Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectid5c699544
Schließen

Navigation:

Achtzehnter Abschnitt.

Eine scheußliche Grabschändung und ein schöner Schluß.

In wilden, gellenden Sturmakkorden unter den Erdwällen von Friedrichstadt, wo sie während des Stürmens und Sterbens drüben den »Landsoldaten«, hüben »Schleswig-Holstein meerumschlungen« immer toller zum Todestanze spielten, war das herrliche Lied von der deutschen Wacht im Norden grausig verklungen. Der dreijährige Freiheitskampf endete mit dem blutroten Finale von Friedrichstadt, das ein völlig unnützes Blutvergießen und die letzte Heldentat des unseligen Willisen war. Dieser Sturm mit dem Schein der Stärke war nichts als eine Schwäche des ewig Unschlüssigen, den die Statthalterschaft zu einer Tat drängte, und der gegen seine innere Überzeugung die Blüte des Landes opferte und mit dem Befehl zum Blutbade seine verhängnisvolle Laufbahn beschloß. Sein Name wird, wie der des Herostrat, in Cimbrien nicht vergessen werden.

Die Holsten hatten, von ihrem fremden Feldherrn ins Verderben geführt, von ihren deutschen Brüdern verlassen, umsonst gerungen. Schleswig-Holsteins Schicksal ist aber gar nicht auf dem Schlachtfelde, sondern in den Kammern, wo die Intrige herrscht, in den Kabinetten besiegelt worden. Österreich hatte längst für das halt kleine, nette Dänemark Partei ergriffen, die kleinen Bundesstaaten, denen bald die deutsche Begeisterung verpufft und die alte Ursünde des Schlendrians in alle Glieder gefahren war, freuten sich zaunköniglich, daß sie die Schuld und Schmach des schleswig-holsteinischen Schandflecks ihrem großen, groben, viel beneideten Bruder Preußen anhängen konnten.

Preußen befahl Schleswig-Holstein, die Waffen niederzulegen und sich auf Gnade und Ungnade den Dänen zu ergeben, widrigenfalls der große Bruder Waffengewalt gebrauchen werde. Da ging ein Schrei der tiefsten Empörung von der Elbe bis zum Belt. Nie ist die Verbitterung eines Volkes tiefer, die Verachtung größer, der Haß grimmiger gewesen. Es darf nicht vertuscht werden: in jenen traurigen Tagen ist der Preußenhaß im ganzen Cimbernlande noch größer gewesen, als der uralte, unauslöschliche Dänengrimm. Man schrie und weinte und wollte das Schändliche nicht glauben, daß der Deutsche den Deutschen verriet. Genug der Schmach! Es muß hier jedoch auch gesagt werden, daß die bösen Zeiten, wo Preußen zum Büttel Dänemarks sich erniedrigte, vergessen und gesühnt sind, seitdem die Schande durch das Blut von Düppel gelöscht wurde, und daß durch Preußens Heldentum die Verachtung in Verehrung und der Haß in Liebe verwandelt worden ist.

Das Holstenheer wurde entwaffnet. Als das letzte Bataillon der herrlichen Armee durch das Tor von Rendsburg marschierte und seine Musikbande die schwermütige Weise »Noch ist Polen nicht verloren« spielte, hingen Trauerfahnen von den Häusern, heiße Tränen flossen, und die Herzen krampften sich vor Weh und Qual.

Die große Elendszeit Nordelbingiens unter der Dänenfuchtel, die schmähliche Knechtschaft eines ganzen germanischen Volksstammes, die ungeheure deutsche Schande begann Anno 1851. Nachdem Schleswig-Holstein mit gebundenen Händen dem Erbfeinde überliefert war, wurde allerdings vom Dänenkönig eine sogenannte Amnestie erlassen. Der großmütig verzeihende Friedrich VII. ließ nicht den Insurgenten die Köpfe abschlagen, wie sein getreues Gassenvolk der Hauptstadt verlangte, ließ ihnen Leib und Leben. Aber alle Studierende der Universität Kiel, alle, die irgendwie an der Erhebung sich beteiligt hatten, wurden geächtet und für alle Zukunft von jedwedem Amt und jedweder Anstellung im Herzogtum und Königreiche ausgeschlossen. Die ganze gebildete Jugend des Landes, die fast ausnahmslos fürs Vaterland gekämpft hatte, wurde jeder Existenz und Zukunft beraubt, brotlos auf die Straße geworfen, von jedem Kirchen- und Schuldienst, von Richteramt und Anwaltschaft, ja von dem kläglichsten Schreiber- und Schulmeisterposten ferngehalten und verfemt. Eine schlaue Politik, die zwei Fliegen mit einem Schlage schlug! So strafte man einerseits die »Aufrührer«, und so versorgte man andererseits die vielen Hungerjüten in dem fetten Marsch- und Meerlande.

