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Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
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created20071027
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Sechster Abschnitt.

Die Tierdressur des trinkfesten Stoikers und der Renommier-Totenkopf des verliebten Mediziners.

Am Neujahrstage war die Hylleruper Kirche sehr gut besucht, wenn auch nicht wie an dem Sonntage zwischen Weihnachten und Neujahr. Viele Kirchgänger hatten leider ein übernächtiges Gesicht, kämpften gegen das Gähnen an, und andere schliefen inwendig. Alle aber wurden hellwach, als der Pastor die Worte sagte: »Der allmächtige Gott halte seine treue Schirmhand über unsre Länder, damit der unselige Streit, der zwischen dem Königreich und den Herzogtümern hüben mit heftigen Reden und Schriften, drüben mit scharfen Worten und giftigen Federn geführt wird, friedlich-gütlich-gottgefällig geschlichtet werde. Der Herr schirme und segne den König Christian VIII., unsren Herzog und Herrn, unser Gott erhalte ihm die Liebe seiner Völker und schenke ihm ein weises Herz, in Güte und Gerechtigkeit zu richten und zu regieren, damit Recht bleibe, was Recht ist!«

Rolf Krake Hansen legte die Hand hinter sein großes Ohr, um kein Wort zu verlieren. Dann holte dieser andächtige Zuhörer sein Taschenbuch hervor und kritzelte während des Gesanges das, was er von der Predigt behalten wollte, auf ein unsauberes Blatt, auf dem schon ein paar Merktage der Kalbkühe standen. –

Hilde hatte abgelegt und eilte die Treppe des Pastorats hinauf, um zu kontrollieren, ob die Magd Karen das Giebelzimmer gereinigt habe. Die Tür des Gastzimmers stand offen, Reuter hantierte an seiner Elektrisiermaschine, vielleicht absichtlich. Er wollte die Gelegenheit ergreifen, um zwei Menschen glücklich zu machen. »Gucken Sie mal her, liebes Fräulein!«

»Was machen Sie da?«

»Ich experimentiere ... bitte ... zieren Sie sich doch nicht!«

Hilde stand in scheuem Zweifel und ging dann einen Schritt über die Schwelle. Mit dem elektrisch geladenen Draht betupfte der Student den langen Schwanz der Mäuse, die im Käfig die drolligsten Sprünge und Kapriolen machten. Er lachte wie ein großer, ungezogener Junge aus vollem Halse, wenn die Tiere ihre unfreiwilligen Tänze und Saltos machten, er tippte bald den einen bald den anderen Schwanz mit einem lustigen »Hopp-Hopp, Hallodri!« Gewaltig amüsierte das Spiel den jungen Gelehrten.

Hilde öffnete die Augen immer weiter und zog die Brauen immer fester zusammen, denn ein Mäuslein lag schon auf der Seite und hatte sich in elektrischen Galoppaden zu Tode getanzt. »Was soll das sein?«

»Ein Experiment.«

»Ich würde es einen Dummerjungensstreich nennen, wenn es nicht eine gemeine, grausame, gänzlich unnütze Tierquälerei wäre.«

Recht kleinlaut legte er den Draht beiseite. »Das Experiment ist zu Ende.«

»Ja, ich werde ein gründliches Ende machen.« Resolut riß sie den Käfig vom Tische, öffnete die Tür und schüttelte die Mäuse heraus.

»Hilde! Wie schön Sie sind in Ihrem heiligen Zorn!« Er wollte ihre Hand ergreifen.

»Ich heiße Fräulein Fangel, Herr Doktor der Mäusekunst und -quälerei.« Jene plötzliche Bangigkeit und Scheu befiel sie, und sie huschte die Treppe hinunter, wie ein Mäuslein, das einem Experiment entronnen ist.

Kunz raufte sich das Haar. Bei Amor und Aphrodite! Die Kleine spielt mit mir. O, ihr sanftes, engelhaftes Lächeln macht mich verliebter, toller von Tag zu Tag. Ich bilde mir ein, ein ziemlich famoser und schmucker Kerl – ein wohlgefälliger Blick in den Spiegel, der die Behauptung bestätigen sollte – zu sein, und in diesem Krähwinkel und Capua haranguiert mich eine süße Unschuld vom Lande. Ja, mit dem langen Laban, dem Bauernlümmel Thorö, liebäugelt sie auch ein wenig, vielleicht ein viel zu viel ... o wenn sie den als Ehe-Garanten und mich als Hypothese hätte, das gäbe Mord und Totschlag. Ich bin komplett verliebt, verrückt, vernarrt in das Lächeln des Kindes.

Fräulein Fangel betrat das Wohnzimmer und fand einen an sie adressierten Brief von Eskild Thorö, der sein Fernbleiben am Silvesterabend entschuldigte. Wenn auch der Schlitten-Umfall gut und ohne Unfall abgelaufen sei, schäme er sich doch seiner groben Kutscherungeschicklichkeit, so daß er sich vorläufig im Pastorat nicht sehen lassen dürfe. Es war ein kurioser, kindlicher Brief, den die Pastortochter aber durchaus nicht lächerlich fand. Als der Student in dem Augenblick zum Essen kam und lange Augen nach der Briefadresse machte, sagte sie leichthin: »Von Eskild.«

Reuter machte ein ironisches Hm – hm. »Hm, er kann also schreiben und lesen?«

»Ja, und spielen! Spielen kann er, daß wir alle neben ihm Stümper sind.«

Während des Essens war Hilde oft so abwesend, daß sie das Lachen vergaß, wenn ein Wort Lachen erwecken wollte. Der Mediziner nämlich war ungemein lebhaft und so geistreich, daß sein Witz bisweilen recht gezwungen klang. Nur einmal glitt sein kalter Blick über sie hinweg, nämlich als er seinen Freund aufforderte, am Nachmittag den Leutnant Bosen in seinem neuen Junggesellenheim zu besuchen. Hilde machte eine so betrübte Miene, daß ihre Mutter durch ein Blinzeln mahnte: ein junges Mädchen darf sich nichts merken lassen!

Nachmittags um drei Uhr saß die Pastortochter am Fenster und barg sich hinter der Gardine, um die beiden, die das Haus verließen, mit tränenden Augen zu begleiten und ihren ersten herben Liebesschmerz zu durchkosten. Anstatt bei ihr zu bleiben, ihre Stimme zu hören, an ihrem Lächeln sich zu laben, ihre Liebe zu erringen, ging er in die Behausung des schnapstrinkenden Sonderlings, zog er die Lügengeschichten des alten Leutnants ihrer Unterhaltung vor. Zum Sterben schwer ist das erste Herzeleid der ersten Liebe.

