Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectid5c699544
Schließen

Navigation:

Fünfter Abschnitt.

Kunz der Kühne geht in die Gruft, um allen Geistern Prosit Neujahr zu wünschen.

Die ersten Sterne blitzten auf, und die letzte Nacht des Jahres zog geräuschlos, wie ein undurchdringliches Geheimnis, über das weißleuchtende Land, als Hilde Fangel von einem Besuch im Armenhause heimeilte. In ihrer Hast sah sie nicht die zwei Knechte, die in der Hecke mit der uralten Steinschloßflinte hantierten, um das neue Jahr einzuschießen, und, einer plötzlichen Eingebung gehorchend, einen groben Bauernspaß sich machten. Ein Feuerblitz, ein Donnerkrach! Der blinde Schuß ging an Hildes Nase vorbei und hätte ihr Gesicht bös verbrannt, wenn sie nicht zum Glück mit dem Muff Ohr und Wange gewärmt hätte. Sie wäre bei dem abscheulich rohen Scherz und scheußlichen Schreck vielleicht ohnmächtig hingeschlagen, wenn sie nicht, über die Maßen aufgebracht, mit zornigen Worten losgeschlagen hätte. »Ihr infamen Burschen, wer seid ihr? Damit ich eure Namen dem Hardesvogt, meinem Onkel, nennen kann!« Mit Courage steckte sie den Kopf in die Hecke hinein, jedoch die feigen Kerle flohen über das Feld.

Als Hilde sehr erregt zu Hause ankam und ihr Erlebnis erzählte, machte der Vater eine sehr nachdenkliche Miene und sagte: »Ein trauriges Symptom der neuen Zeit ... die Verhetzung des niederen Volkes trägt ihre Früchte. Vor wenig Jahren wäre eine solche Roheit einer Pastortochter gegenüber in Nordschleswig eine Unmöglichkeit gewesen ... jeder Pastor, auch wenn er nicht die Würde des Amts zu wahren verstand, war dem Volke eine Respektsperson, an einem rechten Diener Gottes hing die Gemeinde mit Verehrung, und vor jedem Geistlichen zog der dümmste Knecht tief die Mütze ab. Eine allmähliche und schmerzliche Aenderung tritt ein. Alle grüßen noch ... aber mancher greift widerstrebend nach seiner Kopfbedeckung ... die Achtung vor uns wird durch dumme Anekdoten und Lügengeschichten, die alle vom Geiz, von der Habsucht und den sogenannten Pastorsünden handeln, systematisch untergraben ... die dänischen Agitatoren wollen unser Ansehen zerstören, um die deutschgesinnten Pastoren verhaßt und die Gemeinden abspenstig zu machen. Eine Frechheit, wie sie heute passiert ist, hätte man vor fünf Jahren meiner Tochter nicht zu bieten gewagt.«

Schuß auf Schuß fiel draußen, in der Nähe und Ferne. Jeder, der einen Schießprügel auftreiben konnte, mußte bis ein oder zwei Uhr knallen; die Burschen, die vor einem Hause Neujahr einschossen, wurden hereingeholt, mit Kaffepünschen und Apfelkuchen traktiert. Ueberall hinter Scheunen und Hecken blitzte und ballerte es. Frauen und Kinder, die kein Schießrohr hatten, machten in anderer Weise Spektakel, schlichen sich in die Hausflure und warfen mit Scherben und Töpfen Neujahr ein. Sie versteckten sich dann, kicherten aber recht laut, um leicht eingefangen und gut bewirtet zu werden. Einige freilich machten böse Neujahrsscherze und spielten einem verhaßten Nachbar einen boshaften Schabernack, und diese Gratulanten machten sich rasch aus dem Staube, um nicht mit Prügeln, statt mit Pünschen, traktiert zu werden. Im Pastorat erschienen die Gäste, Jep und Bodil Hansen und Leutnant Bosen, die zu einem Glase Bischof geladen waren. Nur einer, Eskild Thorö, fehlte noch und ist nicht gekommen. Der saß die ganze, lange Neujahrsnacht auf dem Stuhl in seiner Kammer, im Dunkel und ohne Licht, weil er sich seines Seelenschmerzes vor sich selber schämte, er hatte aber zu seinem Vater gesagt, daß er im Finsteren wachen müsse, damit nicht glühende Luntenstücke auf die Strohdächer des Hofes flögen. Seine Gesellin war seine Geige, auf der er weich-wehmütige Weisen spielte, so ergreifend, daß draußen auf der Tenne die Mägde auf Säcken hockten und andächtig horchten. Zuletzt phantasierte Eskild wehklagend, und seine Riesenfaust wischte über das runde, robuste Gesicht. Die Geige war sein Tröster in der Neujahrsnacht, da er seine Hoffnung begrub.

