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Im Rosenhaus

Helene Hübener: Im Rosenhaus - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleIm Rosenhaus
publisherVerlag der Francke-Buchhandlung GmbH
year1983
isbn3882243120
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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wgs9110
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Die Begegnung

»So! Das wäre fertig!« Sie legte die Hefte, die sie eben durchgesehen hatte, beiseite und rief durch die offene Tür: »Frau Gründler, sind Sie mit Ihrer Arbeit in der Küche bald fertig?«

Ein schwerfälliger Tritt ließ sich hören, und eine behäbige, sauber gekleidete Frau erschien auf der Bildfläche. »Ich wollte eben den Schlüssel bringen, Fräulein Anna. Sie gehen doch sicher noch ein wenig spazieren, Sie müssen ja ganz steif von dem vielen Sitzen sein!«

Anna lachte. »Sie kommen wohl nicht in die Verlegenheit, Frau Gründler. Aber Sie haben recht. Wenn man morgens Schule gehalten und nachmittags einen Stoß Arbeiten durchgesehen hat, muß man mal ins Freie. Also auf morgen!« Mit diesen Worten verabschiedete sie ihre Aufwärterin und stand, während sie den Mantel zuknöpfte, am offenen Fenster und erfreute sich an der schönen Aussicht. Der Anblick war ihr lange vertraut, denn sie wirkte als Leiterin einer Privatschule schon eine Reihe von Jahren in Falkenau. Sie hatte sich damals dieses Haus wegen seiner schönen Lage ausgesucht und auch zwei passende Schulräume im gleichen Haus gefunden. Anna liebte die Natur, sie liebte die bewaldete Bergkette die sich in blauer Ferne vor ihr ausdehnte, die zu ihren Füßen liegende Kleinstadt mit ihren roten Dächern und grünen Bäumen, den Fluß, der sich wie ein Silberfaden durch Felder und Wiesen schlängelte.

»Ja, schön ist's hier«, sagte sie halblaut vor sich hin. »Aber sehr viel einsamer ist's doch für mich geworden, seit Margarete heimgegangen ist.«

Margarete war ihre beste Freundin gewesen. Sie hatten als Kinder dieselbe Schule besucht und sich schon früh aneinander angeschlossen. Margarete verheiratete sich sehr jung mit einem Arzt, der sich in Falkenau niedergelassen hatte. So war Anna hierhergekommen. Und nun war die Freundin vor kurzem einer tückischen Krankheit erlegen.

Zwar war Anna mit ihren sechsunddreißig Jahren kein junges Mädchen mehr, aber eine frische, anmutige Frau konnte man sie doch nennen. Es lag etwas Energisches in ihrem Gesicht. Die klugen grauen Augen verrieten Geist und Herzensgüte. Ihre blonden Haare waren, der Mode gemäß, hochgekämmt und verliehen der schlanken Gestalt etwas Überlegenes. Sie war eine tüchtige Lehrerin, beliebt bei Schülern und Eltern.

Vor dem Hause stand sie eine Weile still. Auf ihrem Gesicht lag die Frage: »Wohin nun heute?« Sie hatte das Bedürfnis, heute einen möglichst einsamen Weg zu wählen. Sie ging um das Haus herum, einem Fahrweg zu, der nach einem kleinen Wäldchen führte. Niemand war zu sehen.

Rüstig schritt sie nun durch die wogenden Kornfelder. Es war ein heißer Sommertag. Obgleich es schon später Nachmittag war, brannte die Sonne. Anna sehnte sich nach dem kühlenden Schatten des Waldes.

Endlich war er erreicht. Sie setzte sich in das weiche Moos unter einen Baum. Wie oft war sie mit ihren Schülern hier gewesen, um auf dem weiter im Wald gelegenen Platz das Sommerfest zu feiern, wie oft hatte sie mit ihrer Margarete gerade hier unter dieser Buche gesessen; da hatten sie einander alles erzählt, was sie an Sorgen und Freuden erlebten.

Plötzlich fuhr sie leicht zusammen. Furcht kannte sie nicht, und doch bemächtigte sich ihrer eine starke Unruhe. Es konnte zu Belästigungen durch Landstreicher kommen, die sich oft hier herumtrieben; daß sie vorher nicht an so etwas gedacht hatte! Sie machte sich auf den Heimweg. Es herrschte eine feierliche Stille, nur unterbrochen durch Vogelgezwitscher oder leises Knistern, das ein vorüberhuschendes Eichhörnchen verursachte oder ihr Fuß, wenn er auf einen Zweig trat. Nun sah sie schon die Lichtung, die der Jugend als willkommener Spielplatz diente. Dort stand ein junger Mann an einen Baum gelehnt.

