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Im Kielwasser des Piraten

Friedrich Meister: Im Kielwasser des Piraten - Kapitel 1
Quellenangabe
authorFriedrich Meister
titleIm Kielwasser des Piraten
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correctorJosef Muehlgassner
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Erstes Kapitel.

Der »Mohr«. Mein erstes Duell.

 

Der Bengel hat etwas an sich, was mir nicht gefällt,« sagte Paul Sievers. »Er drückt sich umher, wie eine lauernde Katze, und wenn man dazu sein dunkles Fell ansieht ...«

»Was kann denn dieser Mohr dafür, daß er so weiß nicht ist, wie ihr?« unterbrach Erich Lassen den Sprecher. »Aber du hast so unrecht nicht; mir gefällt der unangenehme Kerl auch schon lange nicht. Es ist nur ein Glück, daß er bald fortgeht.«

»Ein wahres Glück!« bestätigte Franz Hein. »Er reist zurück nach Südamerika, so hat er wenigstens Heinrich Lubau erzählt. Jetzt aber stille, Kinder, da kommt der Schwarze in höchsteigener Person.«

Diese Unterhaltung fand vor einer längeren Reihe von Jahren im Garten von Doktor Niebuhrs Privatschule und Pensionat zu Bergedorf bei Hamburg statt. Der Gegenstand derselben, der soeben aus dem Hause kam und jetzt über den weiten, sauberen Hof dem Garten zuschritt, war ein hoch aufgeschossener Jüngling von achtzehn Jahren, gelbbraun von Angesicht und mit einer krausen Fülle pechschwarzer, glänzender Haare auf dem Schädel. Er war ein mischblütiger Südamerikaner, der Sproß eines farbigen Vaters und einer weißen, oder beinahe weißen Mutter, und vor etwa einem Jahre der Niebuhrschen Anstalt durch den Kapitän eines aus Brasilien kommenden Schiffes übergeben worden, um sich hier etwas von europäischer Gesittung und Wissenschaft anzueignen. Sein Vater sollte ein wohlhabender Schiffseigentümer in irgend einer tropischen Seestadt sein; näheres war nicht bekannt.

Der Name dieses unseres dunkelhäutigen Schulgefährten war Rufino Gorillas, wenigstens stand er so in der Liste; der Abkürzung wegen aber hieß er unter uns Schülern allgemein »der Mohr« oder »der Schwarze«, sobald wir wußten, daß er nicht in Hörweite war.

In der ersten Zeit hatten wir ihn mit Neugierde betrachtet und beobachtet, gar bald aber erweckte er in uns Mißtrauen und sogar auch eine gewisse Furcht. Er hatte ein unheimliches, schleichendes Wesen an sich, die Blicke seiner stechend schwarzen Augen waren nie offen und frei, und sein Gang war so leise, daß er uns zuweilen, besonders an den dunklen Herbst- und Winterabenden, durch sein unerwartetes Erscheinen allen Ernstes erschreckt hatte. Er sprach das Deutsche nur sehr mangelhaft, seine eigene Muttersprache aber, die wir zuweilen zu hören bekamen, wenn er in zorniger Erregung war, klang, wie wir uns einbildeten, geradezu kannibalisch. In Brasilien redete man, unseres Wissens, spanisch und portugiesisch, Rufinos Kauderwälsch aber war weder das eine noch das andere, soviel glaubten wir wohl beurteilen zu können.

Doktor Niebuhr hatte dem Mohren eine Kammer für sich allein angewiesen – wir andern wohnten meist zu zweien und dreien zusammen – und diese Kammer war ein wahres Museum. An den Wänden hingen allerlei ausländische Waffen, wie Keulen, Pfeile und Bogen, Dolche und Lanzen, und daneben verschiedene Modelle von Schiffen so seltsamer Gestalt, wie wir noch keins im Hamburger Hafen gesehen hatten. Wenn Rufino uns diese Fahrzeuge und ihre Eigenschaften erklären konnte, dann funkelten seine Augen vor Vergnügen und Genugthuung. In dem Jungen steckte ein Seefahrer, das war uns sehr bald klar. Auch konnte er allerhand wilde Tänze aufführen, darunter einen Kriegstanz – »mit Messerbegleitung«, wie Franz Hein sich ausdrückte – weil Rufino dabei mit zwei Dolchen auf ganz gefährliche Weise in der Luft herumfuchtelte; sein Hauptstück aber war der Fandango, wenn er den tanzte, dann entblößte er sich zuvor jedesmal bis zu den Hüften und sprang nun in seinem braunen Fell vor uns herum, wie der leibhaftige König der Menschenfresser-Inseln.