Man sprach im Pastorat hin und her und fand es unbegreiflich, daß Thorö nicht einmal sich entschuldigt habe. Und bald hatte man ihn vergessen.

Gegen die Haustür donnerten die zerschlagenen Töpfe. Mitunter wurde die Tür vorsichtig geöffnet, es krachte und klirrte auf dem Flure, wo die Scherben sich häuften. Man kannte die unausrottbare Unsitte und ließ die Leute gewähren.

Plötzlich aber sprangen alle von den Stühlen empor und sahen sich an. Donnernd flog ein Neujahrsgeschoß gegen die Saaltür, die Heimreich hastig öffnete, um zu sehen. Ein großer Mauerstein war mit aller Gewalt geschleudert worden, hatte die Klinke glatt abgeschlagen und die Füllung ramponiert. »Das ist der schlechte Streich eines Feindes ... doch ich will keinen verdächtigen,« nickte Fangel, aber seine Frau empörte sich über die beschädigte Tür. »Pfui! Vor zwei Jahren hätte keiner das dem Pastorate zu bieten gewagt. Das sind die Teufelsfrüchte der Verhetzung, der Wirtshausreden eines Rolf Krake Hansen.« »Gibt es nicht überall, auch in Holstein, schabernacksche Menschen?« fragte Bodil.

Noch mehr Ärgernis bereitete der nächste anonyme Neujahrsglückwunsch. Ein schweres Wurfgeschoß hatte die Saaltür getroffen, man hörte fliehende Schritte, ahnte nichts Gutes und öffnete. Eine erstickende Wolke von Schmutz, Ruß und Asche erfüllte den Flur und wirbelte durch die Tür in scheußlichen Schwaden. Ein Bösewicht hatte einen sogenannten Jütepott, bis zum Rande voll von Asche und eklem Unrat, hinterlistig geworfen. Diese südjütische Neujahrsgratulation war die erste Gemeinheit, die dem Pastor in seiner Gemeinde widerfuhr, und ging ihm offenbar sehr nahe, doch er verbot alles Diskutieren und Mutmaßen, wer wohl der Übeltäter sei.

Draußen knatterten die Schüsse. »Klingt das Geschieße nicht akkurat wie ein plänkelndes Vorpostengefecht, das bei Hyllerup stattfindet?« sagte Reuter. »In dem Freiheitskriege der Herzogtümer, der kommen muß, wird eine Schlacht bei Hyllerup geschlagen werden.«

Bodil warf ihm einen bösen Blick zu; und die Pastorin polterte: »Führen Sie nicht so gottlose Reden!«

Der Leutnant sah mit dem kleinen Auge über seine Nase hinweg und sagte, ohne eine Miene zu verziehen: »Können Sie uns auch prophezeien, ob die Schlacht bei Hyllerup von den Dänen oder Holsteinern gewonnen wird? Damit man sich der richtigen Partei und gerechten Sache anschließt, denn der Sieger behält immer Recht.«

Reuter fand Geschmack an dem skurrilen Witz des Abenteurers und freundete sich ihm an. »Sie haben eine gute Flinte und einen schönen Vorstehhund mitgebracht ... Sie sind Jäger wie ich?«

»Ja, die Schießerei – im Kriege auf Menschen, im Frieden auf Hasen und Füchse – ist das einzige Metier, das der alte, inkapable Leutnant a. D. gelernt hat.« »Herr Bosen, Sie sind wohlbestallter Hofjägermeister auf Hylleruphof,« sagte Jep launig.

»Ja, mit einem Gehalt von fünfhundert Spezies ...«

»Nein, für die Kost und die abgetragenen Kleider.« Da kam der einstige Ziegelstreicher zum Vorschein.

Als feiner Kavalier überhörte Bosen die taktlose Rede und erzählte eine Jagdgeschichte mit toternstem Gesicht, laut welcher er mit einem Schuß eine Gans und vier Füchse erlegt habe. Man lachte über sein Jägerlatein, und er erklärte trocken, die Gans sei eine zahme gewesen, die die Fähe ihren vor dem Loche spielenden Jungen zugetragen habe. Hinter einer Eiche lauernd, habe er mit einem Schrotschutz die rohrende Gans, die Füchsin und die drei Kleinen erschossen.