Sie stieß einen lauten Schrei aus: »Um Gottes willen, was tun Sie da?«

Da entfiel dem jungen Mann ein Revolver. Er sah bleich aus und starrte aus dunklen Augen die Erscheinung an, die ihn in seinem Vorhaben gestört hatte. Wie gelähmt stand Anna da, die Augen fest auf den jungen Mann gerichtet. Es war, als wollte sie nicht sehen und erkennen, was ihr doch sichtbar dort vor Augen stand: es war niemand anders als der Sohn ihrer verstorbenen Freundin, Wolfgang Müller.

»Wolfgang«, rief sie, »was ist denn passiert?«

Es erfolgte keine Antwort. Jetzt stand sie neben ihm und versuchte, seine Hände vom Gesicht zu ziehen: »Wolfgang, Tante Anna redet mit dir, die du immer so liebgehabt hast.«

Ein krampfhaftes Schluchzen folgte. Dann kam es von den bleichen Lippen in abgebrochenen Sätzen: »Ich habe – nichts mehr – vom Leben zu erwarten, ich bin ganz verzweifelt!«

»Hast du eine Schuld auf dem Gewissen, die dich drückt?«

Er schüttelte stumm den Kopf.

»Sage mir, was es ist, Wolfgang. Ich stehe vor dir an Stelle deiner toten Eltern; ich will dir gern nach Kräften helfen.«

Scheu sah sie bei diesen Worten auf den am Boden liegenden Revolver. »Entlade ihn hier vor meinen Augen, augenblicklich.«

Willenlos ergriff er die Waffe und drückte in die Luft. Ein Schuß ertönte, der die Vögel mit lautem Gezwitscher aufscheuchte. Anna schauderte und fragte, ob der Revolver noch weitere Patronen enthielte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da nahm sie die Waffe und schleuderte sie weit von sich.

»Mit diesem Schuß hättest du dich getötet. Weißt du nicht, daß es eine Sünde ist, sich das Leben zu nehmen, das Gott dir gegeben?«

»Mein Unrecht ist mir klar. Aber ich sah nirgends Rettung, nirgends Licht.«

»Komm, laß uns nach Hause gehen, oder«, sie sah, daß er von innerer Aufregung erschöpft war, »ich will mich zu dir setzen.«

»Dank, herzlichen Dank, Tante Anna«, sagte er. »Ja, wenn du mir helfen könntest!«

»Sage mir nur, was ich tun muß. Wenn es in meiner Macht steht, helfe ich dir ganz gewiß; ich muß nur erst wissen, wie.«

Da gewann er Zutrauen zu der Freundin seiner Mutter und erzählte, was sich in der letzten Zeit ereignet hatte. Seine Mutter hatte, als er sich zum Medizin-Studium entschloß, ihr letztes Geld geopfert. Das war nun aufgebraucht, obwohl Wolfgang sparsam gelebt und sich manches versagt hatte, was seine Freunde sich leisten konnten. Da hörte er durch einen Bekannten von einem großen Stipendium, das frei geworden war. Er machte eine Eingabe und rechnete fest mit einer Zusage. In letzter Minute erhielt er einen abschlägigen Bescheid. Er stand vor dem Nichts. Er hatte sich schon wochenlang mit der geringsten Nahrung beholfen, nun besaß er noch gerade so viel, seine Wohnung zu bezahlen. Noch einen Versuch wollte er machen, er wollte in die Heimat reisen und einen reichen Fabrikbesitzer, mit dessen Sohn er früher verkehrt hatte, um ein Darlehen bitten. Er war zu ihm gegangen und hatte versprochen, sobald er auf eigenen Füßen stehe, das Geld zurückzuzahlen. Der Mann hatte mit den Achseln gezuckt, erklärt, daß seine eigenen Söhne ihn sehr viel Geld kosteten, daß es ihm leid tue, seine Bitte nicht erfüllen zu können, und ihm schließlich zehn Mark gegeben. Damit konnte er gerade das Gasthaus und die Rückreise bezahlen.

Verzweiflungsvoll war er hierhergegangen, und dann –

Was dann folgte, das wußte Anna.

Sie waren während des Erzählens aufgestanden und gingen langsam dem Ausgang des Waldes zu.

»Dachtest du denn gar nicht, Wolfgang, daß die Freundin deiner Mutter hier wohnt? Konntest du nicht zu mir kommen?«

»Ach Tante, ich habe in meiner großen Not nicht an dich gedacht, wie solltest du mir auch helfen können?«

»Wer weiß«, sagte Anna ernst. »Jedenfalls kommst du jetzt mit in meine Wohnung. Wir wollen einen Überschlag machen über das, was du noch bis zur Beendigung deines Studiums brauchst, und dann wollen wir sehen, was sich tun läßt.«

Sie hatten dann ein einfaches Abendbrot gegessen und miteinander beratschlagt und überlegt. »Also ein Jahr etwa fehlt dir noch«, sagte sie zum Schluß. Dann stand sie entschlossen auf, ging an ihren Schreibtisch, entnahm ihm einige Papiere und ein kleines Sparkassenbuch.

