Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectid5c699544
Schließen

Navigation:

Erster Abschnitt.

Die tiefunglückliche Ehe zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark.

Das frühere Herzogtum Schleswig ist mir das heimatliche, herrliche Land, ist mein ureignes, urliebes, urtrautes Ländchen, darin mir jede Bucht und Schlucht, jeder Hain und Hügel, Höhe und Heide wie mein Erbeigentum ans Herz gewachsen ist, obwohl ich davon nur fünf Geviertmeter, die ich mir zur Grabstätte erwarb, als unbestrittener und eingetragener Grundherr besitze.

Diese Nordmark, die unsre Väter bei Düppel mit Blut erwarben, ist ein recht kleines Land, das mit seinem kraftvollen, konservativen, kernigen Volke nach drei Seiten hin Grenzwacht hält und tapfer sich wehrt, hüben dem lieblichen, aber launenhaften Ostmeer, drüben der wilden Nord- und Mordsee und an der Königsau dem verhaßten Freiwerber, der seit Jahrhunderten frech und fruchtlos um Slesvigias Huld und Hand buhlt, stolz, starr und steifnackig Trutz bietet, unten an der Eider jedoch an das Holstenland, sein ihm auf ewig verbundenes Ehgemahl, hingebend und herzlich sich anschmiegt. Recht klein, schmal und kurz, zwischen zwei Meere eingezwängt, ist mein lieb Heimatland – aber nicht nach der körperlichen Breite und Länge werden die Menschen und Völker gemessen und gewertet. Mein Schleswig hat seinen Namen und Wert in der Weltgeschichte, denn es hat ein Weltreich ins Wanken gebracht und den Grund eines Weltreiches gelegt. Vor seinen Söhnen, den rauhen, reckenhaften Cimbern, die mit Weib und Karre, Kind und Köter durch Gallien sich wälzten, flohen die Legionen, und zitterte das ewige, unbesiegte Rom in jener kopflosen Panik, die fortan der cimbrische Schrecken hieß. Drei Jahrhunderte später haben meine wackren, wohledlen Urväter, die Angeln, die in diesem engen Gau hausten und mehr Ellbogenfreiheit begehrten, ihre Küste verlassen und ihre Koggen gelichtet, um auf Britanniens gesegnetem Eilande ein neues Angelland zu gründen, und also wurde das kleine Schleswig die Ureltermutter des großen Weltreichs, das heute noch nach ihm England sich nennt.

Wahrlich, der Nordgau Germaniens hat eine große Vergangenheit. Das aber ist Schleswigs schönster Ruhm und höchste Ehre, daß unser vom Dänenzwingherrn hart bedrängtes, hilfeflehendes Land Anlaß, Anfang und Ursache der neuen deutschen Geschichte wurde, daß unser Dannevirke und Düppel die ersten Etappen auf dem Heldenwege waren, der über Königgrätz und Sedan führte und im Spiegelsaale von Versailles wunderbar endete.

Alles Große hat einen unscheinbaren und kleinen Anfang. Was ist weniger und flüchtiger als ein Wort? Aber ein Wort, zur rechten Stunde gesprochen, richtet ungeahnte, ungeheure Dinge aus. Die tapfren Thesen Doktor Luthers liefen wie ein Feuer durch Europa und entflammten die Völker, Roms Ketten zu brechen. Das berückende Feldgeschrei der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprach den Himmel auf Erden, fegte die Köpfe hinweg und hat die Hölle in Frankreich entfacht. Ein markiges Schlagwort ist ein Funke, der in Zunder fliegt, ein dröhnendes Schlachtlied ist ein Zauberer, der Millionen erhebt und elektrisiert. Wir haben es in jenen schwülen Sommertagen Anno 70, als das Gewitter am Rhein losbrach, erlebt, wie der tosende Ruf »Zum Rhein, zum deutschen Rhein« von den Alpen bis zum Belte durch Städte und Weiler sturmgleich brauste und vierzig Millionen Deutsche begeisterte, verzückte und berückte. Die Wacht am Rhein war das Schutz- und Trutz-, Schlacht- und Siegeslied, das wie ein Heer über den Rhein sich wälzte, die Höhen von Spichern erstürmte, die Feinde schlug; die Wacht am Rhein hat Frankreich besiegt, Paris genommen, das Reich geeint und den Kaiser gekürt. Das ist des Gesanges gewaltige, göttliche Macht. Ein Menschenwort, das der Dichter reimt und der Sänger vertont, wird eine Großmacht, welche die Völker hinreißt und hypnotisiert und die Weltgeschichte wandelt.