Heimreich und sein Freund standen vor dem ältesten Hause des Dorfes, das ein niedriges, moosbewachsenes Strohdach und keinen Schornstein hatte und zu Hylleruphof gehörte. In der sogenannten Räucherkate – der Herdrauch mußte durch Tür und Fenster sich einen Ausgang suchen – hauste Leutnant Bosen, vom Reinlichkeitsteufel der fegenden Mägde ungestört, ganz nach seinem Geschmack.

Heimreich zögerte draußen. »Wollen wir nicht Jep Hansen ...?«

»Und Bodil einen Neujahrsbesuch machen?« Kunz erriet des Freundes Gedanken und lachte. »Was ist mir Hekuba? Folge du dem Drang deines Herzens und hole nach einer Stunde mich ab!«

Sie trennten sich, Kunz betrat die große Diele der Räucherkate. Ein penetranter Geruch, der an eine Menagerie erinnerte, schlug ihm entgegen. Bosen kam aus einer Kammer und hatte eine von Jeps Meerschaumpfeifen im Munde. »Treten Sie näher, in meine beste Stube!«

»Wonach riecht es hier so kräftig, Herr Leutnant?«

»Ich parfümiere mich nicht mehr, ich rieche nichts.« Sein großes Auge hatte einen unschuldigen Blick.

Der Gast sah sich argwöhnisch im Halbdunkel der Diele um. Vier junge Katzen lagen in einem Winkel und schnurrten. »Die können schon etliche Gerüche verursachen.«

»Das geniert mich nicht, aber die Mäuse, die tags auf meinem Tische spielten und nachts das Licht an meinem Bette fraßen, wurden unmanierlich.«

Auf der Hühnerstange hockten zwei Eulen und verdrehten die grellen Augen, und im trauten Verein daneben plusterten sich zwei Hühner.

»Die sind von Bodil mir geschenkt ... ich stehle noch nicht und bin auch kein Seeräuber und Riffpirat gewesen, wie die Hyllerupper glauben ... die neuen Freunde da sollen sich aneinander gewöhnen,« schmunzelte Bosen.

In einem Holzverschlage knabberten Meerschweinchen und Kaninchen. Im Herdwinkel, an einer Kette lag ein junger, im Eisen gefangener Fuchs. Püh, nun war der Raubtiergeruch zu begreifen.

»Haha, Sie haben ja eine ganze Menagerie hier, dressieren Sie die Eulen und Hühner?«

»Wenn ich das eine Huhn am Halse kraue und sage: »Singe, mein Putchen«, so fängt es mit lautem Kra–kro–kri–kre ganz nett schon die Tonleiter an. Ich gewöhne die Tiere von ganz verschiedenem Charakter, Fuchs und Kaninchen, Huhn und Habicht, an einander. Die sogenannte unvernünftige Kreatur hat weit mehr Charakter und Verstand, als wir glauben ... o, die gesittete Menschheit ist ein unverbesserliches, unbelehrsames Gelichter ... wer die Menschen verbessern und die Dummen belehren will, ist ein Idiot, aber die Tiere vergessen nie, was sie gelernt haben, und beweisen ihrem Lehrmeister die größte Dankbarkeit und Treue, während die größten Menschheitslehrer zum Dank vergiftet, geköpft und verbrannt wurden. Ich will die Tiere aus der Barbarei auf die höhere Kulturstufe bringen und für die sogenannte Zivilisation gewinnen, ich werde dem Star das Sprechen, der Eule das Philosophieren, dem Huhn das Singen, dem Hunde das Denken beibringen, haha.« Der Philosoph mit seinem gutmütigen Pessimismus spaßte und spottete gern und nötigte den Gast in seine beste, mehr als primitiv möblierte Stube.

Was er seinen Divan nannte, war eine Holzpritsche, mit Strohsäcken und Pferdedecken belegt. »Hier fühle ich mich wohl und wie im Feldlager.« Eine an die Wand genagelte Kiste, mit Kälberblut gestrichen, diente als Vorratsschrank, ein alter Tisch, ein paar auf dem Hofe ausrangierte Stühle, ein Paar Töpfe und Geschirre und recht viele Flaschen – »Die verraten mich und meine Vorliebe,« plierte der Leutnant – fehlten nicht. Unweit des Fensters stand ein eisernes Öfchen, dessen Abzugsrohr einfach durch eine ausgestoßene Scheibe und auf die Straße ging. »Das habe ich im Orient gesehen, bewährt sich gut und macht den Buben und den Bauern ein greuliches Gaudium.«

Auf einer Strohschütte am Ofen lag des Leutnants Liebling, die hübsche Hühnerhündin mit den sieben blinden Welpen, die sie heute geworfen hatte. »Daß meine Skandia in Wochen sollte, das bewog mich zumeist, hier in Kantonnement zu gehen und ein festes Winterquartier zu suchen.«

Sehr unterhaltsam war das Geplauder mit dem Kauz, der mit offnen Augen weit in der Welt herum gewesen war und mit Humor zu erzählen wußte.

»Leiden Sie auch an der chronischen Halskrankheit... an der häßlichen Halstrockenheit? Darf ich Ihnen anbieten, was ich habe, einen guten, kräftigen Kaffepunsch?«

»Herr Leutnant, ein gebildeter Mensch trinkt doch keinen ordinären Branntwein.«

»Vielleicht kommt auch für Sie der Augenblick, wo Sie bei zwölf Grad Frost zwei Stunden lang auf einem Fleck Posten stehen oder gar im Schnee Posten liegen müssen und alles in Ihnen von der Zehen- bis zur Nasenspitze ein Eisklumpen geworden ist, wo ein großes Glas des gemeinen Soldatenfusels Ihr vornehmes Blut erwärmt und Ihr edles Leben erhält. Seit ein Paar Jahrhunderten ist ohne den teuren Branntwein kein Krieg geführt, kein Sieg erfochten worden. Die Irländer bei Waterloo konnten kaum auf den Beinen stehen, aber um so besser die Bajonette gebrauchen. Ja, der Branntwein erhebt das Herz, erhöht den Mut und – wirft zuletzt den ganzen Kerl in die Gosse hinein.«

»Gut, ich will das gelobte Getränk mal kosten.«

»Nein, heute wird Kaffepunsch mit Rum getrunken, ich habe eine Flasche alten Jamaika.«

Sie stießen an auf das neue Jahr. »Möge es uns eine fröhliche Revolution und den Krieg zwischen Dänemark und Holstein bringen!«

»Und den Sieg der Deutschen und die Freiheit Schleswig-Holsteins!« rief Reuter, von Patriotismus und Rum gerötet.

