheidenheit und Hochherzigkeit großer Künstler, die sich am Ende ihres Lebens mit Küche und Gartenbau abgeben und eine naive Zufriedenheit über die Komplimente sehen lassen, die man ihren Gerichten oder Gartenbeeten spendet, in dieser Sache aber sich Kritik nicht bieten lassen würden, die sie, wo es um ihre Meisterwerke geht, gern hinnehmen; so geben sie auch eines ihrer Bilder für nichts her, werden aber gleich schlechter Laune, wenn sie im Domino zwei Franken verlieren.

Dem Professor Cottard wird man viel später, wenn wir auf dem Schlosse La Raspelière sind, mit Muße nähertreten. Für den Augenblick mögen, was ihn betrifft, einige Bemerkungen genügen. Bei Swann hat die Veränderung, streng genommen, etwas Überraschendes, da sie bereits vollzogen war und ich sie nicht vermutet hatte zur Zeit, als ich Gilbertes Vater in den Champs-Élysées sah, wo er mich übrigens nie anredete und somit seine politischen Beziehungen vor mir nicht zur Schau tragen konnte (nun, und selbst wenn er es getan hätte, wäre mir seine Eitelkeit vielleicht auch nicht gleich aufgefallen, denn die Vorstellung, die man sich längere Zeit von jemandem gemacht hat, blendet die Augen und verstopft die Ohren; drei Jahre hindurch bemerkte meine Mutter nicht die Schminke, die eine ihrer Nichten auf die Lippen tat, sie schien sich unsichtbar in etwas Flüssigem gelöst zu haben, bis dann eines Tages ein wenig Neuaufgelegtes oder sonst irgendeine Ursache das Phänomen der sogenannten Übersättigung herbeiführte, die ganze nie wahrgenommene Schminke kristallisierte, und meine Mutter angesichts dieses plötzlichen lasterhaften Übermaßes an Farbe erklärte, wie man in Combray getan hätte, es sei eine Schande, und fast ganz den Verkehr mit ihrer Nichte abbrach). Für Cottard aber lag die Epoche, da er Swanns erstem Auftreten im Hause Verdurin beigewohnt hatte, schon ziemlich weit zurück; nun kommen Ehren und öffentliche Auszeichnungen mit den Jahren; ferner kann man ungebildet sein, alberne Witze machen und dabei eine besondere Begabung besitzen, die durch keine allgemeine Kultur zu ersetzen ist, wie etwa die Begabung des großen Strategen oder des großen Chirurgen. In der Tat betrachteten seine Kollegen den Doktor Cottard nicht einfach als einen praktischen Arzt, der mit der Zeit eine europäische Größe geworden war. Die klügsten unter den jungen Medizinern erklärten – wenigstens ein paar Jahre hindurch, denn die Moden wechseln, da sie selber aus dem Bedürfnis nach Wechsel entstehen –, daß Cottard der einzige Meister sei, dem sie ihre Haut anvertrauen wollten, wenn sie jemals krank würden. Im gesellschaftlichen Verkehr bevorzugten sie allerdings gewisse andere Professoren, die gebildeter und kunstsinniger waren, mit denen sich von Nietzsche und Wagner sprechen ließ. Wenn Frau Cottard musikalische Abende veranstaltete, bei denen sie die Kollegen und Schüler ihres Gatten empfing in der Hoffnung, daß er eines Tages Dekan der Fakultät werde, so zog Cottard es vor, im anstoßenden Salon Karten zu spielen, statt zuzuhören. Jedoch der schnelle, gründliche und sichere Blick seiner Diagnosen war berühmt. Was endlich die Gesamtwirkung von Professor Cottards Benehmen auf einen Mann wie meinen Vater betrifft, so ist zu bemerken, daß die Natur, die wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens sehen lassen, wohl oft, aber nicht immer eine Weiterentwicklung oder Entstellung, Vergröberung oder Verkümmerung unserer ursprünglichen Natur ist; bisweilen ist sie deren Umkehrung, das nach allen Regeln der Kunst gewendete Kleid. Außer bei den Verdurin, die nun einmal eine Vorliebe für ihn fühlten, hatte Cottards unsicheres Auftreten, seine übertriebene Liebenswürdigkeit und Schüchternheit ihm in seiner Jugend beständige Sticheleien eingetragen. Welcher barmherzige Freund riet ihm dann, eine eisige Miene aufsetzen? Das wurde ihm durch das Ansehen seiner Stellung leichter gemacht. Überall, außer im Hause Verdurin, wo er instinktiv wieder er selbst wurde, gab er sich kalt, absichtlich schweigsam, abweisend, schneidend, wenn er sprechen mußte, und vergaß nie, Unangenehmes mit einfließen zu lassen. Die neue Haltung konnte er an seinen Patienten ausprobieren, die ihn nicht von früher her kannten und deshalb außerstande waren, Vergleiche zu ziehen; sie hätten sich gewundert zu erfahren, daß er von Natur gar nicht grob war. Vor allem bemühte er sich, den Gefühllosen zu spielen, und selbst, wenn er in der Klinik einen seiner Witze zum besten gab, über die alle Welt, vom Oberarzt bis zum jüngsten Externen, lachte, zuckte kein Muskel in seinem Gesicht, das übrigens, seit er Schnurrbart und Backenbart hatte abnehmen lassen, nicht wiederzuerkennen war.

Und schließlich wollen wir noch sagen, wer der Marquis von Norpois war. Nachdem er vor dem Kriege bevollmächtigter Minister und am 16. Mai Botschafter gewesen, wurde er doch zum Erstaunen vieler zu wiederholten Malen beauftragt, Frankreich in außerordentlichen Missionen zu vertreten, unter anderm sogar mit der Kontrolle der ägyptischen Staatsschuldzahlung, wobei er dank seinen großen finanziellen Fähigkeiten wichtige Dienste leistete; diese Aufträge erteilten ihm radikale Kabinette, denen ein einfacher bürgerlicher Reaktionär seine Dienste verweigert haben würde und bei denen Herrn von Norpois' Vergangenheit, seine Beziehungen und Anschauungen von Rechts wegen Verdacht erregen mußten. Aber offenbar gaben sich diese weit links stehenden Minister darüber Rechenschaft, daß sie mit einer solchen Wahl ihre besondere Aufgeschlossenheit, sobald es um die höheren Interessen Frankreichs ging, bewiesen, sie überragten das Gros der Politiker (erwarben sie doch das Verdienst, selbst vom Journal des Débats als Staatsmänner anerkannt zu werden) und zogen aus dem Prestige, das sich an einen adligen Namen knüpft, und aus dem Aufsehen, das der Theatercoup einer Wahl, die keiner voraussah, erweckt, ihren Nutzen. Sie wußten, dieser Vorteil war ihnen sicher, wenn sie den Herrn von Norpois beriefen; von ihm war ein Mangel an politischer Loyalität nicht zu befürchten: seine Herkunft war ihnen nicht eine Warnung, sondern eine Garantie. Und darin sollte sich die Regierung der Republik nicht täuschen. Denn zunächst ist eine bestimmte Adelsschicht von Kindheit an erzogen, ihren Namen als einen inneren Vorteil anzusehen, den ihr nichts rauben kann (als einen Wert, den ihresgleichen und die, welche an Geburt über ihr stehen, genau schätzen können), und sie weiß, sie kann sich die – nachträglich so gut wie resultatlosen – Bemühungen vieler Bürgerlicher, nur wohlgelittene Meinungen zu bekennen und nur mit wohlgesinnten Leuten zu verkehren, ersparen, da sie ja doch ihrem Werte damit nichts hinzufügen würde. Hingegen ist diese Adelsklasse bestrebt, in den Augen der fürstlichen und herzoglichen Familien, an welche ihre eigene Stellung sie sehr nah heranrückt, zu gewinnen, und zwar, indem sie wohlweislich das Ansehen ihres Namens vermehrt um etwas, das nicht in ihm lag, etwas, das ihm unter ihresgleichen ein Plus gibt: politischer Einfluß, literarischer oder künstlerischer Ruhm oder ein großes Vermögen. Und die Unkosten, die sie dem nutzlosen Krautjunker gegenüber, um den sich die Bürger bemühen, erspart (ein Fürst von Geblüt würde dessen unfruchtbare Freundschaft ihr gar nicht anrechnen), die wendet sie an Politiker, und seien es auch Freimaurer, durch die man in der Gesandtschaftskarriere vorwärtskommt und bei Wahlen poussiert wird, an Künstler und Wissenschaftler, die einen dabei unterstützen, sich in dem Fach, in dem sie die ersten sind, ›durchzusetzen‹, an alle endlich, die neuen Ruhm zu verleihen oder zu einer reichen Heirat zu verhelfen imstande sind.

Was nun Herrn von Norpois persönlich betrifft, so hatte er sich in langer diplomatischer Praxis vor allem mit jenem negativen Geist konservativer Routine vollgesogen, den man ›Regierungsmentalität‹ nennen könnte und der in der Tat allen Regierungen und unter allen Regierungen insbesondere wieder den Kanzleien eigen ist. Seine Laufbahn hatte ihm Abneigung, Vorsicht und Mißachtung gegenüber den mehr oder weniger revolutionären, zumindest inkorrekten Maßnahmen eingegeben, zu denen die Opposition ihre Zuflucht nimmt. Außer bei einigen Ungebildeten aus der Masse und der Gesellschaft, für die der Unterschied der Lebensarten toter Buchstabe bleibt, besteht das ausgleichende Moment überall nicht in der Gemeinschaft der Überzeugungen, sondern in der Blutsverwandtschaft der Geister. Ein Akademiker vom Schlage Legouvés, der etwa Anhänger des Klassizismus wäre, würde eher dem Lobe Victor Hugos von Seiten eines Maxime Ducamp oder Mézières Beifall gespendet haben als dem Boileaus von Seiten Claudels. Gemeinsamer Nationalismus genügt, um Barrès seinen Wählern nahe zu bringen, die vermutlich keinen großen Unterschied zwischen ihm und Herrn Georges Berry machen, genügt aber nicht denjenigen seiner Kollegen von der Akademie gegenüber, die seine politischen Meinungen teilen, aber eine andere Geistesart haben und ihm sogar Gegner wie Ribot und Deschanel vorziehen, denen sich wiederum manche treuen Monarchisten viel näher fühlen als einem Maurras oder Léon Daudet, obwohl diese gleichfalls die Rückkehr des Königs wünschen. Da Herr von Norpois mit Worten geizte, nicht nur aus Vorsicht und Zurückhaltung (Gewohnheiten seines Berufes), sondern auch, weil Worte mehr Gewicht und größeren Reichtum an Nuancen für die haben, die ihre zehnjährigen Bemühungen um die Annäherung zweier Länder – in einer Rede oder einem Protokoll – durch ein einfaches scheinbar banales Adjektiv, in dem aber für sie eine ganze Welt liegt, zusammenfassen und wiedergeben –, so galt er für sehr kalt in der Kommission, wo er seinen Sitz neben meinem Vater hatte, den jedermann zu der Freundschaft, die ihm der ehemalige Botschafter bewies, beglückwünschte. Mein Vater war selbst der erste, der sich über sie wunderte. Im allgemeinen nicht eben liebenswürdig, war er gar nicht gewohnt, daß man sich außerhalb seines engern Freundeskreises um ihn bemühte, und schlicht und aufrichtig gestand er das. Ihm war ganz klar, daß in dem Entgegenkommen des Diplomaten der ganz individuelle Standpunkt zutage trat, von dem aus jeder sich zu seinen Sympathien entscheidet, und alle geistigen Vorzüge oder eine Feinfühligkeit, die manchen von uns ärgert und reizt, keine so gute Empfehlung sind wie munteres offenes Sich-Geben, das wiederum in den Augen vieler anderer für leer, leichtfertig und nichtig gilt. »Norpois hat mich wieder zum Essen eingeladen; merkwürdig! Alle sind ganz verblüfft in der Kommission, wo er zu niemand persönlich Beziehungen hat. Ich bin sicher, er wird mir wieder Aufregendes vom Kriege Siebzig erzählen.« Mein Vater wußte, daß Herr von Norpois vielleicht als einziger den Kaiser auf die wachsende Macht und die kriegerischen Absichten Preußens aufmerksam gemacht hatte und daß Bismarck seine Klugheit besonders hoch einschätzte. Letzthin noch bei Gelegenheit der Galavorstellung in der Oper zu Ehren des Königs Theodosius nahmen die Zeitungen Notiz von dem ausgedehnten Gespräch, in das der Monarch Herrn von Norpois gezogen. »Ich muß doch herausbekommen, ob der Besuch des Königs wirklich wichtig ist«, sagte mein Vater, der sich sehr für äußere Politik interessierte, zu uns. »Ich weiß ja, daß der alte Norpois sehr zugeknöpft ist, aber mit mir kann er von reizender Offenheit sein.«

Für meine Mutter hatte der geistige Habitus des Botschafters an sich wohl nichts besonders Anziehendes. Und ich muß sagen, die Ausdrucksweise des Herrn von Norpois gab ein so vollständiges Repertoire der überlebten Redewendungen, wie sie zu einer bestimmten Karriere, Klasse und Epoche – einer Epoche, die für diese Klasse und Karriere vielleicht wirklich noch nicht erledigt ist – passen, daß es mir manchmal leid tut, nicht ganz rein und unverändert die Worte behalten zu haben, die ich von ihm hörte. Damit hätte ich das Altmodische höchst effektvoll und ebenso leicht und treffend herausgebracht wie jener Schauspieler vom Palais-Royal, den man fragte, wo er denn seine überraschenden Hüte fände, und der antwortete: »Ich finde meine Hüte nicht; ich behalte sie.« Mit einem Wort, ich glaube, meine Mutter fand Herrn von Norpois ein bißchen vieux jeu, was ihr in bezug auf seine Manieren beileibe nicht mißfiel, sie aber weniger entzückte im Bereiche nicht gerade der Ideen – denn die des Herrn von Norpois waren sehr modern – sondern der Ausdrucksweise. Allein sie fühlte, daß es ihrem Gatten in zarter Weise schmeichelte, wenn sie ihm mit Bewunderung von dem Diplomaten sprach, der eine so seltene Vorliebe für ihn bezeugte. Wenn sie meinen Vater in seiner guten Meinung von Herrn von Norpois bestärkte und ihn so dazu brachte, auch von sich selbst eine gute Meinung zu bekommen, war sie sich bewußt, eine ihrer Pflichten zu erfüllen, nämlich die, ihrem Gatten das Leben angenehm zu machen, wie sie es tat, wenn sie darüber wachte, daß die Küche gepflegt war und die Bedienung sich schweigsam vollzog. Und da sie außerstande war, meinen Vater zu belügen, trainierte sie sich innerlich, den Botschafter zu bewundern, um ihn aufrichtig loben zu können. Übrigens hatte sie ein natürliches Wohlgefallen an seiner gütigen Miene und seiner altmodischen zeremoniösen Höflichkeit (wenn er hochaufgerichtet des Weges kam und sah meine Mutter im Wagen vorbeifahren, so warf er die kaum angerauchte Zigarre weg, ehe er den Hut zog), ferner an seiner gemessenen Konversation: er sprach so wenig wie möglich von sich selbst und zog immer in Betracht, was seinem Unterredner angenehm sein konnte; endlich an seiner Pünktlichkeit im Beantworten von Briefen; die war erstaunlich: wenn mein Vater ihm geschrieben hatte und einen Brief erhielt, auf dessen Umschlag er Herrn von Norpois' Handschrift erkannte, so war seine erste Regung, anzunehmen, ihre Briefe hätten sich durch einen unglücklichen Zufall gekreuzt; es war, als fänden für Herrn von Norpois auf der Post Extra-Luxus-Leerungen statt. Meine Mutter fand es wunderbar, daß er trotz so gehäuften Beschäftigungen so genau, trotz ausgedehntem Verkehr so liebenswürdig war, und bedachte nicht, daß diese ›Trotz‹ eigentlich lauter ›Weil‹ waren und – wie Greise für ihr Alter erstaunlich, Könige schlicht, Kleinstädter immer auf dem laufenden sind – gerade seine Lebensgewohnheiten Herrn von Norpois gestatteten, soviel Beschäftigungen gerecht zu werden und zugleich so ordentlich in seinen Antworten zu sein, in Gesellschaft zu gefallen und uns liebenswürdig entgegenzukommen. Überdies beruhte der Irrtum meiner Mutter wie der aller zu Bescheidenen darauf, daß sie, was sie selbst betraf, den Angelegenheiten der andern unterordnete und somit von ihnen absonderte. Die schnelle Antwort, die sie dem Freunde meines Vaters hoch anrechnete und die doch nur deshalb umgehend eintraf, weil er tagtäglich viele Briefe schrieb, nahm sie von der großen Anzahl seiner Briefe aus, obwohl es nur einer unter vielen war; sie kam nicht darauf, daß ein Diner bei uns für Herrn von Norpois einer der zahllosen Akte seines sozialen Lebens war, sie erwog nicht, daß der Botschafter von seiner diplomatischen Tätigkeit her gewohnt war, Dinereinladungen als Teil seiner Funktionen anzusehen, und daß es zuviel von ihm verlangt gewesen wäre, die eingewurzelte Grazie, die er bei solcher Gelegenheit entfaltete, eigens abzutun, wenn er zu uns essen kam.

Sein erstes Diner bei uns nahm Herr von Norpois zu einer Zeit ein, als ich noch in den Champs-Élysées spielte, und es ist in meinem Gedächtnis geblieben, weil ich am Nachmittage des gleichen Tages endlich die Berma in einer Matinée als Phèdre hören sollte, auch, weil mir im Gespräch mit Herrn von Norpois plötzlich und auf besondere Art bewußt ward, daß alles, was Gilberte Swann und ihre Eltern betraf, bei mir ganz andere Gefühle erweckte als diese Familie bei jedwedem sonst auslöste.

Sicherlich hatte meine Mutter die Niedergeschlagenheit bemerkt, in die mich die Nähe der Neujahrsferien versenkte, in denen ich, wie sie mir selbst angezeigt hatte, Gilberte nicht sehen sollte, und, um mich zu zerstreuen, sagte sie eines Tages zu mir: »Wenn du noch immer so große Lust hast, die Berma zu hören – der Vater wird, glaube ich, vielleicht erlauben, daß du hingehst; die Großmutter könnte dich mitnehmen.«

Daran war Herr von Norpois schuld, der meinem Vater gesagt hatte, er solle mich doch die Berma hören lassen, das gäbe einem jungen Menschen einen Eindruck fürs ganze Leben; und mein Vater, bisher sehr dagegen, daß ich mit Dingen meine Zeit verlöre, die er zum Ärger meiner Großmutter nutzloses Zeug nannte, das meiner Gesundheit schlecht anschlagen könne, war nun nahe daran, den von dem Botschafter angepriesenen Theaterbesuch von ungefähr in die Gesamtheit der Rezepte einzufügen, die für eine glänzende Laufbahn von Wert sind. Für die Großmutter war es ein großes Opfer gewesen, mich auf den Nutzen verzichten zu lassen, den es nach ihrer Meinung für mich hatte, die Berma spielen zu sehn, ein Opfer, das man der Rücksicht auf meine Gesundheit bringe, und nun mußte sie mitansehen, daß diese Rücksicht auf ein bloßes Wort des Herrn von Norpois vernachlässigt werden sollte. Als unverbesserliche Rationalistin setzte sie ihre Hoffnung in das mir verordnete Regime der freien Luft und des Früh-zu-Bett-Gehens, beklagte die Verletzung dieser Vorschriften, die ich begehen würde, als ein Ungemach und sagte ganz betrübt zu meinem Vater: »Wie leichtsinnig Sie sind!« Wütend erwiderte er: »Wie? Jetzt wollen mit einmal Sie nicht mehr, daß er hingeht! Das ist doch stark! Nachdem Sie uns immer wiederholt haben, es könne ihm von Nutzen sein.«

Aber in einem für mich noch viel wichtigeren Punkte hatte Herr von Norpois die Absichten meines Vaters geändert. Dieser hatte immer gewünscht, ich solle Diplomat werden; mir aber war, auch für den Fall, daß ich eine Zeitlang einem Ministerium angegliedert bliebe, der Gedanke unerträglich, man könne eines Tages als Botschafter mich in Hauptstädte schicken, die Gilberte nicht bewohnen würde. Da wäre ich lieber auf die literarischen Pläne von früher zurückgekommen, die ich im Verlauf meiner Spaziergänge in der Gegend um Guermantes aufgegeben hatte. Allein mein Vater hatte beständig dagegen Einspruch erhoben, daß ich der literarischen Laufbahn mich zuwende; er stellte sie tiefer als die Diplomatie und sprach sogar den Namen ›Laufbahn‹ ihr ab,– bis zu dem Tage, da Herr von Norpois, der die diplomatischen Beamten neuen Schlages nicht besonders liebte, ihm versicherte, man könne als Schriftsteller ebenso hohes Ansehen gewinnen, eine nicht geringere Wirksamkeit ausüben und mehr Unabhängigkeit bewahren als in den Botschaften.

»Das hätte ich nicht gedacht: der alte Norpois hat gar nichts gegen den Gedanken, daß du Literatur treibst«, hatte mein Vater zu mir gesagt. Und da er selber ziemlich einflußreich war, meinte er, es gäbe nichts, das sich nicht im Gespräche unter Männern von Gewicht arrangieren und zu einer glücklichen Lösung führen ließe. »Ich werde ihn einen dieser Abende aus der Kommission zum Essen mitbringen. Du wirst ein bißchen mit ihm plaudern, damit er dich schätzen lerne. Schreib etwas Hübsches, das du ihm zeigen kannst; er steht sehr gut mit dem Direktor der Revue des Deux-Mondes, da wird er dich hineinbringen, das schafft er, er ist schlau; er scheint wahrhaftig zu finden, daß die Diplomatie heutzutage ...!« Der Gedanke an das Glück, nicht von Gilberte getrennt zu werden, machte mich begierig, nicht aber fähig, etwas Schönes, das man Herrn von Norpois zeigen könne, zu schreiben. Nach einigen vorläufigen Seiten fiel mir vor Überdruß die Feder aus der Hand, ich weinte vor Wut darüber, daß ich nie Talent haben würde, daß ich unbegabt sei und nicht einmal den Glücksfall, den Herrn von Norpois' bevorstehender Besuch bot, nützen könne, um auf die Dauer in Paris zu bleiben. Einzig der Gedanke, man werde mich die Berma hören lassen, lenkte mich von meinem Kummer ab. Aber wie ich mir nicht wünschte, Stürme an anderer Stätte als an den Küsten zu erleben, wo sie am heftigsten sind, so wollte ich die große Schauspielerin auch nur in einer der klassischen Rollen hören, in denen sie, wie mir Swann gesagt hatte, an das Erhabene grenze. Denn da wir in unserm Verlangen nach gewissen Eindrücken der Natur oder Kunst der Hoffnung leben, etwas Kostbares zu entdecken, haben wir Bedenken, unsere Seele statt ihrer geringere Eindrücke aufnehmen zu lassen, die uns über den genauen Wert des Schönen irreführen könnten. Die Berma in Andromaque, in Les Caprices de Marianne, in Phèdre, das gehörte zu den großartigen Dingen, die meine Phantasie so sehr begehrt hatte. Ich würde das gleiche Entzücken erleben wie an dem Tage, da mich die Gondel zu Füßen des Tizian der Frari-Kirche oder der Carpaccio von San Giorgio dei Schiavoni absetzen werde, wenn ich jemals von der Berma würde die Verse sagen: ›Man sagt, Euch nimmt von uns ein rascher Abschied fort, o Herr usw.‹ Ich kannte sie in der einfachen Wiedergabe Schwarz auf Weiß, welche die gedruckten Ausgaben bieten, aber, als sollte eine Reise wirklich werden, schlug mir das Herz bei dem Gedanken, diese Verse tatsächlich endlich baden zu sehen in Luft und Sonne der goldenen Stimme. Ein Carpaccio in Venedig, die Berma in Phèdre, diese Meisterwerke bildender und dramatischer Kunst waren für mich von einem Nimbus umgeben, der ihnen eine besondere Lebendigkeit und Unablösbarkeit gab: hätte ich einen Carpaccio in einem Saal des Louvre oder die Berma in einem Stücke, von dem ich noch nie gehört hatte, sehen sollen, es hätte mich nicht so herrlich bestürzt, endlich die Augen aufzuheben zu dem unfaßbaren einzigen Gegenstand meiner tausend Träume. Ferner erwartete ich von dem Spiel der Berma Offenbarungen über bestimmte Erscheinungsformen des Adels, des Schmerzes, und so mußte für mich das Große und Wahrhafte ihres Spieles noch größer und wahrhafter werden, wenn die Künstlerin es über ein Werk von wirklichem Wert ausbreitete statt Wahres und Schönes in ein mittelmäßiges und gewöhnliches Gewebe zu sticken.

Schließlich würde es mir, wenn ich die Berma in einem neuen Stück zu hören bekäme, nicht leicht sein, ihre Kunst, ihre Diktion zu beurteilen, denn ich könnte nicht scheiden zwischen einem mir noch nicht bekannten Text und dem, was Tonfall und Gebärde hinzutäten, sie würden für mich eine Einheit mit ihm bilden; die alten Werke hingegen, die ich auswendig konnte, erschienen mir wie weite Spielräume, die der Künstlerin zur Verfügung waren, ihr offenstanden, und ich konnte bei ihnen gewiß die Gestaltungskraft der Berma uneingeschränkt würdigen, die sie gewissermaßen al fresco mit immer neuen Eingebungen ihrer Inspiration bedecken würde. Nun hatte sie leider seit Jahren die großen Bühnen verlassen, machte das Glück eines Boulevardtheaters, wo sie der Star war, und spielte nichts Klassisches mehr; umsonst sah ich die Anzeigen durch, die immer nur moderne Stücke ankündigten, eigens für sie von beliebten Autoren verfertigt, – bis ich eines Morgens auf der Anschlagsäule die Matineen der Neujahrswoche studierte und zum erstenmal – als zweiten Teil einer Vorstellung nach einem vermutlich unwesentlichen Einakter, dessen Titel mir dunkel blieb, weil er auf eine mir ganz unbekannte Handlung hindeutete, – zwei Akte Phèdre mit Frau Berma entdeckte und an den folgenden Matineen Le Demi-Monde und Les Caprices de Marianne, Titel, die wie Phèdre für mich durchsichtig waren, ganz von Klarheit erfüllt, – so gut kannte ich die Werke –, bis auf den Grund erleuchtet vom Lächeln der Kunst. Es schien mir Frau Berma einen neuen Adel zu geben, als ich in den Zeitungen las, sie selbst habe sich entschlossen, in einigen ihrer früheren Schöpfungen vor das Publikum zu treten. Die Künstlerin wußte, daß gewisse Rollen ein Interesse haben, das ihr erstes Erscheinen oder den Erfolg ihrer Wiederaufnahme überdauert; sie betrachtete deren Darstellung als Vorführung von Museumsstücken, Modellen für die Generation, die sie darin bewundert, und die, welche sie noch nicht darin gesehen hatte. Und wenn sie nur mitten unter Stücken, die nur dazu bestimmt waren, einen Abend lang die Zeit zu vertreiben, Phèdre anzeigte, ein Titel, nicht länger als der der andern und in den gleichen Lettern gedruckt, gab sie damit etwa dasselbe zu verstehen wie eine Hausfrau, die uns, wenn man zu Tische geht, den Gästen vorstellt und mitten unter den Namen von Eingeladenen, die nur Eingeladene sind, im gleichen Tonfall, mit dem sie die anderen nennt, sagt: Herr Anatole France.

Der Arzt, der mich behandelte – der, welcher mir das Reisen ganz verboten hatte – riet meinen Eltern davon ab, mich ins Theater gehen zu lassen; ich würde krank davon werden, vielleicht für lange Zeit, und schließlich und endlich mehr Leiden als Vergnügen davon haben. Solch eine Besorgnis hätte mich gehemmt, wenn das, was ich von der Aufführung erwartete, nur ein Vergnügen gewesen wäre, das durch spätere Leiden einfach im Ausgleich aufgehoben werden kann. Aber – gerade wie von der Reise nach Balbec oder der nach Venedig, die ich so sehr ersehnte – wollte ich von der Matinee etwas ganz anderes als ein Vergnügen: Wahrheiten wollte ich, die einer Welt angehörten, wirklicher als die, in der ich lebte, und die, einmal erworben, mir nicht mehr von unbedeutenden, ob auch für meinen Körper schmerzhaften Zufällen meines müßigen Daseins entrissen werden konnten. Mindestens erschien mir das bevorstehende Vergnügen bei der Aufführung als im Erfassen dieser Wahrheit vielleicht unumgängliche Form, und so konnte ich meine Wünsche darauf beschränken, die vorhergesagten Unpäßlichkeiten sollten erst nach Schluß der Vorstellung einsetzen, damit mein Eindruck durch sie nicht beeinträchtigt oder verfälscht würde. Flehentlich bat ich meine Eltern, die es seit dem Besuche des Arztes nicht mehr wollten, mich zu Phèdre gehen zu lassen. Beständig sagte ich mir die Rede auf: ›Man sagt, Euch wird von uns ein rascher Abschied trennen‹ und suchte dabei nach allen Betonungen, die man hineinlegen konnte, um besser das Unerwartete der einen zu ermessen, welche die Berma finden werde. Verborgen wie das Allerheiligste vom verhüllenden Vorhang, hinter dem ich ihr jeden Augenblick einen neuen Aspekt verlieh – im Anschluß an Bergottes Worte, in der von Gilberte entdeckten Broschüre, die mir in den Sinn kamen: ›Plastischer Adel, christliches Bußhemd, jansenistische Blässe, Prinzessin von Trözen und von Cleve, mykenisches Drama, delphisches Symbol, Sonnenmythos‹ –, so thronte die göttliche Schönheit, welche das Spiel der Berma mir offenbaren sollte, Tag und Nacht über beständig flammendem Altar in der Tiefe meines Geistes, – meines Geistes, der je nach der Entscheidung meiner strengen und leichtfertigen Eltern für immer die Vollkommenheiten der Göttin, die sich auf derselben Stätte enthüllt, wo ihre unsichtbare Gestalt sich erhob, umschließen sollte oder nicht. Und so kämpfte ich, die Augen auf das unfaßbare Bild geheftet, von morgens bis abends gegen die Widerstände, die meine Familie mir entgegensetzte. Allein als diese fielen, als meine Mutter – obwohl die Matinee gerade an dem Tage stattfand, an dem mein Vater Herrn von Norpois nach der Kommissionssitzung zum Essen mitbringen wollte – mir sagte: »Höre, wir wollen dich nicht betrüben; wenn du glaubst, es wird dir solches Vergnügen machen, dann mußt du hingehen«, als dieser bisher verbotene Theatertag nur noch von mir abhing, jetzt zum erstenmal, da ich mich nicht mehr mit der Aufhebung seiner Unmöglichkeit zu befassen brauchte, fragte ich mich, ob es denn wünschenswert sei, ob nicht andere Gründe als das Verbot der Eltern dafür sprächen, daß ich verzichte. Hatte ich zuvor die Grausamkeit der Eltern verabscheut, so machte ihre Zustimmung sie mir nun so teuer, daß der Gedanke, sie zu bekümmern, mir selber Kummer bereitete, durch den hindurch mir als Sinn des Lebens nicht mehr die Wahrheit, sondern die Liebe erschien und das Leben nur noch gut oder schlecht, je nachdem meine Eltern glücklich oder unglücklich sein würden. »Lieber möchte ich nicht hingehen, wenn es euch betrübt«, sagte ich meiner Mutter; sie hingegen bemühte sich, mich von dem Hintergedanken, sie könne sich darum betrüben, zu befreien, der, meinte sie, nur mein Vergnügen an Phèdre stören würde, und um dieses Vergnügens willen seien doch sie und der Vater von ihrem Verbot zurückgekommen. Da aber kam mir diese Art Verpflichtung, Vergnügen zu empfinden, recht schwer vor. Und dann: würde ich, wenn ich krank nach Hause käme, schnell genug genesen, um nach den Ferien in die Champs-Élysées zu gehen, sobald Gilberte wieder hinkäme? Allen diesen Gründen stellte ich zum Entscheidungskampf die hinter ihrem Schleier unsichtbare Idee der Vollkommenheit der Berma entgegen. In die eine Wagschale legte ich: »Fühlen, daß Mama traurig ist, riskieren, nicht in die Champs-Élysées gehen zu können, in die andere »jansenistische Blässe, Sonnenmythos«, aber diese Worte verdunkelten sich schließlich selbst vor meinem Geist, sagten mir nichts mehr, verloren alles Gewicht; nach und nach wurde das Zögern zu schmerzlich: hätte ich jetzt für das Theater entschieden, so wäre es nur geschehen, um diesem Zögern ein Ende zu machen und es ein für allemal los zu sein. Nur noch, um meine Leiden abzukürzen, nicht in der Hoffnung mehr auf geistigen Gewinn, noch in der Hingabe an den Reiz des Vollkommenen hätte ich mich zu der Göttin geleiten lassen, die nun nicht mehr die weise Göttin war, sondern die unerbittliche Gottheit ohne Antlitz und Namen, die ihr heimlich hinter dem Schleier untergeschoben worden. Da wurde plötzlich alles anders. Mein Verlangen, die Berma zu hören, erhielt von neuem einen Schlag mit der Peitsche, der mir erlaubte, in freudiger Ungeduld die Matinee zu erwarten: als ich nämlich vor der Anschlagsäule meine tägliche, seit kurzem so qualvolle Stylitenstation machte, sah ich, noch ganz feucht, die detaillierte Anzeige der Phèdre, die man gerade zum erstenmal aufgeklebt hatte (und auf der, die Wahrheit zu sagen, die übrigen Einzelheiten keinen neuen entscheidenden Reiz auf mich ausübten). Aber sie gab dem einen der Ziele, zwischen denen meine Unentschiedenheit schwankte, eine konkretere Form, die – da die Anzeige nicht das Datum des Tages trug, an dem ich sie las, sondern dessen, an dem die Aufführung stattfinden sollte und noch dazu die Stunde des Beginns – etwas Näherrückendes, auf dem Wege der Verwirklichung Begriffenes hatte, so daß ich freudig vor der Säule hüpfte bei dem Gedanken, ich werde an diesem Tage, genau zu dieser Stunde auf meinem Platze sitzen und bereit sein, die Berma zu hören; und aus Furcht, meine Eltern könnten nicht mehr Zeit haben, für die Großmutter und mich zwei gute Plätze zu beschaffen, war ich mit einem Satz wieder zu Hause, gehetzt von den neuen Zauberworten, die in meinem Geist ›jansenistische Blässe‹ und ›Sonnenmythos‹ ersetzt hatten, den Worten: ›die Damen müssen im Parkett die Hüte abnehmen, die Saaltüren werden um zwei Uhr geschlossen‹.

Ach, diese erste Matinee war eine große Enttäuschung. Mein Vater schlug vor, die Großmutter und mich auf seinem Wege zur Kommission vor dem Theater abzusetzen. Vorm Weggehen sagte er zu meiner Mutter: »Sieh zu, daß wir etwas Gutes zum Essen haben; du weißt doch, ich soll Norpois mitbringen.« Die Mutter hatte es nicht vergessen. Und schon seit gestern war Françoise glücklich, sich der Kochkunst hingeben zu können, für die sie sicherlich Begabung besaß, und noch besonders feuerte sie die Ankündigung eines neuen Tischgastes an; sie wußte, sie sollte nach Methoden, die nur ihr eigen waren, den Boeuf à la gelée komponieren, und lebte ganz in der Glut des Schaffens; da sie besondern Wert auf die Qualität des Materials legte, das notwendig zur Herstellung ihres Werkes gehörte, ging sie selbst in die Hallen und ließ sich die schönsten Stücke Rumsteak, Rindsbug und Kalbsfuß geben, dem Michelangelo ähnlich, der acht Monate in den Bergen von Carrara verbrachte, um die vollkommensten Marmorblöcke für das Denkmal Julius' II. auszuwählen. Bei ihrem Hin und Her legte Françoise sich derart ins Zeug, daß Mama, als sie das erhitzte Gesicht unserer alten Dienerin sah, fürchtete, sie könne krank werden von Überanstrengung wie der Schöpfer der Mediceergräber in den Steinbrüchen von Pietrasanta. Schon am Vorabend hatte sie den rosa Marmor dessen, was sie Nev-Yorkschinken nannte, zum Bäcker geschickt, um ihn in schützender Brotteighülle in den Ofen schieben zu lassen. Da sie den Reichtum der Sprache unterschätzte und sich nicht auf ihre Ohren verließ, hatte sie gewiß, als sie zum erstenmal von Yorkschinken reden hörte – in der Meinung, es sei eine unwahrscheinliche Verschwendung, daß im Vokabular York und New-York zugleich existieren sollten – geglaubt, sie habe schlecht verstanden und man habe ihr den Namen sagen wollen, den sie schon kannte. So blieb denn für ihre Ohren und, wenn sie eine Anzeige las, für ihre Augen vor dem Worte York das New, welches sie ›Nev‹ aussprach. Und in aller Treuherzigkeit sagte sie zum Küchenmädchen: »Holen Sie mir Schinken von Olida. Die gnädige Frau hat mir eingeschärft, daß es Nev-Yorker sein soll.« Hatte an diesem Tage Françoise die glühende Sicherheit des großen Schöpfers, so war mein Teil die quälende Unruhe des Suchenden. Wohl empfand ich Freude, solange ich die Berma noch nicht gehört hatte, Freude auf dem kleinen Square vor dem Theater, wo zwei Stunden später die kahlen Kastanienbäume mit metallischen Reflexen aufstrahlen sollten, sobald die Laternen angesteckt und die einzelnen Blätter des Astwerks beleuchtet sein würden; Freude vor den Kontrollbeamten, deren Wahl, Beförderung und Schicksal von der großen Künstlerin abhingen – sie behielt sich in der Verwaltung alle Entscheidungen vor, deren jeweilige rein nominelle Direktoren unbeachtet wechselten. Die Beamten nahmen unsere Billette, ohne uns anzusehen, sie waren zu aufgeregt und besorgt, ob auch alle Vorschriften der Berma dem neuen Personal richtig übermittelt seien, ob man verstanden habe, daß die Claque nie für sie klatschen dürfe, daß die Fenster offen sein sollten, solange sie nicht auf der Bühne war, dann aber auch jede Tür geschlossen und in ihrer Nähe ein Topf mit heißem Wasser versteckt, um den Staub am Aufsteigen zu verhindern; nun mußte ja gleich ihr Wagen mit den beiden langmähnigen Pferden vor dem Theater halten und sie selbst, in Pelze gehüllt, aussteigen, mit etwas mürrischer Geste die Grüße erwidern und eine aus ihrer Gefolgschaft entsenden, um sich über die Proszeniumslogen, die für ihre Freunde reserviert waren, über die Temperatur des Saales, die Besetzung der Logen, die Kleidung der Logenschließerinnen zu informieren; Theater und Publikum waren für sie nur ein zweites weiteres Gewand, in welches sie glitt, ein besserer oder schlechterer Wärmeleiter ihres Talentes. Auch im Saale selbst war ich glücklich; seit ich – im Gegensatz zu der Vorstellung, die lange Zeit in meiner kindlichen Phantasie bestanden hatte – wußte, daß es für alle Welt nur eine Bühne gab, dachte ich mir, die andern Zuschauer müßten einen wie eine umgebende Straßenmenge am guten Sehen hindern, nun aber stellte ich fest, daß vielmehr jedermann dank einer Anordnung, die gleichsam das Symbol aller Wahrnehmung ist, sich als Mittelpunkt des Theaters empfindet; und so erklärte ich mir, daß Françoise, die einmal zu einem Singspiel auf den dritten Rang geschickt wurde, nachher zu Hause versichern konnte, ihr Platz sei der allerbeste gewesen, und statt sich zu weit ab zu fühlen, sei sie eingeschüchtert worden durch die geheimnisvolle lebendige Nähe des Vorhangs. Meine Freude wuchs noch, als ich begann, wirre Geräusche, wie man sie unter der Eierschale hört, wenn das Kücken heraus will, hinter dem Vorhang zu unterscheiden; diese Geräusche wurden stärker, und plötzlich richteten sie sich aus jener unseren Augen undurchdringlichen Welt, die uns doch mit den ihren sah, unzweifelhaft an uns selbst in der gebieterischen Form dreier Schläge, erregend wie Signale vom Planeten Mars. Und als dann der Vorhang aufging und auf der Bühne ein ganz gewöhnlicher Schreibtisch und ebensolcher Kamin andeuteten, die gleich auftretenden Personen werden keine Schauspieler sein, die Verse aufsagen kämen, wie ich das von einer Abendvorstellung her kannte, sondern Leute, die bei sich zu Hause einen Tag ihres Lebens leben würden, in den ich eindrang, einbrach, ohne daß sie mich sahen –, da hielt meine Freude immer noch vor; sie wurde unterbrochen durch eine kurze Unruhe: gerade als ich die Ohren spitzte, weil nun das Stück beginnen sollte, traten zwei Männer auf die Bühne, die recht zornig waren, sie sprachen so laut, daß man im ganzen Saal, der mehr als tausend Menschen faßte, jedes Wort verstand, während man doch in einem kleinen Café den Kellner fragen muß, was denn die beiden Individuen da drüben, die sich an den Kragen geraten, eigentlich sagen; aber da gleichzeitig zu meiner Verwunderung das Publikum, ohne zu protestieren, zuhörte und ganz in einmütiges Schweigen versunken war, auf welchem hier und da ein Lachen plätscherte, begriff ich, die beiden Unverschämten waren Schauspieler, und mit ihrem Gespräch hatte das kleine Stück begonnen, das man lever de rideau nennt. Ihm folgte eine ziemlich lange Pause: die Zuschauer, die wieder ihre Plätze einnahmen, wurden ungeduldig und stampften mit den Füßen. Das erschreckte mich; es erging mir wie bei Lektüre eines Prozeßberichtes, in dem ich einen Mann von edler Gesinnung unter Nichtachtung der eigenen Interessen zugunsten eines Unschuldigen zeugen sah und fürchten mußte, man werde nicht freundlich genug zu ihm sein, ihm nicht dankbare Anerkennung genug erweisen, nicht nach Verdienst ihn reich belohnen, so daß er sich schließlich angeekelt auf die Seite der Ungerechtigkeit schlagen werde; so hatte ich auch jetzt, Genie und Tugend gleichsetzend, Angst, die Berma könne sich ärgern der schlechten Manieren eines unerzogenen Publikums halber – unter dem ich sie doch so gern einige Berühmtheiten hätte erkennen sehen, auf deren Urteil sie Wert legen würde – und es ihre Unzufriedenheit, ihre Verachtung fühlen lassen, indem sie schlecht spiele. Flehentlich blickte ich auf die brutalen Stampfer: sie sollten nicht mit ihrer Wut den gefährdeten kostbaren Eindruck zerstören, den ich hier suchte. Die letzten Augenblicke meiner Freude begleiteten die ersten Szenen von Phèdre. Im Anfang des zweiten Aktes erscheint noch nicht Phèdre selbst; und doch trat, sobald der Vorhang aufgegangen war und ein zweiter aus rotem Samt sich geteilt hatte, der in allen Stücken, in denen der Star spielte, die Tiefe der Bühne abtrennte, durch die Mitte eine Schauspielerin auf mit einem Gesicht und einer Stimme, wie man mir die Berma beschrieben hatte. Man hatte wohl die Szenenfolge geändert: alle Sorgfalt, die ich auf das Studium der Rolle von Theseus' Gattin verwendet hatte, wurde nutzlos. Dann aber gab eine zweite Schauspielerin der ersten das Stichwort. Ich mußte mich getäuscht haben, als ich die erste für die Berma hielt, die zweite glich ihr noch mehr, hatte mehr als die andere ihre Diktion. Beide begleiteten übrigens die Worte ihrer Rolle mit edlen Gebärden, die ich deutlich wahrnahm und in ihrer Beziehung zum Texte genau erfaßte; sie ließen ihre schönen Pepla wallen; auch an sinnreichem Tonfall, bald leidenschaftlich, bald ironisch, ließen sie es nicht fehlen, und ich begriff die Bedeutung manches Verses, über den ich zu Hause weggelesen hatte, ohne genügend zu beachten, was er besagen wollte. Aber plötzlich erschien in der Öffnung des roten Vorhangs des Heiligtums wie in einem Rahmen eine Frau, und an der Angst, die mich befiel – viel banger als die der Berma sein mochte, Öffnen eines Fensters könne sie stören, das Rascheln eines Programms den Klang eines ihrer Worte beeinträchtigen, man könne sie verstimmen, indem man ihren Kameraden Beifall spende und ihr nicht genug – und an der Art, wie ich, noch unbedingter als die Berma selbst, von diesem Augenblick an Saal, Publikum, Schauspieler, Stück und meinen eigenen Körper als akustischen Empfangsapparat ansah, der nur in dem Maße Bedeutung hatte, als er sich den Modulationen dieser Stimme anpaßte, begriff ich, daß die beiden seit einigen Minuten von mir bewunderten Schauspielerinnen gar keine Ähnlichkeit mit der hatten, die zu hören ich gekommen war. Aber zugleich war es mit all meiner Freude vorbei; umsonst heftete ich Augen, Ohren und Sinn auf die Berma, damit mir von den Gründen, die sie mir geben würde, sie zu bewundern, auch nicht das kleinste Teilchen verloren ginge: es gelang mir nicht, einen einzigen zu gewinnen. Ich konnte nicht einmal wie bei ihren Kolleginnen in der Diktion und im Spiel sinnreichen Tonfall und schöne Gebärden wahrnehmen. Ich hörte sie, wie ich Phèdre gelesen oder wie Phèdre selbst im gegebenen Augenblick die Dinge gesagt hätte, die ich vernahm, ohne daß das Talent der Berma ihnen für mich etwas hinzutat. Ich hätte jeden Tonfall der Künstlerin, jeden Ausdruck ihres Gesichtes, um ihn tiefer zu ergründen, um seine besondere Schönheit zu entdecken, festhalten, lange Zeit bannen mögen; zum mindesten gedachte ich, meine geistige Beweglichkeit darein zu setzen, auf jeden Vers eine ganz gesammelte, gereifte Aufmerksamkeit zu richten, von der Dauer jedes Wortes, jeder Geste kein Bruchteil über vorbereitenden Anstalten zu verlieren und dank meiner Anspannung so tief in Worte und Gesten einzudringen, als hätte ich dafür noch lange Stunden zur Verfügung. Aber wie kurz war diese Dauer! Kaum hatte mein Ohr einen Ton aufgenommen, so ersetzte ihn schon ein anderer. Bei einer Szene, in der die Berma einen Augenblick vor der Dekoration, die das Meer darstellt, unbewegt steht, den Arm zu Gesichtshöhe erhoben und durch einen Beleuchtungseffekt in grünliches Licht getaucht, brach der Saal in lauten Beifall aus, aber schon hatte die Schauspielerin die Stellung wieder gewechselt, und das Bild, das ich studieren wollte, existierte nicht mehr. Ich sagte meiner Großmutter, ich sähe nicht gut. Sie gab mir ihr Opernglas. Allein, wenn man an die Wirklichkeit der Dinge glaubt, gibt der Gebrauch eines künstlichen Mittels, sie sich zeigen zu lassen, nicht das äquivalente Gefühl ihrer Nähe. Ich dachte, das sei nicht mehr die Berma, was ich sah, sondern nur ihr Bild im vergrößernden Glase. Ich legte das Glas weg; aber war nun das Bild, das mein Auge durch die Entfernung verkleinert empfing, exakter? Welche der beiden Berma war die richtige? Auf die Liebeserklärung an Hippolyt hatte ich sehr gerechnet; aus der sinnreichen Bedeutung, die ihre Kolleginnen mir in weniger schönen Partien immer wieder aufzeigten, schloß ich, daß die Berma sicher einen Tonfall finden werde viel überraschender als alles, was ich mir zu Hause bei der Lektüre vorzustellen versucht hatte; aber sie erreichte nicht einmal, was Önone und Aricie gefunden hätten. Sie leierte die ganze Tirade gleichmäßig herunter, in der doch so scharfe Gegenüberstellungen sich verschmelzen, daß eine nur einigermaßen intelligente Tragödin, und wäre es auch nur eine Lyzeumsschülerin, die Wirkung nicht vernachlässigt hätte; übrigens sagte sie das Ganze so schnell auf, daß mir erst, als sie beim letzten Verse angelangt war, die gewollte Monotonie bewußt wurde, die sie in die ersten gelegt hatte. Endlich brach mein erstes Gefühl der Bewunderung aus: es wurde hervorgerufen durch den frenetischen Beifall der Zuschauer. Ich klatschte mit und suchte durch heftiges Weiterapplaudieren den Beifallssturm zu verlängern, damit die Berma aus Dankbarkeit sich heute selbst überträfe und ich sicher sei, sie an einem ihrer besten Tage gehört zu haben. Merkwürdig ist übrigens, daß gerade an der Stelle, die den Beifall des Publikums entfesselte, die Berma, wie ich später erfahren habe, einen ihrer schönsten Einfälle hat. Es senden offenbar bestimmte transzendente Wirklichkeiten Strahlen um sich aus, für welche die Menge empfänglich ist. So erregen ja auch, bei gewissen Ereignissen, wenn zum Beispiel ein Heer an der Grenze in Gefahr, geschlagen oder siegreich ist, die ziemlich dunklen Nachrichten, die eintreffen und aus denen der Gebildete nicht viel zu schließen weiß, in der Menge eine Bewegung, die ihn überrascht und in der er, wenn ihn inzwischen die Sachverständigen über die wahre militärische Lage unterrichtet haben, die Fähigkeit des Volkes erkennt, jene »Aura« rings um die großen Ereignisse wahrzunehmen, sie auf Hunderte von Kilometern zu sehen. Man erfährt einen Sieg entweder nachträglich, wenn der Krieg zu Ende ist, oder umgehend durch die Freude des Portiers. Einen genialen Zug im Spiel der Berma entdeckt man acht Tage, nachdem man sie gehört, durch die Kritik oder umgehend durch den Beifall des Parterres. Da aber diese unmittelbare Erkenntnis der Menge mit hundert anderen irrigen vermengt ist, geht der Applaus meistens fehl, ganz abgesehen davon, daß er mechanisch von der Kraft früherer Beifallsstürme erregt wird, wie das Meer, das ein Sturm genügend aufgewühlt hat, fortfährt anzuschwellen, auch wenn der Wind nicht mehr wächst. Wie dem auch sei, in dem Maße als ich Beifall klatschte, schien mir, die Berma habe besser gespielt. Neben mir sagte eine ziemlich gewöhnlich aussehende Frau: »Die gibt sich wenigstens aus, macht sich's sauer, rackert sich ab, das nenne ich mir noch Theater spielen.« Ich war ganz glücklich, diese Erklärungen für die Überlegenheit der Berma zu bekommen, obwohl ich ahnte, daß sie sie nicht mehr erklärten als den Perseus von Benvenuto Cellini oder die Gioconda der Ausruf eines Bauern: »Gut gemacht ist das schon! Gediegen und sauber! Und welche Arbeit!«, und trunken teilte ich den derben Trank dieser volkstümlichen Begeisterung. Als aber der Vorhang fiel, fühlte ich doch eine Enttäuschung, daß die so sehr ersehnte Lust nicht größer gewesen, zugleich das Bedürfnis, sie zu verlängern und nicht mit dem Verlassen des Saales für immer dies Theaterleben aufzugeben, das für ein paar Stunden mein eigenes geworden war. Wie bei einer Abreise ins Exil hätte ich mich losreißen müssen, und wie sollte ich jetzt direkt nach Hause gehen können, wenn ich nicht hätte hoffen dürfen, dort viel über die Berma zu erfahren von ihrem Bewunderer, dem ich die Erlaubnis zu Phèdre zu gehen, verdankte, Herrn von Norpois. Ich wurde ihm vor dem Essen von meinem Vater vorgestellt, der mich dazu in sein Arbeitszimmer rief. Bei meinem Eintritt erhob sich der Botschafter, reichte mir die Hand, neigte seine hohe Gestalt und heftete aufmerksam die blauen Augen auf mich. Da die durchreisenden Fremden, die ihm zur Zeit, als er Frankreich repräsentierte, vorgestellt wurden, mehr oder weniger – und waren es auch nur bekannte Tenöre – Personen von Bedeutung waren, von denen er später, wenn in Paris oder Petersburg ihr Name fiel, sagen konnte, er erinnere sich sehr wohl des Abends, den er in München oder Sofia mit ihnen verbracht habe, so hatte er die Gewohnheit angenommen, neu Vorgestellten durch liebenswürdiges Entgegenkommen Zufriedenheit über die Bekanntschaft auszudrücken; mehr noch: er war überzeugt, daß man im Leben der Hauptstädte durch die Berührung sowohl mit den interessanten Individualitäten, die sie durchqueren, als mit den Gebräuchen des Volkes, das sie bewohnt, eine vertiefte Kenntnis, die Bücher nicht geben können, von Geschichte, Geographie, den Sitten der verschiedenen Nationen und der geistigen Bewegung Europas gewinnt, und so übte er an jedem Ankömmling seine scharfen Beobachtungsgaben, um sogleich zu merken, mit was für einer Art Mensch er zu tun habe. Seit langem hatte ihm die Regierung keinen Posten im Auslande mehr anvertraut; sobald man ihm aber jemand vorstellte, begannen seine Augen, als seien sie von seinem Austritt aus dem aktiven Dienst nicht amtlich benachrichtigt worden, mit Nutzen zu beobachten, während er durch seine ganze Haltung auszudrücken suchte, daß ihm der Name des Fremden nicht unbekannt sei. So sprach er denn auch zu mir gütig und mit der imposanten Miene eines Mannes, der sich des weiten Feldes seiner Lebenserfahrung bewußt ist; dabei erforschte er mich unaufhörlich mit scharfsinniger, ihm nutzbringender Neugier, als wäre ich eine exotische Sitte, ein lehrreiches Denkmal oder ein auf der Tournee begriffener Star. Er bewies an meiner Person gleichzeitig die erhabene Freundlichkeit des weisen Mentor und die eifrige Wißbegier des jungen Anacharsis.

Er bot mir keinerlei Empfehlungen an die Revue des Deux-Mondes an, stellte aber eine Reihe Fragen über mein Leben, meine Studien und meine Neigungen, von denen ich zum erstenmal in einer Art sprechen hörte, als könne man ihnen vernünftigerweise nachgehen, während ich bisher geglaubt hatte, es sei Pflicht, ihnen zu widerstreben. Da diese Neigungen auf seiten der Literatur lagen, suchte er mich nicht von dieser abzubringen; vielmehr sprach er mit höflicher Achtung von ihr wie von einer verehrungswürdigen charmanten Person aus erlesenem Kreise, der man in Rom oder Dresden das beste Andenken bewahrt hat und die man bedauerlicherweise durch den Zwang der Verhältnisse so selten wiedertrifft. Mit einem fast schlüpfrigen Lächeln neidete er mir die angenehmen Stunden, die sie mir Glücklicherem und Freierem verschaffe. Aber die Wendungen, deren er sich bediente, zeigten mir die Literatur sehr verschieden von dem Bilde, das ich mir in Combray von ihr gemacht hatte; und ich sah ein, daß ich doppelt recht gehabt hatte, ihr zu entsagen. Bisher war mir nur zum Bewußtsein gekommen, daß ich keine Begabung zum Schreiben habe, jetzt nahm mir Herr von Norpois auch das Verlangen danach. Ich wollte ihm ausdrücken, was ich mir erträumt hatte; in meiner zitternden Erregung hätte ich mir Skrupel gemacht, wenn meine Worte nicht das denkbar aufrichtigste Äquivalent dessen, was ich fühlte und bisher noch nie zu formulieren versucht hatte, gewesen wären, und so wurden diese Worte natürlich ganz unklar. Vielleicht aus Berufsgewohnheit, vielleicht kraft der jedem hochgestellten Mann eigenen Ruhe (denn, wenn man ihn um Rat fragt, ist er sicher, den Gang des Gespräches zu beherrschen, und läßt den Unterredner sich aufregen, abmühen und nach Herzenslust schuften), vielleicht auch, um den Charakter seines Kopfes zur Geltung zu bringen (der, nach seiner Meinung trotz der großen »Favoris« griechisch war), pflegte Herr von Norpois, während man ihm etwas darlegte, eine absolut unbewegliche Miene zu bewahren: man sprach wie zu einer tauben antiken Büste in einer Glyptothek. Plötzlich erklang dann wie der fallende Hammer des Auktionators oder wie ein delphisches Orakel die Stimme des Botschafters, und seine Antwort war um so eindrucksvoller, als nichts in seiner Miene hatte vermuten lassen, was für einen Eindruck er von dem andern empfangen habe, noch was für eine Meinung er wohl äußern werde.

Mit einmal sagte er, als sei die Sache entschieden, nachdem er mich angesichts der unbewegten Augen, die keinen Augenblick von mir abließen, lange hatte schwatzen lassen: »Gerade ist mir der Sohn eines meiner Freunde gegenwärtig, dem es ›mutatis mutandis‹ geht wie Ihnen« (und er nahm, um von unsern gemeinsamen Anlagen zu sprechen, einen begütigenden Ton an, als handle es sich nicht um Anlagen zur Literatur, sondern zum Rheumatismus, und als wolle er mir zeigen, daß man nicht daran stirbt). »Dieser junge Mann hat es vorgezogen, den Quai d'Orsay zu verlassen, wo ihm doch der Weg durch den Vater geebnet war, und ohne sich um das Gerede der Leute zu kümmern, hat er sich angeschickt zu produzieren. Sicherlich hat er keinen Anlaß, es zu bereuen. Er hat vor zwei Jahren – er ist, nebenbei bemerkt, natürlich bedeutend älter als Sie – ein Werk veröffentlicht, das sich mit dem Gefühl des Unendlichen vom westlichen Ufer des Viktoria-Nyassa-Sees befaßt, und dies Jahr ein weniger wichtiges, aber mit hurtiger, bisweilen sogar ziemlich scharfer Feder geschriebenes Büchlein über das Repetiergewehr in der bulgarischen Armee, Arbeiten, die ihm bereits einen besondern Platz gesichert haben. Er hat schon eine hübsche Strecke zurückgelegt und ist nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Wie ich weiß, hat man, ohne den Gedanken einer Kandidatur ins Auge zu fassen, in der Académie des Sciences Morales im Laufe des Gesprächs seinen Namen zwei-, dreimal fallen lassen, und zwar in einer durchaus nicht ungünstigen Art. Kurzum, wenn man auch noch nicht behaupten kann, daß er bereits den Gipfel des Parnaß erklommen habe, er hat mit kühnem Angriff eine recht hübsche Stellung erobert, und der Erfolg, der denn doch nicht immer nur den Stürmern, Wirrköpfen und Wichtigtuern, deren Wesen eben meist nur Getu ist, zufällt, der Erfolg hat seine Mühe gelohnt.«

Meinem Vater, der mich nun schon in einigen Jahren Akademiker werden sah, war deutlich eine Genugtuung anzumerken, die Herr von Norpois auf die Spitze trieb, indem er mir nach kurzem Zögern und in sichtlicher Berechnung der Folgen, die sein Schritt haben könnte, seine Karte reichte und sagte: »Besuchen Sie ihn doch mit meiner Empfehlung, er wird Ihnen nützliche Ratschläge geben können.« Diese Worte verursachten mir eine so peinliche Erregung wie etwa die Mitteilung, ich sollte mich morgen als Schiffsjunge auf einem Segler einschiffen.

Meine Tante Leonie hatte mir zusammen mit vielen lästigen Gegenständen und Möbeln fast ihr ganzes flüssiges Vermögen vererbt und so nach ihrem Tode eine Zuneigung offenbart, die ich zu ihren Lebzeiten durchaus nicht vermutete. Mein Vater, der dies Vermögen bis zu meiner Mündigkeit zu verwalten hatte, befragte Herrn von Norpois über die Anlage einiger Werte. Der Botschafter riet zu schwachverzinsten Papieren, die er für besonders solide erachtete, namentlich zu Englischen Konsols und vierprozentigen Russen. »Mit diesen erstklassigen Werten«, sagte er, »sind Sie, wenn der Zinsfuß auch nicht so hoch ist, wenigstens sicher, Ihr Kapital nie gefährdet zu sehen.« Danach berichtete ihm mein Vater im großen ganzen, was er für den Rest des Geldes gekauft habe. Auf Herrn von Norpois' Zügen erschien ein kaum merkliches Glückwunschlächeln: wie alle Kapitalisten sah er in einem Vermögen etwas immer Beneidenswertes, fand es aber zartfühlend, sein Kompliment zu solch einem Besitz nur durch eine kaum eingestandene Gebärde des Verständnisses auszudrücken; da er selbst kolossal reich war, hielt er es andererseits für geschmackvoll, mit einem immerhin behaglich-munteren Rückblick auf die eigenen höheren Einkünfte die geringeren der anderen nicht unbeträchtlich zu schätzen. Er nahm keinen Anstand, meinem Vater zu der »wohlabgewogenen, überlegenen Sicherheit«, mit der er sein Portefeuille »komponiert« habe, zu gratulieren. Es war, als schriebe er den Beziehungen der Börsenpapiere zueinander und auch den einzelnen Papieren eine Art ästhetischen Rang zu. Über ein ziemlich neues unbekanntes, das mein Vater erwähnte, äußerte Herr von Norpois, ähnlich den Leuten, die ein Buch, das wir allein zu kennen glauben, auch gelesen haben: »Oh doch, ich habe mich eine Zeitlang damit unterhalten, es auf dem Kurszettel zu verfolgen, es war interessant«, und hatte dabei das retrospektiv gefesselte Lächeln eines Abonnenten, der den letzten Roman einer Revue in Fortsetzungen gelesen hat. »Ich will Ihnen nicht davon abraten, sich bei der bevorstehenden Lancierung an der Subskription zu beteiligen. Das Papier hat etwas Anziehendes, die Anteilscheine werden Ihnen zu verführerischen Preisen angeboten.« Als auf bestimmte ältere Effekten die Rede kam, an deren Namen mein Vater sich nicht genau erinnerte, da sie leicht mit denen ähnlicher Aktien zu verwechseln waren, öffnete er eine Schublade und zeigte die Papiere selbst dem Botschafter. Ihr Anblick entzückte mich: sie waren verziert mit Kathedralenpfeilern und allegorischen Figuren, wie gewisse alte Publikationen aus der Zeit der Romantik, die ich früher durchblättert hatte. Alles, was der gleichen Epoche entstammt, sieht sich ähnlich; den Künstlern, die Dichtungen einer Zeit illustrieren, geben auch die zeitgenössischen Finanzgesellschaften Aufträge: und nichts erinnert mehr an gewisse Lieferungen von Notre-Dame de Paris und von Gérard de Nervals Werken, wie ich sie im Schaufenster des Krämers von Combray gesehen, als, in ihrer rechtwinkligem, beblümten, von Flußgottheiten gestützten Einfassung, eine Aktie der Gesellschaft der Wasserwerke.

Mein Vater hatte für meine Art, mich zu den Dingen zu stellen, eine Verachtung, die durch Zuneigung genugsam gemildert war, um meinem Tun und Treiben gegenüber eine blinde Nachsicht walten zu lassen. So trug er denn keinen Anstand, mich ein kleines Gedicht in Prosa holen zu lassen, das ich früher einmal in Combray nach einem Spaziergang verfaßt hatte. Ich hatte es in einem Zustand von schwärmerischer Begeisterung geschrieben, der, wie ich wähnte, sich den Lesern mitteilen müßte. Aber Herrn von Norpois teilte er sich nicht mit; ohne ein Wort zu sagen, gab er mir das Gedicht zurück.

Schüchtern trat meine Mutter, die voller Ehrfurcht für des Vaters Beschäftigungen war, ins Zimmer und fragte, ob sie anrichten lassen dürfe. Sie fürchtete, eine Unterhaltung zu unterbrechen, in die sie nicht einzubeziehen war. In der Tat sprach der Vater zu Herrn von Norpois immer wieder von allerhand nützlichen Maßnahmen, die sie beide bei der nächsten Kommissionssitzung befürworten wollten, und zwar in dem besondern Ton, den zwei Kollegen in einer ungewohnten Umgebung haben: darin sind sie zwei Gymnasiasten ähnlich: ihre beruflichen Gewohnheiten schaffen ihnen gemeinsame Erinnerungen und sie entschuldigen sich, wenn sie vor andern, denen diese Dinge unzugänglich sind, darauf zurückkommen.

Aber die vollkommene Unabhängigkeit der Gesichtsmuskeln, zu der Herr von Norpois gelangt war, erlaubte ihm zuzuhören, ohne daß er zu verstehen schien. Mein Vater verwirrte sich schließlich: »Ich hatte gedacht, die Meinung der Kommission zu befragen ...,« sagte er nach langen Umschweifen zu Herrn von Norpois. Da kamen aus dem Gesicht des adligen Virtuosen, der bisher starr wie ein Orchestermusiker verharrt hatte, der seinen Einsatz abwartet, scharf und gleichmäßig im Vortrag, eben nur das Ende des angefangenen Satzes, doch in einem neuen Tonfall, die Worte: »– deren Stimmen Sie selbstverständlich unverzüglich zusammenbringen werden, um so mehr als die Mitglieder Ihnen als Individuen bekannt sind und sich leicht zusammenbringen lassen.« Das war an und für sich nicht gerade erstaunlich als Abschluß des Satzes; aber die vorhergegangene Unbeweglichkeit ließ es kristallen, frappant, fast spöttisch sich ablösen, wie gewisse musikalische Phrasen, die in einem Konzerte von Mozart das bisher schweigsame Klavier dem Cello einwirft.

»Nun, bist du von deiner Matinee befriedigt gewesen?« fragte mein Vater mich, während wir zu Tisch gingen: er wollte mich zur Geltung bringen und hoffte, Herr von Norpois werde meine Begeisterung zu schätzen wissen. »Er hat gerade die Berma gehört, Sie erinnern sich, wir haben darüber miteinander gesprochen«, wandte er sich dann an den Diplomaten im Tone der retrospektiven, vertraulichen Anspielung unter Fachleuten, als handle es sich um eine Sitzung der Kommission.

»Da werden Sie entzückt gewesen sein, zumal wenn Sie die Künstlerin zum erstenmal gehört haben. Ihr Herr Vater machte sich Gedanken wegen der eventuellen Rückwirkung dieses kleinen Seitensprunges auf Ihren Gesundheitszustand, denn Sie sind, glaube ich, etwas zart, ein wenig sensibel. Aber da habe ich ihn beruhigt. Die Theater sind heut nicht mehr das, was sie vor zwanzig Jahren noch gewesen sind. Sie finden leidlich angenehme Sitze vor und einen gut durchgelüfteten Raum, obgleich wir noch viel zu tun haben, um Deutschland und England einzuholen, die uns in diesem Punkte wie in manchen andern erschreckend voran sind. Ich habe Frau Berma in Phèdre nicht gesehen, mir aber sagen lassen, daß sie darin bewunderungswert sei. Und Sie? – Natürlich waren Sie hingerissen?«

Herr von Norpois, der tausendmal intelligenter war als ich, mochte sich dieser Wahrheit versichert haben, die ich dem Spiel der Berma nicht zu entnehmen verstanden hatte, er würde sie mir offenbaren; in meiner Antwort auf seine Frage wollte ich ihn bitten, mir zu sagen, worin diese Wahrheit bestände; so würde er mein Verlangen, die Schauspielerin zu sehen, noch nachträglich rechtfertigen. Ich hatte nur einen Augenblick, den mußte ich nutzen und meine Fragestellung auf das Wesentliche richten. Aber was war das Wesentliche? Ich wandte meine ganze Aufmerksamkeit auf die verworrenen Eindrücke, die ich davongetragen, und dachte nicht daran, vor Herrn von Norpois mich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, sondern die gewünschte Wahrheit aus ihm zu ziehen; ich versuchte nicht, die mir fehlenden Worte durch fertigübernommene Wendungen zu ersetzen; ich stotterte, und schließlich, um ihn anzureizen, das Wunderbare der Berma zu erklären, gestand ich ihm, daß ich enttäuscht gewesen sei.

»Was sagst du da?« rief mein Vater, und es verdroß ihn der Gedanke, das Bekenntnis meiner Verständnislosigkeit könne auf Herrn von Norpois einen schlechten Eindruck machen. »Wie kannst du nur behaupten, daß du nichts davon gehabt hast? Die Großmutter hat uns erzählt, daß du kein Wort, das die Berma aussprach, verloren hast, die Augen seien dir aus dem Kopf getreten, so wie du sei kein Mensch im Saal gewesen.«

»Gewiß, ich paßte auf, so gut ich konnte, um herauszubekommen, was so Bemerkenswertes an ihr sei. Sicher ist sie sehr gut...»

»Wenn sie sehr gut ist, was brauchst du noch mehr?«

Herr von Norpois wandte sich geflissentlich an meine Mutter, um sie in die Unterhaltung einzubeziehen und seine Pflicht der Höflichkeit gewissenhaft der Frau des Hauses gegenüber zu erfüllen: »Einer der Umstände, die sicherlich zum Erfolg der Frau Berma beitragen, ist der vollendete Geschmack, mit dem sie ihre Rollen auswählt und der ihr stets spontanen vollwertigen Beifall sichert. Nur selten spielt sie Mittelmäßiges. Sie sehen, sie hat die Rolle der Phèdre in Angriff genommen. Dieser Geschmack zeigt sich in ihren Toiletten wie in ihrem Spiel. Trotzdem sie häufig einträgliche Tourneen durch England und Amerika machte, hat doch nie das Vulgäre – ich will nicht sagen, von John Bull, das wäre ungerecht zum mindesten gegen das England der viktorianischen Ära – aber von Onkel Sam auf sie abgefärbt. Niemals zu auffallende Farben, nie einen zu heftigen Schrei. Dann diese wunderbare Stimme, die ihr so gut dient, auf der sie hinreißend zu spielen weiß, ich fühle mich fast versucht zu sagen, wie auf einem Musikinstrument!«

Mein Interesse am Spiel der Berma hatte beständig zugenommen, seit die Vorstellung zu Ende war. Es litt nicht mehr unter dem Druck und den Schranken der Wirklichkeit. Aber ich fühlte das Bedürfnis, Erklärungen für dieses Interesse zu finden; während die Berma spielte, war es mit gleicher Heftigkeit auf alles, was sie – in der Unteilbarkeit des Wirklichen – meinen Augen und Ohren zugleich bot, gerichtet gewesen; da konnte es nicht trennen und unterscheiden; jetzt war es glücklich, in Herrn von Norpois' Lobreden auf die Schlichtheit und den guten Geschmack der Künstlerin, eine vernünftige Begründung seiner selbst zu entdecken; es absorbierte gierig diese Lobreden, bemächtigte sich ihrer, wie der Optimismus eines Betrunkenen der Taten seines Nächsten sich bemächtigt, in denen er einen Grund zur Rührung findet. »Ja, wahrhaftig,« sagte ich mir, »welch schöne Stimme ohne alles Schreiende und die schlichten Kostüme und wie einsichtig, die Rolle der Phèdre zu wählen. Nein, ich war nicht enttäuscht!«

Der kalte Rinderbraten mit Karotten erschien, von dem Michelangelo unserer Küche auf enorme Geleekristalle gelagert, die durchsichtigen Quarzblöcken glichen.

»Sie haben einen Küchenchef allerersten Ranges, gnädige Frau«, sagte Herr von Norpois. »Und das will etwas besagen. Ich habe im Auslande ein Haus ausmachen müssen und weiß, wie schwer es oft ist, einen perfekten Speisemeister zu finden. Es ist ein wahres Liebesmahl, wozu Sie uns da entboten haben.«

In der Tat hatte Françoise, aufgestachelt von dem Ehrgeiz, für einen Gast von Rang eine Mahlzeit zustande zu bringen, die Schwierigkeiten bot, die ihrer würdig waren, sich solche Mühe gegeben, wie sie für uns allein nicht mehr aufwandte, und dabei ihre unvergleichliche Manier von Combray wiedergefunden.