Mit besonderer Schärfe wurde dem Kandidaten Fangel eröffnet, daß er niemals in allen Landen Sr. Majestät auf irgend ein geistliches Amt rechnen dürfe. Heimreich stand, hinkend und auf einen Stock gestützt, wie tausend Kameraden vor dem Nichts, vor der Aussicht, zu graben oder Steine zu klopfen, was den Landessöhnen noch nicht verboten war. Aber er war nicht der Mann, der verzagte. Er hätte ja, wie viele andere, in Deutschland bei einem der vielen Konsistorien und Konsistörchen, daran kein Mangel war, sein Glück versuchen und vielleicht auch machen können. Darum schon tat er es nicht, weil sein Herz allzu fest an der Heimat hing. Er wäre ein schlechter Sohn gewesen, wenn er seine arme Mutter Sleswigia in ihrer großen Not verlassen hätte. Ich harre aus! blieb seine Losung dreizehn Jahre lang.

Eine schöne Folge der Bedrückung war der innige Zusammenschluß aller guten Deutschen, die in der Not wie leibliche Brüder wurden. Ein Band verknüpfte alle, und verborgen vor den Argusaugen der Polizei gingen die Fäden hin und her, durch alle Städte bildete sich ohne Vereinsmeierei ein Bund der Treuen und Unentwegten.

Deutsche Familien in Flensburg wurden tief verbittert, als ihre Kinder in der Schule gezwungen wurden, den närrischen »Tappre Landsoldat« zu singen, gründeten eine Privatschule, um ihrem Nachwuchs das hohe Gut der deutschen Geisteskultur zu geben, und sahen nach einem geeigneten Manne sich um. Es mußte ein ganzer Kerl sein, der den Kampf mit der Polizei, mit Brüchen und Gefängnis nicht fürchtete. Der Kandidat Fangel, der Offizier gewesen, schien die rechte Qualität zu haben und wurde zum Leiter und Lehrer der Privatschule bestellt. Das war ein Werk nach seinem Herzen, die Jugend vor der Verdänung und Verdummung zu bewahren. Er ging mit Begeisterung an die Arbeit, war kein übler Pädagoge und der Anfang so vielversprechend, daß er an sich selber dachte und sich fragte: Ob ich darauf heiraten könnte? Und ob Bodil wohl den deutschen Privat- und Protestlehrer ehelichen wird? – –

Nicht nur die jungen Leute, die jahrelang studiert hatten, wurden in Acht und Bann getan, in Bettelei und Verbannung getrieben, sondern auch die alten, im Dienst ergrauten Richter, Anwälte, Prediger, Lehrer wurden bis aufs Blut schikaniert, bis sie zornig gingen oder mit Gewalt aus Amt und Brot gejagt und an den Bettelstab gebracht wurden. Die entsetzliche Massenvertreibung, vor der noch ein Eulenburg zurückschauderte, begann jetzt in der grausamsten Weise. Auf allen Straßen zogen die deutschen Schleswiger ins Exil, und viele mußten am Hungertuche nagen, obgleich viele Exulanten in Hamburg unterstützt, in Deutschland angestellt wurden.