»Ja, wenn die Deutschen mir eine Kompagnie geben, sonst soll sie der Teufel holen ... wenn ich bei dem König, meinem einstigen Kameraden, zu Kreuz kriechen müßte!«

»Auf das deutsche Bataillon, das Sie bei Hadersleben oder Kolding zum Siege führen!«

»Prosit, Prosit!« Die Stimmung stieg, der Rum war stark.

»Sind hier viele Füchse?« fragte Reuter.

»O ... anderthalb Dutzend auf der Gemarkung, die werde ich schießen oder fangen ... aber glauben Sie, daß mir ein Schußgeld bewilligt wird? Nein, ich bin Bauernförster für die Kost und die abgelegten Kleider; obgleich das Raubzeug den Hyllerupern alle Woche für sechs Taler Geflügel wegfrißt, wollen die Geizhälse keine Prämie zahlen. Na, ich werde ihnen den Beutel öffnen, ich fange zu dem Fuchs draußen noch zwei Fähen, lege eine hübsche Zuchtanstalt für rassereine Reinekes an und lasse die Jungen laufen. Wenn die Felder bevölkert sind, wird der Gemeinderat beschließen, einen Taler pro Schnauze zu zahlen.« Der Pfiffikus machte das toternste Gesicht.

»Das ist wohl die höhere Gesittung, die sie den Tieren beibringen wollen?«

»Mein Hans da draußen geht nur zwei Tage in die Schule und kommt schon, wenn ich ihn rufe ... wollen Sie mal sehen?«

Nur zu gern! Reuter ging mit auf die Diele, um die ersten Erfolge der Tierkultur und Fuchsdressur zu bewundern.

»Hans! Komm her!«

Der Fuchs lag im Winkel und rührte sich nicht.

»Er hat eben einen großen Neujahrsfraß gehabt, darum ist er so faul. Hans, ich muß dich in deiner Verdauungsruhe stören, komm sofort her!«

Reineke bewegte nichts, nur die kleinen, tückischen Augen.

»Hoch und her zu deinem Herrn!« Ein kleiner Fußtritt bewirkte, daß Hans knurrend sich erhob, den krummen Rücken reckte und nicht gehorchte.

Bosen wollte das Erziehungsmittel der Güte anwenden und den Kopf des Tieres krauen. Da erwachte die Bestie, die mit den fletschenden Zähnen zuschnappte und am Daumen sich festbiß. Es mußte ein furchtbarer Schmerz sein, jedoch der Leutnant verzog keine Miene, nur die Lippen wurden schmal und sein Blick stahlhart und herrisch, und mit der Ruhe eines Schulmeisters, der einen bösen Buben verprügelt, hieb er auf den Fuchs ein. »Willst du Satan loslassen ... loslassen!«

Das geschlagene Tier bohrte die Zähne noch tiefer ins Fleisch, das Blut floß auf die Diele. Reuter zitterte vor Aufregung und stammelte: »Soll ich ... soll ich das Biest mit der Flinte erschießen?«

»Nein, der Hund soll nachgeben, der Mensch muß Sieger bleiben.«

Bewundernswert war die Kaltblütigkeit des Leutnants, der trotz der Pein den festgebissenen Fuchs forttrug und auf den Tisch legte. »Töv, du Racker! Nun krieg' ich dich klein!« Mit der Lederkarbatsche in der Linken hieb er auf den Fuchs so lange los, bis dieser die Zähne löste und wie halbtot liegen blieb.

»O, o, welche schreckliche Wunde!«

»Ist nicht der Rede wert! Sie haben keine richtigen Wunden von Sprengbomben und geplatzten Granaten gesehen ... das ist die beste Desinfektion und Arznei.« Bosen tränkte einen Lappen mit Branntwein, legte ihn auf die blutige Hand, wickelte ein Tuch darum, und der Verband war fertig. Der heroische Gleichmut, mit dem er den gräßlichen Schmerz ertrug, seine ungeheure Härte gegen sich selbst war eines Stoikers würdig und imponierte dem Zuschauer ganz gewaltig.

»Wieder ein Beweis, daß der verlästerte Schnaps viele Tugenden hat ... wir wollen nach der Motion eine kleine Alkohol-Erfrischung nehmen, Herr Doktor.«

Der Mediziner lehnte den Titel nicht ab, sondern ließ sich die Promotion, die der alte Ironiker vollzogen hatte, gern fallen, ließ sich auch einen Kaffepunsch nach dem andern aufnötigen, besonders als Bosen mit dem großen Auge grundehrlich sein rotes Gesicht betrachtete und freundlich-nachsichtig sagte: »Sie vertragen vielleicht nicht viel, Herr Doktor? Wenn es Ihnen in den Kopf steigt oder in die Beine, müssen Sie es mir rechtzeitig sagen.«

»Ich absolviere meine zehn Bierjungen in zwei Stunden, Prosit, Herr Hauptmann!«

Bosen lehnte die Beförderung ab und blinzelte mit dem kleinen, listigen Auge. »Auf das Wohl der Pastortochter!«

»Nein, Herr Leutnant! Die kann meinetwegen den genialen Dorfmusikanten mit den Gorillatatzen oder einen andern Orangutang heiraten,« rief der Doktor gallig. Doch aus dem galligen geriet er in den alkoholisch-sentimentalen Zustand, wo er den Schmerz verschmähter Liebe vertrank.

Nach einer Weile schlug Bosen ein Spielchen vor, denn das war die eine und der Alkohol die andere Schwäche des starken Stoikers. Obgleich ehrlich gespielt wurde, verlor Reuter durch waghalsiges Spiel den größten Teil seiner Barschaft. Der Leutnant tröstete: »Ihr Verlust verbessert meine bescheidenen Finanzen und bringt Ihnen viel Glück in der Liebe.«

»Nein, ich hasse die Weiber.«

»Ich hasse die Mäuse,« sagte die Katze, »da fraß sie eine vor Liebe auf,« antwortete der Sonderling, der ein Menschenkenner war. – – –

Heimreich ging über den Hof und begehrte vom Himmel ein Zeichen, ein Orakel, ob heute ein dies fas oder nefas, ein guter Tag für eines Menschen Lebensfrage sei. In Ermangelung einer Pythia bestimmte er die gleiche Zahl als Glückszahl – und scheuchte die Krähen auf. Sechs waren es! ... ein gutes Omen!