Reuter richtete an den Herrn von Hylleruphof die Bitte, dem Leutnant und ihm den Abschuß von ein paar Rehböcken zu gestatten. Jep erlaubte es unter einer Bedingung. »Der Hofjägermeister wird für unsren Tisch einen Rehbraten besorgen, und Sie dürfen für das Pastorat einen Bock schießen – wofern Sie treffen. Eskild ist wohl meinetwegen fortgeblieben ... heute Morgen nämlich bot ich ihm sechshundert Spezies für seine Braunen – ein ungeheurer, gar nicht ernst gemeinter Preis –, und er lief mir weg, um nicht in Versuchung zu kommen. Ich machte mir nur einen Spaß ... aber das sind ein paar Renner ... die lassen auf eine Meile oder zwei die neue Eisenbahn hinter sich.«

»Oh, Sie würden sich wundern,« lachte Heimreich, »wir fuhren eine Strecke mit der Bahn, um diesen großartigen Fortschritt der Menschheit kennen zu lernen. Die Wagen rasten auf den Gleisen dahin, sechs Meilen in der Stunde, sage und schreibe sechs Meilen. Wir wurden ganz feierlich gestimmt und hatten das erhebende Gefühl, daß wir, die Zeugen einer neuen Zeit, am Anfang einer ungeheuren Zukunft stünden.«

»Ob es so arg wird? Ich hörte in meinem Leben viel Geschrei, und nachher blieb wenig Wolle zum Spinnen.« Jep traute der Sache noch nicht. »Daß die Wagen auf Schienen schnell laufen, wenn sie erst in Gang sind, das kapiere ich, aber wie ein bißchen Dampf die schweren Dinger in Fahrt bringt, begreift mein Bauernverstand nicht. Es sollte doch nicht Dampf und Dunst und etwas für die Dummen sein?«

Heimreich suchte dem Bauer die Dampfkraft begreiflich zu machen, nahm einen Teetopf und demonstrierte in der einfachsten Weise. »Wenn das Wasser stark kocht, wird der Deckel vom Dampfe gehoben und zuletzt heruntergeworfen. Wofern Sie aber den Ausguß dicht verstopfen und den Deckel festbinden, was würde dann geschehen? Der Dampf würde den Topf in tausend Stücke sprengen.«

»Ja, das habe ich mal selbst gesehen, als die unvernünftigen Mägde den Deckel des Waschkessels mit großen Steinen beschwert hatten ... das gab eine fürchterliche Explosion.« Dem Bauer ging ein Licht auf.

»Siehe da! Das ist die unbändige Kraft des Dampfes, die der Menschengeist gebändigt hat,« rief der Dozent. »Denken Sie sich einen sehr großen und ungeheuer starken Kessel voll Wasser, der, ständig überhitzt bis zum Springen, seinen Dampf durch eine kleine Öffnung stößt! Genau in die Öffnung paßt ein Kolben hinein, der durch den Riesendruck des Dampfes fortwährend herausgetrieben, sogleich aber wieder von der andren Seite, wo ebenfalls ein gleicher Dampfdruck ihn zurücktreibt, hineingestoßen wird. Der Kolben ist der Riese, der die Räder der Lokomotive vorwärts jagt.«

Der Bauer hatte die Idee erfaßt und schlug sich klatschend auf die Lederhose. »Donnerwetter! Da muß man fast fluchen ... so großartig einfach ist die Erfindung ... vor dem Engländer nehme ich den Hut ab. Ich lache nicht mehr über die Eisenbahn ... aber wie dumm sind die Gelehrten, daß sie darauf nicht früher gekommen sind.«

Die erste Eisenbahn in Schleswig-Holstein erregte damals Aussehen und war das allgemeine Gespräch. Die Landbevölkerung hatte die naivsten Vorstellungen, und Reuter erzählte: In Neumünster habe eine Bäuerin ihren achtzehnjährigen Sohn, der den ersten ankommenden Zug mit offenem Maule angaffte, angstvoll fortgerissen mit den Worten: »Kumm weg da! Datt Biest geiht dörch, geiht dörch!« Sie hielt den rauchspeienden Dampfwagen für ein durchgehendes Ungeheuer.