In den meisten Kirchen Nordschleswigs befindet sich eine Tafel mit einem Namensverzeichnis aller Pastoren loci, die seit der Reformation Doktor Luthers allhier gestanden haben. Diese Tafeln reden und zeugen von dem Jammer des Jahres 1851. Fast überall steht bei der Jahreszahl der Name des alten Pastors und dahinter das kurze Wort: Entledigt! Das heißt: ohne Untersuchung, Urteil oder Schuld, ohne Recht und Richter entsetzt, verjagt! In dem Ländchen Schleswig, das reichlich dreihundert Pastoren haben mag, sind an hundert Geistliche vertrieben worden, und in Nordschleswig wurden alle, alle deutschen Pastoren verbannt, weil sie ihr Deutschtum nicht verraten wollten. Das waren Pfarrherren, die groß und lutherstark in ihren Schuhen standen und helle Bewunderung verdienen. Das waren nicht die Leisetreter und Friedensapostel, die heute durch das Land gehen, die lieben, guten Dänen verhätscheln und von Vermittelung und Versöhnung triefen, und die von den dänischen Agitatoren, denen sie Mohrendienste tun, hinterrücks verlacht werden.

Ja, es ist uns gut, der tapferen Pastoren von Anno 51 und der bösen Tage zu gedenken, damit der christlich klingende Irrtum von der Versöhnung der Gegensätze, die nur auf Kosten des Deutschtums geschieht, nicht zum Verderben und die friedliche Versöhnung nicht zur friedlichen Verdänung der Nordmark werde.

Soll der deutsche Michel denn ewig der dumme Michel sein? Damit wir nie wieder in Dänengewalt geraten, sondern aus der Enkelferne fühlen, wie sanft ein Volk in Dänenhänden gebettet ist, mag das schwache Gedächtnis aufgefrischt und die Erinnerung an die dreizehn Schreckensjahre geweckt werden. In Nordschleswig wurde alles deutsche Wesen, alle deutsche Sprache ausgerottet, ja das deutsche Lied, das sich im Heiligtum des Hauses verkroch, wurde auch dort wie ein Verbrechen bestraft. Wehe jedem, der von dem verpönten Schleswig-Holstein meerumschlungen nur einen Ton trällerte! Er wurde vor den Polizei-Kadi geschleppt und, wenn er dem Gefängnis entging, mit fünfzehn bis fünfundzwanzig Talern gebrücht. Die blau-weiß-rote Farbe, die wie das bekannte Tuch der Stierkämpfer wirkte und in jedem Dänen eine Bullenwut auslöste, war in jeder Form verboten, so daß Damen, die bunte Farben trugen, vom Schutzmann angetastet und zur Wache geschleppt wurden, so daß eine Frau, die rote, blaue, weiße Hyazinthen hatte, als Aufrührerin schwer bestraft wurde. Die maßlose Verfolgungswut und Bosheit verfiel dem Fluche der Lächerlichkeit.

Eine Flut von Regierungsreskripten und Polizeiedikten ergoß sich über das geknechtete Land. Im reindeutschen Angeln, wo keine Seele dänisch verstand, wurde die dänische Kirchen- und Schulsprache eingeführt. Alle Kinder, im wildfremden Kauderwelsch der Quappjüten unterrichtet, wuchsen in Unwissenheit heran. Die Kirchen, worin in einer unverständlichen Sprache gepredigt wurde, standen öde und leer, und die Geistlichkeit, die einst so hohe Ehrerbietung genossen hatte, fiel in ebenso tiefe Mißachtung.

Viele Schüler strömten in die Schule des Kandidaten Fangel, bis kein Raum im gemieteten Hause mehr war. Heimreich kämpfte tapfer auf diesem Posten, obgleich seine Wirksamkeit durch Polizeischikane verleidet wurde. In Flensburg war eine Bande von verrufenen Subjekten zu Polizisten gemacht und mit Knüppeln bewaffnet worden. In einer Woche hat sie die folgenden drei Heldentaten verübt. Der Polizeihauptmann drang wie ein Räuberhauptmann in ein Privathaus hinein, fand nichts Hochverräterisches, zuletzt aber einen schleswig-holsteinischen Waffenrock und eine dito Mütze, die dem bei Friedericia gefallenen Sohne des Hauses gehört hatten und als Reliquien verehrt wurden, konfiszierte beides, schimpfte unflätig auf das Aufruhrpack und ließ die Familie zwanzig Taler Strafe zahlen. Es kam noch schamloser. Drei Mitglieder der Polizeibande brachen in ein hochachtbares Haus hinein, durchsuchten es wie eine Verbrecherspelunke und fanden bei dem dreijährigen Bübchen ein blau-weiß-rotes Spielfähnchen, das sie mitsamt der armen Mutter des Insurgenten-Kindes aufs Rathaus schleppten. Die Frau wurde für das Kapitalverbrechen des Knäbleins mit fünf Tagen Gefängnis bei Wasser und Brot bestraft.