Rufino näherte sich der kleinen Gruppe, die auf dem Grasplatz des Gartens lagerte. Seine Augen wanderten von Gesicht zu Gesicht.

»Ihr geredet von mir? Warum?« fragte er, seine weißen Zähne zeigend.

Wir sahen einander verwundert an. Woher wußte der unheimliche Mohr, daß wir von ihm gesprochen hatten?

»Wie kommst du zu der Frage, Rufino?« entgegnete Paul Sievers. »Bildest du dir ein, wir hätten nichts anderes in den Kopf zu nehmen, als dich?«

»Ihr geredet von mir. Ich sehen deine Augen, ich sehen Franz Augen, ich sehen Erich Augen, ich sehen Heinrich Lubau Augen. Ich sehen, ich wissen. Ha! Ja!«

»Nun gut, dann weißt du's,« sagte Erich Lassen. »Wir haben also von dir gesprochen. Hat Eure Majestät etwas dagegen?«

»Majestät! ha, ja! Mein Vater groß, wie Majestät!« entgegnete Rufino stolz. »Wer mich beleidigen?«

»Noch hat dich keiner beleidigt,« sagte Paul Sievers. »Wir sprachen einfach davon, daß du nun bald unsere Pension hier verlassen und nach Südamerika zurückkehren würdest, zu deinen Kannibalen oder Piraten, was weiß ich. Du hast dies ja meinem ehemaligen Stubenkameraden hier selber erzählt.«

Rufino richtete jetzt seine funkelnden Augen mit einem giftigen Ausdruck auf mich, denn Pauls Stubenkamerad war ich, Heinrich Lubau, damals ein Knabe von siebzehn Jahren, zwar nicht der Jüngste aber der Kleinste der ganzen Schule.

»Warum du lügen?« schrie er mich an.

»Ich habe nicht gelogen!« rief ich zurück. »Du hast mir gesagt, daß du nicht mehr lange hier bleiben würdest. Warum leugnest du's jetzt? Das ist kein Betragen unter civilisierten Europäern, Schwarzer!«

»Europäer,« wiederholte er höhnisch, »Europäer! Europäer lügen alle. Du Narr, dummer!«

»Laß dein Schimpfen, Rufino,« sagte Erich Lassen, aus dem Grase aufstehend, welchem Beispiel wir alle folgten. »So gut ist Heinrich dir nicht, daß er etwas erfinden sollte, was dir unsern Beifall sicherte, wie dein Abgang thun würde. Also drücke dich!«

»Wenn mir gefällt,« antwortete der Schwarze. »O, du Heinrich, du kleine Heinz, ich dich fassen! Du feige Bub!«

Diese Drohung machte mich zuerst ganz sprachlos, bis Paul Sievers mich in die Rippen stieß.

»Heinz, geh und schlag' ihn hinter die Ohren,« sagte er. »Das darfst du nicht auf dir sitzen lassen. Geh und mach's aus mit ihm; wir werden dafür sorgen, daß alles nach Recht und Billigkeit zugeht.«

Paul hatte recht; das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich war damals noch ein weichherziger Knabe, aber im Punkte der Ehre empfand ich bereits wie ein Mann.

Rufino erwartete mein Herankommen wie ein Panther, der sich zum Sprunge niederduckt. Ich stürzte auf ihn zu und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, empfing aber in demselben Moment einen Schlag ins Auge, der mir das glänzendste Feuerwerk vorführte, das ich jemals gesehen. Jetzt trat ich zurück und erwartete mit in Gesichtshöhe erhobenen Fäusten den Ansturm des Feindes; derselbe ließ nicht auf sich warten. Vorgebeugt, mit funkelnden Blicken und gefletschten Zähnen, das braune Gesicht wutverzerrt, kam er heran; seine Hände krallten nach meinem Halse. Da schnellte ich den linken Arm vor und traf ihn zwischen die Augen, und unmittelbar darauf fuhr ich ihm mit der rechten Faust unters Ohr. Er taumelte und setzte sich dann schwer ins Gras nieder.

»Der hat für diesmal genug,« bemerkte Franz Hein. »Frag' ihn doch einmal, Erich, ob er noch mehr Verlangen nach deutschen Hieben hat.«

Erich Lassen trat an den zusammengekauert Dasitzenden heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Wie ist dir, Rufino?« fragte er.

Der Mohr saß unbeweglich wie ein Steinbild, die Hände vor das Gesicht geschlagen.