Jep Hansen, der just in der Lederhose und den alten Holzschuhen aus der Tür trat, streckte jovial die Hand aus, doch seine Miene drückte eine gewisse, neue Ehrerbietung aus – das war die alte, schöne Hochachtung des Nordschleswigers vor dem Pastor, vor jedem, der auf der Kanzel gestanden hat. »Was wollen Sie lieber? In die warme Stube oder den warmen Stall? Mit meiner Tochter plaudern oder mit mir meine Ochsen beschauen?«

»Als der Pastor Dahl den alten Peter, der ihm ein Gewerbe besorgt hatte, fragte: Was will Er nun lieber, vier Schillinge oder einen Punsch? Da antwortete Peter: Beides ist gut, Herr Pastor! Beides ist gut, Jep Hansen. Erst taxieren wir die Ochsen und dann ...«

»Die Tochter!« Jep grifflachte über seinen eigenen, echtbäurischen Witz, der dem Kandidaten das Blut in die Wangen jagte.

Der Besitzer von Hylleruphof hatte einige gute Zuchtstuten und Füllen, die der Gast bewunderte, jedoch auch viele grobe Ackergäule, an denen Heimreich mit höflichem Schweigen vorübergehen wollte. Aber der Bauer zeigte mit Befriedigung auf die Mähren: »Der Lehmboden kostet Pferdefleisch, man muß die Tiere ausnutzen bis zuletzt ... in Hyllerup sind genug dicke Pferde und dumme Bauern, die ihre Gaule mästen und ihre Kühe hungern.« Er huldigte im Viehstall entgegengesetzten Grundsätzen.

Fünfzig schwere, fette Ochsen standen im Heu und wühlten mit dem Maule im Mengkornschrot.

Der Kandidat lobte die blanken Tiere. »Die sind jetzt gemästet und werden nach Hamburg getrieben?«

»Nur vier, fünf sind fett, die andern müssen noch Hylleruphofer Ochsen werden ... sehen Sie hier! Das ist die Mastprobe.« Der Bauer goß aus dem Eimer ein paar Handvoll Wasser auf den Rücken der besten Tiere. Wenn der Rücken so breit und feist war, daß auf beiden Seiten des Rückgrats kleine Wassertümpel stehen blieben, waren die Tiere mastreif und das die Wasserprobe, die Jeps Ochsen vor dem letzten Gang nach Hamburg bestehen mußten.

»Wenn alle soweit sind, werden sie in langsamen Nachtmärschen auf dem alten Ochsenwege nach Hamburg getrieben und dreimal täglich sorgsam gefüttert. Trotz meiner alten Beine bin ich selbst der erste Treiber, mache ich alle Frühjahr den Marsch.«

»Aber die volle Geldkatze können Sie nicht allein nach Hause tragen.«

»Ach,« seufzte Jep, »die wird leider gleich wieder geleert, die Hamburger lassen keinen vollen Beutel zum Tore hinaus. Die Vorräte fürs ganze Jahr, Kaffe, Zucker, Sirup, Rum, Tabak, Seile, Lederzeug, Gewürze und Gott weiß was, werden kistenweise gekauft und auf dem vierspännigen Wagen, der mit Futter für Tiere und Treiber uns folgte, verladen ... und das schöne Geld haben die Hamburger behalten.«

Heimreich sah mit Hochachtung auf den klugen Bauer, der als Ochsentreiber sechsunddreißig Meilen trampelte, wie ein Gutsbesitzer en gros und billiger einkaufte und Zwischenhändler und Fracht sparte.

Endlich! murmelte Bodil, die oft aus dem Fenster geblickt und zuletzt ärgerlich gedacht hatte, daß der Kandidat mehr Interesse für die Ochsen als für die Tochter von Hylleruphof habe. Mit klopfendem Herzen, aber mit ruhigfreundlicher Selbstbeherrschung empfing sie den Mann, der, wo sie ging und stand, in ihren Gedanken war.

Der Gast wurde nach Landessitte mit Kaffe und Kuchen bewirtet, der Hausherr zündete sich seine Pfeife an und plauderte. Wenn er zu schwatzen aufhörte, stockte das Gespräch.

Der Alte ging in der Stube auf und ab, guckte in die Luft und zum Fenster hinaus, schielte nach dem Tische und spekulierte. Plötzlich fuhr er an die Tür und mit Gepolter in die Holzschuhe hinein. Schon die Klinke in der Hand, verkniff er das Auge. »Ich muß den Schmied an etwas erinnern und hoffe, daß man sich gut vertragen und nicht von wegen der Politik in Streit geraten wird.«

»Nein, Vater, bleib' hier!«

Jep war schon draußen. Der alte Ziegelstreicher, der in inniger Spätliebe die arme Magd geheiratet hatte, wollte, daß seine Tochter ihrem Herzen gehorche und glücklich werde.

Bodil, von der plumpen Kriegslist des Vaters verletzt, wurde verwirrt und rot. Heimreich beugte sich ihr zu und sagte innig: »Wie können Sie dem alten, guten Manne zürnen! Er weiß, daß ich Sie lieb habe, ich weiß, daß ohne Sie mein Leben leer ist, Sie wissen, daß ich Ihnen gehöre ... es muß alles klar und wahr sein, und ich muß wissen: Haben Sie mich ein wenig lieb?«

Nie hatte er ihre Züge so sanft und weich, nie eine solche Hingebung in ihrem feucht schimmernden Auge gesehen. »Ja, ja! Ich habe Sie lange lieb, sehr lieb.«

Hörte er nicht, daß das süße Bekenntnis einen schmerzlichen Unterton hatte? »Dann ist ja alles, alles gut, meine Bodil ... meine Eltern werden dich wie ihre Tochter ans Herz schließen.«

Unter seinen Küssen lag sie willenlos an seiner Schulter und weinte. Bald aber richtete ihre Gestalt mit Energie sich auf, ihre Lippen wurden herbe. »Noch haben wir kein Recht zum hohen, heiligen Du, das zwei, die einander fremd waren, fester als Blutsbande verbindet. Noch ist es nicht gut, solange die Scheidewand steht. Ich liebe die dänische Sprache, das dänische Lied, ich glaube, daß Schleswig seit Jahrhunderten zu Dänemark gehört ... Sie aber, Sie wollen ein Deutscher sein, obgleich Sie es nicht, sondern ein Nordschleswiger sind. Wie kann eine Ehe bestehen, wenn die beiden in so vielen Dingen zwiespältig sind?«

»Ich bin und bleibe ein Deutscher,« sagte Heimreich, »das ist unabänderlich, und der unselige Streit wird gelöst werden, wie Gott will, wir können nur die Lösung abwarten. Aber ...« Seine feste Stimme wurde flehend. »Bodil, warum können wir nicht den folgenden Ehepakt schließen? Keiner darf die Anschauung des andern zu widerlegen versuchen, geschweige denn kränken. Von dem Völkerstreit darf niemals geredet werden. Oder ist Ihre Liebe nicht so stark, daß sie darauf verzichten kann, mich zum Proselyten zu machen?«