Das sind keine Fabeln, sondern historische Tatsachen, und die dritte ist die schönste, die scheußlichste von den dreien. Die Polizeibanditen besuchten an einem Tage alle Häuser, die den Verlust eines Sohnes oder Bruders im schleswig-holsteinischen Freiheitskriege beweinten. Überall – man höre und erstarre! –, wo sie ein Bild des Gefallenen an der Wand oder auf dem Schreibtisch sahen, rissen sie es fort, rissen sie es hohnlachend in hundert Fetzen vor den Augen der Angehörigen, denen man das letzte Andenken des teuren Toten raubte. Ist in der ganzen, gesitteten Welt jemals eine solche Gemeinheit begangen, eine solche Roheit vernommen worden?

Als Heimreich diesen Greuel zornbebend hörte, schwante ihm, daß er wohl die längste Zeit in Flensburg unterrichtet habe. Sein Vater meldete ähnliche Dänenstücke und -tücke aus der Stadt Schleswig, die man mit Skorpionen für ihr Deutschtum züchtigte. Hier hauste eine fast noch ärgere Polizei-Knüppelgarde, die Schradersche Bande, die Angst und Schrecken in der Stadt verbreitete. Durch sie erging das berüchtigte Gebot, daß jeder Bürger, jeder Mensch in Schleswig jeden dänischen Soldaten höflich zu grüßen habe. Es war zum Lachen und zum Rasen. Als der einstige, ehrenwerte Senator Brodersen einen dreckigen Jense-Jüten nicht grüßte, wurde er gebrücht und mußte Gott danken, dem Wasser und Brot entronnen zu sein. Weil der Grußerlaß von vielen Schleswigern etwas widerwillig und spöttisch befolgt wurde, ließ der Stadtkommandant den schnaubenden Befehl anschlagen: Jedermann habe bei fünf Tagen Wasser und Brot jeden Soldaten zu grüßen und vor jedem dänischen Offizier die Kopfbedeckung abzunehmen und bis zum Knie zu senken. Mit Argusaugen wachten die Offiziere und Polizisten darüber, daß die Ehrenbezeugung bis zum Knie erwiesen wurde. Da fehlte nur noch der Geßler-Hut vor dem Schlosse Gottorp.

Die Friedensapostel, die mit freundlichem Händedruck die lieben, braven Dänen locken, daß sie glauben sollen, wir Deutsche seien herzensgute und herzensdumme Menschen und Michels, die Friedensleute und ihre Freunde sollten sich diesen dänischen Größenwahn und diese deutsche Demütigung ins Stammbuch schreiben. So hat der Däne dreizehn Jahre in der Nordmark gewütet, und genau so würde er wieder in Schleswig hausen, wenn die friedliche Versöhnung ihr törichtes Ziel – die Verdänung des Landes – erreicht hat und der Däne Herr geworden ist; denn in Nordschleswig war immer Streit und wird immer Kampf und kein Friede sein, bis dieser Gau und jedes Dorf deutsch – oder dänisch geworden ist. In jedem Kampfe gibt es nur ein Entweder – Oder, und der Stärkere wird siegen.

Kandidat Fangels Schule war bis auf den letzten Platz besetzt. Alles ging im besten Geleise, die vorgeschriebenen dänischen Stunden wurden erteilt. Regenburg, der berüchtigte Leiter des Kirchen- und Schulressort in Schleswig, der Eiderstedter von Geburt und elende Renegat, der gegen die deutsche Sprache, seine Muttersprache, wütete, begegnete Fangel auf der Straße und erwiderte den Gruß mit einer Verbeugung und einem süßlichen Lächeln. Da wußte Heimreich, daß es mit seiner Schule aus sei, er hatte es in dem boshaften Lächeln gelesen. Am Morgen erschien prompt-plötzlich die Polizei und schloß die sogenannte Privat- und Protestschule, ohne Angabe von irgendwelchen Gründen. Ja, der Kandidat wurde wegen Beförderung der deutschen Umtriebe der Stadt verwiesen.