»So etwas kann man sich im Wirtshaus nicht beschaffen, ich spreche nur von den besten Gaststätten: einen Schmorbraten, bei dem das Gelée nicht klebrig schmeckt und das Rindfleisch das Parfüm der Karotten annimmt, das ist bewundernswert! Erlauben Sie mir, noch einmal darauf zurückzukommen«, und er ließ sich noch etwas Gelee geben. »Jetzt wäre ich begierig, Ihren Pfannenkünstler einem ganz andern Kochproblem gegenüberzusehen, ich möchte ihn beispielsweise vor mir haben, wenn er es mit einem Boeuf Stroganoff zu tun bekommt.«

Um auch seinerseits zur Würze des Mahls beizutragen, gab uns Herr von Norpois verschiedene Geschichten zum besten, mit denen er seine politischen Freunde häufig ergötzte, indem er bald eine lächerliche Wendung aus dem Munde eines Gewohnheitsredners zitierte, der lange Perioden voll unzusammenhängender Bilder macht, bald eines Diplomaten lapidare Formulierung von attischer Feinheit. Ich muß gestehen, das Kriterium, das für ihn beide Arten von Beredsamkeit schied, war ganz anders als das, welches ich auf die Literatur anwandte. Sehr viele Nuancen entgingen mir; die Wendungen, die er laut lachend wiederholte, schienen mir nicht sehr verschieden von denen, die er bemerkenswert fand. Er gehörte zu der Sorte Menschen, die von den Werken, die ich liebte, sagen: »Sie verstehen das also? Ich muß bekennen, daß ich es nicht verstehe, ich bin nicht eingeweiht«, aber ich hätte ihm mit gleicher Münze heimzahlen können, ich erfaßte weder den Geist noch die Dummheit, weder die Beredsamkeit noch den Schwulst, den er in einem Einwurf oder einer Rede entdeckte; und der Mangel jedes begreiflichen Grundes, warum das eine schlecht, das andere gut sein sollte, bewirkte, daß mir diese Art Literatur geheimnisvoller blieb und dunkler schien als irgend eine andere. Nur eins bekam ich heraus: wiederholen, was alle Welt denkt, ist in der Politik nicht ein Zeichen von Minderwertigkeit, sondern von Überlegenheit. Wenn Herr von Norpois sich gewisser Ausdrücke bediente, die sich in den Zeitungen herumtrieben, und sie mit kräftigem Nachdruck aussprach, fühlte man sie zu einem politischen Bekenntnis werden durch die einfache Tatsache, daß er sie anwandte, zu einem Akt, der Kommentare nach sich zieht.

Meine Mutter rechnete sehr auf den Salat aus Ananas und Trüffeln. Der Botschafter aber blieb, nachdem er einen Augenblick sein durchdringendes Beobachterauge darauf gerichtet, beim Essen in diplomatische Zurückhaltung gehüllt und gab uns nicht seine Meinung preis. Meine Mutter nötigte ihn, noch einmal davon zu nehmen. Das tat Herr von Norpois auch, sagte aber dabei statt des erhofften Komplimentes: »Ich gehorche, gnädige Frau, da ich sehe, daß es von Ihrer Seite ein wahrhafter Ukas ist.«

»Wir lasen in den »Blättern«, daß Sie sich des längeren mit dem König Theodosius unterhalten haben«, äußerte mein Vater.

»Jawohl, der König, der ein ungewöhnliches Gedächtnis für Physiognomien besitzt, hatte, als er mich im Parkett bemerkte, die Güte, sich zu erinnern, daß mir die Ehre widerfahren war, ihn einige Tage hindurch am bayrischen Hof zu sehen, zur Zeit, als er noch nicht an seinen orientalischen Thron dachte (wie Sie wissen, hat ihn ein europäischer Kongreß berufen, und er hat sogar sehr gezögert, diese Krone anzunehmen, die er seiner Familie, der, heraldisch gesprochen, vornehmsten von ganz Europa, etwas unangemessen fand). Ein Adjutant forderte mich auf, Seine Majestät zu begrüßen, und ich habe mich natürlich beeilt, dem Befehl nachzukommen.« »Sind Sie mit den Ergebnissen seines Aufenthaltes zufrieden gewesen?«

»Oh, ich war entzückt! Es lag nah, einige Befürchtungen zu hegen, wie ein so junger Monarch sich aus der schwierigen Affäre ziehen würde, zumal bei einer so komplizierten Konstellation. Natürlich hatte ich meinerseits volles Vertrauen zu dem politischen Sinn des Fürsten; aber ich muß sagen, daß meine Hoffnungen noch übertroffen worden sind. Der Toast, den er im Élysée hielt und der, wie ich aus bestbeglaubigter Quelle weiß, vom ersten bis zum letzten Wort sein eigenes Werk war, verdiente in vollem Maße das Interesse, welchem er überall begegnete. Dieser Toast ist schlechthin ein Meisterstück, etwas kühn, das muß ich zugeben, aber von einem Wagemut, den die Ereignisse, alles in allem, vollauf gerechtfertigt haben. Die diplomatischen Traditionen haben sicher ihr Gutes, aber in dem besondern Falle hatten sie dazu geführt, daß sein und unser Land in einer dumpfen Atmosphäre lebten, die den Atem benahm. Nun, es gibt eine Art, frische Luft zu schaffen, allerdings eine von denen, die man nicht unbedingt empfehlen kann, die der König Theodosius sich aber erlauben konnte, nämlich: die Fensterscheiben einzuschlagen. Das hat er mit guter Laune getan und alle Welt entzückt, dazu mit einer Treffsicherheit im Ausdruck, an der man gleich das Geschlecht gebildeter Fürsten erkannte, dem er von Mutterseite angehört. Ganz gewiß war, als er von »Wahlverwandtschaften« sprach, die sein Land mit Frankreich verbänden, dies Wort, so ungebräuchlich es im Wortschatz der Kanzleien sein mag, außerordentlich glücklich. Sie sehen (dabei wandte er sich an mich), Literatur schadet nicht, selbst in der Diplomatie, ja selbst auf dem Thron. Die Tatsache stand seit langem fest, das geb ich zu, und die Beziehungen der beiden Länder waren bereits ausgezeichnete geworden. Allein, das mußte noch ausgesprochen werden. Man wartete auf das Wort, es wurde das rechte gefunden. Sie haben gesehen, wie es gewirkt hat. Ich meinesteils habe von ganzem Herzen Beifall gezollt.« »Da mag Ihr Freund, Herr von Vaugoubert, der die Annäherung seit Jahren vorbereitete, zufrieden gewesen sein.«

»Um so mehr als Seine Majestät, wie das so seine Art ist, Wert darauf legte, ihm damit eine Überraschung zu bereiten. Überrascht war übrigens alle Welt, angefangen vom Minister des Äußeren, der, wie ich gehört habe, die Sache nicht nach seinem Geschmack fand. Einem, der ihm davon sprach, soll er sehr eindeutig und laut genug, daß es die nächsten hören konnten, erwidert haben: »Man hat mich weder zu Rat gezogen noch vorbereitet«, womit er klar zu verstehen gab, daß er jede Verantwortung in der Angelegenheit ablehne. Die hat allerdings einen schönen Spektakel ergeben, und ich möchte nicht zu behaupten wagen (er lächelte spöttisch), daß gewisse Kollegen, denen die Linie des geringsten Widerstandes die liebste ist, ihre Ruhe behalten haben. Vaugoubert war, wie Sie wissen, wegen seiner Annäherungspolitik hart angegriffen worden und hatte viel zu leiden gehabt, da er sehr empfindlich und eine Seele von einem Menschen ist. Dafür kann ich zeugen: er ist zwar jünger als ich, bedeutend jünger, aber ich war viel mit ihm zusammen, wir sind Freunde von alters her, ich kenne ihn genau. Wer kennt ihn übrigens nicht? Diese kristallene Seele. Das ist sogar der einzige Fehler, den man ihm vorwerfen könnte, das Herz eines Diplomaten muß nicht so unbedingt durchsichtig sein wie seines ist. Was nicht hindert, daß davon die Rede ist, ihn nach Rom zu schicken, das wäre ein schöner Schritt vorwärts in der Karriere, aber ein hartes Stück Arbeit. Unter uns, so sehr Vaugoubert jeder Ehrgeiz fernliegt, ich glaube, er wäre sehr zufrieden damit und wünscht nicht, diesen Kelch an sich vorübergehn zu sehen. Vielleicht wird er da unten Wunder tun; er ist der Kandidat der Consulta, und ich für mein Teil kann ihn mir sehr gut mit seiner Künstlernatur im Rahmen des Palazzo Farnese und in der Galerie der Caracci denken. Eigentlich sollte niemand ihn hassen können; aber um den König Theodosius gibt es eine ganze Kamarilla, die mehr oder weniger der Wilhelmstraße ergeben ist, deren Inspirationen gelehrig folgt und dem hohen Herrn auf alle Art das Leben schwer macht. Vaugoubert hat nicht nur den Intrigen der Couloirs standzuhalten gehabt, sondern auch den Schmähungen der Lohnschreiber, die dann später, feige wie edle bezahlten Journalisten, die ersten waren, die zu Kreuze krochen, inzwischen sich aber nicht abschrecken ließen, alberne Anwürfe ehrloser Gesellen gegen unseren Repräsentanten auszuschlachten. Über einen Monat tanzten Vaugouberts Feinde rings um ihn her den Tanz um den Skalp« – dies Wort stieß Herr von Norpois mit Nachdruck hervor. – »Aber nun war er gewarnt, und er hat die Schmähungen erwidert mit einem Fußtritt« – das kam noch energischer heraus und war von einem so wilden Blick begleitet, daß wir einen Augenblick zu essen aufhörten. »Wie ein schönes arabisches Sprichwort sagt: Die Hunde bellen, und die Karawane zieht vorbei.« Mit diesem Zitat endete Herr von Norpois, um auf unseren Gesichtern den Eindruck seiner Worte zu studieren. Der war groß, das Sprichwort war uns bekannt. Es hatte gerade in diesem Jahre bei den Leuten von Rang jenes andere »Wer Wind sät, wird Sturm ernten« ersetzt, welches ruhebedürftig geworden war. Die Prominenten bestellten ihren Boden abwechselnd, meist nach einem Dreifeldersystem. Derartige Zitate, mit denen Herr von Norpois seine Artikel in der Revue meisterhaft zu zieren wußte, waren aber durchaus nicht notwendig, diese Artikel muteten ohnehin gediegen und informiert an. Auch ohne diesen Schmuck genügte es, daß er im richtigen Moment schrieb – und das verfehlte er nicht –: »Das Kabinett von Saint-James fühlte nur allzubald die Gefahr« oder etwa: »Groß war die Erregung am Pont-aux-Chantres, wo man mit unruhigen Blicken die egoistische, aber geschickte Politik der doppelköpfigen Monarchie verfolgte« oder: »Ein Schrei der Entrüstung erscholl vom Montecitorio« oder auch: »das ewige Doppelspiel, wie es nun einmal in der Art des Ballplatzes liegt«. An diesen Ausdrücken erkannte der profane Leser gleich mit Respekt den Diplomaten von Beruf. Was ihn aber noch distinguierter erscheinen ließ und als Besitzer einer höheren Kultur, das war die feine Verwertung von Zitaten, deren Musterbeispiel damals war: »Macht mir gute Politik und ich werde euch gute Finanzen machen, wie der Baron Louis zu sagen pflegte«. (Man hatte damals noch nicht vom Orient importiert: »Der Sieg fällt von zwei Gegnern dem zu, der eine Viertelstunde länger leiden kann als der andere, wie die Japaner sagen.«) Der Ruf hoher Bildung, verbunden mit einem wahren Genie der Intrige, die sich unter der Maske der Anteillosigkeit verbarg, hatte Herrn von Norpois in die Académie des Sciences Morales gebracht. Und manche Leute meinten, er würde auch in der Academie Française am Platze sein; denn eines Tages deutete er an, daß wir durch engeren Anschluß an Rußland zu einer Entente mit England gelangen könnten, und schrieb entschlossen: »Eines mag man sich doch am Quai d'Orsay gesagt sein lassen und von jetzt ab in allen Handbüchern der Geographie, die in dieser Beziehung unvollständig sind, lehren und jeden Abiturienten unbarmherzig zurückstellen, der es nicht weiß: ›Wenn alle Wege nach Rom führen, so geht dafür die Straße von Paris nach London notwendig über Petersburg‹.«

»Alles in allem«, fuhr Herr von Norpois, an meinen Vater gewandt, fort, »hat Vaugoubert sich da einen schönen Erfolg erarbeitet, der seine Berechnungen weit übertraf. Er war auf einen korrekten Toast gefaßt gewesen (und nach den Wetterwolken über den letzten Jahren war das schon allerlei), aber auf mehr auch nicht. Mehrere Personen, die dem Diner beiwohnten, haben mir versichert, daß man sich beim Lesen des Toastes keine Vorstellung machen kann von dem Eindruck, den er hervorrief, so gut brachte der König, dieser Meister des gesprochenen Wortes, jede Einzelheit zur Geltung, so geschickt unterstrich er nebenher jede feinere Anspielung und Schattierung. Ich habe mir da ein pikantes Detail erzählen lassen, das die jugendliche Anmut, die dem König Theodosius alle Herzen gewinnt, wieder einmal hervorhebt. Just bei dem Worte »Wahlverwandtschaften«, so hat man mir versichert, also bei der großen Neuheit der Rede, die, wie Sie sehen werden, noch auf lange Zeit die Kanzleien mit Stoff zu Kommentaren versorgen wird, habe der König in der Voraussicht von der Freude unseres Botschafters, der hierin die gerechte Krönung seiner Bemühungen, ja man könnte sagen, seiner Träume erblicken, hierin geradezu seinen Marschallstab finden mußte, sich halb zu Vaugoubert gewandt, den bannenden Blick der Öttinger auf ihn gerichtet und das trefflich gewählte Wort »Wahlverwandtschaften«, diesen Glücksfund, in einem Tone ausgesprochen, an dem alle merkten, daß es mit Vorbedacht und in genauer Sachkenntnis geschah. Vaugoubert scheint es nicht leicht geworden zu sein, seine Erregung zu meistern, und da kann ich ihn bis zu einem gewissen Grade verstehen. Eine durchaus glaubwürdige Person hat mir sogar anvertraut, Seine Majestät habe sich, als sie nach dem Essen Cercle hielt, dem Botschafter genähert und mit halblauter Stimme zu ihm gesagt: »Sind Sie mit Ihrem Schüler zufrieden, mein lieber Marquis?««

»Eins ist gewiß,« schloß Herr von Norpois, »mehr als zwanzig Jahre Verhandlungen tut solch ein Toast für die Verknüpfung zweier Länder, für ihre Wahlverwandtschaft, um den pittoresken Ausdruck König Theodosius' II zu gebrauchen. Das ist ja, wenn Sie wollen, nur ein Wort, aber Sie sehen, was für ein Glück es gemacht hat, wie die ganze europäische Presse es wiederholt, welches Interesse es erweckt, welch neuen Klang es hat. Es ist recht bezeichnend für diesen Fürsten. Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, daß er alle Tage solche Perlen findet. Aber fast in jeder seiner vorbereiteten Reden, ja mehr noch in gesprächsweiser Eingebung gibt er mit einem Schlagwort sein Signalement – beinahe hätte ich gesagt seine Signatur. Der Parteilichkeit bin ich in diesem Punkte wohl kaum verdächtig, ich als erklärter Gegner aller Neuerungen auf dem Gebiet. Neunzehnmal von zwanzig sind sie gefährlich.« »Ja, ich habe mir gedacht, daß das jüngste Telegramm des deutschen Kaisers nicht nach Ihrem Geschmack gewesen sein mag«, sagte mein Vater.

Herr von Norpois hob die Augen zum Himmel, als wollte er sagen: ja, der! – »Vor allem einmal ist es ein Akt der Undankbarkeit. Es ist schlimmer als ein Verbrechen, ist ein Fehler von einer Dummheit, die ich als pyramidal bezeichnen möchte! Nebenbei gesagt, wenn da niemand Frieden stiftet, ist der Mann, der Bismarck fortgejagt hat, imstande, nach und nach die ganze Bismarckische Politik abzuschwören, und dann gibt es den Sprung ins Ungewisse.«

»Mein Mann sagt mir, Herr von Norpois, Sie würden ihn vielleicht den Sommer in einem der nächsten Jahre nach Spanien entführen, das freut mich außerordentlich für ihn.«

»Gewiß, ein äußerst reizvolles Projekt, an das ich mit Freuden denke. Sehr gern würde ich diese Reise mit Ihnen machen, mein Lieber. Und Sie, gnädige Frau, haben Sie schon an die Verwendung der Ferien gedacht?«

»Vielleicht werde ich mit meinem Sohn nach Balbec gehen, ich weiß noch nicht ...»

»Ah! Balbec ist angenehm, ich habe dort mehrere Sommer verbracht. Man fängt jetzt an ganz allerliebste Villen da zu bauen, ich glaube, der Ort wird Ihnen gefallen. Aber darf ich fragen, wieso Ihre Wahl gerade auf Balbec gefallen ist?«

»Mein Sohn ist sehr darauf aus, gewisse Kirchen der Gegend zu sehen, besonders die von Balbec selbst. Für seine Gesundheit fürchtete ich allerdings ein wenig die Anstrengungen der Reise und besonders des Aufenthalts. Aber, wie ich höre, hat Balbec jetzt ein ausgezeichnetes Hotel, das ihm ermöglichen wird, sich zu pflegen, wie es sein Zustand erfordert.«

»Ah, das muß ich einer Dame wiedererzählen, bei der das großen Anklang finden wird.«

»Die Kirche von Balbec ist sehr schön, nicht wahr?« fragte ich und überwand damit meine Traurigkeit über die Kunde, daß einer der Anziehungspunkte von Balbec in seinen allerliebsten Villen bestehe.

»Nun, übel ist sie nicht, aber schließlich kann sie den Vergleich mit jenen wahrhaften Kleinodien des Meißels nicht vertragen, wie es die Kathedralen von Reims und Chartres sind und die Sainte-Chapelle von Paris, für meinen Geschmack die Perle von allen.«

»Aber die Kirche von Balbec ist doch zum Teil wohl romanisch?«

»In der Tat, sie ist im romanischen Stil erbaut, der ja schon an und für sich äußerst kalt wirkt und noch nichts ahnen läßt von der Eleganz und Phantasie der gotischen Architekten, die den Stein meistern wie Spitze. Die Kirche von Balbec ist wohl einen Besuch wert, wenn man in die Gegend kommt, sie ist recht interessant; und wenn Sie an einem Regentage nichts anzufangen wissen, können Sie dort eintreten, sie werden das Grab Tourvilles sehen.«

»Waren Sie gestern auf dem Bankett des Auswärtigen Amtes? Ich habe nicht hingehen können«, sagte mein Vater.

»Nein,« antwortete Herr von Norpois mit einem Lächeln, »ich gestehe, daß ich es für eine recht andersartige Gesellschaft habe fallen lassen. Ich speiste bei einer Frau, von der Sie vielleicht gehört haben, bei der schönen Frau Swann.«

Meine Mutter unterdrückte einen Schauer: rascher und feiner reagierend als mein Vater, erschrak sie in seinem Interesse über alles, was ihn erst einen Augenblick später verdrießen sollte. Alles Unangenehme, das ihm zustieß, wurde erst von ihrem Gefühl abgefangen, wie etwa die für Frankreich ungünstigen Nachrichten im Ausland früher als bei uns bekannt sind. Aber sie war doch neugierig zu erfahren, was für eine Sorte Leute die Swann empfangen mochten, und erkundigte sich bei Herrn von Norpois, wen er dort getroffen habe.

»Mein Gott ... es ist ein Haus, das, wie mir scheint, vorwiegend ... von Herren aufgesucht wird. Einige verheiratete Männer waren zugegen, aber ihre Frauen waren an dem Abend gerade leidend und nicht erschienen«, antwortete der Botschafter raffiniert treuherzig, und warf Blicke um sich, die mit sanfter Zurückhaltung die Bosheit, die sie scheinbar mildern wollten, geschickt übertrieben.

»Um ganz gerecht zu sein«, fügte er hinzu, »muß ich sagen, daß allerdings auch Frauen hinkommen, die aber ... mehr der, ... wie soll ich mich ausdrücken, der republikanischen Gesellschaft angehören als dem Kreise Swanns (er sprach den Namen Svann aus). Wer weiß? Vielleicht wird es eines Tages ein politischer oder literarischer Salon sein. Sie scheinen übrigens mit ihrem Salon so, wie er ist, zufrieden zu sein. Und ich finde, Swann zeigt das ein bißchen zu sehr. Er nannte die Leute, bei denen er und seine Frau für die nächste Woche eingeladen seien und auf deren Intimität er nicht gerade stolz zu sein brauchte; es war so wenig zurückhaltend, so ohne Geschmack und fast ohne Takt: erstaunlich bei einem so feinen Menschen! Er wiederholte: »Wir haben keinen freien Abend«, als ob das ein Ruhm sei, wie ein richtiger Parvenü, der er denn doch nicht ist. Swann hatte viele Freunde und sogar Freundinnen, und ohne zu weit zu gehen oder indiskret werden zu wollen, glaube ich sagen zu können, daß, wenn nicht alle, wenn nicht gerade die meisten, doch wenigstens eine und zwar eine sehr hochstehende Dame sich vielleicht nicht unbedingt gegen den Gedanken gesträubt hätte, zu Frau Swann in Beziehung zu treten, in welchem Falle wahrscheinlich mehr als ein Hammel des Panurg hinterdrein gelaufen wäre. Aber offenbar ist von Seiten Swanns in diesem Sinne kein Schritt ins Auge gefaßt worden. Wie? Jetzt noch Pudding à la Nesselrode! Ich werde ja eine richtige Karlsbader Kur nötig haben, um mich von einer so lukullischen Schlemmerei zu erholen. Vielleicht hat Swann gefühlt, daß zuviel Widerstand zu überwinden gewesen wäre. Seine Heirat hat sicherlich nicht gefallen. Man hat von dem Vermögen der Frau gesprochen, eine dumme Lüge! Aber schließlich hat das Ganze keinen angenehmen Eindruck hinterlassen. Dann hat Swann auch noch eine ungewöhnlich reiche Tante in glänzender gesellschaftlicher Stellung, Frau eines Mannes, der, vom finanziellen Standpunkt betrachtet, eine Großmacht ist. Die hat sich nicht nur geweigert, Frau Swann zu empfangen, sie hat auch noch einen regelrechten Feldzug unternommen, damit ihre Freunde und Bekannten dasselbe täten. Damit will ich nicht behaupten, daß irgendein Pariser der guten Gesellschaft sich Frau Swann gegenüber respektlos aufgeführt habe ... nein! hundertmal nein! ist ja der Gatte Manns genug, den Fehdehandschuh aufzunehmen. Erstaunlich bleibt es jedenfalls mitanzusehen, wie Swann, der so viele Leute aus den exklusivsten Kreisen kennt, sich um eine Gesellschaft bemüht, von der man zum mindesten sagen muß, daß sie sehr gemischt ist. Ich habe ihn früher gekannt und muß gestehen, daß ich ebenso überrascht wie belustigt war, als dieser guterzogene Mann, der in den gesiebtesten Cliquen beliebt war, vor meinen Augen einem Kabinettsvorstand im Postministerium überschwenglich für seinen Besuch dankte und ihn fragte, ob Frau Swann sich »gestatten« dürfe, seine Frau zu besuchen. Er kann sich in dieser neuen Gesellschaft doch nicht zu Hause fühlen. Und doch glaube ich nicht, daß Swann unglücklich ist. Wohl hat es in den Jahren, die der Heirat vorangingen, ziemlich garstige Erpressungsmanöver von seiten der Frau gegeben; jedesmal wenn Swann ihr etwas verweigerte, hat sie ihm seine Tochter fortgenommen. Und jedesmal hat der Arme, der ebenso naiv wie raffiniert ist, gemeint, die Entführung der Tochter träfe zufällig mit dem anderen zusammen, und die Wirklichkeit hat er nicht sehen wollen. Übrigens machte sie ihm so ununterbrochen Szenen, daß man meinte, von dem Tage ab, an dem sie ihr Ziel erreicht habe und geheiratet worden sei, werde sie nichts mehr zurückhalten und ihr gemeinsames Leben werde eine Hölle sein. Gerade das Gegenteil ist geschehen! Man amüsiert sich über die Art und Weise, wie Swann von seiner Frau spricht, man macht sich sogar weidlich darüber lustig. Man hat ja nicht verlangt, daß er urbi et orbi verkünde, er sei, wie er sich mehr oder weniger bewußt ist, das, wofür Molière so ein schönes Wort hat; aber dessenungeachtet findet man es übertrieben, wenn er sagt, seine Frau sei eine ausgezeichnete Gattin. Allein das ist gar nicht so unrichtig, wie man glaubt. Ihre Art, ihn zu behandeln, würde vielleicht manchem anderen Ehemann nicht behagen, aber unter uns, Swann, der diese Frau seit langem kannte und alles andere als ein Dummkopf ist, hat doch wohl gewußt, woran er sich zu halten habe, und es läßt sich nicht leugnen, sie scheint wirkliche Zuneigung zu ihm zu empfinden. Das soll nicht heißen, sie sei gar nicht flatterhaft, Swann selber ist ja auch kein Heiliger, wenn man den guten Zungen glauben darf, die, wie Sie denken können, kräftig im Gange sind. Aber sie ist ihm dankbar für alles, was er für sie getan hat, und im Gegensatz zu den allgemeinen Befürchtungen scheint sie jetzt von engelhafter Güte zu sein.«

Diese Veränderung war vielleicht nicht so ungewöhnlich, wie Herr von Norpois sie fand. Odette hatte nicht geglaubt, daß Swann sie schließlich heiraten werde; so oft sie ihm in deutlicher Absicht mitteilte, daß ein Mann der Gesellschaft seine Geliebte geheiratet habe, sah sie ihn eisiges Schweigen bewahren und auf ihre direkte Frage: »Du findest nicht, daß sich das schickt? Ist das, was er tut, nicht sehr schön für eine Frau, die ihm ihre Jugend geschenkt hat« – höchstens trocken erwidern: »Ich sage nichts dagegen. Jeder nach seiner Art.« Sie war sogar nahe daran, zu glauben, er werde sie ganz im Stich lassen, wie er es in Augenblicken des Zorns manchmal androhte. Hatte sie doch erst kürzlich von einer Bildhauerin sagen hören: »Man kann sich von seiten der Männer auf alles gefaßt machen, sie sind so knotig.« Die Tiefgründigkeit dieser pessimistischen Maxime hatte sie betroffen, sie hatte sie sich zu eigen gemacht, wiederholte sie alle Augenblicke und sah dabei so mutlos aus, als wollte sie sagen: »Es ist gar nicht ausgeschlossen, ich habe eben kein Glück.« Und langsam wich alle Kraft aus dem optimistischen Grundsatz, der bisher Odette durch das Leben geleitet hatte: »Man kann mit Männern, die uns lieben, alles anstellen, sie sind so idiotisch.« (Dieser Grundsatz kam in ihrem Gesicht mit demselben Augenzwinkern zum Ausdruck, das etwa Wendungen hätte begleiten können wie: »Keine Angst, es geht nichts entzwei.«) Damals litt Odette bei dem Gedanken, was wohl von Swanns Benehmen die oder jene ihrer Freundinnen halten mochte, die von einem Mann geheiratet wurde, mit dem sie nicht so lange zusammenlebte wie sie mit Swann, und von dem sie kein Kind hatte, die nun verhältnismäßig geachtet dastand und zu den Bällen im Elysee geladen wurde. Ein tieferdringender Geist als Herr von Norpois hätte durchaus die Diagnose stellen können, es sei dies Gefühl der Demütigung und Schande, was Odette verbitterte; der diabolische Charakter, den sie zur Schau trug, sei nicht ihr Wesen, nicht ein Übel, für das es keine Heilung gibt; er hätte leicht vorhersehen können, was nun wirklich geschah, daß nämlich durch das neue Regime, das Regime der Ehe, mit fast magischer Geschwindigkeit die peinlichen Vorkommnisse aufhörten, die sonst an der Tagesordnung, aber durchaus nicht mit Odettes Wesen organisch verwachsen waren. Fast alle wunderten sich über die Heirat, und gerade das ist verwunderlich. Zwar begreifen nur wenige den rein subjektiven Charakter des Phänomens Liebe und die Art, wie dabei eine ergänzende Person geschaffen wird, die von der offiziellen Trägerin ihres Namens verschieden ist, eine Person, zu deren Schöpfung wir die meisten Elemente dem eignen Wesen entnehmen. Auch finden es nur wenig Leute natürlich, daß ein Wesen (das eben nicht mehr identisch ist mit dem, welches sie sehen) für uns mit der Zeit so ungeheure Proportionen annehmen kann. Gleichwohl hätte man sich in Odettes Fall über eines Rechenschaft geben können: wenn sie auch sicherlich Swanns Geist nie in seinem ganzen Umfange begriffen hatte, so kannte sie wenigstens die Titel und alle Einzelheiten seiner Arbeiten, und der Name Ver Meer war ihr ebenso vertraut wie der ihres Schneiders; an Swann kannte sie sehr genau die Charakterzüge, welche die anderen Menschen an einem nicht kennen oder komisch finden, und von denen nur eine Schwester oder eine Geliebte ein ähnliches Bild liebevoll in sich trägt; hängen wir doch selbst so sehr an solchen Zügen unseres eigenen Wesens, auch wenn es die sind, die wir am ehesten ändern möchten; und gerade weil eine Frau sie mit gewohnter Nachsicht und mit freundschaftlichem Spott behandelt, ähnlich wie wir selbst und unsere Eltern, haben alte Liebschaften etwas von der Süße und Stärke der Familienbande. Was uns mit einem Wesen verbindet, wird geheiligt, wenn es sich bei der Beurteilung unserer Mängel auf denselben Standpunkt wie wir stellt. Von den besonderen Zügen waren bei Swann manche ebensosehr seinem Geist wie seinem Charakter eigen, da aber auch die geistigen im Charakter ihre Wurzel hatten, konnte Odette sie leicht erkennen. Wenn Swann sich mit literarischen Arbeiten beschäftigte und Studien veröffentlichte, beklagte sie sich darüber, daß diese Züge seines Wesens nicht so deutlich herauskamen wie in seinen Briefen oder seiner Unterhaltung, die ganz von ihnen erfüllt waren. Sie riet ihm, auch in seine Arbeiten diesen Teil seines Wesens eintreten zu lassen. Das hätte sie gern gesehen, weil es ihre Lieblingszüge waren; da aber diese Vorliebe darauf beruhte, daß sie so besonders eng zu seinem Wesen gehörten, hatte sie vielleicht gar nicht unrecht, zu wünschen, sie sollten in seinen Schriften mehr hervortreten. Vielleicht meinte sie auch, lebendigere Werke würden ihm endlich zum Erfolge und dadurch ihr zu dem verhelfen, was sie bei den Verdurin über alles zu schätzen gelernt hatte: zu einem Salon.

Unter den Leuten, die diese Art Heirat lächerlich fanden, Leuten, welche im eignen Falle fragten: »Was wird Herr von Guermantes denken, was wird Bréauté sagen, wenn ich Fräulein von Montmorency heirate?«, unter den Leuten, die solchem sozialen Ideal anhingen, hätte sich zwanzig Jahre früher Swann selbst befunden, der es zu jener Zeit sich Mühe kosten ließ, in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden, und damit rechnete, eine glänzende Partie zu machen, die durch eine Festigung seiner Stellung schließlich eine der bekanntesten Pariser Persönlichkeiten aus ihm gemacht hätte. Allein den Vorstellungen, die von einer solchen Heirat dem Betreffenden vorschweben, muß wie allen Wunschbildern, damit sie sich nicht auflösen und verschwimmen, von außen nachgeholfen werden. Mag es dein glühendster Traum sein, den Menschen, der dich beleidigt hat, zu demütigen; wenn du nie von ihm sprechen hörst, weil du längst in einem anderen Lande lebst, wird dein Feind dir schließlich ganz unwichtig werden. Wenn man im Verlauf von zwanzig Jahren alle Menschen aus dem Auge verloren hat, derentwegen man gern in den Jockey-Klub oder ins Institut de France gekommen wäre, hat die Aussicht, Mitglied des einen oder des anderen zu werden, nichts Verlockendes mehr. Nicht weniger als Zurückgezogenheit, Krankheit oder religiöse Bekehrung löst eine dauernde Liebschaft die alten Wunschbilder durch neue ab. Von Seiten Swanns war die Ehe mit Odette kein Verzicht auf gesellschaftliche Ambitionen, denn von denen hatte Odette schon längst im geistigen Sinne des Wortes ihn losgemacht. Und wäre das nicht geschehen, so wäre sein Verdienst nur um so größer gewesen. Im allgemeinen sind die entehrenden Heiraten, da mit ihnen eine mehr oder weniger schmeichelhafte Weltstellung rein privaten Annehmlichkeiten geopfert wird, die achtbarsten von allen. (Geldheiraten darf man dabei nicht zu den entehrenden rechnen; es gibt kein Beispiel eines Ehebündnisses, bei dem die Frau oder auch der Mann, die sich verkauft haben, nicht schließlich doch in der Gesellschaft empfangen wurden, sei es auch nur aus Tradition auf die Autorität früherer Fälle hin und um nicht zweierlei Maß und Gewicht anzuwenden.) Vielleicht wäre es Swann andererseits als Künstler oder gar aus einer Art Verderbtheit immerhin eine gewisse Wollust gewesen in einer der Kreuzungen, wie sie die Mendelisten ausführen und die Mythologie sie darstellt, mit einem Wesen anderer Rasse sich zu paaren, mit einer Erzherzogin oder einer Kokotte, und eine königliche Allianz oder eine Mesallianz zu schließen. Nur an ein Wesen auf der Welt dachte er mit Unruhe, so oft er die Möglichkeit einer Ehe mit Odette erwog: das war– ohne jeden Snobismus von seiner Seite – die Herzogin von Guermantes. Odette kümmerte sich wenig um diese, sie dachte nur an Leute, die gesellschaftlich unmittelbar über ihr standen, und nicht an die in unbestimmten höheren Regionen. Wenn aber Swann in träumerischen Stunden Odette seine Frau geworden sah, stellte er sich regelmäßig den Augenblick vor, in dem er sie und vor allem seine Tochter der Fürstin des Laumes, die bald durch den Tod ihres Schwiegervaters Herzogin von Guermantes werden sollte, zuführen würde. Sie anderswo vorzustellen, hatte er kein Verlangen, aber er wurde ganz gerührt, wenn er sich ausdachte und in Worten aussprach, was die Herzogin über ihn zu Odette und was Odette zu Frau von Guermantes sagen und wie diese Gilberte verwöhnen und ihn stolz auf seine Tochter machen würde. Er spielte sich selbst die Begrüßungsszene mit einer Genauigkeit in den fiktiven Einzelheiten vor, wie sie Leute haben, die nachgrübeln, auf welche Art sie ein erst noch zu gewinnendes Los, dessen Zahl sie willkürlich festsetzen, ausnützen würden. Soweit ein Wunschbild, das einen unserer Entschlüsse begleitet, als dessen Motiv anzusehen ist, kann man sagen, daß Swann Odette heiratete, um sie und Gilberte, ohne daß sonst jemand zugegen war, ja nötigenfalls, ohne daß es jemals bekannt würde, der Herzogin von Guermantes vorzustellen. Und diesem einzigen gesellschaftlichen Ehrgeiz, den Swann für Frau und Tochter hegte, sollte, wie man sehen wird, die Erfüllung versagt bleiben, und zwar durch ein so absolutes Veto, daß Swann starb, ohne vermuten zu können, die Herzogin werde die Seinen noch einmal kennen lernen. Nach seinem Tode jedoch befreundete sich, wie man ebenfalls sehen wird, die Herzogin mit Odette und Gilberte. Vielleicht wäre es weise von ihm gewesen – wenn anders er schon eine Kleinigkeit so wichtig nehmen konnte – sich in dieser Hinsicht keine düstern Vorstellungen von der Zukunft zu machen, sondern es ihr zu überlassen, die ersehnte Zusammenkunft herbeizuführen, wenn er, sich ihrer zu erfreuen, nicht mehr dasein werde. Die Kausalität, die schließlich fast alle möglichen Folgen heraufführt, auch die, von denen man es am wenigsten glaubte, arbeitet bisweilen langsam und wird durch unser Verlangen, das sie beschleunigen will und dadurch hemmt, ja schon durch unser bloßes Dasein noch mehr verlangsamt; sie kommt zum Ziel, wenn wir aufgehört haben, zu verlangen oder gar zu leben. Wußte Swann das nicht aus eigener Erfahrung? War seine Ehe nicht schon bei Lebzeiten eine Vorform dessen, was erst nach seinem Tode stattfinden sollte, ein posthumes Glück? Die Ehe mit dieser Odette, die er leidenschaftlich, wenn auch nicht auf den ersten Blick, geliebt hatte und dann heiratete, als er sie nicht mehr liebte, als das Wesen in ihm, das so verzweifelt und so sehnsüchtig das ganze Leben mit Odette zu leben begehrte, als dieses Wesen tot war?

Ich brachte die Rede auf den Grafen von Paris und fragte, ob er nicht ein Freund von Swann sei; ich wollte nicht, daß die Unterhaltung von Swann abkomme. »Ja, in der Tat«, antwortete Herr von Norpois und heftete auf meine bescheidene Person den blauen Blick, in dem wie in ihrem Lebenselement große Arbeitskraft, und geschickte Assimilationsfähigkeit sich regten. »Mein Gott,« wandte er sich dann wieder an meinen Vater, »ich glaube nicht, die Schranken des Respektes, den ich dem Prinzen schulde, zu durchbrechen (ohne deshalb persönliche Beziehungen zu ihm zu unterhalten, die meine Situation, so wenig offiziell sie ist, erschweren würden), wenn ich Ihnen einen pikanten Vorfall zitiere: Vor nicht mehr als vier Jahren hatte der Prinz auf einem kleinen Bahnhof eines der mitteleuropäischen Länder Gelegenheit, auf Frau Swann aufmerksam zu werden. Sicherlich hat sich aus seiner Umgebung niemand erlaubt, Seine Hoheit zu fragen, wie er die Dame gefunden habe. Das wäre nicht schicklich gewesen. Als aber im Laufe der Unterhaltung ihr Name fiel, gab der Prinz durch gewisse, wenn man will, kaum merkliche, ab er doch untrügliche Zeichen ziemlich deutlich zu verstehen, sein Eindruck sei im ganzen durchaus nicht ungünstig gewesen.«

»Aber es hätte wohl keine Möglichkeit bestanden, sie dem Grafen von Paris vorzustellen?« fragte mein Vater. »Nun, wissen kann man es nicht; man weiß nie bei Fürsten...« antwortete Herr von Norpois, »gerade die glänzendsten, die am selbstverständlichsten gebührende Distanzen betonen, kümmern sich bisweilen am wenigsten um die Satzungen der öffentlichen Meinung, mögen diese auch noch so berechtigt sein, sobald es sich darum handelt, bestimmte Beweise der Anhänglichkeit zu belohnen. Sicherlich hat der Graf von Paris die Ergebenheit Swanns (Geist hat dieser Swann ja) immer sehr wohl wollend aufgenommen.«

»Und Ihr eigner Eindruck, wie war der, Herr Botschafter?« fragte meine Mutter aus Höflichkeit und Neugier. Da antwortete Herr von Norpois im energischen Ton des alten Kenners, der die übliche Mäßigung seiner Ausdrucksweise beiseite läßt:

»Ganz ausgezeichnet!«

Und weil er wußte, das munter vorgebrachte Geständnis, von einer Frau einen starken Eindruck empfangen zu haben, gehöre zu den Wendungen, die als Belebung des Gesprächs besonders geschätzt werden, brach er in ein kleines Gelächter aus, das noch eine Weile dauerte, die blauen Augen des alten Diplomaten feuchtete und die mit roten Fäserchen geäderten Nasenflügel vibrieren ließ

»Sie ist ganz entzückend!«

»War ein Schriftsteller namens Bergotte bei dem Diner anwesend, Herr von Norpois?« fragte ich schüchtern in der Absicht, das Gespräch in Swanns Bereich festzuhalten.

»Ja, Bergotte war da.« Herr von Norpois neigte mit distinguierter Anteilnahme den Kopf nach meiner Seite, als messe er in dem Wunsche, gegen meinen Vater liebenswürdig zu sein, allem, was mit ihm zusammenhing, Wichtigkeit bei, selbst den Fragen eines Burschen in meinem Alter, der von Personen in seinem soviel Höflichkeit nicht gewohnt war.

»Kennen Sie ihn?« Er heftete auf mich den klaren Blick, dessen Schärfe Bismarck bewundert hatte.

»Mein Sohn kennt ihn nicht, bewundert ihn aber sehr,« sagte meine Mutter.

»Mein Gott, ich kann diese Bewunderung nicht teilen,« sagte Herr von Norpois (das flößte mir schwerere Zweifel an meiner Intelligenz ein als die, welche mich so schon quälten; ich sah: was ich himmelhoch über mich stellte, was ich für das Erhabenste auf der Welt hielt, stand für ihn auf der untersten Stufe seiner Bewunderung), »Bergotte ist, was ich einen Flötenbläser nenne; man muß immerhin anerkennen, daß er angenehm bläst, wenn auch recht manieriert und affektiert. Aber das ist auch alles; und das ist nicht viel. Nie findet sich in seinem muskellosen Werk das, was man Knochengerüst nennen könnte. Keine Handlung – oder so gut wie keine – vor allem aber keine Tragweite. Der Fehler seiner Bücher liegt in ihrer Basis, vielmehr sie haben überhaupt keine. In einer Zeit wie der unsern, da die anwachsende Gedrängtheit des Lebens kaum Zeit zum Lesen läßt, da die Karte Europas tiefgreifende Umgestaltungen erfahren hat und im Begriff ist, vielleicht noch viel größere zu erfahren, da soviel drohende neue Probleme überall auftauchen, hat man, das werden Sie mir zugeben, das Recht, von einem Schriftsteller etwas anderes zu verlangen als Schöngeisterei, die uns in müßigen, byzantinischen Diskussionen über rein formale Meriten vergessen läßt, daß wir von einem Augenblick zum anderen durch einen zwiefachen Barbarenansturm überrannt werden können, Barbaren von außen und Barbaren von innen. Ich weiß, es ist eine Blasphemie gegen die sakrosankte Schule, das l'art pour l'art, wie diese Herren es nennen, aber unsere Zeit stellt dringendere Aufgaben als die, harmonisch Worte aneinander zu fügen. Bergotte gibt sich bisweilen ziemlich verführerisch, das stelle ich nicht in Abrede, aber im ganzen ist das alles recht schwächlich, recht geringfügig, recht wenig männlich. Jetzt, da ich mich in Ihre durchaus übertriebene Bewunderung für Bergotte versetzen kann, begreife ich auch besser die Niederschrift, die Sie mir vorhin zeigten, und es wäre übelwollend von mir, nicht sanft darüber hinwegzugehen; Sie haben ja selber offen und ehrlich gesagt, es sei nur kindliches Gekritzel (das hatte ich in der Tat gesagt, aber ich glaubte kein Wort davon). Für jede Sünde gibt es Nachsicht, besonders für Jugendsünden. Schließlich hat mancher so etwas auf dem Gewissen, und Sie sind nicht der einzige, der sich einmal für einen Dichter gehalten hat. Aber in dem, was Sie mir gezeigt haben, spürt man den schlechten Einfluß von Bergotte. Es wird Sie nicht weiter wundernehmen, wenn ich Ihnen sage, daß keine seiner Qualitäten darin zu finden ist, da er es ja zum Meister in der nebenbei bemerkt ganz oberflächlichen Kunst eines gewissen Stils gebracht hat, zu welchem Sie in Ihrem Alter nicht einmal die Ansätze besitzen können. Aber es zeigt sich darin schon derselbe Fehler, der Widersinn, tönende Worte aneinander zu reihen und sich erst hinterdrein um den Inhalt zu kümmern. Das heißt, den Pflug vor die Ochsen spannen, was schließlich auch für Bergottes Bücher gilt. All diese formalen Chinoiserien, all die feinen Nuancen eines genießerischen Mandarin erscheinen mir recht eitel. Bei einem kleinen Feuerwerk, das ein Schriftsteller erfreulich abzubrennen versteht, ist man gleich mit »Meisterschaft« bei der Hand. So häufig sind die Meisterwerke nicht! Bergotte hat unter seinen Aktiven, in seinem literarischen Gepäck, wenn ich mich so ausdrücken darf, auch nicht einen Roman von höherem Schwung, keines der Bücher, denen man den besten Platz in seiner Bibliothek geben würde. Ich kann kein einziges in seinem ganzen Werk entdecken. Was nicht hindert, daß in seinem Falle das Werk den Autor turmhoch überragt. Bei ihm bekommt wieder einmal der geistvolle Mann recht, der behauptet hat, Schriftsteller dürfe man nur aus ihren Büchern kennen. Unmöglich, ein Individuum ausfindig zu machen, das weniger seinen Büchern entspricht als Bergotte, das prätentiöser, feierlicher und dabei schlechtere Gesellschaft wäre als er. Bald sehr gewöhnlich, und dann wieder redet er wie ein Buch, nicht einmal wie ein Buch von ihm, sondern wie ein langweiliges, was doch die seinen immerhin nicht sind, so wirkt dieser Bergotte. Der verworrensten Geister einer, der, was er zu sagen hat, nur unangenehmer macht durch die Art, in der er es vorbringt. Ich weiß nicht, ist es Lomenie oder Sainte-Beuve, der erzählt, daß Vigny durch die gleiche Verschrobenheit abstieß. Dafür hat Bergotte aber auch nicht Cinq-Mars geschrieben noch den Cachet rouge, worin sich Seiten finden, die wahre Perlen jeder Anthologie sind.«

Ich war ganz zerschmettert von dem, was mir Herr von Norpois über mein ihm unterbreitetes Fragment gesagt hatte, zugleich lag mir im Sinn, wie schwer es für mich war, einen Essay zu schreiben oder auch nur, mich zu ernstem Nachdenken zusammenzunehmen, und so fühlte ich meine Nichtigkeit wieder einmal und daß ich für die Literatur nicht geschaffen sei. Wohl hatten mich einstmals in Combray gewisse ganz bescheidene Eindrücke oder das Lesen in Bergotte in einen Traumzustand versetzt, der mir von großem Wert schien. Gerade diesen Zustand spiegelte mein Gedicht in Prosa wider; zweifellos hatte Herr von Norpois gleich erfaßt und aufgedeckt, was mir daran allein durch trügerische Spiegelung schön erschien, denn der Botschafter fiel nicht darauf herein. Hatte er mir doch eben erst klar gemacht, wie tief ich stand (wenn ich von außen, objektiv durch den wohlwollendsten und intelligentesten Kenner beurteilt wurde). Ich fühlte mich verwirrt, kam mir verkümmert vor; wie ein Fluidum, dessen Dimensionen nach dem Gefäß sich richten, das man ihm leiht, ging nun mein Geist, der sich ehedem ausdehnen durfte, um die unendlichen Weiten des Genius zu füllen, ganz in der engen Mittelmäßigkeit auf, in die ihn Herr von Norpois eingeschlossen, eingezwängt hatte.

»Bergottes Zusammentreffen mit mir«, wandte sich der Botschafter wieder an meinen Vater, »war eine ziemlich heikle Angelegenheit (und vielleicht gerade deshalb nicht ohne Pikanterie). Vor geraumer Zeit machte Bergotte eine Reise nach Wien, während ich dort Botschafter war, wurde mir durch die Fürstin Metternich vorgestellt, schrieb sich ein und wünschte eingeladen zu werden. Als Auslandsvertreter Frankreichs, dem er alles in allem mit seinen Schriften Ehre gemacht hat, wenn auch nur in gewissem Grade, sagen wir, um genau zu sein, in recht mäßigem Grade, wäre ich über die ungünstige Meinung, die ich persönlich von seinem Privatleben habe, hinweggegangen. Aber er reiste nicht allein und beanspruchte obendrein, mit seiner Begleiterin eingeladen zu werden. Nun glaube ich nicht prüder zu sein als andere, und als Junggeselle konnte ich wohl auch die Türen der Gesandtschaft etwas weiter aufmachen, als wenn ich verheiratet und Familienvater gewesen wäre. Aber dennoch muß ich bekennen, es gibt einen Grad von sittlicher Haltlosigkeit, dem ich mich nicht anpassen kann und der noch peinlicher wird durch den mehr als moralischen, sagen wir gerade heraus, den moralisierenden Ton, den Bergotte in seinen Büchern anschlägt: da bekommt man ja immer wieder, noch dazu, unter uns, recht ermüdende Analysen von schmerzlichen Skrupeln, krankhaften Gewissensbissen über lauter Lappalien zu hören, ein recht billiges Tugendgeschwätz, und dabei zeigt sich der Verfasser in seinem Privatleben von geradezu zynischer Gewissenlosigkeit. Kurz, ich umging die Antwort, die Fürstin machte einen neuen Vorstoß, aber wieder ohne Erfolg. Wonach ich vermute, daß ich nicht grade im Geruch eines Engels bei dem Manne stehen mag, und ich weiß nicht, bis zu welchem Grade er Swanns Aufmerksamkeit, ihn mit mir zusammen einzuladen, geschätzt hat. Es sei denn, daß er selbst darum gebeten hatte. Man kann es bei ihm nicht wissen, er ist im Grunde ein kranker Mensch. Das ist sogar das Einzige, was ihn entschuldigt.«

»War die Tochter von Frau Swann bei dem Diner?« fragte ich Herrn von Norpois und benutzte zu dieser Frage den Augenblick, in dem man in den Salon ging und meine Erregung sich leichter verbergen konnte als bei Tisch, wo ich in vollem Licht stillsitzen mußte. Herr von Norpois schien einen Augenblick in seinem Gedächtnis zu suchen:

»Ein junges Mädchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren? Ja, jetzt erinnere ich mich, daß sie mir vor dem Essen als Tochter unseres Gastgebers vorgestellt wurde. Allerdings habe ich sie nur wenig gesehen, sie ist früh schlafen gegangen. Oder zu ihren Freundinnen, ich besinne mich nicht mehr genau. Aber ich sehe, Sie wissen gut Bescheid im Hause Swann.«

»Ich spiele mit Fräulein Swann in den Champs-Élysées, sie ist entzückend.«

»Schau, schau! Ich hatte in der Tat den Eindruck, daß sie reizend ist. Allerdings muß ich Ihnen bekennen, ich glaube nicht, daß sie je ihrer Mutter gleichkommen wird, wenn ich das sagen darf, ohne in Ihnen ein allzu lebhaftes Gefühl zu verletzen.«

»Der Gesichtsbildung nach finde ich Fräulein Swann schöner, aber ich bewundere auch ihre Mutter außerordentlich, ich gehe im Bois spazieren einzig in der Hoffnung, sie vorbeifahren zu sehen.«

»Das muß ich den Damen sagen, sie werden sehr geschmeichelt sein.«

Während Herr von Norpois diese Worte sprach, wußte er noch einige Sekunden lang nicht mehr von mir als alle, die mich etwa von Swann als einem intelligenten Manne reden hörten, von seinen Eltern als ehrenwerten Wechselmaklern, von seinem Haus als einem schönen Hause, und glaubten, ich würde ebenso gern von einem anderen ebenso intelligenten Manne, anderen ebenso ehrenwerten Wechselmaklern und einem anderen ebenso schönen Hause sprechen; es ist der Augenblick, in dem ein geistig gesunder Mensch, der mit einem Verrückten sich unterhält, noch nicht gemerkt hat, daß es ein Verrückter ist. Herr von Norpois wußte, daß die Freude am Anblick hübscher Frauen natürlich, daß es, wenn jemand mit Wärme von einer dieser Frauen spricht, guter Ton ist, zu tun, als halte man ihn für verliebt, ihn damit zu necken, ihm zu versprechen, seine Absichten zu unterstützen. Als er aber sagte, er werde Gilberte und ihrer Mutter von mir sprechen (und das erweckte in mir die Hoffnung, wie eine olympische Gottheit, die das Fließende eines Hauchs, wie Minerva, die die Erscheinung des Greises annimmt, selbst unsichtbar in den Salon von Frau Swann einzudringen, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ihre Gedanken zu beschäftigen, Dankbarkeit für meine Bewunderung zu wecken und ihr als Freund eines bedeutenden Mannes künftighin würdig zu erscheinen, bei ihr eingeladen zu werden und mit ihrer Familie in vertrauten Verkehr zu treten), – da flößte mir dieser bedeutende Mann, der sein Ansehen in den Augen von Frau Swann zu meinen Gunsten benutzen wollte, plötzlich eine solche Zärtlichkeit ein, daß ich mich nur mit knapper Not enthalten konnte, ihm seine weichen weißen, etwas zerknitterten Hände, die aussahen, als hätten sie zu lange in Wasser gelegen, zu küssen. Fast deutete ich skizzenhaft diese Gebärde an, meinte aber, dies nur allein zu bemerken. Es ist ja für jeden von uns schwer, genau zu berechnen, in welchem Grade sich seine Worte und Bewegungen anderen einprägen. Wir fürchten die eigene Wichtigkeit zu übertreiben, wir vergrößern bei uns bis ins Ungemessene das Feld, auf das sich die Erinnerungen der anderen im Lauf ihres Lebens erstrecken mögen, und bilden uns dann ein, das Zubehör unserer Reden und Haltungen könne kaum in das Bewußtsein derer, welche mit uns sprechen, dringen, geschweige denn in ihrem Gedächtnis haften bleiben. Eine derartige Vermutung veranlaßt die Verbrecher, nachträglich ein Wort zu retuschieren, das sie ausgesprochen haben und von dem sie nun annehmen, man könne die neue Variante mit keiner anderen Version konfrontieren. Und doch ist es wohl möglich, daß selbst für das tausendjährige Leben des Menschengeschlechtes die Weltanschauung des Feuilletonisten, nach der alles dem Vergessen ausgesetzt ist, weniger zutrifft als eine entgegengesetzte, welche die Erhaltung aller Dinge vorhersagt. In einer Zeitung, in welcher der Leitartikel-Philosoph von einem Ereignis, einem Meisterwerk oder, mit mehr Grund, von einer Sängerin, die »die Stunde ihres Ruhmes hat«, sagt: »Wer wird sich in zehn Jahren noch all dessen entsinnen?« – steht vielleicht auf der dritten Seite ein Bericht der Academie des Inscriptions über ein an sich wenig wichtiges Faktum, ein Gedicht von geringem Wert, das aus der Zeit der Pharaonen stammt und noch vollständig erhalten ist. Vielleicht ist es nicht ganz dasselbe im kurzen Menschenleben. Und doch überraschte mich ein Erlebnis, das ich ein paar Jahre später in einem Hause hatte, in dem Herr von Norpois zu Besuch war: ich meinte dort an ihm die beste Stütze zu haben, weil er meines Vaters Freund, nachsichtig, uns allen gegenüber zum Wohlwollen geneigt und überdies durch Herkunft und Beruf an Diskretion gewöhnt war. Als er aber fortgegangen war, erzählte man mir, er habe eine Anspielung gemacht auf eine frühere Gesellschaft, bei der er mich »drauf und dran gesehen habe, ihm die Hände zu küssen«; und ich wurde nicht nur rot bis über die Ohren, ich war auch ganz verblüfft, wie sehr die Art und Weise, in der er von mir gesprochen, und der ganze Aufbau seiner Erinnerungen von meinen Erwartungen abstach; dieser »Klatsch« klärte mich auf über die unerwarteten Proportionen, die im menschlichen Geiste Zerstreutheit und Geistesgegenwart, Erinnerung und Vergessen gewinnen: und ich war ebenso gewaltig überrascht wie an dem Tage, als ich zum ersten Male in einem Buch von Maspero las, daß man die genaue Liste der Jäger besitzt, die Assurbanipal zehn Jahrhunderte vor Christi Geburt zur Treibjagd eingeladen hat.

»Ach, Herr von Norpois,« sagte ich, als er mir zu verstehen gab, er werde Gilberte und ihrer Mutter die Bewunderung mitteilen, die ich für beide hegte, »wenn Sie das täten, wenn Sie zu Frau Swann von mir sprächen, mein ganzes Leben würde nicht hinreichen, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen, es würde Ihnen gehören, dieses Leben! Aber ich darf Ihnen nicht verschweigen, daß ich Frau Swann nicht persönlich kenne und ihr nie vorgestellt worden bin.« Die letzten Worte hatte ich aus Gewissenhaftigkeit hinzugefügt, es sollte nicht so aussehen, als rühme ich mich einer Beziehung, die ich nicht besaß. Aber schon beim Aussprechen fühlte ich das Nutzlose meiner Worte, denn mit dem Beginn meiner Dankesergüsse, deren Glut offenbar abkühlend wirkte, sah ich ein verdrossenes Zögern über das Gesicht des Botschafters gehen und bemerkte in seinen Augen jenen vertikalen, schrägen, kargen Blick (Fluchtlinie einer stereometrischen Zeichnung), jenen Blick, der sich an den unsichtbaren Unterredner im eigenen Innern wendet im Moment, da man ihm etwas zu sagen hat, das der andere Unterredner, der Herr, mit dem man bisher sprach – im gegebenen Fall also ich – nicht vernehmen soll. Augenblicklich wurde mir klar: meine eben ausgesprochenen Worte, – so schwach im Vergleich mit dem Strom von Dankbarkeit, der mich überflutete, – die Herrn von Norpois rühren und endgültig zu einer Vermittlung bestimmen sollten, die ihm so wenig Mühe, mir so viel Freude gemacht hätte, waren vielleicht (unter allen, die Übelwollende teuflischerweise ausfindig machen konnten) die einzigen, die zu bewirken vermochten, daß er von dieser Vermittlung absah. Herr von Norpois hörte die Worte, und es erging ihm, wie es uns ergeht, wenn wir mit einem Unbekannten über Vorübergehende, die wir übereinstimmend banal finden, mit Behagen vermeintlich ähnliche Eindrücke austauschen und dieser Mensch uns mit einmal den pathologischen Abgrund zeigt, der ihn von uns trennt, indem er nach seiner Tasche tastend nachlässig äußert: »Zu schade, daß ich meinen Revolver nicht bei mir habe, es bliebe keiner von den Kerlen am Leben.« Obwohl Herr von Norpois wußte, daß nichts belangloser und leichter war als Frau Swann empfohlen und bei ihr eingeführt zu werden, sah er nun, daß dies für mich etwas sehr Wertvolles und somit ohne Zweifel Schwieriges bedeute. Da dachte er, daß hinter meinem anscheinend normalen Begehren ein Hintergedanke, eine verdächtige Absicht, ein früherer Verstoß sich verbergen müsse, derentwegen es bisher niemand hatte auf sich nehmen wollen, Frau Swann einen Auftrag von mir zu übermitteln – im sicheren Gefühl, damit nur Mißfallen bei ihr hervorzurufen. Und ich begriff, nie werde er diesen Auftrag ausrichten, jahrelang könne er Frau Swann täglich sehen, ohne ihr nur ein einziges Mal von mir zu sprechen. Indessen bat er sie einige Tage später um eine Auskunft, die ich gewünscht hatte, und beauftragte meinen Vater, mir diese zu übermitteln. Aber er hatte es nicht für nötig erachtet, Frau Swann zu sagen, für wen er die Auskunft erbat. Sie sollte also nicht erfahren, erstens, daß ich Herrn von Norpois kannte, und zweitens, daß ich so sehr wünschte, sie zu besuchen: und dies Unglück war vielleicht nicht so groß, als ich glaubte. Denn die zweite Mitteilung hätte vermutlich die so schon ungewisse Wirksamkeit der ersten nicht verstärkt. Für Odette hatte die Vorstellung ihres eigenen Lebens und ihrer Wohnung nichts geheimnisvoll Verwirrendes, und jemand, der sie kannte und besuchte, schien ihr kein Fabelwesen, wie er für mich es war, für mich, der ich einen Stein in die Fenster der Swann geworfen hätte, wenn ich darauf »ich kenne Herrn von Norpois« hätte schreiben können: war ich doch überzeugt, eine solche Botschaft, selbst auf derart brutale Weise übermittelt, würde mir in den Augen der Herrin des Hauses eher großes Ansehen geben als sie gegen mich verstimmen. Aber selbst wenn mir klar gewesen wäre, daß die Mission, deren sich Herr von Norpois nicht entledigte, auf alle Fälle nutzlos bliebe, ja, sogar bei den Swann mir schaden konnte, ich hätte nicht den Mut gehabt, falls der Botschafter sich entgegenkommend gezeigt hätte, ihn von dem Auftrag zu entbinden und auf die Wollust – so verhängnisvoll sie auch werden konnte – zu verzichten, daß mein Name und meine Person sich so einen Augenblick bei Gilberte in ihrem unbekannten Haus und unbekannten Leben einfänden.

Als Herr von Norpois fort war, warf mein Vater einen Blick in die Abendzeitung; ich dachte wieder an die Berma. Die Freude, die ich gehabt hatte, sie zu hören, forderte eine Ergänzung, um so mehr, als sie bei weitem nicht der gleichkam, die ich mir versprochen hatte; so machte sie sich gleich alles zu eigen, was irgend imstande war, ihr Nahrung zu geben, zum Beispiel die Vorzüge, die Herr von Norpois der Künstlerin zuerkannte und die mein Geist gierig aufgesogen hatte wie eine ausgedörrte Wiese, auf die man Wasser gießt. Mein Vater reichte mir die Zeitung und zeigte mir eine Notiz, in der es hieß: ›Die Aufführung der Phèdre vor einem begeisterten Publikum, in dem man die hervorragendsten Vertreter der Kunstwelt und Kritik bemerkte, gab Frau Berma Gelegenheit zu einem Triumph, wie sie in ihrer ganzen glorreichen Laufbahn wohl kaum einen größeren davongetragen hat. Wir werden ausführlicher auf diese Vorstellung, die ein Ereignis im Theaterleben bedeutet, zurückkommen; hier sei nur gesagt, daß die kompetentesten Beurteiler übereinstimmend erklären, eine derartige Auffassung mache etwas ganz Neues aus Phèdre, einer der schönsten und bedeutendsten Rollen Racines, und sei die reinste, höchste künstlerische Manifestation, der man in unserer Zeit beiwohnen könne.‹ Kaum hatte mein Geist die neue Wendung ›reinste, höchste künstlerische Manifestation‹ erfaßt, so durchdrang sie die unvollkommene Freude, die ich im Theater gehabt, gab ihr ab von dem, was ihr fehlte, und aus ihrer Vereinigung kam etwas so Schwärmerisches zustande, daß ich ausrief: »Welch große Künstlerin!« Man wird sagen, ich sei nicht ganz aufrichtig gewesen. Aber man denke doch an all die Schriftsteller, die unzufrieden sind mit dem, was sie gerade geschrieben haben, nun lesen sie ein Lob auf den Genius Châteaubriands oder vergegenwärtigen sich irgend einen großen Künstler, dem sie zu gleichen wünschen, sie summen zum Beispiel eine Melodie von Beethoven vor sich hin, deren Schwermut sie vergleichen mit der, die sie in ihre Prosa legen wellten, sie erfüllen sich ganz mit der Idee des Genialen, fügen sie in Gedanken der eigenen Produktion ein, sehen diese nun anders als sie ihnen erst vorkam, und riskieren mit einem inneren ›Immerhin!‹ ein Bekenntnis zum Werte des eigenen Werkes, ohne zu merken, daß sie in das Gesamtgefühl, das ihre schließliche Zufriedenheit bestimmt, die Erinnerung an wunderbare Seiten Châteaubriands aufnehmen, die sie ihren eigenen assimilieren, aber doch nun einmal nicht geschrieben haben; man erinnere sich an all die Männer, die an die Gegenliebe einer Geliebten glauben, von der sie nichts als Verrat erleben; an alle, welche auf ein unfaßbares Weiterleben hoffen, ob sie nun als untröstliche Gatten an die verlorene, geliebte Frau, als Künstler an den möglichen künftigen Ruhm denken, oder aber auf ein sicheres Nichts, wenn ihr Bewußtsein sich Verfehlungen vergegenwärtigt, die sie nach ihrem Tode sonst abbüßen müßten; man denke auch an die Touristen, die begeistert vom Ganzen einer Reise sind, auf der sie Tag für Tag nur Verdruß gehabt haben; dann sage man, ob es bei dem Zusammenleben, wie es in unserm Innern die Vorstellungen führen, anders möglich ist, als daß auch die, die uns am meisten Glück schenkt, zuerst als rechter Schmarotzer von einer fremden Nachbarvorstellung den besten Teil der Kraft, die ihr selbst mangelte, entliehen hat.

Meine Mutter schien nicht sehr zufrieden damit, daß mein Vater den Gedanken an die ›Karriere‹ für mich aufgegeben hatte. Da ihr vor allem am Herzen lag, daß eine regelmäßige Existenz die Launen meiner Nerven diszipliniere, ging ihr, glaub ich, mein Verzicht auf die Diplomatie weniger nahe als die Wendung zur Literatur. »Laß gut sein!« rief der Vater. »Man muß vor allem an dem, was man treibt, Freude haben. Er ist kein Kind mehr. Er weiß jetzt genau, was er liebt; es ist kaum anzunehmen, daß sein Geschmack sich ändert; er ist fähig, sich Rechenschaft zu geben über das, was ihn im Leben glücklich machen wird.« Diese Worte des Vaters, die mir die Freiheit aufzwangen, glücklich oder unglücklich im Leben zu werden, machten an jenem Abend mir großen Kummer. Jederzeit hatten seine unvorhergesehenen Freundlichkeiten, wenn sie plötzlich zum Vorschein kamen, mir Verlangen erregt, ihm über dem Bart die geröteten Wangen zu küssen, und nur aus Furcht, ihm zu mißfallen, gab ich diesem Triebe nicht nach. Nun ging es mir wie einem Autor, der erschrocken sieht, wie seine persönlichen Träumereien, die ihm ohne besonderen Wert erscheinen, weil er sie nicht von sich selbst trennt, einen Verleger zwingen, Papier auszuwählen und eine Schrift setzen zu lassen, die vielleicht viel zu schön dafür ist: ich fragte mich, ob meine Lust zu schreiben etwas so Wichtiges sei, daß mein Vater soviel Güte an sie vergeuden dürfe. Und indem er von meinem Geschmack, der sich nicht mehr ändern, von der Beschäftigung, die mein Leben glücklich machen werde, sprach, flößte er mir zwei schreckliche Vermutungen ein. Die erste: während ich mich Tag für Tag noch auf der Schwelle eines unberührten Lebens wähnte, das morgen früh erst beginnen sollte, hatte also meine Existenz schon angefangen, ja, mehr noch, das, was später kommen werde, würde nicht sehr verschieden sein von dem Vorhergegangenen. Der zweite Verdacht war eigentlich nur eine andere Form des ersten: ich stand nicht mehr außerhalb der Zeit, sondern war ihren Gesetzen unterworfen ganz wie die Romanpersonen, die mich deshalb so traurig machten, wenn ich in meinem Strandkorb zu Combray ihr Leben las. Theoretisch weiß man, daß die Erde sich dreht, tatsächlich aber merkt man es nicht, der Boden, auf dem man geht, scheint sich nicht zu bewegen, und man lebt in Ruhe. Ebenso ist es im Leben mit der Zeit. Um ihre Flucht fühlbar zu machen, sind die Romanschriftsteller gezwungen, den Gang der Zeiger toll zu beschleunigen und den Leser in zwei Minuten zehn, zwanzig, dreißig Jahre durcheilen zu lassen. Auf der einen Seite oben hat man einen hoffnungsvollen Liebenden verlassen, unten auf der nächsten findet man ihn wieder als Achtzigjährigen, der im Hof eines Spitals mühselig seinen täglichen Rundgang zustande bringt und kaum auf die an ihn gerichteten Worte erwidert, da die Vergangenheit ihm entfallen ist. Als mein Vater von mir sagte: »Er ist kein Kind mehr, sein Geschmack wird sich nicht mehr ändern«, hatte er bewirkt, daß ich mir nun selbst plötzlich in die Zeit eingetan erschien, und das machte mich so traurig, als wäre ich, wenn auch noch nicht der schwachsinnige Spittelgreis, so doch einer der Romanhelden, von denen der Verfasser am Ende des Buches in gleichgültigem und daher um so quälenderem Ton sagt: ›Seltener und seltener verläßt er nun das Land. Er hat sich für immer dort niedergelassen, etc.‹ Um der Kritik zuvorzukommen, die wir an unserm Gast hätten üben können, sagte mein Vater zu Mama: »Ich muß gestehen, daß der alte Norpois ein bißchen ›altfränkisch‹ war, wie du es nennst. Als er sagte, es wäre ›wenig schicklich‹ gewesen, dem Grafen von Paris eine Frage zu stellen, habe ich gefürchtet, du würdest lachen müssen.«

»Aber durchaus nicht,« erwiderte die Mutter, »ich mag es gern, wenn ein Mann von seiner Bedeutung und seinem Alter diese Art Unbefangenheit bewahrt hat, die einen Fond von Loyalität und guter Erziehung beweist.«

»Das will ich meinen! Übrigens hindert ihn das nicht, fein und geistvoll zu sein, das kann ich beurteilen, der ich ihn in der Kommission ganz anders sehe als er sich hier gibt«, rief mein Vater, froh, daß Mama Herrn von Norpois würdigte, und um sie womöglich zu überzeugen, daß er noch besser sei, als sie glaube. Warmherzigkeit überschätzt mit ebenso großem Vergnügen, wie Spottsucht herabsetzt. »Wie hat er doch gesagt ... ›man weiß nie bei Fürsten‹ ...«

»Ja, genau so. Es ist mir nicht entgangen, es war sehr fein. Man sieht, er hat große Lebenserfahrung.«

»Erstaunlich, daß er bei den Swann diniert und dort ganz ordentliche Leute getroffen hat, Beamte. Wo mag Frau Swann die nur alle aufgetrieben haben?« »Ist dir aufgefallen, wie fein und boshaft er bemerkte: ›Es ist ein Haus, in dem vorwiegend Männer verkehren!‹«

Und beide versuchten nachzuahmen, wie Herr von Norpois diesen Satz vorgebracht hatte, wie sie es etwa mit dem Tonfall von Bressant oder Thiron in L'Aventurière oder in Le Gendre de Monsieur Poirier versucht hätten. Aber von allen Worten des Botschafters wurde am meisten eines ausgekostet, und zwar von Françoise, die noch Jahre später nicht ernst bleiben konnte, wenn man sie daran erinnerte, daß er sie als ›Küchenchef ersten Ranges‹ bezeichnet hatte. Dieses Lob übermittelte ihr meine Mutter wie ein Kriegsminister die Glückwünsche eines Fürsten, der auf der Durchreise die Parade abnimmt. Ich war übrigens schon vor der Mutter in der Küche. Denn ich hatte mir von Françoise, die ebenso pazifistisch wie grausam war, versprechen lassen, sie werde das Kaninchen, das sie töten mußte, nicht zu sehr quälen, und hatte noch nichts über seinen Tod gehört. Françoise versicherte mir, es sei dabei äußerst gelinde und schnell zugegangen. »So ein Tier hab ich noch nie gesehen, das stirbt, ohne einen Ton zu sagen, man hätte glauben können, es sei stumm.« Wenig unterrichtet über die Sprache der Tiere, brachte ich vor, Kaninchen schrien vielleicht nicht wie Hühner. Françoise war entrüstet über meine Unwissenheit: »Sie sollten mal dabei sein. Kaninchen sollen nicht so schreien wie Hühner? Viel stärker schreien sie.« Herrn von Norpois' Komplimente nahm Françoise mit dem schlichten Stolz und dem erfreuten, für den Augenblick geradezu geistvollen Blick des Künstlers auf, dem man von seiner Kunst spricht. Ehedem hatte meine Mutter sie in einige große Restaurants geschickt, um zu sehen, wie dort gekocht wurde. An jenem Abend tat sie die berühmtesten als Sudelküchen ab, und das machte mir dasselbe Vergnügen wie früher, als einmal in meiner Gegenwart von Schauspielern gesagt wurde, die Rangordnung ihres Rufes entspräche nicht der ihrer Verdienste. »Der Botschafter«, sagte meine Mutter zu Françoise, »versichert, daß man nirgends solchen kalten Rinderbraten und solche Soufflés bekomme wie Ihre.« Dem stimmte Françoise mit der Bescheidenheit bei, die der Wahrheit die Ehre gibt, ohne sich übrigens von dem Titel Botschafter imponieren zu lassen. Sie war ihm gewogen, weil er sie für einen ›Chef‹ gehalten hatte, und sagte von ihm: »Es ist ein guter alter Kerl von meinem Schlag.« Sie hatte versucht, seiner ansichtig zu werden, als er ankam; aber sie wußte, Mama konnte das Lauern hinter Türen und Fenstern nicht leiden, und fürchtete, die andern Bedienten oder die Portierleute könnten erzählen, daß sie gespäht habe (Françoise sah nämlich überall nur Eifersüchte und Klatsch, die in ihrer Phantasie unausgesetzt die verhängnisvolle Rolle spielten wie bei manchen andern die Intrigen der Jesuiten oder der Juden). So hatte sie sich damit begnügt, durchs kleine Küchenfenster zu sehen, »um keine Geschichten mit der Gnädigen zu kriegen«, und beim flüchtigen Anblick Herrn von Norpois für Herrn Legrand gehalten wegen seiner ›Elastik‹, obwohl die beiden sonst nichts gemein hatten. »Aber wie erklären Sie es, daß niemand ein so gutes Gelee macht wie Sie (wenn Sie es wollen)?« fragte meine Mutter. »Ich weiß nicht, wo das von herkommt,« antwortete Françoise, und das war, bis zu einem gewissen Grade, aufrichtig. Sie war ebensowenig imstande – oder aufgelegt –, das Geheimnis, das die Überlegenheit ihrer Gelees oder Cremes umgab, zu enthüllen wie eine elegante Dame das ihrer Kleidung, eine große Sängerin das ihres Gesanges. Deren Auslegungen sagen nicht viel; und ebenso war es mit den Rezepten unserer Köchin. »Sie kochen zu sehr was hast du, was kannst du«, behauptete sie von den großen Restaurants, »und dann nicht alles zusammen. Was das Rind ist, muß wie ein Schwamm werden, dann trinkt es die ganze Brühe auf. Da war allerdings eins von den Cafés, wo man, scheints, doch ein bißchen vom Kochen verstand. Ich will nicht sagen, daß es ganz und gar mein Gelee war, was sie da machten, aber es war sachte angefaßt und die Soufflés bekamen Creme ab.« »War das Henry?« fragte mein Vater, der hinzugekommen war. Er schätzte das Restaurant an der Place Gaillon sehr, wo er regelmäßig an diplomatischen Diners teilnahm. »O nein«, sagte Françoise sanftmütig (aber viel Verachtung steckte darin), »ich spreche von einem kleinen Restaurant. Bei dem Henry ist es gewiß recht gut, aber das ist kein Restaurant, das ist eher ein ›Mittagstisch‹!« – »Wéber?« – »Ach nein, gnädiger Herr, ich spreche doch von einem guten Restaurant. Wéber, das ist doch das in der Rue Royale, das ist kein Restaurant, das ist ein Bräu. Ich weiß nicht, ob das, was sie Ihnen da geben, wirklich serviert wird. Ich glaube, sie haben nicht einmal Tischtücher, sie setzen die Sachen einfach mir nichts dir nichts auf den Tisch.« – »Cirro?« – Françoise lächelte: »Oh, ich glaube, was es da für den Appetit gibt, das sind vor allem Damen der Welt.« (Welt bedeutete für Françoise Halbwelt.) »Gott ja, die Jugend braucht das.« Wir sahen, Françoise mit ihrer sanften Miene war für die berühmten Köche eine ebenso schreckliche ›Kollegin‹, wie nur die neidischste und eingebildetste Schauspielerin es sein kann. Jedoch begriffen wir bald, daß sie für ihre Kunst echtes Gefühl und Respekt vor der Tradition hatte, denn sie fügte hinzu: »Nein, ich spreche von einem Restaurant, wo es ganz nach sehr guter, kleiner, bürgerlicher Küche aussieht. Das ist immer noch ein recht achtbares Haus. Da wird viel gearbeitet. Da hat man Sous einkassiert.« (Françoise rechnete sparsam nach Sous, nicht nach Louisdor wie die Bankerotteure.) »Gnädige Frau wissen wohl, da unten auf den großen Boulevards rechts, ein bißchen zurück.« – Das Restaurant, von dem sie dies mit Billigung, die aus Stolz und Wohlwollen gemischt war, aussprach, war ... das Café Anglais.