»Meine Liebe kann noch viel mehr, aber ich fordere auch von Ihrer Liebe, daß Sie sich in dem Streite völlig passiv verhalten, ich fordere, daß Sie sich von den holsteinischen Hetzern fernhalten, daß Sie – wenn ein Aufruhr in Holstein ausbrechen sollte – niemals und nirgends Waffen gegen unseren König und das dänische Volk führen werden. Geben Sie mir Ihr Wort darauf, und alles ist gut. Kann Ihre Liebe zu mir nicht das Geringe tun und neutral bleiben?«

Sein Gesicht bewölkte sich, und seine Hand fuhr instinktiv zurück. Darum wurde ihre Stimme einschmeichelnd, ihr ganzes Wesen atmete Liebe und süßes Verlangen nach ihm. »Jeder darf seinen Glauben und seine Gesinnung behalten, ich halte mich fern von jeder politischen Versammlung, fern vom südjütischen Verein und dem Skamlingsbankfest, ein großes Opfer bringe ich meiner großen Liebe ... und du, du bleibst dem König treu, du beteiligst dich nicht an dem holsteinischen Geschrei und niemals, niemals an einem deutschen Aufruhr und einem Kampfe gegen Dänemark. Das kann deine Liebe geloben und halten ... komm, mein Liebster, und küsse mich!«

Mit dem beseligenden Du hätte sie ihn beinahe bestrickt und seine Seele in unwürdige Fesseln und Ketten gelegt. Seine besten Gefühle waren in einer bitteren Zwietracht und einem grimmigen Zweikampfe. Niedergeschlagen, wie ein Besiegter, setzte er sich und hatte doch den harten Sieg über sein Herz behalten. »Das will und kann und darf ich nicht versprechen ... fordere nicht Unmögliches, Unmännliches, Unehrenhaftes von mir! Es ist ein ungeheurer Unterschied zwischen Mann und Weib. Die Frau hat im öffentlichen Leben keine Pflichten, aber der Mann muß seine Ueberzeugung verfechten ... wo es die höchsten Güter und das heilige Vaterland gilt, bleiben nur die Lumpen neutral. Es kann der Tag kommen, wo jeder Schleswig-Holsteiner sein Vaterland gegen Vergewaltigung verteidigen muß, ich darf nicht versprechen, an dem Tage ein Elender zu sein, der entweder das seiner Braut gegebene Wort bricht oder seine Pflicht gegen sein Volk mit Füßen tritt. Sie dürfen meine Seele durch ein solches Gelübde nicht binden.«

Bodils Mund hatte einen trotzigen Zug und ihre Stimme den scharfen Klang. »Nein, wir wollen uns nicht binden! Das gleiche Opfer, das ich bringe, muß von Ihnen gefordert werden. Was dem einen recht, ist dem andern billig.«

»Nein, es ist Schein und Frauensophistik! Für eine Frau ist es ein negatives Opfer, der Politik fern zu bleiben, denn sie ist so wie so politisch passiv, hält keine Brandreden auf Skamlingsbank und kämpft in keinem Amazonen-Regiment.«

»O, wir weben und wirken und werben im stillen. O, das Geringe, das ich will, muß meiner großen Liebe gelingen.«

»Mich dem Deutschtum abtrünnig zu machen? Nein, das wird ihr nie und niemals gelingen! Es ist eine unbillige Verpflichtung, die mir für alle Zukunft die Hände binden, die Seele umschnüren will und unfehlbar in unerträgliche Gewissenskonflikte mich stürzt. Wahre Liebe kann das nicht von mir fordern.«

»Ich muß das kleine Opfer verlangen, um an Ihre Liebe zu glauben, o ich muß Sie immer lieben, aber ich kann nur einem Manne gehören, der jeden Kampf mit Dänemark verabscheut.«

»Es wird ja nicht zum Kriege kommen ...«

»Um so leichter können Sie meine Bitte erfüllen.«

Ein Weib ist nicht zu widerlegen, und Bodil hatte von ihrem Vater die zähe Beharrlichkeit geerbt. Heimreichs Charakterfestigkeit war ihr ein betrübender Mangel an Liebe, und ihr starres Festhalten an ihrem Verlangen schien ihm ein schroffer Eigensinn und Dänentrotz zu sein. Ein Wall entstand, an dem Aerger, Irrtum und Wahn mit fleißigen Händen bauten. Die beiden saßen stumm und verstimmt, und jeder mied den Blick des anderen. –

Als der Kandidat den Fuchsbau des Leutnants betrat, um Kunz abzuholen, war er in wehevoller, aber auch wütender Gemütsverfassung, die durch den Anblick des hochgeröteten Freundes bedeutend verschärft wurde. Aus der Gasse bürstete er los: »Warum hast du mit dem Leutnant gezecht und dich wie ein Igel vollgetrunken?«

Kunz befand sich in dem sentimentalen Alkoholstadium. »O, ich bin ein tief, tief unglücklicher Mensch.«

»Nein, du bist nur ein vollgetrunkener Mensch ... wie soll ich dich unbemerkt ins Bett bringen und dein Unwohlsein entschuldigen?«

»Ich müßte kein Mediziner sein, wenn ich den Käfer nicht kurieren könnte. Setz den Schwengel, bitte, in Bewegung!« Reuter hielt den Kopf unter die Pumpe, der eiskalte Wasserstrahl verscheuchte die ärgsten Geister des Alkohols. Er befolgte Heimreichs Rat und suchte bald der Kopfschmerzen wegen seine Giebelstube auf.

Hilde war mehr unglücklich als zornig und bei Tisch sehr stumm gewesen. In ihren nur vorwurfsvollen Augen las er, weil sein böses Gewissen ihn täuschte, tief verächtliche Blicke. Oben in der Giebelstube hielt Reuter bittere Monologe. Die engelhafte Unschuld vom Lande, die er liebte, hatte ihn verschmäht und verachtet! Das war eine unerhörte Beleidigung seiner Ehre und Eitelkeit. Ein Reuter nahm Satisfaktion für jede Injurie. O, er mußte für den ihm zugefügten Schmerz und Schimpf Vergeltung üben und den ihm angetanen Tort mit irgendeinem grotesken Spott erwidern, damit die Pastortochter erkenne, sein Liebeswerben sei nur ein Studentenspiel und -späßchen gewesen. Die Geister des Alkohols rumorten noch in seinem Gehirn und standen Gevatter, als der mehr bubenhafte als geistreiche Streich ausgeheckt wurde.