Er war ein Märtyrer von vielen. Das Schließen der Schule, das Vernichten seiner Existenz traf ihn persönlich sehr hart, weil seine Verhältnisse finanziell günstig gewesen waren und er in diesen Tagen beschlossen hatte, an Bodil zu schreiben und seinen Antrag zu machen. Da warf ihn die brutale Polizeiwillkür aus allen Träumen, Zukunftsplänen und Ehehoffnungen heraus. Ein Heimreich Fangel war viel zu stolz, mannhaft und vornehm, um nichts weiter als der Gatte seiner Frau, der Schwiegersohn des reichen Jep Hansen zu sein und mit dem Gelde des Schwiegervaters ein Heim sich zu bauen. Jetzt zog er wieder mit dem Wanderstabe durch die geknechtete Heimat hin und her, Brot und Amt zu suchen, und wo er Unterkunft und Arbeit fand, wollten die Dänen, an deren Genehmigung er gebunden war, den Lästigen nicht dulden.

Endlich hat Gott seinen Wanderstab zur Ruhe gebracht, es gelang ihm, in Eckernförde eine Privatschule zu gründen, und die Behörde drückte ein Auge zu, nicht aus Edelmut, sondern aus Berechnung, um nicht einen Agitator durch die Lande laufen zu lassen, sondern diesen Patrioten als Privatlehrer unter dem Daumen zu haben.

Die Schule florierte bald und hatte solchen Zuspruch, daß auch der Vater seinen Wohnsitz nach Eckernförde verlegte, als Lehrer eintrat und eine angenehme Tätigkeit fand. Alle Tage sah man den alten Pastor im schneeweißen Haar nach der Nord- oder Südschanze spazieren, wo er lange träumte und helle Zukunftsbilder erblickte. Eines Tages sagte er plötzlich, auf den Meerbusen zeigend: »Hier werden die deutschen Orlogschiffe ankern.« Man verstand ihn nicht, aber der Greis sah in die weiteste Ferne, wohin kein junges Auge ihm zu folgen vermochte.

Der ehrwürdige Pastor wurde von allen Bürgern gegrüßt, war bei allen beliebt und tröstete die guten Eckernfördener mit seinem Sprüchlein: »Der Däne will Schleswig und Dänemark zusammenleimen, aber mit Scheidewasser. Kein Unding, wie das Leimen mit Scheidewasser, währt lang in dieser vernünftigen Welt ... wartet nur ein wenig! Wir werden deutsch werden und deutsch bleiben!«

Die Wochen gingen, der Lenz prangte im Lande, der Kuckuck rief im Walde, die Kinder der Privatschule pflückten Primeln, hörten den lieben Gauch und riefen ihn an: »Kuckuck am Baume, wie lange soll der Däne im Lande hausen?« Das war die einzige Frage, die jeder stellte und jeder Prophet beantworten sollte, und der Vogel kuckte dreizehn Mal. Dreizehn böse Jahre!

Sie waren nicht eitel Finsternis, sie hatten auch schöne, sonnige Tage. Heimreich hatte in diesen bösen Jahren seinen allersonnigsten Tag, und das kam also und nicht von ungefähr. Hilde hatte hin und her geschrieben und gute Antwort bekommen, aber die Kleine und Kluge versteckte den Brief, wie eine Weihnachtsüberraschung, und bat harmlos-listig den Bruder, sie auf einer Reise nach Flensburg zu begleiten, da sie Reuters Grab einmal besuchen und mit Blumen schmücken wolle.

»Hast du ihn noch so lieb?«

»Ich will zum Abschied einen Kranz auf eine Totengruft legen und zu neuem Leben auferstehen.«

Sie machten die Maienfahrt nach Flensburg und seinem Friedhofe.

Heimreich und Hilde schlenderten über den Markt in Flensburg und lasen die Anschläge des Stadttheaters, welche besagten, daß nach der neuen, zugkräftigen Farce eine besondere Sensation geboten werden würde, sofern der berühmte Geiger und Solist, Herr Ole Olsen, seine große, vor Fürsten und Königen erprobte Kunst zeigen werde.