Der erste Januar kam, und ich machte zunächst Familienbesuche mit Mama, die sie, um mich nicht zu ermüden (nach einem Plan, den mein Vater angegeben hatte), mehr nach Stadtteilen als nach dem genauen Grade der Verwandtschaft einteilte, Kaum waren wir aber in den Salon einer ziemlich entfernten Kusine eingetreten, die nur, weil ihre Wohnung dies von unserer gerade nicht war, zuerst drankam, da widerfuhr meiner Mutter der Schrecken, daß vor ihr, seine kandierten Maronen in der Hand, der beste Freund des empfindlichsten meiner Onkel stand, dem er sicher ausplaudern würde, daß wir unsere Tournée nicht bei ihm angefangen hätten. Sicher würde der Onkel beleidigt sein; er hätte es nur natürlich gefunden, daß wir von der Madeleine erst zum Jardin des Plantes kämen, wo er wohnte, statt auf dem Wege nach der rue de l'École de Médecine bei Saint-Augustin haltzumachen.

Als die Besuche erledigt waren (meine Großmutter erließ uns den bei ihr, da wir an diesem Tage ja zum Essen zu ihr kamen), lief ich bis in die Champs-Élysées zu unserer Verkäuferin und brachte ihr zur Übergabe an die Person, die mehrmals in der Woche von den Swann kam, um Honigkuchen zu holen, den Brief, den ich, seit mir meine Freundin so viel Kummer gemacht, ihr zu Neujahr zu senden beschlossen hatte; darin erklärte ich ihr, unsere alte Freundschaft verschwinde mit dem alten Jahr, Gram und Enttäuschung vergäße ich, und vom ersten Januar ab wollten wir eine neue Freundschaft aufbauen, so fest, daß nichts sie zerstören könne, so wunderbar, daß ich hoffe, Gilberte werde einige Koketterie dareinsetzen, sie in all ihrer Schönheit zu erhalten, und mich rechtzeitig warnen, wie auch ich meinerseits dies zu tun verspreche, sobald dieser Freundschaft die kleinste Gefahr drohe. Auf dem Rückwege blieb Françoise an der Ecke der Rue royale in Wind und Wetter vor einer Auslage mit mir stehen, aus der sie für sich selbst als Neujahrsgeschenk Photographien von Pius IX und Raspail auswählte. Ich kaufte für mich eine der Berma. Die vielfältige Bewunderung, die die Künstlerin erregte, gab dem einen einzigen Gesicht, mit dem sie so vielem entsprechen mußte, etwas Ärmliches, es wirkte unabänderlich und schien prekär wie das einzige Kleidungsstück derer, die keins zum Wechseln haben. Sie hatte nichts darzubieten als immer wieder nur die kleine Falte über der Oberlippe, den hohen Schwung der Brauen und noch einige immer gleichbleibende körperliche Besonderheiten, die dem Zufall einer Brandwunde oder eines Stoßes beständig ausgesetzt waren. Dies Antlitz wäre mir an sich nicht schön erschienen, doch gab es mir die Vorstellung und so die Lust, es zu küssen um all der Küsse willen, die es schon geduldet hatte und die es zu fordern schien, hierin seiner Albumphotographie, mit dem zärtlich kokettierenden Blick und dem künstlich unbefangenen Lächeln. Die Berma mußte in der Tat zu sehr vielen jungen Männern jenen Drang empfinden, den sie unter der Deckung ihrer ›Phèdre‹ bekannte, und alles mußte ihr die Stillung dieses Dranges erleichtern, schon der Nimbus ihres Namens, der ihre Schönheit erhöhte und ihre Jugend verlängerte. Es wurde Abend, ich blieb vor einer Anschlagsäule stehen, auf der die Vorstellung, welche die Berma am ersten Januar gab, angezeigt war. Ein sanfter, feuchter Wind wehte. Ich kannte dies Wetter; ich hatte die Empfindung, das Vorgefühl, der Neujahrstag sei nicht verschieden von den anderen Tagen, sei nicht der erste einer neuen Welt, in der ich mit noch unerprobtem Glück noch einmal die Bekanntschaft Gilbertes machen könne, wie um die Zeit der Schöpfung, wie als wenn es noch keine Vergangenheit gäbe, als wären sie alle aufgehoben mitsamt allen für die Zukunft deutbaren Anzeichen, die Enttäuschungen, die Gilberte mir bisweilen bereitet hatte: eine neue Welt, in der nichts von der alten zurückblieb – nichts als das eine: mein Verlangen, von Gilberte geliebt zu werden. Ich begriff: wenn mein Herz rings um sich her die Erneuerung eines Universums ersehnte, von dem es nicht befriedigt war, so lag das daran, daß eben dieses Herz sich nicht geändert hatte, und ich sagte mir, es gäbe keinen Grund, daß sich Gilbertes Herz mehr geändert haben sollte; ich fühlte, diese neue Freundschaft war nicht neu. Es trennt ja auch kein Graben von den alten die neuen Jahre, denen unser Verlangen, ohne sie ereilen oder abändern zu können, eigenmächtig einen unterscheidenden Namen aufzwingt. Umsonst, daß ich dies Jahr Gilberte weihte, und, wie man über die blinden Naturgesetze eine Religion lagert, versuchte, dem Neujahrstag die besondere Vorstellung, die ich von ihm mir gemacht hatte, aufzuprägen, umsonst! Er wußte nicht, daß man ihn Neujahrstag nannte, das fühlte ich; er endete in der Dämmerung auf eine Art, die mir nicht neu war; im sanften Wind, der um die Anschlagsäule wehte, war meinem Erinnern und Fühlen die ewige, gemeinsame Materie, die vertraute Feuchtigkeit, das unbewußte Hinfließen der früheren Tage wiedererschienen.

Ich kam ins Haus zurück. Ich hatte den erstem Januar der alten Menschen erlebt, für die dieser Tag anders ist als für die jungen, nicht weil sie keine Neujahrsgeschenke mehr bekommen, sondern weil sie nicht mehr ans neue Jahr glauben. Neujahrsgeschenke hatte ich wohl bekommen, aber gerade das einzige nicht, das mir Freude bereitet hätte: ein Wort von Gilberte. Und doch war ich noch jung; ich hatte ihr in der Hoffnung geschrieben, wenn ich ihr meine einsamen Träume sage, gleiche in ihr zu erwecken. Die Traurigkeit der altgewordenen Menschen aber besteht gerade darin, daß sie nicht einmal daran denken, solche Briefe zu schreiben, da sie ja ihre Wirkungslosigkeit erfahren haben.

Als ich zu Bett lag, hielten mich die Geräusche der Straße, die an diesem Festabend länger dauerten als gewöhnlich, wach. Ich dachte an alle die Leute, die ihre Nacht mit Genüssen beendeten, an den Liebhaber oder gar den Trupp von Lüstlingen, welche die Berma nach der Vorstellung, die ich für den Abend angekündigt gesehen hatte, abholen mochten. Ich konnte mir, um die Erregung zu beschwichtigen, die dieses Bild in schlafloser Nacht in mir wachrief, nicht einmal sagen, daß die Berma vielleicht gar nicht an Liebe denke, da doch die Verse, die sie deklamierte und lange studiert hatte, jeden Augenblick sie daran erinnerten, daß Liebe etwas Köstliches ist; und das wußte sie nur zu gut, denn sie offenbarte die wohlbekannten Verwirrungen dieser Leidenschaft, begabte sie mit neuer Heftigkeit und ungeahnter Süße vor Zuschauern, die von Erstaunen hingerissen waren über das, was doch jeder von ihnen selbst schon empfunden hatte. Ich zündete meine gelöschte Kerze wieder an, um noch einmal das Gesicht der Berma zu betrachten. Bei dem Gedanken, daß es gewiß gerade jetzt berührt wurde von Männern, die ich nicht hindern konnte, übermenschliche, undurchschaubare Freuden ihr zu geben und von ihr zu empfangen, empfand ich einen Schauer, der mehr qualvoll als wollüstig war, ein Heimweh, das noch bedrückender wurde durch den Klang eines Waldhorns, wie man ihn in der Nacht von Mittfasten und auch an anderen Festen hören kann, wenn er ohne Schönheit aus einer Schenke kommt und darum noch trauriger ist als ›Abends aus des Waldes Grunde‹. In diesem Augenblick wäre ein Wort von Gilberte vielleicht nicht das gewesen, was ich brauchte. Die Wege unserer Begierden durchkreuzen einander, und in der Verworrenheit des Daseins läßt sich selten ein Glück genau auf die Begierde nieder, die nach ihm gerufen hat.

Ich fuhr fort, an schönen Tagen in die Champs-Élysées zu gehen durch Straßen, deren elegante rosa Häuser (damals waren gerade die Ausstellungen von Aquarellmalern Mode) in bewegter leichter Luft badeten. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß mir in dieser Zeit die von Gabriel erbauten Palais schöner zu sein oder auch nur einer andern Epoche anzugehören schienen als die benachbarten Gebäude. Stilvoller fand ich, wenn nicht das Palais de l'Industrie, so doch den Trocadéro, und ich hätte ihn auch für altertümlicher gehalten. Aber noch hüllte, versunken in unruhigen Schlaf, meine Jünglingszeit das ganze Quartier, durch das sie träumend ging, in ein und denselben Traum, und nie wäre mir in den Sinn gekommen, daß in der Rue royale es ein Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert geben könne, wie mich auch sehr verwundert hätte zu erfahren, daß die Porte Saint-Martin und die Porte Saint-Denis, diese Meisterwerke aus der Zeit Ludwigs XIV., nicht Zeitgenossen der neuesten Baulichkeiten ihrer schmutzigen Bezirke seien. Ein einziges Mal hielt mich der Anblick des einen der Palais von Gabriel lange fest: die Nacht war hereingebrochen, und der Mondschein hatte die Säulen entkörpert, sie sahen wie aus Pappe geschnitten aus, erinnerten mich an Kulissen der Operette Orpheus in der Unterwelt und machten mir zum erstenmal den Eindruck des Schönen.

Noch immer kam Gilberte nicht wieder in die Champs-Élysées. Und es tat mir doch so not, sie zu sehen, denn ich konnte mir nicht einmal ihr Gesicht ins Gedächtnis zurückrufen. Die suchende, die ängstliche und anspruchsvolle Spannung, mit der wir die Person, die wir lieben, betrachten, unser Warten auf ein Wort, das uns die Hoffnung auf ein Stelldichein für morgen gibt oder nimmt, Freude und Verzweiflung, die uns abwechselnd oder gleichzeitig erfüllen, bis dies Wort gesprochen ist, all das macht unsere Aufmerksamkeit angesichts des geliebten Wesens zu sehr zittern, als daß unsere Phantasie ein deutliches Bild von ihm aufnehmen könnte. Vielleicht macht uns auch, wenn wir mit Blicken allein zu erfassen versuchen, was Blicke nicht fassen können, das Mitschwingen aller Sinne zu empfänglich für tausenderlei Formen, Reize und Bewegungen der lebenden Erscheinung, die wir gewöhnlich, wenn wir nicht verliebt sind, als etwas Unbewegtes gewahren. Das geliebte Modell hingegen bewegt sich; man bekommt von ihm nur mißglückte Photographien. Ich wußte wahrhaftig nicht mehr, wie die Züge Gilbertes beschaffen waren, außer in den himmlischen Augenblicken, in denen sie sie für mich entfaltete; nur an ihr Lächeln konnte ich mich erinnern. Während ich nun das geliebte Gesicht nicht wiederfand, soviel Mühe ich mir auch gab, es mir zu vergegenwärtigen, verdroß es mich, andre überflüssige Gesichter auffallend ähnlich und mit deutlichster Genauigkeit in mein Gedächtnis eingezeichnet zu finden, das des Mannes am Karussell und das der Bonbonverkäuferin; so bringt es Menschen, die ein geliebtes Wesen verloren haben und nie im Traume wiedersehen, zur Verzweiflung, daß sie in ihren Träumen beständig lauter unerträglichen Leuten begegnen, deren Bekanntschaft sie schon in wachem Zustande satt haben. In ihrer Unfähigkeit, sich den Gegenstand ihres Schmerzes vorzustellen, klagen sie sich fast an, keinen Schmerz zu empfinden. So war ich nahe daran, da ich mich an Gilbertes Züge nicht erinnern konnte, zu glauben, daß ich sie vergessen hätte und nicht mehr liebe. Endlich kam sie wieder, beinah täglich, zum Spielen und gab meinem Begehren und meinen Bitten für den nächsten Tag neuen Inhalt. Täglich machte sie so aus meinem Lieben eine neue Liebe. Da geschah etwas, das wieder einmal jäh die Art veränderte, in der alle Nachmittage gegen zwei Uhr das Problem meiner Liebe gestellt wurde. Hatte Herr Swann den Brief, den ich seiner Tochter geschrieben, abgefangen oder gestand Gilberte mir nur nachträglich, damit ich künftig vorsichtiger sei, einen alten Tatbestand? Als ich ihr sagte, wie sehr ich ihre Eltern bewundere, setzte sie die unbestimmte Miene voll heimlichen Trotzes auf, die sie anzunehmen pflegte, wenn man ihr von ihren Obliegenheiten sprach, ihren Besorgungen und Besuchen, und schließlich fuhr es ihr heraus: »Wissen Sie, die haben Sie gefressen!« und dann brach die entgleitende, glatte Undine in ein munteres Lachen aus. Oft stand ihr Lachen gar nicht in Einklang mit ihren Worten und schien, wie es die Musik tut, in einer andern Ebene eine unsichtbare Linie zu ziehen. Ihre Eltern verlangten nicht, daß sie aufhören solle, mit mir zu spielen, aber es wäre ihnen ebenso lieb gewesen, dachte sie, wenn es nie dazu gekommen wäre. Sie sahen meine Beziehungen zu ihr nicht mit wohlwollenden Blicken, trauten mir keine große Sittenreinheit zu und bildeten sich ein, ich könnte auf ihre Tochter nur schlechten Einfluß haben. Die ziemlich skrupellosen jungen Leute, denen Swann mich offenbar ähnlich fand, stellte ich mir als Menschen vor, welche die Eltern des von ihnen geliebten jungen Mädchens verabscheuen, ihnen schmeicheln, wenn sie zugegen sind, sich aber zusammen mit der Tochter über sie lustig machen, das Kind antreiben, ihnen ungehorsam zu sein, und, sobald sie es erobert haben, den Eltern entführen. Dieser Auffassung, – die auch der elendeste Schurke sich selbst nicht zutraut –, stellte mein Herz seine lebhaften Gefühle für Swann entgegen, und es stand für mich außer Zweifel, Swann werde sein ungerechtes Urteil wie einen Justizirrtum bereuen, wenn er die leidenschaftliche Aufrichtigkeit dieser Gefühle kenne. Ich hatte den Mut, ihm alles, was ich für ihn empfand, in einem langen Brief auszusprechen, den ich Gilberte anvertraute mit der Bitte, ihn ihrem Vater zu übermitteln. Dazu war sie bereit. Ach! Er sah gewiß in mir einen noch viel schlimmeren Betrüger, als ich gedacht hatte: die Gefühle, die ich auf sechzehn Seiten wahrheitsgetreu ihm auszumalen meinte, die also bezweifelte er! Mein Brief, ebenso leidenschaftlich und aufrichtig wie meine Worte zu Herrn von Norpois hatte nicht mehr Erfolg als diese. Am nächsten Tage – sie nahm mich hinter ein Lorbeergebüsch, und wir setzten uns in einer kleinen Allee jedes auf seinen Stuhl – erzählte mir Gilberte, bei der Lektüre des Briefes, den sie mir wiederbringe, habe ihr Vater die Schultern gezuckt und gesagt: »Das will alles gar nichts besagen, das beweist nur, wie recht ich habe.« Ich, der ich mir der Reinheit meiner Absichten, meiner inneren Güte bewußt war, ich war entrüstet, daß meine Worte an Swanns absurdem Irrtum machtlos abprallten. Denn ein Irrtum war es, das stand damals für mich fest. Ich hatte mit solcher Genauigkeit gewisse unbestreitbare Merkmale meiner edelmütigen Gefühle beschrieben: wenn Swann sich diese danach nicht unmittelbar rekonstruieren konnte, wenn er nicht kam, mich um Verzeihung zu bitten und zu bekennen, daß er sich getäuscht habe, so hatte er eben selber solche edlen Gefühle nie gekannt und war daher unfähig, bei andern sie zu verstehen.

Nun wußte Swann vielleicht ganz einfach, daß Edelmut oft nur der innere Aspekt ist, den unsere selbstsüchtigen Gefühle annehmen, wenn wir sie noch nicht benannt und eingeordnet haben. Vielleicht hatte er in der ihm dargebrachten Sympathie eine einfache Folgeerscheinung – und pathetische Bestätigung – meiner Liebe zu Gilberte erkannt und durchschaute, daß diese Liebe – und nicht die sekundäre Verehrung für ihn – mein weiteres Tun und Treiben verhängnisvoll bestimmen würde. Zu solcher Voraussicht war ich nicht fähig, es war mir noch nicht gelungen, in meiner Liebe von mir selbst zu abstrahieren, in die Gesamtheit der andern sie einzuordnen und, durch Erfahrung belehrt, ihre Konsequenzen auf mich zu nehmen; ich war verzweifelt.

Auf einen Augenblick mußte ich Gilberte verlassen, Françoise hatte nach mir gerufen. Ich sollte sie in einen kleinen, grün vergitterten Pavillon begleiten, der den nicht mehr benutzten städtischen Akzisehäuschen des alten Paris ähnelte und in dem seit kurzem eingerichtet war, was man in England ein Lavabo, in Frankreich in schlecht beratener Anglomanie Waterclosets nennt. Aus den feuchten alten Mauern des Eingangs, in dem ich stehen blieb, um Françoise zu erwarten, stieg frisch Geruch von eingeschlossener Luft, der bald die Sorgen linderte, die Swanns mir von Gilberte hinterbrachten Worte erweckt hatten, und mit einer Lust mich durchdrang, nicht von der Art der andern Lustgefühle, die uns unstet und außerstande lassen, sie festzuhalten, zu besitzen, nein, einer Lust, die Bestand hatte, auf die ich mich stützen konnte, die köstlich und friedlich, gesättigt mit nie alternder Wahrheit, unerklärt war und zuverlässig. Gern hätte ich, wie einst auf meinen Spaziergängen in der Gegend von Guermantes, versucht, den Zauber des Eindrucks, der mich ergriffen, zu durchdringen, mich still zu halten, um den ältlichen Dunst zu befragen; der bot mir ja nicht einen Genuß an, den er mir nur als Zuwage gab, er lockte mich, hinabzusteigen in die Wirklichkeit, die er mir nicht enthüllt hatte. Da redete mich die Pächterin des Etablissements an, eine alte Dame mit gipsig geschminkten Backen und roter Perücke. Françoise meinte, sie sei »schon sehr von woher«. Ihre Tochter hatte geheiratet, was Françoise einen jungen Mann von Familie nannte, womit sie ihn triftiger von einem Arbeiter unterschied als Saint-Simon einen Herzog von einem Menschen, der »aus der Hefe des Volkes hervorging«. Ohne Zweifel hatte die Pächterin, ehe sie das geworden war, Schicksalsschläge erfahren. Françoise versicherte, daß sie Marquise sei und der Familie von Saint-Ferréol angehöre. Die Marquise riet mir, nicht im Freien zu bleiben, sie öffnete mir sogar ein Kabinett und sagte: »Wollen Sie nicht eintreten? Hier ist ein ganz sauberes, für Sie kostet es nichts.« Das war vielleicht nur so gemeint wie von den Verkäuferinnen bei Gouache, die, wenn wir eine Bestellung machten, einen von den Bonbons mir anboten, die sie unter Glasglocken vor sich auf dem Ladentisch hatten (ach, Mama verbot mir, ihn anzunehmen), vielleicht auch weniger unschuldig als es die alte Blumenhändlerin meinte, von der Mama sich ihre »Jardinieren« füllen ließ, und die mir eine Rose gab und dabei süße Augen machte. Wie dem auch sei, wenn die »Marquise« Geschmack an jungen Burschen hatte, denen sie die Unterweltspforte zu den steinernen Würfeln öffnete, auf denen die Menschen hocken wie Sphinxe, so mochte sie in ihrer Freigebigkeit weniger auf die Möglichkeit aus sein, sie zu verderben, als auf die Freude, sich gegen ein geliebtes Wesen unbelohnt verschwenderisch zu zeigen; denn nie habe ich bei ihr einen andern Besuch gesehen als einen alten Gartenaufseher.

Bald verabschiedete ich mich von der Marquise, ging mit Françoise fort und verließ sie dann, um zu Gilberte zurückzukehren. Gleich entdeckte ich sie: sie saß auf einem Stuhl hinter dem Lorbeergebüsch. Sie wollte nämlich nicht von ihren Freundinnen gesehen sein: man spielte Verstecken. Ich setzte mich neben sie. Sie trug eine flache Toque, die ziemlich tief über die Augen ging und ihnen jenen träumerisch listigen Blick von unten gab, der mir zum erstenmal in Combray an ihr aufgefallen war. Ich fragte sie, ob sie die Möglichkeit zu einer Aussprache mit ihrem Vater sehe. Gilberte sagte, sie habe ihm das vorgeschlagen, aber er halte es für unnütz. »Da, nehmen Sie mir den Brief wieder ab,« fügte sie hinzu, »ich muß zu den andern, sie haben mich nicht gefunden.«

Wäre Swann hinzugekommen, bevor ich ihn nahm – diesen Brief, von dessen Aufrichtigkeit sich nicht überzeugen lassen zu wollen ich so sinnlos von ihm fand – er hätte vielleicht gesehen, daß er doch recht hatte. Denn als ich mich jetzt Gilberte näherte und sie, im Stuhl zurückgelehnt, mich den Brief nehmen hieß, ohne ihn mir hinzuhalten, fühlte ich mich so von ihrem Körper angezogen, daß ich sagte:

»Versuchen Sie doch, daß ich ihn nicht kriege; wir wollen sehen, wer von uns der Stärkere ist.«

Sie tat ihn hinter sich, ich kam mit den Händen um ihren Hals und schob dabei die Zöpfe hoch, die ihr über die Schultern hingen (vielleicht paßte das noch zu ihrem Alter, oder aber ihre Mutter wollte sie noch länger Kind haben, um sich selbst zu verjüngen), und so rangen wir, eins übers andere gebeugt. Ich suchte, sie an mich zu ziehen, sie widerstand; ihre Backen waren vor Anstrengung heiß, rot und wie Kirschen gerundet; sie lachte, als hätte ich sie gekitzelt; ich hielt sie zwischen meinen Beinen wie ein Bäumchen, das man erklettern will; und mitten in meiner Gymnastik, fast ohne daß dadurch die Atemlosigkeit zunahm, in die Muskelanspannung und Eifer des Spiels mich brachten, goß ich wie Schweiß in der Anstrengung meine Lust aus und konnte nicht einmal lange genug darin verweilen, um ihren Reiz kennen zu lernen. Ich faßte den Brief. Da sagte Gilberte ganz sanft:

»Wissen Sie, wenn Sie wollen, können wir noch einmal ringen.«

Vielleicht hatte sie dunkel gefühlt, mein Spiel ziele auf anderes, als wozu ich mich bekannte, nicht aber bemerkt, daß mein Ziel schon erreicht war. Und in der Furcht, sie habe es dennoch gemerkt (ein Zurückzucken, eine verhaltene Bewegung verletzter Scham, die sie gleich danach hatte, brachte mich auf den Gedanken, daß diese Furcht nicht fehlging), ließ ich mich darauf ein, weiterzuringen; sie sollte nicht merken, was ich im Sinn gehabt und erreicht hatte, und daß danach mein einziges Verlangen war, ruhig bei ihr zu bleiben.

Auf dem Heimweg nahm ich als plötzlich aufsteigende Erinnerung ein bislang verborgen gebliebenes Bild wahr, dem mich schon der frische Geruch des vergitterten Pavillons – fast wie Ruß roch es – nahe gebracht hatte, doch noch ohne daß ich es sah oder wiedererkannte. Es war das Bild des kleinen Zimmers meines Onkels Adolphe in Combray; das strömte denselben feuchten Duft aus, aber ich konnte nicht begreifen und verschob auf später, zu forschen, warum die Wiederkehr eines so unwesentlichen Bildes solch eine Glückseligkeit mir gegeben hatte. Einstweilen meinte ich wirklich, die Verachtung des Herrn von Norpois zu verdienen; bisher hatte ich von allen Schriftstellern den am liebsten gehabt, von dem er sagte: »Das ist nur ein Flötenspieler«, und innerstes Entzücken war mir nicht durch eine große Idee, sondern durch einen Modergeruch mitgeteilt worden.

Seit einiger Zeit wurde in manchen Familien das Wort »Champs-Élysées«, wenn ein Besucher es aussprach, von den Müttern mit der mißgünstigen Miene beantwortet, die man für einen Arzt von Ruf in Bereitschaft hält, der angeblich in seinen Diagnosen zu oft geirrt hat, um noch Vertrauen zu verdienen; man versicherte, dieser Park bekäme den Kindern nicht gut, mehr als ein Fall von Halsweh oder Masern und zahlreiche Fieberanfälle ließen sich aufzählen, an denen er schuld sei. Ohne an der zärtlichen Fürsorge meiner Mutter, die mich immer noch hinschickte, offen zu zweifeln, beklagten Freundinnen von ihr, wie unbelehrbar sie sei.

Nervenleidende sind vielleicht der landläufigen Meinung zum Trotze diejenigen, die am wenigsten »auf sich achtgeben«; sie nehmen vieles an sich wahr, was sie unnötig aufregt, wie sie nachträglich feststellen, und beachten dann schließlich kein Symptom mehr. Allzu oft hat ihr Nervensystem Alarm geschlagen, wie bei einer schweren Krankheit, wenn einfach nur ein Schneefall drohte oder ein Umzug bevorstand, und so gewöhnen sie sich schließlich daran, nicht mehr auf solche Warnungen zu achten als ein Soldat, der sie im Eifer des Kampfes kaum wahrnimmt und sterbenskrank doch noch auf einige Tage das Leben eines kerngesunden Menschen weiterführen will. Eines Morgens regten sich in mir die gewohnten Beschwerden alle auf einmal, von deren beständiger Zirkulation in meinem Innern mein Bewußtsein sich immer wegwandte wie etwa von der Zirkulation des Blutes. In diesem Zustand lief ich munter ins Eßzimmer, wo meine Eltern schon bei Tische saßen; ich sagte mir wie gewöhnlich, Frieren bedeute nicht, daß man sich wärmen müsse, sondern zum Beispiel, daß man gescholten worden sei, und keinen Hunger haben, daß es regnen werde, und nicht, man dürfe nicht essen; ich setzte mich zu Tisch: da hielt mich, als ich gerade den ersten Bissen eines verlockenden Koteletts hinunterschlucken wollte, Übelkeit und ein Schwindel zurück, der fieberige Protest einer beginnenden Krankheit, deren Symptome meine Gleichgültigkeit bisher maskiert hatte. Jetzt verweigerte der Körper eigensinnig die Nahrung, ich konnte nichts hinunterbringen. In derselben Sekunde gab mir, wie der Selbsterhaltungstrieb dem Verwundeten, der Gedanke, man werde mich nicht ausgehen lassen, wenn man merke, daß ich krank sei, die Kraft, mich bis in mein Zimmer zu schleppen und dann, nachdem ich vierzig Grad Fieber dort festgestellt, mich fertig zu machen zum Ausgang in die Champs-Élysées. Und mitten durch die Hülle des entkräfteten, nachgebenden Körpers strebte ein selig lächelnder Gedanke begehrlich der süßen Lust zu, mit Gilberte zusammen Barlauf zu spielen, und dazu hatte ich, der eine Stunde später sich kaum aufrecht hielt, aber glücklich an ihrer Seite war, noch die Kraft.

Zu Hause erklärte Françoise, ich habe mich »unwohl befunden«, müsse mir »einen hitzigen Frost geholt« haben, und der Arzt, den man sofort rief, erklärte, der »scharfe, heftige« Fieberschauer, der meine Atemstockung begleitete, sei ihm »sympathischer« als »verlarvte«, verfänglichere Krankheitsformen, neben denen meine Beschwerden nur ein »Strohfeuer« seien. Seit langem zeigten sich bei mir Erstickungsanfälle; trotz der Mißbilligung meiner Großmutter, die mich schon als Alkoholiker sterben sah, hatte unser Arzt mir geraten, außer dem Kaffein, das mir zur Erleichterung der Atmung verschrieben war, Bier, Champagner oder Kognak zu nehmen, wenn ich eine Krise herannahen fühle. Solche Krisen würden dann in der vom Alkohol hervorgerufenen »Euphorie« aussetzen. Damit die Großmutter erlaubte, daß man mir Alkohol gab, war ich häufig gezwungen, meinen Beklemmungszustand nicht zu verheimlichen, ja, fast ihn zur Schau zu tragen. Übrigens war ich, wenn ich ihn kommen fühlte, in meiner Unsicherheit, welche Proportionen er annehmen werde, immer in Unruhe, die Großmutter könne traurig werden; das fürchtete ich mehr als meine Schmerzen. Zugleich aber zwang mich mein Körper, – zu schwach, das Geheimnis meiner Schmerzen für sich zu behalten, oder aus Furcht, man werde übersehen, was mir drohte, und mich zu einer Anstrengung zwingen, die ihm unmöglich oder gefährlich würde – die Großmutter auf mein Unwohlsein aufmerksam zu machen, und zwar mit einer Genauigkeit, in die ich schließlich eine Art physiologischer Gewissenhaftigkeit setzte. Bemerkte ich in mir ein lästiges Symptom, das ich bisher noch nicht herausgehoben hatte, war mein Körper so lange in Angstbeklemmung, bis ich es der Großmutter mitteilen konnte. Stellte sie sich ganz unaufmerksam, so verlangte er von mir, daß ich nicht nachließ. Bisweilen ging ich zu weit; und auf dem geliebten Gesicht, das seine Erregungen nicht mehr immer so bemeistern konnte wie früher, erschien ein Ausdruck von Mitleid, den Schmerz verzerrte. Dann folterte der Anblick ihrer Qual mein Herz; und als müßten meine Küsse diese Qual austilgen, als könnte meine Zärtlichkeit der Großmutter soviel Freude geben wie mein Glück, warf ich mich in ihre Arme. Und da nun auch meine Skrupel besänftigt waren durch das sichere Gefühl, die Großmutter wisse um meine Beschwerden, hatte auch mein Körper nichts dawider, daß ich sie beruhigte. Ich beteuerte, daß die Beschwerden nicht schlimm, daß ich durchaus nicht zu beklagen und ganz glücklich sei, dessen könne sie sicher sein, mein Körper habe genau so viel Mitleid erhalten wollen als er verdiene, und wenn man nur wisse, daß er auf seiner rechten Seite einen Schmerz empfinde, sei er damit einverstanden, daß ich erkläre, dieser Schmerz sei keine eigentliche Krankheit, kein Glückshindernis; mein Körper bestehe nicht darauf, Philosoph zu sein; das sei nicht sein Ressort. Fast täglich hatte ich während meiner Rekonvaleszenz Erstickungsanfälle. Eines Abends war ich, als die Großmutter mich verließ, ganz wohlauf. Zu später Stunde kam sie noch einmal auf mein Zimmer und bemerkte meine Atemnot. »Ach mein Gott!« rief sie, »wie du leidest!« Sie sah ganz bestürzt aus. Gleich verließ sie mich, ich hörte das Haustor zufallen, und etwas später kam sie mit Kognak wieder, den sie gekauft hatte, weil im Hause keiner war. Bald fing ich an, mich wohlzufühlen. Die Großmutter sah etwas erhitzt und verlegen aus, in ihren Augen lag Ermattung und Entmutigung.

»Ich will dich jetzt lieber allein lassen, du sollst dir die Besserung zunutze machen«, sagte sie und wollte rasch fort. Doch küßte ich sie noch und fühlte dabei auf den frischen Wangen etwas Nasses; ob das die Feuchtigkeit der Nachtluft war, durch die sie gegangen, wußte ich nicht. Am nächsten Tag kam sie erst abends in mein Zimmer, weil sie hatte ausgehen müssen, wie man mir sagte. Ich sah darin ein Zeichen von Gleichgültigkeit und mußte mich zusammennehmen, ihr keinen Vorwurf zu machen.

Da meine Atembeschwerden anhielten, als die Kongestion schon lange vorbei war und sie nicht mehr erklärlich machte, konsultierten meine Eltern Professor Cottard. Ein Arzt, der in derartigen Fällen zugezogen wird, muß nicht nur kenntnisreich sein: angesichts von Symptomen, die auf drei oder vier verschiedene Krankheiten hindeuten, entscheidet schließlich und endlich seine Witterung, sein Scharfblick, mit welcher er es bei annähernd gleichen Anzeichen vermutlich zu tun hat. Diese geheimnisvolle Gabe setzt keine Überlegenheit auf andern geistigen Gebieten voraus, es kann sie ein äußerst gewöhnliches Wesen, das die schlechteste Malerei, die schlechteste Musik liebt und keinerlei Wißbegier hat, in höchstem Maße besitzen. Was in meinem Fall sinnfällig zu beobachten war, konnte ebensogut durch nervöse Spasmen verursacht sein wie durch eine beginnende Tuberkulose, durch Asthma wie durch Engbrüstigkeit infolge von Intoxikation in Verbindung mit Nierenschwäche, durch eine chronische Bronchitis oder einen Komplex, der mehrere dieser Faktoren enthielt. Nun wollten die nervösen Spasmen mit Schroffheit, die Tuberkulose mit großer Sorgfalt und einer Mastkur behandelt sein, die für eine gichtige Veranlagung oder das Asthma schlecht gewesen wäre und geradezu gefährlich werden konnte im Fall einer Engbrüstigkeit Intoxikation, die ein Regime erforderte, das wiederum für einen Tuberkulösen unheilvoll werden konnte. Cottard aber hielt sich nicht lange bei Bedenken auf und gab gebieterische Vorschriften. »Heftige, schnellwirkende Abführmittel, mehrere Tage hindurch Milch, nichts als Milch, kein Fleisch, keinen Alkohol.« – Meine Mutter murrte, ich habe doch eine Kräftigung sehr nötig, sei schon nervös genug, diese Pferdekur und diese Diät würden mich ganz herunterbringen. Cottards Augen, die unruhig wurden, als fürchte er etwa, den Zug zu versäumen, konnte ich ansehen, daß er sich fragte, ob er seiner natürlichen Gutmütigkeit nicht zu sehr nachgegeben habe. Er suchte sich offenbar zu vergewissern, ob er auch daran gedacht habe, seine abweisende Miene aufzusetzen, wie man nach einem Spiegel sucht, um festzustellen, daß man nicht vergessen habe, die Krawatte zu binden. In diesem Zweifel und, um auf alle Fälle Versäumtes auszugleichen, antwortete er grob: »Ich bin nicht gewohnt, meine ärztlichen Vorschriften zu wiederholen. Geben Sie mir eine Feder. Milchkur vor allem! Später, wenn wir die Krisen und die Agrypnie kleingekriegt haben, können Sie von mir aus mal eine Suppe essen und dann durchgeschlagenes Gemüse, aber immer Milch dazu, »au lait«. Das wird Ihnen Spaß machen, denn Spanien ist Mode, ollé, ollé!« (Seine Schüler kannten dieses Wortspiel von ihm, im Krankenhaus machte er es jedesmal, wenn er einen Herz- oder Leberkranken auf Milchkur setzte). »Dann werden Sie Schritt für Schritt zum Familientisch zurückkehren. Aber so oft der Husten und die Atembeschwerden wieder erscheinen, Abführmittel, Ausspülung der Eingeweide, Bett, Milch!« Mit eisiger Miene, ohne zu antworten, hörte er die letzten Einwände meiner Mutter an. Er verließ uns, ohne sich zur Erklärung der Gründe für das vorgeschriebene Regime herabzulassen; meine Eltern fanden es in meinem Fall gar nicht angebracht, unnütz schwächend, und ließen mich keinen Versuch damit machen. Natürlich suchten sie dem Professor ihren Ungehorsam zu verbergen und vermieden zu größerer Sicherheit alle Häuser, in denen sie ihn treffen konnten. Als aber dann mein Zustand sich verschlimmerte, entschloß man sich, mich Cottards Vorschriften buchstäblich befolgen zu lassen. Nach drei Tagen war ich Erstickungsanfälle und Husten los und atmete gut. Da verstanden wir: Cottard hatte, so sehr er mich, wie er später sagte, asthmatisch und vor allem »verdreht« fand, wohl erkannt, daß zur Zeit Intoxikation mein vorherrschendes Leiden sei und daß er durch Filtern meiner Leber und Durchspülen der Nieren meine Bronchien von der Kongestion befreien und Atem, Schlaf und Kräfte mir wiedergeben werde. Und wir begriffen, daß dieser Einfaltspinsel ein großer Kliniker war. Endlich konnte ich aufstehen. Aber man sprach davon, mich nicht mehr in die Champs-Élysées zu schicken. Wegen der schlechten Luft, sagte man; ich konnte mir wohl denken, daß man den Vorwand benutzte, damit ich nicht mehr Fräulein Swann sähe, und ich zwang mich, mir die ganze Zeit den Namen Gilberte vorzusagen, wie gefangene Besiegte sich bemühen, die Muttersprache beizubehalten, um die Heimat, die sie nicht wiedersehen werden, nicht zu vergessen. Bisweilen fuhr mir die Mutter mit der Hand über die Stirn und sagte:

»Die kleinen Jungen erzählen also der Mama nicht mehr ihren Kummer?«

Françoise kam täglich an mich heran und sagte: »Der junge Herr sieht aber aus –! Sie müßten sich einmal selbst ansehen: wie ein Toter!« Allerdings, wenn ich auch nur einen einfachen Schnupfen gehabt hätte, Françoise würde denselben Trauerton angeschlagen haben. Das hing mehr mit ihrem ›Stand‹ als mit meinem Befinden zusammen. Damals konnte ich nicht unterscheiden, ob dieser Pessimismus bei Françoise schmerzlich oder voller Genugtuung sei. Ich kam zu dem vorläufigen Schluß, er sei sozial und professionell bedingt.

Eines Tages, als die Post gekommen war, legte mir meine Mutter einen Brief auf das Bett. Zerstreut öffnete ich ihn, er konnte ja nicht die einzige Unterschrift tragen, die mich glücklich gemacht hätte, die von Gilberte, zu der ich außerhalb der Champs-Élysées keine Beziehungen hatte. Was ich da zu sehen bekam am Ende des Blattes, das mit einem silbernen Siegel gestempelt war, welches einen Ritter im Helm darstellte, unter dem sich im Bogen die Devise: Per viam rectam wand, und unter einem mit großer Handschrift geschriebenen Brief, in dem fast alle Sätze unterstrichen schienen, da der Querstrich der t nicht durch die Buchstaben selbst, sondern über sie gezogen war und so einen Strich unter dem entsprechenden Wort der oberen Linie ergab –, was ich da sah, war tatsächlich die Unterschrift von Gilberte. Aber weil ich sicher war, sie sei in einem an mich gerichteten Brief unmöglich, machte mir dieser Anblick, den kein Glaube begleitete, keine Freude. Nur schlug er für einen Augenblick alles, was mich umgab, mit Unwirklichkeit. Schwindelerregend schnell spielte diese unwahrscheinliche Unterschrift mit meinem Bett, dem Kamin, der Wand ›Verwechselt das Bäumelein.‹ Alles sah ich wie einer, der vom Pferde fällt, wanken, und ich fragte mich, ob es nicht ein Dasein gebe, das ganz verschieden von dem, das ich kannte, in Widerspruch zu ihm sei, dabei aber das wahre, das mir nun einmal gezeigt wurde und mich so zaudern ließ, wie die Bildhauer des Jüngsten Gerichtes es an den Toten gezeigt haben, die auferweckt, an der Schwelle der anderen Welt sich finden. »Mein lieber Freund,« sagte der Brief, »ich höre, daß Sie sehr leidend gewesen sind und nicht mehr in die Champs-Élysées kommen. Ich gehe auch gar nicht mehr hin, weil es enorm viel Kranke gibt. Aber meine Freunde kommen alle Montag und Freitag zu mir zum Tee. Mama beauftragt mich, Ihnen zu sagen, Sie würden uns ein großes Vergnügen machen, wenn Sie auch kämen, sobald Sie hergestellt sind, da könnten wir unsere hübschen Plaudereien aus den Champs-Élysées zu Hause wieder aufnehmen. Leben Sie wohl, mein lieber Freund, ich hoffe, Ihre Eltern werden Ihnen erlauben, recht oft zum Tee zu kommen, ich sende Ihnen meine besten Grüße. Gilberte.«

Während ich die Worte las, nahm mein Nervensystem mit erstaunlicher Schnelligkeit die Nachricht auf, mir widerfahre ein großes Glück. Aber meine Seele, das heißt, ich selbst und somit schließlich der Hauptbeteiligte, wußte noch nichts davon. Das Glück, das Glück durch Gilberte, das war etwas, woran ich beständig gedacht hatte, etwas, das ganz aus Gedanken bestand, wie Lionardo von der Malerei es sagt, eine cosa mentale. Ein Blatt Papier mit Schriftzeichen bedeckt, das eignet das Denken sich nicht sofort an. Aber sobald ich den Brief ausgelesen hatte, dachte ich an ihn, er wurde ein Gegenstand der Träumerei, auch er wurde cosa mentale, und schon liebte ich ihn so sehr, daß ich ihn alle fünf Minuten wiederlesen mußte und küssen. Da erkannte ich mein Glück.

Das Leben ist mit Wundern besät, auf welche Liebende stets hoffen können. Möglicherweise war das, welches mir geschah, künstlich von meiner Mutter hervorgerufen worden, die vielleicht, als sie sah, wie ich seit einiger Zeit allen Lebensmut verlor, Gilberte hatte bitten lassen, mir zu schreiben; so steckte sie ehemals zur Zeit meiner ersten Seebäder, um mir Lust zum Tauchen zu machen, das mir greulich war, weil es mir den Atem raubte, meinem Badewärter heimlich herrliche Muschelkästchen und Korallenäste zu, die ich dann auf dem Grunde selbst zu finden glaubte. Übrigens ist es in allen Ereignissen, die sich im Leben mit seinen einander widersprechenden Situationen auf Liebe beziehen, am besten, man versucht nicht zu verstehen, denn das Unerbittliche, Unverhoffte, das sie an sich haben, scheint mehr von magischen als vernunftgemäßen Gesetzen regiert. Wenn ein Multimillionär, der trotz seines Reichtums als Mensch reizend ist, von einer armen und reizlosen Frau, mit der er lebt, den Abschied bekommt und nun in seiner Verzweiflung alle Mächte des Geldes zu Hilfe ruft und allen Einfluß, den es auf Erden gibt, spielen läßt, ohne daß sie ihn wieder aufnimmt, so tut er besser daran, angesichts des unbezwinglichen Eigensinns seiner Geliebten anzunehmen, das Geschick drücke ihn nieder und wolle ihn an einer Herzkrankheit sterben lassen, als eine logische Erklärung zu suchen. Die Hindernisse, gegen die Liebhaber zu kämpfen haben und die ihre vom Schmerz überreizte Phantasie vergeblich zu erraten versucht, nisten bisweilen in irgendeiner Eigenart der Frau, die sie nicht wieder an sich ziehen können, in ihrer Dummheit, in dem Einfluß, den Leute, die der Liebende nicht kennt, auf sie gewonnen, und der Furcht, die sie ihr beigebracht haben, in der besondern Art Lust, die sie zur Zeit gerade vom Leben verlangt und die weder der Liebhaber selbst noch sein Vermögen ihr bieten können. Jedenfalls steht der Liebende nicht an der richtigen Stelle, um das Wesen der Hindernisse zu erkennen, welche die List der Frau ihm verbirgt und die genau abzuschätzen sein eigenes von Liebe gefälschtes Urteil ihn hemmt. Diese Hindernisse gleichen Geschwulsten, die der Arzt schließlich zum Zurückgehen bringt, ohne dabei ihren Ursprung festzustellen. Sie bleiben geheimnisvoll, sind aber von beschränkter Zeitdauer. Nur währen sie meistens länger als die Liebe. Und da das keine uneigennützige Leidenschaft ist, so sucht der Liebhaber, der nicht mehr liebt, auch nicht herauszubekommen, warum die arme, leichtsinnige Frau, die er liebte, lange Jahre hindurch hartnäckig sich dagegen gesträubt hat, weiter von ihm ausgehalten zu werden.

Dasselbe Geheimnis, das oft den Augen die Ursache der Katastrophen, bei denen es sich um Liebe handelt, entzieht, umgibt ebenso häufig die Plötzlichkeit gewisser glücklicher Lösungen (wie etwa der, die mir Gilbertes Brief brachte). Glückliche Lösungen, oder wenigstens scheinbar glückliche, denn es gibt keine, die es wirklich sind, wenn es sich um ein Gefühl von der Art handelt, bei dem jede Befriedigung im allgemeinen nur die Stätte des Schmerzes ändert. Doch wird bisweilen eine Art Waffenstillstand gewährt, und man hat eine Zeitlang den Wahn, geheilt zu sein.

Was den Brief betrifft, in dessen Unterschrift Françoise durchaus den Namen Gilberte nicht erkennen wollte, weil das krause G, das sich auf ein i ohne Punkt stützte, aussah wie ein A, während die letzte Silbe mittels eines gezackten Schnörkels endlos verlängert war, – wenn man durchaus eine vernünftige Erklärung des Umschwungs suchen will, den er zum Ausdruck brachte und der mich so froh machte, so könnte man vielleicht darauf kommen, ich habe zum Teil ihn einem Vorfall zu verdanken, von dem ich gerade angenommen hatte, er würde mir bei Swanns so schaden, daß sie mich aufgäben. Kurze Zeit vorher war Bloch mich besuchen gekommen, während Professor Cottard, den man, seit ich sein Regime befolgte, wiedergerufen hatte, sich in meinem Zimmer befand. Als die Untersuchung zu Ende war und Cottard als Besuch dablieb (meine Eltern behielten ihn zum Essen), ließ man Bloch eintreten. Im Laufe des Gesprächs erzählte Bloch, er habe von jemandem, mit dem er am Tage vorher gegessen und der selbst mit Frau Swann sehr befreundet sei, gehört, daß Frau Swann mich sehr gern habe. Da wollte ich ihm antworten, er täusche sich sicher, und aus denselben Bedenken, die meine Erklärung gegenüber Herrn von Norpois veranlaßten, und aus Furcht, Frau Swann könne mich für einen Lügner halten, ausdrücklich betonen, ich kenne sie nicht und ich habe nie mit ihr gesprochen. Aber ich hatte nicht den Mut, Blochs Irrtum richtigzustellen, ich merkte ja, er wich mit Absicht von der Wahrheit ab; wenn er etwas erfand, was Frau Swann tatsächlich nicht hatte sagen können, so geschah es, um glauben zu machen (was ihm schmeichelhaft schien und erlogen war), er habe neben einer Freundin dieser Dame diniert. Während also Herr von Norpois auf meine Mitteilung hin, ich kenne Frau Swann nicht und würde sie gern kennen lernen, sich wohl hütete, zu ihr von mir zu sprechen, kam Cottard, der ihr Arzt war, durch Blochs Behauptung, sie kenne mich gut und schätze mich, auf den Gedanken, es würde mir weiter nichts nützen, wenn er ihr sagte, ich sei ein reizender Bursche und eng mit ihm befreundet, für ihn aber sehr schmeichelhaft sein, zwei Gründe, die ihn bestimmten, zu Odette von mir zu sprechen, sobald sich Gelegenheit bot.

So lernte ich die Räume kennen, aus denen bis auf die Treppe das Parfüm drang, dessen sich Frau Swann bediente, und das noch mehr Duft bekam durch den besondern schmerzlichen Reiz, der von Gilbertes Leben ausströmte. Der unerbittliche Portier verwandelte sich in eine wohlwollende Eumenide und nahm die Gewohnheit an, wenn ich ihn fragte, ob ich hinaufgehen dürfe, die Mütze mit gnädiger Hand zu lüften, mir anzuzeigen, daß er mein Gebet erhöre. Früher warfen, von außen gesehen, die hellen Fenster, die zwischen mir und den Schätzen lagen, die mir nicht bestimmt waren, einen fernen, oberflächlichen Blick auf mich, der mir der Blick der Swann selbst schien. Jetzt konnte es, wenn ich in der schönen Jahreszeit einen ganzen Nachmittag mit Gilberte auf ihrem Zimmer verbracht hatte, mir geschehen, daß ich selbst diese Fenster öffnete, um Luft hereinzulassen, und mich sogar neben Gilberte herausbeugte, wenn gerade der Empfangstag ihrer Mutter war, um die Besuche ankommen zu sehen, die dann oft beim Aussteigen aus den Wagen den Kopf hoben und mir mit der Hand guten Tag zuwinkten, da sie mich für irgend einen Neffen des Hauses hielten. In solchen Augenblicken streiften Gilbertes Zöpfe meine Backe. Sie schienen mir in ihrer grashaften Zartheit natürlich und übernatürlich zugleich und das gewaltige Kunstwerk ihres Geflechtes eine besondere Schöpfung, für die man den Rasen des Paradieses verwendet hatte. Für den winzigsten Abschnitt dieser Zöpfe hätte ich ein himmlisches Herbarium als Reliquienschrein gewollt. Hätte ich doch, da ich nicht hoffte, ein wirkliches Stück dieser Zöpfe je zu erhalten, wenigstens ihre Photographie besessen! Sie wäre mir viel köstlicher gewesen als die der Blumenstücke, die Lionardo da Vinci gezeichnet hat. Um eine zu bekommen, ließ ich mich bei Freunden der Swann und sogar bei Photographen auf niedrige Machenschaften ein, die mir nicht zu dem verhalfen, was ich wollte, mich aber für immer mit sehr lästigen Leuten verbanden.

Gilbertes Eltern, die mich so lange verhindert hatten, sie zu sehen –, wenn ich jetzt in das dunkle Vorzimmer trat, wo beständig, beängstigender und ersehnter als einst in Versailles das Erscheinen des Königs, die Möglichkeit, ihnen zu begegnen, in der Luft lag, und wo ich an einen riesigen Kleiderständer – siebenarmig wie der Leuchter der heiligen Schrift – anzurennen pflegte, und mich in Verbeugungen vor einem Lakaien erging, der dort in langem, grauem Rock auf der Holztruhe saß (in der Dunkelheit hielt ich ihn für Frau Swann) –, wenn jetzt Gilbertes Vater oder Mutter gerade im Augenblick meiner Ankunft vorbeikam, sahen sie mich durchaus nicht verdrossen an, sondern drückten mir lächelnd die Hand und sagten:

»Wie geht es Ihnen? Comment allez-vous?« (was sie beide commen allez-vous aussprachen, ohne das t hinüberzuziehen, und man kann sich denken, daß ich mich dann zu Hause unablässig und mit Wollust darin übte, dies t ebenfalls zu unterdrücken.) »Weiß Gilberte, daß Sie da sind? Nun, dann auf Wiedersehen.«

Mehr noch: die Teegesellschaften, zu denen Gilberte ihre Freundinnen einlud und die bisher zwischen ihr und mir scheinbar die unüberwindlichsten Schranken aufgebaut hatten, wurden jetzt zu einer Gelegenheit, uns zu vereinigen, von der sie mich durch ein Billett unterrichtete, weil ich noch ziemlich neu als Bekanntschaft war. Das war jedesmal auf eine andere Art Briefpapier geschrieben. Einmal war es mit einem blauen Pudel geziert, der sich im Profil über einer humoristischen englischen Unterschrift mit einem Ausrufungszeichen erhob, ein anderes Mal war es mit einem Anker gestempelt oder mit den Chiffern G. S., die in übermäßiger Länge die ganze Höhe des Blattes einnahmen, oder der Name »Gilberte« stand schräg in einer Ecke in Goldbuchstaben, die die Unterschrift meiner Freundin nachbildeten und unter einem offenen, schwarz gedruckten Regenschirm in einen Schnörkel endeten, oder er war in ein Monogramm in Form eines chinesischen Hutes eingeschlossen, alle Buchstaben großgeschrieben, man konnte keinen einzigen erkennen. Schließlich, da der Posten Briefpapier, den Gilberte besaß, so erheblich er war, nicht unerschöpflich blieb, bekam ich nach einer Reihe Wochen wieder das zu sehen, auf dem sie mir das erstemal geschrieben, mit der Devise Per viam rectam über dem behelmten Ritterin einer Medaille von braungebeiztem Silber. Und jedes Papier kam eher an diesem als an jenem Tage dran, kraft bestimmter Riten, so meinte ich damals, jetzt glaube ich eher, daß Gilberte sich zu erinnern versuchte, was für Papier sie die früheren Male benutzt hatte, um ihren Korrespondenten, wenigstens denen, für die sie sich Mühe gab, nur in möglichst großen Abständen dasselbe Papier zu schicken. Da ihre Unterrichtsstunden zeitlich verschieden lagen, mußten die Freundinnen, die Gilberte einlud, zum Teil gehen, wenn andere kamen, und so hörte ich schon auf der Treppe ein Stimmengewirr aus dem Vorzimmer, das bei meiner Erregung über die imposante Feierlichkeit, der ich beiwohnen sollte, jählings, schon ehe ich den Vorplatz betrat, alle Bande zerriß, die an ein früheres Leben mich knüpften; ich vergaß sogar, daß ich mein Halstuch, sobald ich ins Warme kam, abnehmen und nach der Uhr sehen sollte, um nicht zu spät nach Hause zu kommen. Die Treppe war übrigens aus Holz, wie man sie damals in gewissen Mietshäusern im Stil Henri II baute (der war lange Odettes Ideal gewesen, aber bald sollte sie ihn sattbekommen), und an der Wand stand die Vorschrift: ›Es ist untersagt, sich zum Abstieg des Fahrstuhls zu bedienen.‹ Etwas Derartiges gab es bei uns nicht. Mir schien diese Treppe etwas so Köstliches, daß ich zu meinen Eltern sagte, es sei eine antike Treppe, die Herr Swann von weither mitgebracht habe. Meine Wahrheitsliebe war so groß, daß ich ihnen diese Mitteilung auch dann ohne Bedenken gemacht haben würde, wenn ich gewußt hätte, sie war falsch; denn nur auf diese Weise konnte ich ihnen ermöglichen, vor der Würde von Swanns Treppe denselben Respekt zu haben wie ich. So möchte man vor einem Unwissenden, der nicht begreifen kann, worin das Genie eines großen Arztes besteht, lieber nicht zugeben, daß er keinen Schnupfen heilen kann. Da ich aber keine Beobachtungsgabe besaß, im allgemeinen weder Namen noch Art der Dinge kannte, die mir vor Augen waren, und nur begriff, wenn sie sich in der Nähe der Swann befanden, mußte es etwas Besonderes um sie sein, so war ich nicht einmal sicher, ob ich mit meinen Angaben über den künstlerischen Wert dieser Treppe, die Gott weiß woher stammte, meine Eltern belog. Sicher war ich dessen nicht, aber es mußte mir doch wohl wahrscheinlich vorkommen, denn ich fühlte, daß ich sehr rot wurde, als mein Vater mich unterbrach: »Ich kenne diese Häuser, eins habe ich angesehen, sie sind alle gleich; Swann bewohnt einfach mehrere Stockwerke; Berlier hat sie gebaut.« Er fügte hinzu, er habe in einem solchen Hause eine Wohnung mieten wollen, aber davon Abstand genommen, weil er sie nicht bequem und den Eingang zu dunkel fand; das sagte er, ich aber fühlte instinktiv, Swanns Ehre und mein Glück forderten von mir das Opfer des Verstandes: wie ein Frommer das Leben Jesu von Renan, verwarf ich auf Grund einer Entscheidung höherer Autorität auf immer den ketzerischen Gedanken, die Wohnung der Swann sei irgend eine Wohnung, wie auch wir sie hätten beziehen können.

An diesen Einladungstagen kam ich also Stufe um Stufe die Treppe hinauf, konnte bald nichts mehr denken und nichts mehr erinnern, war nur noch ein Spielzeug der billigsten Reflexe und gelangte schließlich in die Zone, wo es nach dem Parfüm von Frau Swann roch. Schon glaubte ich den majestätischen Schokoladenkuchen zu sehen, den rings im Kreis Petits fours auf Tellern umgaben und kleine Damastservietten, wie die Etikette sie vorschrieb (ihr graues Muster war eine Spezialität der Swann). Aber das Erscheinen dieser unwandelbaren, geregelten Zusammenstellung schien, wie der Kausalablauf Kants, von einem höchsten Akt der Freiheit abzuhängen. Denn, wenn wir alle in Gilbertes kleinem Salon versammelt waren, sah sie mit einmal auf die Uhr und sagte:

»Wißt ihr, mein Frühstück ist nachgerade etwas lange her, ich diniere erst um acht, ich hätte große Lust, etwas zu essen. Was meint ihr dazu?«

Und sie ließ uns in das Eßzimmer eintreten, in dem es finster war wie im Innern eines von Rembrandt gemalten asiatischen Tempels. Ein architektonischer Kuchen (anheimelnd und gediegen, aber doch imposant sah er aus) thronte dort scheinbar sowieso, als wäre ein ganz gewöhnlicher Tag, für den Fall, daß Gilberte die Laune ankäme, ihn seiner schokoladenen Zinnen zu entkrönen und seine Wälle mit den falben, steilen Abhängen, die im glühenden Ofen gebrannt waren wie die Bastionen vom Palast des Darius, niederzulegen. Wenn sie an die Zerstörung des ninivitischen Backwerks ging, zog Gilberte nicht nur ihren eigenen Hunger zu Rate; sie erkundigte sich auch nach meinem und brach für mich aus dem einstürzenden Monument ein Mauerstück heraus, im orientalischen Geschmack glasiert und ausgelegt mit scharlachroten Früchten. Sie fragte mich sogar, zu welcher Stunde meine Eltern speisten, als ob ich das noch wüßte, als ob der Trubel, der mich beherrschte, das Gefühl von Appetitlosigkeit oder Hunger, den Begriff des Diners oder das Bild der Familie in meinem leeren Gedächtnis, dem paralysierten Magen hätte fortbestehen lassen. Zum Unglück war diese Paralyse nicht von Dauer. Aß ich jetzt von den Kuchen, ohne es gewahr zu werden, der Augenblick mußte kommen, wo sie verdaut sein wollten. Aber noch war er weit. Inzwischen machte Gilberte mir ›meinen Tee‹. Ich trank unendlich viel davon, während doch sonst eine einzige Tasse mir auf vierundzwanzig Stunden den Schlaf raubte. Meine Mutter sagte schon ganz gewohnheitsmäßig: »Zu ärgerlich, so oft das Kind zu den Swann geht, kommt es krank zurück.« Aber wußte ich denn, wenn ich bei den Swann war, daß es Tee war, was ich trank? Und hätte ich es auch gewußt, ich hätte doch getrunken, denn angenommen selbst, mir wäre einen Augenblick der Sinn für das Gegenwärtige wieder zugefallen, Erinnerung an Vergangenheit, Voraussicht auf die Zukunft hätte mir das nicht gegeben. Meine Phantasie war nicht imstande, bis in die entfernten Zeiten zu dringen, in denen mir der Gedanke, mich niederzulegen und das Bedürfnis nach Schlaf kommen könnten.

Gilbertes Freundinnen waren nicht alle in solch willenloses Trunkensein versunken. Einige wiesen den Tee zurück. Dann gebrauchte Gilberte eine Wendung, die damals sehr verbreitet war: »Entschieden habe ich kein Glück mit meinem Tee!« Und um noch mehr jeden Gedanken an Feierlichkeit zu beseitigen, brachte sie die Stühle rings um den Tisch in Unordnung und meinte: »Wir sehen ja aus wie eine Hochzeitsgesellschaft; mein Gott, die Dienstboten sind doch zu dumm.«

Sie knabberte, seitwärts auf einem xförmigen schrägstehenden Stuhl sitzend. Es war, als könne sie soviel Petits fours haben, wie sie wolle, ohne ihre Mutter um Erlaubnis bitten zu müssen, und wenn Frau Swann, deren ›Jour‹ gewöhnlich mit Gilbertes Vespergesellschaften zusammenfiel, gerade einen Besuch hinausbegleitet hatte und dann einen Augenblick eilig eintrat, bald in blauen Samt, bald in eine schwarze Satinrobe mit weißen Spitzen gekleidet, sagte sie mit verwunderter Miene:

»Das sieht gut aus, was ihr da eßt; ich bekomme Hunger, wenn ich euch Cake essen sehe.«

»Wir laden dich ein, Mama«, sagte Gilberte dann.

»Aber nicht doch, mein Schatz, was würde mein Besuch sagen? Ich habe noch Frau Trombert da, Frau Cottard und Frau Bontemps, du weißt, unsere liebe Frau Bontemps macht keine sehr kurzen Besuche, und sie ist eben erst gekommen. Was werden all die guten Leute sagen, wenn sie mich nicht wiederkommen sehen? Wenn niemand mehr erscheint, komme ich her, mit euch zu schwatzen (das macht mir viel mehr Spaß), sobald meine Gäste erst weg sind. Ich glaube, ich habe ein wenig Ruhe verdient, ich habe fünfundvierzig Besuche gehabt, und von den fünfundvierzig haben zweiundvierzig über das Bild von Gérôme gesprochen! Aber kommen Sie doch in diesen Tagen, Ihren Tee bei Gilberte zu nehmen«, wandte sie sich jetzt an mich, »sie wird ihn machen, wie Sie ihn lieben, so wie Sie ihn in Ihrem kleinen ›Studio‹ nehmen.« Und damit war sie schon unterwegs zu ihren Besuchen. Sie hatte zu mir gesprochen, als ob das, was ich in dieser geheimnisvollen Welt suchte, etwas so Selbstverständliches sei wie meine Gewohnheiten (zum Beispiel die, Tee zu nehmen, als ob ich je welchen genommen hätte; und was das ›Studio‹ betraf, war ich mir gar nicht sicher, ob ich eines habe oder nicht). »Wann kommen Sie? Morgen? Man wird Ihnen Toasts machen so gut wie bei Colombin. Nein? Sie sind gräßlich!«

Seit sie einen Salon hatte, nahm sie die Manieren von Frau Verdurin an, ihren schmollend despotischen Ton. Von Toasts wußte ich ebensowenig wie von Colombin; dies letzte Versprechen hatte daher meiner Verlockung nichts hinzuzufügen. Es mag seltsam erscheinen, weil der Ausdruck ganz geläufig ist und jetzt vielleicht sogar in Combray gebraucht wird; ich aber verstand im ersten Augenblick nicht, von wem Frau Swann sprach, als ich sie unsere alte »nurse« loben hörte. Ich konnte nicht englisch. Aber bald begriff ich, daß ›nurse‹ Françoise bezeichnete. In den Champs-Élysées hatte ich solche Angst gehabt, Françoise könne einen peinlichen Eindruck machen, und nun erfuhr ich von Frau Swann, daß alles, was Gilberte von meiner ›nurse‹ erzählte, ihr und dem Gatten Sympathie für mich eingeflößt habe. »Man merkt, sie ist Ihnen ergeben, sie ist ausgezeichnet.« (Alsbald änderte ich meine Meinung über Françoise gänzlich. Eine Erzieherin in Regenmantel und Federhut zu haben, schien mir nun nicht mehr so nötig.) Schließlich entnahm ich ein paar Worten, die Frau Swann sich über Frau Blatin entschlüpfen ließ – sie erkannte ihre wohlwollende Gesinnung an, fürchtete aber ihre Besuche –, daß persönliche Beziehungen zu dieser Dame mir nicht so nützlich hätten werden können, wie ich geglaubt, und bei den Swann mein Ansehen durchaus nicht erhöht hätten.

Hatte ich schon begonnen, zitternd vor Ehrfurcht und Freude, das feenhafte Gebiet zu durchforschen, das mir wider Erwarten seine bisher verschlossenen Zugänge öffnete, so tat ich dies doch nur als Freund Gilbertes. Das Königreich, in dem ich empfangen wurde, lag aber selbst in einem noch geheimnisvolleren, in welchem Swann und seine Frau ihr übernatürliches Leben führten; dahin richteten sie ihre Schritte, nachdem sie mir die Hand gedrückt, wenn sie zu gleicher Zeit mit mir in entgegengesetzter Richtung das Vorzimmer durchquerten. Bald aber drang ich auch ins Herz des Heiligtums vor. Zum Beispiel, wenn Gilberte nicht da war und Herr oder Frau Swann sich im Hause befanden. Sie hatten gefragt, wer geläutet habe, und als sie erfuhren, ich sei es, mich bitten lassen, ein wenig zu ihnen zu kommen; sie wünschten, daß ich in diesem oder jenem Sinne, zu einem oder dem andern Zweck meinen Einfluß auf ihre Tochter ausübe. Da dachte ich an den beredten, ausführlichen Brief, den ich unlängst an Swann geschrieben, auf den er nicht zu antworten geruht hatte; und es erschien mir wunderbar, wie sehr Geist, Urteilskraft und Herz unfähig sind, die geringste Umstimmung zu vollziehen, eine einzige der Schwierigkeiten zu beheben, die dann das Leben, ohne daß man auch nur merkt, wie es das anstellt, so leicht auflöst. Meine neue Stellung als Freund Gilbertes, begabt mit einem ausgezeichneten Einfluß auf sie, ließ mich jetzt Vergünstigungen genießen, als hätte ich in einem Gymnasium, in dem ich immer der erste wäre, einen Königssohn zum Kameraden und verdankte diesem Zufall intimen Zutritt zum Palast und Audienzen im Thronsaal. Mit unendlichem Wohlwollen, als wäre er nicht überhäuft mit glorreichen Beschäftigungen, ließ mich Swann in seine Bibliothek eintreten und dort eine Stunde lang, stammelnd und schweigsam vor Schüchternheit, dann wieder einmal Mut in einem Anlauf fassend, auf Wendungen antworten, von denen ich in meiner Aufregung kein Wort verstand; er zeigte mir Kunstgegenstände und Bücher, die, wie er annahm, mich interessieren könnten, und ich war von vornherein sicher, daß sie an Schönheit alles überträfen, was der Louvre und die Nationalbibliothek besitzen; sie anzusehen aber war ich nicht imstande. In solchen Augenblicken hätte mir sein Butler geradezu eine Freude mit der Aufforderung bereitet, ihm meine Uhr, meine Krawattennadel und meine Schuhe auszuliefern und ein Schriftstück zu unterzeichnen, das ihn zu meinem Erben einsetzte; wie die schöne volkstümliche Redensart es ausdrückt, deren Urheber man so wenig kennt wie den der berühmtesten Epen, und die doch gleich ihnen, trotz Wolffs Theorie, sicher einen gehabt hat – einen der erfinderischen, bescheidenen Geister, die man alljährlich treffen kann und die trotz ihrer köstlichen Einfälle unbekannt bleiben –, wie jene Redensart sagt, ›ich wußte nicht mehr, was ich tat.‹ Höchstens wunderte ich mich, wenn der Besuch länger dauerte, zu welchem Nichts an greifbaren Resultaten, welchem Mangel an glücklichen Lösungen die Stunden führten, die ich in der verzauberten Stätte verlebte. Aber meine Enttäuschung rührte weder von der Unvollkommenheit der gezeigten Meisterwerke her noch von meiner Unfähigkeit, auch nur einen zerstreuten Blick auf sie zu richten. Denn nicht die Schönheit, die den Dingen innewohnte, machte es mir zum Wunder, in Swanns Kabinett zu sein, sondern daß sie verwachsen waren – und wären sie auch noch so häßlich gewesen – mit dem besondern, traurig wollüstigen Gefühl, das seit so vielen Jahren ich in diesem Kabinett lokalisierte, und das ihm noch anhaftete. So spielte auch die Fülle von Spiegeln, silbernen Bürsten, Altären des heiligen Antonius von Padua, geschnitzt und gemalt von den größten Künstlern, ihren Freunden, keine Rolle in dem Gefühl meiner Unwürdigkeit und ihres königlichen Wohlwollens, das mir kam, wenn Frau Swann mich einen Augenblick in ihrem Zimmer empfing, wo drei schöne, Ehrfurcht gebietende Geschöpfe, ihre erste, ihre zweite und ihre dritte Zofe, lächelnd wunderbare Toiletten zurechtlegten; dahin wandte ich mich, wenn der Lakai in kurzen Hosen die Weisung aussprach, daß die gnädige Frau mich zu sprechen wünsche, und wandelte die Biegungen des schmalen Korridors, der ganz durchduftet war von kostbaren Essenzen, die unablässig aus dem Ankleidezimmer ihre wohlriechenden Ausdünstungen weithin verströmten.