»Hier«, sagte sie, »sind meine Ersparnisse. Bald sechzehn Jahre bin ich Lehrerin; ich habe wenig für mich gebraucht. Dies sollte ein Sparpfennig für mein Alter sein, nimm ihn.«

Wolfgang war tief ergriffen. Tränen der Rührung traten in seine Augen. »Wenn nicht meine ganze Zukunft davon abhinge, würde ich dein Opfer nicht annehmen. Nun, Tante Anna, sei versichert, ich werde es nicht vergessen, was du mir an diesem traurigsten Tag meines Lebens gewesen bist. Sobald ich in der Lage bin, werde ich dir das Geld zurückgeben. Hab tausend Dank!«

»Du kannst die Papiere verkaufen: über das Sparkassenbuch werde ich dir Vollmacht geben«, sagte sie in geschäftsmäßigem Ton. »Mache bitte nicht viele Worte mehr darüber. Was gedenkst du nun zu tun?«

»Ich reise noch heute abend zurück. Gott segne dich tausendmal für das, was du an mir getan hast, Tante.«

»Und dir, Wolfgang, helfe Gott, daß du wieder zum Glauben an ihn zurückkehrst. Dein Versuch heute hat mir gezeigt, daß du ihn verloren hast. Dies tut mir sehr leid. Nimm Zur Erinnerung an den heutigen Tag dies Neue Testament und versprich mir, dies ist der einzige Dank, den ich von dir verlange, es jeden Tag zu benutzen. Verliere nicht wieder das Vertrauen zu Gott, der treu und väterlich für uns sorgt, wenn wir immer und mit allem zu ihm kommen und von ihm erbitten, was uns nötig ist zu diesem und jenem Leben.«

Wolfgang errötete. Er streckte die Hand wohl aus und nahm das Buch, aber ein Versprechen kam nicht von seinen Lippen.

Anna sah nach der Uhr. »Wir haben noch eineinhalb Stunden Zeit, bevor der Schnellzug geht. Wir wollen uns noch ein wenig ans Fenster setzen, es ist ein köstlicher Sommerabend.«

»Wolfgang«, sagte Anna, nachdem sie eine Weile schweigend dagesessen, »wenn du mir das erbetene Versprechen nicht geben kannst, erbitte ich das Buch zurück.«

Sie streckte die Hand darnach aus. »Nein. Tante Anna, was du mir geschenkt, gebe ich nicht wieder. Warum ich dir das Versprechen nicht geben konnte, ist – ist –«

»Nun, was ist?«

Er bekannte offen und ehrlich, daß es ihm schwerfiel, etwas zu glauben, was verstandesmäßig nicht zu erfassen sei.

Die Tante entgegnete, wenn Gott ihm das Wollen schenkte, so werde er auch das Vollbringen geben. Er solle es auch hier machen wie die Kinder und vertrauensvoll den Vater bitten, daß er ihm das Verständnis der Schrift öffne.

Nun mußte Wolfgang gehen. Die Tante sah ihm durch das offene Fenster nach. Er wandte sich noch einmal um. Als er sie am Fenster sah, zog er den Hut und grüßte hinauf. Dann eilte er die Bergstraße hinunter, und bald war er ihren Augen entschwunden.

»Solch ein Erlebnis hatte ich heute als letztes erwartet. Alle meine Ersparnisse sind weg«, sagte sie leise vor sich hin, »aber gottlob, der Junge lebt!« Sie konnte lange nicht zur Ruhe kommen. So hast du nun gespart, wie hast du dich gefreut, wenn du am Schluß des Monats ein wenig übrig hattest. Und jetzt? Es mußte sein, dachte sie weiter. Sollte dem armen Jungen geholfen werden, so mußte ganze Arbeit getan werden. Sie war noch jung, ihr himmlischer Vater würde für sie sorgen, das war ihre Zuversicht. Die Sache war nun abgetan, erfahren sollte es niemand, auch nicht ihre einzige Schwester, der sie sonst alles zu schreiben pflegte. Sie wollte ihre Wohltaten nicht an die große Glocke hängen.

Noch lange saß sie am Fenster, die kühle Nachtluft tat ihr wohl. Der dunkle Wald lag schweigend da, über ihm blitzte ein Stern nach dem andern auf; sie erinnerten an Gottes Güte und Vatertreue, die über uns allen wacht. Wie hatte er auch heute ihre Schritte gelenkt, ihr Tun gesegnet! Sie mußte ihm danken aus vollem Herzen.

Sie hörte das Pfeifen der Lokomotive durch die stille Abendluft. »Gott segne und behüte dich, Wolfgang. Er führe dich durch alle Verirrungen zur ewigen Wahrheit.«

Mit diesen Worten schloß sie die Fenster und begab sich zur Ruhe. Noch lange lag sie wach. Die Erlebnisse des Tages waren zu gewaltig gewesen. Endlich übermannte sie die Müdigkeit.

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