Als rechter Mediziner ging Reuter nicht auf Reisen, ohne daß ein weißschimmernder, vom Anatomie-Diener wohlpräparierter Renommier-Schädel ihn begleitete, ging er grundsätzlich nicht zu Bett, wenn der Totenkopf nicht auf dem nahen Tische stand, denn er behauptete mit heiligem Ernst, daß er miserabel schlafe, wenn sein zähnefletschender Homo sapiens nicht des Nachts ihm zunicke und zugrinse. Weil er doch mit einer schlaflosen Nacht rechnete, trug Kunz seinen Schlummer-Talisman fort; den Knochenschädel im Arme, schlich er sich in Hildes Schlafgemach, das jenseits des Flures lag, und sehr befriedigt nickte er dem Totenkopfe zu, der auf Hildes Nachttisch durchs Dunkel leuchtete.

Der Jünger Aeskulaps horchte in seinem Bette, kleine Gewissensbisse, ob ein junges Mädchen von einem scheußlichen Schreck nicht ein Nervenfieber bekommen könne, belästigten ihn. Er wollte just aufspringen und seinen Talisman holen.

Da ging die Pastortochter in ihr Schlafgemach. Was war das Weiße auf ihrem Nachttisch? Eine Ueberraschung, ein Geschenk von dem bösen, lieben, unüberlegten Manne, der ihr so wehe getan? U–uh! Ein markerschütternder Schrei gellte durch das ganze Haus. Kunz sprang bleich aus dem Bette, durfte aber nicht seinem reuigen Drange gehorchen und in das Allerheiligste der Pastortochter hineindringen, um den Totenschädel, das Werkzeug seiner Bosheit und seines Bubenstreiches, in tausend Stücke zu zerschmeißen und zu ihren Füßen Vergebung zu erflehen, im bloßen Hemde und Büßergewande. Er horchte an der Tür voll Angst.

Drüben war es mäuschenstill geworden. Gottlob, sie alarmierte nicht das Haus, was ihn fürchterlich blamiert hätte! Zitternd vor Furcht und Kälte verkroch sich der Held bis zu den Ohren, die gespannt sich spitzten, im Bettpfühl.

Die arme Hilde hockte blaß und von Weh bedrückt im Stuhle und lugte scheu nach dem häßlich-gräßlichen Schädel. Die grinsende Fratze war ihr ein Greuel, obgleich sie keine Spur von Angst vor dem elenden Knochenhäuflein hatte. Mit dem Totenkopf in einem Zimmer zu schlafen, war ihr unmöglich, aber auch vor dem Anfassen des Ekels hatte sie einen Abscheu. Sollte sie ihren Bruder wecken? Nein, auf keinen Fall dürfe die Schandtat den Eltern kund und der böse Mensch da drüben in seiner Schlechtigkeit bloßgestellt werden, der Vater würde die Roheit nicht verzeihen und vielleicht dem Gaste die sofortige Abreise empfehlen.

Nach diesem Edelmut kam der Unmut zu seinem Rechte. Hilde nahm das Handtuch, packte den Schädel hinein, lief zur Tür und schleuderte ihn so kräftig auf den Flur hinaus, daß der Totenkopf wie eine Kegelkugel kollerte und gegen Reuters Tür klapperte und klopfte.

Heimreich fuhr aus dem Schlafe und im Bette hoch. »Was ist da los, Kunz? Ist das Hyllerupper Gespenst bei dir eingekehrt?«

Kunz kicherte ins Bettuch, der Schlingel freute sich unbändig, daß Hilde keinen Schlag bekommen habe, und summte sein Lieblingslied: »Es ist noch immer, immer, immer gut gegangen.«

Um die Ursache des greulichen Gepolters zu erforschen, öffnete Heimreich beherzt-behutsam die Tür. Sein Haar sträubte sich. Spielen hier die Geister Ball mit Totenköpfen? Ohne seine Neugierde zu befriedigen, flog der Kandidat in sein Bett.

Nach einer Weile kroch Reuter auf den Flur und holte seinen Homo sapiens heim. Ach, der Grinser ließ den zerschmetterten Kiefer hängen, als wenn er sagen wolle: Mensch, Mensch, du bist ein Esel gewesen! Die scheußliche Selbsterkenntnis, eine ungeheure Dummheit gemacht zu haben, setzte sich wie ein Nachtmar auf das Haupt des Mediziners, aus dem die Geister des Alkohols sich verduftet hatten.

Die Pastortochter durchweinte die ganze Nacht und vergoß bittere Tränen am Grabe ihrer Liebe. Der Mann, den sie mit der ersten, einzigen, unendlichen Liebe ihres reinen Herzens liebte, hatte ihr den bösen Tort angetan und mit seinem grausamen Hohn ihr Herz zertreten; o, er war ein gefühl- und herzloser Mensch, der mit Mäusen, Menschen und jungen Mädchen sein tierquälerisches Spiel trieb. Hilde zweifelte und verzweifelte an dem hübschen, leichtsinnigen Studenten und verzichtete in der Nacht auf alles Lebensglück. –

Der Gast des Pfarrhauses trat sehr verlegen an den Frühstückstisch und rechnete damit, daß der fröhliche Ferienbesuch mit einem etwas plötzlichen Abschied enden könne. Nein, der freundliche Pastor und die brave Pastorin hatten keine Ahnung von dem bösen Attentat. O, sie hatte großmütig gehandelt und nichts verraten. Mit einem reuigen Blick versuchte er Abbitte zu tun, doch Hilde strafte ihn mit Nichtbeachtung. Nur einmal im Laufe des Vormittags fand er Gelegenheit, ihr zuzuflüstern: »Verzeihen Sie den törichten Scherz!«

»Scherz? Eine Scheußlichkeit, eine Roheit, ein Verbrechen war es! Ich hätte den Verstand verlieren können, wenn ich nicht so wütend geworden wäre.«

»Ich bin tiefunglücklich.«

»Nein, Sie sind tiefschlecht, grundschlecht.«

»O, ich möchte mir eine Kugel durch den Kopf schießen.« In einer Aufregung, die nicht geheuchelt war, stürzte er fort.

Hilde sah ihm nach und zitterte, denn er lief jetzt hin und holte Jep Hansens Flinte. Heute war ja die Jagd mit dem Leutnant, wo jeder der beiden einen Rehbraten heimbringen wollte. Den ganzen, langen Tag hantierte er mit dem lebensgefährlichen Gewehr – wie leicht könnte der Leichtfuß durch einen sogenannten Fehlschuß sich ein Leid antun, um mit Anstand und ohne Selbstmord zu sterben. Der entsetzliche Gedanke raubte ihr die Ruhe den ganzen Tag, bei jedem Schritt vor dem Hause – es war stets irgendein Bauer, der seine Holzschuhe auf der Matte stehen ließ – lief sie ans Fenster.