Als Frau Swann zu ihren Besuchen zurückgekehrt war, hörten wir sie noch eine Weile sprechen und lachen, denn schon vor zwei Personen hob sie die Stimme, als gelte es, der ganzen ›Kompagnie‹ die Stirn zu bieten, und ließ ihre Worte los, wie sie es so oft in dem ›kleinen Clan‹ bei der ›Patronne‹ beobachtet hatte, wenn diese ›die Unterhaltung dirigierte‹. Ausdrücke, die wir frisch von andern übernommen haben, gebrauchen wir, wenigstens eine Zeitlang, besonders gern: so wählte Frau Swann bald die, welche sie den distinguierten Leuten abgelauscht hatte, mit denen ihr Gatte sie unvermeidlich bekannt machen mußte, bald gewöhnlichere aus ihrem früheren Freundeskreis und suchte sie in alle Geschichten einfließen zu lassen, die sie nach einer Gewohnheit, welche aus dem ›kleinen Clan‹ stammte, zu erzählen pflegte. Hinterdrein sagte sie gern: »Diese Geschichte liebe ich sehr«, oder »Sie müssen gestehen, diese Geschichte ist nicht uneben!« eine Wendung, die sie durch ihren Gatten von den Guermantes hatte, welche sie gar nicht kannte.

Als Frau Swann das Eßzimmer verlassen hatte, ließ sich ihr Gatte, der gerade nach Hause kam, bei uns sehen. »Weißt du, ob deine Mutter allein ist, Gilberte?«

»Nein, sie hat noch Besuch, Papa.«

»Wie? Noch um sieben Uhr? Das ist ja schrecklich. Die arme Frau muß ganz erschöpft sein. Es ist abscheulich. Denken Sie nur,« wandte er sich an mich, »seit zwei Uhr nachmittags. Und Camille sagte mir, zwischen vier und fünf seien gut zwölf Personen gekommen. Was sage ich: zwölf? Ich glaube, er hat von vierzehn gesprochen. Nein, doch zwölf, kurzum, ich weiß nicht mehr. Beim Nachhausekommen habe ich nicht daran gedacht, daß ihr Jour ist, als ich nun all die Wagen vor der Tür sah, glaubte ich, es sei eine Hochzeit im Hause. Während der paar Minuten, die ich in meiner Bibliothek bin, hat es nicht aufgehört zu klingeln, mein Ehrenwort, ich habe schon Kopfschmerzen. Und es sind immer noch viele Leute bei ihr?«

»Nein, nur zwei.«

»Weißt du, wer?«

»Frau Cottard und Frau Bontemps.«

»Ah, die Frau des Kabinettchefs im Ministerium der öffentlichen Arbeiten.«

»Ich weiß, daß ihr Mann in einem Ministerium angestellt ist, aber als was, das weiß ich nicht genau«, sagte Gilberte in falsch kindlichem Ton.

»Närrchen, du sprichst ja wie ein zweijähriges Kind. In einem Ministerium angestellt, sagst du? Er ist ganz einfach Kabinettchef, Chef von der ganzen Bude, ja sogar – wo habe ich meinen Kopf? Ich bin wahrhaftig gerade so zerstreut wie du – er ist nicht Kabinettchef, er ist Kabinettsdirektor.«

»Weiß ich doch nicht! Das ist wohl sehr viel, Kabinettsdirektor sein?« antwortete Gilberte, die keine Gelegenheit versäumte, alles, worauf ihre Eltern eitel waren, mit Gleichgültigkeit zu behandeln. (Sie konnte sich übrigens auch denken, sie mache eine glänzende Beziehung nur noch glänzender, wenn sie scheinbar keinen besondern Wert darauf legte.)

»Wie? Ob das viel ist?« rief Swann; er zog der Bescheidenheit, die mich im Zweifel lassen konnte, eine bestimmtere Sprache vor. »Schlechthin der erste nach dem Minister! Er ist sogar mehr als Minister, denn er macht alles. Er scheint, nebenbei gesagt, eine Kapazität zu sein, eine Kraft ersten Ranges und eine durchaus distinguierte Persönlichkeit. Offizier der Ehrenlegion! Ein reizender Mensch und obendrein noch ein hübscher Bursche.«

Seine Frau hatte ihn übrigens aller Welt zum Trotz geheiratet, weil er so reizend war. Er hatte – und das genügt, um ein seltenes, köstliches Gesamtbild zu geben – einen blonden, seidigen Bart, hübsche Züge, sprach durch die Nase, roch aus dem Mund und trug ein Glasauge.

»Wissen Sie,« wandte sich Swann wieder an mich, »mir macht es viel Spaß, diese Leute in unserer heutigen Regierung zu sehen, es sind die Bontemps vom Hause Bontemps-Chenut, Typ der reaktionären, klerikalen Bourgeoisie mit beschränkten Ideen. Ihr seliger Großvater hat, wenigstens von Ruf und vom Sehen, den guten alten Chenut wohl gekannt, der Kutschern nie über einen Sou Trinkgeld gab, obwohl er für seine Zeit reich war, den Baron Bréau-Chenut auch. Das ganze Vermögen ist beim Krach der Union Générale draufgegangen. Sie sind noch zu jung, um davon gehört zu haben; na, inzwischen hat man sich wieder herausgemacht, so gut es ging.«

»Es ist der Onkel einer Kleinen, die in meinen Kursus ging, aber in eine Klasse weit unter meiner, der berühmten ›Albertine‹. Sie wird sicher einmal sehr ›fast‹, vorläufig hat sie eine komische Art, sich zu benehmen.«

»Meine Tochter ist erstaunlich, sie kennt alle Welt.«

»Ich kenne sie nicht. Ich habe sie nur vorüberkommen sehen, da hieß es Albertine hier, Albertine da. Aber Frau Bontemps kenne ich, sie gefällt mir auch nicht.«

»Sehr unrecht von dir, sie ist reizend, hübsch, klug, sogar geistreich. Ich will ihr guten Tag sagen und sie fragen, ob ihr Mann glaubt, daß wir Krieg bekommen werden, und ob man auf den König Theodosius rechnen kann. Er muß es wissen, nicht wahr? Er ist in die Geheimnisse der Götter doch eingeweiht.«

So sprach Swann früher nicht. Aber man hat ja oft gesehen, wie Prinzessinnen von Geblüt, die sich erst sehr einfach gaben, wenn sie sich zehn Jahre später von einem Kammerdiener entführen ließen und nun wieder in guter Gesellschaft verkehren möchten und merken, daß man nicht gern zu ihnen kommt, die Sprache schnöder Schwätzerinnen wie von selbst annehmen und bei Erwähnung einer beliebten Herzogin sagen: »Sie war gestern bei mir« sowie »Ich lebe sehr zurückgezogen.« Es ist überflüssig, die Sitten zu studieren, man kann sie aus psychologischen Gesetzen ableiten.

Die Swann teilten die Verschrobenheit der Leute, zu denen man wenig kommt; der Besuch, die Einladung, ein einfaches, liebenswürdiges Wort von einigermaßen hervorragenden Persönlichkeiten waren für sie Ereignisse, denen sie eine gewisse Öffentlichkeit zu geben wünschten. Wollte es das Unglück, daß die Verdurin in London waren, wenn Odette ein etwas glänzenderes Diner gab, so traf man Anstalten, ihnen diese Nachricht durch einen gemeinsamen Freund über den Kanal kabeln zu lassen. Nicht einmal schmeichelhafte Briefe und Telegramme, die Odette bekam, konnten die Swann für sich behalten. Man sprach darüber zu den Freunden, man ließ sie von Hand zu Hand gehen. Und so glich der Salon der Swann den Kurhotels, wo die Depeschen angeschlagen werden.

Wer übrigens den früheren Swann nicht nur außerhalb der Gesellschaft wie ich, sondern in Gesellschaft gekannt hatte, im Kreise der Guermantes, wo man, außer bei Hoheiten und Herzoginnen, äußerst anspruchsvoll in bezug auf Geist und Charme war und hervorragende Leute ausschloß, weil man sie langweilig oder gewöhnlich fand, – der konnte nur verwundert feststellen, daß Swann gar nicht mehr diskret war, wenn er von seinen Beziehungen sprach, ja nicht einmal in ihrer Auswahl diffizil. Wie kam es, daß ein so gemeines, bösartiges Geschöpf wie Frau Bontemps ihm nicht auf die Nerven ging? Wie konnte er sie für sympathisch erklären? Die Erinnerung an den Kreis der Guermantes hätte das, wie es schien, verhindern müssen, in Wirklichkeit unterstützte sie diese Tendenz. Sicher herrschte bei den Guermantes, im Gegensatz zu den meisten höheren Kreisen, Geschmack, sogar verfeinerter Geschmack, aber auch Snobismus, und von daher die Möglichkeit zeitweiser Unterbrechung in der Anwendung des Geschmacks. Wenn es sich um jemanden handelte, der in der Koterie nicht unentbehrlich war, um einen etwas feierlichen republikanischen Minister des Äußern oder einen geschwätzigen Akademiker, dann kam Geschmack ihm gegenüber gründlichst zur Geltung, dann beklagte Swann Frau von Guermantes, daß sie neben einem solchen Tischgenossen auf irgend einer Botschaft speisen mußte, und man zog ihm tausendmal einen eleganten Menschen vor, das heißt, einen Menschen des Kreises Guermantes, der zu nichts taugte, aber die Mentalität der Guermantes besaß und von ihrer Clique war. Allein wenn eine Großherzogin, eine Prinzessin von Geblüt öfters bei Frau von Guermantes speiste, so gehörte schließlich auch sie zu dieser Clique, ohne irgend ein Recht darauf zu haben, ohne im entferntesten die Mentalität des Kreises zu besitzen. Mit der Naivität von Hochgeborenen bemühte man sich, sobald man sie empfing, sie auch angenehm zu finden, da man sich nicht sagen konnte, man empfinge sie, weil man sie angenehm finde. Swann kam dann Frau von Guermantes zu Hilfe und sagte, wenn die Hoheit gegangen war: »Im Grunde ist sie eine gute Frau, sie hat sogar einen gewissen Sinn für Komik. Mein Gott, ich glaube nicht, daß sie die Kritik der reinen Vernunft von Grund aus studiert hat, aber sie ist nicht unsympathisch.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, antwortete die Herzogin. »Und obendrein war sie noch eingeschüchtert, aber Sie werden sehen, sie kann reizend sein.«

»Sie ist bei weitem nicht so enervierend wie Frau X (die Gattin des geschwätzigen Akademikers, eine hervorragende Frau), die einem aus zwanzig Büchern zitiert.«

»Man kann die beiden gar nicht nebeneinander nennen.«

Die Fähigkeit, so etwas, noch dazu aufrichtig, zu sagen, hatte Swann bei der Herzogin erworben und beibehalten. Jetzt wandte er sie auf die Leute an, die er empfing. Er bemühte sich, an ihnen die Eigenschaften wahrzunehmen und zu lieben, die jedes menschliche Wesen offenbart, wenn man es mit günstigem Vorurteil und nicht mit dem Widerwillen der Reizbaren prüft; er brachte die Vorzüge der Frau Bontemps zur Geltung wie ehedem die der Prinzessin von Parma, die aus dem Kreis Guermantes hätte ausgeschlossen werden müssen, wenn dort nicht gewisse Hoheiten von vornherein freien Zutritt gehabt hätten, und man bei ihnen auf Geist und einen gewissen Charme ernsthaft Wert gelegt hätte. Wie man bereits früher gesehen hat, lag es Swann nahe (und davon machte er jetzt wieder eine, nur dauerhaftere, Anwendung), seine gesellschaftliche Stellung gegen eine andre zu vertauschen, die ihm unter gewissen Umständen besser zusagte. Nur wer unfähig ist, bei der Wahrnehmung aufzulösen, was auf den ersten Blick unteilbar scheint, glaubt an die Zusammengehörigkeit des Menschen mit seiner Situation. In den aufeinanderfolgenden Momenten seines Lebens bewegt sich jemand in verschiedenen Graden der gesellschaftlichen Skala und nicht notwendigerweise in immer höheren; und jedesmal, wenn wir in einer neuen Periode des Daseins die Verbindung mit einem bestimmten Kreise anknüpfen oder wiederanknüpfen und uns darin behaglich und verwöhnt fühlen, beginnen wir ganz von selbst, anhänglich zu werden, und schlagen menschliche Wurzeln.

Was Frau Bontemps anlangt, so sprach Swann, glaube ich, wohl deshalb so eindringlich von ihr, weil ihm der Gedanke nicht unangenehm war, meine Eltern erfahren zu lassen, daß seine Frau von ihr Besuch empfing. In Wahrheit reizten bei uns zu Hause die Namen der Personen, die Frau Swann nach und nach kennen lernte, die Neugier mehr, als daß sie Bewunderung erregt hätten. Als in diesem Zusammenhang der Name der Frau Trombert genannt wurde, sagte meine Mutter:

»Ah, da hat sie einen neuen Rekruten, der wird ihr andere zuführen.«

Und als vergliche sie die etwas summarische, rasche, heftige Art, mit der Frau Swann ihre Beziehungen sich erobere, mit Kolonialkriegen, fügte Mama hinzu: »Jetzt, da die Trombert unterworfen sind, werden die Nachbarstämme sich ohne Zögern ergeben.«

Wenn sie Frau Swann auf der Straße gesehn hatte, sagte sie zu Hause:

»Ich habe Frau Swann auf dem Kriegspfad getroffen, sie muß wieder einmal auf einen ertragreichen Vorstoß gegen die Massekutos, Singhalesen oder Trombert ausgezogen sein.«

Und von allen neuerschienenen Personen, die ich in diesem etwas zusammengewürfelten, künstlichen Kreise sah, in den sie oft ziemlich mühsam und aus sehr verschiedenen Gegenden hereingeholt waren, erriet sie sofort die Herkunft und sprach von ihnen wie von teuer erkauften Trophäen. »Erbeutet auf einer Expedition bei dem und dem«, pflegte sie zu sagen.

Daß Frau Swann auch Frau Cottard, eine nicht gerade elegante Bourgeoise, heranzuziehen vorteilhaft fand, wunderte meinen Vater. »Ich muß bekennen, daß ich es trotz der hohen Stellung des Professors nicht begreife«, meinte er. Die Mutter hingegen begriff es sehr gut; sie wußte, es macht einer Frau nur halbe Freude, in ein neues, von ihrem früheren verschiedenes Milieu einzudringen, wenn sie nicht ihre ehemaligen Beziehungen von den verhältnismäßig glänzenderen unterrichten kann, die jene ersetzt haben. Dazu bedarf es eines Zeugen, den man in die neue, köstliche Welt eindringen läßt wie ein brummendes, flüchtiges Insekt in eine Blume, damit er dann bei andern Besuchen von ungefähr – so hofft man wenigstens – die Nachricht ausstreut, den heimlichen Keim zu Neid und Bewunderung. Frau Cottard war für diese Rolle wie geschaffen, sie gehörte zu der Kategorie von Gästen, welche Mama, die von ihres Vaters Geistesart Einiges geerbt hatte, »Fremder, verkünde in Sparta!« nannte. Nebenbei gesagt hatte Frau Swann – von einem andern Grunde abgesehen, den man erst viele Jahre später erfuhr –, wenn sie diese wohlwollende, zurückhaltende, bescheidene Freundin berief, nicht zu befürchten, sie führe zu ihren glänzenden »Jours« einen Verräter oder Konkurrenten bei sich ein. Sie wußte, wieviel bürgerliche Blumenkelche diese fleißige Arbeitsbiene, wenn sie, mit Reiherfeder und Visitenkartentäschchen bewaffnet, ausging, an einem einzigen Nachmittag besuchen konnte. Sie kannte ihre Verbreitungsfähigkeit und, fußend auf Wahrscheinlichkeitsberechnung, besaß sie Gründe, anzunehmen, daß wohl schon zwei Tage später ein oder der andere Stammgast der Verdurin erfahren werde, daß der Stadtkommandant von Paris seine Karte bei ihr abgegeben habe, oder daß Herr Verdurin selbst erzählt bekäme, Herr Le Hault de Pressagny, der Präsident des Rennklubs, habe sie und Swann zur Gala des Königs Theodosius mitgenommen; sie vermutete, die Verdurin würden nur von diesen beiden für sie schmeichelhaften Ereignissen erfahren. In dieser Beziehung beschränkt sich unser Ahnen und Streben auf wenige Möglichkeiten: kann doch unsere Einbildungskraft nicht alle Formen des Ruhmes gleichzeitig erfassen, wenn wir sie auch – im großen ganzen – alle zugleich erhoffen.

Übrigens hatte Frau Swann nur in der sogenannten »offiziellen« Gesellschaft Resultate erzielt. Die eleganten Frauen gingen nicht zu ihr. Sie wurden nicht etwa durch die Gegenwart republikanischer Notabeln verscheucht. Zur Zeit meiner frühen Kindheit war allerdings nur, wer zur konservativen Gesellschaft gehörte, mondän, und in einem angesehenen Salon hätte man keinen Republikaner empfangen können. Die Menschen, die in einem solchen Milieu lebten, bildeten sich ein, das gesellschaftliche Gesetz, nie einen Opportunisten zu empfangen, geschweige denn einen abscheulichen Radikalen, sei von ewiger Dauer wie Öllampen und Pferdeomnibusse. Aber wie ein Kaleidoskop placiert die Gesellschaft nacheinander die Elemente, die man für unbeweglich hielt, auf immer neue Art und bildet immer andere Figuren. Ich hatte meine erste Kommunion noch nicht, und schon begegneten Damen der konservativen Gesellschaft bei einem Besuch zu ihrem großen Erstaunen einer eleganten Jüdin. Diese Neuordnung des Kaleidoskops beruht auf einem Vorgang, den ein Philosoph einen Kriterienwechsel nennen würde. Die Dreyfusaffäre führte wieder einen neuen herbei. Das war zu einer Zeit, der meine ersten Besuche bei Frau Swann vorangingen; und aufs neue kehrte das Kaleidoskop seine kleinen, farbigen Rauten um. Alles, was jüdisch war, kam nach unten, die eleganten Damen sogar; obskure Nationalisten traten an ihre Stelle. Der glänzendste Salon von Paris war der eines ultrakatholischen österreichischen Fürsten. Wäre statt der Dreyfusaffäre ein Krieg mit Deutschland ausgebrochen, so hätte sich das Kaleidoskop in anderer Richtung gedreht. Die Juden hätten sich zum allgemeinen Erstaunen als Patrioten gezeigt und ihre Stellung behalten, und niemand hätte mehr zu dem österreichischen Fürsten gehen noch zugeben mögen, daß er früher zu ihm gegangen sei. Das hindert nicht, daß jedesmal, wenn die Gesellschaft für Augenblicke stabil ist, ihre Mitglieder sich einbilden, es könne nie anders werden, so wie sie die Anfänge des Telephons miterlebt haben und doch nicht an den Aeroplan glauben wollen. Die Feuilletonphilosophen beschimpfen die gerade vergangene Periode, nicht nur die Art Vergnügen, denen man in ihr nachging (die erscheinen ihnen als äußerste Korruption), sondern auch die Werke der Künstler und Philosophen, die in ihren Augen keinen Wert mehr haben, als wären sie unlöslich mit den jeweiligen Formen mondäner Frivolität verknüpft. Das einzige, was sich nie verändert, ist der Anschein, es habe sich »in Frankreich was geändert«. Zur Zeit, als ich zu Frau Swann ging, war die Dreyfusaffäre noch nicht zum Ausbruch gekommen, und bestimmte, hochgestellte Juden waren sehr mächtig. Keiner mehr als Sir Rufus Israels, dessen Frau, Lady Israels, eine Tante von Swann war. Sie hatte persönlich nicht so elegante Freundschaften wie ihr Neffe; und er liebte diese Tante nicht und hatte den Verkehr mit ihr nie sehr gepflegt, obwohl er wahrscheinlich ihr Erbe sein würde. Aber sie war von Swanns Verwandten die einzige, die über seine gesellschaftliche Stellung Bescheid wußte, die andern blieben in dieser Beziehung immer so unwissend, wie wir lange es waren. Wenn in einer Familie ein Mitglied in die hohe Gesellschaft auswandert – was ihm ein einzigartiges Phänomen scheint, bis er zehn Jahre später feststellt, daß das gleiche auf andere Art und aus andern Gründen von mehr als einem jungen Menschen, mit dem er zusammen aufwuchs, erreicht worden war –, beschreibt er um sich eine Schattenzone, eine terra incognita bis in die kleinsten Einzelheiten deutlich sichtbar für die, die sie bewohnen, aber eitel Nacht und Nichts für die, welche nicht in sie eindringen und an ihr entlang streifen, ohne aus unmittelbarer Nähe ihr Vorhandensein zu vermuten. Da kein Nachrichtenbureau Swanns Kusinen über die Leute unterrichtete, mit denen er verkehrte, so erzählte man sich bei Familiendiners mit herablassendem Lächeln (wohlbemerkt noch vor Swanns abscheulicher Heirat), man habe den Sonntag »löblich« verwandt und den Vetter Charles besucht, den man für etwas neidisch, für den typischen armen Verwandten hielt und mit geistreicher Anspielung auf Balzacs Cousine Bette den »Cousin Bête« nannte. Lady Rufus Israels wußte nur zu gut, wer die Leute waren, die Swann eine Freundschaft bezeugten, auf die sie eifersüchtig war. Die Familie ihres Gatten, die annähernd so hoch stand wie die Rothschilds, führte seit mehreren Generationen die Geschäfte der Prinzen von Orléans. Lady Israels war ungewöhnlich reich und verfügte über großen Einfluß; den hatte sie angewandt, damit niemand aus ihrer Bekanntschaft Odette empfange. Nur eine war ihr heimlich ungehorsam gewesen: die Gräfin Marsantes. Da hatte es das Unglück gewollt, daß Odette gerade bei Frau von Marsantes zu Besuch war, als fast gleichzeitig Lady Israels eintrat. Frau von Marsantes stand auf Kohlen. Feig wie Leute, die gleichwohl sich alles herausnehmen könnten, richtete sie nicht ein einziges Mal das Wort an Odette, und diese verlor den Mut, ihren Einfall in eine Gesellschaft fortzusetzen, die sowieso nicht nach ihrem Geschmack war. Mit ihrem völligen Mangel an Interesse für das Faubourg Saint-Germain blieb Odette weiter die ungebildete Kokotte und unterschied sich dadurch von den Bourgeois, die in allen Teilen der Genealogie beschlagen sind und mit der Lektüre alter Memoiren ihren Durst nach aristokratischen Beziehungen stillen, welche das wirkliche Leben ihnen nicht liefert. Swann anderseits blieb gewiß weiter der Liebhaber, dem alle Eigenheiten einer seit langem geliebten Frau angenehm oder harmlos erscheinen; oft hörte ich seine Frau über die hohe Gesellschaft wahrhaft ketzerische Dinge vorbringen, ohne daß er (aus einem Rest von zärtlicher Zuneigung, Mangel an Achtung oder Trägheit, sie zu vervollkommnen), sie zu verbessern gesucht hätte. Das gehörte mit zu dem einfachen Wesen, welches uns in Combray so lange getäuscht hatte; und so legte er jetzt, obwohl er für sein Teil immer noch mit sehr hochgestellten Leuten verkehrte, gar keinen Wert darauf, ihnen im Gespräch im Salon seiner Frau irgendeine Wichtigkeit beigemessen zu sehen. Sie waren ihm ja auch weniger wichtig als je zu vor, da der Schwerpunkt seines Lebens sich verschoben hatte. Die Unwissenheit Odettes in gesellschaftlichen Dingen war groß: Fiel in der Unterhaltung der Name der Fürstin Guermantes nach dem der Herzogin, ihrer Kusine, so sagte sie: »Die andern sind Fürsten, haben also eine höhere Stufe erreicht.« Sagte jemand »der Prinz«, wenn er von dem Herzog von Chartres sprach, so verbesserte sie: »Der Herzog; er ist Herzog von Chartres, nicht Prinz.« Vom Herzog von Orléans, dem Sohne des Grafen von Paris, meinte sie: »Komisch, der Sohn ist mehr als der Vater«, und fügte in ihrer Anglomanie hinzu: »Man wird nicht klug aus diesen ›Royalties‹«; und jemandem, der sie fragte, aus welcher Provinz die Guermantes wären, antwortete sie: »Aus der Aisne.«

Swann war Odette gegenüber blind, nicht nur für Lücken ihrer Bildung, sondern auch für das Mittelmäßige ihrer Intelligenz. Ja, sooft Odette eine törichte Geschichte erzählte, hörte Swann seiner Frau heiter, gefällig, beinahe mit einer Art Bewunderung zu, in die sich Reste von Wollust mischen mochten, während Odette in demselben Gespräch, was immer er Feines oder gar Tiefes sagen mochte, gewöhnlich ohne Interesse, flüchtig und ungeduldig anhörte und bisweilen streng widersprach. Man wird schließen, daß diese Unterwerfung der Elite unter das Gewöhnliche die Regel in vielen Ehen ist, wenn man an den umgekehrten Fall denkt, an alle die überlegenen Frauen, die sich von einem Tölpel betören lassen, der ihre feinsten Wendungen unerbittlich kritisiert, während sie mit der unendlichen Duldsamkeit der Liebe vor seinen plattesten Späßen in Ekstase geraten. Um wieder auf die Gründe zu kommen, die damals Odette hinderten, in das Faubourg Saint-Germain vorzudringen: die letzte Drehung des gesellschaftlichen Kaleidoskops war durch eine Serie von Skandalen hervorgerufen worden. Frauen, zu denen man im vollsten Vertrauen ging, waren als öffentliche Dirnen, als englische Spioninnen entlarvt worden. Nun sollte eine Zeitlang – so glaubte man wenigstens – vor allem gute Herkunft und guter Leumund verlangt werden ... Odette war ein Muster alles dessen, womit man eben gebrochen hatte, um übrigens unmittelbar die Beziehung dazu wieder aufzunehmen (die Menschen ändern sich ja nicht von heut auf morgen und suchen in einer neuen Ordnung die Fortsetzung der alten), man wollte es aber in veränderter Form finden, die einem gestattete, auf den Leim zu gehen und anzunehmen, daß es sich nicht mehr um die Gesellschaft von vor der Krise handle. Den verdächtigen Damen dieser Gesellschaft glich Odette nur allzusehr. Die Leute der großen Welt sind sehr kurzsichtig: gerade wenn sie alle Beziehungen zu israelitischen Damen ihrer Bekanntschaft abbrechen und nicht recht wissen, wie diese Lücke zu füllen sei, taucht vor ihnen (plötzlich wie in nächtlichen Gewitterregen aufgeschossen) eine neue Dame auf, die ebenfalls Israelitin ist; aber in dieser ganz neuen Erscheinung sehen sie keinen Zusammenhang mit den vorhergegangenen, entdecken nicht in ihr, was sie verabscheuen zu müssen glauben. Die neue verlangt nicht, daß man ihren Gott respektiere. Man nimmt sie auf. (Um eigentlichen Antisemitismus handelte es sich zur Zeit, als ich anfing, Odette zu besuchen, noch nicht.) Aber sie war genau das, was man eine Zeitlang zu meiden vorhatte.

Swann selbst besuchte oft einige seiner ehemaligen Bekannten, die alle zur hohen Gesellschaft gehörten. Wenn er uns aber von den Leuten, die er gesehen hatte, erzählte, fiel mir auf, daß die Auswahl, die er jetzt unter den früheren Bekannten traf, von demselben halb künstlerischen, halb historisierenden Geschmack geleitet war, der ihn zum Sammler gemacht hatte. Oft interessierte ihn die eine oder andere vornehme, jetzt aber deklassierte Dame, weil sie die Geliebte von Liszt gewesen oder weil ihrer Großmutter ein Roman von Balzac gewidmet war (wie er auch eine Zeichnung kaufte, weil Chateaubriand sie beschrieben hatte), und das brachte mich auf den Verdacht, daß wir in Combray unsern Irrtum, Swann für einen Bourgeois zu halten, der nicht in die Gesellschaft ging, mit einem andern vertauscht hatten, dem nämlich, zu glauben, er sei einer der größten Elegants von Paris. Ein Freund des Grafen von Paris sein, bedeutet nichts. Es gibt ja soviel solche »Fürstenfreunde«, die in einem einigermaßen exklusiven Salon nicht empfangen würden. Fürsten wissen, daß sie Fürsten sind, sie sind keine Snobs und glauben sich außerdem so erhaben über allem, was nicht ihres Blutes ist, daß ihnen die Vornehmen und die Bürger da unten fast auf demselben Niveau zu stehn scheinen.

Übrigens war die Gesellschaft, so wie sie ist, mit den großen Namen, die die Vergangenheit in sie gegraben hat und die sich noch entziffern lassen, nicht nur eine Liebhaberei für den Gelehrten und Künstler in Swann; er hatte auch noch ein ziemlich vulgäres Vergnügen daran – wenn man so sagen kann –, soziale Blumensträuße zu winden, ganz heterogene Elemente zu gruppieren, hier und da aufgegriffene Personen zusammenzutun. Dies amüsante Experimentieren mit Soziologie (wenigstens fand Swann es amüsant) hatte nicht auf die Dauer bei allen Freundinnen seiner Frau die gleiche Rückwirkung. »Ich habe die Absicht, die Cottard und die Herzogin von Vendôme zusammenzuladen,« sagte er lachend zu Frau Bontemps mit der lüsternen Miene des Feinschmeckers, der Nelken in einer Sauce durch Cayennepfeffer zu ersetzen probiert. Dies Projekt, das den Cottard, in des Wortes alter Bedeutung, recht kurzweilig vorkam, sollte zum Unglück Frau Bontemps sehr verdrießen. Sie war erst jüngst von den Swann der Herzogin von Vendôme vorgestellt worden und hatte das ebenso angenehm wie natürlich gefunden. Dies den Cottard zu erzählen und sich dadurch ins Licht zu setzen, war mit das Köstlichste an ihrem Vergnügen. Aber wie frisch Dekorierte, sobald sie ihre Auszeichnung empfangen haben, es gern sähen, daß die Quelle der Orden versiege, wäre es Frau Bontemps sympathisch gewesen, wenn nach ihr niemand aus ihrer Klasse der Fürstin vorgestellt worden wäre. Innerlich verfluchte sie Swanns verderbten Geschmack, einer nichtigen Ästhetenschrulle nachzugeben und dadurch den Sand, den sie den Cottard mit ihrem Bericht über die Herzogin von Vendôme in die Augen gestreut hatte, wegzublasen. Wie sollte sie jetzt fertigbringen, ihrem Manne zu erzählen, der Professor und seine Frau würden auch ihr Teil an dem Genuß haben, den sie ihm als so einzig angepriesen hatte? Wenn die Cottard wenigstens wüßten, daß sie nicht ernstlich, sondern nur zum Spaß eingeladen waren. Allerdings war es den Bontemps gerade so ergangen, aber Swann hatte von der Aristokratie die ewige Manier des Don Juan übernommen, der von zwei armen Frauen jeder einredet, nur sie sei die ernstlich geliebte, und hatte zu Frau Bontemps von der Herzogin von Vendôme als von jemandem gesprochen, mit dem zusammen zu speisen für sie, Frau Bontemps, durchaus angezeigt sei. »Ja, wir gedenken die Fürstin zusammen mit den Cottard einzuladen,« sagte Frau Swann ein paar Wochen später, »mein Mann meint, daß diese Konjunktion etwas Amüsantes ergeben könnte.« »Konjunktion«, sagte sie; wie sie nämlich von dem »Kleinen Clan« her gewisse Lieblingsgewohnheiten der Frau Verdurin behalten hatte, zum Beispiel, laut zu sprechen, um von allen Getreuen gehört zu werden, so wandte sie auch gewisse Ausdrücke an, die im Kreise Guermantes beliebt waren, dessen Anziehungskraft sie von weitem und unbewußt erfuhr, wie das Meer die des Mondes, ohne sich ihm darum spürbar zu nähern. »Ja, die Cottard mit der Herzogin von Vendôme, finden Sie das nicht komisch?« fragte Swann. »Ich glaube, es wird dabei für Sie nur Ärger herauskommen; man soll nicht mit dem Feuer spielen«, antwortete Frau Bontemps wütend. Übrigens wurde sie mit ihrem Mann ebenfalls zu diesem Diner geladen und ebenso der Fürst von Agrigent. Frau Bontemps und Cottard pflegten auf zweierlei Art von diesem Abend zu erzählen, je nach den Leuten, an die sie sich wandten. Zu den einen sagte Frau Bontemps einerseits und Cottard andererseits, wenn man sie fragte, wer zugegen war, in lässigem Ton: »Nur der Fürst von Agrigent, es war ganz intim.« Andere riskierten, besser informiert zu sein (einer fragte Cottard sogar einmal: »Waren nicht auch die Bontemps da?« »Die hab ich ganz vergessen«, antwortete Cottard errötend dem Ungeschickten, den er von da an zu den Lästerzungen rechnete). Für diese letzteren nahmen die Bontemps und die Cottard, ohne miteinander zu Rate zu gehen, eine Version an, deren Aufbau bei beiden derselbe war, nur die jeweiligen Namen wurden vertauscht. Cottard sagte: »Nun ja, es waren nur die Herren des Hauses, Herzog und Herzogin von Vendôme da – (dann, mit einem leisen Schmunzeln) Professor Cottard und Frau und ferner, weiß der Teufel, warum! – denn sie paßten dahin wie die Faust aufs Auge – Herr und Frau Bontemps.« Frau Bontemps sagte genau dasselbe Sprüchlein, nur nannte sie Herrn und Frau Bontemps mit selbstzufriedenem Ton zwischen der Herzogin von Vendôme und dem Fürsten von Agrigent, und die räudigen Schafe, die, wie sie vorwurfsvoll hinzufügte sich selbst eingeladen hatten und ungünstig abstachen, das waren die Cottard.

Von seinen Besuchen kam Swann oft erst kurz vor dem Essen heim. Um diese Zeit, sechs Uhr abends, hatte er früher immer sich unglücklich gefühlt; jetzt fragte er sich nicht mehr, was Odette wohl vorhabe, kümmerte sich wenig darum, ob sie ausgegangen sei oder Besuch habe. Bisweilen erinnerte er sich; daß er vor Jahren einmal versucht hatte, einen Brief von Odette an Forcheville durch den Umschlag hindurch zu lesen. Aber diese Erinnerung war ihm nicht angenehm, und statt dem Schamgefühl, das er damals empfand, tiefer nachzuspüren, ließ er es lieber bei einem leisen Zucken der Mundwinkel bewenden, zu dem allenfalls noch ein Kopfschütteln kam, das bedeutete: »Was mir das schon ausmacht?« Jetzt urteilte er gewiß anders über die Hypothese, bei der er sich damals oft beruhigt hatte: nur die Einbildungen seiner Eifersucht verdunkeln das in Wahrheit unschuldige Leben Odettes. Diese im großen und ganzen recht wohltuende Hypothese, die während der Dauer seiner Liebeskrankheit seine Schmerzen gemindert hatte, weil sie sie als eingebildet erscheinen ließ, war jetzt für ihn nicht mehr zutreffend; jetzt meinte er, daß seine Eifersucht richtig gesehen und Odette, gerade, wenn sie ihn mehr geliebt habe, als er geglaubt, ihn auch mehr betrogen habe. Ehedem, während er so sehr litt, hatte er sich geschworen, sobald er Odette nicht mehr liebe und nicht mehr zu fürchten habe, sie zu erzürnen oder glauben zu machen, daß er sie zu sehr liebe, wolle er sich die Befriedigung verschaffen, mit Odette zusammen einfach aus Liebe zur Wahrheit und wie einem historischen Faktum dem nachzugehen, ob, ja oder nein, Forcheville bei ihr geschlafen habe an jenem Tage, als er, Swann, läutete und ans Fenster klopfte, ohne daß ihm aufgemacht wurde, und als sie Forcheville schrieb, es sei ein Onkel sie besuchen gekommen. Aber das interessante Problem, zu dessen Aufklärung er nur erst warten mußte, bis seine Eifersucht aufhörte, hatte gerade, als das geschah, alles Interesse für ihn verloren. Nicht sofort allerdings. Auf Odette selbst fühlte er schon keine Eifersucht mehr, als noch jener Nachmittag, an dem er vergeblich an die Tür des kleinen Hauses in der rue Lapérouse geklopft hatte, weiter dieses Gefühl in ihm erweckte. Wie manche Krankheiten, die ihren Sitz, ihre Ansteckungsquelle weniger in gewissen Personen als in gewissen Orten, in gewissen Häusern haben, schien die Eifersucht weniger Odette selbst zum Gegenstand zu haben als den Tag und die Stunde der verlorenen Vergangenheit, in der Swann an alle Zugänge von Odettes Haus geklopft hatte. Es war, als habe dieser Tag und diese Stunde allein einige letzte Teilchen des Menschen, der da liebte (der Swann ehemals war), festgehalten, als fände er sie nur noch in ihnen wieder. Längst kümmerte er sich nicht mehr darum, ob Odette ihn betrogen habe und noch betrüge. Und doch hatte er Jahre hindurch früheren Bedienten von Odette immer wieder nachgeforscht, so lange bestand in ihm die schmerzhafte Neugier fort, ob an jenem schon so weit zurückliegenden Tage um sechs Uhr Odette mit Forcheville geschlafen habe. Dann war auch diese Neugier verschwunden, ohne daß deshalb seine Nachforschungen aufhörten. Immer noch suchte er zu erfahren, was ihn nicht mehr interessierte, denn sein altes Ich verfuhr, im äußersten Verfall, der es betroffen hatte, noch mechanisch nach längst abgeschafften Voreingenommenheiten, und Swann konnte sich doch die Bangigkeit schon gar nicht mehr vergegenwärtigen, die einst so stark gewesen war, daß er sich nicht hatte vorstellen können, je von ihr frei zu werden, daß nur der Tod der Geliebten (der Tod, der, wie später in dieser Erzählung ein grausamer Gegenbeweis erhärten wird, in nichts die Schmerzen der Eifersucht mindert) ihm imstande schien, die ganz versperrte Straße seines Lebens wieder zu bahnen.

Aber eines Tages die Begebenheiten in Odettes Leben, denen er seine Leiden verdankte, aufzuklären, war nicht Swanns einziger Wunsch; er hatte noch den andern in Reserve, sich zu rächen, wenn er Odette nicht mehr liebte, nicht mehr fürchtete; diesen zweiten Wunsch zu erfüllen, bot sich nun gerade Gelegenheit: Swann liebte eine andere Frau, die ihm keinen Anlaß zur Eifersucht gab, auf die er aber doch eifersüchtig war; denn er war nicht mehr fähig, seine Art zu lieben zu erneuern, und die, welche sich an Odette gewandt, diente ihm auch für eine andere. Damit Swanns Eifersucht wieder erwachte, brauchte diese Frau nicht untreu zu sein, es genügte, daß sie aus irgend einem Grunde fern war, auf einer Gesellschaft zum Beispiel, und sich dort anscheinend gut unterhielt. Das reichte hin, um die alte Bangigkeit in ihm zu erwecken, diesen jämmerlichen, widerspruchsvollen Auswuchs seiner Liebe, durch den Swann von der Wirklichkeit sich entfernte; das kam über ihn wie ein Bedürfnis, das tatsächliche Gefühl dieser jungen Frau für ihn herauszubekommen, die verborgene Sehnsucht ihrer Tage, das Geheimnis ihres Herzens; denn zwischen Swann und die, die er liebte, häufte seine Bangigkeit spröden, veralteten Argwohn, der seine Ursache in Odette oder vielleicht schon in einer Vorgängerin von Odette hatte und den gealterten Liebenden seine Geliebte von heute nur durch das alte Kollektivphantom der ›Frau, die seine Eifersucht erregte‹ hindurch wahrnehmen ließ. In diesem Phantom verkörperte sich seiner Willkür auch die neue Liebe. Wohl warf Swann dieser Eifersucht oft vor, sie lasse ihn an eingebildeten Betrug glauben; dann aber erinnerte er sich, daß er die gleiche Überlegung zugunsten Odettes angestellt habe, und zwar mit Unrecht. Und so hörte alles, was die junge Frau, die er liebte, in den Stunden tat, da er fern von ihr war, auf, unschuldig zu sein. Hatte er aber einst den Schwur getan, wenn er die, von der er nicht ahnte, daß sie einmal seine Frau werden sollte, nicht mehr liebe, ihr unerbittlich seine endlich aufrichtige Gleichgültigkeit zu zeigen, um seinen lange gedemütigten Stolz zu rächen, – so lag ihm jetzt nichts mehr an dieser Vergeltung, die er doch ohne Risiko vollziehen konnte (denn was würde es ihm ausmachen, wenn er beim Wort genommen und des einst für ihn so notwendigen Zusammenseins mit Odette beraubt würde?). Nichts lag ihm mehr daran, mit der Liebe war das Begehren, zu zeigen, daß er nicht mehr liebe, verschwunden. Er, der einst, als er an Odette litt, sich danach sehnte, ihr einmal zu zeigen, daß er in eine andere verliebt sei –, jetzt, da er es gekonnt hätte, traf er tausend Vorsichtsmaßregeln, damit seine Frau von der neuen Liebe nichts merke.

   

Von nun an nahm ich nicht nur an den Teegesellschaften teil, derentwegen Gilberte mich ehedem zu meinem Kummer verließ und früher heimkehrte, nein, auch an den Ausfahrten mit ihrer Mutter zur Promenade oder zu einer Matinee, die sie früher verhindert hatten, in die Champs-Élysées zu kommen und mich ihrer beraubten – in Tagen, wo ich dann allein am Rasenrande oder vor den Karussells blieb, – an diesen Ausfahrten ließen mich jetzt Herr und Frau Swann teilnehmen, ich hatte meinen Platz in ihrem Landauer; ich wurde sogar gefragt, was ich lieber wolle, ins Theater gehen, in eine Tanzstunde bei einer Freundin von Gilberte, in eine Nachmittagsgesellschaft bei Freundinnen der Swann (was Frau Swann einen »kleinen meeting« nannte) oder die Gräber von Saint-Denis besuchen.

An den Tagen, an denen ich mit den Swann ausfahren sollte, kam ich zum Dejeuner, was Frau Swann Lunch nannte, zu ihnen; da man dazu auf halb Eins eingeladen wurde und meine Eltern damals um viertel Zwölf frühstückten, machte ich mich erst, wenn sie von Tische aufstanden, auf den Weg nach dem luxuriösen, immer – und zu dieser Zeit, da alle Welt zu Hause war – besonders einsamen Viertel. Bei schönem Wetter spazierte ich selbst im Winter und bei Frost, von Zeit zu Zeit den Knoten einer herrlichen Krawatte von Charvet fester knüpfend und nachschauend, ob meine Lackschuhe nicht schmutzig würden, in den Avenuen bis zwölf Uhr siebenundzwanzig auf und ab. Von weitem bemerkte ich den Vorgarten der Swann, wo die Sonne die entlaubten Bäume wie von Rauhreif glitzern ließ. In Wirklichkeit standen nur zwei in diesem Garten. Die ungewohnte Stunde machte das Schauspiel neu. In diese Naturfreuden (die noch die Unterbrechung der Gewohnheit und selbst der Hunger belebten) mischte sich die erregende Gewißheit, bei Frau Swann zu speisen, sie verminderte diese Freuden nicht, aber unterwarf und beherrschte sie, machte aus ihnen mondänes Zubehör; das schöne Wetter, die Kälte, das winterliche Licht, die ich um diese Zeit sonst nicht wahrnahm und nun für mich entdeckte, wurden zu einer Art Vorspiel zu den Oeufs à la crème, zu einer Patina und frischen rosigen Glasur auf der Mauerverkleidung der geheimnisvollen Kapelle, in der die Swann weilten und in deren Innern als Gegensatz mich soviel Wärme, Düfte und Blumen erwarteten.

Um halb Eins entschloß ich mich endlich, in das Haus einzutreten, das, wie ein besonders großer »Schuh« für die Weihnachtsgeschenke, mir übernatürliche Freuden zu versprechen schien. (Das Wort Weihnachten kannten übrigens Frau Swann und Gilberte nicht, sie sagten Christmas, sprachen nur von Christmaspudding, von dem, was man ihnen zu Christmas geschenkt habe und – zu meinem wilden Schmerz – davon, daß sie zu Christmas verreisen wollten. Nun hielt ich es auch, selbst zu Hause, meiner unwürdig, von Weihnachten zu sprechen, ich sagte nur noch Christmas, was mein Vater sehr lächerlich fand.

Zunächst begegnete ich nur einem Lakaien, der mich mehrere große Salons durchqueren ließ und dann in einen ganz kleinen, leeren führte, der schon begann, im blauen Lichte seiner Fenster Nachmittag zu träumen; da blieb ich allein in Gesellschaft von Orchideen, Rosen und Veilchen. Die beobachteten, wie Personen, die neben einem warten, ohne einen zu kennen, Schweigen, das durch ihre Eigenschaft, lebendige Dinge zu sein, noch eindringlicher wurde. Fröstelnd empfingen sie die Wärme eines rotglühenden Kohlenfeuers, das, wie Kostbarkeiten hinter einer Kristallvitrine, in einem weißen Marmorbecken untergebracht war und von Zeit zu Zeit seine gefährlichen Rubine einstürzen ließ.

Ich hatte mich gesetzt, erhob mich aber schleunigst, als ich die Tür aufgehen hörte; es war nur ein zweiter Lakai, dann ein dritter, und das geringfügige Resultat, auf das ihr unnötig erregendes Kommen und Gehen hinzielte, war, ein wenig Kohlen aufs Feuer oder Wasser in die Vasen zu tun. Sie gingen, und ich befand mich wieder allein, sobald die Tür geschlossen war, die schließlich doch wohl Frau Swann öffnen würde. Und zuverlässig wäre ich in einer Zaubergrotte minder verwirrt gewesen als in diesem kleinen Salon, in dem das Feuer seltsame Verwandlungen mir vorzunehmen schien wie in Klingsors Laboratorium. Da klangen von neuem Schritte, und ich erhob mich nicht, es würde gewiß wieder nur ein Lakai sein. Swann war es. »Wie? Ganz allein? Ach, sehen Sie, meine arme Frau hat es nie fertig gebracht zu wissen, wie spät es ist. Zehn vor Eins! Jeden Tag wird es später. Und geben Sie acht: sie wird ankommen, ohne sich zu beeilen, und glauben, sie sei noch zu früh.« Und da er an gichtischer Neuralgie litt, was ihn ein klein wenig lächerlich machte, so wirkte der Umstand, daß er eine unpünktliche Frau hatte, die so spät aus dem Bois heimkam, bei ihrer Schneiderin die Zeit versäumte und nie rechtzeitig zum Frühstück erschien, beunruhigend auf seine Magennerven, schmeichelte dahingegen seiner Eitelkeit.

Er zeigte und erklärte mir seine Neuerwerbungen, aber die Erregung, verbunden mit dem ungewohnten Fasten um diese Zeit, schuf in meinem angegriffenen Innern eine Leere, so daß ich zwar fähig war zu sprechen, aber nicht zuzuhören. Übrigens genügte mir bei den Kunstwerken, die Swann besaß, die Tatsache, daß sie bei ihm untergebracht waren und einen Teil der köstlichen Stunde ausmachten, die dem Frühstück voranging. Die Gioconda hätte sich da befinden können, ohne mir mehr Vergnügen zu bereiten als ein Schlafrock von Frau Swann oder ihre Riechfläschchen.

So wartete ich weiter, allein oder mit Swann, und oft kam auch Gilberte, uns Gesellschaft zu leisten. Die Ankunft von Frau Swann erschien mir vorbereitet durch soviel majestätische Auftritte, unermeßlich bedeutsam. Ich lauschte auf jedes Geräusch. Aber so hoch, wie man sie erhofft, findet man keine Kathedrale, keine Welle im Sturm, keinen Sprung eines Tänzers; nach dem Auftritt livrierter Lakaien (sie waren wie Figuranten, deren Zug im Theater die endliche Erscheinung der Königin vorbereitet und gerade dadurch beeinträchtigt) hielt Frau Swann, wenn sie verstohlen in ihrem Sealmäntelchen, den Schleier über die von Kälte gerötete Nase gezogen, ankam, nicht, was sie meiner Phantasie während des Wartens versprochen hatte.

War sie aber den ganzen Morgen zu Hause geblieben und kam sie dann in einem Peignoir aus hellfarbigem Crêpe de Chine in den Salon, so schien mir ihr Gewand eleganter als alle Roben.

Bisweilen entschieden sich die Swann dafür, den Nachmittag zu Hause zu bleiben. Dann sah ich nach dem späten Frühstück sehr rasch hinter der Gartenmauer die Sonne dieses Tages, der mir doch anders als die andern hätte sein sollen, sinken; und wenn nun auch die Bedienten Lampen von allen Größen und Formen hereinbrachten, die jede auf dem Weihaltar einer Konsole, eines Guéridons, eines Eckschränkchens oder eines kleinen Tisches brannten, als sei ein unbekannter Kultus zu begehen, – aus der Unterhaltung erstand nichts Außerordentliches, und ich ging nach Hause, enttäuscht, wie man es schon als Kind oft nach der Mitternachtsmesse ist.

Aber diese Enttäuschung war rein geistiger Natur. Ich konnte überglücklich sein in diesem Hause, wo Gilberte, wenn sie noch nicht bei uns war, gleich kommen und mir für Stunden ihr Wort und ihren aufmerksamen und lächelnden Blick schenken würde so, wie ich ihn zum erstenmal in Combray gesehen hatte. Höchstens war ich ein bißchen eifersüchtig, wenn ich sie des öftern in die großen Zimmer verschwinden sah, wohin eine Innentreppe führte. Gezwungen, im Salon zu bleiben (wie der Liebhaber der Schauspielerin nur seinen Parkettsitz hat und unruhig von dem träumt, was sich in den Kulissen, im Foyer der Schauspieler abspielt), stellte ich über diese andern Teile des Hauses an Swann weislich verschleierte Fragen, aus deren Tonfall aber ich eine gewisse Beklommenheit nicht verbannen konnte. Er erklärte mir, das Zimmer, in das Gilberte sich begab, sei die Wäschekammer, erbot sich, sie mir zu zeigen, und versprach mir, er werde Gilberte jedesmal, wenn sie dahin müsse, auffordern, mich mitzunehmen. Durch diese Worte und die Entspannung, die sie mir verschafften, unterdrückte Swann mit einem Schlage in meinem Innern die qualvollen Distanzgefühle, die uns eine geliebte Frau so fern erscheinen lassen. In solchen Augenblicken empfand ich für ihn eine zärtliche Zuneigung, die mir tiefer vorkam als meine Zuneigung zu Gilberte. Er, der Gebieter seiner Tochter, gab sie mir, sie aber versagte sich bisweilen, ich hatte über sie direkt nicht eben jene Macht wie indirekt durch Swann. Sie selber liebte ich doch und konnte sie daher nicht ohne Verwirrung ansehen, nicht ohne das Verlangen nach mehr, welches in Gegenwart des geliebten Wesens das Gefühl aufhebt, daß wir lieben.

Meist aber blieben wir nicht im Hause, sondern fuhren spazieren. Bisweilen setzte sich Frau Swann, bevor sie ging sich anzukleiden, ans Klavier. Ihre schönen Hände glitten aus den rosa oder weiß gefärbten, oft auch sehr bunten Ärmeln ihres Morgenrocks aus Crêpe de Chine und ließen die Fingerglieder mit derselben Melancholie auf die Tasten nieder, die auch in ihren Augen, nicht aber in ihrem Herzen war. An einem solchen Tage geschah es, daß sie mir den Teil der Sonate von Vinteuil vorspielte, in dem sich die kleine Passage befindet, die Swann so sehr geliebt hatte. Aber oft versteht man nichts, wenn man etwas komplizierte Musik zum erstenmal hört. Und doch war mir, als man mir später ein paarmal diese Sonate vorspielte, als ob ich sie genau kenne. Man sagt darum nicht mit Unrecht ›zum ersten Male hören‹. Hätte man, wie man meint, beim ersten Male gar nichts verstanden, so würden das zweite und dritte Mal nicht anders sein als das erste, und es gäbe keinen Grund, beim zehnten Male mehr zu verstehen. Was beim ersten Male fehlen dürfte, ist weniger das Verstehen als das Gedächtnis. Unser Gedächtnis ist, im Verhältnis zu dem Komplex von Eindrücken, dem es, während wir zuhören, standzuhalten hat, minimal, so kurz wie das eines Menschen, der tausend Dinge im Schlaf denkt, die er alsbald vergißt, oder das eines halb kindisch Gewordenen, der eine Minute später sich nicht mehr an Worte erinnert, die man ihm eben gesagt hat. Für so vielfältige Eindrücke vermag uns das Gedächtnis Erinnerung nicht unmittelbar zu liefern. Aber nach und nach formt sich diese in ihm; bei Kunstwerken, die wir zwei- oder dreimal gehört haben, gleichen wir dem Schüler, der vor dem Einschlafen eine Lektion, die er nicht zu können meinte, mehrere Male durchgelesen hat und sie am nachten Morgen dann auswendig hersagt. Bis zu jenem Tage hatte ich noch nichts von der Sonate gehört, und da, wo Swann und seine Frau mit Deutlichkeit eine Passage unterschieden, blieb diese meiner bewußten Wahrnehmung so fern wie ein Name, auf den man sich zu besinnen sucht, an dessen Stelle man aber nur ein Nichts findet, ein Nichts, aus dem eine Stunde später unverhofft die Silben von selbst mit einem Schlage hervorbrechen werden, um die man sich erst vergeblich bemüht hat. Wahrhaft erlesene Werke behält man nicht nur nicht gleich, sondern nimmt innerhalb dieser Werke – und so geschah es auch mir mit der Sonate von Vinteuil – zuerst nur die unbedeutendsten Teile wahr. Es war ein Irrtum von mir zu meinen, dies Werk behalte mir nichts mehr vor, weswegen ich mich lange Zeit nicht darum bemühte, es wieder zu hören, nachdem Frau Swann mir die berühmteste Stelle vorgespielt habe; darin war ich töricht wie die, welche sich keine Überraschung von San Marco in Venedig erhoffen, weil sie die Form der Kirchenkuppeln schon aus der Photographie kennen. – Aber mehr noch: auch als ich die Sonate ganz bis zu Ende gehört hatte, blieb sie mir fast unsichtbar wie ein Bauwerk, von dem Entfernung oder Nebel nur schwache Umrisse lassen. Daher die Melancholie, die mit der Kenntnis solcher Werke sich verknüpft wie mit allem, was in der Zeit sich verwirklicht. Als mir in der Sonate von Vinteuil das Heimlichste sich enthüllte, hatte Gewohnheit meine Aufnahmefähigkeit schon geschwächt und, was ich zu allererst verstanden und besonders geliebt hatte, entging mir nun, ließ mich kalt. Und da ich alles, was die Sonate mir gab, nur in verschiedenen, einander folgenden Zeiträumen habe lieben können, besaß ich sie nie ganz und gar; es ging mir mit ihr wie mit dem Leben. Aber in einem Punkte ist große Kunst nicht so enttäuschend wie das Leben, sie gibt uns nicht gleich anfangs ihr Bestes. In der Sonate von Vinteuil wird man der Schönheiten, die man am ehesten entdeckt, auch am schnellsten müde, weil diese Teile sich eben am wenigsten von schon Bekanntem unterscheiden. Wenn sie uns aber ferngerückt sind, bleibt die Liebe zu einer Passage, deren Aufbau,– zu neu, um unserem Geist etwas anderes als Verwirrung zu bereiten, – sie uns unzugänglich gemacht, unberührt aufbewahrt hat; und nun kommt gerade sie, an der wir täglich vorübergingen, ohne es zu wissen, sie, die aufgesparte, durch die Macht ihrer Schönheit unsichtbar gewordene, die unbekannt gebliebene, als letzte zu uns. Von ihr werden wir aber auch als letzter lassen. Wir werden sie länger lieben als die andern, weil wir mehr Zeit gebraucht haben, um sie lieben zu lernen. Und diese Zeit, die ein Individuum braucht – wie ich bei dieser Sonate –, um in ein tieferes Werk einzudringen, ist nur der Abriß, gleichsam das Symbol der Jahre, bisweilen der Jahrhunderte, die vergehen, ehe das Publikum ein wahrhaft neues Meisterwerk lieben kann. So wird denn der geniale Mensch, um dem Mißverständnis der Menge zu entgehen, sich vielleicht sagen, Werke, die für die Nachwelt geschrieben sind, sollten auch nur von ihr gelesen werden, da den Zeitgenossen der nötige Abstand fehlt, und es so geht wie bei gewissen Bildern, die man aus der Nähe schlecht beurteilen kann. Aber in Wirklichkeit ist jede feige Vorsicht, um falsche Urteile zu vermeiden, nutzlos, sie sind unvermeidlich. Ein geniales Werk findet beim Erscheinen so wenig Bewunderung, weil der, welcher es geschrieben, ein außerordentlicher Mensch ist und wenig Leute ihm ähneln. Doch wird sein Werk die seltenen Geister, die fähig sind, es zu verstehen, befruchten, und ihre Zahl wird sich mehren. Die Quartette von Beethoven (das zwölfte, dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte) haben fünfzig Jahre gebraucht, um ihr Publikum sich zu schaffen und es zu mehren und so, wie alle Meisterwerke, einen Fortschritt, wenn nicht im Werte der Künstler, so doch in der Gesellschaft der Geister verwirklicht, die heut voller Wesen ist, die das Meisterwerk lieben können; und solche Wesen waren zur Zeit seines Erscheinens unauffindbar. Was man Nachwelt nennt, ist die Nachkommenschaft des Werkes. Das Werk (um der Einfachheit halber Genies nicht mit in Betracht zu ziehen, die in derselben Epoche parallel ein besseres Publikum für die Zukunft vorbereiten können, das dann wieder anderen Genies entgegenkommt) – das Werk schafft selbst seine Nachwelt. Wird das Werk also geheimgehalten und erst der Nachwelt bekanntgegeben, so wird diese für das Werk nicht Nachwelt, sondern ein Haufe von Zeitgenossen sein, die einfach fünfzig Jahre später leben. Drum muß der Künstler – und das tat Vinteuil – wenn er will, daß das Werk seinen Weg nimmt, es da, wo Tiefe genug ist, mitten in die ferne Zukunft hineinwerfen. Wenn es der Irrtum der schlechten Kunstrichter ist, mit dieser Zukunft, der eigentlichen Perspektive der Meisterwerke, nicht zu rechnen, so ist es bei den guten Kritikern gefährliche Gewissenhaftigkeit, mit ihr zu rechnen. Da uns am Horizont alle Dinge gleichförmig erscheinen, ist es zu verstehen, wenn wir uns einbilden, alle Revolutionen, die bisher in der Malerei und Musik stattgefunden haben, hätten immerhin sich an gewisse Regeln gehalten und nur, was unmittelbar vor uns liegt, Impressionismus, absichtliche Dissonanz, ausschließliche Anwendung der chinesischen Skala, Kubismus, Futurismus, steche grell von dem Vorhergegangenen ab. Vorhergegangenes sieht man eben an, ohne in Betracht zu ziehen, daß eine lange Assimilation es für uns in eine zwar vielfältige, aber im ganzen doch homogene Masse verwandelt hat, in der Victor Hugo Molières Nachbar ist. Bedenken wir doch nur, welch verdrießliche Mißverhältnisse ein Horoskop unseres eigenen reifen Alters, das man uns während unserer Jugend gestellt hat, ergeben würde, wenn wir nicht mit der Zukunft und den Änderungen, die sie mit sich bringt, rechneten. Allein, die Horoskope stimmen nicht immer, und wenn man bei einem Kunstwerk in das Gesamtwesen seiner Schönheit den Faktor Zeit mit einbeziehen soll, mengt man, unseres Erachtens, etwas so Zufälliges und darum ebenso jedes wahren Interesses Entbehrendes ein wie jede Prophezeiung es ist, deren Nichterfüllung ja die geistige Mittelmäßigkeit des Propheten nicht einschließt, denn was die Möglichkeit schafft oder ausschließt, dafür ist das Genie nicht notwendigerweise kompetent; es kann einer Genie besessen haben, ohne an die Zukunft der Eisenbahn oder des Flugzeugs geglaubt zu haben, es kann einer ein großer Psychologe sein, ohne die Falschheit der Geliebten oder des Freundes zu merken, deren Untreue mittelmäßigere Leute vorhergesehen hätten.

Wenn ich die Sonate nicht verstand, so war ich doch entzückt, Frau Swann spielen zu hören. Ihr Anschlag hatte für mich in Verbindung mit ihrem Peignoir, dem Duft auf ihrer Treppe, ihren Mänteln und Chrysanthemen teil an einem eigentümlichen, geheimnisvollen Ganzen und gehörte in eine Welt, die weit über der stand, in welcher Vernunft das Talent analysieren kann »Nicht wahr? Schön ist diese Sonate von Vinteuil!« sagte Swann zu mir. »Der Augenblick, wenn es Nacht wird unter den Bäumen, wenn die Arpeggien der Violine Frische niedergehn lassen. Sie müssen zugeben, daß das sehr hübsch ist. Die ganze Banngewalt des Mondscheins liegt darin, und das ist seine wesentliche Seite. Es ist nicht erstaunlich, daß eine Lichtkur, wie meine Frau sie macht, auf die Muskeln wirkt; denn Mondlicht hindert die Blätter sich zu regen. Das kommt gut heraus in dieser kleinen Passage, es ist das Bois de Boulogne, wie es starr daliegt. Am Meeresstrande ist es noch frappanter, man hört die Wellen, wie sie schwach einander antworten, da das übrige sich nicht bewegen kann. In Paris hingegen bemerkt man höchstens ungewohnte Lichter auf den Bauwerken, einen Himmel, den farbloser, gefahrloser Brand erhellt; man ahnt etwas wie eine unerhörte Sensation. Aber in der kleinen Passage bei Vinteuil ist es etwas anderes und eigentlich in der ganzen Sonate; das spielt im Bois, in dem Doppelvorschlag hört man die Stimme eines Menschen deutlich sagen: Man könnte fast seine Zeitung lesen.« – Diese Worte Swanns hätten für später meine Auffassung der Sonate fälschen können, denn die Musik ist nicht exklusiv genug, um absolut alles auszuschließen, was man in ihr zu finden uns suggeriert. Aber aus andern seiner Wendungen entnahm ich: dies nächtliche Laub war nichts anderes als einfach das Blattwerk, in dessen dichtem Schutz er manchen Abend in verschiedenen Restaurants nah bei Paris die kleine Passage gehört hatte. Statt tiefen Sinnes, den er oft in ihr gesucht, brachte sie Swann Blätterreihen und Blätterbüschel (und die Sehnsucht, dies Laub wiederzusehen, dem sie seelenhaft innezuwohnen schien); sie brachte ihm einen ganzen Frühling, den er ehedem nicht genossen, weil er fiebernd und kummervoll, wie er damals war, nicht genug gesundes Dasein für sie bereit hatte; diesen Frühling hatte sie ihm aufbewahrt (wie man für einen Kranken es mit guten Dingen tut, die er nicht hat genießen können). Nach dem Zauber, den gewisse Nächte im Bois auf ihn übten, und von dem ihm die Sonate von Vinteuil etwas sagen konnte, hätte er Odette nicht gefragt, obwohl sie ihn damals ebenso begleitete wie die kleine Passage bei Vinteuil. Aber Odette war nur neben ihm (nicht in ihm wie das Motiv von Vinteuil) und konnte, hätte sie auch tausendmal mehr Verständnis gehabt, das nicht sehen, was sich bei keinem von uns (wenigstens habe ich lange Zeit gemeint, daß diese Regel keine Ausnahme dulde) nach außen hin manifestieren kann. »Es ist doch im Grunde recht hübsch,« sagte Swann, »daß der Ton das Licht zurückwerfen kann wie Wasser oder ein Spiegel. Sie müssen wissen, daß die Passage von Vinteuil mir immer nur all das zeigt, worauf ich zu jener Zeit nicht achtgab. Von meinen damaligen Sorgen und Liebesgefühlen ruft sie nichts wach, die hat sie vertauscht.« »Charles, was Sie da sagen, scheint mir nicht gerade sehr verbindlich mir gegenüber.« »Nicht verbindlich? Frauen sind großartig! Ich wollte nur einfach dem jungen Manne sagen: was die Musik zeigt –wenigstens mir–, ist durchaus nicht der ›Wille an sich‹ oder die ›Synthese des Unendlichen‹, sondern zum Beispiel der alte Verdurin im Gehrock im Palmenhaus des Jardin d'Acclimatation. Tausendmal hat mich, ohne daß ich das Haus zu verlassen brauchte, die kleine Passage ins Pavillon d'Armenonville zum Diner mitgenommen. Mein Gott, das ist doch jedenfalls weniger langweilig als mit Frau von Cambremer hinzugehen.« Frau Swann lachte; »Das ist eine Dame, die sehr in Charles verliebt gewesen sein soll«, erklärte sie mir im selben Tone, in dem sie kurz vorher von Ver Meer van Delft, den sie zu meiner Verwunderung kannte, gesagt hatte: »Das kommt davon, daß unser verehrter Freund sich viel mit diesem Maler befaßte zur Zeit, als er mir die Cour machte. Nicht wahr, Charlie?« »Was reden Sie da für Zeug von Frau von Cambremer?« sagte Swann; im Grunde war er geschmeichelt. »Ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat. Übrigens scheint sie sehr intelligent zu sein, ich kenne sie nicht. Ich halte sie für sehr »pushing«, was mich bei einer intelligenten Frau wundert. Aber alle Welt sagt, daß sie toll auf Sie war, das hat nichts Kränkendes.« Swann stellte sich taub, das war eine Art Bekräftigung und ein Beweis von Eitelkeit. »Da das, was ich da spiele, Sie an den Jardin d'Acclimatation erinnert,« begann Frau Swann wieder und stellte sich im Scherz pikiert, »könnten wir bald einmal eine Spazierfahrt dahin machen, wenn das den Kleinen amüsiert. Es ist schönes Wetter, und Sie werden da Ihre teuren Erinnerungen wiederfinden! Beim Jardin d'Acclimatation fällt mir ein, dieser junge Mann meint, wir liebten eine Person sehr, die ich im Gegenteil, so oft ich kann, schneide, nämlich Frau Blatin! Ich finde es demütigend für uns, daß sie für unsere Freundin gilt. Bedenken Sie, selbst der gute Doktor Cottard, der von niemandem schlecht redet, hat erklärt, sie sei ekelhaft.« »Ein Greuel! Nur eins hat sie für sich, ihre große Ähnlichkeit mit Savonarola. Sie ist genau das Porträt Savonarolas von Fra Bartolomeo.« Diese Manier Swanns, Ähnlichkeiten auf Gemälden zu entdecken, ließ sich verteidigen; denn selbst das, was wir individuellen Ausdruck nennen, ist – mit Trauer merkt man es, wenn man liebt und gern an die einzige Wirklichkeit des Individuums glauben möchte – etwas Allgemeines und in verschiedenen Epochen anzutreffen. Aber wenn man auf Swann hörte, so war das Gefolge der heiligen drei Könige, das schon so anachronistisch wirkt, da Benozzo Gozzoli die Mediceer darin eingeführt hat, noch viel anachronistischer, denn es enthielt die Porträts einer Menge Menschen, die nicht Zeitgenossen von Gozzoli, sondern von Swann, das heißt, nicht nur fünfzehn Jahrhunderte nach Christi Geburt anzusetzen waren, sondern noch weitere vier nach dem Maler selbst. Nach Swann fehlte in diesem Gefolge kein einziger markanter Pariser. Es ging zu wie in jenem Akt eines Stückes von Sardou, in dem aus Freundschaft für den Autor und die erste Darstellerin, und auch, weil das Mode war, alle Pariser Berühmtheiten, bekannte Ärzte, Politiker, Advokaten, jeder einen Abend, um sich zu amüsieren, als Statisten auf die Bühne kamen. »Aber was für ein Zusammenhang besteht zwischen ihr und dem Jardin d'Acclimatation?« »Ein sehr großer.« »Wie? Sie glauben, daß sie einen himmelblauen Hintern hat wie die Affen?« »Charles, Sie sind von einer Unschicklichkeit ...! Nein, ich dachte an das Wort, das ihr der Singhalese gesagt hat. Erzählen Sie es ihm, es ist wirklich ein klassisches Wort.« »Es ist idiotisch. Sie wissen, daß Frau Blatin mit allen Leuten ein Gespräch anknüpft mit einer Miene, die sie für liebenswürdig hält, die aber eigentlich eher gönnerhaft ist.« »Was unsere lieben Nachbarn an der Themse patronising nennen«, unterbrach Odette. »Letzthin ist sie in den Jardin d'Acclimatation gegangen, wo es Schwarze zu sehen gab, Singhalesen, hat, glaub ich, meine Frau gesagt, die in Ethnographie viel stärker als ich ist.« »Charles, mokier dich nicht.« »Ich mokiere mich durchaus nicht. Also, sie wandte sich an einen dieser Schwarzen und sagte: Guten Tag, Negro!« »Das ist ja weiter nicht schlimm.« »Jedenfalls gefiel diese Bezeichnung dem Schwarzen nicht. – »Ich Negro«, sagte er zornig zu Frau Blatin, »aber du Kamel!« – »Das find ich sehr komisch! Ich liebe die Geschichte! Ist das nicht klassisch? Man sieht ganz deutlich die alte Blatin: »Ich Negro, aber du Kamel!« Ich bekundete dringendes Verlangen, zu den Singhalesen zu gehen, von denen einer Frau Blatin Kamel genannt hatte. Sie interessierten mich durchaus nicht, aber ich dachte mir, wir würden auf dem Hin- und Rückwege durch die Akazienallee kommen, in welcher ich Frau Swann so sehr bewundert hatte, und vielleicht würde Coquelins Freund, der Mulatte, vor dem ich mich nie hatte zeigen können, wenn ich Frau Swann grüßte, an ihrer Seite mich auf dem Vordersitz einer »Viktoria« sehen.

