Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectid5c699544
Schließen

Navigation:

Vierter Abschnitt.

Der Kandidat hat eine volle Kirche und einen vollen Klingbeutel.

Heimreich erwachte in dem weichen Federbett seiner Giebelstube, als es noch im Hause tiefstill und stockfinster war, wollte sich in die Daunen hineinschmiegen und weiter schlafen, aber eine unbewußte Unruhe, eine instinktive Beklemmung weckte, ja schreckte ihn aus der Traumdämmerung. O, er sollte heute zum ersten Male in seinem Heimatsdorfe predigen!

Horch! Der Futterknecht, der die Leute weckte und den Pferden den ersten Häckselhafer gab, klapperte in seinen Holzschuhen über den Hof. Heimreich rieb eins der unpraktisch langen Streichhölzer, zerbrach es, zerbröckelte am zweiten und dritten das Phosphorköpfchen, erreichte endlich seine Absicht und sah nach der Uhr. Halb sechs! In Kanzelfieber hüpfte der nur mit dem Hemd Bekleidete aus dem Bett, denn er hatte an Bodil und noch heißer daran gedacht, daß sie heute in der Kirche sitzen werde. Noch geschwinder sprang er aber in die Federn zurück, weil es im Giebel beißend kalt war.

Der junge Fangel hatte schon einmal in Kiel – als Übung im praktischen Seminar – eine wunderschöne Predigt geschrieben und auch – allerdings am Mittwoch – im Kloster vor drei alten, halbtauben Spittelweiblein gehalten; er hatte zwar einmal eine ziemlich lange Kunstpause gemacht, im übrigen jedoch, wie die Zuhörerinnen versicherten, großartig gepredigt, und die Kritik des alten, guten Professors bezeugte ihm mit roter Tinte, daß er eine nicht geringe rhetorische Begabung besitze, wenn auch eine gewisse Schüchternheit zu überwinden sei.

Heute war der Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr, der ominöse Sonntag, der in aller Christenheit durch gähnende Kirchenleere berühmt ist; wenn er noch dazu, wie heute, auf den Tag vor Silvester fällt, verirrt sich kaum ein Christenmensch in die Kirche. Erregte dieser Umstand den ehrgeizigen Prädikanten? Ganz und gar nicht! Sein Vater nämlich hatte als Praktikus gesprochen und geschmunzelt: »Ich will dich predigen lassen, so werden wir an dem Sonntage, wo ich wahrscheinlich mit dem Küster umkehren müßte, ein gestopft volles Gotteshaus haben.«

Das erregte den Kandidaten. Daß alle, die ihn von Kindesbeinen an kannten, die Jungen und Alten von Hyllerup, die ihn in allen möglichen anderen, oft unpastoralen Situationen gesehen hatten, ihn auf der Kanzel anglotzten, war ihm genierlich und greulich; und wenn gar die einzige Bodil, mit der er noch vorgestern Abend die intimsten Angelegenheiten besprochen, unten saß und die schönen Augen auf ihn richtete, konnte vielleicht sein Gedächtnis sich verwirren und das Gräßlichste ihm widerfahren.

Um das Kanzelfieber in die Flucht zu schlagen, langte er mit rascher Hand unter das Kopfkissen, wo mehrere eng beschriebene Blätter lagen und die ganze Nacht gelegen hatten. Es war die Predigt, die er gestern verbotenus auswendig gelernt und, von der Mutter ermahnt, unter das Kissen geschoben hatte, damit sein Gehirn in innigem Konnex mit dem Geschriebenen bleibe. Mit murmelnder Monotonie, einmal ins Blatt schielend, sagte er die Predigt her. Dann betonte er die unterstrichenen Sätze, die Kraftstellen, seine Stimme wurde lauter, die hohen Worte rissen ihn mit fort – er deklamierte mit dröhnendem Pathos die großen Schlager seiner Kanzelrede. »Gott ist Lie-be ... und die Lie-be ist Gott.« Seine Haare bewegten sich vor Ergriffenheit. »Die Lie-be ist der Ursprung und Ur-grund, der Anfang und das En-de aller Dinge.« Diesen lapidaren Satz seiner Theosophie brüllte der Kandidat, und seine Hand schlug klatschend in die Federn hinein. Der junge Kanzel-Demosthenes memorierte mit fest eingekniffenen Lippen. Die Unruhe trieb ihn aus dem Bette. Er eilte nach unten ins Wohnzimmer, wo er sich gegen den geheizten Ofen stellte. Die Pastorin, die auch von einer inneren Beklemmung in ihrem sonst so festen Morgenschlafe gestört war, trippelte im Morgenrock herein und faßte die Hände ihres Sohnes. »Heute höre ich dich zum ersten Male predigen, das ist ein großer Augenblick für deine Mutter ... du wirst eine glänzende Predigt halten.«

»Sagen wir eine mittelgute, und so Gott will!« antwortete er mit christlicher Demut.

»Ich sehe dich schon als Pastor ... du wirst im neuen Jahre das Amtsexamen machen und ordiniert und Adjunkt in Hyllerup werden.«

»Du läßt mich schnell avancieren, du vergißst, daß die dänischen Amtsjäger in Nordschleswig uns vorgezogen werden.«

»Die verd... Dänen!« Die Pastorin, die sonst niemals fluchte, sprach über die Dänenkandidaten das furchtbare Anathema aus: »Mögen sie alle in Grönland angestellt werden und an Seehundsspeck ihren Hunger stillen!« – Als Optimistin vom reinsten Wasser verstand sie meisterhaft, alles Unangenehme schleunig abzustoßen, verschloß sie nicht ihre intimen Hoffnungen in der Mutterbrust. »Ich hoffe, daß du Adjunkt bei deinem Vater, daß du sein Nachfolger werden und die schöne Stelle bekommen wirst.«

»Um des Himmels willen! Du wünschest frischfromm unsrem Vater einen baldigen Tod, damit ich im Amte sukzedieren kann?«

Frau Gertrud entsetzte sich vor sich selber und beteuerte: »Nein, nein, ich bete und bitte alle Tage, daß mein lieber Mann noch zwanzig Jahre bei mir und Pastor in Hyllerup bleibt.«

»Na, das sind ja nette Aussichten, die meine leibliche Mutter mir wünscht! O, zwanzig Jahre soll ich Pfarrknecht sein, um als fünfundvierzigjähriger, ergrauter Adjunkt das schöne Hyllerup zu bekommen?«

An das böse Dilemma hatte die Gute nicht gedacht. Fürsorglich beschmierte sie ihm mit fingerdicker Butter die Brotschnitte, die nicht recht herunter wollte. Sie horchte. »Ist deine Stimme nicht ein wenig belegt?« Nach eiligem Hin- und Hergetrippel brachte sie einen großen Eierkognak, den er schlürfen mußte. Die Besorgte gab ihm gute Ratschläge, nicht sein Taschentuch, ja nicht das Manuskript für alle Fälle zu vergessen, und fragte plötzlich: »Soll ich dir mal die Predigt überhören?«

Das war ihm doch zu schülerhaft.