Die alte Schwarzwälder Uhr schlug zwölf Schläge, alle Gläser stießen zusammen, der Pastor sprach ernst: »Der allmächtige Gott gebe uns Anno 1847 Versöhnung und Frieden in allen Landen des Königs, unsres gnädigen Herzogs!«

Die Bowle hatte alle heiter gestimmt. Wenn die Schleswig-Holsteiner am allerfrohesten sind, singen sie oft die traurigsten Weisen, oder besprechen sie die allerernstesten Dinge. Jep Hansen fing an: »Es soll ja jetzt in Hyllerup spuken, Herr Pastor, unsre Kinder haben ja das Gespenst gesehen. Weil die weiße Gestalt just bei der Schmiede gesehen wurde, ist mir die schreckliche Mordsgeschichte, die schon alt war, als ich hierher kam, viel durch den Kopf gegangen.«

»Was, ein Mord ist hier passiert?« riefen die Jungen gespannt.

»Ja, schon vor hundert Jahren wohnte dort der Dorfschmied, der hatte zum zweiten Male geheiratet und seinen drei Kindern eine Stiefmutter gegeben, obgleich seine alten Eltern, die in dem einen Hausende wohnten und freies Essen hatten, nicht sehr davon erbaut waren. Man hörte die alte und die junge Frau nie zanken, doch die Mutter soll oft geklagt haben: Annmari ist eine giftige Person und kann mit ihrem Blick einen Menschen umbringen. Eines Tages wurde die Alte mit einem Loch im Schädel tot auf der Tenne gefunden, sie war beim Heuherunterwerfen durch die Luke gestürzt. Nach acht Tagen fand man den Vater des Schmiedes an seinem Bettpfosten erhängt; es hieß, er habe aus Gram über den Verlust seiner Frau sich das Leben genommen, und er wurde als Selbstmörder an der Kirchhofsmauer begraben. Im Laufe des Jahres starben die drei Stiefkinder an der Bräune, die damals grassierte, alle in einer Woche. Kein Gerücht ging, gegen Annmari regte sich nicht der geringste Verdacht. Sie war eine sehr stille, fleißige Frau, die allerdings keinem Menschen ins Gesicht sehen konnte, aber auch keinem zu nahe trat. Sie lebte scheinbar glücklich mit dem Schmied und hatte mit ihm eine einzige Tochter, die ihr Augapfel war. Als das Kind zehn Jahre alt war, ging es aus, um Brombeeren zu pflücken, trat unversehens auf eine Schlange und wurde von der Kreuzotter zweimal gebissen. Das arme Mädchen lag an der Hecke und starb ohne Hilfe. Nachdem die Leiche der Mutter gebracht war, soll diese drei Tage lang sich eingeschlossen haben. Am vierten Tage ging Annmari, die nicht mehr zu kennen war, zum Pastor und sagte: »Ich muß meine Sünden beichten, die alte Frau habe ich mit dem Hammer erschlagen und dann vom Heuboden geworfen ... meinen Schwiegervater erdrosselte ich im Schlafe und hängte ihn dann am Bettpfosten auf ... die Kinder habe ich während der Krankheit mit Arsenik vergiftet ... nun soll man mir den Kopf abschlagen, Gott hat mich gestraft und mein Kind vergiftet ... ich bin eine Schlange, ein Scheusal, Herr Pastor.« – Ein leibhaftiger Satan hatte in Hyllerup gehaust, ohne daß jemand eine Ahnung hatte. Das unmenschliche Weib, die furchtbare Missetäterin, soll sehr bußfertig zur Richtstätte gegangen sein, wurde vom Henker geköpft und nachher aufs Rad geflochten. Nach dem Tode aber fand die greuliche Giftmörderin keine Ruhe im Grabe, der Geist der Annmari ging bei der Schmiede um, jagte des Nachts den Leuten einen tödlichen Schreck ein und brachte Hyllerup weit und breit in Verruf, bis vor siebzig Jahren der große Geisterbanner, der berühmte Pastor Arnkiel, der das sechste Buch Mose besaß, nach hier versetzt wurde. Der nahm Kruzifix und Bibel, ging von Mitternacht bis zwei Uhr um die Schmiede herum und bannte die friedlose Giftmörderin ins Grab. Um halb drei kam er schweißbedeckt nach Hause gewankt und sagte: »Das ging mir hart an den Hals und fast ans Leben ... der leidige Satan selbst half der Vettel, doch im Namen Gottes mahnte ich die widerborstige Hexe in die höllische Tiefe ... er selbst fuhr mit Gestank und Annmaris Geist mit gräßlichem Geschrei von hinnen.« – Der Pastor mußte zwei Tage lang das Bett hüten und sagte oft, das sei sein schwerster Exorzismus gewesen. Das hat die älteste Frau, die vor achtundzwanzig Jahren noch in Hyllerup lebte, selbst erlebt und mir berichtet ... ich bezeuge es. Herr Pastor! Wenn der Geist der Annmari jetzt wieder sein Unwesen treibt und der Spuk zu arg wird, müssen Sie wohl Bibel und Kruzifix nehmen und das Gespenst in die Tiefe mahnen. Das wäre am Ende Ihre Christen- und Pastorpflicht.« Dem Bauer saß ein Schalk im Auge, den die Pastorin nicht sah, denn sie trat sehr energisch für den gefährdeten Gatten in die Schranken.