Während der paar Minuten, in denen Gilberte sich zum Ausgehen fertig machte und nicht bei uns im Salon war, gefielen sich Herr und Frau Swann darin, mir die ungewöhnlichen Tugenden ihrer Tochter zu entdecken. Und alles, was ich beobachtete, schien ihre Worte zu bestätigen: ich bemerkte, daß sie, wie ihre Mutter mir erzählt hatte, nicht nur für ihre Freundinnen, sondern auch für die Dienstboten und für die Armen lange vorher überlegte zarte Aufmerksamkeiten hatte, großes Verlangen, zu erfreuen, Furcht, Unzufriedenheit zu erregen, und das verriet sich in Kleinigkeiten, bei denen sie sich oft sehr abquälte. Sie hatte für unsere Händlerin in den Champs-Élysées eine Handarbeit gemacht und ging im Schnee aus, um sie ihr selbst ohne einen Tag Aufschub zu bringen. »Sie machen sich keinen Begriff, was für ein gutes Herz sie hat, denn sie verbirgt es«, sagte ihr Vater. So jung sie war, machte sie einen viel verständigeren Eindruck als ihre Eltern. Wenn Swann von den großen Beziehungen seiner Frau redete, wandte Gilberte schweigend, aber ohne Ausdruck des Tadels, den Kopf ab; denn gegen ihren Vater schien ihr nicht die leiseste Kritik am Platze. Als ich einmal von Fräulein Vinteuil sprach, sagte sie:

»Niemals werde ich sie kennen lernen aus einem einfachen Grund: sie war häßlich zu ihrem Vater, sagt man, sie machte ihm Kummer. So etwas können Sie so wenig begreifen wie ich, nicht wahr? Sie möchten doch Ihren Papa nicht überleben, ich meinen auch nicht. Wie könnte man jemals jemand vergessen, den man immer geliebt hat.« Und als sie einmal besonders zärtlich zu Swann war, und ich sie darauf aufmerksam machte, nachdem er fort war, da sagte sie: »Ja, der arme Papa. In diesen Tagen ist der Todestag seines Vaters. Sie können sich vorstellen, was er da durchmacht, Sie verstehen das, darin empfinden Sie wie ich. Ich gebe mir also Mühe, weniger ungezogen zu sein als gewöhnlich.« »Aber er findet Sie nicht ungezogen, er findet Sie vollkommen.« »Armer Papa, er ist eben zu gut.«

Ihre Eltern beschränkten sich nicht darauf, die Tugenden Gilbertes vor mir zu loben – dieser Gilberte, die mir schon, bevor ich sie überhaupt gesehen, vor einer Kirche in einer Landschaft der Isle-de-France erschien, und dann, Anstoß nicht mehr der Träume, sondern des Erinnerns, immer für mich vor der Rotdornhecke auf dem Hügelweg stand, den ich einschlug, wenn ich nach Méséglise zu ging. – Als ich Frau Swann aus Neugier auf die Vorliebe eines Mädchens im schlecht gespielten, beiläufigen Ton eines Freundes des Hauses fragte, welche von ihren Kameraden Gilberte am liebsten habe, antwortete Frau Swann:

»Aber Sie müssen doch tiefer in die Geheimnisse meiner Tochter eingeweiht sein, Sie, der große Günstling, der große Crack, wie die Engländer sagen.«

Wenn sich bei einem so vollkommenen Zusammentreffen die Wirklichkeit dem anpaßt, was wir solange geträumt haben, verbirgt sie es uns ganz, vermischt sich mit ihm, wie zu zwei gleich großen übereinandergelegten Figuren, die nur noch eine bilden; wir aber möchten im Gegenteil das Besondere an unserer Freude betonen und allem Einzelnen, das wir ersehnen in dem Augenblick, da es erreicht ist, – um seiner Wirklichkeit sicherer zu sein – den Zauber seiner Unberührbarkeit wahren. Der Gedanke kann den alten Zustand nicht wiederherstellen; um ihn mit dem neuen zu konfrontieren, hat er nicht Spielraum mehr. Die Erfahrung, die wir gemacht haben, die Erinnerung an die ersten unerhofften Minuten, die Worte, die wir gehört, sind nun einmal da und versperren unserem Bewußtsein den Zutritt, sie beherrschen die Ausgänge unserer Erinnerung noch mehr als die unserer Einbildungskraft, sie wirken noch stärker auf unsere Vergangenheit zurück (die wir nicht mehr anzuschauen die Macht haben, ohne jene einzubeziehen) als auf die freibleibende Form unserer Zukunft. Jahrelang hatte ich glauben können: zu Frau Swann zu kommen, das sei ein wesenloses Hirngespinst, das sich mir nie verwirklichen würde; nachdem ich aber eine Viertelstunde bei ihr zugebracht hatte, war die Zeit, in der ich sie noch nicht kannte, zum Hirngespinst geworden und wesenlos wie eine Möglichkeit, welche durch die Verwirklichung einer anderen Möglichkeit zunichte gemacht wird. Wie hätte ich jetzt noch von dem Eßzimmer als von einer unfaßbaren Stätte träumen können, da doch in meinem Geiste sich nichts regen konnte, ohne den unablenkbaren Strahlen zu begegnen, die bis ins Unendliche zurück, bis in meine fernste Vergangenheit der Hummer à l'américaine entsandte, den ich gerade gegessen hatte. Und Swann mochte in seiner eigenen Erfahrung einen analogen Vorgang beobachtet haben: denn die Wohnung, in der er mich empfing, war anzusehen als die Stätte, in der sich zweierlei vermischte und zusammentraf: die ideale Wohnung, die meine Phantasie erzeugt hatte, und jene andere, welche Swanns eifersüchtige Liebe, ebenso erfinderisch wie meine Träume, ihm oft ausgemalt hatte, Odettes und seine gemeinsame Wohnung, die ihm als etwas so Unerreichbares erschienen war an jenem Abend, als Odette ihn und Forcheville mitgenommen hatte, eine Orangeade bei ihr zu trinken; das war nun aufgesogen von der Wirklichkeit, in der das Eßzimmer lag, in dem wir jetzt frühstückten; daß er in diesem unerhofften Paradies einmal zu seinem und Odettes gemeinsamen Butler sagen würde: »Ist die gnädige Frau fertig?«, das hatte er sich einst nicht ohne Herzklopfen vorstellen können; jetzt hörte ich ihn dieselben Worte in einer Mischung von leichter Ungeduld und befriedigter Eitelkeit aussprechen. Ebensowenig wie vermutlich Swann war ich imstande, mir mein Glück bewußt zu machen, und als einmal Gilberte selbst ausrief: »Wer hätte gedacht, das kleine Mädchen, das Sie Barlauf spielen sahen, ohne zu ihm zu sprechen, würde einmal Ihre große Freundin werden, zu der Sie alle Tage kommen, wenn Sie Lust haben!« – da sprach sie von einer Veränderung, die ich von außen her konstatieren mußte, innerlich aber nicht erlebte, denn sie trennte zwei Zustände, die ich nicht gleichzeitig denken konnte, ohne daß sie aufhörten, unterschieden zu sein.

Und doch mochte diese Wohnung, die Swann so leidenschaftlich ersehnt hatte, für ihn einige Süße behalten, wenn ich auf ihn von mir schließen durfte, für den sie nicht alles Geheimnisvolle verloren hatte. Den besondern Schimmer, von dem ich lange Zeit hindurch das Leben der Swann umflossen glaubte, verdrängte ich nicht völlig aus ihrem Haus, als ich eindrang; er wich nur vor mir zurück, eingeschüchtert von diesem Fremden, diesem Paria, der ich gewesen war, dem jetzt Frau Swann anmutig einen herrlichen Sessel –, feindlich chokiert sah er aus – hinschob; in meiner Erinnerung aber spüre ich diesen Schimmer noch rings um mich. Kommt das daher, daß ich an Tagen, an denen mich Herr und Frau Swann zum Frühstück und nachfolgender Spazierfahrt mit ihnen und Gilberte einluden, beim Warten die mir eingeprägte Vorstellung: gleich wird Frau Swann oder ihr Gatte oder Gilberte kommen, mit meinen Blicken auf den Teppich, die Sessel, die Konsolen, Paravents und Bilder übertrug? Kommt es daher, daß seitdem diese Dinge in meinem Gedächtnis neben den Swann leben und schließlich etwas von ihnen angenommen haben? Und daß durch mich aus diesen Dingen, unter denen ich die Swann ihr Dasein zubringen wußte, Embleme ihres Privatlebens und ihrer Gewohnheiten wurden, von denen ich so lange ausgeschlossen gewesen? (Fremdartig blieben sie noch weiterhin, auch als mir die Gunst erwiesen wurde, mich unter sie zu mischen.) Jedenfalls, so oft ich an diesen Salon denke, den Swann uneinheitlich fand, ohne mit dieser Kritik etwas gegen den Geschmack seiner Frau sagen zu wollen – alles darin war ja noch in dem Stil (dem Mischgebild aus Atelier und Treibhaus) jener Wohnung, in der er Odette kennen gelernt, doch hatte sie schon angefangen in diesem Durcheinander eine Reihe wunderlicher Gegenstände, die sie jetzt selbst etwas »minderwertig« und »talmi« fand, durch eine Fülle kleiner mit alten Louis XIV-Seiden bespannter Möbel zu ersetzen (ganz abgesehen von den Prachtstücken, die Swann aus dem Hause am Quai d'Orléans mitgebracht hatte) – so oft ich jetzt an diesen zusammengewürfelten Salon denke, gewinnt er eine Einheit, einen eigenen Reiz, wie ihn nicht einmal die stilvollsten Einrichtungen, die aus vergangener Zeit uns überkommen sind, noch die lebendigsten neuen, die das Gepräge einer Persönlichkeit tragen, für mich besitzen. Nur wir selbst können gewissen Dingen, die wir sehen, durch unsern Glauben an ihr Dasein Seele geben, und die behalten und entwickeln sie dann in uns. Stellte ich mir vor, wie die Swann in dieser Wohnung ihre Stunden verbrachten, Stunden, die anders waren als die anderer Menschen, das Besondere an ihrem Leben ausdrückten und für ihren Alltag waren, was für die Seele der Körper ist, dann verteilten sich meine Gedanken in überall gleich verwirrender, gleich unerklärlicher Art unter die Gegenstände, verquickten sich mit der Aufstellung der Möbel, der Dichte der Teppiche, der Lage der Fenster und der Aufwartung der Bedienten. Nahmen wir nach dem Essen am großen Erkerfenster des Salons in der Sonne den Kaffee und fragte mich Frau Swann, wieviel Stück Zucker ich wolle, dann entströmte dem seidenen Taburett, das sie mir zuschob (und nicht ihm allein) zugleich mit dem wehen Reiz, den ich ehemals – unterm Rotdorn, dann neben dem Lorbeergebüsch – bei dem Namen Gilberte empfand, auch die frühere Feindseligkeit der Eltern Gilbertes gegen mich. Das kleine Möbel schien sie gekannt und geteilt zu haben, und unwürdig fühlte ich mich, meine Füße auf seine schutzlose Polsterung zu tun, ich kam mir dabei etwas niederträchtig vor. Es war durch heimliche Seeleneinheit verbunden mit dem Lichte der zweiten Nachmittagsstunde, das anders war hier als sonst irgendwo, hier in dem Golf, wo es zu unsern Füßen seine Goldflut spielen ließ, aus welcher bläuliche Diwane, duftige Tapeten auftauchten wie verzauberte Inseln; ja der Rubens oberhalb des Kamins besaß auch nur dergleichen und fast ebenso gewaltigen Zauber wie die Schnürschuhe von Herrn Swann und sein Cape, das mir solche Lust gemacht hatte, ein Gleiches zu tragen. Jetzt aber bat Odette ihren Gatten, es durch ein anderes zu ersetzen, um eleganter zu sein, wenn ich ihnen die Ehre erwies, mit ihnen auszufahren. Auch sie ging nun, sich umzuziehen, obgleich ich darauf bestand, es sei kein Straßenkleid annähernd so schön wie der wunderbare Schlafrock aus Crêpe de Chine oder Seide, altrosa, kirschrot, Tiepolorosa, weiß, mauve, grün, rot, gelb, glatt oder gemustert, in dem Frau Swann mit uns gefrühstückt hatte und den sie nun ablegen wollte. Wenn ich sagte, sie solle so ausfahren, lachte sie spöttisch über meine Unwissenheit oder vergnügt über mein Kompliment. Sie bat um Verzeihung für ihre vielen Peignoirs, sie fühle sich nun einmal nur in ihnen wohl, und verließ uns, um eine der herrlichen Roben anzulegen, die allgemeiner Anerkennung sicher waren. (Unter diesen mußte ich aber bisweilen auf ihren Wunsch die auswählen, die mir für heute am besten gefiele.)

Wie stolz war ich, sobald wir im Jardin d'Acclimatation ausgestiegen, an Frau Swanns Seite zu gehen! Während sie lässig schreitend ihren Mantel wallen ließ, warf ich bewundernde Blicke auf sie, die sie kokett mit einem langen Lächeln erwiderte. Trafen wir irgendeinen Kameraden Gilbertes, Mädchen oder Knaben, welcher uns von weitem grüßte, so war jetzt ich an der Reihe, von andern als eins der Wesen betrachtet zu werden, wie ich sie früher so beneidet hatte, als einer der Freunde Gilbertes, die ihre Familie kannten und mit der andern Hälfte ihres Lebens verknüpft waren, mit der, die sich nicht in den Champs-Élysées abspielte.

Oft kreuzten wir in den Alleen des Bois oder des Jardin d'Acclimatation eine oder die andere große Dame aus Swanns Freundeskreis, und sie grüßte uns; manchmal bemerkte Swann sie nicht, dann machte seine Frau ihn aufmerksam: »Charles, sehen Sie Frau von Montmorency nicht?« Auf seinem Gesicht erschien das vertrauliche Lächeln langjähriger Freundschaft, doch zog er tief den Hut mit einer Eleganz, wie sie nur ihm eigen war. Bisweilen blieb die Dame stehen und freute sich, Frau Swann eine Höflichkeit erweisen zu können, die zu sonst nichts verpflichtete; sie wußte, Frau Swann würde nicht weiteren Nutzen daraus zu ziehen suchen, Swann hatte sie ja an Reserve gewöhnt. Gleichwohl hatte sie alle Manieren der großen Welt angenommen, und so elegant und vornehm die Haltung der Dame sein mochte, Frau Swann kam ihr darin immer gleich; sie blieb einen Augenblick bei der Freundin, die ihr Gatte getroffen hatte, stehen, stellte Gilberte und mich ungezwungen vor und bewahrte dabei soviel Freiheit und Ruhe, daß es schwer gewesen wäre zu sagen, wer von den beiden die große Dame war, Swanns Frau oder die aristokratische Passantin. Am Tage, an dem wir bei den Singhalesen waren, bemerkten wir auf dem Rückweg, in unserer Richtung kommend, von zwei andern gefolgt, die sie zu geleiten schienen, eine bejahrte, aber noch schöne Dame, in einen dunklen Mantel eingehüllt und mit einen kleinen Kapotthut auf dem Kopf, der unter dem Kinn mit zwei Bändern befestigt war. »Ah, da kommt jemand, der Sie interessieren wird«, sagte Swann zu mir. Jetzt war die alte Dame drei Schritt von uns; sie lächelte süß. Swann zog den Hut, Frau Swann machte einen Hofknix und wollte die Hand der Dame küssen, die einem Porträt von Winterhalter ähnlich sah. Sie hob Odette auf und küßte sie. »Wollen Sie wohl Ihren Hut aufsetzen, Sie«, sagte sie mit lauter, etwas mürrischer Stimme im Ton einer vertrauten Freundin zu Swann. »Ich werde Sie Ihrer Kaiserlichen Hoheit vorstellen«, sagte Frau Swann zu mir. Swann zog mich, einen Augenblick beiseite, während Frau Swann mit der Hoheit vom schönen Wetter und den neu eingetroffenen Tieren im Jardin d'Acclimatation plauderte. »Es ist die Prinzessin Mathilde«, sagte er zu mir. »Sie wissen, die Freundin von Flaubert, Sainte-Beuve und Dumas. Denken Sie, die Nichte Napoleons I! Um ihre Hand hat Napoleon III angehalten und der Kaiser von Rußland. Ist das nicht interessant? Sprechen Sie ein wenig mit ihr. Aber ich wollte, daß sie uns nicht eine Stunde auf den Beinen hielte.« »Ich habe Taine getroffen, der mir sagte, daß Hoheit mit ihm böse sind,« sagte Swann. »Er hat sich aufgeführt wie ein Schwein«, erwiderte sie derb. »Nach dem Artikel, den er über den Kaiser geschrieben hat, habe ich ihm eine Karte mit p.p.c. abgeben lassen.« Es war für mich eine Überraschung, wie wenn man etwa die Briefe der Herzogin von Orleans, der geborenen Prinzessin von der Pfalz, aufschlägt. Wohl empfand die Prinzessin Mathilde sehr französisch, doch mit der ehrenwerten Derbheit, die dem Deutschland von Einstmals eigen war und die sie gewiß von ihrer württembergischen Mutter geerbt hatte. Sobald sie aber lächelte, wurde ihre etwas karge, fast männliche Freimütigkeit durch italienisches Schmachten gemildert. Und die ganze Erscheinung steckte in einem Aufzug, der ganz Zweites Kaiserreich war. Die Prinzessin kleidete sich gewiß nur aus Anhänglichkeit an die Moden, welche sie einst geliebt hatte, so; aber es wirkte, als habe sie die Absicht, keinen Fehler im historischen Kolorit zu begehen und der Erwartung derer zu entsprechen, die von ihr die Beschwörung einer anderen Zeit erhofften. Ich flüsterte Swann zu, er solle sie fragen, ob sie Musset gekannt habe. »Sehr wenig, Herr Swann«, antwortete sie mit scheinbar verdrossener Miene, es war ein Scherz, daß sie zu ihrem alten Freunde Herr sagte. »Ich hatte ihn einmal zum Diner bei mir. Auf sieben Uhr hatte ich ihn eingeladen. Um halb acht setzten wir uns, da er noch nicht kam, zu Tisch. Um acht erscheint er, begrüßt mich, setzt sich, spricht kein Wort und geht nach dem Essen fort, ohne daß ich den Klang seiner Stimme gehört hätte. Er war schwer betrunken. Das hat mich nicht gerade ermutigt, es noch einmal mit ihm zu versuchen.« Swann und ich standen etwas abseits. »Ich hoffe, diese kleine Sitzung wird sich nicht in die Länge ziehen,« meinte er, »mich schmerzen die Fußsohlen. Ich weiß auch gar nicht, warum meine Frau das Gespräch so belebt. Nachher wird sie wieder über Erschöpfung klagen, und ich kann das lange Aufrechtstehen nicht mehr aushalten.« Frau Swann war gerade dabei, der Prinzessin, auf eine Auskunft hin, die sie von Frau Bontemps hatte, mitzuteilen, daß die Regierung nun endlich ihre Flegelei eingesehen und beschlossen habe, ihr eine Einladung zu schicken, um von der Tribüne aus dem Besuche beizuwohnen, den der Zar Nikolaus übermorgen im Dôme des Invalides machen sollte. Aber die Prinzessin, die trotz allem Anschein, trotz der Art ihrer Umgebung, die sich vorwiegend aus Künstlern und Schriftstellern zusammensetzte, im Grunde, jedesmal wenn sie zu handeln hatte, die Nichte Napoleons blieb, erwiderte: »Jawohl, diese Einladung habe ich heute morgen bekommen und sie dem Minister zurückgeschickt, der sie vermutlich jetzt schon hat. Ich habe ihm gesagt, ich brauche keine Einladung, um in den Dôme des Invalides zu gehen. Wenn die Regierung wünscht, daß ich hinkomme, dann gehe ich nicht auf eine Tribüne, sondern in unsere Gruft, wo das Grab des Kaisers ist. Dazu brauche ich keine Karten. Ich habe meine Schlüssel. Ich kann hinein, wann ich will. Die Regierung hat mich nur wissen zu lassen, ob sie wünscht, daß ich komme oder nicht. Aber wenn ich hingehe, dann da unten hin oder gar nicht.« In diesem Augenblick wurden Frau Swann und ich von einem jungen Mann gegrüßt, der ihr guten Tag sagte, ohne stehenzubleiben. Es war Bloch. Ich wußte nicht, daß sie ihn kannte. Auf meine Frage sagte Frau Swann, er sei ihr von Frau Bontemps vorgestellt worden, er sei Attaché im Kabinett des Ministers, was ich nicht wußte. Oft mochte sie ihn übrigens nicht gesehen haben – oder sie wollte ihn nicht bei seinem Namen nennen, den sie vielleicht nicht gerade »chick« fand – sie sagte nämlich, er heiße Herr Moreul. Ich versicherte ihr, sie müsse ihn mit jemandem verwechselten, er heiße Bloch. Die Prinzessin richtete eine Schleppe, die sich hinter ihr ausbreitete und die Frau Swann bewundernd betrachtete. »Das ist ein Pelz, den mir der Kaiser von Rußland geschickt hat,« sagte die Prinzessin, »und da ich ihn eben besuchte, habe ich das angelegt, um ihm zu zeigen, daß es sich als Mantel arrangieren ließ.« »Prinz Louis soll in die russische Armee eingetreten sein, die Prinzessin wird trostlos sein, ihn nicht mehr bei sich zu haben«, sagte Frau Swann, ohne die Zeichen von Ungeduld bei ihrem Gatten zu bemerken. »Das hat er gerade nötig gehabt! Ich habe ihm auch gesagt: ›Daß du einen Militär in der Familie hast, ist doch kein Grund dafür‹«,antwortete die Prinzessin, sie spielte schlicht und barsch auf Napoleon I an. Swann hielt es nicht mehr aus. »Madame, jetzt werde ich die Hoheit machen und um die Erlaubnis bitten, mich zu verabschieden, aber meine Frau ist sehr leidend gewesen, ich will nicht, daß sie länger still stehen bleibt.« Frau Swann machte von neuem einen Knix, und die Prinzessin hatte für uns alle ein göttliches Lächeln, das sie wohl aus der Vergangenheit mitbrachte, von den Grazien ihrer Jugend, den Abenden von Compiègne, es glitt unberührt und süß über das eben noch mürrische Gesicht; dann entfernte sie sich, gefolgt von den beiden Hofdamen, die in der Art von Dolmetschern, von Kindermädchen oder Krankenschwestern unsere Unterhaltung nur mit unwesentlichen Redensarten und unnötigen Erklärungen durchsetzt hatten. »Sie müssen noch in dieser Woche Ihren Namen bei ihr einschreiben,« sagte Frau Swann zu mir, »Karten gibt man nicht ab bei all diesen royautés, wie die Engländer sagen, aber sie wird Sie einladen, wenn Sie sich einschreiben lassen.«

In diesen letzten Wintertagen traten wir bisweilen vor der Spazierfahrt in eine der kleinen Ausstellungen ein, die gerade eröffnet wurden. Dort begrüßten Swann als Sammler von Ruf mit besonderer Ehrerbietung die Bilderhändler, bei denen die Ausstellungen stattfanden. Und in dieser Jahreszeit, da es noch kalt war, erwachte meine alte Sehnsucht, in den Süden und nach Venedig zu reisen, wenn ich in den Sälen einen schon volleren Frühling und eine glühende Sonne Veilchenschatten auf rosa Alpenabhänge legen und dem Canale grande die dunkle Durchsichtigkeit des Smaragd geben sah. War schlechtes Wetter, gingen wir in ein Konzert oder Theater und dann zu einem ›Tee‹. Hatte Frau Swann mir etwas zu sagen, das die Personen an den Nachbartischen oder selbst die bedienenden Kellner nicht verstehen sollten, so sagte sie es auf englisch, als wäre das eine Sprache, die nur wir beide kennten. Dabei konnte alle Welt Englisch, nur ich hatte es noch nicht gelernt und war nun gezwungen, ihr dies einzugestehen, damit sie nicht mehr über die Personen, die den Tee tranken, und die, welche ihn brachten, Bemerkungen mache, die, wie ich vermutete, unfreundlich waren und von denen ich selber kein Wort verstand, während das betroffene Individuum keins verlor.

Einmal bereitete mir Gilberte gelegentlich einer Theatermatinee eine tiefgehende Überraschung. Und zwar war es gerade an dem Tage, von dem sie mir zuvor gesprochen hatte, dem Todestage ihres Großvaters. Wir beide sollten zusammen mit ihrer Hauslehrerin Stücke aus einer Oper hören, und Gilberte hatte sich schon zum Ausgehen angezogen; sie bewahrte die gleichgültige Miene, die sie gewöhnlich allem gegenüber zeigte, was wir unternahmen; ihr wäre alles gleich, pflegte sie anzugeben, wenn es mir nur Vergnügen mache und ihren Eltern angenehm sei. Vor dem Frühstück nahm ihre Mutter uns beiseite und sagte ihr, es verdrieße ihren Vater, uns an dem Tage ins Konzert gehen zu sehen. Das fand ich natürlich. Gilberte verhielt sich ganz still, konnte aber einen Zorn, der sie erblassen machte, nicht verbergen, sie sprach kein Wort mehr. Als Herr Swann kam, zog seine Frau ihn in die andere Ecke des Salons und sagte ihm etwas ins Ohr. Er rief Gilberte und ging mit ihr ins Nebenzimmer. Man hörte laut reden. Ich konnte mir aber nicht denken, daß Gilberte, dies gehorsame, zärtliche, verständige Kind, an einem solchen Tage und bei einem so geringfügigen Anlaß dem Wunsche ihres Vaters widerstreben werde. Schließlich kam Swann aus dem Zimmer und sagte zu ihr:

»Du weißt, was ich dir gesagt habe. Jetzt tu, was du willst.«

Gilberte blieb während des ganzen Frühstücks starr und gezwungen; nachher gingen wir auf ihr Zimmer. Da rief sie mit einmal unbedenklich und, als ob sie auch vorher keinen Augenblick Bedenken getragen habe: »Zwei Uhr! Sie wissen doch, das Konzert fängt um halb drei an.« Und sie sagte zu ihrer Hauslehrerin, sie solle sich eilen.

»Aber verdrießt das nicht Ihren Vater?« fragte ich.

»Durchaus nicht.«

»Er hatte doch Angst, es könne seltsam erscheinen wegen dieses Jahrestags.«

»Was macht es mir aus, was die andern denken? Ich finde es grotesk, sich in Gefühlsdingen um die andern zu kümmern. Man fühlt für sich, nicht für das Publikum. Mademoiselle, die wenig Zerstreuung hat, macht sich ein Fest daraus, in dies Konzert zu gehen; dessen will ich sie nicht berauben, um dem Publikum ein Vergnügen zu machen.«

Sie nahm ihren Hut.

Ich faßte ihren Arm: »Aber, Gilberte, es handelt sich nicht darum, dem Publikum eine Freude zu machen, sondern Ihrem Vater.«

»Sie haben mir hoffentlich keine Vorwürfe weiter zu machen!« rief sie mit harter Stimme und machte sich hastig los.

Eine noch kostbarere Vergünstigung widerfuhr mir von den Swann als die, in den Jardin d'Acclimatation oder ins Konzert mitgenommen zu werden. Sie schlossen mich nicht von ihrer Freundschaft zu Bergotte aus, die auch ein Grund des Zaubers war, den sie auf mich damals ausübten, als ich Gilberte noch nicht kannte und mir dachte, ihre vertraute Freundschaft zu dem göttlichen Greise würde sie mir zu der mit größter Leidenschaft geliebten Freundin machen, wenn die Verachtung, die ich ihr einflößen mußte, mir nicht die Hoffnung verwehrte, jemals von ihr in die Städte, die Bergotte liebte, mitgenommen zu werden. Da lud mich eines Tages Frau Swann zu einem großen Frühstück ein. Ich wußte nicht, wer die Gäste sein würden. Beim Eintritt ins Vestibül kam ich durch einen Zwischenfall, der mich einschüchterte, aus der Fassung. Selten versäumte es Frau Swann, die Gebräuche zu übernehmen, die während einer Saison für elegant gelten, sich dann nicht halten und bald wieder aufgegeben werden. So hatte sie vor Jahren ihr ›handsome cab‹ gehabt oder auf eine Einladung zum Frühstück drucken lassen, es sei ›to meet‹ eine mehr oder minder wichtige Persönlichkeit. Oft hatten diese Bräuche nichts Geheimnisvolles und erforderten keine Einweihung. So zum Beispiel die aus England importierte geringfügige Neuerung, die Odette veranlaßte, ihrem Gatten Karten drucken zu lassen, auf denen vor dem Namen Charles Swann ein Mr stand. Nach meinem ersten Besuche bei ihr hatte sie eine dieser ›cartons‹, wie sie sie nannte, bei mir abgegeben. Das hatte noch nie jemand getan; ich war ganz stolz. In meiner Aufregung und Dankbarkeit raffte ich alles Geld, das ich besaß, zusammen, bestellte einen herrlichen Korb Kamelien und sandte ihn Frau Swann. Flehentlich bat ich meinen Vater, seine Karte bei ihr abzugeben, sich aber erst neue machen zu lassen, auf denen vor seinem Namen ein Mr stehe. Er schlug mir beide Bitten ab, ein paar Tage hindurch war ich verzweifelt, dann fragte ich mich, ob er nicht doch am Ende recht habe. Die Verwendung eines Mr war, wenn auch zwecklos, immerhin klar. Das traf nicht zu für einen andern Gebrauch, der mir am Tage dieses Frühstücks entdeckt, nicht aber erklärt wurde. Im Augenblick, als ich vom Vorzimmer in den Salon ging, überreichte mir der Butler einen kleinen, länglichen Briefumschlag, auf dem mein Name geschrieben stand. Überrascht bedankte ich mich. Ich sah mir den Umschlag an, wußte aber nicht mehr damit anzufangen als etwa Fremde mit den kleinen Instrumenten, die man bei einem chinesischen Diner den Gästen gibt. Ich bemerkte, daß der Umschlag geschlossen war, fürchtete, es sei indiskret, ihn gleich zu öffnen, und tat ihn, als verstände sich das von selbst, in die Tasche. Frau Swann hatte mir ein paar Tage vorher geschrieben, zum Frühstück im kleinen Kreise zu kommen. Gleichwohl waren sechzehn Personen zugegen; daß sich darunter Bergotte befand, davon wußte ich nichts. Nachdem Frau Swann mich mehreren Gästen, wie sie es ausdrückte, genannt hatte, sprach sie plötzlich nach meinem Namen und in demselben Tonfall wie diesen (und als wären wir nur zwei Tischgenossen, die beide gleich froh sein müßten, einander kennen zu lernen) den Namen des holden Sängers im weißen Haar aus. Der Name Bergotte ließ mich auffahren wie der Knall eines auf mich abgeschossenen Revolvers, aber instinktiv, um Haltung zu wahren, verneigte ich mich; was sich da vor mir abspielte, war wie der Anblick eines Illusionisten, der unversehrt in seinem Gehrock mitten im Rauch des Schusses, aus welchem eine Taube aufflog, stehen bleibt: meinen Gruß erwiderte ein jugendlicher, kleiner, derber, untersetzter, kurzsichtiger Mann, mit roter, wie ein Schneckengehäuse gewundener Nase und schwarzem Kinnbart. Ich war zu Tode betrübt, denn was mir nun zu Staub zerfiel, war nicht allein der schwärmerische Greis, von dem nichts übrig blieb, es war zugleich die Schönheit eines gewaltigen Werkes, die ich wohl in dem hinfälligen, heiligen Organismus unterbringen konnte, den ich ausdrücklich für sie gebaut hatte, für die aber kein Platz war in dem gedrungenen Körper voller Blutgefäße, Knochen, Ganglien des kleinen Mannes da vor mir mit der Stumpfnase und dem schwarzen Knebelbart. Der ganze Bergotte, den ich mir selbst langsam und zart, wie einen Stalaktit Tropfen um Tropfen, aus der durchsichtigen Schönheit seiner Bücher erarbeitet hatte, dieser Bergotte war nun mit einem Schlag für den Augenblick nicht mehr zu brauchen; jetzt mußte ich die Schneckenhaus-Nase beibehalten, mußte den schwarzen Knebelbart verwenden; es ging mir wie mit einer Rechenaufgabe, bei der die gefundene Lösung nichts nützt, da wir die gegebenen Größen nicht genau gelesen haben und nicht im Auge behalten, daß das Ganze eine bestimmte Zahl geben muß. Nase und Knebelbart waren unvermeidliche, sehr störende Elemente geworden, die mich zwangen, die Persönlichkeit Bergottes ganz neu aufzubauen, sie schienen eine gewisse selbstzufriedene Geschäftigkeit anzudeuten, hervorzubringen und beständig abzusondern, die gegen alle Regeln war, denn sie hatte nichts gemein, mit der Art Erkenntnis, die sich in seinen mir so wohlbekannten Büchern voll sanft göttlicher Weisheit entfaltete. Von den Büchern ausgehend, wäre ich nie zu der Nase gelangt; ging ich aber von der Nase aus, die nicht danach aussah, als würde sie sich einschüchtern lassen, sondern witzig Cavalier seul tanzte, so geriet ich in eine ganz andere Richtung, nicht auf das Werk von Bergotte; dieser Weg mußte wohl zur Mentalität eines pressierten Ingenieurs führen, der, wenn man grüßt, es angezeigt glaubt zu sagen: ›Danke und Sie?‹, ehe man ihn noch nach seinem Ergehen gefragt hat, und wenn man ihm erklärt, man sei entzückt, seine Bekanntschaft zu machen, mit einer Abkürzung, die er für fein, klug und echt moderne Ersparnis eitlen Zeitverlustes hält, antwortet: ›Ganz meinerseits.‹ Namen sind zweifellos phantastische Zeichner, die uns von Leuten und Ländern so unähnliche Skizzen liefern, daß wir oft ganz betroffen dastehen, wenn wir statt der eingebildeten Welt die sichtbare vor uns haben (die übrigens auch nicht die wirkliche ist, denn unsere Sinne besitzen nicht in viel höherem Grade die Gabe, ähnlich zu zeichnen als die Einbildungskraft, und die annähernd gut getroffenen Zeichnungen, die man von der Wirklichkeit bekommen kann, sind mindestens ebenso verschieden von der gesehenen Welt als diese von der eingebildeten). Aber im Falle Bergotte war meine Voreingenommenheit durch den Namen nichts im Vergleich zu der durch das mir wohlbekannte Werk, an das ich nun, wie an einen Ballon, den Mann mit dem Knebelbart binden sollte, ohne zu wissen, ob es die Kraft haben würde, mit ihm aufzufliegen. Gleichwohl mußte er Verfasser der Bücher sein, die ich so geliebt hatte, denn als Frau Swann ihm meine Vorliebe für eines dieser Bücher mitzuteilen für nötig hielt, zeigte er sich nicht weiter erstaunt darüber, daß sie an ihn und nicht an einen andern Gast sich wandte, und schien darin kein Mißverständnis zu erblicken; den Gehrock, den er zu Ehren der vielen Mitgeladenen angelegt hatte, aufgefüllt von einem auf das bevorstehende Frühstück gierigen Leibe und in Anspruch genommen von anderen wichtigen Dingen des wirklichen Lebens, lächelte er, als handle sichs um eine längst verstrichene Episode seines früheren Lebens, als spiele man etwa auf ein Kostüm des Herzogs von Guise an, das er in dem und dem Jahr auf einem Maskenball getragen; und alsbald sanken seine Bücher, in ihrem Sturz allen Wert des Schönen, des Weltalls, des Lebens mitreißend, für mich herab zu etwas, das nur als mittelmäßiger Zeitvertreib eines Mannes mit Knebelbart existiert hatte. Ich sagte mir, er müsse sich wohl Mühe damit gegeben haben, wenn er aber auf einer von ertragreichen Austernbänken umgebenen Insel lebte, würde er sich ebensogut mit Erfolg dem Perlenhandel hingeben. Seine Dichtungen schienen mir nicht mehr so unausbleiblich. Und ich fragte mich, ob Originalität wirklich beweise, daß die großen Schriftsteller Götter seien, die jeder in einem nur ihm eigenen Königreich herrschen, oder ob nicht bei all dem ein bißchen Verstellung im Spiele sei und die Unterschiede zwischen den Werken mehr Resultat der Arbeit als Ausdruck einer radikalen Wesensverschiedenheit von Persönlichkeiten. Inzwischen war man zu Tisch gegangen. Neben meinem Teller fand ich eine Nelke, deren Stiel in Silberpapier eingewickelt war. Das beunruhigte mich weniger als der Briefumschlag, der mir im Vorzimmer überreicht worden war und den ich vollständig vergessen hatte. Auch diese Sitte war mir neu, schien mir aber verständlicher, als ich sah, daß alle männlichen Tischgenossen sich einer ähnlichen Nelke bemächtigten, die neben ihrem Gedeck lag, und sie ins Knopfloch ihres Gehrocks steckten. Ich tat wie sie mit der ungezwungenen Miene eines Freidenkers in der Kirche, der zwar die Messe nicht kennt, aber sich erhebt, wenn alle andern sich erheben, und niederkniet, gleich nachdem die andern niedergekniet sind. Eine andere mir unbekannte, weniger ephemere Sitte mißfiel mir mehr. Rechts von meinem Teller befand sich ein kleinerer, bedeckt mit einer schwärzlichen Masse, die ich nicht als Kaviar erkannte. Ich wußte nicht, was ich damit tun sollte, war aber entschlossen, nicht davon zu essen.

Bergotte saß nicht weit von mir, und ich hörte deutlich seine Worte. Da begriff ich den Eindruck des Herrn von Norpois. Er hatte in der Tat ein wunderliches Organ; nichts beeinträchtigt so sehr die materiellen Qualitäten der Stimme, als daß sie einen Gedanken enthält; der Klang der Diphtonge, die Energie der Labiale ist davon beeinflußt. Auch die Diktion ists. Seine schien mir ganz verschieden von seiner Schreibweise, und sogar das, was er sagte, von dem, was seine Bücher erfüllte. Die Stimme aber kommt aus einer Maske und genügt nicht, um uns gleich ein Gesicht wiedererkennen zu lassen, das wir im Werke unmaskiert gesehen haben. Bergotte drückte sich bei gewissen Stellen des Gesprächs in einer Weise aus, die nur Herrn von Norpois affektiert oder unangenehm vorkommen konnte, doch brauchte ich lange, um einen genauen Zusammenhang mit den Teilen seiner Bücher zu entdecken, in denen seine Form so dichterisch und musikalisch wurde. Er erblickte in dem, was er sagte, eine plastische Schönheit, die unabhängig war von dem Sinn des Satzes, und da das menschliche Wort wohl in Beziehung zur Seele steht, ohne sie aber so auszudrücken, wie es der Stil tut, schien Bergotte fast gegen den Sinn zu reden, indem er gewisse Worte psalmodierte und, wenn er in ihnen ein einziges Bild verfolgte, sie ohne Unterbrechung mit gleichem Klange in ermüdender Monotonie aneinanderreihte. Und die Darstellungskraft, die in seinen Büchern eine Bilderfolge und Harmonie ergab, wirkte in seiner Rede anspruchsvoll, hochtrabend und monoton. Dies zu bemerken wurde mir anfangs um so schwerer als das, was er in solchen Momenten sagte, gerade weil es echter Bergotte war, nicht so wirkte, als wäre es von Bergotte. Es war ein reicher Erguß präziser Ideen, die nicht einbegriffen waren in die ›Bergottemanier‹, welche sich viele Journalisten angeeignet haben; und diese Verschiedenheit war vermutlich – wenn auch nur undeutlich im allgemeinen Gespräch wie hinter einem angerauchten Glase wahrzunehmen – ein anderer Aspekt der Tatsache, daß keine Seite Bergottes, die man aufschlug, so war, wie sie irgend einer seiner platten Nachahmer geschrieben hätte, die doch in Artikeln und Büchern ihre Prosa mit Gedanken und Bildern à la Bergotte schmückten. Dieser Stilunterschied rührte daher, daß der echte ›Bergotte‹ vor allem ein gewisses kostbares reales Element war, das im Herzen eines jeden Dinges verborgen, von dem großen Schriftsteller dank seinem Genius zutage gefördert wurde, und diese Förderung war, was der holde Sänger bezweckte, er wollte nicht in ›Bergotte‹ machen. Allerdings machte er das doch, weil er selbst Bergotte und somit jede neue Schönheit seines Werkes das Stückchen Bergotte war, das in einem Ding vergraben ist und von ihm herausgezogen wurde. War aber auch jede dieser Schönheiten mit den andern verwandt und als solche erkennbar, so blieb sie doch etwas Besonderes, wie die Entdeckung, die sie zutage gefördert hatte, blieb neu und somit verschieden von dem, was man Bergottemanier nannte, diese ungenaue Synthese aus schon entdeckten und von ihm selbst redigierten ›Bergottes‹, die den Ungenialen durchaus verwehrten zu mutmaßen, was er anderswo entdecken werde. Das trifft auf alle großen Schriftsteller zu, die Schönheit ihrer Sätze ist ebensowenig vorherzusehen wie die einer Frau, die man noch nicht kennt; sie ist Schöpfung, da sie angewandt wird auf ein äußeres Objekt, an das sie denken – sie denken nicht an sich – und das sie noch nicht ausgedrückt haben. Ein Memoirenschreiber von heute, der, ohne daß man es zu deutlich merke, einen ›Saint-Simon‹ machen wollte, könnte zur Not die ersten Worte des Porträts von Villars schreiben: ›Er war ein ziemlich großer brünetter Mann ... sein Gesichtsausdruck war lebhaft, offen, prononciert,‹ aber welche Schicksalsgunst könnte ihn die zweite Reihe finden lassen, die beginnt: ›und tatsächlich ein wenig verrückt.‹ Die echte Spielart liegt in dieser Fülle wahrer, unerwarteter Elemente, in dem Zweig voll blauer Blumen, der sich wider Erwarten aus der scheinbar schon übervollen Frühlingshecke hebt; die rein formale Nachahmung der Spielart hingegen (und dieser Gedanke ließe sich auf alle anderen Eigenschaften des Stiles anwenden) ist leer und gleichförmig, eigentlich also das genaue Gegenteil von Spielart; und nur wer des Meisters Art nicht begriffen hat, läßt sich von den Nachahmern etwas vortäuschen, das ihn an den Meister erinnert. Wäre Bergotte selbst nur ein Dilettant gewesen, der angeblichen Bergotte deklamiert, wäre seine Diktion nicht durch vitale Beziehungen, auf die das Ohr nicht unmittelbar reagiert, mit lebendigen, arbeitenden Bergottegedanken verknüpft gewesen, auch dann hätte sie zweifellos entzückt. Und gerade, weil er sein Denken präzis an die Wirklichkeit wandte, die ihm gefiel, bekam seine Sprache etwas Positives, das allzu kräftig wirkte und Leute, die von ihm immer wieder nur Worte über den ›ewigen Strudel der Erscheinungen‹ und den ›geheimnisvollen Schauer der Schönheit‹ erwarteten, enttäuschte. Ferner kehrte das qualitativ Seltene und Neue seiner Schriftsprache in seiner Konversation wieder als besonders subtile Art, an eine Frage heranzutreten und dabei alle ihre bereits bekannten Aspekte zu vernachlässigen; es war, als greife er sie von einer unwichtigen Seite an, als sei er auf Irrwegen, ergehe sich in Paradoxien, und so wirkten seine Ideen meist wirr, zumal jedermann nur die Ideen klar nennt, die denselben Grad der Verwirrung haben wie seine eigenen. Übrigens hat jeder neue Gedanke zur Bedingung seines Verständnisses die vorübergehende Ausscheidung des Veralteten, an das wir gewöhnt waren und das uns die Wirklichkeit selbst schien; jede neue Konversation wird, genau wie jede originelle Malerei oder Musik, immer erkünstelt und ermüdend wirken. Sie beruht auf Wendungen, die uns noch ungewohnt sind, der Plauderer scheint uns in lauter Metaphern zu sprechen, das strengt an und erweckt den Eindruck mangelnder Wahrheit. (Im Grunde waren die alten Sprachformen ehedem auch schwer zu verfolgende Bilder, als der Zuhörer noch nicht das Universum kannte, das sie schilderten. Aber nun stellt man sich seit langem vor, daß es das wirkliche Universum sei, und verläßt sich darauf.) Wenn also Bergotte, – was heute ganz einfach erscheint – von Cottard sagte, er sei ein cartesianischer Taucher, der sein Gleichgewicht suche, oder von Brichot, er habe noch mehr Mühe mit seiner Frisur als Frau Swann, weil er in der zwiefachen Besorgnis für sein Profil und seinen Ruf jeden Augenblick darauf achten müsse, daß seine Haartour ihm zugleich das Aussehen eines Löwen und eines Philosophen gebe, so fühlte man sich bald ermüdet und hätte gern auf etwas ›Konkreterem‹ Fuß gefaßt (das sagte man, um etwas Gewohnteres zu bezeichnen). Ich mußte die unkenntlichen Worte, die aus der Maske vor meinen Augen kamen, doch auf den Schriftsteller beziehen, den ich bewunderte, aber man hätte sie nicht in Bücher einfügen können, wie beim Puzzlespiel ein Stück, das in die andern hineinpaßt, sie lagen auf einer andern Ebene und erforderten eine Transposition: mittels dieser fand ich dann eines Tages, als ich mir die von Bergotte gehörten Wendungen wiederholte, das ganze Rüstzeug seines geschriebenen Stils wieder und konnte dessen verschiedene Bestandteile in dem gesprochenen Vortrag, der mir so andersartig vorkam, feststellen und benennen.

Von einem mehr beiläufigen Standpunkt entsprach die besondere, etwas minutiöse, zu intensive Art, gewisse Worte, gewisse Adjektiva, die häufig in seiner Rede wiederkehrten, mit einem bestimmten Pathos auszusprechen, alle Silben deutlich hervortreten, und die letzte singen zu lassen, genau der besondern Auswahl der Stelle, an die er in der Prosa seine Lieblingsworte setzte, die er immer durch eine Art Spielraum gegen das Vorhergehende abgrenzte und in die Gesamtheit seines Satzes so hineinkomponierte, daß man gezwungen war, um keinen Fehler im Rhythmus zu machen, die ganze ›Quantität‹ dieser Worte hervorzuheben. Eine bestimmte Beleuchtung fand man aber in seiner Rede nicht wieder, die in seinen wie in den Büchern einiger anderer Autoren oft im geschriebenen Satze die Erscheinung der Worte modifiziert. Dieses Licht kommt gewiß aus großen Tiefen und seine Strahlen dringen in den Stunden, da wir, den andern offen im Gespräch, uns selbst in einem gewissen Maße verschlossen sind, nicht bis zu den gesprochenen Worten vor. In dieser Hinsicht gab es mehr Tonabstufungen, mehr Akzent in seinen Büchern als in seiner Rede, einen Akzent, unabhängig von der Schönheit des Stiles, von dem der Autor gewiß selbst nichts gemerkt hat, denn er ist von seiner intimsten Persönlichkeit nicht zu trennen. Dieser Akzent gab dort, wo Bergotte in seinen Büchern ganz natürlich war, oft ganz unbedeutenden Worten Rhythmus. Im Text ist dieser Akzent nicht notiert, nichts weist auf ihn hin, und er fügt sich den Sätzen doch ein, man kann sie nicht anders sprechen, er ist das Ephemerste und zugleich Tiefste des Schriftstellers, das, was für seine Natur zeugen wird und dartun, ob er trotz aller Härten, die er ausdrückte, sanft, trotz aller Sinnlichkeit gefühlvoll war.

Gewisse Besonderheiten des Ausdrucks, die schwach in Bergottes Gespräch zu spüren waren, gehörten nicht eigentlich ihm allein, ich habe sie später bei seinen Brüdern und Schwestern kennen gelernt und bei diesen erheblich betonter gefunden. Es war eine gewisse Heftigkeit und Rauheit in den letzten Worten eines heiteren Satzes, ein Schwachwerden und Verhauchen am Ende eines traurigen. Swann, der den Meister schon als Kind gekannt hatte, erzählte mir, daß man damals bei ihm ebensosehr wie bei seinen Geschwistern diesen Familientonfall zu hören bekam; da gab es bald Schreie ungeberdiger Lustigkeit, bald Murmeln träger Melancholie, und in dem Zimmer, in dem sie sich alle zusammen tummelten, spielte er besser als irgendeiner seinen Part in ihren abwechselnd ohrenbetäubenden und verwimmernden Konzerten. So eigenartig solch ein Stimmfall gewisser Wesen sein mag, er verflüchtigt sich und überlebt seine Träger nicht. Mit dem Ton der Familie Bergotte kam es anders. So schwer es sogar in den ›Meistersingern‹ zu begreifen ist, wie ein Künstler Musik erfinden kann, während er die Vögel zwitschern hört, – Bergotte hatte in seine Prosa diese Art, auf Worten zu verweilen, die im Freudenausbruch sich häufen oder in traurigen Seufzern vertropfen, übertragen und darin festgehalten. Es gibt in seinen Büchern Satzschlüsse, in denen die Klanghäufung sich verlängert wie in den letzten Akkorden einer Ouvertüre, die nicht enden kann und mehrere Male ihre letzten Takte wiederholt, bis endlich der Kapellmeister den Taktstock niederlegt. Darin habe ich später oft ein musikalisches Äquivalent zu den Stimm-Trompeten der Familie Bergotte gefunden. Bergotte selbst aber hörte unbewußt auf, sie in seiner Rede zu gebrauchen, seit er in seine Bücher sie übertragen hatte. Vom Tage an, da er zu schreiben begann, und erst recht später, als ich ihn kennen lernte, hatte seine Stimme das Instrumenthafte für immer verloren.

Die jungen Bergotte – der künftige Schriftsteller und seine Geschwister – waren gewiß andern jungen Leuten nicht überlegen; im Gegenteil, andere feinere und geistvollere fanden die Bergotte recht laut, geradezu etwas gewöhnlich und mit ihren typischen, halb preziösen, halb albernen Familienspäßen unerträglich. Aber das Genie, ja schon das Talent kommt weniger von einer Überlegenheit im Geistigen und einer Verfeinerung im Sozialen andern gegenüber als von der Fähigkeit, die vorhandenen Elemente umzuformen und zu übertragen. Um eine Flüssigkeit mit einer elektrischen Lampe zu wärmen, kommt es nicht darauf an, eine möglichst starke Lampe zu verwenden, sondern eine, deren Strom aufhören kann zu leuchten, sich ableiten läßt und statt des Lichtes Wärme gibt. Um im Flugzeug zu fahren, bedarf es nicht des stärksten Motors, sondern eines, der, wenn er nicht weiter auf der Erde läuft, sondern die bisher verfolgte Linie in einer Vertikale schneidet, imstande ist, seine horizontale Geschwindigkeit in aufsteigende Kraft zu verwandeln. Ebenso werden geniale Werke nicht von denen hervorgebracht, die im erlesensten Milieu leben, die glänzendste Konversation machen, die umfassendste Bildung besitzen, sondern von solchen, die die Macht haben, plötzlich aufzuhören für sich selbst zu leben, aus ihrer Persönlichkeit einen Spiegel zu machen, in dem ihr Leben, mag es vom gesellschaftlichen und selbst in gewissem Sinn vom geistigen Standpunkt aus noch so mittelmäßig sein, zurückgestrahlt wird. Denn das Genie liegt in der Macht zu reflektieren, nicht in der eigenen inneren Qualität des gespiegelten Schauspiels. Von dem Tage ab, an dem der junge Bergotte seiner Leserwelt den Salon von schlechtem Geschmack, in dem er seine Jugend verbracht hatte, und die nicht besonders witzigen Unterhaltungen daselbst mit seinen Brüdern darstellen konnte –, an diesem Tage stieg er höher als die geistvolleren und distinguierteren Freunde seiner Familie; die mochten auf dem Heimweg in ihren schönen Rolls-Royce sich verächtlich äußern über die Gewöhnlichkeit der Bergotte; er aber in seinem bescheidenen Apparat, der endlich ›losging‹, überflog sie.

Nicht mehr mit den Mitgliedern seiner Familie, sondern mit gewissen Schriftstellern seiner Zeit waren ihm andere Eigenheiten seiner Ausdrucksweise gemein. Diese zeigten sich deutlich, ohne daß sie es wußten, bei jüngeren, die schon anfingen, ihn zu verleugnen, und behaupteten, keinerlei geistige Verwandtschaft mit ihm zu haben; sie wandten dieselben Adverbien, dieselben Präpositionen an, die er beständig wiederholte, bauten ihre Sätze auf seine Art und sprachen in seinem dämpfenden, retardierenden Tonfall: eine Reaktion gegen die beredte, leichte Sprache einer vorangehenden Generation. Vielleicht hatten diese jungen Leute – man wird einige kennen lernen, denen es so erging – Bergotte nicht gekannt: aber seine Art zu denken war ihnen eingeimpft und hatte in ihnen die Veränderungen der Syntax und des Akzentes entwickelt, die in notwendigem Zusammenhang mit der geistigen Originalität stehen, einem Zusammenhang, der an anderer Stelle wird erklärt werden müssen. So hatte auch Bergotte, der seine Art zu schreiben niemandem verdankte, seine Art zu sprechen von einem seiner alten Kameraden, einem wunderbaren Causeur, dessen Einfluß Bergotte erfahren hatte und den er unbewußt in der Unterhaltung nachahmte, der aber selbst, weniger begabt, nie ein wahrhaft bedeutendes Buch geschrieben hatte. Hielte man sich also an die Originalität der Sprechweise, so würde Bergotte als Schüler abgestempelt, als Schriftsteller aus zweiter Hand, während er doch trotz des Einflusses seines Freundes auf seine Konversation, als Schriftsteller original und schöpferisch war. Was Bergotte, wenn er ein Buch loben wollte, hervorhob und gern zitierte, war immer eine bildhafte Szene ohne Vernunftbedeutung – und damit wollte er sich gewiß scharf von der vorhergegangenen Generation unterscheiden, die zu sehr die Abstraktionen, die großen Gemeinplätze geliebt hatte. »Ach«, sagte er dann. »Das ist gut! Da gibt es ein kleines Mädchen in einem orangenen Schal, ach, das ist gut!«, oder etwa: »Ja, da ist eine Stelle, wo ein Regiment durch die Stadt zieht, ach, das ist gut!« In Stilfragen ging er nicht ganz mit seiner Zeit mit (und beschränkte sich übrigens sehr ausschließlich auf das eigene Land; Tolstoi, Georges Elliot, Ibsen und Dostojewski konnte er nicht leiden); das Wort, das immer wiederkehrte, wenn er einen Stil loben wollte, war das Wort ›süß‹. »Ja, ich liebe trotz allem den Châteaubriand von Atala mehr als den von René, mir scheint, er ist süßer.« Er sagte dies Wort wie ein Arzt, dem ein Kranker versichert, daß die Milch ihm Magenweh mache, und der antwortet: »Sie ist doch aber ganz süß.« Und tatsächlich war im Stile Bergottes etwas von der Harmonie, für die die Alten bestimmten Rednern ein Lob erteilten, dessen Natur uns schwerfaßlich ist, da wir nun einmal an unsere modernen Sprachen gewöhnt sind, in denen man auf derartige Wirkungen nicht ausgeht.

Er sagte auch mit schüchternem Lächeln von Seiten seiner Bücher, über die man ihm Bewunderung ausgesprochen hatte: »Ich glaube, es ist ziemlich wahr, ziemlich genau, es kann nützlich sein«, doch einfach nur aus Bescheidenheit, wie eine Frau, der man sagt, daß ihr Kleid oder ihre Tochter entzückend sei, in bezug auf das erste antwortet: »Es ist bequem«, in bezug auf die zweite: »Sie hat einen guten Charakter.« Aber der baumeisterliche Instinkt war zu tief in Bergotte: es entging ihm nicht, daß der einzige Beweis, er habe nützlich und nach der Wahrheit gebaut, in der Freude lag, die ihm sein Werk gegeben hatte, ihm zuerst, und den andern nachher. Nur viele Jahre später, als er kein Talent mehr hatte, änderte sich das: so oft er dann etwas schrieb, womit er nicht zufrieden war, wiederholte er sich selbst, um nicht bei der Veröffentlichung des Werkes die Stelle weglassen zu müssen: »Immerhin, es ist ziemlich genau, es ist nicht ohne Nutzen für mein Land.« Was er einst in listiger Bescheidenheit vor seinen Bewunderern gemurmelt hatte, das flüsterte ihm schließlich im heimlichen Herzen sein beunruhigter Ehrgeiz zu. Die Worte, die Bergotte als oberflächliche Entschuldigung für den Wert seiner ersten Werke gedient hatten, wurden ihm jetzt ein unwirksamer Trost für die Mittelmäßigkeit seiner letzten.

Eine ausgesprochene Strenge des Geschmackes, der Wille, nie etwas zu schreiben, wovon er nicht sagen könne: »Es ist süß«, hatten ihn viele Jahre hindurch für einen sterilen, affektierten Künstler, der an Nichtigkeiten feilt, gelten lassen, aber gerade sie waren das Geheimnis seiner Stärke. Gewohnheit bildet ebenso den Stil des Schriftstellers wie den Charakter des Menschen, und der Autor, der sich mehrere Male begnügt hat, im Ausdruck seines Gedankens eine gewisse Anmut zu erreichen, setzt damit für immer die Grenzen seines Talentes. So gibt man oft dem Vergnügen, der Trägheit, der Furcht vor dem Leiden nach und zeichnet in einen Charakter, bei dem eine Retusche schließlich nicht mehr möglich ist, die Form der eignen Laster und die Enge der eignen Tugend ein.

So habe ich wohl in der Folge viele Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Schriftsteller Bergotte wahrgenommen. Wenn ich aber trotzdem im ersten Augenblick bei Frau Swann nicht geglaubt habe, daß es wirklich Bergotte sei, der Verfasser so vieler göttlicher Bücher, der sich da vor mir befand, hatte ich vielleicht nicht absolut unrecht, denn er selbst (im wahren Sinne des Wortes) »glaubte« es ebensowenig, er glaubte es nicht, denn er bemühte sich eifrig um die Leute der Gesellschaft (ohne im übrigen ein Snob zu sein) und um die Schriftsteller und Journalisten, die tief unter ihm standen. Wohl hatte er jetzt durch den Schiedsspruch der andern erfahren, daß er Genie habe, woneben die gesellschaftliche Stellung und die offiziellen Posten nichts sind. Er hatte erfahren, daß er Genie habe, aber er glaubte es nicht, denn er fuhr fort, mittelmäßigen Schriftstellern gegenüber Ehrerbietung zu heucheln, um demnächst in die Akademie zu kommen, obwohl doch die Akademie oder das Faubourg Saint-Germain mit dem Teil des ewigen Geistes, der Bergottes Bücher geschaffen hat, ebensowenig zu tun haben wie mit dem Prinzip der Kausalität oder der Idee Gottes. Das wußte er auch, wie ein Kleptomane, ohne daß es ihm hilft, weiß, daß das Stehlen vom Übel ist. Der Mann mit dem Knebelbart und der Schneckenhausnase hatte die Listen eines Gentleman, der silberne Löffel stiehlt, um sich zwecks Erlangung des erhofften Sessels in der Akademie der oder jener Herzogin, die über mehrere Stimmen verfügte, zu nähern und dabei niemanden, der in der Verfolgung eines solchen Zieles ein Laster sah, etwas von seinem Manöver merken zu lassen. Es glückte ihm nur halb. Man merkte, wie die Worte des wahren Bergotte mit denen des selbstsüchtigen, ehrgeizigen Bergotte abwechselten, der immer nur bedacht war, von mächtigen, vornehmen und reichen Leuten zu sprechen, um sich zur Geltung zu bringen, er, der doch in seinen Büchern, als er noch wirklich er selbst war, den quellenreinen Zauber der Armut gezeigt hatte.

Wenn nun aber die andern Laster, auf die Herr von Norpois anspielte, die blutschänderische Liebe, die angeblich noch mit Unzartheit in Geldangelegenheiten verquickt war, in verletzender Weise der Tendenz seiner letzten Romane widersprachen (in diesen herrschte so gewissenhafte und schmerzliche Besorgtheit um das Gute, daß davon die geringsten Genüsse der Helden vergiftet wurden und es den Leser in eine Beklemmung trieb, in der das mildeste Dasein schwer zu ertragen schien) –, so bewiesen diese Laster, auch wenn man sie Bergotte mit Recht zutraute, nicht, daß seine Literatur verlogen und soviel Feinfühligkeit nur Komödie sei. Wie in der Pathologie gewisse Zustände mit gleichen Erscheinungsformen, die einen von einer übermäßigen, die andern von einer ungenügenden Spannung oder Absonderung herrühren, so mag es auch Laster aus Überempfindlichkeit und Laster aus Mangel an Empfindlichkeit geben. Vielleicht kann nur vor einem wirklich lasterhaften Leben das moralische Problem in seiner ganzen beängstigenden Stärke aufgeworfen werden. Und diesem Problem gibt der Künstler nicht auf der Ebene seines individuellen Lebens, sondern da, wo für ihn sein wahres Leben ist, eine allgemeine, literarische Lösung. Wie die großen Doktoren der Kirche oft, in all ihrer Güte, ihr Werk damit anfingen, die Sünden aller Menschen kennen zu lernen, und daraus ihre persönliche Heiligkeit gewannen, so bedienen sich oft die großen Künstler, in all ihrer Schlechtigkeit, der eigenen Laster, um zur Schöpfung einer moralischen Regel für alle zu kommen. Die Laster (oder auch nur Schwächen und Lächerlichkeiten) des eigenen Lebenskreises, die leichtfertigen Reden, das frivole und anstößige Leben der eignen Tochter, die Treulosigkeit ihrer Frau oder ihre persönlichen Verfehlungen haben die Schriftsteller am häufigsten gegeißelt, ohne deshalb die üble Wirtschaft oder den schlechten Ton im eigenen Heim zu ändern. Ehedem war dieser Kontrast weniger auffallend als zu Bergottes Zeit, denn es verfeinerten sich die moralischen Begriffe in demselben Maße, in dem die Gesellschaft sich korrumpierte, und dann war jetzt das Publikum mehr als bisher über das Privatleben der Schriftsteller auf dem laufenden; an manchen Abenden zeigte man sich im Theater den Autor, den ich in Combray so bewundert hatte, dort in der Loge in einer Gesellschaft, deren Zusammenstellung allein schon ein ungewöhnlich lächerlicher oder peinlicher Kommentar, eine schamlose Verleugnung der These war, die er gerade in seinem letzten Werk verfochten hatte. Was die einen oder andern mir mitteilen konnten, gab mir keinen genaueren Aufschluß über die Güte oder Schlechtigkeit von Bergotte. Mancher, der ihm nahestand, lieferte Beweise für seine Härte, während irgend ein Unbekannter Beispiele seiner Gefühlstiefe anführte, die besonders ergreifend waren, weil sie offenbar hatten geheim bleiben sollen. Seine Frau hatte er grausam behandelt; aber in einem Dorfwirtshaus, in das er einmal übernachten kam, blieb er am Bett eines armen Weibes, das versucht hatte sich zu ertränken, und ließ, als er schließlich, genötigt war abzureisen, dem Wirt eine Menge Geld zurück, damit er die Unglückliche nicht verjage, sondern sich weiter ihrer annähme. Je mehr sich in Bergotte der große Schriftsteller auf Kosten des Mannes mit dem Knebelbart entwickelte, um so tiefer versank sein eigenes Leben in den Strom aller der Leben, die er sich vorstellte, und band ihn wohl kaum noch an tatsächliche Pflichten, die vielmehr ersetzt wurden durch die Pflicht, sich diese andern Leben vorzustellen. Und weil er nun die Gefühle der andern so deutlich sah, als wären es seine eigenen, konnte er bei gelegentlicher Berührung mit einem Unglücklichen, wenigstens vorübergehend, den Standpunkt dieses Leidenden statt seines persönlichen einnehmen, und von diesem Standpunkt aus mußte ihm die Sprache derer, die vor fremdem Schmerz weiter an ihre kleinen Interessen denken, ein Greuel sein. So kam es, daß er rings um sich gerechten Groll und unauslöschliche Dankbarkeit verbreitete.

Er war vor allem ein Mensch, der eigentlich nichts liebt als bestimmte Bilder und seine Tätigkeit, sie (wie eine Miniatur ins Innere eines Kästchens) in Worte einzufügen und einzumalen. Wenn man ihm irgendeine Kleinigkeit schickte, die ihm Gelegenheit bot, solche Bilder damit zu verknüpfen, zeigte er sich verschwenderisch im Ausdruck seiner Dankbarkeit, während er für ein reiches Geschenk oft nichts Derartiges äußerte. Hätte er sich vor einem Tribunal verteidigen müssen, er würde, ohne es zu wollen, seine Worte nicht nach dem Eindruck, den sie auf den Richter machen könnten, gewählt haben, sondern in Hinblick auf Bilder, die der Richter sicherlich nicht wahrnehmen konnte.

An jenem Tage, als ich ihn zum ersten Male bei Gilbertes Eltern sah, erzählte ich Bergotte, daß ich vor kurzem die Berma in Phèdre gesehen habe; er sagte, in der Szene, in der sie mit in Schulterhöhe erhobenem Arme stehen bleibt, – gerade einer der Szenen, der man so starken Beifall gespendet hatte –, habe sie mit adliger Kunst Meisterwerke beschworen, die sie vielleicht nie gesehen, eine Hesperide, die auf einer Metope in Olympia diese Geste mache, und auch die schönen Jungfrauen des alten Erechtheion. »Es ist vielleicht eine Eingebung, obwohl ich mir vorstellen kann, daß sie in die Museen geht. Es wäre interessant, das nachzuprüfen (›nachprüfen‹ war eine Lieblingswendung von Bergotte, und viele junge Leute, die ihm nie begegnet waren, hatten sie von ihm übernommen, indem sie durch eine Art Wirkung in die Ferne sprachen wie er).«

»Sie denken an die Karyatiden?« fragte Swann.

»Nein, nein,« sagte Bergotte, »außer in der Szene, in der sie der Oenone ihre Leidenschaft bekennt und mit der Hand die Bewegung der Hegeso auf der Stele des Kerameikos macht; es ist eine viel ältere Kunst, die sie wieder belebt. Ich sprach von den Koren des alten Erechtheion, und ich bekenne, daß es vielleicht nichts soweit von der Kunst Racines Entferntes gibt, aber es gibt in Phèdre schon soviel Dinge ... ob nun eins mehr ...? Oh und dann doch! sie ist recht hübsch, die kleine Phädra des sechsten Jahrhunderts, die senkrechte Haltung des Armes, die Locke, die marmorn wirkt, oh doch, ein starkes Stück, das zu erfinden. Darin liegt mehr Antike als in so manchen Büchern, die man heuer ›antikisch‹ nennt.«

Da Bergotte in einem seiner Bücher eine berühmte Anrufung an die archaischen Statuen gerichtet hatte, waren für mich die Worte, die er jetzt aussprach, sehr klar und gaben mir neuen Anlaß, mich für das Spiel der Berma zu interessieren.

Ich versuchte, sie in meinem Gedächtnis wiederzusehen so, wie sie in dieser Szene gewesen war, in der sie, wie ich mich erinnerte, den Arm in Schulterhöhe erhoben hatte. Und ich sagte mir: »Das ist die Hesperide von Olympia, das ist die Schwester einer der wunderbaren Beterinnen der Akropolis, das ist adlige Kunst.« Damit aber diese Gedanken mir die Geste der Berma verschönern könnten, hätte Bergotte sie mir vor der Aufführung liefern müssen. Wäre dann diese Haltung der Künstlerin tatsächlich vor mir sichtbar gewesen in dem Augenblick, wo das, was stattfindet, noch die Fülle der Wirklichkeit hat, ich hätte versuchen können, daraus die Idee archaischer Skulptur zu gewinnen. Was ich nun aber von der Berma in dieser Szene bewahrte, war eine nicht mehr zu modifizierende Erinnerung, geringfügig wie ein Bild, dem die tiefen Untergründe des Gegenwärtigen mangeln, in denen man graben und etwas wahrhaft Neues herausholen kann; solch einem Bilde läßt sich wohl nachträglich eine Auslegung aufzwingen, aber nachprüfen läßt sie sich nicht mehr, es fehlt ihr die Möglichkeit der objektiven Sanktion. Um sich an der Unterhaltung zu beteiligen, fragte mich Frau Swann, ob Gilberte daran gedacht habe, mir das zu geben, was Bergotte über Phèdre geschrieben hatte. »Meine Tochter vergißt alles«, fügte sie hinzu. Bergotte lächelte bescheiden und bestand darauf, das seien ein paar ganz unwichtige Seiten. »Aber es ist doch ein entzückendes Ding dieses Heftchen, dieser kleine ›tract‹«, erklärte Frau Swann, um sich als gute Wirtin zu zeigen und glauben zu machen, sie habe die Broschüre gelesen; sie liebte es nicht nur, Bergotte Komplimente zu machen, sondern auch eine Wahl unter dem, was er schrieb, zu treffen, ihm eine Richtung zu geben. Und tatsächlich inspirierte sie ihn, allerdings auf andere Art, als sie glaubte. Jedenfalls gab es zwischen der Eleganz des Salons von Frau Swann und einer ganzen Seite des Werkes von Bergotte starke Beziehungen, und die alten Leute von Heut können den Salon und das Werk abwechselnd eines als Kommentar des anderen benutzen.

Nun ließ ich mich darauf ein, zu erzählen. Oft fand Bergotte meine Eindrücke nicht richtig, aber er ließ mich reden. Ich sagte, mir habe die grüne Beleuchtung in der Szene, in der Phèdre den Arm hebt, gefallen. »Ah, damit werden Sie dem Dekorationsmaler, der ein großer Künstler ist, Freude machen, ich werde es ihm erzählen, er ist sehr stolz auf diese Beleuchtung. Ich muß allerdings bekennen, daß ich persönlich sie nicht sehr liebe: da schwimmt alles in einer meergrünen Geschichte, die kleine Phèdre wirkt zu sehr wie ein Korallenzweig unten in einem Aquarium. Sie werden einwenden, das hebe die kosmische Bedeutung des Dramas hervor. Das ist wahr. Und doch wäre es besser für ein Stück, das sich bei Neptun abspielt. Ich weiß wohl, Neptuns Rache kommt auch vor. Mein Gott, ich verlange ja nicht, man soll immer nur an Port-Royal denken, aber schließlich ist doch das, was Racine erzählt hat, keine Liebesgeschichte von Seeigeln. Aber mein Freund hat das nun einmal so gewollt, und sehr stark ist es immerhin und im Grunde recht hübsch. Ja, und dann haben Sie es schließlich gern gehabt, Sie verstehen, nicht wahr, wir denken im Grunde darüber gleich. Es ist ein bißchen sinnlos, was er da gemacht hat, nicht wahr, aber schließlich ist es doch sehr klug.« Wenn Bergottes Meinung so der meinen entgegengesetzt war, zwang sie mich doch nicht zum Schweigen, machte mir nicht jede Antwort unmöglich wie die des Herrn von Norpois. Das beweist nicht, daß die Meinungen Bergottes weniger Wert und Gültigkeit hatten als die des Botschafters, im Gegenteil: ein starker Gedanke teilt seinem Widersprecher ein wenig von seiner Kraft mit. Da er teilhat am allgemeinen Wert alles Geistigen, fügt er sich ein, pfropft sich auf dem Geiste dessen, den er widerlegt, er ist mitten unter angrenzenden Gedanken, mit deren Hilfe der Angegriffene nun auch wieder einigen Vorteil gewinnt und den fremden Gedanken vervollständigt und berichtigt; und so wird die schließliche Formulierung in gewisser Weise das Werk der beiden, die disputierten. Nur auf Ideen, die genaugenommen keine sind, Ideen, die keine Anknüpfung, keinen Stützpunkt, keinen brüderlichen Zweig im Geiste des Gegners finden, kann dieser im Kampfe mit lauter Leere nichts antworten. Die Argumente des Herrn von Norpois (in Sachen der Kunst) schlössen jede Replik aus, weil sie ohne Wirklichkeit waren.

Da Bergotte meine Einwürfe nicht ablehnte, gestand ich ihm, daß Herr von Norpois sie mißachtet habe. »Aber das ist doch ein alter Gimpel,« antwortete er, »er hat auf Sie losgehackt, weil er immer meint, einen Ausgekochten oder eine Molluske vor sich zu haben.« »Wie? Sie kennen Norpois?« fragte Swann. »Oh, der ist öde wie Regenwetter«, unterbrach seine Frau, die großes Vertrauen zu Bergottes Urteil hatte und wohl auch fürchtete, Herr von Norpois habe uns Schlechtes von ihr gesagt. »Ich wollte nach Tisch mit ihm plaudern, aber ich weiß nicht, lag es am Alter oder an der Verdauung, kurz, ich fand ihn so trottelig! Man müßte ihm was einspritzen wie einem Rennpferd!« »Ja, nicht wahr,« meinte Bergotte, »recht oft ist er gezwungen zu schweigen, um nicht vor dem Ende der Gesellschaft den Vorrat von törichten Einfällen zu erschöpfen, die seine Hemdbrust stärken und die weiße Weste schwellen.« »Ich finde Bergotte und meine Frau recht streng«, sagte Swann, der in seinem Hause die Rolle des gesunden Menschenverstandes übernommen hatte. »Ich gebe zu, daß Norpois Sie nicht sehr interessieren kann, aber von einem andern Standpunkt (Swann liebte es, die schönen Möglichkeiten des »bunten Lebens« zu sammeln) ist er doch merkwürdig, recht merkwürdig als Liebhaber.« Nachdem Swann sich versichert hatte, daß Gilberte ihn nicht hören konnte, fuhr er fort: »Als Norpois Sekretär in Rom war, hatte er in Paris eine Mätresse, in die er sehr verliebt war; da fand er Mittel und Wege, zweimal in der Woche die weite Reise zu machen, um sie zwei Stunden zu sehen. Es war übrigens eine sehr intelligente und damals entzückende Frau, jetzt ist sie eine Matrone. Und in der Zwischenzeit hat er viele andere gehabt. Ich wäre verrückt geworden, wenn die Frau, die ich liebte, in Paris wohnen müßte, während ich in Rom zurückgehalten wäre. Nervöse Leute müßten immer, wie das Volk sagt, ›unter ihrem Stande‹ lieben, damit das eigene Interesse die Geliebte ihnen ganz ausliefert.« In diesem Augenblick kam Swann zum Bewußtsein, welche Anwendung ich von diesem Grundsatz auf ihn und Odette machen konnte. Und da selbst bei überlegenen Wesen in Momenten, wo sie mit uns über dem Leben zu schweben scheinen, die Eigenliebe doch mesquin bleibt, wurde er von starker Mißstimmung gegen mich ergriffen. Aber das tat sich nur in der Unruhe seines Blickes kund. Im Augenblicke selbst sagte er mir nichts. Das darf nicht zu sehr wundernehmen. Als Racine, nach einer allerdings erfundenen Anekdote, deren Stoff sich aber alle Tage im Pariser Leben wiederholt, vor Ludwig XIV eine Anspielung auf Scarron machte, sagte der mächtigste König der Welt an dem Abend selbst nichts zu dem Dichter: am nächsten Tage fiel Racine in Ungnade.