»Mein Herzensjunge, weißt du auch alles Wort für Wort? Ein alter, ausgelernter Pastor kann, wenn ihm der Faden abreißt, rasch einige Bibelsprüche einflicken und allerlei Geschwätz machen, bis er sich besinnt, aber ein Kandidat bleibt dann leicht stecken.«

»Mutter! Male nicht den Teufel an die Wand!« Er fuhr sich in die Haare. »Wenn ich stecken bliebe, bestiege ich keine Kanzel mehr.«

»Beruhige dich! Nur keine Bange! Ich will den Vater instruieren, daß er sich ganz vorne unter der Kanzel hinsetzt, damit er dir im allerschlimmsten Falle einen passenden Bibelspruch soufflieren kann, wenn der Faden reißen sollte.« Die gute Mutter trippelte ins Schlafgemach.

Kunz kam, den Landesvater trällernd, und begrüßte seinen Freund boshaft witzig: »Erinnerst du dich noch der letzten Kneipe, wo sie dir vier Bierjungen aufhalsten und ich dich heimlotste ...?«

Heimreich hielt sich das Haupt mit beiden Händen und rief entsetzt: »Hilde, Hilde, befreie mich von diesem Menschen, denn er wird mir ein Ärgernis!«

»Gib mir das Manuskript, damit ich dir das Stichwort zurufen kann, wenn ...«

Der Kandidat lief in ein andres Zimmer.

Hilde und Reuter waren allein. »Darf ich die Ehre haben, mit Ihnen Kaffe zu trinken?« Errötend schenkte sie ihm ein, schenkte sie ein wenig über und in die Untertasse. Wenn niemand anders zugegen war, mußte sie sich gegen eine Bangigkeit, einen Bann wehren und seinem Blick ausweichen.

»Was bedeutet das ...?«

»Daß ich sehr ungeschickt bin ...«

»Ihre Hand zitterte ... auch in mir zittert etwas, sobald Sie erscheinen.«

Scheu lief sie nach der Küche, um frisches Gebäck zu holen. Sie brachte den Hund des Hauses, den sie lieb hatte, mit herein, als wenn sie noch ein treues Wesen in der Nähe haben wolle.

»Soll Karo Ihr Beschützer sein?« fragte Kunz.

Hilde überhörte die Frage. »Die Magd hat heute Nacht drei Mäuse gefangen ... Sie wollten ja Mäuse haben, wozu?«

»Zu meinen wissenschaftlichen Experimenten. Ich habe ja meine kleine Elektrisiermaschine mitgebracht und will die Tiere unter den Strom setzen.« Der Studiosus, der sich einen gelehrten Anstrich gab, imponierte der kleinen Pastortochter, die kindlich erstaunte Augen machte.

»Tut das Elektrisieren den Tieren nicht weh?« fragte sie naiv.

»Na, wenn sie dabei auch springen und tanzen, Lustgefühle werden sie kaum haben, aber alle diese niederen Lebewesen, wie Frösche, Mäuse, Meerschweinchen, die bei der Vivisektion verwandt werden, haben keine Nerven und Gefühle, wie die höher organisierten Affen und Menschen, dafür aber das stolze Bewußtsein, als Opfer der Wissenschaft langsam zu sterben.«

»Pfui, eine abscheuliche Beschäftigung, eine Barbarei!«

»Das ist die hohe Wissenschaft. Da sollten Sie in der Anatomie unter zwanzig Leichen sitzen und sezieren ... wir hatten neulich einen Raubmörder, dem der Scharfrichter den Kopf tadellos glatt und sauber abgetrennt hatte, in Arbeit, ich sollte das Gehirn schön herausschälen und feststellen, ob Anormales zu finden ...«

Hilde erblaßte und fühlte ein Erschrecken vor diesem hübschen, redegewandten Menschen, der ihr sonst nur allzu gut gefiel. Reuter bat aufs höflichste um Verzeihung. Wer ganz in seinem medizinischen Beruf aufgehe, vergesse leicht, daß man vor Laien nicht von Leichen reden soll.

Dieweil saß der Pudel auf den Hinterbeinen, tiefernst, soldatenstramm, als wenn das Paradesitzen am Frühstückstische seine tägliche Aufgabe sei. Nachdem, er eine ganze Weile nach der Zuckerschale gelugt hatte, ohne Erfolg, winkte er mit den Vorderpfoten: Bitte, bitte, nur ein Stückchen!

Reuter warf sich burschikos in die Brust. »Sollte ich als Mediziner entgleisen, kann ich als Tierdresseur für mich, ja für Weib und Kind mein Brot verdienen ... in einer halben Stunde habe ich dem Köter ...«

»Er ist kein Köter!«

»... Habe ich dem Herrn Karo ein neues, großartiges und zeitgemäßes Kunststück, das in jedem Zirkus Schleswig-Holsteins Applaus finden würde, beigebracht. Schauen Sie! Ich werfe dem Pudel ein Stück Zucker hin ... Sie meinen, er wird es verschlingen? Achtung! Da!«

Karo spitzte die Ohren und war zum Sprung auf die leckre Beute bereit. Doch Reuter rief dumpf: »Das ist dänischer Zucker von St. Croiz ... dänisch ... dänisch!«

Sofort und schleunigst zog der Pudel die lüsterne Schnauze, die schon nach dem Leckerbissen schnappte, zurück, klemmte die Rute ein, verkroch sich unter dem Tische und schielte nach der Süßigkeit, als wenn sie ihm ein Gift und Grauen wäre. Das Verhalten des Tieres kam so unerwartet, war so drastisch-drollig, sein Abscheu vor dem dänischen Zucker so echt und natürlich, daß Hilde ein schallendes Gelächter erhob.