Die Wacht am Rhein war eine Gottesweihe, ein Geist, eine Taufe, ein ganzes Heer, das mit uns focht. Dennoch weiß ich ein Lied, das in meiner Jugend mich und meine Altersgenossen noch mehr begeisterte und berückte. Wohl zogen wir, wenn Schlag auf Schlag, Wunder über Wunder die Siegesnachrichten eintrafen, laut singend im Triumph und auch den Dänen der Grenzstadt zum Trotz durch alle Gassen, und wir schmetterten aus voller Brust, daß die Fenster des dänischen Dannevirke-Redakteurs klirrten, »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«, bisweilen auch auf ausdrücklichen Lehrerbefehl und sehr viel gedämpfter »Ich bin ein Preuße«; jedoch am häufigsten und höchsten und aus dem vollsten Herzen hallte unser Heimatlied aus allen Knabenkehlen. Wenn unser Schleswig-Holsteinlied angestimmt wurde, war jeder hingerissen, und die machtvollen Klänge schmetterten durch die engen Straßen. Unser »Schleswig-Holstein meerumschlungen« war uns das Lied aller Lieder, das hehre Hohelied des Vaterlandes. Wo auch immer diese Melodie ertönte – sofort war jeder Knabe und Jüngling, aber auch jeder Mann und Greis entzündet und entzückt. Dann wogte das ruhige Cimbernblut in heftiger Wallung, in starken Schlägen pochte das Herz für das engere, einzige, meerumspülte Land. Dieses Schleswig-Holstein meerumschlungen hatte schon am Tage seiner Geburt eine wunderbar hinreißende, ja hypnotische Wirkung, und seine Melodie hat über jeden wahren Schleswig-Holsteiner bis auf den heutigen Tag eine magische Gewalt.

Die Allerältesten im Lande, die das Ehrenkreuz von Idstedt tragen und gern von den Zeiten ihrer Jugend sinnen und eine lange Rede spinnen, erzählen mit jung leuchtenden Augen von dem großen Sängerfeste in der Stadt Schleswig Anno 1844. Auf der weitblickenden Höhe über der Stadt, wo das Auge die Schlei, Schloß Gottorp, Dannevirke, Hethaby und alle großen Stätten unsrer Geschichte überschaut, hatten alle Sängervereine sich versammelt, und zu ihren Häupten flatterte die blau-weiß-rote Fahne, von Jauchzen begrüßt. Eine atemlos lauschende Andacht entstand, als ein Gesangverein das Schleswig-Holstein meerumschlungen, das Chemnitz, sonst ein Poet ohne Rang und Klang, in gottbegnadeter Stunde gedichtet und der sanfte Kantor Bellmann gar mächtig-trutzhaft vertont hatte, zum ersten Male vortrug. Die paar Augenzeugen, die noch leben, erzählen von dem ungeheuren Eindruck des Liedes, das auf die vieltausendköpfige Menge wie eine Offenbarung wirkte. Eine förmliche Ekstase entstand, verständige Holsteiner und Schleswiger, die sich nie gekannt, umarmten sich, allen war das Herz zum Ueberströmen, viele sangen und schrien den Kehrreim wohl zwanzigmal. Immer wieder verlangte die Volksmenge eine Wiederholung des Liedes, das an dem Tage von allen Lippen und bis nach Mitternacht durch die nächtlichen Gassen tönte.

Der Gesang, den tausend Sänger im Herzen von hinnen trugen, trat einen beispiellosen Siegeszug durch ganz Deutschland an und wurde das populärste patriotische Volkslied seiner Zeit in ganz Germanien. Das wunderbare Lied wurde ein Werber für unsre Sache, ein Prophet der Freiheit, ein Rufer im Streit, ein Führer im Kampf. Das Wort hat wahrlich große Dinge getan. Es war ein heller Glücks- und Gnadentag, an dem es aus der Taufe gehoben wurde, und es blieb im Gedächtnis der Augenzeugen ein unvergeßlicher, seliger Tag.