Da aber eine Theorie die Tendenz hat, ganz ausgedrückt zu werden, vervollständigte Swann, nach dieser ersten Minute der Gereiztheit (nachdem er sein Monocle abgewischt hatte), seinen Gedanken in Worten, die später in meinem Gedächtnis die Wichtigkeit einer prophetischen Warnung bekommen sollten, einer Warnung, die ich nicht beachtete. »Die Gefahr bei dieser Art Liebe ist, daß die Unterwerfung der Frau wohl die Eifersucht des Mannes für eine Weile beruhigt, aber auch anspruchsvoller macht. Es kommt soweit mit ihm, daß er seine Geliebte leben läßt wie die Gefangenen, bei denen Tag und Nacht Licht brennt, damit man sie besser bewachen kann. Und das endigt im allgemeinen mit Dramen.«

Ich kam auf Herrn von Norpois zurück. »Trauen Sie ihm nicht, er hat eine böse Zunge«, sagte Frau Swann, und ihr Tonfall schien mir darauf hinzudeuten, daß Herr von Norpois schlecht von ihr gesprochen habe; auch sah Swann seine Frau mit tadelndem Blick an und, als wollte er sie hindern, mehr zu sagen.

Indessen blieb Gilberte, die man schon zweimal gebeten hatte, sich zum Ausgehen fertig zu machen, bei uns zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater, an dessen Schulter sie sich schmeichlerisch lehnte. Nichts bildete auf den ersten Blick einen stärkeren Kontrast zu Frau Swann, die brünett war, als dieses junge Mädchen mit dem rotbraunen Haar und der goldblonden Haut. Aber nach einer Weile erkannte man bei Gilberte viele Züge – zum Beispiel die Linie der Nase, die der unsichtbare Künstler, dessen Meißel für mehrere Generationen arbeitet, mit heftiger unfehlbarer Entschiedenheit deutlich abgesetzt hatte –, dann den Ausdruck und die Bewegungen der Mutter. Um einen Vergleich aus einer anderen Kunst zu nehmen: sie sah wie ein noch nicht recht ähnliches Porträt von Frau Swann aus, die der Maler in einer Koloristenlaune halb verkleidet hätte Modell stehen lassen, wie im Begriff, sich als Venezianerin zu einem Diner mit Kopfmasken zu begeben. Da sie aber nicht nur eine blonde Perücke hatte, sondern auch jedes dunkle Atom aus ihrer Haut verbannt war, und diese, ihrer braunen Hüllen entkleidet, nackter und nur mit den Strahlen einer inneren Sonne angetan schien, war die Maske nicht oberflächlich, sondern eingefleischt; Gilberte sah aus, als stelle sie ein Fabelwesen dar oder als trage sie eine mythologische Vermummung. Gilbertes rötliche Haut war genau die ihres Vaters; als die Natur dies Kind schuf, hatte sie offenbar die Aufgabe zu lösen, Frau Swann nach und nach neu hervorzubringen und dabei als Materie nur die Haut von Herrn Swann zur Verfügung zu haben. Und die hatte sie in vollkommenster Weise ausgenutzt wie ein meisterlicher Holzschnitzer, der Maserung und Knorren am Holz sichtbar läßt. In Gilbertes Gesicht erschienen in der Haut an Odettes fehlerlos reproduziertem Nasenwinkel unverändert die beiden Schönheitsfleckchen von Herrn Swann. Sie war eine neue Spielart von Frau Swann und neben ihr wie weißer Flieder neben dem violetten gezüchtet. Gleichwohl darf man sich die Trennungslinie zwischen den beiden Ähnlichkeiten nicht absolut eindeutig vorstellen. Manchmal wenn Gilberte lachte, erkannte man das Oval der Backe ihres Vaters im Gesicht ihrer Mutter, als habe man diese beiden Dinge zusammengetan, um zu sehen, was die Mischung ergeben werde. Dies Oval wurde deutlicher, wie ein Embryo sich formt, es verlängerte sich schräg, schwoll an und war im Handumdrehen verschwunden. In Gilbertes Augen war der gute offene Blick ihres Vaters; den hatte sie gehabt, als sie mir die Achatkugel gab und sagte: »Heben Sie sie zum Andenken an unsere Freundschaft auf.« Stellte man aber an Gilberte eine Frage über das, was sie getan habe, so sah man in ebendiesen Augen die Verlegenheit, Unsicherheit, Verstellung und Trauer, die früher an Odette auffiel, wenn Swann sie fragte, wo sie hingegangen, wobei sie ihm eine der verlegenen Antworten gab, die damals den Liebhaber zur Verzweiflung brachten und jetzt den nicht neugierigen und vorsichtigen Gatten veranlaßten, unvermittelt das Thema zu wechseln. Oft wurde ich unruhig, wenn ich in den Champs-Élysées diesen Blick bei Gilberte zu sehen bekam. Aber meistens mit Unrecht. Denn bei ihr entsprach die rein physische Erbschaft der Mutter in diesem Blick – wenigstens in diesem – keinem seelischen Vorgang. Wenn sie zu ihrem Kursus ging, wenn sie zu einer Lektion nach Hause mußte, führten Gilbertes Pupillen die Bewegung aus, die einst in Odettes Augen die Furcht hervorrief, zu verraten, daß sie im Lauf des Tages einen Liebhaber empfangen habe oder in Eile war, um sich zu einem Stelldichein zu begeben. So sah man die beiden Naturen der Eltern in dem Körper dieser Melusine fluten, weichen und abwechselnd eine die andre meistern.

Wohl ist ein Kind dem Vater wie der Mutter ähnlich, allein vererbte Fehler und Vorzüge verteilen sich sehr seltsam in ihm; von zwei Eigenschaften, die bei dem Vater untrennbar schienen, findet man im Kinde nur die eine und zwar verbunden mit jenem Fehler der Mutter, der gerade mit ihr unvereinbar schien, und umgekehrt. Verkörperung einer seelischen Eigenschaft in einem mit ihr unverträglichen physischen Fehler ist ein häufig nachweisbares Gesetz kindlicher Ähnlichkeit. Von zwei Schwestern kann die eine mit dem stolzen Wuchs des Vaters den kleinlichen Geist der Mutter verbinden; die andere bietet des Vaters Geist, der sie ganz erfüllt, der Welt unter der äußeren Erscheinung der Mutter dar; die dicke Nase, der stämmige Bauch, ja sogar die Stimme der Mutter sind bei ihr Einkleidungen geworden von Gaben, die man in einem herrlichen Äußeren kannte. So kann man von jeder der beiden Schwestern mit gleicher Berechtigung sagen, daß sie mehr dem Vater oder mehr der Mutter gleicht als die andere. Allerdings war Gilberte das einzige Kind, aber es gab mindestens zwei Gilberten. Die beiden Naturen der Eltern mischten sich nicht nur in ihr, sie machten das Kind einander streitig, und auch das ist noch ein ungenauer Ausdruck und ließe vermuten, daß während der Zeit eine dritte Gilberte darunter litt, die Beute der beiden andern zu sein. Gilberte war abwechselnd die eine und die andere und immer nur ausschließlich die eine oder andre, das heißt außerstande, wenn sie gerade weniger gut war, darunter zu leiden, da die bessere Gilberte, infolge ihrer augenblicklichen Abwesenheit, diese Entartung nicht feststellen konnte. So stand es der weniger guten frei, sich unedler Vergnügung zu erfreuen. Sprach die andere mit dem Herzen ihres Vaters, so hatte sie weite Gesichtspunkte, man hätte mit ihr ein schönes, wohltätiges Unternehmen ins Werk setzen wollen; das sagte man ihr, aber im Augenblick der Entscheidung war schon wieder das Herz der Mutter an der Reihe; und dann gab dies die Antwort; man war enttäuscht, verwirrt – fast beunruhigt, wie angesichts einer Vertauschung der Personen – durch eine hämische Bemerkung, eine gemeine Grimasse, in der Gilberte sich gefiel, da sie aus dem stammten, was in diesem Moment gerade ihre eigne Natur war. Der Abstand zwischen beiden Gilberten war bisweilen so groß, daß man sich, übrigens vergeblich, fragte, was man ihr angetan habe, um sie so verändert zu finden. Zu dem Stelldichein, das sie uns selbst vorgeschlagen, kam sie nicht nur nicht, sie entschuldigte sich hinterher auch gar nicht; was immer ihren Entschluß geändert haben mochte, sie zeigte sich in der Folge ganz anders; und wenn sie nicht deutlich schlechte Laune zur Schau getragen hätte, an der zu merken war, daß sie sich schuldig fühle und Erklärungen ausweichen wolle, man hätte gemeint, ein Opfer jener Ähnlichkeit zu sein, die das Thema der Menächmen bildet, und gar nicht vor der Person zu stehen, die so artig um ein Wiedersehen gebeten hatte.

»Vorwärts, du läßt uns auf dich warten«, sagte die Mutter zu ihr.

»Ich bin hier so gut bei meinem Väterchen, möchte noch ein bißchen bleiben«, antwortete Gilberte und verbarg den Kopf unter dem Arme des Vaters, der ihr zärtlich mit den Fingern über das blonde Haar strich.

Swann gehörte zu den Männern, die lange in den Illusionen der Liebe gelebt und dann gesehen haben, wie der Wohlstand, den sie einer Anzahl Frauen verschafften, das Glück dieser Frauen erhöhte, ohne bei ihnen Dankbarkeit oder Zuneigung gegen den Wohltäter zu erwecken; in ihrem Kinde aber glauben solche Männer eine Neigung zu fühlen, die ihnen, in ihrem eigenen Namen verkörpert, ein Weiterleben nach dem Tode sichern wird. Wenn es keinen Charles Swann mehr gibt, wird es noch ein Fräulein Swann oder eine Frau X., geborene Swann geben, diese wird weiter den verschwundenen Vater lieben. Vielleicht sogar zu sehr lieben, mochte Swann denken, denn er antwortete Gilberte: »Du bist eine gute Tochter«, in dem gerührten Tone der Besorgnis, die allzu leidenschaftliche Zutunlichkeit eines Wesens, dem es bestimmt ist, uns zu überleben, für die Zukunft uns einflößt. Um sich seine Bewegung nicht anmerken zu lassen, mischte er sich in unsere Unterhaltung über die Berma. Er machte in leichthingeworfenem, etwas verdrossenem Tone – als wollte er sich nicht weiter mit seinen Worten identifizieren – darauf aufmerksam, wie durchdacht und mit welch ungeahnter Treffsicherheit die Schauspielerin zu Oenone sagte: »Du hast's gewußt!« Damit hatte er recht: dieser Tonfall hatte zum mindesten einen fühlbaren Wert und hätte dadurch mein Verlangen befriedigen können, unwiderlegbare Gründe für die Bewunderung der Berma zu finden. Aber gerade wegen seiner Klarheit genügte er diesem Verlangen nicht. Der Tonfall war so geschickt gewählt, sein Zweck und Sinn so deutlich, daß er für sich selbst zu bestehen schien und jede intelligente Künstlerin ihn sich aneignen konnte. Ein schöner Gedanke, aber wem er kam, der besaß ihn auch in vollem Maß. Der Berma blieb das Verdienst, ihn gefunden zu haben; aber kann man das Wort »finden« anwenden, wenn es sich darum handelt, etwas zu finden, das nicht anders wäre, wenn man es gegeben bekäme, etwas, das nicht eigentlich an unser Wesen geknüpft ist, da es ein anderer in der Folge nachbilden kann?

»Mein Gott, wie Ihre Anwesenheit das Niveau der Unterhaltung hebt!« sagte Swann zu mir, wie um sich bei Bergotte zu entschuldigen: er hatte im Kreise Guermantes die Gewohnheit angenommen, die großen Künstler einfach wie gute Freunde zu empfangen, denen man nur Lieblingsspeisen zu essen, Spiele zu spielen und auf dem Lande Gelegenheit zu angenehmem Sport geben will. »Mir scheint, wir sprechen etwas viel von Kunst.« »Das ist gut so, ich liebe das«, sagte Frau Swann und warf mir einen dankbaren Blick zu, aus Güte und auch, weil sie ihre früheren Aspirationen auf eine mehr intellektuelle Unterhaltung noch nicht aufgegeben hatte. Sodann redete Bergotte mit den andern, insbesondere mit Gilberte. Ich hatte ihm alles, was ich empfand, mit einer Freiheit gesagt, die mich selbst erstaunte. Sie kam daher, daß ich seit Jahren (im Laufe vieler Stunden der Lektüre und der Einsamkeit, in denen er mir ein besseres Ich gewesen) gewöhnt war, aufrichtig, offen und voll Vertrauen zu ihm zu sein; er schüchterte mich weniger ein als jemand, mit dem ich zum ersten Male sprach. Allein zugleich war ich sehr besorgt um den Eindruck, den ich auf ihn machen mochte, denn daß er meine Ideen verachten müsse, vermutete ich nicht erst seit heute, sondern seit jenen bereits fernen Zeiten, da ich in unserm Garten zu Combray begonnen hatte, seine Bücher zu lesen. Vielleicht hätte ich mir aber eins sagen sollen: da ich mich meinen Gedanken aufrichtig überließ, einerseits mit Bergottes Werk so tief sympathisierte, andererseits im Theater eine Enttäuschung gehabt hatte, deren Gründe ich nicht kannte, so mochten diese beiden instinktiven Regungen nicht allzu verschieden voneinander sein, sondern denselben Gesetzen gehorchen; der Geist Bergottes, den ich in seinen Büchern geliebt hatte, brauchte meiner Enttäuschung und der Unfähigkeit, sie auszudrücken, nicht als etwas ganz Fremdes und Feindliches gegenüberstehen. Meine Intelligenz mußte etwas Einheitliches sein; vielleicht gibt es überhaupt nur eine einzige, in der alle Welt beieinander wohnt, eine Intelligenz, auf die jeder von seinem besondern Körper aus seine Blicke richtet, wie im Theater, wo ein jeder seinen Platz hat, und es dennoch nur eine Bühne gibt. Gewiß waren die Ideen, zu denen mein Geschmack sich hingezogen fühlte, nicht die, welche Bergotte in seinen Büchern zu ergründen pflegte. Wenn es aber die gleiche Intelligenz war, die er und ich zur Verfügung hatten, mochte er sich ihrer erinnern, während er mich meine Ideen ausdrücken hörte, dann sie auch lieben und ihnen zulächeln und dabei wahrscheinlich, meinen Vermutungen zum Trotz, vor seinem inneren Auge einen ganz andern Teil der Intelligenz haben als den, von welchem in seine Bücher ein Ausschnitt geraten war, nach dem ich mir sein gesamtes geistiges Universum vorgestellt hatte. Wie Priester mit ihrer großen Herzenskenntnis am besten Sünden, die sie nicht begehen, vergeben können, so kann das Genie mit seiner großen Erfahrung in Dingen der Erkenntnis am besten die Ideen begreifen, die denen am meisten widersprechen, welche den Gehalt seines eigenen Werkes bilden. Das hätte ich mir alles sagen müssen (es ist übrigens gar nicht so angenehm zu wissen, denn dem Wohlwollen der hohen Geister entspricht als Corollar Feindseligkeit und Unverstand bei mittelmäßigen; unser Glück über die Liebenswürdigkeit eines großen Schriftstellers, die man allenfalls in seinen Büchern findet; ist weniger stark als unsere Qual bei der Feindseligkeit einer Frau, die man nicht um ihrer Intelligenz willen gewählt hat und doch nicht umhin kann zu lieben). Ich hätte mir das alles sagen müssen, tat es aber nicht. War ich doch überzeugt, daß ich Bergotte töricht vorgekommen sei. Da flüsterte Gilberte mir ins Ohr:

»Ich bin so froh: Sie haben meinen großen Freund Bergotte erobert. Er hat zu Mama gesagt, daß er Sie äußerst intelligent finde.«

»Wo gehen wir hin?« fragte ich Gilberte. »Wohin Sie wollen, für mich, wissen Sie, ob ich nun da oder dorthin gehe ...«. Aber seit dem Vorfall am Todestage ihres Großvaters fragte ich mich, ob der Charakter Gilbertes nicht doch anders sei, als ich geglaubt hatte, ob diese Gleichgültigkeit gegen das, was man tun könne, diese Verständigkeit, Ruhe und dauernde, sanfte Ergebenheit nicht vielmehr äußerst leidenschaftliche Begierden bärgen, die sie aus Eigenliebe nicht sehen lassen wollte und nur dann durch jähen Widerstand enthüllte, wenn sie zufällig durchkreuzt wurden.

Da Bergotte in demselben Viertel wohnte wie meine Eltern, brachen wir zusammen auf; im Wagen sprach er mit mir über meine Gesundheit. »Unsere Freunde sagten mir, Sie seien leidend. Ich beklage Sie sehr. Und doch auch wieder nicht zu sehr, denn ich sehe, daß Sie die Freuden der Intelligenz haben müssen, und auf die kommt es wahrscheinlich für Sie vor allem an wie für jeden, der sie kennt.«

Ach, wie deutlich fühlte ich, daß für mich wenig Wahrheit besaß, was er da sagte, für mich, den der erhabenste Gedankengang kalt ließ, mich, der nur glücklich war, wenn ich zu Zeiten, in denen ich mich gesund fühlte, einfach umherschlenderte; ich fühlte, wie rein materiell meine Wünsche ans Leben waren, mit welcher Leichtigkeit ich der Intelligenz; mich entschlagen hätte. Ich unterschied nicht die verschiedenen mehr oder weniger tiefen, dauerhaften Quellen, aus denen meine Freuden kamen, und so dachte ich, als ich ihm eine Antwort geben wollte, mir wäre gerade ein Dasein lieb gewesen, in dem ich der Herzogin von Guermantes nahegestanden und oft, wie in dem ehmaligen Akzisehäuschen der Champs-Élysées das Frische gespürt hätte, das mich an Combray erinnerte. In diesem Lebensideal, das ich ihm nicht anzuvertrauen wagte, war für die Freuden der Intelligenz kein Platz.

»O nein, die Freuden der Intelligenz bedeuten wenig für mich, nicht sie suche ich, ich weiß nicht einmal, ob ich sie je genossen habe.«

»Das glauben Sie wirklich?« erwiderte er. »Ach hören Sie, es muß doch so sein, gleichwohl, Sie müssen diese Freuden am meisten lieben. Ich stelle es mir deutlich vor. Ich meine doch..«

Er überzeugte mich durchaus nicht, und dennoch fühlte ich mich glücklicher, weniger beschränkt. Was Herr von Norpois mir sagte, hatte mich meine verträumten, begeisterten, selbstvertrauenden Augenblicke als rein subjektiv und ohne Wahrheitsgehalt ansehen lassen. Nun sollte nach Bergotte, der meinen Fall zu kennen schien, vielmehr mein Zweifel, mein Widerwille gegen mich selbst das Symptom sein, das man vernachlässigen mußte. Vor allem nahmen seine Worte über Herrn von Norpois selbst dem Verdammungsurteil, gegen das ich mir keine Berufung zugetraut hatte, viel von seiner Kraft.

»Werden Sie gut gepflegt?« fragte Bergotte. »Wer befaßt sich mit Ihrer Gesundheit?« Ich sagte, daß ich Cottard konsultiert habe und sicher auch in Zukunft konsultieren werde. »Aber das ist nicht das Richtige für Sie! Ich kenne ihn nicht als Arzt. Aber ich habe ihn bei Frau Swann gesehen. Das ist ein Dummkopf. Selbst angenommen, das hindere nicht, ein guter Arzt zu sein, was mir zu glauben schwerfällt, es hindert doch, ein guter Arzt für Künstler, für geistige Menschen zu sein. Leute wie Sie brauchen anpassungsfähige Ärzte, fast möchte ich sagen, ein besonderes Regime und besondere Arzneien. Cottard wird Sie langweilen, und schon die Langweile wird die Wirksamkeit seiner Behandlung hindern. Und die Behandlung kann doch für Sie nicht dieselbe sein wie für irgend einen Beliebigen. Dreiviertel der Leiden geistiger Menschen kommen von ihrer Intelligenz her. Sie brauchen zum mindesten einen Arzt, der dies Übel kennt. Wie soll denn Cottard für Sie sorgen können? Er hat für die Schwierigkeit, Saucen zu verdauen, für Magenbeschwerden Vorsorge getroffen, aber nicht für die Lektüre Shakespeares ... So stimmen denn seine Berechnungen bei Ihnen nicht mehr, da verliert er sein Gleichgewicht, unser cartesianischer Taucher. Er wird bei Ihnen eine Magenerweiterung finden, und dazu braucht er Sie nicht erst zu untersuchen, die hat er schon vorher im Auge. Sie können sie sehen, sie spiegelt sich in seinem Kneifer.« Diese Art zu sprechen ermüdete mich sehr, ich sagte mir mit der Borniertheit des gesunden Menschenverstandes: »Es gibt ebensowenig eine Magenerweiterung, die sich in dem Kneifer von Professor Cottard spiegelt wie Dummheiten, die sich in der Weißen Weste des Herrn von Norpois verbergen.« »Ich würde Ihnen eher zu Doktor du Boulbon raten,« fuhr Bergotte fort, »der ist wirklich intelligent.« »Er ist ein großer Bewunderer Ihrer Werke«, antwortete ich. Ich sah, daß Bergotte das wußte, und schloß daraus, verwandte Geister fanden sich schnell, man habe wenig wahrhaft ›unbekannte Freunde‹. Was Bergotte über Cottard sagte, machte mir Eindruck, wenn es auch das Gegenteil von dem war, was ich selbst glaubte. Mich beunruhigte es durchaus nicht, meinen Arzt langweilig zu finden; ich erwartete von ihm, daß er nach Untersuchung meiner Eingeweide, dank einer Kunst, deren Gesetze mir entgingen, über meinen Gesundheitszustand ein unanfechtbares Orakel abgeben werde. Ich legte keinen Wert darauf, daß er mit Hilfe einer Intelligenz, in der ich ihn hätte ersetzen können, die meine zu begreifen suche; die stellte ich mir nur als ein beliebiges Mittel zur Erforschung äußerer Wahrheiten vor. Es schien mir sehr zweifelhaft, ob die intelligenten Leute eine andere Hygiene als törichte brauchen, und ich war durchaus bereit, mich der Hygiene der letzteren zu unterwerfen. »Einer, der einen guten Arzt nötig hätte, ist unser Freund Swann«, sagte Bergotte. Und auf meine Frage, ob er krank sei: »Nun, er ist eben der Mann, der eine Dirne geheiratet hat; täglich muß er fünfzig Kränkungen von Frauen, die seine nicht empfangen wollen, und von Männern, die mit ihr geschlafen haben, hinunterschlucken. Man sieht ja, wie ihm solche Frauen ein schiefes Maul ziehen. Beachten Sie nur einmal, was für einen Circumflex die Augenbraue bei ihm bildet, wenn er heimkommt, um zu sehen, wer bei ihm zu Besuch ist.« Die böswillige Art Bergottes, vor einem Fremden über Freunde zu sprechen, bei denen er seit langer Zeit aus- und einging, war mir ebenso neu wie der beinah zärtliche Ton, in dem er bei den Swann immer wieder zu ihnen selbst sprach. Sicherlich wäre jemand wie meine Großtante uns gegenüber solcher Liebenswürdigkeiten unfähig gewesen, wie ich Bergotte sie an die Swann verschwenden sah. Sie gefiel sich darin, sogar Leuten, die sie gern hatte, unangenehme Dinge zu sagen. Wenn sie aber nicht zugegen waren, sprach sie kein Wort, das sie nicht hätten hören können. Nichts glich der großen Welt weniger als unsere Gesellschaft in Combray. Die der Swann war schon ein Weg zu jener Welt mit ihren unbeständigen Fluten. Es war noch nicht das hohe Meer, aber schon die Lagune. »All dies unter uns«, sagte Bergotte, als er mich vor meiner Tür verließ. Ein paar Jahre später hätte ich ihm geantwortet: »Ich behalte immer alles für mich.« Das ist die rituelle Wendung der Gesellschaft, mit der immer das Lästermaul fälschlich beruhigt wird. Ich hätte sie schon damals zu Bergotte gesagt – man erfindet ja nicht alles, was man sagt, besonders in Momenten, in denen man als soziales Wesen handelt – aber ich kannte sie noch nicht. Meine Großtante hätte in einer solchen Situation gesagt: »Wenn Sie nicht wollen, daß es herumkommt, warum sagen Sie es dann?« Das ist die Antwort der Ungeselligen, der »schlechten Charaktere«. So war ich nicht: ich verneigte mich schweigend.

Literaten, die in meinen Augen gewichtige Persönlichkeiten waren, mußten jahrelang intrigieren, um zu Bergotte Beziehungen anzuknüpfen, die dann immer noch im literarischen Dunkel blieben und nicht über sein Arbeitszimmer hinauskamen, während ich bereits unter den Freunden des großen Schriftstellers Platz fand; und dies geschah ohne weiteres in aller Ruhe, wie etwa jemand, statt mit vielen an der Kasse anzustehen, um einen schlechten Platz zu bekommen, einen heimlichen, den andern verschlossenen Gang passiert und die besten Plätze erhält. Swann öffnete mir solch einen Gang, denn wie ein König die Freunde seiner Kinder gern in die königliche Loge, auf die königliche Jacht einlädt, so empfingen Gilbertes Eltern die Freunde ihrer Tochter inmitten aller Kostbarkeiten, die sie besaßen, und der noch kostbareren Freundschaften, die davon umrahmt wurden. Damals aber dachte ich, und vielleicht nicht mit Unrecht, daß Swanns Liebenswürdigkeit sich indirekt an meine Eltern richte. Ich glaubte mich zu erinnern, daß er früher einmal in Combray angesichts meiner Bewunderung für Bergotte meinen Eltern angeboten hatte, mich mit zum Essen zu Bergotte zu nehmen, und daß meine Eltern das mit der Begründung abgeschlagen hatten, ich sei zu jung und zu nervös, um »auszugehen«. Für gewisse Leute, und zwar gerade die, welche mir am merkwürdigsten schienen, stellten meine Eltern zweifellos etwas ganz anderes dar als für mich; und wie damals, als die Dame in Rosa sich im Lob über meinen Vater erging, dessen er sich so wenig würdig gezeigt hatte, wäre mir lieb gewesen, meine Eltern sähen ein, was für ein unschätzbares Geschenk ich empfangen habe, und bezeugten dem freigebigen und höflichen Swann ihre Dankbarkeit. Er hatte mir oder ihnen dies Geschenk dargeboten, ohne seinen Wert zu beachten, ganz wie in Luinis Fresco der eine der heiligen drei Könige, der reizende mit der gekrümmten Nase und dem blonden Haar, mit dem Swann früher große Ähnlichkeit gehabt haben sollte.

Die besondere Gunst der Swann, die ich zu Hause, noch ehe ich den Mantel ausgezogen hatte, meinen Eltern in der Hoffnung verkündete, ihr Herz damit so zu bewegen, wie meines bewegt war, und sie zu einer ungewöhnlichen, entschiedenen »Aufmerksamkeit« gegen die Swann zu bestimmen – diese Gunst schien von ihnen leider nicht sehr geschätzt zu werden. »Swann hat dich Bergotte vorgestellt? Ausgezeichnete Bekanntschaft, reizende Beziehung!« rief ironisch mein Vater. »Das hat gerade noch gefehlt!« Und als ich hinzufügte, daß Bergotte Herrn von Norpois nicht ausstehen könne, fuhr der Vater fort: »Natürlich. Das beweist zur Genüge, was für ein falscher, böswilliger Charakter er ist. Mein armes Kind, du hast so schon nicht viel gesunden Menschenverstand, es tut mir herzlich leid, dich in einen Kreis geraten zu sehen, der dich vollends außer Rand und Band bringen wird.«

Schon mein einfacher Verkehr bei den Swann hatte meine Eltern durchaus nicht entzückt. Die Bekanntschaft mit Bergotte schien ihnen die verhängnisvolle, jedoch natürliche Folge eines ersten Fehlers, einer Schwäche, die mein Großvater einen »Mangel an Umsicht« genannt haben würde. Um ihre schon getrübte Laune völlig zu verderben, brauchte ich, wie ich fühlte, nur noch zu sagen, dieser verderbte Mensch, der Herrn von Norpois nicht schätzte, habe mich äußerst intelligent gefunden. Sah mein Vater jemanden, zum Beispiel einen meiner Kameraden auf schlechtem Wege – wie jetzt mich – und der hatte dann noch den Beifall eines Menschen, den mein Vater nicht achtete, so fand er in diesem Urteil eine Bekräftigung seiner ungünstigen Diagnose. Die Sache wurde dadurch für ihn nur schlimmer. In Gedanken hörte ich ihn schon rufen: »Das paßt genau eins zum andern«, ein Wort, das mich immer durch seine Unexaktheit erschreckte, sowie durch eine Fülle von Reformen, die meinem sanften Dasein von daher drohten. Nun konnte aber doch schon nichts mehr den ungünstigen Eindruck, den meine Eltern hatten, verwischen; ob ich von Bergottes Lob erzählte oder nicht, es war ohne Belang und konnte die Lage kaum noch verschlimmern. Die Eltern kamen mir so ungerecht vor, so tief im Irrtum, ich hatte keine Hoffnung, ja nicht einmal den Wunsch, sie auf einen gerechteren Standpunkt zu bringen. Und doch fühlte ich, während mir die Worte schon entfahren wollten, wie sehr die Eltern der Gedanke erschrecken würde, daß ich jemandem gefallen habe, der die intelligenten Menschen dumm fand, den die ehrenwerten Leute verabscheuten und dessen Lob, an dem mir soviel lag, in allem Schlechten mich bestärken mußte; so gab ich denn als Schluß meines Berichtes mit leiser Stimme und etwas verschämter Miene die Worte zum besten: »Er hat zu den Swann gesagt, daß er mich außerordentlich intelligent gefunden habe.« Wie ein vergifteter Hund sich im Felde unbewußt gerade auf das Kraut wirft, welches das Gegengift dessen enthält, das er verschluckt hat, so hatte ich ahnungslos das einzige Wort auf der Welt gesagt, das bei meinen Eltern das Vorurteil gegen Bergotte überwinden konnte; die schönsten Betrachtungen und alle Lobreden über ihn wären dagegen nicht aufgekommen.

Augenblicklich änderte die Situation das Gesicht. »Ah? ... Er hat gesagt, daß er dich intelligent finde?« sagte meine Mutter. »Das freut mich, denn es ist doch ein Mann von Talent!«

»Wie? Das hat er gesagt?« meinte der Vater. »Ich leugne durchaus nicht seine literarischen Meriten, die allgemein anerkannt werden, es ist nur ärgerlich, daß sein Leben so wenig einwandfrei ist, wie der alte Norpois andeutete.« Der Vater bemerkte nicht, daß gegen die Übermacht der Zauberworte, die ich ausgesprochen, Bergottes Sittenverderbnis nicht länger ankämpfen konnte als die Falschheit seines Urteils. »Ach, lieber Freund,« unterbrach die Mutter. »Nichts beweist, daß es wahr ist. Man spricht so viel. Herr von Norpois ist sehr nett, aber nicht gerade immer sehr wohlwollend, besonders gegen Leute, die nicht von seiner Partei sind.«

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, sagte mein Vater.

»Nun und dann wird dem Bergotte viel vergeben werden, weil er meinen kleinen Burschen nett gefunden hat«, schloß die Mutter, streichelte mit ihren Fingern mein Haar und sah mich mit einem langen verträumten Blick an.

Meine Mutter hatte übrigens diesen Wahrspruch Bergottes nicht abgewartet, um mir zu sagen, ich könne Gilberte einladen, wenn ich Freunde zu Besuch habe. Das wagte ich aber nicht, und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens gab es bei Gilberte nur Tee. Zu Hause hielt aber die Mutter darauf, daß neben dem Tee auch Schokolade gereicht wurde. Ich fürchtete, Gilberte könne das gewöhnlich finden und uns daraufhin sehr verachten. Der zweite Grund war eine Schwierigkeit der Etikette, die ich nicht beheben konnte. Wenn ich zu Frau Swann kam, fragte sie: »Wie geht es Ihrer Frau Mutter?«

Ich hatte meiner Mutter einige dahingehende Eröffnungen gemacht, um zu erfahren, ob sie sich auch so verhalten werde, wenn Gilberte käme; dieser Punkt schien mir bedeutsamer als die Monseigneur-Frage am Hofe Ludwigs XIV. Aber davon wollte Mama nichts wissen.

»Ich kenne doch Frau Swann gar nicht.«

»Sie kennt dich doch auch nicht.«

»Mag sein, aber wir sind nicht gezwungen, in allem genau dasselbe zu tun. Ich werde Gilberte andere Freundlichkeiten erweisen, die Frau Swann für dich nicht haben wird.«

Aber ich ließ mich nicht überzeugen und zog es vor, Gilberte nicht einzuladen.

Als ich meine Eltern verlassen hatte, mich umziehen wollte und meine Tasche leerte, fand ich mit einmal den Briefumschlag, den mir Swanns Butler überreicht hatte, bevor er mich in den Salon führte. Ich öffnete ihn: innen war eine Karte, auf der man mir die Dame bezeichnete, der ich beim Zutischegehen den Arm reichen sollte.

Ungefähr um diese Zeit brachte Bloch eine Umwälzung in meine Auffassung der Welt und eröffnete mir neue Glücksmöglichkeiten (die sich allerdings später in Leidensmöglichkeiten verwandeln sollten), er versicherte mir, im Gegensatz zu der Meinung, die ich zur Zeit meiner Spaziergänge nach Méséglise zu hatte, die Frauen seien immer durchaus damit einverstanden, die Liebe zu machen. Er vervollständigte den Dienst, den er mir erwies, durch einen zweiten, den ich erst viel später würdigen sollte; er führte mich zum ersten Male in ein Freudenhaus. Wohl hatte er mir gesagt, es gebe viele hübsche Frauen, die man besitzen könne; aber ich gab diesen Frauen ein unbestimmtes Aussehen, das ich mit Hilfe der Freudenhäuser durch besondere Gesichter ersetzen wollte. So hatte ich Bloch gegenüber – für seine »frohe Botschaft«, Glück und Besitz der Schönheit seien keine unerreichbaren Dinge, unsere Bemühung, für immer auf sie zu verzichten, sei unnötig – eine Verpflichtung ähnlicher Art, wie gegen einen optimistischen Arzt oder Philosophen, der uns langes Leben in dieser Welt und die Sicherheit, uns beim Übergang in eine andre nicht völlig von ihr zu trennen, erhoffen läßt; die Rendezvoushäuser, die ich einige Jahre später besuchte, lieferten mir Musterproben des Glücks und erlaubten mir, der Frauenschönheit ein Element hinzuzufügen, das wir nicht erfinden können, das mehr ist als ein Inbegriff früherer Schönheiten, das wahrhaft göttliche Geschenk, das einzige, das wir uns nicht selbst zu schenken vermögen, vor dem alle logischen Schöpfungen unserer Intelligenz zunichte werden, und das wir von der Wirklichkeit allein erbitten können: den Reiz des Individuellen, – und damit verdienten sie es, von mir andern Wohltätern neueren Ursprungs, ähnlich ersprießlichen, an die Seite gestellt zu werden – Dingen, vor deren Kenntnis wir uns das Verführerische an Mantegna, Wagner, Siena nach andern Malern, Musikern und Städten ohne die rechte Inbrunst vorstellen, nämlich den illustrierten Geschichten der Malerei, den Sinfoniekonzerten und den Schriften über die »Kunststätten«. Allein das Haus, in das Bloch mich führte und in das er selbst schon längst nicht mehr ging, war von zu niederem Rang, das Personal zu mittelmäßig und zu selten erneuert, als daß ich dort alte Wißbegierde befriedigen oder neue gewinnen konnte. Die Vorsteherin des Hauses kannte keine der Frauen, nach denen man sie fragte, und schlug immer solche vor, von denen man nichts hätte wissen wollen. Eine rühmte sie mir besonders, eine, von der sie mit verheißungsvollem Lächeln (als wäre das eine Seltenheit und ein besonderer Leckerbissen) sagte: »Es ist eine Jüdin! Sagt Ihnen das nichts?« (Das war wohl der Grund, weshalb sie sie Rahel nannte.) Und mit albernem, künstlichem Pathos, von dem sie hoffte, es wirke ansteckend, und das in einem beinah wollüstigen Geröchel endete, rief sie: »Kleiner, denken Sie doch, eine Jüdin, ich stelle mir vor, das muß toll sein! Hach!« Diese Rahel, die ich zu sehen bekam, ohne daß sie mich sah, war brünett und nicht hübsch, sah aber klug aus. Nicht ohne mit der Zungenspitze über die Lippen zu fahren, lächelte sie unverschämt den Kunden zu, die man ihr vorstellte und die, wie ich hörte, ein Gespräch mit ihr anknüpften. Ihr kleines, schmales Gesicht war von schwarzem Kraushaar umgeben, das unordentlich aussah, als wäre es auf einer Zeichnung mit chinesischer Tusche nur durch Schraffieren angedeutet. Jedesmal versprach ich der Vorsteherin, die sie mir mit besonderer Beharrlichkeit empfahl und dabei ihre große Intelligenz, und Bildung rühmte, ich werde nicht verfehlen, eines Tages eigens zu kommen, um die Bekanntschaft der Rahel zu machen, der ich zitierend den Beinamen »Rahel, die von des Herrn« gab. Am ersten Abend aber hatte ich sie im Weggehen zu der Patronin sagen hören:

»Abgemacht, ich bin morgen frei, wenn sie jemanden haben, vergessen Sie nicht, mich holen zu lassen.«

Diese Worte hatten mich verhindert, in ihr eine Individualität zu sehen, sie ordnete sich damit für mich unmittelbar in eine allgemeine Kategorie von Frauen ein, deren gemeinsame Gewohnheit es ist, abends herzukommen, um zu sehen, ob es nicht ein Goldstück oder zwei zu verdienen gebe. Sie variierte ihre Worte nur so:

»Wenn Sie mich brauchen« oder »wenn Sie jemanden brauchen«.

Die Patronin, die die Oper von Halévy nicht kannte, wußte nicht, woher ich mein »Rahel, die von des Herrn« hatte. Aber man braucht einen Scherz nicht weniger komisch zu finden, weil man ihn nicht versteht, und jedesmal sagte sie mir wieder unter herzlichem Lachen:

»Also heut abend soll ich Sie noch nicht zusammentun mit »Rahel, die von des Herrn?« Wie sagen Sie das: Rahel, die von des Herrn! Das haben Sie fein rausgebracht. Ich werde euch beide verloben. Sie werden sehen, es wird Sie nicht gereuen.«

Einmal war ich nahe daran, mich zu entscheiden, aber da war sie gerade »unter der Presse«, ein anderes Mal unter den Händen des »Friseurs«, eines alten Herrn, der nichts weiter mit den Frauen machte, als ihnen Öl über das offene Haar zu gießen und dann sie zu kämmen. Und ich wurde es müde zu warten, obschon einige sehr bescheidene Besucherinnen, angeblich Arbeiterinnen, aber immer ohne Arbeit, kamen, mir Lindenblütentee machten und eine lange Unterhaltung mit mir anfingen, der – trotz des Ernstes der besprochenen Themen – die teilweise oder völlige Nacktheit meiner Unterrednerinnen eine schmackhafte Schlichtheit gab. Ich stellte dann bald meine Besuche in diesem Hause ein, denn in dem Wunsche der Frau, die es hielt, mein Wohlwollen zu beweisen, hatte ich ihr einige Möbel, die ich von meiner Tante Léonie geerbt hatte und die sie brauchen konnte, gegeben, namentlich ein großes Kanapee. Diese Möbel sah ich zu Hause nie, aus Platzmangel hatten sie meine Eltern in einem Speicher untergestellt. Als ich sie nun in dem Hause wiederfand, wo sie von diesen Frauen benutzt wurden, erschienen mir alle Tugenden, deren Gegenwart man im Zimmer meiner Tante in Combray fühlte, gemartert von der qualvollen Berührung, der ich die schutzlosen ausgeliefert hatte! Ich hätte nicht mehr zu leiden gehabt, wenn ich eine Tote hätte vergewaltigen lassen. Ich kehrte nicht mehr zu der Kupplerin zurück, denn die Möbel schienen mir zu leben und mich anzuflehen, wie die scheinbar unbelebten Gegenstände im persischen Märchen, in denen Seelen eingeschlossen sind, die ein Martyrium zu erleiden haben und nach Befreiung jammern. Da das Gedächtnis uns Erinnerungen gewöhnlich nicht in chronologischer Folge darbietet, sondern wie in einem Spiegel, in dem die Anordnung der Einzelheiten umgekehrt ist, erinnerte ich mich erst viel später, daß ich auf demselben Kanapee vor langen Jahren zum ersten Male die Freuden der Liebe mit einer meiner kleinen Kusinen kennen gelernt hatte: wir hatten damals nicht gewußt, wohin miteinander, und sie hatte mir den ziemlich gefährlichen Rat gegeben, eine Stunde zu nutzen, in der Tante Léonie aufgestanden war.

Einen anderen Teil der Möbel und vor allem herrliches altes Silber meiner Tante Léonie verkaufte ich gegen den Rat meiner Eltern, um mehr Geld zur Verfügung zu haben und Frau Swann öfter Blumen zu schicken, die dann beim Empfang gewaltiger Orchideenkörbe zu mir sagte: »Wenn ich Ihr Herr Vater wäre, ich ließe Sie unter Kuratel stellen«. Wie konnte ich vermuten, daß es mir eines Tages gerade um dies Silber leid sein und ich gewisse Freuden höher stellen würde als diese eine, die dann vielleicht ganz nichtig werden sollte: die Freude, den Eltern Gilbertes Höflichkeiten zu erweisen. So hatte ich ja auch im Hinblick auf Gilberte und, um sie nicht verlassen zu müssen, mich entschlossen, nicht Diplomat zu werden. Unsere endgültigen Entschlüsse fassen wir immer auf Grund eines Geisteszustandes, dem nicht bestimmt ist zu dauern. Damals konnte ich mir kaum vorstellen, die seltsame Substanz, die in Gilberte ihren Sitz hatte, auf ihre Eltern und ihr Haus ausstrahlte und mich gegen alles andere gleichgültig machte, diese Substanz könne je frei werden und in ein anderes Wesen hinüberwandern. Die unbedingt gleiche Substanz, die dann auf mich ganz andere Wirkungen ausüben sollte. Denn eine Krankheit kann Evolutionen durchmachen; ein köstliches Gift wird nicht mehr so gut ertragen, wenn mit den Jahren die Widerstandsfähigkeit des Herzens nachgelassen hat.

Meine Eltern hätten es gern gesehen, daß die Intelligenz, die Bergotte mir zuerkannte, durch eine bemerkenswerte Arbeit sich kundtue. Bevor ich Gilbertes Eltern kennen lernte, glaubte ich, am Arbeiten hindere mich Aufregung, in die mich die Unmöglichkeit, Gilberte beliebig zu sehen, versetzte. Als mir dann aber das Haus der Swann offen stand, sprang ich, kaum daß ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt hatte, immer wieder auf und lief zu ihnen. Und auch wenn ich sie verlassen hatte und nach Hause zurückkehrte, war meine Isolierung nur scheinbar, mein Denken konnte den Fluß der Worte, durch den ich mich stundenlang mechanisch hatte mitreißen lassen, nicht mehr stromaufwärts steigen. Und so fuhr ich, auch wenn ich allein war, fort, Wendungen zu ersinnen, die den Swann hätten gefallen können, und um dies Spiel interessanter zu gestalten, übernahm ich auch die Rolle der abwesenden Partner, stellte mir selber ausgedachte Fragen, die ich so wählte, daß meine Geistesblitze recht glückliche Entgegnungen auf ihre Worte bildeten. Obwohl ganz lautlos, war diese Übung ein Gespräch und keine Meditation, meine Einsamkeit war ein inneres Salondasein, in dem nicht meine eigene Person, sondern eingebildete Unterredner meine Worte regierten; statt der Gedanken, die ich für wahr hielt, formte ich solche, die mir mühelos und ohne Rückbeziehung des von außen Kommenden auf Inneres zuströmten, und erfuhr das rein passive Glück, das schwer Verdauenden die ruhige Lage gibt.

Wäre ich weniger entschlossen gewesen, mich endgültig an die Arbeit zu machen, ich hätte vielleicht einen Anlauf genommen, um gleich zu beginnen. Da aber meine Entscheidung ausdrücklich war und innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden in dem noch leeren Rahmen des folgenden Tages, wo alles sich so gut verteilte, weil ich noch nicht darin war, meine guten Vorsätze sich leicht verwirklichen mußten, war es besser, nicht einen Abend, an dem ich schlecht aufgelegt war, für den Anfang zu wählen, dem sich dann leider die folgenden Tage nicht günstiger zeigen sollten. Aber ich war vernünftig. Von einem, der jahrelang gewartet hatte, wäre es kindisch gewesen, eine Verzögerung von drei Tagen nicht auszuhalten. In dem sicheren Gefühl, bis übermorgen einige Seiten geschrieben zu haben, sagte ich meinen Eltern kein Wort mehr von meinem Entschluß; lieber wollte ich mich einige Stunden gedulden und dann meiner Großmutter, die sich trösten und überzeugen ließ, frisch begonnene Arbeit vorlegen. Leider war der nächste Tag dann nicht ganz dieser objektive, weiträumige Tag, den ich im Fieber erwartet hatte. Als er vorüber war, hatten meine Trägheit und mein mühsames Ankämpfen gegen gewisse innere Hindernisse einfach vierundzwanzig Stunden länger gedauert. Und als nach Verlauf einiger Tage sich meine Pläne nicht verwirklicht hatten, besaß ich nicht mehr die gleiche Hoffnung, daß sie es unmittelbar tun würden, und demgemäß nicht soviel Mut mehr, dieser Verwirklichung alles unterzuordnen: wieder fing ich an, abends lange aufzubleiben, da mich nicht mehr die Aussicht auf einen morgendlichen Beginn des Werkes verpflichtete, früh zu Bett zu gehen. Ehe ich neuen Aufschwung fand, brauchte ich einige Tage der Entspannung, und als ein einziges Mal meine Großmutter in mild enttäuschtem Tone den Vorwurf zu formulieren wagte: »Nun, man spricht von dieser Arbeit ja gar nicht mehr?«, grollte ich ihr und war überzeugt, sie wolle nicht einsehen, daß mein Entschluß unwiderruflich gefaßt sei, verzögere dadurch seine Ausführung noch mehr, vielleicht auf lange, ihre »Rechtsverweigerung« entmutige mich; und in diesem Zustand der Entmutigung wollte ich das Werk nicht beginnen. Sie fühlte, ihr Skeptizismus sei blindlings gegen einen Willen gestoßen. Sie entschuldigte sich, küßte mich und sagte: »Verzeih, ich werde nichts mehr sagen.« Und damit ich den Mut nicht verliere, versicherte sie mir, mit dem Tage, an dem ich mich wohlfühlen werde, komme obendrein die Arbeit von selbst.

Auch sagte ich mir, wenn ich mein Leben bei den Swann zubringe, mache ich's nicht wie Bergotte? Meinen Eltern schien ich bei all meiner Trägheit das für ein Talent günstigste Leben zu führen, da ich es in demselben Salon verbrachte wie ein großer Schriftsteller. Und doch kann niemand solch ein Talent von andern bekommen und davon entbunden werden, es selbst von innen heraus zu schaffen; das wäre ebenso unmöglich, als wolle man sich (unter Verstößen gegen alle Regeln der Hygiene und unter den schlimmsten Exzessen) dadurch gesund erhalten, daß man oft mit einem Arzt zusammen speist. Am ausgiebigsten aber ließ sich durch die Illusion, die mich und meine Eltern täuschte, Frau Swann blenden. Sagte ich zu ihr, ich könne nicht kommen, ich müsse zu Hause bleiben und arbeiten, so machte sie ein Gesicht, als tue ich mich gar zu wichtig und rede etwas töricht und prätentiös.

»Aber Bergotte kommt doch! Finden Sie, was er schreibt, nicht gut? Nächstens wird es sogar noch besser werden; denn im Zeitungsartikel ist er schärfer und konzentrierter als im Buche, wo er etwas weitläufig wird. Ich habe es durchgesetzt, daß er von jetzt ab den »leader article« im Figaro macht. Das wird dann ganz »the right man in the right place« sein.«

Und sie fügte hinzu:

»Kommen Sie, er wird Ihnen besser als irgend einer sagen, was Sie tun müssen.«

Und wie man einen Freiwilligen mit seinem Obersten zusammen einlädt und als läge es im Interesse meiner Karriere, als würden die Meisterwerke durch »Beziehungen« gemacht, hieß sie mich nicht versäumen, morgen bei ihr mit Bergotte zu speisen.

So wurde weder von Seiten der Swann noch von Seiten meiner Eltern, das heißt von denen, die in verschiedenen Momenten hinderlich zu werden drohten, etwas gegen das süße Dasein getan, in welchem ich Gilberte nach Belieben mit immer neuem Entzücken, wenn auch niemals mit Ruhe sehen konnte. Die gibt es in der Liebe nicht, denn, was man erreicht hat, ist nur ein neuer Ausgangspunkt für weiteres Begehren. Solange ich noch nicht zu ihr gehen konnte und die Augen auf ein unzugängliches Glück geheftet hielt, vermochte ich auch nicht, mir vorzustellen, welch neue Anlässe zur Unruhe bei ihr mich erwarteten. Nachdem einmal der Widerstand ihrer Eltern gebrochen und das Problem endlich gelöst war, stellte es sich von neuem, jedesmal in anderen Formen. In diesem Sinne begann tatsächlich mit jedem Tage eine neue Freundschaft. Jeden Abend wurde ich mir auf dem Heimwege darüber klar, daß ich Gilberte wesentlichste Dinge zu sagen habe, von denen unsere Freundschaft abhinge, und diese Dinge waren nie die gleichen. Aber ich war schließlich doch glücklich, und keine Drohung erhob sich mehr gegen mein Glück. Sie sollte leider von einer Seite kommen, auf der ich nie eine Gefahr gewahrt hatte, von Gilbertes und meiner eigenen Seite. Gerade das hätte mich beunruhigen sollen, was mich sicher machte, das, was ich für Glück hielt. Glück ist ein anormaler Zustand in der Liebe, der dem anscheinend einfachsten Ereignis, das immer eintreffen kann, eine Schwere zu geben vermag, die dies Ereignis an sich nicht hätte. Was so glücklich macht, ist die Gegenwart von etwas nicht Standfestem im Herzen, das man unablässig aufrechtzuerhalten bemüht ist und fast nicht mehr wahrnimmt, sobald es sich nicht von der Stelle bewegt. In Wirklichkeit gibt es in der Liebe ein dauerndes Leiden, das wohl von Freude neutralisiert, virtuell gemacht, vertagt wird, aber jeden Augenblick werden kann, was es längst wäre, wenn man nicht das Ersehnte erreicht hätte: entsetzlich.

Mehrere Male fühlte ich, daß Gilberte meine Besuche hinauszuschieben trachtete. Allerdings brauchte ich, wenn ich sie durchaus immer wieder sehen wollte, mich nur von ihren Eltern einladen zu lassen, die mehr und mehr von meinem ausgezeichneten Einfluß auf sie überzeugt waren. Sie sorgen dafür, so dachte ich, daß meine Liebe keine Gefahr läuft; wenn ich sie für mich habe, kann ich beruhigt sein, sie üben ihre ganze Autorität auf Gilberte aus. Zum Unglück ließ sich Gilberte gewisse Zeichen von Ungeduld entfahren, wenn ihr Vater mich sozusagen wider ihren Willen aufforderte zu kommen, und ich mußte mich fragen, ob das, was ich als einen Schutz meines Glückes angesehen, nicht vielmehr die heimliche Ursache seiner Bedrohung war.

Das letztemal, daß ich Gilberte besuchte, regnete es, sie war zu einer Tanzstunde eingeladen bei Leuten, die sie zu wenig kannte, um mich mitnehmen zu können. Wegen der Feuchtigkeit hatte ich mehr Kaffein als gewöhnlich genommen. Sei es wegen des schlechten Wetters, sei es aus Voreingenommenheit gegen die Familie, bei der die Gesellschaft stattfinden sollte, – Frau Swann rief ihre Tochter, als sie gerade im Begriff war wegzugehen, äußerst heftig zurück: »Gilberte!« Dabei zeigte sie auf mich, um anzudeuten, daß ich zu ihr gekommen sei und daß sie mit mir zusammenbleiben müsse. Dieses »Gilberte« war gesprochen oder vielmehr geschrien mit den besten Absichten für mich, doch an der Art, wie Gilberte die Schultern zuckte, während sie ihre Sachen ablegte, merkte ich, daß ihre Mutter, ohne es zu wollen, eine Entwicklung beschleunigt hatte, die bis dahin vielleicht noch hätte aufgehalten werden können, eine Entwicklung, die nach und nach meine Freundin mir entfremdete. »Man ist nicht verpflichtet, alle Tage tanzen zu gehen«, sagte Odette zu ihrer Tochter, und diese Weisheit hatte sie gewiß von Swann. Dann aber wurde sie wieder ganz Odette und fing an, englisch mit ihrer Tochter zu reden. Alsbald war es, als ob eine Mauer mir einen Teil von Gilbertes Leben verborgen, ein böser Geist meine Freundin weit von mir fortgetragen hätte. In einer Sprache, die wir kennen, haben wir der Undurchsichtigkeit der Laute die Transparenz der Ideen untergeschoben. Eine Sprache, die wir nicht kennen, ist ein verschlossener Palast, in dem die Geliebte uns betrügen kann, ohne daß wir draußen stehend in unserer verzweifelten, ohnmächtigen Aufregung irgend etwas zu sehen oder zu hindern vermöchten. In diesem Gespräch auf englisch, über das ich einen Monat früher nur gelächelt hätte, tauchten einige französische Eigennamen auf, die meine Unruhe noch vermehrten und ihr eine bestimmte Richtung gaben, und so wirkte es auf mich, wie es da zwei Schritt von mir entfernt von zwei stillstehenden Personen geführt wurde, quälend wie eine Entführung und machte mich verlassen und einsam. Schließlich ließ Frau Swann uns allein. War es Groll gegen mich, die unfreiwillige Ursache, daß sie ihrem Vergnügen nicht nachgehen konnte, oder lag es daran, daß ich ihren Verdruß erriet und vorbeugend kälter war als gewöhnlich, – an diesem ganzen Nachmittage war Gilbertes Gesicht aller Freude beraubt, leer wie geplündert, schien dem Pas-de-Quatre, dessen meine Gegenwart sie beraubte, eine melancholische Klage zu weihen und zu betonen, daß kein Geschöpf, von mir angefangen, die letzten feinsten Ursachen begreifen könne, die in ihr eine innige Neigung zum Boston erweckt hätten. Sie beschränkte sich darauf, ab und zu ein paar Worte mit mir über das Wetter, die neuen Regengüsse, das Vorgehen der Uhr zu wechseln, dazwischen gab es Pausen des Verstummens und der Einsilbigkeit, und ich selber versteifte in verzweifelter Wut mich darauf, die Momente, die wir der Freundschaft und dem Glück hätten widmen können, zu zerstören. Allen unsern Wendungen teilte sich äußerste Härte mit durch das krankhafte Übermaß ihrer paradoxen Belanglosigkeit, und das tröstete mich noch, denn so konnte sich Gilberte wenigstens nicht von der Banalität meiner Betrachtungen und der Kühle meines Tonfalls irreführen lassen. Umsonst sagte ich: »Mir scheint, neulich ging die Uhr eher nach«, sie übersetzte offenbar: »Wie böse Sie sind!« Mochte ich auch noch so eigensinnig den ganzen verregneten Tag lang diese Worte ohne Aufklärung widerholen, ich wußte: meine Kälte war nicht von so endgültiger Starrheit, wie ich vorgab; und Gilberte mochte wohl merken: ließ ich, nachdem ich schon dreimal gesagt, es noch ein viertes Mal darauf ankommen, ihr zu wiederholen, daß die Tage kürzer würden, ich würde kaum die Tränen zurückhalten können. Wenn sie in solcher Laune war, wenn kein Lächeln ihre Augen erfüllte und ihr Gesicht entschleierte, dann prägte sich eine unsagbar trostlose Monotonie den traurigen Augen und mürrischen Zügen auf. Ihr Gesicht wurde dann beinah fahl und glich den öden Strandpartien, von denen das Meer sich weit zurückzieht und uns durch immer gleichen Widerschein, den unbeweglicher, beschränkter Horizont abgrenzt, ermüdet. Zuletzt, als Gilberte noch immer nicht die glückliche Änderung eintreten ließ, auf die ich seit Stunden wartete, sagte ich ihr, daß sie nicht nett sei. »Sie sind nicht nett«, antwortete sie. »Doch!« Ich fragte mich, was ich denn getan habe, und als ich nichts fand, fragte ich sie danach. »Sie finden sich natürlich nett!« sagte sie und lachte lange. Da fühlte ich, wie schmerzlich es für mich war, nicht auf die andere unerreichliche Ebene ihres Denkens zu gelangen, die ihr Lachen beschrieb. Dies Lachen schien zu bedeuten: »Nein, nein, ich lasse mir nichts vormachen von allem, was Sie da sagen, ich weiß, Sie sind in mich vernarrt, aber davon wird mir weder warm noch kalt, denn ich kümmere mich nicht um Sie.« Aber ich sagte mir, am Ende ist das Lachen keine so deutliche Sprache, daß ich mich darauf verlassen kann, es in diesem Falle richtig verstanden zu haben. Und Gilbertes Worte waren doch ganz freundlich. »Worin bin ich denn nicht nett?« fragte ich. »Sagen Sie es mir, ich werde alles tun, was Sie wollen.« »Nein, das hilft nichts, ich kann Ihnen nicht erklären ...« Einen Augenblick fürchtete ich, sie glaube, ich liebe sie nicht mehr, das war ein neuer Schmerz für mich und nicht weniger heftig, aber er verlangte eine andere Dialektik. »Wenn Sie wüßten, was für Kummer Sie mir machen, würden Sie es mir sagen.« Aber dieser Kummer, der ihr hätte wohltun müssen, wenn sie an meiner Liebe zweifelte, verdroß sie nur. Da begriff ich meinen Irrtum, beschloß, keinen Wert auf ihre Worte zu legen und ihr nicht Glauben zu schenken, wenn sie sagte: »Ich hatte Sie wirklich lieb, das werden Sie eines Tages sehen« (das ist der Tag, an dem, wie die Schuldigen versichern, ihre Unschuld offenbar werden wird; aus geheimnisvollen Gründen fällt er nie mit dem zusammen, an welchem man sie verhört), und so hatte ich den Mut, plötzlich den Entschluß zu fassen, sie nicht mehr zu besuchen, und zwar ohne es ihr anzukündigen; sie hätte es mir doch nicht geglaubt.

Kummer, den ein geliebtes Wesen uns verursacht, kann bitter sein, auch wenn er sich in eine Reihe von Sorgen, Beschäftigungen und Freuden einfügt, die dieses Wesen nicht zum Gegenstande haben und von denen unsere Aufmerksamkeit sich nur von Zeit zu Zeit ablenken läßt, um zu ihm zurückzukehren. Entsteht aber ein solcher Kummer – wie jetzt meiner – in einem Zeitpunkt, in dem das Glück, dies Wesen zu sehen, uns ganz erfüllt, dann entfesselt die jähe Niedergeschlagenheit in unserer bisher durchsonnten, aufrechten, ruhigen Seele einen furchtbaren Sturm, gegen den ausdauernd anzukämpfen wir uns kaum fähig fühlen. Der, welcher über mein Herz fuhr, war so heftig, daß ich ganz zerschmettert und wund nach Hause kam und fühlte, ich würde erst wieder atmen können, wenn ich gleich umkehrte und unter irgend einem Vorwand zu Gilberte zurückginge. Aber dann hätte sie sich gesagt: »Da ist er schon wieder! Ich kann mir offenbar alles erlauben, er wird jedesmal nur um so gefügiger wiederkommen, je unglücklicher er mich verlassen hat.« Und doch zogen mich meine Gedanken unwiderstehlich zu ihr hin, und dies Hin- und Herschwanken, dies tolle Abweichen der Magnetnadel nahm kein Ende, als ich heimgekommen war, und übertrug sich in widerspruchsvolle Entwürfe von Briefen, die ich an Gilberte schreiben wollte.

Ich sollte eine der schwierigen Konstellationen durchmachen, denen man sich im allgemeinen zu wiederholten Malen im Leben gegenüber befindet, aber nicht jedesmal, das heißt, nicht in jedem Lebensalter auf die gleiche Art standhält, ob wohl Charakter und Natur sich nicht geändert haben – unsere Natur, die doch selbst unsere Liebesgefühle schafft, faßt auch die Frauen, die wir lieben, ja sogar deren Fehler. – In solchen Zeitpunkten spaltet sich, unser Leben und verteilt sich auf beide Schalen einer Wage. In der einen liegt unser Begehren, nicht zu mißfallen, nicht zu demütig zu erscheinen vor dem Wesen, das wir lieben und doch nicht begreifen können, das wir aber lieber etwas in Ruhe lassen wollen, damit es sich nicht für unentbehrlich halte und aus diesem Gefühl heraus von uns abwende. In der andern Schale liegt ein Schmerz, der nur gelindert werden kann, wenn wir es aufgeben, der Frau zu gefallen, es aufgeben, sie glauben zu machen, daß wir sie entbehren können, und wieder zu ihr gehen. Nimmt man von der Schale, auf der der Stolz liegt, eine kleine Quantität Willen weg, den man aus Schwäche mit dem Älterwerden sich hat abnutzen lassen, und tut man auf die Schale mit dem Kummer einen erworbenen physischen Schmerz, dem man erlaubt hat, sich zu verschlimmern, so wird es nicht das heldische Resultat geben, zu dem man mit zwanzig Jahren gelangt wäre; die Kummerschale ist zu schwer geworden, und ohne hinreichendes Gegengewicht sinkt sie mit uns, wenn wir fünfzig sind. Um so mehr als die Situationen, die sich wiederholen, doch anders werden und man leicht in der Mitte oder am Ende des Lebens sich selbst gegenüber die verhängnisvolle Nachgiebigkeit hat, Liebe mit ein wenig Gewohnheit zu verquicken, die die Jugend, an andere Pflichten gebunden und von sich aus weniger frei, nicht kennt.

Ich hatte Gilberte einen Brief geschrieben, in dem ich meinen Zorn austoben ließ, aber nicht ohne immerhin mit einigen wie zufällig angebrachten Worten die Boje auszuwerfen, an die meine Freundin eine Aussöhnung festmachen konnte; einen Augenblick später hatte der Wind sich gewendet, ich schrieb ihr, verlockt von der Süße gewisser verzweifelter Wendungen, zärtliche Sätze mit »nimmermehr«, so rührend für die, welche sie schreiben, so langweilig für die, die sie liest, ob sie sie nun verlogen findet und »nimmermehr« übersetzt »heut abend noch, wenn Sie mich haben wollen« oder sie für wahr und für die Anzeige einer dieser definitiven Trennungen hält, die uns so vollkommen gleichgültig sind, wenn es sich um Wesen handelt, für die wir nichts empfinden. Solange wir lieben, sind wir aber unfähig, als würdige Vorläufer des Wesens zu handeln, das wir hernach sein werden und das nicht mehr lieben wird; wie sollten wir uns da den Geisteszustand einer Frau vorstellen können, der wir, selbst wenn wir wissen, daß wir ihr gleichgültig sind, in unsern Träumereien beständig Worte der Liebe zu uns in den Mund legen, um uns in einen schönen Wahn zu wiegen oder in schwerem Kummer zu trösten. Vor den Gedanken und Handlungen einer geliebten Frau stehen wir ebenso ratlos, wie es die ersten Physiker vor den Naturerscheinungen gewesen sein mögen (bevor die Wissenschaft begründet wurde und etwas Licht ins Unbekannte brachte.) Oder schlimmer noch: wie ein Wesen, für dessen Geist das Prinzip der Kausalität kaum existierte, ein Wesen, das außerstande wäre, eine Verbindung herzustellen zwischen zwei Phänomenen, und vor dem das Schauspiel der Welt ungewiß bliebe wie ein Traum. Gewiß bemühte ich mich, aus dieser Zusammenhanglosigkeit herauszukommen und Gründe zu finden. Ich versuchte sogar »objektiv« zu sein und mir zu diesem Zweck genau Rechenschaft zu geben über das Mißverhältnis zwischen der Wichtigkeit, die Gilberte für mich hatte, und der, die ich für sie, ja auch der, die sie für die anderen Wesen außer mir hatte, ein Mißverhältnis, das, von mir vernachlässigt, mich eine einfache Liebenswürdigkeit meiner Freundin für ein leidenschaftliches Geständnis, einen grotesken und entwürdigenden Schritt meinerseits für eine einfache, anmutige Bewegung auf zwei schöne Augen zu nehmen lassen konnte. Ich fürchtete aber auch in das andere Extrem zu verfallen und in einer Verspätung Gilbertes bei einem Stelldichein eine Regung des Unmuts, eine unheilbare Feindseligkeit zu erblicken. Ich versuchte zwischen diesen beiden in gleichem Maße entstellenden Perspektiven die zu finden, die mir die richtige Anschauung der Dinge gäbe; die Berechnungen, die ich zu diesem Zwecke anstellen mußte, zogen mich ein wenig von meinem Schmerz ab; und sei es aus Gehorsam gegen das Orakel der Zahlen, sei es, weil ich sie hatte sagen lassen, was ich wünschte – ich entschloß mich, am nächsten Tag zu den Swann zu gehen, glücklich wie die es immerhin sind, die sich lange mit dem Gedanken an eine Reise geplagt haben, die sie eigentlich nicht machen wollten, und dann nur gerade bis zum Bahnhof gehen und gleich wieder umkehren, ihre Koffer zu Hause auszupacken. Während man zaudert, entwickelt die bloße Vorstellung eines möglichen Entschlusses (so lange wenigstens, als man sie nicht entseelt hat durch den Vorsatz, diesen Entschluß nie zu fassen) wie lebendiger Samen alle Grundzüge und Einzelheiten, die aus dem vollzogenen Akt entstehen würden; in diesem Sinne sagte ich mir, daß es recht absurd von mir war, mich mit dem Plan, Gilberte nicht mehr zu sehen, so zu quälen, als müßte ich diesen Plan wirklich ausführen; und da doch alles nur darauf hinausliefe, daß ich schließlich zu ihr zurückkehren wollte, hätte ich mir solchen Aufwand an Willensregungen und schmerzlichen Annahmen ersparen können. Aber diese Wiederaufnahme der Freundschaftsbeziehungen dauerte nur so lange, bis ich zu den Swann kam, und zwar nicht deshalb, weil der Butler, der mich sehr gern hatte, mir sagte, Gilberte sei ausgegangen (ich erfuhr tatsächlich noch am selben Abend, daß dies stimmte, von Leuten, die sie getroffen hatten), sondern weil er es mir auf eine besondere Art sagte: »Das gnädige Fräulein ist ausgegangen, der Herr kann versichert sein, daß ich nicht lüge. Wenn der Herr sich selbst überzeugen wollen, so kann ich die Zofe kommen lassen. Der Herr können sich denken, daß ich alles, was in meinen Kräften steht, tun würde, um ihm gefällig zu sein, und ihn, wenn das Fräulein da wäre, sofort zu ihr führen würde.« Das waren Worte der einzig wichtigen Art, nämlich unabsichtliche, die uns eine mindestens summarische Radiographie der nicht zu ahnenden Wirklichkeit geben, die eine einstudierte Rede uns verborgen hätte; und in ihrer Arglosigkeit bewiesen sie mir deutlich, daß man in der Umgebung Gilbertes den Eindruck hatte, ich sei ihr lästig; aber kaum hatte der Butler diese Worte avisgesprochen, so säten sie in mir einen Haß, dem ich statt Gilberte lieber den Butler zum Gegenstande gab; er konzentrierte auf sich alle Zorngefühle, die ich gegen meine Freundin aufbrachte; seine Worte nahmen mir die Last dieser Gefühle ab, und in mir blieb nur meine Liebe übrig. Nun hatten mir aber die Worte angezeigt, daß ich eine Zeitlang nicht versuchen dürfte, Gilberte zu sehen. Sicherlich wird sie mir schreiben, um sich zu entschuldigen, sagte ich mir. Trotzdem werde ich sie nicht gleich wieder besuchen, ich will ihr beweisen, daß ich ohne sie leben kann. Habe ich erst einmal ihren Brief bekommen, so wird es mir leichter werden, eine Zeitlang den Verkehr mit Gilberte zu entbehren, denn ich werde sicher sein, sie wiederzufinden, sobald ich dann will. Not tat mir nur eins, um die freiwillige Abwesenheit mit weniger Traurigkeit zu ertragen: mein Herz mußte frei werden von der schrecklichen Ungewißheit, ob wir auch nicht für immer überworfen seien, ob sie nicht verlobt, verreist, entführt sei. Die folgenden Tage glichen jener Neujahrswoche, die ich ohne Gilberte hatte verbringen müssen. Damals aber war ich sicher gewesen, einmal, wenn die Woche vergangen, werde meine Freundin in die Champs-Élysées zurückkehren, und ich werde sie sehen wie zuvor; und nicht minder sicher, solange die Neujahrsferien dauerten, lohne es nicht die Mühe, in die Champs-Élysées zugehen. Solange also damals diese traurige, nun schon so ferne Woche dauerte, hatte ich meine Traurigkeit ruhevoll ertragen, denn sie war nicht mit Furcht und Hoffnung vermischt. Jetzt hingegen machte die Hoffnung in fast demselben Grad mein Leiden unerträglich wie die Furcht. Als ich am selben Abend keinen Brief von Gilberte bekam, schrieb ich das ihrer Nachlässigkeit, ihren Beschäftigungen zu und zweifelte nicht daran, des Morgens einen Brief von ihr vorzufinden. Und so wartete ich jeden Tag mit Herzklopfen, dem dann immer ein Zustand tiefer Niedergeschlagenheit folgte, wenn ich nur Briefe, die nicht von Gilberte waren, oder überhaupt nichts fand; letzteres war nicht schlimmer, denn die Beweise von anderer Leute Freundschaft machten die ihrer Gleichgültigkeit nur um so quälender für mich. Ich vertröstete mich auf die Nachmittagspost. Selbst in den Stunden, in denen keine Briefe ausgetragen wurden, wagte ich nicht auszugehen, denn vielleicht würde sie ihren überbringen lassen. Schließlich kam der Zeitpunkt, in dem weder ein Postbote noch ein Lakai der Swann mehr kommen konnte, und ich mußte die Hoffnung auf Gewißheit bis zum nächsten Morgen verschieben; und da ich meinte, mein Leiden würde nicht dauern können, war ich sozusagen verpflichtet, es beständig zu erneuern. Der Kummer war vielleicht der gleiche, statt aber wie früher eine anfängliche Erregung gleichmäßig zu verlängern, setzte er mehrere Male am Tage mit einer Erregung ein, die sich so häufig erneuerte, daß sie sich schließlich – die doch an sich rein physisch-momentaner Zustand war – stabilisierte; und da die Fieber der Erwartung kaum Zeit hatten, sich zu legen, bevor schon wieder neuer Anlaß zur Erwartung da war, gab es bald keine einzige Minute mehr, in der ich nicht in dieser Unruhe lebte, die man doch eigentlich kaum eine Stunde lang aushalten kann. So war mein Leiden unendlich qualvoller als zur Zeit jenes vergangenen Neujahrstages, denn diesmal fühlte ich statt der reinen einfachen Hinnahme des Leidens die Hoffnung, jeden Augenblick es schwinden zu sehen. Schließlich kam ich aber doch zur Hinnahme, ich begriff, daß sie endgültig sein müsse, und verzichtete für immer auf Gilberte, im eigensten Interesse meiner Liebe und, weil ich vor allem wünschte, daß Gilberte keine verächtliche Erinnerung an mich bewahre. Und damit sie nicht von meiner Seite eine Art Liebesgram vermute, ging ich von nun an noch weiter: wenn sie mir in der Folgezeit ein Stelldichein gab, nahm ich es oft zunächst an und schrieb ihr erst im letzten Moment, daß ich nicht kommen könne, wobei ich beteuerte, daß ich untröstlich sei, wie ich es mit Leuten getan hätte, die ich gar nicht sehen wollte. Diese Ausdrücke des Bedauerns, die man gewöhnlich für Gleichgültige aufhebt, müßten Gilberte eher von meiner Gleichgültigkeit überzeugen, schien mir, als es ein gleichgültiger Ton getan hätte, wie man ihn künstlich gerade der Geliebten gegenüber annimmt. Wenn ich ihr besser als mit Worten durch unablässig wiederholte Handlungen bewiese, daß ich keine Lust habe, sie zu sehen, würde sie vielleicht wieder Lust auf mich bekommen. Ach! Das wäre doch vergeblich gewesen; der Versuch, durch Fernbleiben in ihr die Lust auf ein Wiedersehen zu beleben, bedeutete, sie für immer verlieren: denn wenn diese Lust erwachte und ich wollte, daß sie andauere, so durfte ich zunächst nicht gleich nachgeben; die qualvollsten Stunden wären dann auch schon vergangen; jetzt und im Augenblick war sie mir unentbehrlich! Hätte ich sie doch nur warnen können: bald werde sie durch ein Wiedersehn nur noch einen sehr abgeschwächten Schmerz stillen, einen Schmerz, der nicht mehr wie jetzt hinreichender Anlaß zu einer Kapitulation, einer Versöhnung, einem Wiedersehn sein werde. Und wäre es später, wenn ihre Lust auf mich stark genug geworden, endlich soweit, daß ich ihr ohne Gefahr meine Lust auf sie gestehen könnte, dann werde diese einer so langen Abwesenheit nicht standgehalten haben, werde einfach nicht mehr vorhanden, Gilberte werde mir dann gleichgültig sein. Das wußte ich, aber ich konnte es ihr nicht sagen; sie hätte geglaubt, das Aufhören meiner Liebe bei zu langer Abwesenheit behaupte ich nur, damit sie mich bitte, schnell wieder zu ihr zu kommen. Inzwischen machte eine Maßnahme es mir leichter, mich selbst zu dieser Trennung zu verurteilen: damit Gilberte deutlich merke, daß es trotz meiner gegenteiligen Behauptungen mein Wille sei und nicht irgend ein Hindernis, nicht mein Gesundheitszustand, was mich abhielte, sie zu besuchen, wollte ich jedesmal, wenn ich vorher wußte, daß Gilberte nicht bei ihren Eltern sein, mit einer Freundin ausgehen und nicht zum Essen heimkommen werde, Frau Swann besuchen. (Sie war für mich wieder geworden, was sie zu der Zeit war, als ich ihre Tochter so schwer sehen konnte, in jenen Tagen, da Gilberte nicht in die Champs-Élysées kam und ich in der Akazienallee spazieren ging.) Auf diese Weise würde ich von Gilberte sprechen hören und sicher sein, daß sie dann auch von mir hören würde und dies in einer Art, die es ihr zeigen konnte, daß ich nicht mehr an ihr hing. Und wie alle Leidenden fand ich, daß meine traurige Lage schlimmer hätte sein können. Denn da ich freien Zutritt zu der Stätte hatte, wo Gilberte wohnte, sagte ich mir immer, obwohl ich entschlossen war, von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch zu machen, ich könne ja meinen Schmerz, wenn er einmal zu heftig werden sollte, zum Schweigen bringen. Es war nur ein Eintagsunglück. Und selbst das sagt noch zuviel. Wie oft in jeder Stunde (und jetzt ohne die ängstliche Erwartung, die mich in den ersten Wochen nach unserer Entzweiung, bevor ich wieder zu den Swann ging, befangen hielt) wie oft sagte ich mir den Brief auf, den Gilberte mir bald schicken oder vielleicht selbst bringen werde. Die dauernde Vision dieses eingebildeten Glückes half mir die Vernichtung des wirklichen Glücks ertragen. Es geht mit den Frauen, die uns nicht lieben, wie mit den »Verschollenen«; die Gewißheit, daß man nichts mehr zu hoffen hat, hindert nicht, daß man weiter wartet. Immer lauert und lauscht man; Mütter, deren Sohn über See ist auf einer gefährlichen Forschungsexpedition, stellen sich, auch noch, wenn es längst außer Zweifel ist, daß er umgekommen, alle Augenblicke vor, wie er nach wunderbarer Rettung heil ins Zimmer treten wird. Und je nach der Kraft des Gedächtnisses und der Widerstandsfähigkeit der Organe hilft diese Erwartung ihnen, die Jahre zu überdauern, nach deren Ablauf sie es ertragen werden, daß ihr Sohn nicht mehr ist, hilft ihnen, nach und nach zu vergessen und zu überleben – oder tötet sie.