Reuter triumphierte, nahm sogleich ein zweites Stück aus der Schale, warf es auf die Diele hin und rief: »Das ist gut deutscher Zucker.«

Augenblicklich und wie aufatmend stürzte sich der Hund auf diese Beute, die er mit Genuß zermalmte. Nur der deutsche Zucker mundete dem braven Pudel-Patrioten, der den dänischen mit wahrem Horror liegen ließ.

Die vielseitigen Talente, auch diese Dressurgeschicklichkeit des flotten Mediziners fanden gebührende Bewunderung bei der kleinen Pastortochter, die erstaunt fragte: »Wie in aller Welt haben Sie unsrem Karo das possierliche Stück beigebracht?«

»Ureinfach, wie jede große Erfindung, ist mein kleiner, wirkungsvoller Witz. Wenn der Köter beim Ruf »dänischer Zucker« zuschnappen wollte, haute ich ihm um die Ohren rechts und links ... sobald er aber den deutschen Zucker nehmen durfte und nehmen sollte, kraute ich ihm das Fell. Kolossal schnell hatte der kluge Kerl den Witz kapiert, schon bei der fünften Generalprobe reagierte er prompt.«

Als Hilde den angewandten, für ihren Karo wenig angenehmen Kniff hörte, wurde ihr Lächeln zum Ernst, und eine Falte des Vorwurfs stand zwischen ihren Brauen. »Sie haben dem gutmütigen Kerl das Kunststück eingebläut, brutal eingeprügelt, pfui! Karo, mein armer Karo, mein Liebling!«

Der Hund legte den Kopf auf ihren Schoß und schielte scheu nach Reuter hin.

Der Studiosus zuckte die Achseln. »Ohne Prügel wird kein Mensch erzogen – ich erfuhr's an meinem Leibe – ohne Peitsche keine Dressur!«

»Ach was, ich will Ihr Bravourstück nie mehr sehen. Wie verängstigt sich das Tier vor Ihnen verkriecht! Sie haben es gewiß grausam verprügelt.«

Reuter entgegnete etwas pikiert: »Mein Fräulein, alle Tierliebe ist schön, besonders bei dem schönen Geschlecht, wofern sie nicht sentimental wird. Die unvernünftige Kreatur hat keine Psyche ...«

»Karo hat eine Seele.«

»Gut, die Kreatur hat, Karo ausgenommen, keine Seele und ist nur dazu da, dem Menschen, dem Herrscher der Erde, zur Nahrung, als Zug- und Lasttier oder zum Amüsement zu dienen. Die drei Mäuse in der Küche müßte ich wohl, wenn es nach Ihrem Herzen ginge, in der Speisekammer in Freiheit setzen? Wir hatten in Kiel vier Mäuse, denen wir eine winzige, dann immer größere Dosis Arsenik gaben, um festzustellen, wie viel Gift eine Maus vertilgen kann pro Tag, ohne zu ihren Vätern sich zu versammeln ... es war unglaublich, die beste Giftschluckerin brachte es auf sechs Zentigramm ... schließlich sind die lieben Tierchen an Arsenik-Überfütterung gestorben ... war das sündhaft?«

»Nein, aber eine dumme und unnütze Quälerei!«

»Die Feststellung, wie Lebewesen gegen Gifte immun gemacht werden, ist von ungeheurer Bedeutung für die Menschheit ... o sancta simplicitas

»Nennen Sie mich ruhig Fräulein Simplicitas, Fräulein Einfalt ... Sie sind ein harter und ... häßlicher Mensch.«

Reuter konnte kraft einer gewissen Chamäleonsanlage sein Antlitz, ja seine Ansichten im Nu verändern, wenn es ihm opportun erschien. »Häßlich ... ja, ich weiß sehr wohl, daß mich die männliche Schönheit nicht plagt.« – Eine Pause, als wenn er einen Widerspruch, der nicht erfolgte, vielleicht erwarte. »Aber hart? Nein, hart bin ich nicht. Was sind zehntausend armselige Mäuse, wenn ein Menschenleben erhalten werden kann? Die bedauernswerten Tiere dienen dem höheren Zweck. Muß nicht sogar der einzelne Mensch für die Allgemeinheit sich opfern? Ohne unbescheiden zu sein, darf ich sagen: als in der Klinik ein völlig neues, vielleicht sehr gefährliches Medikament zum ersten Male ausprobiert werden sollte und kein Kranker sich bewegen ließ, bot ich mich an ... ich schluckte das Zeug herunter, hatte gräßliches Bauchgrimmen bis zum Morgen und glaubte, ich stürbe, aber ich bin wieder kreuzfidel geworden.«

Dieses war keine Aufschneiderei, sondern eine in Kiel viel besprochene Tatsache.

Der Studiosus Reuter konnte, besonders wenn viele Augen auf ihn gerichtet waren, wohl ein Held sein. Angenehm, bescheiden, ja bestechend war jetzt sein Wesen.

»Wenn gegen die furchtbare Cholera ein Mittel gefunden würde und ausprobiert werden sollte, ich würde mich dem Professor als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen, ja auf Ehre! Habe ich da nicht ein Recht, mit einer Maus Experimente zu machen?«

Atemlos bat sie: »Nein, das dürfen Sie nicht ... nicht, nie das grauenhafte Gift einnehmen ... ich könnte keine Minute ruhig sein ... versprechen Sie mir, die gräßlichen Versuche zu unterlassen!«

»Was schert es Sie, wenn ich häßlicher, hartherziger Mensch und Tiermörder an meinen dummen Experimenten zugrunde gehe, was quält es Sie?«

»Die Furcht wird mich quälen ... Sie sind doch Heimreichs Freund ... geben Sie mir Ihr Wort, es zu lassen!« Nun streckte sie die Hand nach seiner Hand aus.