Vierhundert Jahre liegen zwischen dem seligen und dem unseligsten Tag in schleswig-holsteinischer Historie. Es gab einen dunklen und schwarzen Tag, den die blinden Toren freilich mit Glockengeläut feierten, in den Annalen des Landes. Jener Mittwoch nach Invocavit Anno 1460, als die Ritter und Stände Schleswig-Holsteins dem König Christian I. von Dänemark huldigten und ihn zum Herrn und Herzog Schleswig-Holsteins kürten, das war der verhängnisvollste und unseligste Tag in der ganzen Geschichte Nordalbingiens. Der letzte Herzog, der achte und vieledle Adolf, von dem es noch nach hundert Jahren im Volke hieß, es sei nicht mehr wie »to Hertog Adolfs Tiden«, war kinderlos gestorben, und der Graf von Schauenburg-Pinneberg, ein kleiner Duodezfürst, der nicht so viel Land und Leute, Macht und Silbermark wie mancher Ritter von Rantzau besaß, verlangte als rechtmäßiger Erbe die Huldigung und Herzogskrone; doch die hochmütigen Ritter und Prälaten verachteten in ihrem dummen Stolz das unmächtige Gräflein von Pinneberg, ließen sich durch die süße und falsche Schmeichelrede Christians, durch den Glanz und das Gold der Majestät, durch dänische Einflüsterungen und Bestechungen betören und wählten den Oldenburger, den Adolf VIII. zum König von Dänemark gemacht hatte, zu ihrem Herzog und Herrn. Der Tag von Ripen, wo der Bischof von Schleswig vom Balkon des Rathauses Christians Wahl freudig verkündete, hat sich bitter gerächt und ist der traurigste Tag unsrer Geschichte geworden. Was zu Ripen törichter Stolz, feiler Verrat, völlige Verblendung verbrach, das hat das meerumschlungene Land vier Jahrhunderte lang bitter bereuen und büßen müssen. Weil die Wähler das gute Recht des Pinnebergers beugten, ist Schleswig-Holsteins Recht gebeugt und gebrochen worden. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

Wohl hatten sie auf dem Pergament des Landes Selbständigkeit wohl verwahrt und alle Rechte durch Schrift und Siegel, Eid und Handfeste sich verbriefen lassen. Der glatte, schlaue Christian duckte und demütigte sich vor den hohen Holstenherren, versprach und gelobte alles, um alles zu erhalten. Der König stellte als Herzog von Schleswig und Graf von Holstein zwei Wahlurkunden aus, darin er die Privilegien des Landes bestätigte und beschwor.

Schleswig und Holstein sollen auf ewig zusammen, ungeteilt und ungetrennt bleiben – »dat se bliven ewig tosamende ungedelt!« Die Prälaten, Ritter, Städte und Einwohner haben ihm nicht als einem Könige von Dänemark gehuldigt, sondern nur als dem Herrn, den sie zum Herzog und Grafen gekürt. Solches heißt in der Sprechweise unsrer Zeit: Dänemark und Schleswig-Holstein sind getrennte, selbständige Staaten, die nur durch Personalunion verbunden sind, so daß der Fürst König des einen und Herzog des andren Landes ist. Das ist das fundamentale, mit vielen Königseiden beschworene Staatsgrundgesetz Schleswig-Holsteins, das trotz Siegel und Schwur immer mehr zerbröckelt wurde. Die anderen Gerechtsame lauten: der König darf von den Einwohnern keinen Heeresdienst außer Landes fordern, keine Schätzung und Steuer, welche die Stände nicht bewilligt haben, begehren, wird auch nie mit großer Hofhaltung und Aufwand seine deutschen Lande beschweren. Item, zu Beamten sollen nur einheimische Landeskinder berufen und bestallt werden.

Die verblendeten Herzogswähler von Ripen hatten fürsorglich des Königs Willkür beschnitten; auf dem Pergament war alles Wohl verwahrt und verklausuliert für ewige Zeiten. Aber es kam bald die Zeit, wo Dänemark dieses papierne deutsche Recht unter die Füße trat. Es kam, was kommen mußte, was ein Blinder hätte voraussehen und ein Tor hätte weissagen können – sehr bald hat der König den Herzog vergessen, verschluckt und verschlungen. Der Herzog von Schleswig-Holstein übte Verrat an sich selbst und seinen deutschen Landen. Schon nach einem Jahre wurde der geschmeidige Christian I., der so demütig sich beschneiden ließ und das Blaue vom Himmel heruntergelobt und gelogen hatte, zum wortbrüchigen Manne an seiner Wahlurkunde. Der ewig borgende Fürst, »die bodenlose Tasche« von den Schweden genannt, ließ 1461 eine außerordentliche Schätzung in den Herzogtümern ausschreiben trotz des Pergaments. Zwei Jahre später pfiff er noch kräftiger auf die tapfer beschworenen Privilegien, und die Schleswig-Holsteiner, die zu keinem Kriege außer Landes verpflichtet waren, mußten Heeresfolge leisten, blutige Köpfe und böse Schläge bei den schwedischen Bauern sich holen.