»Na, er lebt ja noch, wie's scheint,« sagte Paul Sievers; dann wendete er sich zu mir. »Wie hast du das nur fertig gebracht, Heinrich?« fragte er. »Wir waren darauf gefaßt, dich seinen Händen entreißen zu müssen, und nun stehst du als Sieger da! Heinrich, wir sind stolz auf dich!«

»Zufall, Paul,« entgegnete ich; »weiß selbst nicht, wie's gekommen ist. Das war übrigens mein erstes Duell. Mein Auge sieht bös aus, wie?«

»Vorläufig geht's noch, die hübschen Farbenschattierungen kommen später. Geh auf die Bude; laß dir etwas rohes Fleisch von der Haushälterin geben, das legst du dann auf. Mit dem Doktor werde ich reden und ihm sagen, daß du an dem Streit unschuldig bist.«

Inzwischen waren noch mehr Kameraden herbeigekommen und hatten sich neugierig um uns versammelt. Alle bezeugten eine unverhohlene Freude an der Niederlage des »Schwarzen«, der von Anfang an nichts gethan hatte, sich das Wohlwollen und die Freundschaft seiner Schulgenossen zu erwerben.

Als derselbe sich von so vielen Augen beobachtet und gemustert sah, stand er auf, um sich zurückzuziehen. Dabei fielen seine Blicke wieder auf mich.

»Du warte!« zischte er ingrimmig. »Ich vergelten! Du büßen!«

»Spare deinen Unsinn, Schwarzer,« sagte Erich Lassen. »Der Streit ist nach Recht und Gerechtigkeit ausgefochten worden. Du fingst ihn an und hast das meiste gekriegt. So gehört es sich. Von Vergeltung kann keine Rede sein; drücke dich und trage dein Päckchen wie ein Mann.«

Ein giftiger Blick war die einzige Antwort auf diese verständige Rede. Rufino stieß die ihm im Wege stehenden Knaben zurück und verließ eilenden Schrittes den Garten.

»Der ist ja in einer niedlichen Verfassung,« bemerkte Arnold, einer der später herzugekommenen Knaben. »Was war denn los, Heinrich? Hast du ihm etwas gethan?«

»Wir hatten Streit, und da habe ich ihn zufällig besiegt, was mir durchaus nicht leid thut.«

»Mir aber thut dies beinahe leid,« sagte Erich Lassen. »Ich fürchte nämlich, daß der tückische Gesell sich an dir zu rächen suchen wird. Der Kerl ist ein Halbwilder, ein Mestize, und denen ist selbst im besten Falle nicht zu trauen, wie wir ja alle gelesen haben. Also sieh dich vor, Heinrich.«

»Erich hat recht,« warf ein anderer ein. »Wir werden uns hier alle noch einmal so wohl fühlen, wenn der Schwarze erst wieder in seine heimatlichen Schlupfwinkel und zu seinen Flibustiern zurückgekehrt sein wird.«

»Zu seinen Flibustiern, haha! hältst du ihn für einen Seeräuber?«

»Das versteht sich! So etwas Ähnliches ist er ganz sicher. Habt ihr noch nicht bemerkt, wie er in den Zeitungen immer so eifrig auf die Berichte versessen ist, die von den südamerikanischen Küsten kommen, wo neuerdings einige geheimnisvolle Fahrzeuge aufgetaucht sein sollen? Heinrich Lubaus Onkel kreuzt ja wohl auch da unten irgendwo herum. Bei Chile und –«

»Das ist allerdings verdächtig,« fiel Erich Lassen ein. »Ja, ja, der schwarze Sennor ist ein Pirat, 's wird schon richtig sein.«

»Ach Unsinn!« rief Arnold. »Wie kann ein Schulknabe ein Pirat sein!«

»Ein netter Knabe! Ein Kerl von beinahe sechs Fuß Höhe! Aber laß gut sein, Arnold, jedenfalls wirst du zugeben, daß seine Angehörigen Piraten sein können. Wie heißt doch gleich das brasilianische Kriegsschiff, Heinrich, welches dein Onkel kommandiert?«

»›Santissima Trinidad‹, Kreuzer-Korvette,« antwortete ich. »Gegenwärtig liegt sie auf der Station bei der Insel Fernando Noronha, im Atlantischen Ozean, wenn ich nicht irre.«

»Zur Unterdrückung der Seeräuberei, wie?«

»Ja. Mein Onkel hat viele Gefechte mit den Piraten bestanden und auch bereits einige Fahrzeuge aufgebracht.«