Er nahm sie mit zartem Griff, seine innere Bewegung war echt. »Ich habe Gemüt und Herz, zu viel Herz ... für Sie ... wenn ich es öffnen, offenbaren ... wenn ich reden dürfte.«

Sie riß ihre Hand zurück. »Nein, nein, Sie dürfen nicht ... kein Wort mehr ...«

Erst wollte eine ungeheure Freude sie überwältigen, aber plötzlich war die Furcht auf ihre Seele gefallen. Das war der schmucke, einschmeichelnde Mediziner, von dem sie schon am zweiten Tage seines Hierseins sann und träumte, aber auch der Mann, der sie zuweilen erschreckte.

Hilde eilte, die Kirchenglocken läuteten. –

Der alte Pastor hatte den Altardienst verrichtet. Der Kandidat trat aus der Sakristei, sah ein gespickt volles Gotteshaus und ging würdevoll langsam, mit Frack und weißer Halsbinde angetan, auf die Kanzel. Die Kandidaten Schleswig-Holsteins mußten im »Schniepel« predigen, um sie vor Überhebung zu behüten und der Gemeinde kundzutun, daß ihr junges Haupt die Priesterweihe vom Generalsuperintendenten für eine Gebühr von fünfzig Kuranttalern noch nicht erhalten habe. Also mußte Heimreich im Kellnergewande das Evangelium verkünden. Er blickte nach unten auf einen Haufen von Köpfen, von verschwommenen Gesichtern, die Höhe war nur gering und erregte trotzdem ein Schwindelgefühl. Darum schnell nach oben geschaut, nach der Empore! Hier saßen bekannte, fragende, zum Teil frech blickende Gesichter; plötzlich fiel sein Auge auf Bodil, die mit einem festen, freudigen, feierlichen Blick seinen Blick erwiderte. Das verwirrte ihn sehr. Während die letzten Orgeltöne verklangen, raffte er alle seine Energie zusammen, um ruhig und sicher zu werden. Sein Blick irrte in die Ecke der Empore, wo die Kinder zu sitzen pflegten, um dort bei der harmlosen Jugend einen Ruhepunkt zu finden. Abscheulich! Just dort lugte Kunz Reuters Satyrgesicht über die Brüstung, dort im Winkel saß der arge Freund, um Grimassen schneiden und Glossen machen zu können.

Es war für den Prediger höchste Zeit anzufangen. Die Gemeinde guckte hinauf: Kümmt da nichts?

In der große Stille fing eine Stimme gepreßt an: »Fürchtet euch nicht ...« Der Kandidat hing wie gebannt an der Emporen-Ecke, wo Kunz zu sagen schien: Weißt du noch, wie du die vier Bierjungen ...?

Heimreich holte allen Atem aus der zugeschnürten Brust und hob noch einmal angstvoll an: »Fürchtet euch nicht ...« Als wenn ein Schlangenblick ihn zwänge, mußte er den Schlingel auf der Empore anglotzen. Jeder Gedanke, jeder Satz, jede Silbe der auswendig gelernten Predigt war ihm entfallen.

Doch er machte noch einen verzweifelten Anlauf und stotterte mit schwacher, ersterbender Stimme: »Fürch – fürchtet eu – euch nicht ...«

Da geschah das Grauenhafte. »Das wäre auch einer, vor dem man sich fürchten sollte!« Also sagte eine halblaute, spöttische Stimme unten in der Kirche, es war der Sohn von Kaffepunsch-Hansen, und einige kicherten über den trocknen und teuflischen Witz.

Der arme Kandidat war gebrochen, die ganze Empore glotzte und grinste, das Gotteshaus, die Gemeinde taumelte und tanzte vor und mit ihm. Nun war es aus mit ihm und seiner Predigt und seiner Pastorenlaufbahn, ehe sie angefangen. Er wußte keinen Buchstaben der Rede mehr, er wartete auf die erlösende Ohnmacht. Die unglückliche Mutter, die so langsam durch die Menge geschritten war und so freundlich-siegesgewiß die Grüße erwidert hatte, schwitzte vor Angst und stieß ihren Gatten an: »Sutor, hilf ihm!«

Und der Vater unter der Kanzel und der Vater im Himmel haben geholfen. Der Pastor reckte sich und raunte nach oben: »Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude ...«

Da fiel der grauenhafte Bann von Heimreichs Gemüt und Seele, Gehirn und Gedächtnis. Er rief, er rappelte, er raste die ersten zehn Sätze der Predigt herunter, um schleunig fertig und von der Angst erlöst zu werden. Sobald er jedoch merkte, daß die Sache gut und geläufig ging und der ganze Sermon deutlich und wie gedruckt vor seinem Geiste stand, mäßigte er sein Tempo, betonte er die Kraftworte und Kernstellen, ja er machte sogar die mit Rotstift im Manuskript angedeuteten Kunstpausen. Im zweiten Teile wurde er zum Redner, im dritten zum Rhetor, der die Stimme moduliert, in alle Höhen und Tiefen des Tonfalls hinauf- und hinuntergeht. Wie ein deutscher Demosthenes donnerte und blitzte, brauste und säuselte der Kanzelredner.

»Dunnerwetter, datt har ick nich dacht!« sagte Krischan Petersen gleich nach dem Amen. Als die Kirche aus war, im Gewühl der Leute hörte man nur eine Stimme: »Den müssen wir als Kapellan haben«, – bis Rolf Krake Hansen im affektierten Kopenhagener Dänisch energisch sagte: »Nein, wir müssen einen volkstümlichen, südjütischen Pastor haben, den wir uns nicht aus Kiel, sondern aus Kopenhagen verschreiben.«

Klaus Fangel trat draußen mit höflichem Gruß an Bodil heran und merkte sofort, daß sie von der Predigt einen tiefen Eindruck empfangen habe und ihrer inneren Bewegung noch nicht Herr geworden sei. Seinen Verdruß verbarg er unter einem verbindlichen Lächeln. »Wie frisch Sie aussehen!« »Der Frost macht alle Backen rot.« In ihrem Ton war eine Ablehnung.

In seinem Ärger fing er ein andres Gespräch an. »Na, es ist schließlich noch gut abgelaufen ... Gott sei Dank! Er wäre stecken geblieben, wenn ...«

Bodil sah das spöttische Zucken seiner Lippen und sagte mit ihrer schärfsten Stimme: »Ich will Ihrem Bruder für die schöne Predigt danken.« Sie ließ ihn stehen und ging dem Kandidaten, der aus der Sakristeitür trat, entgegen.