Ein anderer kleiner Trost in meinem Kummer war der Gedanke, daß er meiner Liebe zustatten kam. Wohl war jeder Besuch, den ich Frau Swann machte, ohne Gilberte zu sehen, mir qualvoll, aber ich fühlte, daß er die Vorstellung, die Gilberte von mir hatte, veredelte.

Daß ich mich übrigens immer, bevor ich zu Frau Swann ging, der Abwesenheit ihrer Tochter versicherte, kam nicht nur von meinem Entschluß, mit Gilberte entzweit zu sein. Ebensosehr spielte vielleicht eine Hoffnung auf Versöhnung mit, die meinem Entschluß zu verzichten sich übergelagert hatte (Verzichten ist ja, wenigstens auf die Dauer, der menschlichen Seele kaum möglich, unter deren Gesetzen eines ist, das gefestigt wird, so oft unversehens verschieden geartete Erinnerungen ihr zufließen, das Gesetz der Intermittenz), und diese Hoffnung verlarvte mir, was dieser Verzicht zu Qualvolles an sich hatte. Was an ihr chimärisch war, wußte ich wohl. Ich war wie ein Armer, der sein trocknes Brot mit weniger Tränen feuchtet, wenn er sich sagt: gleich wird mir vielleicht ein Fremder sein ganzes Vermögen hinterlassen. Wir müssen alle, um die Wirklichkeit erträglich zu machen, uns in unserm Innern einige kleine Tollheiten halten. Meine Hoffnung blieb makelloser – und gleichzeitig vollzog sich die Trennung besser –, wenn ich Gilberte nicht traf. Hätte ich mich Aug in Auge mit ihr bei ihrer Mutter befunden, wir hätten vielleicht nicht wieder gutzumachende Worte gewechselt, durch die unser Zwist endgültig geworden wäre, hätten meine Hoffnung getötet und andererseits mir neue Herzensnot geschaffen, dadurch meine Liebe wiedererweckt und meine Resignation erschwert.

Schon viel früher, lange vor meinem Zwist mit ihrer Tochter, hatte mir Frau Swann gesagt: »Es ist hübsch, daß Sie Gilberte besuchen, aber ich würde mich freuen, wenn Sie auch manchmal für mich herkämen, nicht an meinem Jour, wo Sie sich langweilen würden, weil ich zu viel Leute da habe, sondern an andern Tagen, Sie werden mich zu etwas vorgerückter Stunde stets zu Hause finden.« Indem ich also jetzt sie besuchte, schien ich nur nachträglich einem früher von ihr ausgesprochenen Begehren zu gehorchen. Sehr spät, wenn es schon dunkel wurde, fast zur Zeit, da meine Eltern sich zu Tische setzten, ging ich fort, um Frau Swann einen Besuch zu machen, bei dem ich Gilberte sicher nicht sehen und doch nur an sie denken würde. In dem damals für entlegen geltenden Viertel eines Paris, das düsterer war als das heutige, in dem es selbst im Zentrum keine Elektrizität auf der Straße gab und wenig in den Häusern, genügten die Lampen eines Salons im Parterre oder in einem ziemlich tiefen Zwischenstock – wie dem, in welchem Frau Swanns Empfangsräume lagen –, um die Straße zu beleuchten; zu ihnen erhob der Vorübergehende die Augen, weil er die Anwesenheit eines eleganten Wagens vor der Tür mit ihrem Licht in offenbaren und verschleierten Zusammenhang brachte. Und nicht ohne eine gewisse Erregung mutmaßte er in diesem geheimnisvollen Zusammenhang eine plötzliche Verschiebung eintreten zu sehen, wenn einer dieser Wagen sich in Bewegung setzte; aber dann ließ nur ein Kutscher seine Tiere, damit sie sich nicht erkälteten, auf und ab gehen; und das Geräusch dieser Bewegung wurde eindringlicher dadurch, daß die (schalldämpfenden) Gummiräder dem Schritt der Pferde einen Untergrund von Stille gaben, von dem er sich deutlicher und bestimmter abhob.

Den ›Wintergarten‹, den in jenen Jahren in all diesen Straßen der Vorübergehende gewöhnlich zu sehen bekam, wenn die Wohnung nicht zu hoch über dem Niveau des Trottoirs lag, sieht man heute nur noch in den Heliogravüren der Prachtwerke von P.-J. Stahl; danach scheint er im Gegensatz zu dem spärlichen Blumenschmuck der modernen Louis-XVI-Salons (eine Rose oder Iris in langhalsiger Kristallvase, die keine weitere Blume fassen könnte) mit seinem Überfluß an Zimmerpflanzen und gänzlichen Stilmangel in ihrer Anordnung, bei der Dame des Hauses mehr einer innig-süßen Leidenschaft für Botanik als der kalten Berechnung eines toten Effekts entsprochen zu haben. Er war in den Häusern von damals im großen etwa das, was die winzigen tragbaren Treibhäuschen sind, die man am Neujahrsmorgen unter die früh angesteckte Lampe – die Kinder können nicht so lange warten, bis es tagt – als schönstes mitten zwischen die andern Geschenke stellt, (es wird mit seinen Pflanzen, die man pflegen kann, über die Nacktheit des Winters hinweghelfen); mehr noch als diesen Treibhäuschen selbst glichen die Wintergärten dem, welches man gleich neben ihnen und als Bild in einem schönen Buch sah, auch einem Neujahrgeschenk, zwar nicht als Gabe für die Kinder, aber für Fräulein Lili, die Heldin des Buches, welches die Kinder so entzückte, daß sie noch heute, da sie fast Greise sind, sich fragen, ob in jenen glückseligen Jahren der Winter nicht die schönste Jahreszeit gewesen sei. Durch solch vielgestaltiges Blattwerk, das von der Straße gesehen dem erhellten Fenster Ähnlichkeit mit dem gläsernen Verschlag jener gezeichneten oder wirklichen Kindertreibhäuschen gab, sah der Vorübergehende, wenn er sich auf die Fußspitzen stellte, im Hintergrund des Wintergartens meist einen Mann im Gehrock mit einer Gardenie oder Nelke im Knopfloch vor einer sitzenden Frau stehen, beide undeutlich, wie in einen Topas geschnitten, umgeben von der Atmosphäre des Salons, die der – damals eben erst importierte – Samovar mit Dämpfen durchräucherte, wie sie wohl auch heute noch aufsteigen, nur nimmt sie aus Gewohnheit niemand mehr wahr. Frau Swann hielt sehr auf diesen ›Tee‹; sie meinte Originalität zu zeigen und Charme zu entfalten, wenn sie zu einem Manne sagte: »Sie finden mich täglich zu etwas vorgerückter Stunde zu Hause, kommen Sie und nehmen Sie den Tee bei mir.« Mit einem feinen, sanften Lächeln pflegte sie diese Worte zu begleiten, und gab ihnen einen leicht englischen Akzent; der Unterredner nahm ernstlich davon Notiz und machte eine gemessene Verbeugung, als handle es sich um etwas Wichtiges, sehr Spezielles, das ehrerbietige Aufmerksamkeit erfordere. Noch aus einem andern Grunde als den eben genannten spielten Blumen im Salon der Frau Swann eine nicht nur ornamentale Rolle. Und dieser Grund hing nicht mit der Epoche, zum Teil jedoch mit Odettes früherem Leben zusammen. Eine große Kokotte, wie sie es gewesen war, lebt sehr für ihre Liebhaber, will sagen, häuslich, und das kann dazu führen, daß sie für sich lebt. Dinge, wie man sie auch bei einer anständigen Frau sieht und wie sie auch dieser sehr wichtig vorkommen können, gewinnen bei einer Kokotte jedenfalls noch weit größere Wichtigkeit. Der Höhepunkt ihres Tages ist nicht der Moment, an dem sie sich für die Gesellschaft ankleidet, sondern der, an dem sie sich für einen Mann entkleidet. Sie muß ebenso elegant im Schlafrock oder Nachthemd wie im Gesellschaftskleid sein. Andre Frauen zeigen ihren Schmuck vor, sie hat es heimlich mit ihren Perlen zu tun. Diese Art Dasein verpflichtet und verführt schließlich zu einem diskreten und somit nahezu selbstlosen Luxus. Den erstreckte Frau Swann auf die Blumen. Immer stand neben ihrem Sessel eine große Glasschale bis an den Rand mit Parmaveilchen oder Margueriten angefüllt, die im Wasser abblätterten; das schien den Augen des Eintretenden von einer unterbrochenen Lieblingsbeschäftigung zu zeugen, wie etwa es die Tasse Tee gewesen wäre, die Frau Swann allein zu ihrem Vergnügen getrunken hätte; ja es deutete auf eine noch intimere und geheimnisvollere Beschäftigung hin, so daß man Lust bekam, bei dem Anblick der ausgebreiteten Blumen sich zu entschuldigen, als habe man den Titel eines noch offenen Buches gesehen, der die letzte Lektüre und damit vielleicht die jüngsten Gedanken Odettes verraten hätte. Und die Blumen lebten mehr als ein Buch; der eintretende Besucher genierte sich wahrzunehmen, daß Frau Swann nicht allein war, oder, wenn er mit ihr zusammen eintrat, den Salon nicht leer zu finden; mit dem Bezug auf Stunden dieses Lebens, welche man nicht kannte, spielten die Blumen eine sehr geheimnisvolle Rolle – Blumen, die nicht für Odettes Besucher da waren, sondern wie von ihr dort vergessen; sie mochten besondere Zwiesprach mit ihr gehalten haben oder erwarten, die man zu unterbrechen fürchtete, deren Geheimnis man vergebens zu entziffern suchte, wenn man die Augen auf das verwaschene, flüssige, aufgelöste Lila der Veilchen heftete. Von Ende Oktober ab kam Odette, so regelmäßig es ging, nach Hause zum Tee, den man damals noch ›five o'clock tea‹ nannte, sie hatte gehört (und wiederholte gern), Frau Verdurin habe sich ihren Salon dadurch geschaffen, daß man immer sicher war, sie zur bestimmten Stunde zu Hause zu treffen. Odette dachte sich einen Salon von derselben Art für sich aus, nur freier, senza rigore, wie sie es zu nennen beliebte. Darinnen sah sie sich im Stil der Lespinasse und glaubte einen rivalisierenden Salon gegründet zu haben, in dem sie der du Deffant aus der kleinen Gruppe die sympathischsten Männer entführte, insbesondere Swann, der ihr in ihre Abgeschiedenheit, ihren Schlupfwinkel einer Version zufolge nachgekommen war, die sie begreiflicherweise den neuen Freunden, die nichts von der Vergangenheit wußten, glaubhaft machte, ohne selber daran zu glauben. Aber gewisse Lieblingsrollen spielen wir so oft vor der Welt und wiederholen sie in unserm Innern so oft, daß wir leichter auf ihr erdachtes Zeugnis zurückgreifen als auf das einer fast ganz vergessenen Wirklichkeit. An Tagen, da Frau Swann gar nicht ausgegangen war, fand man sie in einem Schlafrock aus Crêpe-de-Chine, weiß wie frischgefallener Schnee, bisweilen auch in einem der langen getollten Gewänder aus Seidenmusselin, die wie hingestreute rosa und weiße Blütenblätter aussahen. Heute findet man sie für den Winter wenig geeignet; mit Unrecht: die leichten Stoffe und zarten Farben gaben der Frau – in der Wärme der damals mit Portieren geschlossenen Salons, die nach der elegantesten Wendung der Modeschriftsteller aus jener Zeit ›mollig gepolstert‹ waren – das zarte Frösteln der Rosen, die neben ihr, dem Winter zum Trotz, im Inkarnat ihrer Nacktheit wie im Frühling sich halten konnten. Da Teppiche die Schritte dämpften und die Dame des Hauses tief in die Polster zurückgelehnt saß, so merkte sie nicht gleich, wie heute, daß man bei ihr eingetreten war, fuhr fort zu lesen, während man schon beinah vor ihr stand, und das erhöhte noch den Eindruck des Romantischen, den Zauber überraschter Heimlichkeit, wie wir ihn heut noch in Erinnerung an jene schon dazumal nicht mehr modischen Kleider finden, die vielleicht allein noch Frau Swann trug; uns geben sie die Vorstellung, die Frau, die sie trüge, müsse eine Romanheldin sein, denn meistens kennen wir sie nur aus Büchern von Henry Gréville. Odette hatte jetzt zu Beginn des Winters in ihrem Salon mächtige Chrysanthemen von einer Farbenmannigfaltigkeit, wie Swann sie einst nicht bei ihr hatte sehen können. Die bewunderte ich sehr, wenn ich Frau Swann einen der trübseligen Besuche abstattete, bei denen mein Kummer geheimnisvolle Schönheit ihrer Mutterschaft zu jener Gilberte abgewann, zu der sie am nächsten Tage dann sagen würde: »Dein Freund hat mir einen Besuch gemacht«, und um so mehr bewunderte ich diese Blumen als sie, blaßrosa wie die Louis-XlV-Seide ihrer Sessel, schneeweiß wie ihr Schlafrock von Crêpe de Chine oder metallisch rot wie ihr Samovar, dem Schmuck des Salons einen erweiternden, überlagernden von ebenso reichem, ebenso verfeinertem Kolorit gaben, aber er war lebendig und dauerte wenige Tage. Doch mich ergriff, daß diese Chrysanthemen weniger eintägig, verhältnismäßig dauerhafter waren als die ebenso rosa und kupfernen Töne, die ich, wie die untergegangene Sonne prächtig sie in den Dämmer des Novembernachmittags verschwendet, am Himmel erlöschen sah, bevor ich bei Frau Swann eintrat, und die dann weiterlebend und verwandelt in der flammenden Palette der Blumen mir erschienen. Wie Feuer, die ein großer Maler dem Unbestand von Atmosphäre und Sonne entrissen hat, um eine menschliche Behausung mit ihnen zu schmücken, luden sie mich ein, diese Chrysanthemen, trotz all der Trauer in mir, diese eine Teestunde lang die flüchtigen Novemberfreuden gierig zu genießen, deren innigen geheimnisvollen Glanz sie vor mir aufflammen ließen. Ach, in den Unterhaltungen, die ich mit anhörte, kam ich diesem Reiz nicht nahe, sie glichen ihm wenig. Selbst zu Frau Cottard wurde Frau Swann trotz der vorgerückten Stunde ganz süß und sagte: »Aber nein, es ist gar nicht spät, schauen Sie nicht nach der Uhr, die geht nicht; was können Sie denn so Eiliges vorhaben?« und sie bot der Frau des Professors, die immer ihr Visitenkartentäschchen in der Hand behielt, noch ein Törtchen an.

»Aus diesem Haus kommt man nicht fort«, sagte Frau Bontemps zu Frau Swann, während Frau Cottard in ihrer Überraschung, die eigne Empfindung ausgesprochen zu hören, rief: »Das sage ich mir auch immer in meinem kleinen Verstandskasten drin!« und da stimmten die Herren vom Jockey ihr zu, die sich nicht genug tun konnten in Höflichkeiten, als fühlten sie sich hochgeehrt, wenn Frau Swann sie dieser kleinen wenig liebenswerten Bürgersfrau vorstellte, die sich vor Odettes glänzenden Freunden in der Reserve, wenn nicht in dem, was sie die ›Defensive‹ nannte, hielt; sie wandte nämlich immer eine vornehme Sprache für die einfachsten Dinge an. »Sollte man es für möglich halten, nun haben Sie mich schon den dritten Mittwoch versetzt«, sagte Frau Swann zu Frau Cottard. »Das ist wahr, Odette, es ist Jahrhunderte, Ewigkeiten her, daß ich Sie nicht gesehen habe. Sie sehen, ich bitte um mildernde Umstände, aber Sie müssen wissen«, fügte sie verschämt und etwas unbestimmt hinzu, denn, obwohl Arztgattin, getraute sie sich nicht ohne Umschweife von Rheumatismus, Kolik oder Nierenleiden zu sprechen, »ich habe allerlei kleine Miseren gehabt. Es hat ja jeder die seinen. Und dann gab es gerade eine Krise in meiner männlichen Dienerschaft. Ohne mehr als andere Frauen von meiner Autorität eingenommen zu sein, mußte ich, um ein Exempel zu statuieren, meinen Speisemeister entlassen, der, wie ich glaube, anderswo einen einträglicheren Posten suchte. Aber sein Abgang hat beinah die Abdankung des ganzen Ministeriums nach sich gezogen. Meine Zofe wollte auch nicht länger bleiben, es hat homerische Szenen gegeben. Trotz allem hab ich mein Steuer fest geführt, das ist wahre Realienkunde für mich gewesen. Ich langweile Sie mit Dienstbotengeschichten, aber Sie wissen so gut wie ich, welche Plackerei es ist, in seinem Personalbestand Veränderungen vornehmen zu müssen.«

– »Und Ihr reizendes Töchterchen bekommen wir heut nicht zu sehen?« fragte sie dann. »Nein, mein reizendes Töchterchen ist bei einer Freundin zu Tisch«, antwortete Frau Swann und fügte dann, zu mir gewandt, hinzu: »Ich glaube, sie hat Ihnen geschrieben, damit Sie morgen zu ihr kommen. Und Ihre Babies?« fragte sie die Frau des Professors. Ich atmete auf. Frau Swanns Worte bewiesen mir, daß ich Gilberte sehen könne, wann ich wolle, sie erwiesen mir genau die Wohltat, um derentwillen ich gekommen war, die mir meine Besuche bei Frau Swann zu einer Notwendigkeit machten. »Nein, ich werde ihr übrigens noch heut abend schreiben. Gilberte und ich, wir können uns nicht mehr sehen.« Das sagte ich mit einem Ausdruck, als schriebe ich unsere Trennung einer geheimnisvollen Ursache zu, was mir eine neue Liebesillusion gab, die durch die zärtliche Art, mit der ich von Gilberte und Gilberte von mir sprach, noch genährt wurde. »Sie wissen, daß sie Sie über die Maßen gern hat«, sagte Frau Swann. »Wollen Sie morgen wirklich nicht...?« Eine plötzliche Heiterkeit stieg in mir auf. Ich sagte mir: »Aber warum denn eigentlich nicht, da doch ihre Mutter es mir selbst vorschlägt?« Doch gleich verfiel ich wieder in meine Traurigkeit. Ich fürchtete, Gilberte werde, wenn sie mich wiedersehe, denken, meine Gleichgültigkeit in der letzten Zeit sei nur geheuchelt gewesen, und so wollte ich die Trennung lieber verlängern. Während dieses Selbstgesprächs beklagte sich Frau Bontemps über die Langweile, mit der sie die Frauen der Politiker quälten; sie tat nämlich immer, als fände sie alle Welt unerträglich und lächerlich und sei untröstlich über die Stellung ihres Mannes. »Also Sie können so einfach fünfzig Arztfrauen hintereinander empfangen?« fragte sie Frau Cottard, die ihrerseits voll Wohlwollen gegen jedermann war und alle Verpflichtungen respektierte. »Ach, da sind Sie wirklich tugendhaft! Bei mir im Ministerium, nicht wahr, ist es natürlich Pflichtsache. Oh! Es geht über meine Kraft, wissen Sie, diese Beamtenfrauen, ich kann nicht anders, ich muß ihnen die Zunge herausstrecken. Und meine Nichte Albertine ist genau wie ich. Sie machen sich keinen Begriff, wie frech die Kleine ist. Letzte Woche war auf meinem Jour die Frau des Unterstaatssekretärs vom Finanzministerium, die sagte, von Küche verstehe sie nichts. ›Aber, gnädige Frau,‹ sagt meine Nichte mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln, »Sie müßten sich eigentlich darin auskennen; Ihr Herr Vater ist doch Küchenjunge gewesen.‹« »Oh! Die Geschichte gefällt mir, ich finde das köstlich«, sagte Frau Swann. »Aber wenigstens für die Tage, an denen der Doktor Sprechstunde hat, sollten Sie ein kleines home mit Ihren Büchern und den Dingen haben, die Sie lieben«, riet sie dann Frau Cottard.

»So einfach, klatsch, mitten ins Gesicht, ohne Umstände. Und mir hatte sie vorher gar nichts gesagt, die kleine Hexe, die hat's hinter den Ohren. Sie können von Glück sagen, daß Sie sich zurückzuhalten verstehen; ich beneide die Leute, die ihre Gedanken zu verbergen wissen.« »Aber das brauche ich doch nicht, ich bin so einfach«, antwortete sanft Frau Cottard. »Erstens habe ich nicht dieselben Rechte wie Sie« – das sagte sie mit erhobener Stimme, die sie immer annahm, wenn sie eine ihrer vielbewunderten zarten Liebenswürdigkeiten und geschickten Schmeicheleien in die Unterhaltung einfließen ließ und unterstrich, die der Karriere ihres Mannes förderlich waren. »Und dann tu ich mit Vergnügen alles, was dem Professor nützlich sein kann.«

»Aber liebe gnädige Frau, man muß können! Vermutlich sind Sie nicht nervös. Ich, wenn ich die Frau des Kriegsministers ihre Grimassen schneiden sehe, muß ich sie ihr sofort nachmachen. Es ist schrecklich, solch ein Temperament zu haben.«

»Ach ja«, sagte Frau Cottard. »Ich habe davon gehört, sie soll einen Tick haben, mein Mann kennt jemanden sehr Hochgestellten, und wenn die Herren untereinander plaudern ...«

»Ach wissen Sie, gnädige Frau, da ist dann noch der Repräsentationschef, der hat einen richtigen Buckel, kaum ist er fünf Minuten bei mir, so muß ich dran rühren. Mein Mann sagt, ich werde es noch dahin bringen, daß er abgesetzt wird. Ach was! Ich pfeif auf das Ministerium! Ja, das möchte ich als Devise auf mein Briefpapier setzen lassen: ich pfeif auf das Ministerium. Sie werden sich sicher an mir ärgern; Sie sind so gut; ich muß bekennen, nichts macht mir soviel Spaß wie kleine Bosheiten. Ohne die wäre das Leben recht eintönig.«

Und sie redete weiter immerfort vom Ministerium, als ob es der Olymp wäre. Um das Thema zu wechseln, wandte sich Frau Swann an Frau Cottard:

»Sie sehen heut besonders schön aus. Redfern fecit?«

»Nein, Sie wissen doch, ich bin eine eifrige Anhängerin von Rauthnitz. Übrigens ist es nur geändert.«

»Aber einen Chik hat das!«

»Wieviel glauben Sie? ... Nein, Sie müssen die erste Ziffer ändern.«

»Wie? Das ist ja für nichts, das ist geschenkt. Mir hat man dreimal soviel gesagt.« »Ja, so wird Geschichte geschrieben«, schloß die Frau des Doktors. Dann zeigte sie Frau Swann eine Boa, die diese ihr geschenkt hatte:

»Sehen Sie, Odette, erkennen Sie es wieder?«

Ein Vorhang wurde gelüftet, und es zeigte sich mit zeremoniös ehrerbietiger Miene ein Kopf, er tat im Scherz, als fürchte er zu stören: es war Swann. »Odette, der Fürst von Agrigent, der bei mir im Arbeitszimmer ist, fragt, ob er Ihnen seine Aufwartung machen darf. Was soll ich ihm antworten?« »Daß ich entzückt sein werde«, pflegte dann Odette zu sagen, mit einer gewissen Genugtuung, doch ohne ihre Ruhe zu verlieren, was ihr um so leichter fiel, als sie immer, schon als Kokotte, elegante Männer empfangen hatte. Swann ging die Autorisation zu überbringen und in Begleitung des Fürsten kam er wieder zu seiner Frau, außer wenn etwa inzwischen Frau Verdurin eingetreten war. Als er Odette heiratete, hatte er sie gebeten, nicht mehr in dem kleinen Clan zu verkehren (dafür hatte er seine Gründe und, hätte er keine gehabt, er hätte es doch getan, einem Gesetz der Undankbarkeit folgend, das keine Ausnahme duldet und wieder einmal die Unvorsichtigkeit aller Kuppelei bewies oder ihre Uneigennützigkeit). Er hatte nur erlaubt, daß Odette einmal im Jahr Frau Verdurin empfing und besuchte, und sogar das schien gewissen Getreuen des Kreises noch zuviel, sie waren entrüstet über die Schmach, die man der Patronne antat, die jahrelang Odette und sogar Swann als Lieblingskinder des Hauses behandelt hatte. Denn wenn der kleine Kreis falsche Gesellen enthielt, die an bestimmten Abenden ausblieben, um, ohne es zu sagen, einer Einladung Odettes zu folgen – entschlossen im Fall der Entdeckung mit ihrer Neugier, Bergotte zu begegnen, sich zu entschuldigen (obschon die Patronne behauptete, er verkehre nicht bei den Swann, sei ohne Talent; und dennoch suchte sie ihn, nach einem ihrer Lieblingsausdrücke »zu ködern«) – wenn der kleine Kreis solche falschen Gesellen enthielt, so hatte er auch seine »Ultras«. Die wußten nicht von den Konventionen, welche ein extremes Verhalten untersagen, wie man es gern gesehen hätte, um jemanden zu ärgern, und hätten gewünscht – aber ihr Wunsch erfüllte sich nicht –, daß die Patronne alle Beziehungen zu Odette aufgebe, schon damit diese nicht die Genugtuung habe, lachend zu sagen: »Wir gehen sehr selten zur Patronne seit dem Schisma. Das war noch möglich, als mein Mann Junggeselle war, aber für ein Ehepaar ist es nicht immer ganz leicht ... Swann, um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, kann die alte Verdurin nicht vertragen und würde es nicht sehr schätzen, wenn ich gewohnheitsmäßig mit ihr verkehrte. Und ich, als treue Gattin ...« Swann begleitete seine Frau zu der Abendgesellschaft bei den Verdurin, vermied es aber zugegen zu sein, wenn Frau Verdurin Odette besuchen kam. Wenn also die Patronne im Salon war, mußte der Fürst von Agrigent ohne ihn eintreten. Er allein wurde übrigens von Odette vorgestellt, denn sie wollte nicht, daß Frau Verdurin obskure Namen zu hören bekam, sie sollte, wenn sie soviel unbekannte Gesichter sah, meinen, sich mitten unter namhaften Aristokraten zu befinden, und diese Berechnung glückte; des Abends sagte dann Frau Verdurin mit Abscheu zu ihrem Manne: »Ein reizender Kreis! Die ganze Blüte der Reaktion war anwesend!« Odette hatte in bezug auf Frau Verdurin die umgekehrte Illusion. Damals hatte deren Salon allerdings erst begonnen zu werden, was er später einmal sein sollte. Frau Verdurin war noch nicht einmal in der Inkubationsperiode, in der man die großen Feste aufschiebt, um die wenigen erst jüngst erworbenen glänzenden Elemente nicht in zuviel schlechte Masse zu tauchen, und lieber abwartet, daß die Zeugungskraft der zehn Gerechten, die man gewonnen hat, siebenzigmal zehn hervorbringe. Wie auch Odette es bald tun sollte, nahm Frau Verdurin die ›Gesellschaft‹ aufs Korn, aber ihre Angriffszonen waren noch sehr beschränkt und lagen so fern von denen, bei welchen Odette einige Aussicht hatte, zu einem entsprechenden Resultat durchzudringen, daß diese nichts von den strategischen Plänen ahnte, die die Patronne ausarbeitete. Wenn man zu ihr von Frau Verdurin als einem Snob sprach, sagte sie ganz gutgläubig lachend: »Ganz das Gegenteil ist sie. Erstens einmal fehlen ihr dazu alle Elemente, sie kennt niemanden. Dann muß man ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie es gar nicht anders haben will. Nein, was sie liebt, sind ihre Mittwoche mit ihren angenehmen Plauderstunden.« Und heimlich beneidete sie Frau Verdurin (obwohl sie immer noch hoffte, in einer so guten Schule schließlich etwas gelernt zu haben) um die Künste, welche die Patronne so hübsch wichtig nahm, obwohl sie nur ein Nichtvorhandenes nuancierten, im Leeren modellierten und Künste im Nichtsein waren: die Kunst einer Hausherrin nämlich, zu ›vereinen‹, zu ›gruppieren‹, ›zur Geltung zu bringen‹, ›sich selbst in den Schatten zu stellen‹ und nur als ›Bindestrich‹ zu dienen.

Den Freundinnen von Frau Swann machte es immerhin einen großen Eindruck, bei ihr eine Frau zu sehen, die man sich gewöhnlich nur in ihrem eigenen Salon vorstellte, unzertrennlich umgeben von dem Rahmen ihrer Besucher, von dem ganzen kleinen Kreise; den sah man jetzt staunend hier heraufbeschworen, zusammengefaßt und auf einen einzigen Sessel beschränkt sub specie der Patronne, die selbst Besuch geworden war, wie sie da eingemummelt saß in ihren mit Eisvogel gefütterten Mantel, so daunenweich wie die weißen Stoffe, die diesen Salon bekleideten, in dessen Mitte Frau Verdurin selbst ein Salon war. Die schüchternsten Frauen wollten sich aus Diskretion zurückziehen, und – wie man den andern Besuchern begreiflich macht, daß es verständiger sei, eine Rekonvaleszentin, die sich zum erstenmal erhebt, nicht zu sehr zu ermüden, – wandten sie den Plural an und sagten: »Odette, wir wollen Sie jetzt allein lassen.« Man beneidete Frau Cottard, die von der Patronne beim Vornamen genannt wurde. »Werde ich sie entführen?« sagte Frau Verdurin zu ihr, da sie den Gedanken nicht ertragen konnte, daß eine der Getreuen dabliebe, statt ihr zu folgen. »Frau Bontemps ist schon so liebenswürdig, mich mitzunehmen«, antwortete Frau Cottard, die nicht den Eindruck erwecken wollte, als vergäße sie zugunsten einer berühmteren Person, daß sie das Anerbieten von Frau Bontemps, sie in ihrer Dienstkutsche heimzufahren, angenommen hatte. »Ich gestehe gern, daß ich den Freundinnen, die mich in ihrem Vehikel mitnehmen, ganz besonders dankbar bin. Das ist ein wahrer Glücksfall für mich, die selber keinen Rosselenker hat.« »Um so mehr,« erwiderte die Patronne (sie wollte nicht unfreundlich dazu schweigen, da sie Frau Bontemps ein wenig kannte und schon zu ihren Mittwochen eingeladen hatte), »als Sie bei Frau von Crécy ziemlich weit von Hause sind. O mein Gott! Ich werde es doch nie lernen, Frau Swann zu sagen.« Es war ein beliebter Scherz im kleinen Clan, so recht für Leute, die nicht viel Geist haben, zu tun, als könne man sich nicht daran gewöhnen, Frau Swann zu sagen. »Ich hatte so sehr die Gewohnheit, Frau von Crécy zu sagen, daß ich mich beinah wieder versprochen hätte.« Frau Verdurin war die einzige, auf die dies ›beinah‹ nicht zutraf, sie versprach sich absichtlich. »Ängstet es Sie nicht, Odette, dies verlorene Viertel zu bewohnen. Wenn ich abends hier auf dem Heimweg wäre, ich glaube, ich würde ein bißchen unruhig sein. Und dann ist es so feucht. Das kann nicht gut sein für das Exzem Ihres Mannes. Sie haben doch wenigstens keine Ratten?« »Aber nein! Das wäre ja scheußlich!« »Gott sei Dank. Man hat es mir gesagt. Ich bin froh, daß es nicht wahr ist, denn ich habe schreckliche Furcht vor Ratten und wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen. Auf Wiedersehen, Liebste, Beste, auf bald, Sie wissen, wie glücklich es mich macht, Sie zu sehen. – Sie arrangieren aber die Chrysanthemen nicht richtig«, sagte sie noch im Abgehen, während Frau Swann sich erhob, sie hinauszubegleiten. »Es sind japanische Blumen, man muß sie verteilen, wie die Japaner es tun.«

»Da teile ich die Meinung von Frau Verdurin nicht, obwohl sie mir sonst in allen Dingen Gesetz und Propheten ist. So schöne Chrysanthemen können nur Sie finden, Odette«, erklärte Frau Cottard, als die Patronne die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Unsere liebe Verdurin ist nicht immer sehr wohlwollend für die Blumen der andern«, antwortete sanft Frau Swann. »Wer darf Sie beliefern, Odette?« fragte Frau Cottard ablenkend, um die Kritiken über die Patronne nicht weitergehen zu lassen ... »Lemaître? Neulich stand vorn bei Lemaître ein großes Rhododendron, für das ich, ich bekenne es, eine Tollheit beging.« Aus Schamhaftigkeit wollte sie keine genauere Auskunft über den Preis des Rhododendrons geben, sie sagte nur, der Professor, der doch in seinen Ausdrücken nicht gerade »kurz angebunden« sei, habe vom Leder gezogen und ihr gesagt, sie wisse wohl nicht, was Geld sei. »Nein, nein, ich habe von namhaften Blumenhändlern nur Debac.« »Ich auch,« sagte Frau Cottard, »aber ich bekenne, daß ich ihm manchmal mit Lachaume ein wenig untreu werde.« »Ah, Sie betrügen ihn mit Lachaume, das werde ich ihm sagen«, erwiderte Odette, die sich bemühte, Geist zu entwickeln und die Unterhaltung in ihren Salon zu dirigieren, wo sie sich behaglicher fühlte als in dem kleinen Clan. »Übrigens wird Lachaume wirklich zu teuer; seine Preise sind übertrieben, wissen Sie, ich finde seine Preise geradezu unschicklich!« Sie lachte.

Indessen war Frau Bontemps, die hundertmal gesagt hatte, sie wolle nicht zu den Verdurin gehen, entzückt, zu den Mittwochgesellschaften eingeladen zu sein, und schon im Begriff, auszurechnen, wie sie sich möglichst oft dahin begeben könne. Sie wußte nicht, daß Frau Verdurin Wert darauf legte, daß man keinen Mittwoch bei ihr versäume; sodann gehörte sie zu den wenig begehrten Gästen, die, wenn sie in einem Hause zu »Serien« geladen werden, nicht einfach hingehen wie andere, die wissen, daß sie mit ihrem Besuch Vergnügen bereiten, wenn sie gerade etwas freie Zeit und das Bedürfnis auszugehen haben; sondern sie versagen sich die erste und dritte Gesellschaft in dem Wahn, daß ihre Abwesenheit auffallen werde, und sparen sich für die zweite und vierte auf; es sei denn, daß sie in Erfahrung gebracht haben, die dritte werde besonders glänzend sein; dann ändern sie wieder ihre Einteilung und geben vor, »das letztemal seien sie unglücklicherweise nicht frei gewesen«. Frau Bontemps überschlug, wieviel Mittwoche es noch vor Ostern gab und wie sie es anstellen könne, einen mehr zu erbeuten, ohne daß es aussehe, als dränge sie sich auf. Sie rechnete auf Frau Cottard, mit der sie zusammen heimfahren würde, die sollte ihr Auskünfte erteilen.

»Aber Frau Bontemps, Sie stehen auf? Das ist nicht hübsch von Ihnen, so das Signal zur Flucht zu geben, Sie sind mir noch Entschädigung schuldig, weil Sie letzten Donnerstag nicht gekommen sind ... Ach, setzen Sie sich noch einen Augenblick. Vor dem Essen machen Sie wohl doch keinen Besuch mehr. Sie wollen sich wirklich nicht verlocken lassen?« – Frau Swann reichte ihr eine Kuchenschüssel. – »Wissen Sie, es ist gar nicht so schlecht, das Zeug da. Es sieht nach nichts aus, aber kosten Sie mal, dann werden Sie schon sehen.«

»O im Gegenteil, das sieht köstlich aus«, erwiderte Frau Cottard, »bei Ihnen, Odette, herrscht keine Lebensmittelknappheit. Ich brauche Sie nicht nach der Fabrikmarke zu fragen, ich weiß, Sie lassen alles von Rebattet kommen. Ich muß sagen, daß ich eklektischer bin. Für Petits fours, für alles Naschwerk wende ich mich häufig an Bourbonneux. Aber ich gebe zu, daß man bei dem nicht weiß, was Gefrorenes ist. Rebattet ist klassisch in allem, was Eis, Bavaroise, Sorbet ist. Wie mein Mann sagen würde, er ist das nec plus ultra.« »Aber das hier ist ja einfach im Haus gemacht. Sie wollen wirklich nicht?« »Ich könnte dann nicht zu Abend essen,« antwortete Frau Bontemps, »aber ich setze mich noch einen Augenblick, es macht mich zu glücklich, mit einer intelligenten Frau wie Sie zu plaudern.« »Sie werden mich indiskret finden, Odette, aber ich möchte gern wissen, wie Sie über den Hut urteilen, den Frau Trombert aufhatte. Ich weiß, die großen Hüte sind Mode. Aber das ist denn doch übertrieben. Und neben dem, den sie neulich bei mir trug, ist der von vorhin sogar noch mikroskopisch.«

»Aber nein, ich bin nicht intelligent«, sagte Odette (sie meinte, das nehme sich gut aus). »Ich bin im Grunde so naiv, glaube alles, was man mir sagt, und mache mir Sorgen um jede Kleinigkeit.« Und sie gab zu verstehen, sie habe anfangs sehr darunter gelitten, mit einem Manne wie Swann verheiratet zu sein, der ein Leben ganz für sich führe und sie betrüge. Indessen hatte der Fürst von Agrigent die Worte »Ich bin nicht intelligent« verstanden und hielt es für seine Pflicht, zu protestieren, aber ihm fiel selten gleich etwas ein. »Nanana!« rief Frau Bontemps, »Sie nicht intelligent?« »Ja, Tatsache, ich habe mir auch gedacht: Was muß ich hören?« sagte der Prinz und faßte nach dem rettenden Strick. »Meine Ohren müssen mich getäuscht haben.« »Ach nein, ich versichere Ihnen«, sagte Odette, »ich bin im Grunde eine kleine Bourgeoise, leicht zu chokieren, voller Vorurteile, immer in meinem Eckchen und vor allem sehr ungebildet.« Und sie erkundigte sich nach Herrn von Charlus mit den Worten: »Haben Sie unseren lieben Baronet gesehen?« »Sie ungebildet?« rief Frau Bontemps. »Was würden Sie da zu der offiziellen Gesellschaft sagen, zu all den Frauen von Exzellenzen, die nur von Mode und Kleidern sprechen... Schauen Sie, da hab ich vor noch nicht acht Tagen die Kultusministerin auf Lohengrin gebracht. » Lohengrin?« sagte sie, »ach ja, die letzte Revue der Folies-Bergère, es soll zum Totlachen sein. Was sagen Sie dazu, meine Liebe? Wenn man so etwas hört, möchte man doch aus der Haut fahren. Am liebsten hätte ich das Weib geohrfeigt. Ich hab nun mal das Temperament, wissen Sie. Hab ich nicht recht?« wandte sie sich an mich. »Hören Sie,« sagte Frau Cottard, »es ist zu entschuldigen, daß man etwas schief antwortet, wenn man so unvorbereitet auf den Kopf zu gefragt wird. Davon kann ich ein Lied singen, denn Frau Verdurin hat auch die Gewohnheit, unsereinem das Messer an die Kehle zu setzen.« »Da Sie gerade von Frau Verdurin sprechen,« fragte Frau Bontemps Frau Cottard, »wissen Sie, wer Mittwoch bei ihr sein wird?... Ach jetzt fällt mir ein, wir haben ja schon eine Einladung für nächsten Mittwoch angenommen. Wollen Sie nicht Mittwoch in acht Tagen bei uns essen? Wir gehen dann zusammen zu Frau Verdurin. Allein trau ich mich nicht recht hin, ich weiß nicht, wie es kommt, aber diese große Frau hat mir immer Angst gemacht.« »Ich will Ihnen etwas sagen,« erwiderte Frau Cottard, »was Sie bei Frau Verdurin erschreckt, ist ihr Organ. Es kann eben nicht jeder ein so hübsches Organ haben wie Frau Swann. Aber kaum sind die ersten Worte gefallen, wie die Patronne sagt, so ist das Eis bald gebrochen. Denn im Grunde ist sie sehr entgegenkommend. Aber ich begreife Ihre Empfindung, es ist nie angenehm, zum erstenmal auf fremdem Boden sich zu bewegen.« »Sie könnten doch auch mit uns essen«, sagte Frau Bontemps zu Frau Swann. »Nach Tisch ginge man zusammen ins Land Verdurin, ein bißchen verdurieren; und sollte das auch zur Folge haben, daß die Patronne mir böse Augen macht und mich nicht mehr einlädt, sind wir erst einmal bei ihr, dann bleiben wir drei zusammen und plaudern miteinander, das würde mir den meisten Spaß machen.« Aber diese Behauptung schien nicht ganz wahrheitsgetreu zu sein, denn Frau Bontemps fragte: »Wer, glauben Sie, wird Mittwoch in acht Tagen da sein? Wie wird es zugehen? Es werden doch wenigstens nicht zu viel Leute kommen?« »Ich gehe sicher nicht hin«, sagte Odette. »Wir wollen uns nur am letzten Jour auf einen Augenblick sehen lassen. Wenn es Ihnen gleich ist, bis dahin zu warten ...« Aber Frau Bontemps schien die vorgeschlagene Vertagung nicht zu reizen.

Obwohl die geistigen Werte eines Salons und seine Eleganz im allgemeinen eher in umgekehrtem als in direktem Verhältnis stehen, ist doch anzunehmen, – da Swann Frau Bontemps angenehm fand – daß jeder hingenommene Verlust die Menschen weniger heikel denen gegenüber macht, mit deren Gesellschaft sie sich aus Resignation zufriedengeben wollen, vor allem weniger heikel ihrem Geist gegenüber. Und wenn das wahr ist, müssen die Menschen, gerade wie die Völker, ihre Kultur und sogar ihre Sprache hinschwinden sehen mit ihrer Unabhängigkeit. Eine Wirkung dieser Duldsamkeit ist die Verschärfung der Tendenz, von einem gewissen Alter ab Worte, die unserer Geistesart, unsern Neigungen huldigen, angenehm zu finden und uns gern gefallen zu lassen; das ist das Alter, in dem ein großer Künstler der Gesellschaft selbständiger Geister die seiner Schüler vorzieht, die nichts mit ihm gemein haben als den Buchstaben seiner Lehre; ihn beweihräuchern und ihm lauschen, das Alter, in dem ein bedeutender Mann oder eine bedeutende Frau, die ihr Leben einer Liebe gewidmet haben, in einer Gesellschaft am intelligentesten eine vielleicht unbedeutende Person finden, die durch eine Wendung zeigt, daß sie mit Verständnis und Billigung einem galanten Dasein entgegenkommt und so den wollüstigen Tendenzen des Liebhabers oder der Liebenden schmeichelt; in diesem Lebensalter gefiel es Swann in seiner Eigenschaft als Gatte Odettes, von Frau Bontemps zu hören, es sei lächerlich, nur Herzoginnen bei sich zu sehen (woraus er jetzt schloß, sie sei eine gute Frau, geistreich und gar nicht snobistisch; früher bei den Verdurin hatte er ganz, anderes daraus geschlossen), es gefiel ihm, ihr Geschichten zu erzählen, über die sie sich ›totlachen‹ wollte, weil sie sie noch nicht kannte und überdies schnell ›kapierte‹, und weil sie gern schmeichelte und sich gern amüsieren ließ.

»Also der Doktor ist nicht so in Blumen vernarrt wie Sie?« fragte Frau Swann Frau Cottard. »Oh, Sie wissen ja, mein Mann ist ein Weiser; er ist maßvoll in allem. Allerdings eine Leidenschaft hat er.« »Welche denn?« fragte Frau Bontemps und ihr Auge strahlte vor Bosheit, Freude und Neugier. Schlicht antwortete Frau Cottard: »Das Lesen.« »Oh, das ist eine sehr ungefährliche Leidenschaft bei einem Ehemann«, rief Frau Bontemps und unterdrückte ein satanisches Lachen. »Ach wissen Sie, wenn er so in ein Buch vertieft ist...« »Aber, liebe Frau Cottard, das kann Sie doch nicht weiter beunruhigen...« »O doch!... seiner Augen wegen. Jetzt will ich aber zu ihm, Odette, bei erster Gelegenheit klopf ich wieder an Ihre Tür. Bei Augen fällt mir ein: hat man Ihnen schon erzählt: das Haus, das Frau Verdurin gekauft hat, wird elektrisch beleuchtet werden. Das hab ich nicht von meiner kleinen Privatpolizei, sondern aus anderer Quelle: der Elektrotechniker hat es mir erzählt, Mildé. Sie sehen, ich zitiere meine Quellen! Sogar die Zimmer werden ihre elektrischen Lampen haben mit Lampenschirmen, die das Licht dämpfen. Gewiß ein charmanter Luxus. Unsere Zeitgenossinnen wollen nun einmal absolut das Neue, und gäbe es auch gar keins mehr. Die Schwägerin einer meiner Freundinnen hat sich Telephon im Hause anlegen lassen! Sie kann eine Bestellung bei einem Lieferanten machen, ohne ihre Wohnung zu verlassen! Ich gestehe, daß ich geradezu gemeine Intrigen angezettelt habe, um einmal hinkommen zu dürfen und in den Apparat zu sprechen. Das reizt mich sehr, aber eher bei einer Freundin als zu Hause. Wenn der erste Spaß vorbei ist, muß einem der Lärm gräßlich auf die Nerven gehen. Nun muß ich aber fort, Odette, halten Sie Frau Bontemps nicht länger zurück, sie hat sich meiner angenommen, so, ich muß mich absolut losreißen, Sie lassen mich schöne Geschichten anstellen, ich werde später heimkommen als mein Mann!«

Und auch ich mußte heimkehren, ehe ich jene winterlichen Freuden gekostet hatte, als deren glänzende Hülle mir die Chrysanthemen erschienen waren. Diese Freuden waren nicht gekommen, und doch sah Frau Swann nicht aus, als warte sie noch auf etwas. Sie ließ die Bedienten den Tee forttragen, wie um zu verkünden: ›Es wird geschlossen!‹ Zuletzt sagte sie noch zu mir: »Nun, Sie wollen wirklich gehen? Also good bye!« Ich hatte das Gefühl, auch wenn ich bliebe, würden die unbekannten Freuden mir nicht begegnen, und es war nicht nur Traurigkeit, was mich ihrer beraubte. Sollten sie nicht auf der gebahnten Straße der Stunden zu finden sein, die stets so schnell zum Augenblick des Weggehens führen, sondern eher auf einem mir unbekannten Seitenweg, in den ich hätte abbiegen müssen? Wenigstens war der Zweck meines Besuches erreicht: Gilberte wird erfahren, daß ich in ihrer Abwesenheit zu ihren Eltern gekommen bin und dort, wie Frau Cottard unablässig wiederholte, ohne weiteres auf den ersten Blick Frau Verdurin erobert habe; und die, fügte die Doktorsfrau hinzu, habe sie noch nie so liebenswürdig bemüht gesehen. »Sie beide müssen miteinander sympathisierende Atome haben«, hatte sie gesagt. Gilberte würde erfahren, ich habe von ihr gesprochen, und zwar, wie ich es mußte, mit Zärtlichkeit, ich sei aber nicht unfähig zu leben, ohne daß wir uns sähen, und diese Unfähigkeit hielt ich doch für den Hauptgrund des Verdrusses, den ihr in der letzten Zeit meine Gegenwart verursachte. Ich hatte zu Frau Swann gesagt, ich könne nicht mehr mit Gilberte zusammen sein. Das hatte ich gesagt, als ob ich entschlossen sei, sie nie mehr wiederzusehen. Und der Brief, den ich Gilberte schreiben wollte, sollte im gleichen Sinne abgefaßt sein. Allein mir selber schlug ich, um mir Mut zu machen, nur noch eine letzte kurze Anspannung von wenigen Tagen vor. Ich sagte mir: ›Dies Rendezvous weise ich noch zurück, das nächste nehme ich an.‹ Und um mir die Trennung weniger schwer zu machen, stellte ich sie mir nicht als endgültig vor; doch fühlte ich, daß sie es sein werde.

Der erste Januar war mir in diesem Jahr besonders schmerzlich. Das ist wohl immer so mit allen Daten und Jahrestagen, wenn man unglücklich ist. Wenn es sich aber etwa um den Verlust eines teuren Wesens handelt, besteht der Schmerz nur in dem lebhafteren Vergleich mit der Vergangenheit. In meinem Falle kam die unausgesprochene Hoffnung hinzu, Gilberte möchte, nachdem sie mir die Initiative des ersten Schrittes überlassen und festgestellt hatte, daß ich sie nicht ergriff, nur den Vorwand des Neujahrstages abgewartet haben, um mir zu schreiben: ›Was wird denn nun? Ich bin vernarrt in Sie. Kommen Sie, daß wir offen miteinander reden, ich kann nicht leben, ohne Sie zu sehen.‹ Von den letzten Dezembertagen ab schien mir dieser Brief wahrscheinlich. Er war es vielleicht nicht, aber um etwas Derartiges zu glauben, genügt unser Bedürfnis, unser Drang. Der Soldat ist überzeugt, daß ihm eine gewisse beliebig ins Unendliche zu verlängernde Frist gewährt sei, bevor er getötet, der Dieb, bevor er gefaßt wird, die Menschen im allgemeinen, bevor sie sterben müssen. Das ist der Talisman, der die Individuen – und bisweilen die Völker – nicht gegen die Gefahr selbst, aber gegen die Furcht vor der Gefahr, genauer noch, gegen den Glauben an die Gefahr schützt und in gewissen Fällen dazu verhilft, sich die Gefahr zuzumuten, ohne mutig zu sein. Ein solches, ebensowenig begründetes Vertrauen hält den Liebenden aufrecht, der auf eine Versöhnung, auf einen Brief zählt. Hätte ich aufgehört, diesen Brief zu ersehnen, so hätte ich ihn auch nicht erwartet. Obwohl man weiß, daß man der immer noch Geliebten gleichgültig ist, man schreibt ihr doch eine Reihe Gedanken zu – und wären es gleichgültige –, eine Absicht, sie kundzutun, eine Komplikation ihres Innenlebens, in der man dauernd der Gegenstand vielleicht einer Antipathie, aber zugleich der Aufmerksamkeit ist. Um mir aber ein Bild von dem zu machen, was in Gilberte vorging, hätte mein Gefühl schon an diesem ersten Januar vorwegnehmen müssen, was ich an diesem Datum in einem der folgenden Jahre gefühlt hätte, das heißt zu einer Zeit, in der Gilbertes Anteilnahme so gut wie ihr Schweigen, ihre Zuneigung, wie ihre Kühle mir fast nicht aufgefallen wären; dann hätte ich aber nicht daran gedacht oder auch nur daran denken können, mich mit der Lösung von Problemen zu befassen, die nicht mehr für mich in Frage kamen. Wenn man liebt, ist die Liebe zu stark, um ganz in uns enthalten zu sein; sie strahlt aus auf die geliebte Person, trifft an ihr eine Oberfläche, die sie aufhält und zwingt, zum Ausgangspunkt zurückzukehren: diesen Rückschlag unserer eigenen Zuneigung nennen wir das Gefühl des andern, diese Rückkehr entzückt uns mehr als der Hinweg, denn wir erkennen gar nicht, daß es unser eigenes Gefühl ist, was da zurückkehrt. Alle Stunden des ersten Januar schlugen, ohne daß Gilbertes Brief kam. Und da ich infolge der Postüberfüllung um Neujahr einige verspätete oder verzögerte Glückwünsche erst am dritten und vierten Januar bekam, hatte ich noch Hoffnung, wenn auch weniger und weniger. In den folgenden Tagen weinte ich viel. Ich war eben doch nicht so aufrichtig gewesen, wie ich glaubte, als ich auf Gilberte verzichtete, und hatte meine Hoffnung auf den Neujahrsbrief von ihr behalten. Da ich sie schwinden sah, bevor ich Zeit hatte, mit einer neuen mich zu versehen, litt ich wie ein Kranker, der seine Morphiumphiole geleert hat, ohne eine zweite zur Hand zu haben. Aber vielleicht hatte – und diese beiden Erklärungen schließen einander nicht aus, denn ein einzelnes Gefühl ist bisweilen aus entgegengesetzten entstanden – vielleicht hatte die Hoffnung auf einen Brief von Gilberte ihr Bild mir näher gebracht, die Erregungen wiedererweckt, die ehedem die Erwartung, bei ihr zu sein, ihr Anblick, ihre Art, mich zu behandeln, in mir wachriefen. Die unmittelbare Möglichkeit einer Versöhnung hatte den Zustand unterdrückt, von dessen Ungeheuerlichkeit wir uns keine Rechenschaft geben – die Resignation. Die Neurastheniker glauben denen nicht, die ihnen versichern, daß sie sich nach und nach beruhigen werden, wenn sie zu Bette bleiben, ohne Briefe zu empfangen und Zeitungen zu lesen. Sie bilden sich ein, dies Regime werde ihre Nervosität nur verschlimmern. Ebenso glauben die Liebenden, da sie ihn aus entgegengesetztem Zustand heraus betrachten und nie zu erproben begonnen haben, nicht an die wohltätige Macht des Verzichtes.

Wegen heftigen Herzklopfens ließ man mich weniger Kaffein nehmen, da hörte es auf. Und ich fragte mich, ob Kaffein nicht an dem Angstzustand mit schuld sei, den ich durchgemacht hatte, als ich mich mit Gilberte beinah entzweite. Bisher schrieb ich ihn, so oft er wiederkam, meinem Schmerz zu, Gilberte nicht mehr zu sehen oder mich der Gefahr aussetzen zu müssen, sie wieder in übler Laune zu finden. Wenn aber dies Medikament die Leiden mit veranlaßt hatte, die dann meine Phantasie falsch interpretierte (und das wäre nichts Außergewöhnliches, da trotz größter seelischer Qualen Liebende die gewohnte Körpernähe der Geliebten nicht entbehren können), so tat es das in der Art des Liebestranks, der noch lange, nachdem er getrunken, Tristan weiter an Isolde fesselte. Die physische Besserung, welche die Verminderung der Kaffeinration beinah unmittelbar bei mir bewirkte, hielt die Weiterentwicklung des Grames nicht auf, den das Einnehmen des Giftes, wenn nicht geschaffen, so doch verschärft hatte.

Allein, als die Mitte des Monats Januar näher kam, meine Hoffnungen auf den Neujahrsbrief enttäuscht und der ergänzende Schmerz, der diese Enttäuschung begleitete, erst einmal beruhigt war, da fing mein Kummer von vor dem Feste wieder an. Es machte ihn vielleicht noch quälender, daß ich selbst unbewußt und absichtlich, unbarmherzig und geduldig an ihm arbeitete. Das Einzige, daran ich hing, meine Beziehungen zu Gilberte –, ich selbst mühte mich ab, sie unmöglich zu machen, und schuf nach und nach durch die verlängerte Trennung von meiner Freundin zwar nicht ihre Gleichgültigkeit, aber, was schließlich auf dasselbe hinauskommen mußte, meine eigene. Das war ein langer, grausamer Selbstmord des Ich in mir, das Gilberte liebte; eifrig arbeitete ich an ihm mit Beharrlichkeit und hellsichtigem Blick nicht nur für das, was ich jetzt tat, auch für das, was in Zukunft daraus entstehen würde; ich wußte, in absehbarer Zeit würde ich Gilberte nicht mehr lieben, aber dann würde es ihr leid tun und sie dürfte Versuche machen, mich zu sehen, und die wären dann ebenso erfolglos wie die jetzigen, nicht weil ich sie zu sehr, sondern weil ich dann sicher eine andere Frau lieben werde und mir von den Stunden, in denen ich diese begehrte und erwartete, kein Teilchen abzusondern bliebe für Gilberte, die mir dann nichts mehr wäre. Und jetzt, da ich entschlossen war, sie nicht mehr zu sehen, es sei denn, daß sie mich ausdrücklich um eine Auseinandersetzung bäte und mir eine vollständige Liebeserklärung machte, worauf doch nicht zu rechnen war, – jetzt, da ich Gilberte schon verloren hatte und mehr liebte, mehr fühlte, was sie mir alles war, als im vorigen Jahre, in dem ich alle meine Nachmittage nach Belieben mit ihr verbrachte und meinte, nichts bedrohe unsere Freundschaft, – jetzt war mir der Gedanke, ich werde eines Tages dieselben Gefühle für eine andere hegen, tief verhaßt, denn dieser Gedanke entriß mir außer Gilberte auch noch meine Liebe und mein Leid. Meine Liebe, mein Leid, die mich weinend versuchen ließen, genau zu erfassen, was an Gilberte war; und diese Gefühle gehörten doch, wie ich mir eingestehen mußte, nicht ihr speziell an und sollten früher oder später der oder jener anderen Frau zufallen. So ist man denn – das dachte ich wenigstens damals – immer abgetrennt von den anderen Wesen; wenn man liebt, fühlt man, daß diese Liebe nicht den Namen dieser Wesen trägt, in Zukunft neu entstehen kann und auch in der Vergangenheit für eine andere und nicht gerade für diese da hätte entstehen können. Und wenn man in Zeiten, in denen man nicht liebt, philosophisch seinen Nutzen zieht aus dem widerspruchsvollen Wesen der Liebe, so hat man eben die Liebe, von der man leichthin redet, nicht erlebt, man kennt sie nicht, die Erkenntnis auf diesem Gebiet ist intermittierend und überlebt die tatsächliche Gegenwart des Gefühls nicht. Von dieser Zukunft, in der ich sie nicht mehr lieben würde (mein Schmerz half mir sie zu erraten, wenn sie meine Phantasie auch noch nicht deutlich vorstellen konnte), hätte ich Gilberte noch warnen können, es wäre noch Zeit gewesen, ihr zu sagen, daß diese Zukunft sich nach und nach gestalten würde und, wo nicht dicht bevorstehend, so doch unvermeidlich sei, wenn nicht sie selbst, Gilberte, mir zu Hilfe käme und meine künftige Gleichgültigkeit im Keim erstickte. Wie oft war ich nicht drauf und dran, Gilberte zu schreiben oder hinzugehen und ihr zu sagen: ›Hüten Sie sich, mein Entschluß ist gefaßt: Der Schritt, den ich tue, ist mein letzter Schritt. Ich sehe Sie zum letztenmal. Bald werde ich Sie nicht mehr lieben.‹ Wozu? Mit welchem Rechte hätte ich Gilberte eine Gleichgültigkeit vorgeworfen, die ich selbst, ohne mich deshalb schuldig zu fühlen, für alles bekundete, was nicht Gilberte war? Das letztemal! Mir schien das etwas Ungeheures, weil ich Gilberte liebte. Ihr hätte es ohne Zweifel nur soviel Eindruck gemacht wie die Briefe, in denen Freunde bitten, uns einen letzten Besuch machen zu dürfen, ehe sie außer Landes gehen, einen Besuch, den wir ihnen, wie lästigen Frauen, die uns lieben, abschlagen, weil wir Vergnügungen vorhaben. Die Zeit, über die wir jeden Tag verfügen, ist elastisch; die Leidenschaften, die wir fühlen, dehnen sie aus, die, welche wir einflößen, ziehen sie zusammen, und die Gewohnheit gleicht aus.

Ich hätte gut reden gehabt zu Gilberte, sie hätte mich nicht verstanden. Wir bilden uns, wenn wir sprechen, immer ein, daß unsere Ohren, unser Geist hören. Meine Worte wären abgelenkt zu Gilberte gekommen, als hätten sie auf dem Wege zu meiner Freundin den bewegten Schleier eines Kataraktes durchqueren müssen, unkenntlich wären sie gewesen, hätten lächerlich geklungen und gar keinen Sinn mehr gehabt. Die Wahrheit, die man in Worte legt, bahnt sich ihren Weg nicht direkt, ist nicht begabt mit unwiderstehlicher Evidenz. Es muß geraume Zeit vergehen, ehe sich eine Wahrheit gleicher Ordnung in ihnen bilden kann, Dann wird der politische Gegner, der trotz aller Erörterungen und Beweise den Anhänger der von ihm bekämpften Doktrin für einen Verräter hielt, selbst die verabscheute Überzeugung teilen, der jetzt jener, der sie erfolglos zu verbreiten versuchte, nicht mehr anhängt. Das Meisterwerk, das den Bewunderern, die es vorlasen, selbst die Beweise seiner Vorzüglichkeit zu geben schien und den Zuhörern nur ein wirres oder unbedeutendes Bild gab, wird von diesen als Meisterwerk verkündet werden, zu spät für den Urheber, der es nicht mehr erfährt. Ebenso können in der Liebe die Schranken trotz aller Mühe nicht von außen her und nicht von dem durchbrochen werden, den sie zur Verzweiflung bringen; wenn er sich nicht mehr um sie kümmert, werden diese vordem vergeblich angegriffenen Schranken plötzlich durch einen Vorgang im Innern derer, die nicht liebte, ohne Nutzen fallen. Hätte ich Gilberte meine zukünftige Gleichgültigkeit und das Mittel, sie zu verhüten, angekündigt, sie hätte aus diesem Schritt gefolgert, daß meine Liebe zu ihr, mein Bedürfnis nach ihr noch größer seien, als sie geglaubt, und dadurch wäre ihr Überdruß, mich zu sehen, gewachsen. Sie konnte ja doch auch nicht so gut wie ich, den die Liebe durch eine Reihe gegensätzlicher Geisteszustände führte und ihm dadurch die Zukunft ahnen half, das Ende eben dieser Liebe vorhersehen. Gleichwohl hätte ich die Warnung schriftlich oder mündlich an Gilberte gerichtet, wenn Zeit genug vergangen gewesen wäre, und sie mir so zunächst wohl weniger unentbehrlich gemacht, aber ihr doch auch gezeigt, daß sie mir nicht unentbehrlich war. Unglücklicherweise sprachen ihr gewisse Leute aus guter oder schlechter Absicht von mir in einer Weise, daß sie glauben mußte, es geschähe auf meine Bitte. Jedesmal, wenn ich erfuhr, daß Cottard, meine eigene Mutter oder gar Herr von Norpois durch ungeschickte Worte mein ganzes vollbrachtes Opfer nutzlos gemacht, das ganze Ergebnis meiner Zurückhaltung verpfuscht und mir fälschlich das Ansehen gegeben hatten, als träte ich heraus aus dieser Zurückhaltung, verdoppelte sich mein Verdruß. Zunächst konnte ich nun erst wieder von diesem Tage ab die qualvolle fruchtbringende Enthaltsamkeit datieren, welche die Störenfriede ohne mein Wissen unterbrochen und damit zunichte gemacht hatten. Und obendrein hätte ich weniger Freude daran gehabt, Gilberte zu sehen, die mich jetzt nicht mehr für einen würdig Resignierenden, sondern für jemanden hielt, der auf dunklen Umwegen eine Zusammenkunft zu bewerkstelligen sucht, die zu gewähren sie verschmäht hatte. Ich verfluchte das eitle Geschwätz von Leuten, die oft, ganz ohne jede Absicht, zu schaden oder zu helfen, für nichts und wieder nichts, nur um zu reden, manchmal nur, weil wir uns nicht enthalten konnten, vor ihnen zu reden und sie indiskret sind (wie wir), im gegebenen Falle solchen Schaden stiften. Allerdings spielen sie bei der verhängnisvollen Arbeit, die zur Zerstörung unserer Liebe geleistet wird, bei weitem keine so wichtige Rolle wie die beiden Personen, welche, gewohnheitsmäßig, die eine durch allzuviel Güte, die andere durch zuviel Schlechtigkeit alles in dem Augenblick zunichte machen, da alles sich zum Guten fügen wollte. Aber diesen beiden Personen verübeln wir es nicht wie den lästigen Cottard und Konsorten, denn die zweite ist die Person, die wir lieben, und die erste sind wir selbst.

Da indessen Frau Swann bei jedem Besuch, den ich ihr machte, mich einlud, zum Tee zu ihrer Töchter zu kommen und dieser direkt Bescheid zu geben, schrieb ich oft an Gilberte, und in dieser Korrespondenz wählte ich nicht die Wendungen, die, wie mir schien, überzeugend auf sie hätten wirken können, ich suchte nur dem Quellen meiner Tränen das sanfteste Bett zu bahnen. Denn das Weh ist wie die Begier nicht auf Selbsterforschung, sondern auf Befriedigung aus; fängt man zu lieben an, so bringt man die Zeit nicht damit hin, diese Liebe kennen zu lernen, nein, man bereitet die Möglichkeiten für eine Begegnung am nächsten Tage vor. Wenn wir verzichten, suchen wir nicht unsern Kummer zu erkennen, sondern der, die ihn verursacht; seinen nach unserm Ermessen liebevollsten Ausdruck darzubringen. Wir sagen Dinge, die zu sagen uns ein Bedürfnis ist, die aber der andere nicht verstehen wird, wir sprechen nur für uns selbst. Ich schrieb: »Ich hatte geglaubt, es werde nicht möglich sein. Ach, ich sehe, es ist nicht so schwer.« Ich sagte ihr auch: »Ich werde Sie wahrscheinlich nicht mehr sehen«, und dabei hütete ich mich, in meine Worte eine Kälte zu legen, die sie für erkünstelt halten konnte; indem ich sie schrieb, machten mich meine Worte weinen, denn ich fühlte, sie drückten nicht das aus, was ich gern geglaubt hätte, sondern das, was in Wirklichkeit eintreffen werde. Denn wenn sie mich das nächste Mal um ein Wiedersehn bitten ließ, würde ich noch wie diesmal den Mut haben, nicht nachzugeben, und so käme ich von Absage zu Absage nach und nach dahin, daß ich, da ich sie nicht mehr sah, sie auch nicht mehr zu sehen wünschte. Ich weinte, aber ich fand den Mut, und es war mir süß, das Glück der Gegenwart der Möglichkeit aufzuopfern, ihr eines Tages willkommen zu sein, eines Tages, an dem mir das leider schon wieder gleichgültig sein würde. Und mein Entschluß wurde sogar weniger qualvoll durch die allerdings wenig wahrscheinliche Hypothese, sie liebe mich in diesem Augenblick, wie sie es bei meinem letzten Besuch behauptet hatte, und, was ich für Überdruß an einem, dessen man müde ist, hielt, sei nur eifersüchtige Überreizung gewesen, eine künstliche Gleichgültigkeit, die der meinen entsprach. In einigen Jahren, schien mir, nachdem wir einander vergessen haben, werde ich ihr rückblickend sagen, der Brief, den ich in diesem Augenblick zu schreiben begann, sei durchaus nicht aufrichtig gewesen, und sie werde mir antworten: »Wie? Sie, Sie liebten mich? Wenn Sie wüßten, wie ich gewartet habe auf diesen Brief, wie ich auf ein Wiedersehen hoffte, wie ich über diesen Brief weinte!« Ich dachte, während ich ihn, kaum daß ich von ihrer Mutter nach Hause gekommen war, schrieb, ich sei vielleicht im Begriff, genau dies Mißverständnis herzustellen, und dieser Gedanke gab mir gerade durch seine Traurigkeit und durch die Lust, mir vorzustellen, ich werde von Gilberte geliebt, Kraft, den Brief weiterzuschreiben.