Es ist nicht mehr und in vier Jahrhunderten nie wieder geworden wie zu Herzog Adolfs Zeiten. Diese laute Volksklage erhob sich und verstummte nicht mehr. Die Übergriffe Dänemarks, die Anklagen Schleswig-Holsteins, das als reiches Land unverschämt besteuert wird und die ewig leeren Kassen des Königreichs füllen muß, hören nicht auf, das Kerbholz, auf dem die Sünden Dänemarks stehen, wird übervoll, die Kluft zwischen der Monarchie und den Herzogtümern wird immer tiefer und die Abneigung zum Haß. Das ist im 19. Jahrhundert das Ende der zu Ripen geschlossenen, tiefunglücklichen, unseligen Ehe: Schleswig-Holstein war nicht das gleichberechtigte Ehgemahl, sondern die dienende Magd, ja die Kuh, die gemolken, das Schaf, das geschoren wurde. Darum wurde der Ruf »Los von Dänemark« immer lauter, immer größer die deutsche Bitternis, immer schreiender das Verlangen des bedrückten Teils, daß die Zwangsehe gelöst und geschieden werden müsse. Das kleine Dänemark konnte seine kurze Großmachtrolle in der Geschichte nicht vergessen, hatte immer eine zu hohe Meinung von seiner eignen Bedeutung und spreizte sich nicht wenig mit seiner wahrhaft schönen Flotte. Die herrliche Flotte, auf die es so eitel war, wurde Dänemarks Verderben und erregte in dem größeren Nachbar lüsterne Gefühle. Das ewig argwöhnische England sah mit Neid die vielen stattlichen Orlogsschiffe am Sunde und hatte böse Beklemmungen und Ahnungen, daß ein andrer und noch gewiegterer Räuber, der das Diebsmetier im großen, die kühne Kaperei noch genialer ausübte – nämlich Bonaparte – ihm zuvorkommen und die schmucken Danebrog-Schwäne wegstiebitzen könne. Darum brachte Albion mit falsch-frommer Miene eine innige Freundschaft, eine intime Alliance in Vorschlag und forderte dreist und gottesfürchtig, daß sein Herzbruder Dänemark ihm die schöne Flotte, damit sie nicht abhanden komme, in sichere Verwahrung gebe. Der Däne fürchtete, seine Orlogsschiffe nicht wiederzusehen, und lehnte das freche Ansinnen des englischen Fuchses entrüstet ab. Da hat das skrupellose Albion die Flotte eigenmächtig in Verwahrung genommen, gestohlen und geraubt, wie der Kopenhagener, der dazumal das grausige Fluchen gelernt haben soll, schrie und tobte. Der englische Admiral hat mitten im hellsten Frieden ohne Kriegserklärung die Reede überfallen, Kopenhagen bombardiert und die stolzen Schwäne weggeführt. In begreiflichem Jähzorn über den unerhörten Raub, aber in unbegreiflicher, unpolitischer Kurzsichtigkeit warf sich der Dänenkönig in Napoleons ausgestreckte Arme, die verhängnisvolle Alliance mit Frankreich wurde geschlossen. Durch dieses dumme Bündnis, das der König-Herzog Friedrich VI. mit eigensinniger, unsinniger Treue bis zum eignen Untergange hielt, ging Norwegen, gingen Tausende von Schiffen, die England kaperte, gingen Millionen über Millionen, gingen Handel, Wandel und Wohlstand zum Teufel, und das Land stand vor dem Ruin. Ein Heer von 105 000 Mann, so daß die bewaffnete Macht fünf Prozent der Bevölkerung betrug – ein ungeheuerlicher Prozentsatz, da im Deutschen Reiche die Heeresstärke kaum ein Prozent beträgt –, wurde jahrelang auf Kriegsfuß gehalten und verschlang jährlich 126 Millionen, d. i. – mirabile dictu – der fünffache Betrag aller Staatseinnahmen. Um den furchtbaren Geldnöten zu begegnen, verfielen die Minister in Kopenhagen auf den kindlich leichtfertigen Ausweg, immer mehr Papiergeld, ohne entsprechende Silberbestände, auszugeben, denn Papier ist geduldig und wohlfeil. Diese gaunerische, papierne Goldmacherei mußte zum Finanzkrach führen und endete mit dem berüchtigten Staatsbankerott Dänemarks. Die Hauptlast aber wurde dem Stiefkinde, den Herzogtümern, schändlich aufgebürdet. Man höre und staune! Um der völligen Entwertung des Papiergeldes vorzubeugen, wurde eine Reichsbank errichtet, die keinen Pfennig Geld besaß, aber, um ein finanzielles Fundament zu haben, so einfach wie unerhört eine hypothekarische Forderung von sechs Prozent des Wertes an allem unbeweglichen Eigentum in der Gesamtmonarchie durch königlichen Machtspruch erhielt. Ein beispielloser Eingriff in das Privateigentum, eine brutale Beraubung des Einzelnen von Staats wegen und im Namen des Königs war diese sogenannte Bankhaft, die jeden Hof- und Hausbesitzer mit einem Federstriche um den sechzehnten Teil seiner Habe erleichterte. Wer in Schleswig-Holstein eine Hufe, ein Haus, eine Hütte, einen Acker besaß, wurde nicht zu niedrig geschätzt und vernahm mit Entsetzen, daß sechs Prozent seines Eigentums fortan der Reichsbank gehörten, und daß er die festgesetzte Summe in bar zu zahlen oder mit 6 ¼ Prozent – mit Wucherzins – zu verzinsen habe, widrigenfalls die rohen Exekutoren der Obrigkeit ihn von Haus und Hof jagten. Derartiges ist seit den Tagen der Barbarei einem Kulturvolke nicht geboten worden.