Hilde hatte ferne, versonnene Augen und fragte leise: »Wollen wir hingehen und Ole Olsen hören?«

Die Geschwister kauften Karten und gingen ins Theater, mußten mit einigem Aerger das neue, nationale, aus Kopenhagen importierte, satirische Zugstück über sich ergehen lassen und warteten voll Ungeduld auf die Hauptsache, auf den weltberühmten Geiger.

Das kleine dänische Volk, von jeher zu gespreizter Selbstüberhebung geneigt, wurde nach dem günstigen Ausgang des Krieges von einem grenzenlosen, grotesk lächerlichen Hochmut befallen, überall hörte man aus Dänenmund die närrische Prahlerei und Protzerei: »Wir haben nicht nur das kleine Schleswig-Holstein, sondern das große Preußen und ganz Deutschland besiegt, wir haben fünf deutschen Königen, die uns Südjütland wegschnappen wollten, auf die Finger gehauen, wir haben allen deutschen Herzogen und Fürsten die Haut versohlt, daß sie nie wieder nach Holstein marschieren werden. Hurra! Ein Däne hat zehn Deutschen den Fußtritt gegeben.«

Ganz in dieser größenwahnsinnigen Tonart spielte sich auch die politische Posse von dem »tappren Herrn Sörensen« auf der Flensburger Bühne ab. Die Komödie begann mit einem Kongreß der europäischen Großmächte, die den Streit zwischen Dänemark und Deutschland beilegen wollten. Preußen war durch einen betrunkenen und idiotischen Gardegrenadier, der einen verschlossenen Kasten ängstlich bewachte, repräsentiert. Plötzlich öffnete sich der Kasten, und ein Bursche, wüst und ungewaschen, mit einem Freischärler-Hut auf dem Haupte, steckte den Kopf hervor und schrie: »Vivat Sleswig-Holstein meerumslungen!« Dann aber kam Herr Sörensen mit gewaltigen Schritten anmarschiert und fing mit seinem riesigen Regenschirm an den kleinen Schreier und den Freischärlerhut zu vermöbeln. Dieser verkroch sich und guckte immer wieder mit seinem Vivat Sleswig-Holstein aus dem Kasten heraus. Der preußische Grenadier trank aus der mutmachenden Flasche, griff an seine mächtige Plempe, über die seine langen Beine lächerlich stolperten, und zog blank, um seinen kleinen, knirpsigen Schleswig-Holsteiner gegen Sörensens Prügel zu beschirmen. Siehe, da trat als wie ein Goliath der Moskowiter, der große Nikolaus, auf die Schaubühne, genau so, wie er im Struwelpeter abgebildet ist, und schwang dräuend die Russenknute über dem Haupte des preußischen Grenadiers, der sich furchtsam bekreuzigte und duckte, und dem das Herz völlig in die Hosen sank, als nunmehr Frankreich, England, Österreich, alle an ihren blauen, roten, weißen Uniformen kenntlich, hereinstürmten und sich ins Mittel legten. Sofort lieferte der zitternde Grenadier mit vielen Bücklingen nach allen Seiten seinen Schützling an Herrn Sörensen ab, und dieser Repräsentant Dänemarks verprügelte jetzt ungehindert und ungeniert mit seinem Parapluie den kleinen Schleswig-Holsteiner, dem er die Büxen stramm zog, so daß sie – platzten. Natürlich zum ungeheuren Gaudium und Gelächter des Publikums, das nach der plumpen Prügelszene so lange applaudierte, bis der Vorhang sich hob und Sörensen noch einmal den kleinen Freischärler versohlte.