Klaus bohrte den Stock in den Schnee. Seine Züge hatten einen harten, beinahe heimtückischen Ausdruck, und mit einem schrägen Blick beobachtete er die beiden, während er den Hauptweg hinunterging.

Weil Heimreich ihr Urteil hören wollte, sagte sie innig: »Die Predigt hat mich ergriffen ... eine Kanzelrede kritisiert man nicht, und Komplimente mache ich nicht. Ich will einen Mangel und eine Mahnung aussprechen: Sie müssen bestrebt sein, ein besseres, feineres, weicheres Dänisch zu sprechen, Sie haben bisweilen eine allzu platte Aussprache. Sie müßten ein halbes Jahr in Kopenhagen studieren.«

»Ich merke Absicht, aber ich bin zu glücklich, um verstimmt zu werden.«

»Sie wollen nicht nach Kopenhagen, wenn ich Sie bitte?«

»Die Schleswiger, die jetzt dort studieren, sind die schlau-lauen und halben oder häßlich berechnenden Leute, die das Wohlgefallen des Königs erregen und ein gutes Amt erreichen wollen, sind die Gesinnungslosen, die Gott aus seinem Munde speien wird und vor denen jeder Ehrenmann ausspucken muß ... darum darf ich nicht gehen, denn einen solchen Mann müßte Bodil Hansen verachten.«

Sie wußte nichts zu antworten, gab ihm stumm die Hand und ging, eine Träne im Auge. Es fehlte nicht gar viel daran, daß die Träne ihn besiegt und umgeworfen hätte und er ihr nachgelaufen wäre, um ein übereiltes Versprechen zu geben.

Der junge Prädikant, den die Mutter gerührt und stolz umarmte, war recht schweigsam und demütig. Klaus fragte den Nachdenklichen: »Wurmt dich noch der schlechte Witz des jungen Hansen?«

»Meine Verwirrung hat der Esel von Kunz mit seinen idiotischen Grimassen verschuldet.« Der Kandidat fuhr auf den Sünder, der just eintrat, entrüstet los und schalt ihn einen falschen und schlechten Freund.

Reuter aber legte die Hände auf seine Schultern und schrie in exaltierter Begeisterung: »Mensch, Mensch! Großartig hast du gepredigt ... du könntest mich zum Christen machen. Gleichwie der Dichter, wird auch der Redner geboren ... du bist ein unbewußter Poet und ein geborener Redner ... du hast eine gewaltige Suade, will sagen, eine grandiose Rednergabe. Ich sage dir die objektive Wahrheit.«

Diese Worte beschwichtigten den Unmut.

»Darf ich meine subjektive Meinung sagen?« schmunzelte der verständige Pastor, der mit inniger Vaterfreude gesehen hatte, daß sein Jüngster vorzügliche Stimmmittel, natürlichen Anstand und viel Rednergabe besitze; doch davon wurde kein Sterbenswörtchen gesagt, sondern er machte Heimreich auf einige Tautologien und Hyperbel-Anhäufungen, auf ein paar Phrasen und Überschwänglichkeiten aufmerksam.

Es klopfte derb. Der Küster Lauritz Lauritzen brachte den Klingbeutelertrag, der vom Pastor gebucht und in die Armenbüchse getan wurde. Beide zählten die Kupferlinge. 396 Stücke! »Du meine Güte! 396 Kirchgänger!« Das übertraf noch des Pastors Schätzung.

»So viele haben wir beide nicht auf einmal in der Hylleruper Kirche gesehen,« rief der Küster, der mit seiner Statistik dem Pastor just kein Kompliment machte. Die Büchse war – wie alljährlich – zu Weihnachten geleert und in Beträgen von drei bis sechs Kurantmark unter die Bedürftigen verteilt worden. »Hat das bißchen Geld heuer eine ungetrübte Freude gebracht?« fragte der Pastor.

Der Küster, ein sehr langer und hagerer, knochiger Mann mit großen, schwieligen Arbeitshänden, den man nimmermehr für einen Schulmann und Kantor, sondern für einen Kätner und Kleinbauern gehalten hätte, war ein Pädagoge der alten Schule, der nichts von Basedow und Pestalozzi wußte, aber ein kreuzbraver, kerntreuer, knorriger Herr, der durch eine ungemeine, oft erstaunende oder erschreckende Wahrhaftigkeit, durch eine verblüffende Geradheit, ja Grobheit im ganzen Amte Norderhusen und darüber hinaus bekannt und von den geschmeidigen Kollegen gefürchtet war. Lauritzen sagte stets und überall die Wahrheit, auch immer und in allen Fällen seine unverblümte, meistens kerngesunde, mitunter kuriose Ansicht und Meinung. Diese Eigenschaft des Küsters war vielen Leuten ärgerlich, dem Propsten, der den Küster einen unverschämten Patron nannte, sehr anstößig und auch dem Pastor oft recht unbequem gewesen.

Lauritzen zuckte bei der Frage die Achseln. »Die alte, leidige Erfahrung! Keine zwei Armengeld-Empfänger sind ganz zufrieden, geschweige denn gegen Gott, Pastor und Kirchenrat dankbar gesinnt. Peter mit seinen drei Mark meint, er sei doch viel, viel ärmer als Hans, der fünf Mark empfangen. Maren hat zwar sechs Mark gekriegt, kann sich aber nicht freuen, sondern muß sich erbosen und erbittern, weil die alte Karen, die es doch in verschwiegenen Kaffepünschen vertrinkt, genau so viel erhalten hat. Jeder mißgönnt dem andern die paar Schillinge, jeder glaubt zu weit mehr würdig, ja berechtigt zu sein. Ihnen, Herr Pastor, und den Kirchenältesten werden in diesen Tagen die Ohren gegellt haben, denn es ist Ihnen Blindheit, Ungerechtigkeit, Günstlingswirtschaft nachgesagt worden.«

Fangel schüttelte das Haupt. »Wir haben nach bestem Gewissen die zweihundertdreißig Mark verteilt. Jeder Aelteste brachte eine Liste mit, die relativ besser Gestellten wurden gestrichen, nur die Bedürftigen blieben zurück. Ach, der gemeine, elende Neid ist die Untugend und das Unglück des gemeinen Mannes.«