»Nein, das wird mein lieber Mann ganz gewiß nicht tun, und wenn zehn Geister und Giftmörderinnen bei der Schmiede spuken ... Fangel ist nicht als Geisterbeschwörer, sondern als Seelsorger in Hyllerup angestellt worden.«

Reuter meldete sich. »Frau Pastor, ich will den Exorzismus übernehmen. Ein Eulenspiegel und Possenmacher hält die Hyllerupper zum Narren, oder auch eine Nachtwandlerin macht ihre Spaziergänge.«

»Bei zwölf Grad Frost im leichten Linnen? Nein, mein kühner Freund!« Heimreich lächelte ironisch.

»Ah, auch du, mein Horatio, glaubst an Gespenster? Alles, was Spuk, Vorbedeutung und übernatürlich heißt, ist pure Einbildung, krasser Aberglaube und blöde Ammenmär.«

»Wir alle verlachen die einfältigen Spukgeschichten,« sagte Heimreich, »und doch schlummert in uns allen ein Gruseln vor gewissen Ortern in einsamer Nacht, eine gut verhehlte Furcht, je mit dem übernatürlichen, das wir ableugnen, persönlich in Berührung zu kommen. Hand aufs Herz, Horatio? Würdest du jetzt um Mitternacht allein die Kirche betreten und ohne Unbehagen in die Gruft hinuntergehen, ohne daß dein Herz rascher schlüge oder ein Haar deines Hauptes sich höbe?«

»Ja, jede Wette! Ohne Licht und ein lustiges Lied pfeifend, will ich auf der Stelle die Gruft besuchen und allen Geistern drunten ein Prosit Neujahr zurufen.«

»Was reden Sie!« hauchte Hilde Fangel, und ihr Bruder lächelte infam ungläubig.

»Du sollst es sehen und dann glauben! Ich nehme dieses Knäuel und lege es in den Sarg der Gruft, den wir neulich öffneten ... in fünf Minuten bin ich zurück.«

Reuter, das Brodiergarn der Pastortochter in der Hand, stand wie ein Held da und sah sich triumphierend um: Seht ihr mich, den Ritter Ohnefurcht?

Bosen schmunzelte. »Soll ich zu Ihrem Schutze mitgehen?«

Hilde war kreideweiß geworden. »Das ... das ist ein Gottversuchen ... lassen Sie das grauenhafte, fürwitzige Vorhaben!« – Als sich der Held trotzdem der Tür zuwandte, sprang sie auf, als wenn sie seine Hand umklammern wolle, kreischte sie: »Das ist mein Knäuel ... geben Sie her, sofort her!«

Reuter lief mit langen Schritten in die Nacht hinaus, denn jetzt stand seine Ehre auf dem Spiele.

Die Pastortochter saß wie entgeistert, blickte dem Tollkopf nach und bemerkte nicht das Blicken und Blinken der ärgerlichen Mutter, die schließlich der Tochter, die sich ja vor den Gästen kompromittierte, zurief: »Du dummes Ding, Unkraut vergeht nicht, und vor solcher Frechheit fürchten sich selbst die Geister.«

Draußen fielen noch vereinzelte Neujahrsschüsse, von weither klang ein Johlen, aus einem Hofe, als die Tür aufging, heiserer Kaffepunschgesang: »Ganz Dänemark soll bestehen, solange die Buchen grünen im Land, die Wellen rauschen am Ostseestrand.« Viele Menschen waren noch wach in der Geisterstunde. Das stärkte dem Wandrer, der auf dem Kirchhof nach vorn und hinten lugte und nach kurzem Zögern kühn in der Finsternis des Gotteshauses verschwand, Herz und Seele.