Die Beraubung, die den schönen Namen Bankhaft erhielt, wurde in den Herzogtümern sehr rigoros, aber in Dänemark äußerst sanft und gelinde und schließlich nur zu einem geringen Teile durchgeführt. Dem Enkel und Nachfahr, der solches liest, läuft noch die Galle ins Blut. Schleswig-Holsteins Klagen wurden nicht gehört. Als jedoch die dänischen Grundbesitzer laut jammerten und stöhnten, daß sie durch die Abgabe ruiniert würden, hat die Regierung ein menschliches Rühren verspürt und schlankweg fünf Sechstel der gesamten, auf dem Grundbesitz in Dänemark ruhenden Banklast auf die gemeinschaftliche, wohlgemerkt, auf die mit den Herzogtümern gemeinschaftliche Staatskasse, welche Schleswig-Holstein fast zur Hälfte füllen mußte, durch einen zweiten königlichen Federstrich übernommen. Das heißt: Die Herzogtümer mußten nicht nur ihre eigene Banklast voll und ganz tragen, sondern auch, um die dänischen Grundbesitzer zu entlasten, viele Millionen in den gemeinsamen Staatssäckel schütten, so daß sie bei dieser berüchtigt-ruchlosen Vermögens-Konfiskation fast vier Fünftel des Gesamtbetrages bezahlt und eingebüßt haben. Jetzt sahen sogar die Geduldigen und Stillen im Lande, daß Nordalbingien für Dänemark die dienende Magd, der Lastesel, dem die Steuern aufgebürdet wurden, geworden sei; mit Zorn und Schrecken erkannten die Patrioten, daß die fruchtbare Heimat ausgepreßt und ausgepowert werde und unter dem stiefmütterlichen, ungerechten Zepter des Herzogs verarme und verkomme.

Wo es an den Geldbeutel geht, soll die deutsche und selbst die sächsische Gemütlichkeit aufhören. Der Holste hängt am sauer Erworbenen und spart mit Fleiß; wer seinen Beutel schröpft, greift ihm ans Herz. Noch viel größer aber ist die cimbrische Geduld und Treue. Obgleich seine Langmut auf harte Proben gestellt wurde, zettelte der Holste keine Verschwörung an, jeder Gedanke an Empörung lag ihm so himmelfern, wie die Treue dem Trug und der Tücke. Nur der Grimm erwachte, der Widerwille gärte, der heiße Dänenhaß fing an zu glühen, und die deutsche Sehnsucht nach Erlösung wühlte in der Volksseele.