Heimreich war sehr wenig erbaut und erwartete nach dieser geistesarmseligen Leistung nicht viel von der zweiten, der Hauptattraktion des Abends. Doch wie groß und schön wurde seine Enttäuschung, wie sprachlos seine Überraschung. Der große Ole Olsen, ohne dessen Zutun die dumme Farce, um den Abend zu füllen und ein gewisses Radau-Publikum zu befriedigen, eingeschaltet worden war, spielte wunderbar, als ein vollendeter Meister, der sein Instrument nicht nur beherrscht, sondern auch beseelt. Er strich und hauchte über die Saiten, daß sie alle Höhen und Tiefen der Töne erstiegen und wie ein Chor von Elfenstimmen flüsterten und jauchzten, lachten und schluchzten, zuletzt aber in einem langen Seufzer des uralten Weltliedes, der ewigen Menschensehnsucht ausklangen, ausklagten, erschauerten, erstarben. Das Spiel war so ergreifend, daß der Kämpfer von Kolding und Idstedt aus den Augen eine Träne wischte und viele Frauen ihre hellen Zähren vergossen.

Auch Hilde Fangel war ganz hin und leichenblaß geworden. Der Bruder faßte besorgt ihren Arm. »Was hast du? Du bist doch nicht krank?«

»Ach, ich habe noch nie eine solche Sprache und Klage der Saiten vernommen ... aber ich habe auch Augen, und du ... du hast keine Augen ... wer ist dieser Ole Olsen?«

»O! Es ist ja unser alter, guter Eskild Thorö, der zum berühmten Geiger geworden ist.«

Der Künstler auf der Bühne hatte denselben scharfen Blick, wie einst in Hyllerup, schaute unverwandt während einer kurzen Pause nach den zwei Zuhörern hin und nickte ihnen zu, stillfreundlich und ohne besonderes Erstaunen, als wenn sie sich vorgestern Adieu gesagt hätten. Aber während der letzten Nummer gingen seine hellblauen, ehrlichen Augen unablässig über die Geige hinweg und zu ihnen hin. Der Kunstgenuß war aus, der Beifall tobte. »Wir wollen ihn begrüßen,« sagte Heimreich: und die Schwester neigte gehorsam das Köpfchen. Eskild hatte offenbar denselben Gedanken gehabt, brach mit Riesenschritten durch das Gedränge, durch das ehrfürchtige Geflüster »Das ist er, das ist er«, quetschte mit der Tatze des Kandidaten Finger und nahm Hildes kleine, feine Hand in seine beiden großen Fäuste so sanft und behutsam, als wenn er die Zerbrechlichkeit des Händchens befürchte.

Mit weltmännischer Gewandtheit führte er die beiden Hylleruper in eine stille Ecke fern vom Lärm des Abends. Keine Spur von Künstler-Arroganz und -Eitelkeit war an dem Manne, dem der schnelle Erfolg nicht den Kopf verrückt hatte. Das war noch der alte, schlichte, herzensgute Eskild, und doch war er ein anderer Mann, ein gewandter Herr, der im Verkehr der großen Welt ein repräsentabler, würdevoller Gentleman geworden war.

Bald redete Hilde so herzlich und naiv mit dem Künstler, als wenn nicht der berühmte Ole Olsen, sondern der brave, ehrliche Eskild neben ihr säße.

Ernsthaft hörte er ihre lächelnde Lobrede, daß er trotz der großen äußeren Veränderung innerlich der Alte geblieben sei, und fest schaute er ihr ins Antlitz bei seiner langsamen Antwort: »Ja, Fräulein Hilde, ich bin ganz der alte Eskild, genau und unverändert, mit denselben Gedanken und Gefühlen, mit derselben Sehnsucht und Hoffnung und demselben Herzen.« – War das nicht ein schlichtes Bekenntnis seiner unveränderlichen Liebe? – »Aber Sie ...?« Die Frage stockte ihm im Munde. »Wollen ... wollen Sie das Grab des ... des wilden Reuter besuchen?«

Jetzt war es ihre Pflicht, ein aufrichtiges Bekenntnis abzulegen, und sie schlug das volle Auge zu ihm empor, als sie gestand: »Ich will einen ersten und letzten Kranz auf Reuters Grab legen, um Abschied zu nehmen von dem Toten, um den ich nicht mehr leide und klage. Nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft lebe ich und will ich leben.«

Ganz ungeniert, als wenn kein Dritter, kein Bruder Heimreich, anwesend sei, stellte Eskild die große Frage: »Was bin ich Ihnen jetzt? Die ganze, volle und, wenn es sein muß, die bittere Wahrheit!«

»Sie waren mir in Hyllerup der beste Freund, Sie sind mir mehr geworden in der Stunde, wo Sie schieden und ich Sie nicht mehr sah ... Sie sind mir in den Jahren der Sehnsucht, des Wartens alles ... alles geworden. Das ist die Wahrheit.«

»Gut, dann sind Sie fortan meine Hilde.«

Ohne Umschweife, bestimmt und bündig, wie ein Bauer, hatte der berühmte Ole Olsen den Ehepakt geschlossen.