Heute nämlich wurde das Pastorat von früh bis spät von Bauern überlaufen, und Frau Gertrud klagte gar nicht über die ewigen, unleidlichen Störungen ihres studierenden Gatten, sondern nickte vergnüglich, so oft die Glocke ging, begrüßte jeden mit herzlichem Händedruck, nötigte ihn sogar in ihre große, geölte Stube, wo – Potztausend! – der Tisch mit belegten Butterbröten und Kuchen und Tassen beladen war. Jeder konnte essen und trinken, so viel er mochte, erhielt aber zum Schluß nur den einen obligatorischen Kaffepunsch, der seit Jahrhunderten im Hyllerupper Pastorat alte Sitte und Satzung war. Der Pastor legte heute nicht mit ärgerlicher Miene die Feder fort, wenn an seine Tür geklopft wurde, sondern hieß jeden herzlich willkommen.

Heute war nämlich der große Tag des Pastorats, der große Einnahmetag, der Januartermin, an dem die Kornzehnten geliefert oder nach Belieben in bar bezahlt wurden. Hundertzwanzig Tonnen Roggen, zweihundertzwanzig Tonnen Hafer, hundertneunzig Tonnen Gerste – das gab einen Batzen Geld, und Hyllerup hatte einen schönen Dezem. Auf dem Kornboden stand Klaus Fangel bei der Wage, ließ schmunzelnd die vollen, festen Körner durch die Finger gleiten, notierte das Gewicht und drückte, wenn richtig gewogen war, einmal, wenn reichliches Gewicht war, zweimal dem Bauer die Hand. Der Pastor nahm im Studierzimmer das Bargeld in Empfang, buchte es und fragte freundlich nach Frau und Kind.

»Ihr Christian steht jetzt in Friederiz bei den Soldaten?«

»Ja, er wird vom Sergeanten ärger als ein Hund geschlagen und geschunden ... die verdammten Dänen!«

»Mein guter Hans Petersen, sind Sie nicht Mitglied des südjütischen Vereins?«

»Jaa, Herr Pastor, weil ich hoffte, daß mein Sohn vom Militärdienst durch Fürsprache frei zu machen wäre, wurde ich Mitglied ... der Handel ging schief, das Geld ist weggeworfen, aber ich zahle keinen Schilling mehr ... die verfluchten Dänen!«

Der enttäuschte Patriot stopfte sich die Pfeife und ging in die gute Stube, wo die Pfarrfrau die Bauern bewirtete und unterhielt.

Die Tochter lief ruhelos zwischen Küche und Flurfenster hin und her und einmal sogar zum Krämer, um für zwei Schillinge Zwirn zu kaufen, obgleich vier Rollen im Nähtisch lagen. Auf dem Friedhofe konnte man einen großen Teil der Hyllerupper Gemarkung übersehen. Nichts zu sehen – aber da drüben knallte ein Schuß. Und war das nicht ein Schrei, der von weither drang? Ein großer Schreck durchzitterte ihre zierliche Gestalt. Ein kleiner Zweig drückt beim Uebersteigen des Knicks den Hahn ab, und der gräßliche Selbstmord ist ein grauenhaftes Malheur gewesen. Wenn sie nur weinen und schluchzen dürfte!

Die Uhr aus dem Flure ging, aber die Zeit stand still. Als bereits die Dämmerung sich wie ein unhörbarer, unheimlicher Geselle ins Haus schlich und in allen Winkeln kauerte, stand die Aermste am Fenster und preßte die Hand aufs Herz. Da bog der lange, liebe Mensch auf seinen zwei Beinen in den Hof, allerdings ohne den Bock geschossen zu haben, machte hastige Schritte, hielt die linke Hand gegen die Backe, als wenn er Zahnweh habe, und schlenkerte mit der rechten. O Schreck und Grauen! Von der mit dem Taschentuch verbundenen Hand tropfte das rote Blut in den weißen Schnee. Er war blessiert und angeschossen! Aller Vorwurf und Zorn, aber auch alle weibliche Scheu und Selbstbeherrschung war weggeweht; alles in ihr war Angst um ihn, Erbarmen und Liebe. Sie holte die Verbandsachen und griff nach seiner blutenden Hand. »Haben Sie viele Schmerzen? Haben Sie selbst ... wie ist es gekommen?«

Kunz hielt sich die Backe, benahm sich aber wie ein Held. »Es ist nicht schlimm, seien Sie nur ruhig, liebes Fräulein! Bosen brachte mir Jep Hansens Donnerbüchse und grinste verdächtig. Das alte Steinschloßgewehr hatte einen Rückstoß wie ein Sechspfünder, daher wurde meine Backe verschrammt und verschwollen.«

»Aber die Hand! Das Blut! Legen Sie sich auf das Kanapee! Sie haben sich erschießen wollen.«

»Bewahre! Kein Unkraut reißt sich selber aus. Zuletzt stopfte ich zu viel Pulver in den alten Lauf, die Donnerbüchse barst, und ein Stück riß mir die Hand auf.«

Hilde wusch die Wunde und schnitt Verbandsstreifen. Alle Vorsicht und Verstellung, welche die Anstandslehren vorschreiben, alle Hüllen fielen von ihrem Antlitz und ihrer Seele. Er hätte starblind sein müssen, wenn er nicht auf den Grund ihres Herzens gesehen hätte; er wäre kein Kunz gewesen, wenn er nicht ungestüm nach dem Glück gegriffen und die sanfte Hand, die ihn verband, gehalten hätte.

Daß er leidenschaftlich von seiner sinnlosen Eifersucht, seinem wilden Streiche, seiner edlen, unsinnigen Liebe redete, vernahm sie kaum. Sie hörte wie im Traum ein Geflüster und hatte ein Gefühl, als wenn sie in eine andere Welt versetzt, von eitel Wonne umgeben sei und alle, alle Wünsche erfüllt wären. Sie schloß vor Schwindel, in einem Abgrunde von Glück versinkend, die Augen und ruhte am Herzen ihres Helden, der mit seinem ritterlichen Anstand und sicheren Selbstbewußtsein, mit seinem heiteren Uebermut und kecken Ertrotzen als das Urbild eines rechten Mannes ihr erschien.