Wenn ich nach beendetem »Tee« Frau Swann verließ und an das dachte, was ich ihrer Tochter schreiben wollte, so hatte Frau Cottard im Fortgehen Gedanken ganz anderer Art. Im Verlauf ihrer »kleinen Inspektion« hatte sie nicht verabsäumt, Frau Swann zu den neuen Möbeln, den jüngsten »Erwerbungen«, die sie im Salon bemerkte, zu beglückwünschen. Einiges, wenn auch nur noch sehr Weniges, konnte sie übrigens wiederfinden, was Frau Swann schon in dem Hause in der rue Lapérouse besessen hatte, namentlich die Tiere aus kostbarem Material, ihre Fetische.

Aber seit Frau Swann von einem verehrten Freunde das Wort »Talmi« gelernt hatte – das ihr neue Horizonte eröffnete, weil es genau die Dinge bezeichnete, die sie vor einigen Jahren »chik« gefunden hatte –, seitdem waren eins nach dem andern diese Dinge in das Dunkel gewandert, wo das vergoldete Gitter war, das früher den Chrysanthemen als Gestell gedient hatte, manche Bonbonniere von Giroux und das Briefpapier mit der Krone (gar nicht zu reden von den verstreuten Pappgoldstücken auf dem Kamin, die ihr lange, bevor sie Swann kannte, ein Mann von Geschmack zu opfern geraten hatte). In dem künstlerischen Durcheinander der Atelier-Unordnung in den noch dunkel gestrichenen Zimmern, die denkbar verschieden waren von Frau Swanns späteren weißen Salons, wich der Orient immer mehr dem vordringenden achtzehnten Jahrhundert; und die Kissen, die Frau Swann hinter mir häufte und stopfte, damit ich »confortable« sei, waren mit Louis-XV-Buketts bestickt, nicht wie ehemals mit chinesischen Drachen. In dem Zimmer, wo man sie am häufigsten fand und von dem sie sagte: »Ja, ich habe es gern, hier bin ich viel; ich könnte nicht leben unter feindlichen und banalen Dingen; hier arbeite ich (wobei sie, nebenbei bemerkt, nicht genauer angab, ob an einem Bild oder vielleicht, da damals bei den Frauen, die etwas tun und nicht nutzlos dasein wollen, der Geschmack am Schreiben aufkam, an einem Buch); in diesem Zimmer war sie umgeben von Meißner Porzellan, für das sie immer, mehr noch als einst für ihre Götzentiere und Gläser, zitterte vor der Ungeschicklichkeit der ahnungslosen Dienstboten; die mußten die Ängste, in denen ihre Herrin geschwebt hatte, durch heftige Zornesausbrüche büßen, welchen Swann, sonst ein so höflicher und freundlicher Gebieter, beiwohnte, ohne Anstoß an ihnen zu nehmen. Die deutliche Erkenntnis gewisser Minderwertigkeiten des geliebten Wesens beeinträchtigt die Liebe nicht, sie findet sie vielmehr reizend. Jetzt empfing Odette ihre Intimen seltener in japanischen Schlafröcken, lieber in der hellen, schaumigen Seide von Peignoirs im Geschmacke Watteaus; sie machte Bewegungen, als streichle der blumige Schaum ihre Brüste, sie tauchte hinein, lagerte und tummelte sich darin mit einem Ausdruck von erfrischendem Wohlbehagen der Haut und mit so tiefem Atemholen, als betrachte sie ihr Gewand nicht als Schmuck und Rahmen, sondern wie »tub« und »footing« als notwendig zur Befriedigung der Ansprüche ihrer Erscheinung und der hygienischen Raffinements. Sie könne, pflegte sie zu sagen, eher das tägliche Brot als Kunst und Sauberkeit entbehren, es würde sie mehr betrüben, die Gioconda verbrennen zu sehen als einen ganzen Haufen von Leuten ihrer Bekanntschaft. Solche Theorien muteten ihre Freundinnen paradox an, ließen aber in ihren Augen Frau Swann als eine höherstehende Frau erscheinen und verschafften dieser zweimal in der Woche den Besuch des belgischen Ministers; und in der kleinen Welt, deren Sonne sie war, würde sich jeder gewundert haben zu hören, daß sie anderswo, zum Beispiel bei den Verdurin, für dumm galt. Wegen dieser geistigen Lebhaftigkeit zog Frau Swann die Gesellschaft der Männer der weiblichen vor. Wenn sie aber die Frauen kritisierte, geschah es stets vom Standpunkt der Kokotte; sie wies auf Fehler hin, die ihnen bei den Männern schaden konnten, plumpe Gelenke, häßlicher Teint, orthographische Fehler, Haar auf den Beinen, pestilenzialischer Geruch, falsche Augenbrauen. Allein die oder jene, welche ehemals nachsichtig und freundlich zu ihr gewesen war, behandelte sie liebevoll, besonders wenn sie unglücklich war, verteidigte sie geschickt und sagte: »Man ist ungerecht gegen sie, sie ist sehr nett, das kann ich Ihnen versichern.« Nicht nur die Saloneinrichtung Odettes, auch Odette selbst hätten Frau Cottard und alle, die noch bei Frau von Crécy verkehrt hatten, nicht wiedererkannt, wenn sie sie nicht seit langem beständig gesehen hätten. Sie schien seit damals immer jünger geworden zu sein. Das hing gewiß zum Teil damit zusammen, daß sie zugenommen hatte, gesünder war, ruhiger, frischer und ausgeruhter aussah; andererseits gaben die neuen glatten Frisuren ihrem Gesicht mehr Linie, rosa Puder belebte es, Augen und Profil, die früher zu sehr hervortraten, waren jetzt mehr in das Ganze einbezogen. Ein anderer Grund dieser Veränderung war, daß Odette, in der Mitte des Lebens angelangt, endlich sich eine persönliche Physiognomie entdeckt oder erfunden hatte, einen unveränderlichen »Charakter«, ein Schönheitsgenre und ihren unregelmäßigen Zügen – die lange Zeit den zufälligen und widerstandslosen Launen des Fleisches ausgeliefert, bei der kleinsten Ermüdung für den Augenblick oder für Jahre eine Art zeitweisen Alters angenommen hatten, wovon sie je nach Laune und Miene ein zerstreutes, einmaliges, formlos reizendes Gesicht bekam – diesen feststehenden Typus aufprägte wie eine unsterbliche Jugend.

Swann hatte in seinem Zimmer – statt der schönen Photographien, die man jetzt von seiner Frau machte und auf denen man an demselben rätselhaften Siegerausdruck, gleichviel in welchem Kleid und Hut, die stolze Silhouette und das triumphierende Gesicht erkannte – eine kleine Daguerréotypie, primitiv altertümlich, aus der Zeit vor dem neuen Typus, in der noch nichts von Odettes inzwischen gefundener Jugend und Schönheit war. Doch sei es, daß er einer ganz anderen Auffassung treu geblieben oder auf sie zurückgekommen war. Swann genoß ohne Zweifel in dieser jungen, hageren Frau mit den nachdenklichen Augen, den matten Zügen, der zwischen Bewegung und Starrheit hangenden Haltung eine eher botticellihafte Anmut. In der Tat liebte er es immer noch, in seiner Frau einen Botticelli zu sehen. Odette aber suchte, statt es hervorzuheben, den Ausgleich und sie verbarg, was dem Künstler vielleicht ihr »Charakter« war, jedoch ihr selbst nicht gefiel und für eine Frau fehlerhaft vorkam; sie wollte nichts von diesem Maler wissen. Swann besaß eine wunderbare blau-rosa orientalische Schärpe, die er gekauft hatte, weil sie genau die der Jungfrau im Magnificat war. Die wollte Frau Swann nicht tragen. Nur einmal ließ sie sich von ihrem Mann eine Robe, ganz übersät mit Maßliebchen, Kornblumen, Vergißmeinnicht und Glockenblumen bestellen, und zwar nach der Primavera. Manchmal abends, wenn sie müde war, machte er mich leise darauf aufmerksam, wie sie nichtsahnend ihren nachdenklichen Händen die gelöste, etwas gequälte Bewegung der Jungfrau gab, welche die Feder in das Tintenfaß taucht, das ihr der Engel reicht, und im Begriff ist, ins heilige Buch zu schreiben, in dem das Wort Magnificat schon eingezeichnet steht. Dann fügte er immer hinzu: »Sagen Sie es ihr nur nicht; wenn sie es wüßte, würde sie es sofort anders machen.«

Außer in solchen Momenten unwillkürlichen Nachgebens, in denen Swann den melancholischen Botticellirhythmus wiederzufinden suchte, zeichnete jetzt Odettes Körper eine einzige Silhouette, die ganz von einer Linie umrissen war; die hatte, um nur der natürlichen Kontur zu folgen, den unebenen Weg, die künstlichen Einbuchtungen und Vorsprünge, das Zickzack und Durcheinander früherer Moden aufgegeben, die immerhin da, wo die Anatomie sich in irrige unnütze Umwege diesseits und jenseits des idealen Umrisses verlor, mit einem kühnen Zug die Verstöße der Natur zu berichtigen und Schwächen des Fleisches und der Stoffe auf eine gute Strecke auszugleichen verstanden. Die eingelegten Kissen, der »Strapontin« der abscheulichen »Tournure« waren verschwunden ebenso wie die Miederschöße, die über den Rock vorsprangen und, von Fischbein gesteift, so lange Zeit Odette einen falschen Bauch vorgelagert, ihr das Ansehen gegeben hatten, sie sei aus verschiedenartigen Stücken zusammengesetzt, die keine Individualität verband. Die Senkrechte der Fransen und die Kurve der Rüschen hatten der Biegung eines Körpers Platz gemacht, der Seide wogen ließ, wie die Sirene die Welle schlägt, und dem Perkai menschlichen Ausdruck verlieh, jetzt, da er sich, eine organisch lebendige Form, von langem Chaos und der Nebelhülle entthronter Moden befreit hatte. Von einigen dieser Moden aber wünschte und verstand Frau Swann eine Spur zu bewahren mitten unter den neuen, die sie ersetzten. Ging ich des Abends, wenn ich nicht arbeiten konnte und mich versichert hatte, daß Gilberte mit Freundinnen im Theater war, auf gut Glück zu ihren Eltern, so fand ich oft Frau Swann in einem eleganten Deshabillé, dessen Rock – mit seinen schönen düstern, dunkelroten oder orangenen Tönen, die, weil sie aus der Mode waren, auf Besonderes hinzudeuten schienen – schräg überquert war von einer durchbrochenen, breiten Rampe schwarzer Spitze, die an Volants von früher gemahnte. Wenn sie mich an einem Frühlingstage, da es noch kalt war, in der Zeit vor meinem Zwist mit ihrer Tochter, in den Jardin d' Acclimatation mitgenommen hatte, sah unter ihrem Jakett, das sie beim Gehen ein wenig offen trug, der gezahnte »Dépassant« ihres Chemisetts wie der undeutlich sichtbare Aufschlag einer – nicht vorhandenen – Weste aus, wie sie sie noch vor einigen Jahren getragen (sie hatte leicht gezahnten Rand daran geliebt); und ihre Krawatte – es war das »Schottisch«, dem sie treu geblieben, dessen Töne sie aber etwas milderte (das Rot in Rosa, das Blau in Lila), so daß sie fast wirkten wie gewisse taubengraue Tafte der letzten Saison – hatte sie so unter dem Kinn geschlungen, daß man nicht sehen konnte, wo sie befestigt war, und unwillkürlich an die großen Hutbänder denken mußte, welche man nicht mehr trug. Wenn sie nur noch ein wenig »durchhalten« konnte, würden die jungen Leute, die ihre Toiletten zu verstehen trachteten, sagen: »Nicht wahr, Frau Swann, das ist eine ganze Epoche?« Wie in einem schönen Stil, der verschiedene, durch heimliche Tradition gefestigte Formen übereinanderlagert, ließen in der Toilette von Frau Swann unbestimmte Erinnerungen an Westchen, Schnallen, manchmal sogar die ferne Anspielung an ein »saute en barque« oder ein »suivez-moi jeune homme«, unter konkreter Form die fragmentarische Ähnlichkeit mit anderen früheren geistern, die man nicht von Schneiderin und Modistin tatsächlich verfertigt fand, an die man aber unablässig dennoch denken mußte. Daher war um Frau Swann eine Vornehmheit – vielleicht, weil das Nutzlose dieses Staates einem mehr als nur utilitarischen Zweck zu entsprechen schien; lag das nun an der bewahrten Spur vergangener Jahre oder an einer besonderen, kleidgewordenen Individualität dieser Frau, die ihren verschiedensten Trachten eine Familienähnlichkeit verlieh? Man fühlte, sie zog sich nicht nur für die Bequemlichkeit und den Schmuck ihres Körpers an; sie war von ihrer Kleidung umgeben wie von dem zart vergeistigten Gepränge einer Zivilisation.

Wenn Gilberte, die ihre Tees zwar gewöhnlich am Empfangstage ihrer Mutter gab, einmal sicher abwesend war und ich zum Jour von Frau Swann gehen konnte, fand ich sie in einer schönen Robe aus Taft oder Faille, Samt oder Crêpe de Chine, Satin oder Seide, aber nicht leicht anliegend wie die Déshabillés, die sie gewöhnlich zu Hause trug, sondern angetan wie zum Ausgehen, wodurch an solchen Nachmittagen ihre Muße munter und bewegt geriet. Der kühne einfache Zuschnitt war ihrem Wuchs und ihren Bewegungen angepaßt, deren mit den Tagen wechselnde Farbe in den Ärmeln zu wohnen schien: im blauen Samt lag plötzliche Entschiedenheit, im weißen Taft leichte Laune; und eine letzte distinguierte Zurückhaltung in der Art, den Arm auszustrecken, kleidete sich, um sichtbar zu werden, in schwarzen Crêpe de Chine, der wie das Lächeln großer Opfer glänzte. Zugleich aber fügte diesen lebhaften Roben die Häufung der ›Garnituren‹ ohne praktischen Nutzen, ohne sichtbaren Sinn, etwas Uneigennütziges, Nachdenkliches, Verstecktes hinzu, das zu der Melancholie stimmte, die Frau Swann zumindest immer in den Schatten um die Augen und in den Fingergliedern behielt. Unter dem Überfluß der Glücksreifen aus Saphir, der vierblätterigen Kleeblätter aus Email, der silbernen Medaillen, goldenen Medaillons, Amulette aus Türkis, Ketten aus Rubin und Topaskügelchen, gab es in dem Kleide selbst hier und da ein farbiges Dessin, das auf einem Einsatzstück seine frühere Existenz fortführte, eine Reihe kleiner Satinknöpfe, die nichts knöpften und nicht aufgeknöpft werden konnten, eine Litze, die mit der diskreten Genauigkeit einer zarten Aufforderung zu erfreuen suchte, und das alles sah, wie auch die Juwelen, so aus – sonst hätte es ja keine Rechtfertigung gehabt –, als habe es Absichten zu verraten, Neigungen zu verbürgen, Bekenntnisse zurückzuhalten, einem Aberglauben zu entsprechen, Erinnerung an eine Heilung, ein Gelübde, eine Liebe oder Vielliebchenwette zu bewahren. Und bisweilen gab im blauen Samt der Ansatz zu einem Henri II-Schlitz, eine leichte Bauschung der Ärmel nahe den Schultern, die an die ›Hammelkeulen‹ von 1830, oder unter dem Rock, die an die Louis-XV-paniers erinnerte, dem Kleid den leisen Anschein eines ›Kostüms‹, unterlegte dem gegenwärtigen Leben eine ununterscheidbare Reminiszenz an Vergangenes und vermischte mit der Persönlichkeit von Frau Swann den Reiz historischer Heldinnen oder Romanfiguren. Wenn ich auf Sport zu sprechen kam, sagte sie: »Ich spiele nicht Golf, wie mehrere meiner Freundinnen. Ich hätte keine Entschuldigung wie sie, im Sweater zu sein.«

Hatte sie gerade einen Besuch hinausbegleitet oder eine Kuchenschüssel ergriffen, um einem andern sie anzubieten, nahm mich Frau Swann im Vorübergehen mitten im allgemeinen Treiben eine Sekunde beiseite und sagte: »Ich bin eigens von Gilberte beauftragt, Sie für übermorgen zum Frühstück zu bitten. Da ich nicht sicher war, Sie heute zu sehen, wollte ich Ihnen schon schreiben.« Ich setzte meinen Widerstand fort. Und er kostete mich weniger und weniger Mühe; denn so sehr wir das Gift, das uns wehtut, lieben, – hat es uns seit geraumer Zeit ein Zwang entzogen, so können wir uns nicht enthalten, der Ruhe, die wir schon nicht mehr kannten, der Abwesenheit von Aufregung und Leid einigen Wert beizumessen. Ist man nicht ganz aufrichtig, wenn man sagt, man wolle die nie wiedersehen, die man liebt, so ist man's wohl auch nicht, wenn man sagt, man wolle sie wiedersehen. Allerdings kann man ihre Abwesenheit nur ertragen, indem man auf die Kürze ihrer Dauer rechnet und an den Tag des Wiederfindens denkt, andererseits aber sind uns die täglichen Träume von einem nahen, beständig vertagten Wiederbeisammensein weniger schmerzlich, als es eine Zusammenkunft wäre, der Eifersucht folgen könnte, und so kann uns die Nachricht, daß wir die Geliebte wiedersehen sollen, in wenig angenehme Erregung versetzen. Was man jetzt tagtäglich hinausschiebt, ist nicht der Abschluß der unerträglichen Bangigkeit, an der die Trennung schuld ist, sondern der gefürchtete Wiederbeginn der Aufregungen ohne allen Ausweg. Wie sehr zieht man doch einer solchen Zusammenkunft den Zustand gefügiger Erinnerung vor, die man nach Belieben durch Träumereien ergänzen kann, in denen sie, die uns in Wirklichkeit nicht liebt, wenn wir ganz allein sind, uns Liebeserklärungen macht; ja diese Erinnerung, die man schließlich durch allmähliches Beimischen von viel Ersehntem beliebig süß machen kann, zieht man der aufgeschobenen Zwiesprach vor, bei der man es mit einem Wesen zu tun bekäme, dem man nicht mehr beliebig die ersehnten Worte diktieren, von dem man vielmehr neue Kälte, unerwartete Heftigkeit stoßen könnte. Wir alle wissen, wenn wir nicht mehr lieben, daß Vergessen und selbst leises Erinnern nicht so viel Leid verursachen als unglückliche Liebe. Die ruhevolle Süße eines solchen vorweggenommenen Vergessens zog ich, ohne mir das einzugestehen, anderen Möglichkeiten vor.

Übrigens wird das Peinliche einer solchen Kur physischer Loslösung und Isolierung aus einem andern Grunde immer geringer: diese Kur schwächt, bevor sie von ihr heilt, die fixe Idee, die man Liebe nennt. Meine Liebe war noch so stark, daß ich Wert darauf legte, mein ganzes Ansehen in Gilbertes Augen wiederzuerobern; das mußte nach meiner Meinung durch freiwillige Trennung fortschreitend wachsen, und jeder der stillen, traurigen Tage, in denen ich sie nicht sah, war, wie sie so, einer nach dem andern, kamen, ohne Unterbrechung, ohne Verjährung (es sei denn, daß ein Störenfried sich einmischte) kein verlorener, vielmehr ein gewonnener Tag. Nutzlos gewonnen vielleicht, denn bald würde ich geheilt erklärt werden können. Resignation ist eine Abart der Gewohnheit, die gewissen Kräften erlaubt, ins Unendliche zu wachsen. Und die meinen, so schwach sie an jenem ersten Abend meines Zwistes mit Gilberte im Ertragen des Kummers waren, hatten seither unberechenbare Stärke erreicht. Allein die Tendenz alles Bestehenden, fortzubestehen, wird bisweilen durch plötzliche Impulse unterbrochen, denen wir um so skrupelloser uns überlassen, als wir ja wissen, wieviel Tage, Monate wir entbehren konnten und es noch können werden. Oft, wenn die Börse unserer Ersparnisse beinah voll ist, leert man sie mit einemmal; oft, wenn man sich schon an eine Kur gewöhnt hat, unterbricht man sie, ohne ihr Resultat abzuwarten. Als mir Frau Swann eines Tages wieder die üblichen Worte sagte, wie sehr sich Gilberte freuen würde, mich zu sehen, und mir das Glück, dessen ich mich schon seit langer Zeit beraubte, in Reichweite hielt, überwältigte mich die Vorstellung, noch sei es möglich, dies Glück zu genießen; ich konnte kaum den nächsten Tag erwarten; ich war entschlossen, Gilberte vor dem Essen zu überraschen.

Was mir half, mich einen ganzen Tag zu gedulden, war ein Plan. Von dem Augenblick an, da alles vergessen, da ich mit Gilberte ausgesöhnt war, wollte ich sie nur noch als Liebhaber sehen. Alle Tage sollte sie von mir die schönsten Blumen erhalten, die es gab. Untersagte mir Frau Swann, obwohl sie nicht das Recht hatte, allzu streng als Mutter zu sein, die täglichen Blumensendungen, so würde ich kostbarere und seltenere Geschenke ausfindig machen. Meine Eltern gaben mir nicht genug Geld, um teure Dinge zu kaufen. Da fiel mir ein großes Gefäß aus altchinesischem Porzellan ein, das ich von der Tante Léonie hatte. Täglich prophezeite meine Mutter, Françoise werde kommen und verkünden: ›Das Ding ist aus dem Leim gegangen‹, und es werde nichts davon übrig bleiben. War es unter diesen Umständen nicht vernünftiger, es zu verkaufen, um damit alle Freuden zu erkaufen, die ich Gilberte machen wollte? Mir schien, ich könne wohl dreitausend Franken dafür bekommen. Ich ließ es einwickeln. Tägliche Gewohnheit hatte mich gehindert, das Gefäß jemals anzusehen; mich davon trennen gab zum mindesten den Vorteil, daß ich seine Bekanntschaft machte. Ich nahm es mit auf meinen Weg zu den Swann, gab dem Kutscher ihre Adresse und ließ ihn durch die Champs-Élysées an der Ecke vorbeifahren, wo der Laden eines großen Chinahändlers lag, den mein Vater kannte. Zu meiner Verwunderung bot er mir für das Gefäß nicht tausend, sondern sofort zehntausend Franken. Entzückt nahm ich die Scheine: nun konnte ich ein ganzes Jahr Gilberte täglich mit Rosen und Flieder überhäufen. Als ich wieder eingestiegen war, fuhr der Kutscher, statt der gewohnten Strecke, da die Swann in der Nähe des Bois wohnten, die Avenue des Champs-Élysées hinunter. Er hatte schon die Ecke der rue de Berri passiert, da glaubte ich in der Dämmerung, ganz nah bei dem Hause der Swann, doch in entgegengesetzter Richtung sich entfernend, Gilberte zu erkennen. Sie ging langsam, aber munter schreitend, neben einem jungen Mann, mit dem sie plauderte und dessen Gesicht ich nicht unterscheiden konnte. Ich erhob mich im Wagen und wollte halten lassen, dann zauderte ich. Die Spaziergänger waren schon ein Stück entfernt. Die beiden zarten Parallelen, die ihr langsamer Gang zeichnete, verwischten sich schon im Elyseischen Dunkel. Bald kam ich vor Gilbertes Haus. Ich wurde von Frau Swann empfangen. »Oh, sie wird trostlos sein,« sagte die, »ich weiß nicht, wie es kommt, daß sie nicht da ist. Ihr war vorhin bei einem Kursus so heiß geworden. Sie hat mir gesagt, sie wolle noch ein wenig mit einer ihrer Freundinnen Luft schöpfen gehen.« »Ich glaube, ich habe sie auf der Avenue des Champs-Élysées bemerkt.« »Ich kann mir nicht denken, daß sie es war. Auf alle Fälle sagen Sie es nicht ihrem Vater, er sieht es nicht gern, daß sie zu so später Stunde ausgeht. Good evening.« Ich ging fort, ließ den Kutscher denselben Weg zurück nehmen, fand aber die beiden Spaziergänger nicht mehr. Wo waren sie gewesen? Was hatten sie sich des Abends so Vertrauliches zu sagen?

Ich kam verzweifelt nach Hause mit meinen zehntausend Franken, die es mir ermöglichen sollten, Gilberte lauter kleine Freuden zu machen, dieser Gilberte, die ich jetzt bestimmt nicht mehr wiedersehen wollte. Der Aufenthalt bei dem Chinahändler hatte mir wohlgetan: er machte mir die Hoffnung, daß ich meine Freundin nie anders als mit mir zufrieden und voll Dankbarkeit gegen mich sehen werde. Aber wäre dieser Aufenthalt nicht gewesen, wäre der Wagen nicht durch die Champs-Élysées gefahren, so hätte ich Gilberte und jenen jungen Mann nicht getroffen. So trägt ein und dieselbe Tatsache auseinanderstrebende Zweige, das Unglück, das sie erzeugt, macht das Glück, das sie verursacht hat, zunichte. Mir war das Gegenteil von dem geschehen, was sich so häufig zuträgt: man begehrt eine Freude, und das materielle Mittel fehlt, sie sich zu verschaffen. »Es ist traurig,« sagt Labruyère, »ohne ein großes Vermögen zu lieben.« Dann bleibt einem nichts übrig, als zu versuchen, die Begierde nach der Freude nach und nach abzutun. Ich hingegen hatte das materielle Mittel gewonnen, zugleich aber war mir, wenn nicht durch eine logische Folge, so doch immerhin durch eine zufällige Konsequenz des ersten Gelingens, die Freude abhanden gekommen. Es scheint, nebenbei gesagt, daß sie das immer tut. Gewöhnlich allerdings nicht gerade an demselben Abend, an welchem wir erworben haben, was sie möglich macht. Meistens fahren wir noch eine Weile fort, uns zu bemühen und zu hoffen. Aber das Glück kann nie zustande kommen. Sind die hindernden Umstände überwunden, so überträgt Natur den Kampf von außen nach innen und läßt unser Herz sich allmählich hinreichend ändern, um es anderes begehren zu lassen, als was es besitzen soll. Und wenn der Umschwung so rasch war, daß unser Herz nicht Zeit hatte, sich zu ändern, verzweifelt die Natur noch nicht, uns zu besiegen, wenn schon in einer langsameren, einer subtileren, doch nicht minder wirksamen Art. Dann wird uns in der letzten Sekunde der Besitz des Glückes entrissen, oder besser noch, diesem Besitze selbst wird in teuflischer List von der Natur auferlegt, das Glück zu zerstören. Ist ihr alles entgangen, was im Bereich der Tatsachen und des Lebens lag, so schafft die Natur ein letztes Glückshindernis, die psychologische Unmöglichkeit. Das Phänomen des Glückes vollzieht sich nicht oder gibt bittersten Rückwirkungen Raum.

Ich verschloß die zehntausend Franken. Aber sie dienten mir zu nichts mehr. Ich gab sie übrigens noch schneller aus, als wenn ich Gilberte jedem Tag Blumen geschickt hätte, denn wenn es Abend wurde, war ich so unglücklich, daß ich nicht zu Hause bleiben konnte und weinen ging in den Armen von Frauen, die ich nicht liebte. Gilberte irgend eine Freude zu bereiten, wünschte ich jetzt nicht mehr; jetzt in ihr Haus zurückzukehren, hätte mir nur wehgetan. Ja sogar Gilberte wiederzusehen, was mir noch tags vorher so köstlich gewesen wäre, hätte mir jetzt nicht mehr genügt. Ich wäre die ganze Zeit, die ich nicht bei ihr zugebracht hätte, in Unruhe gewesen. So kommt es, daß eine Frau durch jedes neue Leid, das sie uns antut, oft ohne es zu wissen, ihre Macht über uns, aber auch unsere Forderungen an sie vermehrt. Durch den Schmerz, den sie uns zufügt, umgarnt uns die Frau mehr und mehr, verdoppelt unsere Ketten, doch auch die, mit denen wir sie bis dahin fesseln zu können glaubten, so daß wir uns ruhig fühlten. Am Tage vorher hätte ich mich noch, wenn ich nicht zu fürchten brauchte, Gilberte damit zu verdrießen, mit der Forderung seltener Zusammenkünfte zufrieden gegeben; jetzt hätten die mich nicht mehr befriedigt, und ich hätte sie durch ganz andere Bedingungen ersetzt. Denn im Gegensatz zum Kriege stellt man in der Liebe nach einer Niederlage härtere Bedingungen, man erschwert sie immer mehr, je mehr man besiegt ist, wenn man überhaupt in der Lage ist, Bedingungen zu stellen. Das war ich Gilberte gegenüber nicht. So ging ich zunächst lieber nicht mehr zu ihrer Mutter. Gewiß sagte ich mir weiterhin, daß Gilberte mich nicht liebe, daß ich das schon seit ziemlich langer Zeit wisse, daß ich sie wiedersehen könne, wann ich wolle, und wenn ich nicht wolle, sie mit der Zeit vergessen. Aber diese Gedanken waren, wie Heilmittel, die gegen bestimmte Krankheitserscheinungen nichts helfen, ohne jede wirksame Kraft gegen die beiden parallelen Linien, die ich von Zeit zu Zeit wiedersah, die von Gilberte und dem jungen Mann, wie sie sich mit langsamen Schritten in die Avenue des Champs-Élysées verloren. Es war ein neues Leid, das sich ja auch schließlich abnutzen würde, ein Bild, das meinem Geist sich eines Tages ganz abgeklärt von allem, was es Schädliches enthielt, darbieten würde, gleich tödlichen Giften, die man ohne Gefahr anfaßt, oder wie ein Stückchen Dynamit, an dem man seine Zigarette anzünden kann, ohne eine Explosion fürchten zu müssen. Inzwischen gab es schon in meinem Innern eine andere Kraft, die mit aller Gewalt gegen jene ungesunde Kraft ankämpfte, welche mir unablässig Gilbertes Spaziergang in der Dämmerung darstellte: um die immer neuen Angriffe meiner Erinnerung abzuwehren, arbeitete meine Phantasie mit Erfolg in entgegengesetztem Sinne. Gewiß fuhr die erste der beiden Kräfte fort, mir die beiden Spaziergänger der Avenue des Champs-Elysees zu zeigen, und bot mir auch andere unangenehme, der Vergangenheit entnommene Bilder dar, zum Beispiel: Gilberte, wie sie die Schultern zuckte, als ihre Mutter sie bat, bei mir zu bleiben. Die zweite Kraft aber zeichnete in den Stickrahmen meiner Hoffnungen eine Zukunft, die viel willfähriger sich darbot als jene arme schließlich doch sehr beschränkte Vergangenheit. Gegenüber der einen Minute, in der ich die verdrossene Gilberte wiedersah, gab es soviel andere, in denen ich mir ausdachte, was für Schritte sie unternehmen lassen würde, um unsere Versöhnung, vielleicht unsere Verlobung zu bewerkstelligen. Nun schöpfte allerdings die Phantasie diese auf die Zukunft gerichtete Kraft gleichwohl aus der Vergangenheit. In dem Maße, wie mein Verdruß über Gilbertes Schulterzucken verblaßte, mußte auch die Erinnerung an ihre Reize, die Erinnerung, die mich ihre Wiederkehr wünschen ließ, abnehmen. Doch war ich noch weit entfernt von diesem Tode der Vergangenheit. Immer noch liebte ich sie, die ich tatsächlich zu verabscheuen glaubte. Jedesmal, wenn man mich gut angezogen und munter aussehend fand, hätte ich gewollt, sie wäre zugegen. Es reizte mich, daß viele Leute in diesem Zeitpunkt den Wunsch aussprachen, mich zu empfangen. Ich weigerte mich, zu ihnen zu gehen. Es gab einen Auftritt zu Hause, weil ich meinen Vater nicht zu einem offiziellen Diner begleitete, bei dem auch die Bontemps mit ihrer Nichte Albertine sein sollten, die damals ein ganz junges Mädchen war, beinah noch ein Rind. So greifen die verschiedenen Perioden unseres Lebens ineinander über. Um dessentwillen, das man gerade liebt und das uns eines Tages ganz gleichgültig sein wird, weist man verächtlich die Begegnung mit dem zurück, was einem jetzt gleichgültig ist, das man aber morgen lieben wird, das man vielleicht schon früher geliebt hätte, wenn man ihm begegnet wäre, das dann unsere gegenwärtigen Leiden abgekürzt hätte, um freilich nur durch andere sie zu ersetzen. Die meinen waren im Begriff, sich zu modifizieren. Mit Verwunderung beobachtete ich im eigenen Innern heute das eine, morgen ein anderes Gefühl, und diese Gefühle waren meist eingegeben von einer Hoffnung oder einer Furcht in bezug auf Gilberte. Auf die Gilberte, die ich in mir trug. Ich hätte mir sagen sollen, daß die andere, die wirkliche, vielleicht ganz anders war als diese, nichts von den Reueregungen wußte, die ich ihr zuschrieb, vermutlich viel weniger an mich dachte, nicht nur als ich selbst an sie, sondern auch, als ich sie selber an mich denken ließ, wenn ich mit meiner ausgedachten Gilberte allein war, ihren wahren Absichten gegen mich nachforschte und sie mir dabei immer ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich richtend vorstellte.

Bei solchen Perioden, in denen Kummer im Schwächerwerden noch fortdauert, muß man unterscheiden zwischen dem, den uns das beständige Denken an die Person selbst verursacht, und dem, den gewisse Erinnerungen, ein böses Wort, das sie gesagt hat, eine Wendung in einem ihrer Briefe beleben. Wir heben für eine spätere Liebesgeschichte die Beschreibung der verschiedenen Formen des Kummers auf und wollen hier nur sagen, daß von den beiden erwähnten die erste bei weitem nicht so quälend ist als die zweite. Das macht, unser Begriff von der immer in uns lebendigen Person wird verklärt durch die Glorie, die wir ihr alsbald geben, und immer wieder prägt sich ihm süße Hoffnung oder wenigstens Gelassenheit beständiger Schwermut ein. (Nebenbei ist zu bemerken, daß das Bild des Wesens, das uns Leid zufügt, wenig Platz einnimmt in all dem, was einen Liebeskummer schwer macht, verlängert und seine Heilung hindert, sowie bei bestimmten Krankheiten die Ursache in gar keinem Verhältnis steht zu dem nachfolgenden Fieber und der Langsamkeit des Übergangs zur Rekonvaleszenz.) Empfängt nun die Vorstellung des von uns geliebten Wesens den Widerschein einer im allgemeinen optimistischen Anschauung, so trifft das nicht zu auf die besonderen Erinnerungen, die bösen Worte, den feindseligen Brief (ich bekam von Gilberte nur einen einzigen solchen); man sollte meinen, die Person selber hause in solchen winzigen Fragmenten und bekäme da eine Macht, wie sie sie bei weitem in der gewohnten Vorstellung nicht hat, die wir uns von ihrem Gesamtwesen bilden. Den Brief haben wir eben nicht wie das Bild des geliebten Wesens angeschaut in der melancholischen Gelassenheit der Trauer; wir haben ihn gelesen, verschlungen unter der entsetzlichen Beklemmung, mit der uns unerwartetes Unglück umfängt. Die Entstehung dieser Art Kummer ist anders: er kommt uns von außen und geht auf dem Wege qualvollsten Leidens uns ins Herz. Das Bild unserer Freundin, das wir für unverändert und authentisch halten, ist in Wirklichkeit häufig von uns überarbeitet worden. Die quälende Erinnerung aber ist kein Zeitgenosse des restaurierten Bildes, sie ist aus einer anderen Epoche, einer der seltenen Zeugen gräßlicher Vergangenheit. Da aber diese Vergangenheit weiter besteht außer in uns, denen es beliebt hat, ein wunderbares goldenes Zeitalter, ein Paradies der allgemeinen Versöhnung an ihre Stelle zu setzen, so rufen diese Erinnerungen und diese Briefe uns ins Wirkliche zurück, und an dem jähen Schmerz, den sie uns machen, sollten wir fühlen, wie weit wir uns in den tollen Hoffnungen unserer täglichen Erwartung von ihr entfernt haben. Nicht immer braucht diese Wirklichkeit dieselbe zu bleiben, obgleich auch das bisweilen vorkommt. Es gibt in unserm Leben viele Frauen, die wir nie wieder zu sehen begehrten und die natürlich unser unbeabsichtigtes Schweigen mit ebensolchem Schweigen beantworten. Bei diesen haben wir, da wir sie nicht liebten, auch nie die fern von ihnen verbrachten Jahre gezählt, und dies Beispiel, das ein Einwand wäre, vernachlässigen wir, wenn wir die Wirkungskraft der Trennung erwägen, wie die, welche an Ahnungen glauben, alle Fälle vernachlässigen, in denen ihre Ahnungen nicht bestätigt worden sind.

Aber das Entferntsein kann schließlich doch wirksam werden. Begier, Lust, uns wiederzusehen, erwachen endlich aufs neue im Herzen, das jetzt uns verleugnet. Allein dazu ist Zeit nötig. Nun sind unsere Forderungen in bezug auf die Zeit ebenso maßlos wie die, welche das Herz stellt, um sich ändern zu können. Zunächst ist gerade Zeit das Zugeständnis, welches uns am schwersten fällt, denn unser Leid ist qualvoll, und wir haben es eilig, ihm ein Ende zu machen. Sodann wird dieser Zeit, deren das andere Herz bedarf, um sich zu ändern, sich das unsere bedienen, um gleichfalls anders zu werden, und wenn dann das Ziel, das wir uns gesetzt, erreichbar wird, ist es schon nicht mehr ein Ziel für uns. Übrigens enthält schon der Gedanke: es ist erreichbar, es gibt kein Glück, das wir nicht endlich, wenn es für uns kein Glück mehr ist, erreichen könnten –, schon dieser Gedanke enthält ein Stück, aber auch nur ein Stück Wahrheit. Das Glück fällt uns zu, wenn wir gleichgültig dagegen geworden sind. Und gerade diese Gleichgültigkeit hat uns weniger anspruchsvoll gemacht und ermöglicht uns, rückblickend zu glauben, daß es uns entzückt hätte zu einer Zeit, in welcher es uns doch vielleicht sehr unvollkommen erschienen wäre. Man ist nicht sehr heikel und kein sehr guter Richter in Dingen, um die man sich gar nicht mehr kümmert. Die Liebenswürdigkeit eines Wesens, das wir nicht mehr lieben, kann jetzt unserer Gleichgültigkeit übertrieben vorkommen, während sie vielleicht bei weitem nicht unserer Liebe genügt hätte. Jetzt denken wir bei den zärtlichen Worten, der Aufforderung zu einem Rendezvous an die Freude, die sie uns bereitet hätten, nicht aber an all die andern Freuden, die wir damals gleich unmittelbar danach verlangten und durch unsere Gier vielleicht verhindert hätten. So ist es denn nicht sicher, daß das zu spät gekommene Glück – gekommen, wenn man es nicht mehr genießen kann, wenn man nicht mehr liebt – genau dasselbe Glück ist, dessen Entbehren uns ehedem so unglücklich gemacht hat. Darüber könnte nur ein Wesen entscheiden, unser Ich von damals; das ist nicht mehr da; und seine Wiederkehr würde sicher genügen, damit das Glück, identisch oder nicht, verschwände.

In der Erwartung solch nachträglicher Verwirklichungen eines Traumes, an dem mir bald nichts mehr liegen sollte, erfand ich, wie zur Zeit, als ich Gilberte noch kaum kannte, Worte und Briefe, mit denen sie meine Verzeihung erflehte, bekannte, immer nur mich geliebt zu haben, bat, mich heiraten zu dürfen; und eine Reihe unablässig sich erneuernder süßer Bilder nahmen in mir schließlich mehr Platz ein als die Vision von Gilberte und dem jungen Mann, die durch nichts mehr genährt wurde. Ich wäre vielleicht daraufhin wieder zu Frau Swann gegangen, wenn ich nicht einen Traum gehabt hätte, in dem ein Freund, der aber nicht zu den mir bekannten Freunden gehörte, sich gegen mich mit größter Falschheit benommen und mir dieselbe Falschheit zugetraut hatte. Jäh durch den Schmerz erweckt, den dieser Traum mir angetan, fühlte ich die Qual fortdauern, ich dachte über den Traum nach, und versuchte darauf zu kommen, wer der Freund gewesen sei, den ich im Schlaf gesehen und dessen spanischer Name mir schon undeutlicher wurde. Joseph und Pharao zugleich, schickte ich mich an, meinen Traum auszulegen. Ich wußte, daß man sich hei vielen Träumen nicht an die Erscheinung der Personen halten darf; sie können unkenntlich gemacht sein und ihre Gesichter vertauscht haben, wie die verstümmelten Heiligen der Kathedralen, wo unwissende Archäologen beim Restaurieren den Kopf des einen auf den Körper des andern setzten und Attribute und Namen vermengten. Die Köpfe, welche die Wesen in einem Traume tragen, können uns irreführen. In ihm kann die geliebte Person nur an der Stärke des Schmerzes erkannt werden. Mich lehrte der meine, daß die, deren jüngste Falschheit mir noch weh tat (während meines Schlafes war sie zu einem jungen Manne geworden), Gilberte war. Mir fiel ein, daß sie bei unserm letzten Zusammensein am Tage, da ihre Mutter sie nicht zu dem Nachmittagstanz hatte gehen lassen wollen, sich, sei es aufrichtig, sei es verstellterweise, mit einem seltsamen Lachen geweigert hatte, an meine guten Absichten ihr gegenüber zu glauben. Durch Assoziation brachte diese Erinnerung eine andere in mein Gedächtnis. Lange vorher war es Swann gewesen, der nicht an meine Aufrichtigkeit und gute Freundschaft zu Gilberte hatte glauben wollen. Umsonst hatte ich ihm geschrieben. Gilberte hatte mir meinen Brief wiedergebracht und mit demselben unbegreiflichen Lachen zurückgegeben. Nicht gleich hatte sie ihn mir zurückgegeben, ich erinnerte mich jetzt an die ganze Szene hinter dem Lorbeergebüsch. Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist. Gilbertes jetzige Abneigung gegen mich kam mir vor wie eine Sühne, die mir das Leben auferlegte wegen meines Benehmens an jenem Tage. Strafen glaubt man aus dem Wege gehen zu können, da man doch bei Straßenübergängen auf die Wagen achtgibt und Gefahren vermeidet. Aber es gibt innere Gefahren. Das Unglück kommt von der Seite, an die man nicht dachte, aus dem Innern, aus dem Herzen. Gilbertes Worte: ›Wenn Sie wollen, ringen wir weiter‹, wurden mir jetzt entsetzlich. So mußte ich sie mir vorstellen, vielleicht zu Hause, in der Wäschekammer mit dem jungen Manne, den ich in ihrer Begleitung in der Avenue des Champs-Élysées gesehen hatte. Wie es vor einiger Zeit ein Wahn war, mich ganz still im Glück geborgen zu meinen, war es nun sinnlos von mir, jetzt, da ich auf das Glück verzichtet hatte, mit Sicherheit anzunehmen, ich sei wenigstens ruhig geworden und könne ruhig bleiben. Denn solange das Herz beständig das Bild eines anderen Wesens einschließt, kann nicht nur unser Glück jedweden Augenblick zerstört werden; ist dieses Glück dahin und haben wir gelitten, ist es uns dann gelungen, unser Leiden einzuschläfern, – nicht minder trügerisch und ungewiß, als das Glück selbst es war, ist dann die Ruhe. Meine kam schließlich wieder; was von einem Traum begünstigt, unsern Seelenzustand und unsere Begierden wandelt und in uns eindringt, auch das vergeht nach und nach; Beständigkeit und Dauer sind keinem Dinge zugesichert, nicht einmal dem Schmerz. Nebenbei: die, welche an der Liebe leiden, sind, wie man von gewissen Kranken sagt, ihr eigener Arzt. Da ihnen kein Trost kommen kann außer von dem Wesen, das ihren Schmerz verursacht hat und von dem er ausströmt, so finden sie schließlich in ihrem Schmerz selbst ein Heilmittel. Er verrät es ihnen im gegebenen Augenblick, denn indem sie ihn in sich hin und her wenden, zeigt er ihnen von der Person, um die sie trauern, immerfort veränderte Bilder, bald ist sie so hassenswert, daß man sie nicht einmal wiedersehen möchte (denn ehe man Lust an ihr fände, müßte man sie erst leiden machen), bald so süß, daß die Süße, die man ihr verleiht, scheinbar ihr eigenes Verdienst wird und dem Liebenden ein Grund zu hoffen. Ob aber auch der neu erwachte Schmerz sich schließlich in mir beruhigte, ich wollte nun nur noch selten zu Frau Swann gehen. Zunächst verwandelt sich bei verlassenen Liebenden das Gefühl der Erwartung – sogar der uneingestandenen Erwartung –, in der sie leben, von selbst, und obwohl es anscheinend identisch bleibt, läßt es auf den ersten Zustand einen zweiten genau entgegengesetzten folgen. Der erste war die Folge und der Reflex schmerzlicher Vorfälle, die uns aus der Fassung gebracht haben. In die Erwartung dessen, was sich nun ereignen könnte, ist Angst gemengt, zumal wir in diesem Zeitpunkt, wenn uns von der Geliebten nichts Neues geschieht, selbst handeln wollen und nicht recht wissen, welchen Erfolg ein Schritt haben wird, nach dem es vielleicht nicht mehr möglich sein dürfte, einen weiteren zu tun. Bald aber wird die dauernde Erwartung, wie wir gesehn haben, nicht mehr durch Erinnerung an die Leiden der Vergangenheit bestimmt, sondern durch Hoffnung auf eine eingebildete Zukunft. Und von da ab ist sie fast angenehm. Die erste Erwartung hat während ihrer kurzen Dauer uns daran gewöhnt, im Hoffen und Harren zu leben. Noch überlebt in uns der Schmerz, den wir bei unserm letzten Zusammensein mit der Geliebten erlitten haben, aber er ist schon eingeschlummert. Wir haben es nicht eilig, ihn zu erneuern, zumal wir nicht recht wissen, was wir jetzt verlangen sollten. Bekämen wir ein wenig mehr von der Geliebten zu besitzen, würde uns dadurch, was wir nicht besitzen, nur noch notwendiger werden, und so kämen wir trotz allem, da unsern Befriedigungen immer wieder Bedürfnisse entspringen, zu keinem Ende.

Schließlich kam später noch ein Grund hinzu, der mich veranlaßte, meine Besuche bei Frau Swann gänzlich einzustellen. Dieser später gereifte Grund war nicht, daß ich Gilberte damals schon vergessen hatte, es war mein Versuch, sie schneller zu vergessen. Gewiß waren, seit mein großer Schmerz ein Ende genommen hatte, die Besuche bei Frau Swann für das, was mir an Traurigkeit verblieb, wieder Beruhigung und Zerstreuung geworden, wie sie im Anfang mir so wertvoll gewesen. Aber für die Nachwirkung der Beruhigung war die Zerstreuung unzuträglich, ich will damit sagen, diesen Besuchen vermischte sich innig die Erinnerung an Gilberte. Die Zerstreuung hätte mir nur nützen können, wenn sie ein Gefühl, das nicht mehr durch Gilbertes Gegenwart gespeist wurde, Gedanken, Interessen, Leidenschaften ausgesetzt hätte, in denen Gilberte keine Rolle spielte. Solche Bewußtseinszustände, denen das geliebte Wesen fern bleibt, nehmen dann einen Platz ein, der, mag er erst noch so klein sein, doch der Liebe, die die ganze Seele erfüllte, entzogen wird. Solche Gedanken muß man zu nähren und wachsen zu lassen versuchen, solange das Gefühl, das nur noch Erinnerung ist, abnimmt, so daß dann die neu in den Geist eingeführten Elemente diesem Gefühl einen immer größer werdenden Teil der Seele streitig machen, entreißen und sie ihm schließlich ganz entziehen. Mir wurde klar, daß dies die einzige Methode sei, eine Liebe zu töten, und ich war noch jung, noch mutig genug, um es zu unternehmen, und damit machte ich mir den allerbittersten Schmerz zu eigen: die Sicherheit, daß einem so etwas gelingen kann, mag man auch lange Zeit darauf verwenden müssen. Jetzt begründete ich in meinen Briefen an Gilberte meine Weigerung, sie zu sehen, mit der Anspielung auf ein – gänzlich erfundenes – geheimnisvolles Mißverständnis, das zwischen ihr und mir gespielt habe. Anfangs hoffte ich, Gilberte würde mich um eine Erklärung bitten. Aber nie wird, selbst in den unwesentlichsten Beziehungen des Lebens, jemand bei einem Briefwechsel einen Aufschluß fordern, wenn er weiß, daß eine dunkle, lügnerische, anschuldigende Wendung absichtlich ihm geschrieben wird, damit er protestiere; er ist ja viel zu glücklich, dadurch die Initiative zu behalten. In viel stärkerem Maße trifft dies für zartere Beziehungen zu, bei denen Liebe soviel Beredsamkeit, Gleichgültigkeit so wenig Neugier besitzt. Da Gilberte weder Zweifel an diesem Mißverständnis äußerte noch es kennen zu lernen versuchte, wurde es für mich etwas Wirkliches, auf das ich mich in jedem Brief bezog. Es liegt in solchen falschen Situationen, in affektierter Kälte ein Zauber, der uns darin verharren läßt. Ich schrieb ihr solange: »Seit unsere Herzen entzweit sind«, damit Gilberte antworte: »Aber sie sind es ja nicht, wir wollen uns aussprechen« –, bis ich selbst überzeugt war, daß sie entzweit seien. Und dadurch daß ich immer wiederholte: »Gewiß mag das Leben anders für uns geworden sein, aber es wird nicht das Gefühl auslöschen, das wir empfunden haben,« in dem Wunsche, endlich von ihr zu hören: »Aber es hat sich doch nichts geändert, dies Gefühl ist stärker als je« –, dadurch daß ich dies immer wiederholte, lebte ich schließlich in der Vorstellung, das Leben habe sich in der Tat geändert, und wir bewahrten die Erinnerung an ein Gefühl, das nicht mehr bestehe; so gibt es Nervöse, die eine Krankheit simulieren, bis sie sie schließlich bekommen. Jetzt vergegenwärtigte ich mir jedesmal, wenn ich an Gilberte zu schreiben hatte, die eingebildete Veränderung, die von nun an durch Schweigen, das sie über diesen Gegenstand in ihren Antworten bewahrte, unausgesprochen anerkannt wurde und zwischen uns bestehen bleiben sollte. Weiterhin hörte Gilberte einmal auf, sich mit dem bloßen Übergehen der Tatsache zu begnügen. Sie nahm selbst meinen Gesichtspunkt an, und wie in offiziellen Toasten der Chef des Staates, welcher empfangen wird, in seiner Erwiderung ungefähr dieselben Ausdrücke wiederaufnimmt, die der empfangende Staatschef gebraucht hat, verabsäumte Gilberte nicht, wenn ich schrieb: »Das Leben hat uns zu trennen vermocht, die Erinnerung an die Zeit, da wir einander kannten, wird dauern«, jedesmal zu antworten: »Das Leben hat uns zu trennen vermocht, es wird uns die guten Stunden, die uns immer teuer bleiben werden, nicht in Vergessen zu bringen vermögen.« (Wir wären beide in Verlegenheit gekommen, hätten wir angeben sollen, warum »das Leben« uns getrennt habe und welche Veränderung vorgegangen sei.) Ich litt nicht mehr allzusehr. Und doch, eines Tages, als ich ihr in einem Brief mitteilte, ich habe den Tod unserer alten Bonbonverkäuferin aus den Champs-Élysées erfahren, und die Worte schrieb: »Ich habe mir gedacht, daß Ihnen das nahegegangen ist, in mir hat es so manche Erinnerung aufgerührt«, – konnte ich mich nicht enthalten, in Tränen auszubrechen: ich merkte, daß ich in der Form der Vergangenheit und als handle es sich um einen schon fast vergessenen Toten, von dieser Liebe sprach, an die ich doch immer noch wie an etwas Lebendes oder wenigstens Wiederauflebenkönnendes gedacht hatte. Nichts Zarteres kann man sich vorstellen als diesen Briefwechsel zwischen Freunden, die sich nicht mehr sehen wollten. Gilbertes Briefe waren so feinfühlig wie die, welche ich an Gleichgültige schrieb, und auch voll offenkundiger Zuneigungsbeweise. (Und die von ihr zu empfangen, war süß für mich.)

Immer leichter wurde mir nach und nach die Weigerung, sie zu sehen. Und wie sie mir immer weniger teuer wurde, so hatten meine schmerzlichen Erinnerungen auch nicht mehr Kraft genug, in beständiger Wiederkehr die Entstehung des freudigen Gefühls zu zerstören, mit dem ich an Florenz, an Venedig dachte. In solchen Momenten tat es mir leid, auf den Eintritt in die Diplomatie verzichtet und mich auf ein seßhaftes Dasein eingelassen zu haben, um mich nicht von einem jungen Mädchen zu entfernen, das ich nicht mehr sehen würde und schon fast vergessen hatte. Man baut sein Leben auf für eine Person, und. wenn man soweit ist, sie darin aufnehmen zu können, kommt diese Person nicht, ist sie tot für uns, und man lebt als Gefangener in dem, was nur für sie bestimmt war. Schien Venedig meinen Eltern recht entlegen und fiebergefährlich für mich, so war es immerhin leicht, sich mühelos in Balbec niederzulassen. Aber dazu hätte ich Paris verlassen und auf die wenn auch noch so seltnen Besuche verzichten müssen, bei denen Frau Swann bisweilen zu mir von ihrer Tochter sprach. Nebenbei bemerkt, fing ich schon an, bei diesen Besuchen an dem und jenem meine Freude zu haben, was zu Gilberte in keiner Beziehung stand.

Als der nahende Frühling wieder Kälte mitbrachte, zur Zeit der Eisheiligen und österlichen Unwetter, fand Frau Swann, daß man zu Hause erfriere; und oft sah ich sie in Pelzen empfangen, ihre Hände und Schultern fröstelnd unter dem weißen schimmernden Hermelinteppich eines flachen Riesenmuffs und eines Kragens verschwinden; die hatte sie vom Spaziergange anbehalten, sie waren die letzten Stücke des Winterschnees, welche die andern überdauerten und weder am Feuer noch unter der vorgeschrittenen Jahreszeit hinschmolzen. Das wahre Wesen dieser eisigen und doch schon blühenden Wochen leuchtete mir in dem Salon, in den ich nun bald nicht mehr gehen sollte, durch anderes berauschenderes Weiß ein, zum Beispiel das der »Schneebälle«, die auf dem Gipfel ihrer hohen nackten Stiele – nackt wie die linearen Stauden der Präraffaeliten – ihre parzellierten, doch einheitlichen Kugeln trugen, weiß wie Verkündigungsengel, von Zitronengeruch umwittert. Die Schloßherrin von Tansonville wußte, daß auch ein eisiger April nicht ganz ohne Blumen ist, daß Winter, Frühling und Sommer nicht durch hermetische Scheidewände voneinander getrennt sind, wie der Großstädter zu glauben geneigt ist, der, bis die ersten warmen Tage kommen, wähnt, die Welt enthalte nichts als Häuser, welche nackt im Regen stehen. Daß Frau Swann sich mit den Sendungen ihres Gärtners aus Combray begnügte und nicht durch Vermittlung ihrer ständigen Blumenhändlerin die Lücken mit Anleihen bei der mittelländischen Frühreife ausfüllte, will ich durchaus nicht behaupten, und darüber machte ich mir auch keine Sorgen. Um Heimweh nach der Natur zu bekommen, genügte es, daß neben dem Firnenschnee von Frau Swanns Muff die Schneebälle (welche vielleicht der Dame des Hauses nur dazu dienten, auf Bergottes Rat mit ihren Möbeln und ihrer Toilette eine »Symphonie in Weiß-Dur« zu machen) mich gemahnten, der Karfreitagszauber stelle ein natürliches Wunder dar, dem man alljährlich beiwohnen könnte, wenn man nur weiser wäre; sie machten zusammen mit dem herb berauschenden Duft von Blumenkronen anderer Arten, deren Namen ich nicht wußte (und hatte im Spazierengehn bei Combray dennoch oft vor ihnen eingehalten), aus dem Salon von Frau Swann ein ebenso jungfräuliches blätterloses, von authentischen Gerüchen durchzogenes Blütenreich, wie es der kleine Hügelweg von Tansonville war.

Aber noch kam diese Erinnerung zu früh. Noch war Gefahr, daß sie den kleinen Überrest meiner Liebe zu Gilberte nähre. Und obwohl ich während meiner Besuche bei Frau Swann gar nicht mehr litt, machte ich doch immer wieder längere Pausen dazwischen und versuchte, möglichst selten zu ihr zu gehen. Höchstens erlaubte ich mir, da ich Paris noch immer nicht verließ, gewisse Spaziergänge mit Frau Swann. Die schönen Tage waren endlich wiedergekommen und brachten Wärme. Da ich wußte, daß Frau Swann vor dem Frühstück eine Stunde lang ausging und ein wenig in der Avenue du Bois nahe dem Étoile und der Gegend, die man »Klub der Entgleisten« nannte (wegen der Leute, die dort den Reichen, die sie nur dem Namen nach kannten, zusahen), promenierte –, setzte ich bei meinen Eltern durch, daß ich am Sonntag – denn in der Woche war ich um diese Zeit nicht frei – erst nach ihnen, um Viertel nach Eins, zu essen brauchte und vorher einen Spaziergang machen durfte. Da Gilberte den ganzen Mai bei Freundinnen auf dem Lande war, versäumte ich keinen Sonntag. Gegen Mittag kam ich zum Arc-de-Triomphe. Ich paßte am Zugang der Avenue auf und verlor keinen Augenblick die Ecke der kleinen Straße aus den Augen, durch die Frau Swann, die nur ein paar Meter zu gehen hatte, von Hause kommen mußte. Da schon, die Zeit war, zu der viele Spaziergänger zum Essen heimkehren, waren die Zurückbleibenden nicht sehr zahlreich, elegante Leute zum größten Teil. Plötzlich erschien auf dem Sand der Allee verspätet, langsam, üppig wie die schönste Blume, die sich erst mittags öffnet, Frau Swann und entfaltete jedesmal eine andere Toilette; als Farbe ist mir besonders »mauve« im Gedächtnis geblieben; dann im Moment ihrer vollkommensten Leuchtkraft hißte und spannte sie auf einem langen Stiel das seidene Zelt eines breiten Sonnenschirms in denselben Farben, wie der Blütenfall ihrer Robe war. Ein richtiges Gefolge umgab sie, Swann, vier oder fünf Herren vom Klub, die sie morgens besucht oder getroffen hatten; ihr schwarzes oder graues Häuflein verschob gehorsam, fast mechanisch sich um Odette als lebloser Rahmen und ließ sie, die allein Glanz in den Augen hatte, zwischen all diesen Männern vor sich hinschauen wie aus einem Fenster, welchem sie sich genähert hatte; zart und ohne Scheu tauchte sie in der Nacktheit ihrer holden Farben auf und erschien wie ein Wesen von anderer Gattung, unbekannter Rasse, begabt mit fast martialischer Macht, dank deren sie allein die Überzahl ihrer Eskorte aufwog. Lächelnd, glücklich über das schöne Wetter, die Sonne, die noch nicht belästigte, mit der vertrauensvollen, ruhigen Miene des Schöpfers, der sein Werk vollendet hat und um das übrige sich nicht kümmert, sicher, daß ihre Toilette – mochten auch gewöhnliche Passanten sie nicht würdigen – die eleganteste von allen war, trug sie sie für sich selbst und, natürlich, für ihre Freunde, ohne übertriebene Betonung, jedoch mit dem Gefühl der Zugehörigkeit; sie verwehrte es den kleinen Schleifen an Taille und Rock nicht, leicht vor ihr hinzuflattern, wie Geschöpfe, deren Gegenwart ihr nicht entging und denen sie nachsichtig erlaubte, sich ihren Spielen nach eigenem Rhythmus hinzugeben, wenn sie dabei nur dem Gange der Herrin folgten, und selbst auf den mauvefarbenen Schirm, den sie oft noch geschlossen hielt, wenn sie ankam, fiel manchmal, wie auf ein Veilchenbukett, ihr glücklicher Blick, der, überaus sanft, wenn er statt ihre Freunde einen unbelebten Gegenstand berührte, noch weiterzulächeln schien. So reservierte und überließ sie ihrer Toilette das elegante Intervall, dessen Ausmaß die Männer, die sie am kameradschaftlichsten behandelte, als notwendiges Gesetz respektierten. Ehrerbietig wie Uneingeweihte, die ihre eigene Unwissenheit in solchen Dingen bekennen, überließen sie ihrer Freundin, darüber zu richten und zu entscheiden wie ein Kranker über seine besondere Pflege oder eine Mutter über die Erziehung ihrer Kinder. Nicht weniger als durch den Hofstaat, der sie umgab und die Vorübergehenden nicht zu sehen schien, beschwor Frau Swann durch die späte Stunde ihres Erscheinens das Bild der Wohnung, in der sie einen so langen Vormittag verbracht hatte und in die sie bald zum Frühstück zurückkehren mußte; sie schien deren fühlbare Nähe durch müßig schlendernde Schritte, wie man sie sonst nur in dem eigenen Garten tut, anzudeuten; von dieser Wohnung, hätte man sagen können, trug sie noch um sich den frischen Schatten des Innenraumes. Mit all dem aber gab mir ihr Anblick nur um so mehr Gefühl von freier Luft und Wärme. War ich doch nahezu schon durchdrungen, daß ihre Toilette, auf Grund der Liturgie und der Riten, in denen sie tief erfahren war, mit Jahreszeit und Stunde ein notwendiges wunderbares Band vereinte; die Blumen ihres starren Strohhuts, die kleinen Bänder ihrer Robe schienen mir dem Monat Mai noch natürlicher zu entsprießen als die Blumen der Gärten und Wälder; und um den neuen Rausch der Jahreszeit zu erfahren, hob ich die Augen nicht höher als bis zu ihrem Schirm, der offen ausgespannt war wie ein zweiter, näherer Himmel, rund, huldreich, blau und bewegt. Denn diese Riten, so selbstherrlich sie waren, setzten ihren Ruhm darein – und somit tat es auch Frau Swann –, willfährig dem Morgen, dem Frühling, der Sonne zu gehorchen, und die waren mir gar nicht geschmeichelt genug, daß eine so elegante Frau gern von ihnen Notiz nahm und eigens für sie ein lichteres leichteres Kleid angelegt hatte, dessen Weite an Kragen und Ärmeln an die zarte Feuchte von Hals und Handgelenk denken ließ, daß sie für sie die Umstände der großen Dame machte, die sich heiter herabläßt, Leute aus dem Volk auf dem Lande zu besuchen, und eigens für diesen Tag, obwohl alle, bis zu den niedersten herab, sie kennen, eine ländliche Kleidung anlegt. Sobald sie erschien, grüßte ich Frau Swann. »Good morning«, sagte sie lächelnd und behielt mich bei sich. Wir gingen ein paar Schritte zusammen. Und ich begriff, daß sie den Satzungen, nach denen sie sich kleidete, um ihrer selbst willen gehorchte, wie einer höheren Weisheit, deren Hohepriesterin sie war: denn wenn ihr einmal zu warm wurde und sie öffnete das Jakett, das sie festgeschlossen anzubehalten gedacht hatte, oder nahm es sogar ganz ab und gab es mir zu tragen, dann entdeckte ich an der Chemisette tausend feinausgeführte Einzelheiten, die so leicht hätten unbemerkt bleiben können wie Teile einer Orchesterpartitur, welche der Komponist mit größter Sorgfalt ausgearbeitet hat, obwohl sie nie dem Publikum zu Ohren kommen sollen; oder ich sah – und betrachtete lange zu meinem Vergnügen oder aus Liebenswürdigkeit – an den Ärmeln des Jaketts, das ich gefaltet über dem Arm trug, köstliche Details, einen Streifen von entzückendem Farbton, ein lila Seidenfutter, die gewöhnlich allen Augen verborgen bleiben und doch ebenso zart gearbeitet sind wie die äußeren Partien, ähnlich den gotischen Skulpturen einer Kathedrale, die auf der Kehrseite einer Balustrade in achtzig Fuß Höhe über der Erde verborgen sind und die nie jemand zu sehen bekommt, bis einmal zufällig ein reisender Künstler es durchsetzt, hinaufzusteigen und dort oben herumgehen zu dürfen, um die ganze Stadt zwischen den beiden Türmen zu überblicken.

Der Eindruck, daß Frau Swann sich in der Avenue du Bois wie in einer Allee ihres eigenen Gartens bewege, wurde – für Leute, die ihre »Footing«-Gewohnheiten nicht kannten – durch den Umstand erhöht, daß sie ohne nachfolgenden Wagen zu Fuß kam, sie, die man vom Mai ab gewohnt war, im gepflegtesten Gespann mit der bestgehaltenen Livree von Paris vorüberfahren zu sehen, weich, majestätisch sitzend wie eine Göttin, in der lichten, lauen Luft einer großen Viktoria auf acht Federn. Zu Fuß erweckte Frau Swann, besonders wenn die Wärme ihren Schritt verlangsamte, den Eindruck, als gebe sie einer Neugier nach und übertrete elegant die Etikette, wie Fürsten, ohne jemanden zu fragen, unter dem leisen Ärger und der Bewunderung ihres Gefolges, das keine Kritik auszusprechen wagt, während einer Galavorstellung ihre Loge verlassen, das Foyer besuchen und sich einige Augenblicke unter die andern Zuschauer mischen. So fühlte die Menge! zwischen Frau Swann und sich Schranken eines Reichtums, die ihr unüberschreitbarer schienen als alle andern. Das Faubourg Saint-Germain hat wohl die seinen, aber sie sprechen weniger deutlich zu Auge und Phantasie der »Entgleisten«. Diese werden einer großen Dame gegenüber, die einfacher und leichter mit einer Kleinbürgerin zu verwechseln, weniger entfernt vom Volke ist, nicht das Gefühl der Ungleichheit, fast der eigenen Unwürdigkeit haben wie angesichts einer Frau Swann. Ohne Zweifel sind Frauen ihrer Art selbst nicht, wie jene Zuschauer, betroffen von dem Gepränge, das sie umgibt, sie beachten es nicht mehr, weil sie daran gewöhnt sind, das heißt, weil sie es schließlich um so notwendiger finden, je natürlicher es ihnen ist, und auch die andern nach dem Grade ihres Eingeweihtseins in diese Gewohnheiten des Luxus beurteilen. So kommt es, daß diese Frauen – da das Vornehme, das sie an sich selbst in Erscheinung treten lassen und an andern entdecken, ganz materiell, leicht festzustellen, mühsam zu erwerben und schwer zu ersetzen ist, – einen Vorübergehenden in genau derselben Weise auf die tiefste Stufe stellen, wie sie ihm auf der höchsten erscheinen, nämlich unmittelbar, auf den ersten Blick und unwiderruflich. Diese besondere Gesellschaftsklasse, zu der damals Frauen wie Lady Israels gehörten, die in der Aristokratie verkehrte, und Frau Swann, die es später auch tun sollte, diese Zwischenklasse, die unter dem Faubourg Saint-Germain stand, da sie ihm den Hof machte, aber über allem, was nicht Faubourg Saint-Germain war, und der es eigentümlich war, schon losgelöst von der Welt der Reichen, noch der Reichtum selbst, aber ein dehnbar gewordener Reichtum zu sein, der einer künstlerischen Bestimmung und Idee gehorchte, geschmeidiges, mit Phantasie ziseliertes Geld, das zu lächeln weiß, – diese Klasse gibt es, wenigstens gleichartig und mit gleichem Reiz, heut nicht mehr. Heut würde übrigens auch den Frauen, die dazu gehörten, die erste Voraussetzung ihrer Herrschaft fehlen, da sie fast alle mit dem Alter ihre Schönheit verloren haben. Nicht nur vom First ihres vornehmen Reichtums, auch von dem glorreichen Gipfel ihres reifen und noch köstlichen Sommers sah damals Frau Swann, wenn sie majestätisch, lächelnd und gütig die Avenue du Bois heraufkam, wie Hypatia unter dem langsamen Schritt ihrer Füße die Welten rollen. Junge Leute, die vorüberkamen, sahen sie ängstlich an, unsicher, ob ihre undeutlichen Beziehungen zu ihr – zumal sie, Swann kaum einmal vorgestellt, fürchteten, er werde sie nicht erkennen – hinreichten, damit sie sich erlauben könnten, sie zu grüßen. Und nur mit Zittern vor den Folgen entschlossen sie sich dazu, sie wußten nicht, ob ihre keck provozierende, sündhafte Gebärde, frevelnd gegen die unverletzliche Suprematie einer Kaste, nicht Katastrophen entfesseln und die Strafe eines Gottes herabbeschwören würde. Aber sie löste nur, wie eine Drehung in einem Uhrwerk, das Gestikulieren kleiner Gruß-Figuren aus, die niemand anders als die Umgebung Odettes waren, angefangen mit Swann, der seinen mit grünem Leder gefütterten Zylinder mit einer Grazie lüftete, die er im Faubourg Saint-Germain gelernt hatte, aber ohne die Kühle, die er früher dabei gezeigt hätte. Die wurde (als sei er bis zu einem gewissen Grade von Odettes Vorurteilen durchdrungen) ersetzt durch Ärger, den Gruß eines ziemlich schlecht angezogenen Menschen erwidern zu müssen, und zugleich durch die Genugtuung, daß seine Frau soviel Leute kannte, eine Gefühlsmischung, die er den eleganten Freunden umher mit den Worten wiedergab: »Schon wieder einer! Weiß der Himmel, wo Odette all diese Leute auftreibt!« Indessen hatte Frau Swann dem erregten, schon verschwundenen Passanten, dessen Herz noch klopfte, mit einem Kopfnicken geantwortet und wandte sich nun an mich: »Also es ist vorbei? Sie werden Gilberte nie mehr besuchen kommen? Ich bin froh, daß ich nicht mitbetroffen werde und daß Sie mich nicht ganz »dropen«. Ich sehe Sie gern, sah aber auch gern den Einfluß, den Sie auf meine Tochter hatten. Ich glaube, daß es ihr ebenfalls sehr leid tut. Nun, ich will Sie nicht tyrannisieren, sonst wollen Sie am Ende auch mich nicht mehr besuchen!« »Odette, Sagan sagt Ihnen guten Tag«, machte Swann seine Frau aufmerksam. Und in der Tat, wie in einer Theater- oder Zirkusapotheose oder auf einem alten Bild, ließ der Fürst sein Pferd zu einer großartigen Ehrenbezeugung Front machen und richtete an Odette einen theatralischen, gewissermaßen allegorischen Gruß, in dem die ganze ritterliche Höflichkeit des großen Herrn sich entfaltete, der vor dem Weibe sich neigt, mag auch eine Frau es verkörpern, mit der seine Mutter oder Schwester nicht verkehren könnten. Alle Augenblicke, inmitten des durchsichtig fließenden, lacklichten Schattens, den ihr Sonnenschirm über sie ergoß, entdeckt, wurde Frau Swann gegrüßt von letzten verspäteten Reitern, die wie gefilmt in dem Galopp über das Sonnenweiß der Avenue aussahen, Männer einer Elite, Träger von Namen, die, im Publikum sehr berühmt – Antoine de Castellane, Adalbert de Montmorency und soviel andere – für Frau Swann vertraute Namen von Freunden waren. Und da die durchschnittliche Lebensdauer – die relative Langlebigkeit – für Erinnerungen an poetische Empfindungen viel größer ist als für die an die Leiden des Herzens, so hat in mir den schon so lange vergangenen Kummer um Gilberte die Freude überlebt, die ich jedesmal empfinde, wenn ich im Mai auf einer Art Sonnenuhr die Minuten zwischen Zwölfeinviertel und Eins ablesen will, die Freude, mich so mit Frau Swann plaudernd wiederzusehen, unter ihrem Sonnenschirm, wie im fließenden Licht eines Glyzinienbogens.

 

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