»Das habe ich gelesen. Unter den Piraten sollen sich auch viele Araukaner befinden. Verlaß dich drauf, Heinrich, Rufino Garillas hat ein ganz spezielles Interesse an den Kreuzfahrten und Abenteuern der ›Santissima Trinidad‹.«

»Ihr geht etwas weit, wie mir scheint,« sagte Paul Sievers. »Immerhin aber mag in dem Mohren mehr stecken, als wir ahnen. Jedenfalls ist er rachsüchtig und heimtückisch und wir müssen ihm auf die Finger sehen, um Heinrichs willen.«

»Gewiß, das wollen wir,« riefen Arnold und einige der andern. Dann fuhr der erstere fort: »Du wolltest ja wohl auch zur See gehen und deine ersten Fahrten unter deinem Onkel machen?«

»Ja, sobald ich die Schule hinter mir habe,« erwiderte ich. »Übrigens habe ich wahrgenommen, daß Rufino in den Freistunden eifrig Navigation studiert. Jetzt fällt mir dies auf.«

»Er ist ein Pirat, das ist gar keine Frage,« lachte Erich Lassen. »Aber im Ernst, Heinrich: sieh dich vor! Seit ich vorhin seinen giftigen, haßerfüllten Blick gesehen, zweifle ich nicht im mindesten daran, daß er dir mit Vergnügen eins seiner vielen Messer zwischen die Rippen jagen würde, wenn sich eine ihm günstige Gelegenheit fände. Nun aber laßt uns hineingehen; es muß bald Thee geben.«

Doktor Niebuhrs Zöglinge begaben sich in den Eßsaal, mit Ausnahme der beiden Kombattanten, deren augenblicklicher Zustand sie verhinderte, an der Abendtafel zu erscheinen. Rufino suchte seine Kammer auf, meine Wenigkeit aber schlich sich in die Wirtschaftsräume zu der guten, alten Haushälterin, die auch gar bald Rat für mein verschwollenes Auge wußte. Nachdem dasselbe kunstgemäß verbunden war, ging ich ruhig auf »die Bude«, entkleidete mich und legte mich still zu Bett. Spät am Abend kam Doktor Niebuhr und richtete einige Fragen an mich und gleich nach ihm erschien Erich Lassen, um mir einen Krankenbesuch abzustatten und mir ein halbes kaltes Huhn als Trost in meiner Einsamkeit zu bringen.

»Heinrich, mein Sohn,« sagte er, »knabbere dieses, dann wird dir besser werden. Und merke auf meinen Rat: schließe in dieser Nacht und auch in den folgenden Nächten deine Thür sorgfältig zu. Dem Weisen genügt eine Andeutung.«

»Aber Erich, glaubst du wirklich –?«

»Stille! Ja, ich glaube wirklich. Laß dir raten, Heinz. Und nun ›Gute Nacht‹.«

»Gute Nacht, Erich. Ich danke dir, Freund, und ich werde deinem Rat folgen, obgleich ich überzeugt bin, daß du Gespenster siehst.«

»Mag ja sein; aber Vorsicht ist zu allen Dingen gut.«

Damit ging er hinaus, und noch ehe seine Schritte auf dem Gange draußen verhallten, sprang ich aus dem Bett und drehte den Schlüssel zweimal im Schlosse herum. Außerdem schob ich auch noch den Riegel vor. Als ich wieder ins Nest kroch, schlug die Uhr der Anstalt gerade zehn.

Eine Weile lag ich noch wachend, dann fielen mir die Augen zu – oder diesmal, richtiger gesagt, nur eins – und ich entschlief.

Ein leises Geräusch an der Thür erweckte mich wieder. War das eine Ratte, oder eine Maus? Ich hatte von jeher nur einen sehr leichten Schlaf, daher war ich sofort bei voller Besinnung.

Ich setzte mich aufrecht und lauschte. Draußen bewegte jemand die Thürklinke. Ein kalter Schweiß trat auf meine Stirn. Erich hatte also doch recht gehabt. Aber die Thür war verschlossen. Wenn das Rufino war, dann fand er für diesmal seine Absicht vereitelt, denn nach wiederholtem, vorsichtigem Drücken auf die Klinke schlich er – oder was es sonst gewesen sein mochte – leise knisternden Schrittes wieder davon. Ich lag wach bis zum Anbruch des Morgengrauens, aber es ereignete sich nichts mehr.

Gegen sieben Uhr weckte mich das Pochen des Stiefelputzers, der sich höchlich verwunderte, meine Thür verschlossen zu finden. Ich gab ihm weiter keine Erklärung, kleidete mich an und ging dann, mit einem neuen Verband über dem Auge, hinunter zum Frühstück.

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