»Und der größten Männer! Die größten Dichter, Staatsmänner, Generäle fressen einander vor Mißgunst. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so haben einige von den Aeltesten ihre Lieblinge, die ihnen nach dem Munde schwatzen, aber keineswegs für die Büchse berechtigt sind. Ich kenne die Leute des Kirchspiels ... wenn man mich nach meiner Ansicht gefragt hätte, wäre die Liste anders ausgefallen.«

Der Pastor hörte mit nachsichtigem Lächeln die Kritik des Küsters und sagte: »Im nächsten Jahre sollen Sie mit den Kirchenältesten die Büchse verteilen. Ja? Gut! Dann sollen mal Ihnen die Ohren klingen.«

Lauritzen schmunzelte pfiffig. »Jetzt haben Sie mich überlistet ... ja püt, Herr Pastor! Ich lasse von der Kanzel bekannt machen, daß alle, die sich für bettelarm genug für die Armenbüchse halten, an einem bestimmten Tage in der Schule antreten sollen ... ich stülpe die Büchse einfach um und verteile den Inhalt an alle in genau gleichen Portionen ... ich wette erstens, daß sehr viele aus Stolz und Furcht vor der Öffentlichkeit zu Hause bleiben, ich wette zweitens, daß kein Empfänger knurren wird.«

Es leuchtete dem Pastor sofort ein, daß die einfache Idee, die mit der Eitelkeit und Eigenart des armen Volkes rechnete, Erfolg haben werde. »Ja, man muß stets auf die Kleinlichkeit und Dummheit ...« »Und auf das Gerechtigkeitsgefühl und Gleichheitsstreben der Masse Rücksicht nehmen,« nickte der Küster, der ein Menschenkenner, aber auch ein Menschenfreund war. Obgleich seine Geschäfte erledigt waren, blieb er stehen, weil er das Bedürfnis fühlte, in lauter, belehrender Weise – darin ganz Schulmann und -meister – die Bedeutung des Tages hervorzuheben. »Wir stehen bei diesem Jahreswechsel vielleicht an einer Wende des Vaterlandes und unseres Lebens. Man räumt mit unserer Sorte auf in Nordschleswig. In unserem Amte sind in den letzten Monaten acht neue Lehrer installiert worden, und sie alle sind in Jellinge oder auf Seeland ausgebildet und können kein deutsches Wort. Dieses blutige Unrecht habe ich kürzlich dem Pastor Hertel in Böstrup so klar gemacht, daß er – der aus Fünen ist –ganz »fünsch« wurde. Na, der hinterlistige Kerl wird es dem Amtmann von Elsfleth, der jetzt für seinen Gesinnungswechsel Geheimer Konferenzrat geworden ist, hinterbracht haben ... ein schwarzer Strich mehr in meiner Konduite macht mir keine schlaflose Nacht.«

»Sie sind ein Ehrenmann.«

»Ich bin nur kein Lump, wie einige Kollegen, die nach der neuen Geographie und Karte, auf der Nordschleswig verschwunden und ein neues Südjütland wie aus dem Meer gestiegen ist, willig unterrichten – das tue ich nicht und nie! Aber kann man sie verdammen? Sehen Sie meinen zweiten Lehrer Lindenhahn, der mit zweihundert Taler Gehalt in Armut und Schulden sitzt! Wie hat der großmäulige Agitator Laurids Skow ihm zynisch zugesetzt! Treten Sie dem Verein für Volksbildung bei, dem Verein der Hetzer und Heißsporne, und Sie werden eine fette Küsterstelle haben! Wie lange wird Lindenhahn stark bleiben, wo die Hungerleiderei ihn schwächt?«

»Wir lassen uns nicht ducken, geschweige denn verdänen!« rief der Pastor. »Das soll unser Neujahrsgelübde sein.« Der Küster drückte Fangels Hand und sagte treuherzig: »Ich bin just kein Pastorverehrer, aber die nordschleswigschen Prediger, die jetzt tapfer bleiben und ihre deutsche Gesinnung nicht verstecken, haben meine volle Hochachtung.« Er schwenkte den altmodischen Zylinder bis zu den Knien, Fangel hoffte, daß der Redselige ihn aufsetzen werde. Doch der Küster blieb stehen. »Ich weiß, was Sie denken.«

»Was ich denke?«

»Ja, Sie denken: Wenn der Kerl doch ginge! Erst sollen Sie aber das Vergnügen haben, Ihren allzu aufgeklärten und superklugen Kantor auszulachen, ... wissen Sie, daß es im Dorfe spukt ... und ich glaube daran, weil ich das weiße Gespenst gesehen habe.«

Heimreich war lebhaft aufgesprungen. »Wir haben auch die rätselhafte Gestalt bei der Schmiede gesehen.«

»Sie und Ihr Vater?«

»Nein, Bo-bodil Hansen und ich.«

Der Küster klappte die Augenlider hoch und sagte aufrichtig, was er in dem Moment dachte: »Soso ... ist es schon so weit?«

Der Kandidat wurde rot und stotterte etwas von dem Tierarzt und der Kuh.

Der Pastor fixierte verwundert seinen verlegenen Sohn mit einem Seitenblick, während er zum Kantor sprach: »Der Spuk ist ein schlechter Neujahrsspaß.«

»Nein, nein! Als ich vom Julbesuch bei Thorös heimging – ich hatte nichts getrunken – sah ich die Gestalt, einem Frauenzimmer im Totenhemd am ähnlichsten, mit einer Großmutterhaube aus dem Anfang des Jahrhunderts ... und wo? Auf dem Dach der Schule hockte sie im klingenden Frost. Ja, mir lief es eiskalt über den Buckel ... ich bin kein Kujon ... aber auf meinen knickrigen Beinen schlüpfte ich schnell in mein Haus ... vom Fenster aus sah ich noch die Erscheinung, bis sie plötzlich weg war. Ein Spaßmacher riskiert nicht den Hals auf dem schneeglatten Dache.«

»Mein lieber Küster, es wird eine natürliche Aufklärung finden.«

»Mein lieber Herr Pastor, ich wünsche Ihnen eine baldige Begegnung mit dem Gespenst, damit Sie die Dummen aufklären können. Sollte es wider Erwarten etwas Uebernatürliches sein, werden Sie es gleich mit dem großen Teufelexorzismus in Grund und Boden bannen.«

Am Nachmittag hielt Eskild Thorö mit seinem neuen Schlitten pünktlich vor dem Pastorat und knallte mit der Peitsche. Da Hilde als erste heraustrat und ihm zulächelte, ging ein rötliches Leuchten über sein rundes Gesicht, jedoch die sonnige Morgenröte verschwand, sobald er Reuters, der Muff und Fußsack trug, ansichtig wurde.