Im Pastorat stockte das Gespräch immer mehr. Heimreich sah nach der Schlaguhr. »Er müßte eigentlich schon zurück sein.« – Hilde hatte die Hände zusammengepreßt, die Lippen verbissen, um die Schauer, die über ihren Rücken gingen, zu bezwingen. »Achtzehn Minuten ist er schon fort ... das ist ja merkwürdig.« Heimreich horchte am Fenster. »Ich höre keinen Schritt ... wo bleibt der Mensch?« Die arme Pastortochter betete leise in einer inneren, ungeheuren Angst.

Der Pastor wurde unruhig. »Er ist schon eine halbe Stunde fort! Entweder ist ihm etwas zugestoßen ... oder der Schlingel will uns einen Schreck einjagen, um sich über unsre Aufregung lustig zu machen.«

Bosen strich seinen Bart und sprach tiefernst: »Die Gespenster haben ihm wahrscheinlich das Genick umgedreht.«

Hilde stöhnte, erhob sich und erklärte bestimmt: »Vater, er ist unser Gast, wir haben die Pflicht, ihn zu suchen ... ich hole den Stalleuchter.«

Das junge Mädchen ging mit dem Leuchter mutig voran, der Leutnant und ihr Bruder folgten ihr auf dem Fuße.

Auf dem Friedhofe zwischen den Gräbern taumelte ein Mensch, wohl ein Betrunkener der Neujahrsnacht. Der Gang des Schwankenden wurde sichrer, als er auf das Licht zuging. Es war Reuter, der sich an ein Grabkreuz klammerte, um nicht umzufallen, der nur stottern konnte. Das Knäuel habe er in den Sarg geworfen und schnell sich zum Gehen gewandt – da habe eine unsichtbare Faust ihn von hinten gepackt und festgehalten, von einem penetranten Gestank sei er betäubt worden und hingestürzt. Nachdem er das Bewußtsein wiedererlangt, habe er sich mit einem gewaltigen Ruck aus der gräßlichen Geisterhand befreit, und es sei ihm schließlich gelungen, die Kirchentür zu erreichen, obgleich unsichtbare Hände ihn von allen Seiten gestoßen hätten und seine Lage schauerlich gewesen sei. Das holte man allmählich aus dem leichenblassen Mediziner, den sein Freund stützte, heraus. Hilde lächelte zu ihm empor und preßte seine Hand, so ganz vergessend, daß sie ihre kindische Furcht und ihre kindische Freude den anderen und besonders ihm selbst verbergen müsse.

Heimreich sagte mit einer gewissen Genugtuung, obgleich er seine Bestürzung nicht verleugnen konnte: »Glaubst du nun, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, mit denen man sein Gespött nicht treiben soll?«

Kunz gewann in der Nähe des Pfarrhofes die Courage wieder. »Ja, ich bin geheilt und will es offen vor aller aufgeklärten Welt bekennen, ich glaube an Geister, weil ich mit ihnen gekämpft und gerungen und das Leben behalten habe. Die meisten hätten sich dort unten in der stockdunklen Gruft vor Schreck den Tod geholt, nur wenige hätten in meiner furchtbaren Lage die Geistesgegenwart bewahrt.«

»Ja, ein wahres Glück war Ihre Geistesgegenwart, obgleich Sie doch mit dem Gespenster-Narkotikum betäubt waren,« sagte der Leutnant toternst.

Sobald Reuter in den hellen Saal hineintrat, hatte er die Edelblässe und die stolzbescheidenen Allüren des Helden, der vieles, nur nicht die Ehre, verlor, hatte er ein starkes Gedächtnis für alle Einzelheiten und eine große Zungenfertigkeit, um das grausige Abenteuer so lebhaft auszumalen, daß die Pastorin nach ihrer Haube griff, weil ihre Haare unruhig wurden.

»Schrecklich, schrecklich! Trinken Sie ein Glas zur Stärkung!« Frau Fangel füllte dem sympathischen Menschen ein Punschglas.

Hilde konnte nicht mehr mäkeln und schelten, sondern mußte den verwegenen Menschen bestaunen und bewundern, verehren und lieben.