Da tauchte ein Hoffnungsstern am politischen Horizonte hell auf. Gott selbst, der die Könige werden und welken läßt, hatte anscheinend beschlossen, die unnatürliche Verbindung auf gesetzlichem Wege in naher Zukunft zu lösen. Das oldenburgische Königshaus nämlich, das von jeher zu viele wilde Ranken getrieben und in Ausschweifungen seine Kraft vergeudet hatte, war jetzt am Verdorren und stand nur noch auf sechs Augen. Friedrich VI., der bis 1840 als König jenseits, als Herzog diesseits der Königsau regierte, hatte keine Söhne und nur zwei Töchter hinterlassen, sein Vetter und Nachfolger, Christian VIII., besaß nur einen einzigen, sittlich verkümmerten, durch skandalöse Dinge herostratisch berühmten Sohn, der zweimal ebenbürtig vermählt, aber auch zweimal seiner Brutalität wegen geschieden war und keine legitimen Kinder hatte oder nach menschlicher Voraussicht hinterlassen würde. Dieser kronprinzliche Tunichtgut war des Dänenlandes Zukunftssorge, aber Schleswig-Holsteins Zukunftshoffnung, insofern dieser Frederik keine Nachkommen hinterlassen und mit ihm das Königshaus im Mannesstamm erlöschen werde. Ein wahres Glück, daß die Erbfolge in solchem Falle in den Herzogtümern eine andere als im Königreiche war! In Dänemark bestimmte die Lex regia Friedrichs III. die Thronfolge, so daß der Weiberstamm erbberechtigt sein solle, sobald der letzte männliche Sproß Friedrichs III. gestorben sei. Aber nach dem Thronfolgerechte Schleswig-Holsteins, das kein Weiberregiment duldete, durfte nur ein Mann die Krone tragen. Sobald der ominöse Erbprinz, das enfant terrible des Oldenburger Hauses, die verliebten Augen schloß, mußte die Weiberlinie, eine der Töchter Friedrichs VI., im Königreich zur Herrschaft gelangen. Doch mit nichten und nimmermehr in den Herzogtümern, wo der Mannesstamm der sogenannten jüngeren königlichen Linie, der Herzog von Augustenburg, durch Erbgesetz, von Gottes Gnade und nach des Volkes Willen die Herzogskrone erben mußte. Die Stunde, wo jener terrible Prinz zu seinen Vätern sich versammelte, machte dem Unfug von Ripen, der Personal-Union, ein Ende und löste die Zwangsehe auf geschichtlichem, gesetzlichem Wege. Die Trennung von Dänemark, das Recht der Herzogtümer auf einen eigenen Herzog, das Erbrecht des charaktervollen, echt deutschen Augustenburgers, das war sonnenklares, von allen Rechtsgelehrten festgestelltes Recht vor Gott und Menschen. Nichts ist jemals klarer und gewisser auf Erden gewesen. Das geduldige Cimbrien hatte eine feste Hoffnung und harrte der baldigen Scheidestunde entgegen.

Aber die Dänen sahen mit Angst dem Tage entgegen, wo Schleswig-Holstein nicht mehr zu schröpfen war; dem Königshause war es ein grauenhafter Gedanke, die kleinere, aber bessere Hälfte seines Gebietes zu verlieren und einen Liliputstaat zu behalten. Anstatt dem Willen der Vorsehung, dem klaren Erbfolgegesetz, dem heiligen Rechte die Ehre zu geben und in die unabänderliche Scheidung sich zu schicken, haben die letzten Oldenburger Könige mit allen, auch unerlaubten Mitteln, zuletzt durch Machtsprüche und Rechtsbrüche versucht, den drohenden Verlust zu verhüten und wenigstens Schleswig zu retten, d. i. zu rauben. Ihre Rabulisten und Rechtsverdreher verdrehten und verdunkelten die Wahrheit, schrieben und schrien: während Holstein ein deutscher Bundesstaat sei, habe Schleswig nie zum Bunde gehört und sei darum mit Dänemark unauflöslich verbunden.

Der Cimber dagegen setzte den Fuß hart auf den Grund und hob die Wahlfeste von Ripen hoch in der Hand: Schleswig und Holstein sollen up ewig ungedelt zusammen bleiben und einen Herrn haben!

Das war die Streitfrage, die alle Gemüter aufwühlte, und das der Kampf, der zunächst in Wort und Schrift, mit Zunge und Feder immer hitziger und erboster zwischen Dänen und Deutschen ausgefochten wurde.

In einer wunderbar belebten, tiefgährenden, Neues gebärenden Zeit, in dem so viel besprochenen, so wenig bekannten Grenzland Nordschleswig, wo ein breites, unschönes, sang- und klang- und literaturloses Plattdänisch dem volltönenden, reinen und reichen Hochdeutsch einen bäurisch zähen, trotzköpfigen Widerstand leistet, beginnt die wahre Mär, die auf diesen Blättern so erzählt wird, wie sie von Augenzeugen berichtet und von meiner Sippe erlebt und erlitten wurde.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.