Die Mutter, bei der Kunz in hoher Gunst stand, wurde ins Vertrauen gezogen und weinte Glückstränen mit der Tochter um die Wette. Im Familienrat der beiden wurde beschlossen, daß der Vater, der Reuter gern, aber keine rechte »Fiduz« zu ihm hatte, vorläufig nichts von seinem neuen Schwiegersohn wissen solle. Kunz küßte fleißig die Lippen der Tochter und die Hand der Mutter, überzeugte die eine von seiner hohen Liebe, die andere von seinen heiligen Vorsätzen, bei Tag und Nacht zu arbeiten und zu ochsen, allen Allotriis zu entsagen und bis zum Herbst das Examen und seinen Doktor zu machen. – – –

Schon am 6. Januar sollte die Rückreise nach Kiel angetreten werden. Hilde hatte vier große Glückstage, wo sie des Lebens höchste Wonne genoß. Eigentlich waren es nur drei Glückstage, denn die Sonne des zweitletzten ist arg verdunkelt worden. Am Nachmittage saß sie bei dem Geliebten, Hand in Hand, Auge in Auge, während der Vater studierte und die Mutter scharf aufpaßte, daß keine Magd und kein Mensch sie störe.

Wenn sie nur sein hübsches Antlitz sehen, seine liebe Stimme hören durfte, war sie trotz der baldigen Trennung immer froh und innig heiter. »Bist du gern bei mir?«

»Wer mag gern im Dunkeln sitzen? Ohne dich ist alles düster, du bist mein Licht, und dein Lächeln ist die Sonne meines Lebens.«

Vom Fenster her hatte man sich keiner Gefahr versehen. Draußen im Schnee stand eine Gestalt, ein großes, lustiges Auge schielte, ein Finger klopfte an die Scheibe, man hörte Bosens Baß. »He, Herr Doktor! Die zwei starken Böcke stehen hinter der Mergelkuhle, ich habe von Eskild ein gutes Gewehr für Sie geliehen, kommen Sie schnell!«

»Arm- und Beinbruch! O, entschuldige mich ein Stündchen! Ich komme!« Kunz stürmte aus dem Hause. Da war kein Halten, wenn eine Leidenschaft mit ihm durch die Lappen ging.

Vor Hildes Augen wurde es dunkel, ein stechender Schmerz zuckte durch ihr liebendes Herz. Ein Rehbock galt ihm am zweitletzten Tage mehr als ihr Lächeln.

Als Kunz sehr stolz, wie nach einer Tat, einen Bock heimbrachte und mit den burschikosen Worten: »Ich habe für einen angemessenen Abschiedsschmaus gesorgt,« hinwarf, lächelte sie ihm wehmütig zu.

Am letzten Tage ging Heimreich ins Dorf, um Adieu zu sagen. Der alte Thorö stand im Beiderwant-Rock am Ofen und rauchte sorgenvoll. »Mein Eskild ist komisch geworden, sogar die Braunen überläßt er dem Knecht, und gestern sagte er plötzlich: »Vater, verkaufe den Hof! Ich habe keine Freude an der Bauernarbeit und möchte Musikant sein.« Ich antwortete grob: Du bist wohl kopfkrank, du willst auf den Jahrmärkten fiedeln, und ich soll auf meine alten Tage mit dem Teller gehen ... lieber vertestamentiere ich meinen Hof dem Narrenhause als einem Narren.«

Der Kandidat ging melancholisch die Gasse hinauf, um auf Hylleruphof Abschied zu nehmen. Jep erquickte sich am Anblick seiner Ochsen und störte nicht die schwermütige Stunde.

»Soll ich ohne Hoffnung fortgehen und fortan fernbleiben ... oder darf ich eine Hoffnung mitnehmen?«

»Ja, Heimreich, meine Liebe hört nimmer auf. Ich will glauben, hoffen und beten, daß Ihre Liebe stark genug werden wird, um ein kleines Opfer mir und meiner Liebe zu bringen.«

Seine Festigkeit war ihr ein unverständlicher Starrsinn, der sich beugen und Selbstaufopferung beweisen müsse. Genau so unbegreiflich und verdrießlich war ihm Bodils Beharrlichkeit, die er nur als Fraueneigensinn und Dänentrotz erklären und um so weniger entschuldigen konnte. Doch ihr Mund hatte nicht nur eine ärgerliche Bedingung, sondern auch ein süßes Bekenntnis ausgesprochen. Darum rief er mit leuchtenden Augen: »Ihre Liebe höret nimmer auf?«

»Nein, wenn auch alle meine Bitten unerhört blieben, würde ich doch keinen andern lieb gewinnen.« Wie zur Bekräftigung reichte sie ihm die Hand, die er festhielt.

»Bodil! Ist mir ein so großes Gut geworden, wird mir auch alles andere zufallen. Ich werde Sie lieben, solange ich bin, ich will beten, daß der Zwist der Völker friedlich geschlichtet wird, ich will hoffen, daß keine kleinliche Zwietracht uns scheiden wird.«

»Nein, Heimreich, nichts, nichts kann uns scheiden ... als nur der unnütze Trotz.«

Sein Trotz oder ihr Trotz? Langsam lösten sich ihre Hände. Jep Hansens charakterstarke Tochter, die schon als Kind selten oder nie geweint hatte, hatte Tränen im Auge. In seiner Seele war beides, hohe Freude und stille Trauer. Das ist der Fluch des Grenzlandes, daß seine Fehden nimmer aufhören. –

Noch war tiefdunkle Winternacht, als die Pferde vor die Halbchaise gespannt wurden und Klaus auf den Bock stieg. Im Hause lief man mit Licht. Der Pastor wollte seinen Vorgesetzten in Norderhusen die übliche Neujahrsaufwartung machen und die jungen Herren nach der Stadt bringen. Er war im Biberpelze, dem Erbstück vom Senator her, und kroch in den Fußsack hinein.

Klaus war Kutscher, um mit dem Kaufmann wegen des Zehntenkorns zu verhandeln. Hilde knöpfte das Wagenleder zu und stieß auf eine Hand, von der sie mit einem letzten, heimlichen Druck Abschied nahm.

Eine Stunde später lag sie auf dem Kanapee und schluchzte: »Ich habe eine furchtbare Ahnung und Angst, daß Kunz sterben wird.« Die verständige Mutter beruhigte: »Ahnungen sind meist Einbildungen.«

Nein, nein! Hatte nicht die Lehrerfrau im Traumzustande vom Blut an der Hand klar und deutlich geredet, und war das nicht wörtlich in Erfüllung gegangen? Aber auch Leichen, viele Leichen hatte die Träumerin gesehen.

Die Weinende dachte an die Weissagung und klagte: »Mutter, ist die höchste Liebe auch das tiefste Leid?«

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