Sie bestimmte die Plätze: »Du, Heimreich, sitzt neben mir ... Sie werden den Vordersitz ausfüllen, Herr Reuter.« Von Eskild war keine Rede, er mochte, er mußte hinten stehen.

Melodisch läuteten die schön gestimmten Schellen. Die jungen Pferde, die lange im Stall gestanden, sprangen übermütig, warfen die Beine stolz von sich und die schnaubenden Köpfe hoch, als wenn der stürmende Lauf über den weichen Schnee selbst ihnen eine jauchzende Lust und der federleichte Schlitten ihr Spielzeug sei. Anfangs machten die Tiere in instinktivem Freiheitsgelüst wilde Sprünge, fühlten aber sofort am Zügel die eiserne Hand, der sie gehorchten, wenn auch, wie verbissener Grimm, ihr Geifer flog. Allen war die gleitende Fahrt im sonnigen Frost mit flinken Rennern und seinem Geläut ein frohes, hohes Fest – nur dem Rosselenker schien sie wenig Freude zu bereiten. Das war nicht ein mürrisches, sondern ein nachdenkliches, über ein schmerzliches Rätsel sinnendes Gesicht. Mit scheinbarem Phlegma schaute er über die Insassen hinweg und nach den Pferden, aber nichts entging ihm, nicht ein Blick und nicht ein Wort der beiden, die ganz unbekümmert um den Kutscher plauderten, kicherten und lachten. Eskild hatte ein Gefühl, als wenn ein unsagbares Unglück ihm zugestoßen sei. Einmal sah er mit Angst und Schrecken, wie die ausgebreitete Decke leise sich bewegte, und schloß daraus, daß zwei Hände sich fanden und faßten. Von nun ab blickte er mit einem geistesabwesenden, starren Ausdruck in die Luft und über die Pferdeköpfe weg. Während der ganzen Fahrt hat er nur zweimal ein paar Worte gesprochen.

»Herr Fangel, wieviel ist die Uhr? Zweiundzwanzig Minuten nach drei? Dann haben wir die Meile in achtzehn Minuten gemacht.«

Als man jetzt die braven, brillanten Tiere lobte, glitt ein schmales Lächeln über sein Gesicht, und er erzählte, daß er die Braunen aus der prämiierten Stute gezüchtet, selbst groß gemacht, angelernt und keinem anderen anvertraut habe.

Es ging über Terp in einem weiten Halbkreise nach Hyllerup zurück, um noch im Heimatsdorfe eine Renommierrunde zu machen und den neuen Schlitten zu zeigen. Die ersten Häuser lagen in ihren Schneewällen. Da sah Eskild das allzu dreiste Augenspiel des fremden, frechen Studenten. Um es nicht zu sehen, guckte er über die weißen Felder und nach den schwarzen Krähen. Wurden die Zügel einen Moment schlaffer gehalten, während die ausgelassenen Tiere noch ungestümer ausgriffen und dem Stalle zustrebten?

Es ging in Galoppsprüngen am Kruge, an der Schule vorbei. Ein hart gefrorenes, knirschendes Wäschestück flog von der Hecke, der rechte Gaul schreckte mit einem jähen Ruck zur Seite – der leichte Schlitten schwankte gegen einen Schneewall und schlug um. Alle lagen im Schnee. Eskild ließ die Zügel nicht fahren und wurde längelang von den fortstürmenden Tieren über den Weg geschleift. Er zerrte mit eisernem Griff am Stangengebiß, kam durch einen gewandten Sprung, den man seinem plumpen Körper kaum zugetraut hätte, auf die Füße, riß mit Riesenkraft die Durchgänger auf die Hinterbeine herunter und warf mit einer leichten Handbewegung den Schlitten auf die Kufen. Der Rosselenker rief den sich aufraffenden Fahrgästen ein gleichmütiges »Bitte, einsteigen« zu. Dabei kehrte er ein wenig den Kopf – und alles Blut wich aus seinem Antlitz. Hilde lachte nicht über das Intermezzo, sondern lag mit geschlossenen Augen.

Man sah des Bruders Angst, aber auch an dem jungen Mediziner eine gewisse Genugtuung, daß ihm eine prächtige Gelegenheit gegeben wurde, seine Geistesgegenwart und sich als Arzt und Kavalier zu zeigen. Er nahm die Ohnmächtige auf seine Arme und trug sie in das nächste Haus, das des Lehrers Lindenhahn. Hilde war unbeschädigt, erwachte bald, lag auf dem Kanapee und lächelte ihm zu, als wenn sie noch in fernen Traumgefilden weile. Reuters Stimme, seine Besorgnis und Bitte, liegen zu bleiben, seine Freude und sein zartes Geflüster zu hören, war ihr ein so wohliges Gefühl, daß sie wieder die Augen schloß. Plötzlich jedoch schreckte sie empor, löste sanft seine Hände, die zu gewissenhaft ihre beiden Pulse überwachten, und sprang auf die Füße.

Eskild klopfte ans Fenster, zu seinem tief bekümmerten Gesicht paßte kaum seine barsche Frage: man möge ihm gefälligst sagen, wie das Fräulein sich befinde.

Sie selbst hüpfte ans Fenster. »Wohlauf, wohlauf.«

Ein kurzes Nicken, und er schien sich nur um seine Pferde zu kümmern.

In der Wohnstube des Lehrers, wo drei Kinder die Eindringlinge anglotzten, war eine mehr greuliche als geniale Unordnung. Trotz der paar guten Mobilien, Vertikow, Spinett und Bücherschrank, lugte die Armut und, was schlimmer war, die Unsauberkeit überall hervor. Der Fußboden schien seit Weihnachten nicht gefegt zu sein. Auf dem mit Speise- und Sirupsflecken und Tintenklecksen besäetem Wachstuch des Tisches standen henkellose, halbleere Kaffetassen, lagen Brot- und Wurstreste, Schulschreibhefte, invalide Puppen, ein zerbrochener Pfeifenkopf und in Goldschnitt Heines Gedichte, alles in unappetitlicher Eintracht. Auf dem Spinett lag der Staub so dick, daß Reuter lachend seinen Namen und den großartigen Schnörkel mit dem Finger daraufschrieb – er hatte nämlich die üble-eitle Angewohnheit, wohl fünfzigmal am Tage seinen Namenszug überall hinzumalen.