Mit Heldenpose trat Reuter an den Tisch, nahm das Glas und verneigte sich.

Bosen betrachtete ihn merkwürdig genau von hinten, beugte mißtrauisch die Nase, hob Reuters Rockschoß empor und ans helle Licht und schnitt eine unbeschreibliche Grimasse. »Meine Herren und Damen! Hier sind die Spuren, die Krallen der Geisterhand noch deutlich zu sehen.«

Alle sprangen auf. Was? Wie? Reuter verschluckte und bemühte sich, seine eigne Hinterfassade zu besichtigen.

»Im Rockschoß ein langer Riß von einem rostigen Nagel, der im Sarge stak und daran Herr Reuter beim Weggehen hängen blieb ... das war der grause Griff der Geisterhand!« Bosen machte das tragisch lange Gesicht, nur sein kleines Schalksauge leuchtete von Gaudium und Ergötzen.

Die banale Aufklärung des Geisterüberfalls, der plötzliche Sprung vom grandiosen Gruseln in die platteste Lächerlichkeit, der hilflos stiere Blick des Helden, der den Riß in seinem Rocke wie ein Gespenst anglotzte, das alles war von so ungeheurer Komik, daß erst ein allgemeines Nachluftschnappen und dann ein platzendes, berstendes, keuchendes, krachendes Gelächter eintrat.

Hilde allein hielt ihre Fröhlichkeit in angemessenen Grenzen und sprach die ersten Dankesworte. »Gott sei Dank, daß es in der Kirche nicht spukt!«

Reuter verzog den Mund, als wenn er ein bitteres Teufelspulver eingenommen habe, verschluckte eine Verwünschung des verfl– Nagels und umfaßte sein Haupt mit beiden Händen. Er hatte in dem Moment allen Heroismus, alles Selbstgefühl, alles – nur nicht den Mund verloren, denn er rief: »Nun haben Sie einen Nagel, daran Sie Ihren Hohn und Ihre Witze hängen können, meine Herren.«

Der alte Pastor nickte und gab die Moral: »Das war eine gute Pille, die vom heidnischen Aberglauben kuriert und vom eitlen Übermute heilt.«

Kunz hatte zwar ein recht dickes Fell, aber Jep Hansens trockene Sticheleien gingen ihm durch die Haut. Alle, alle machten sich über ihn lustig, nur eine, die Pastortochter, lächelte leise ihm zu, verteidigte und entschuldigte ihn mit lauten Worten: »Ja, hier in der hellen Stube können wir leicht lachen und spotten, aber unten in der stockfinstren Gruft hätte uns dieselbe Angst kopflos gemacht. Ich hätte mir sicher den Tod geholt ... und die meisten Vertreter des starken Geschlechts hätten einen Chock, einen so schweren Gesundheitsschaden davongetragen, daß man zwei Ärzte holen müßte. Kaum einer würde nach einer halben Stunde so fidel und munter hier sitzen und lustig mitlachen.«

Der Studiosus hob sofort das Haupt und strich den hängenden Schnurrbart keck in die Höhe, und mit einem langen Blick dankte er dem kleinen, vortrefflichen Anwalt.

Der Karnevalslärm der Silvesternacht verstummte, auch im Pastorat erloschen die letzten Kerzen und Rüböllampen. Reuter dachte an Hildes große Angst um ihn und machte daraus einen logischen Schluß, und der fröhliche Schluß wurde zum festen Entschluß, durch offenes Geständnis seiner Liebe sowohl das herzige Geschöpf als auch sich selbst glücklich zu machen. Trotz des Fiaskos schlief er, wie einer, der morgen ein gutes Werk tun will.

Beim letzten Licht, das im Pfarrhaus brannte, entkleidete sich Frau Fangel, und die Tochter half ihr. Plötzlich sagte die Mutter: »Ich habe ein ernstes Wort mit dir zu reden ... durch dein auffallendes Benehmen haben alle Gäste etwas gemerkt, aber ein junges Mädchen darf sich nichts merken lassen ... das merke dir!«

Die Tochter fing an zu weinen und fand kein Ende der Tränen.

Darum wurde die Mutter weich. »Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn Reuter sich wirklich mit dir verlobt, im Gegenteil, er ist ein sympathischer, hübscher und angenehmer Mensch.«

Hilde küßte zärtlich die weise redende Frau Mutter.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.