Ein trostlos untrautes, unsauberes Heim hatte der Lehrer Lindenhahn. Doch einen Schatz barg es trotz aller Armut, einen Bücherschrank mit den besten Werken der deutschen Literatur und Wissenschaft. Das war Lindenhahns Trost und Zuflucht und die Freistatt des Geistes, dahin er floh vor der täglichen Misere, vor der Sisyphuslast der Schulden, vor der unlösbaren Rechenaufgabe, eine fünfköpfige Familie mit zweihundert Talern Gehalt zu ernähren. Die Kinder, die verschüchtert hockten und den Finger in den Mund steckten, hatten schwarze Hände und lange Nasen, welche die Pastortochter nicht zu sehen vermochte und mit ihrem gestickten Taschentuch beseitigte. So entlockte sie dem ältesten, vierjährigen Mädchen, das im Torfkasten saß und aus den Soden Häuser gebaut hatte, den ersten Laut. Der Vater sei »aus-aus« und die Mutter »kank-kank«. Ihr Schwesterchen war im Gehen, der ersten Akrobatenkunst des Menschen, noch so unsicher, daß es einen »Fallhut«, eine mit Heu ausgepolsterte, unförmliche Sturmhaube, trug, die wie ein Sackleinen-Globus auf dem kleinen Körper drollig saß. Dieses Lindenküchlein hatte in einem heruntergefallenen Buche – der Broschüre »Up ewig ungedelt« – »gelesen«, hatte es – ein böses Omen – in zwei Teile zerrissen und mit Fingermalen beschrieben. Das jüngste Kind war mit Stricken an die Stuhllehne gebunden, trug mit merkwürdiger Geduld seine Fesseln und guckte mit seinen auffallend großen und blauen Augen ins Leere. Das Büblein in Banden gaffte tatenlos die Gäste an, hatte aber vor kurzem aktiv sich betätigt, wie gewisse Gerüche bekundeten.

Hilde möchte die Kinder säubern, die Stube aufräumen, Hilde mußte es kraft des Mitleids und der mütterlichen Instinkte, die in jedem Weibe schlummern. Auf ihren Wunsch fuhren die Herren im Schlitten fort, und sie blieb.

Im Schlafgemach saß die junge Frau Lindenhahn halb aufrecht mit geschlossenen Augen, als wenn sie im Sitzen eingeschlafen sei. »Sind Sie krank? Haben Sie Schmerzen?«

Die Lippen bewegten sich und murmelten Unverständliches. Die geisterhafte Erscheinung wurde dem jungen Mädchen unheimlich, so daß es rief: »Wachen Sie auf! Was sagen Sie?«

Die Schläferin redete, ohne die Augen zu öffnen, zwar nicht in Sätzen, sondern in dunkelsinnigen Worten. »Wie das blinkt ... das ist Bluttau ... o, es sind Leichen, nichts als Leichen ... bei Flensburg, bei Schleswig ist ein roter See ... sie weinen ... du weinst ... drei Jahre wirst du weinen, und dreißig Jahre wirst du lachen.«

Der Zuhörerin wurde kalt und heiß, und sie schrie laut: »Frau Lindenhahn!«

Da schlug die Angerufene die Lider auf. »Fräulein ... Sie hier?«

Hilde erklärte aufatmend die Ursache ihres Hierseins und die gute Absicht ihres Verweilens. Die Kranke klagte, daß sie an Mattigkeit und Melancholie oft leide und sich hinlegen müsse, wodurch zu ihrer Scham der Haushalt vernachlässigt werde.

Die Pastortochter zog den Rock aus, krempelte die Aermel hoch, band sich die Schürze um und ging resolut ans Werk, um den Augiasstall zu reinigen. Alles wurde gefegt, gewischt, zum Teil gewaschen. Nach der Magdarbeit kam die Mutterfreude, denn es war ihr ein Vergnügen, die Kinder einmal gründlich abzuseifen, so daß der rotfrische Grund der Pausbacken und die weiße Grundfarbe der Patschhände einmal ans Tageslicht kam. Das Büblein ließ sie merkwürdig geduldig und ohne Geschrei beim Waschen gewähren. Hart griff es ihre Nerven und Nase an, als die ominösen Kissen zu beseitigen waren. Doch mit einem heroischen Griff der zwei Finger warf sie die Kissen in die Waschküche.

Da fing der Bursche ganz unmotiviert zu brüllen an, als wenn sein Herzlein daran hänge.

Lindenhahn kam nach Hause und blieb überrascht auf der Schwelle stehen. Als er das Heinzelweiblein erblickte, dankte er gerührt und bedrückt, denn er schämte sich seiner Behausung, bald aber lächelte das schmale Gesicht, voll Vaterfreude hob er seinen Liebling hoch in die Luft. »Haben Sie jemals so schöne, sinnige Kinderaugen gesehen ... ist es nicht, als wenn er schon tiefsinnige Gedanken habe und unbewußt philosophiere? Der Prachtkerl soll kein Hungerleider und Schulmeister werden, sondern ein Professor der Philosophie, haha!«

Hilde sagte nicht, was sie dachte, denn ihr war der Kopf des Knäbleins zu groß.

Der brave Mann entschuldigte immer wieder seine kranke Frau, die an Schlaflosigkeit und Schwermut leide. Beim Abschied räusperte er sich, und seine Rede stockte oft: »Seit dem letzten Wochenbett hat meine Ottilie die ... die üble Angewohnheit, im Schlafe laut zu sprechen ... lauter unsinniges Zeug ... sie selber weiß es nicht und soll es nicht wissen. Ich bitte Sie ... für den Fall, daß ...«

Die Pastortochter drückte dem Lehrer die Hand und hat in Zukunft mit anderen Frauen der Gemeinde wenigstens für eine allwöchentliche Reinigung des Lehrerhauses und der Lindenküchlein Sorge getragen.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.