Eskild lächelte verschmitzt. »Ich habe dich schon diese Jahre ständig – wenigstens im Herzen – mitgenommen auf meinen Kunstreisen durch alle Reiche und alle Hauptstädte Europas ... willst du auch fernerhin mit mir die weite Welt durchwandern?«

Hilde war zu allem, selbst zu dem Zigeunerleben, das ein Virtuos führen muß, bereit und befand sich nur in einiger Ungewißheit darüber, ob sie eine Frau Olsen oder eine Frau Thorö werden würde.

Der Kandidat Fangel saß als Zuschauer daneben und sah fast so aus, als wenn er am liebsten, wie beim Wunderspiel der Geige, ein wenig weinen möchte. – – –

Am nächsten Vormittag wanderten sie zu dreien durch Flensburgs Gassen und die Höhe hinauf. Hilde, die halb unter der Mantille einen Kranz von blauen, weißen, roten Blumen trug, sah sich oft nach links und rechts um, als wenn sie etwas Unvermutetes erwarte. Oder war sie auf der Hut vor dem Argusauge irgend eines Polizisten wegen des blau-weiß-roten Kranzes, den sie auf das Grab des Freischärlers legen wollte? Herrlich und fein-friedlich lag der Kirchhof auf der Höhe. Hier waren die Toten des Kampfes bei Bau und auch die bei Idstedt gebliebenen Dänen in Massen- und Einzelgräbern bestattet worden. Wenngleich der Kandidat die rotweiße Farbe nicht schätzte, rührte ihn doch der Anblick: die Pietät der Dänen hatte jedes, auch das kleinste Grab des gemeinen Soldaten, mit Kränzen und rotweißen Schleifen überschüttet.

»Hier hat die Liebe verschwendet,« nickte er, »das muß man den Dänen lassen, daß sie die Helden ihrer Geschichte in hohen Ehren halten. Wir Deutsche mit unsrer Vergeßlichkeit und Verkleinerungssucht könnten daran ein Beispiel nehmen.«

Eine schlanke, stattliche Dame kam über den Friedhof und rasch auf die Gruppe zu. Heimreich blickte starr nach der Gestalt und ihrem leichten Gange – hatte Bodil eine Doppelgängerin in Flensburg? – dann stürzte er mit hastigen Schritten auf die Dame zu, deren Lächeln keinen Zweifel mehr ließ.

»Bodil, Bodil, kommen Sie durch die Luft geflogen? Oder vom Himmel gefallen?«

»Nein, ganz ohne Wunder und Mirakel, auf dem gewöhnlichen Postwege kam ich hierher, um die Kriegergräber zu besuchen.«

»Gott hat uns zusammengeführt in dieser gepriesenen Stunde,« rief der Theologe.

»Ja, Gott und gute Menschen,« sagte Fräulein Hansen, der kleinen Hilde einen schalkhaften Blick zuwerfend.

Hilde hielt es aus irgendwelchen Gründen für gut und geraten, die Paare vorläufig zu trennen, zog Eskild mit sich fort und zeigte ihm allerlei Grabinschriften.

Heimreich schob Bodils Hand unter seinen Arm. »Du hast mir ein großes Opfer gebracht.«

»Was man tun muß, ist kein Opfer ... ich kapituliere ohn alle Kondition ... warum bist du nicht gleich nach der Genesung gekommen? Ich habe Monat um Monat voll Sehnsucht gewartet.«

»Ach, ich war ja arm und unstät und hatte nichts dir zu bieten.«

»So muß ich wohl diejenige sein, die dich bittet und meine Hand dir bietet; denn ich bin wohlgestellt und darum nicht blöde, wie du, noch weniger bange um Zukunft und Brod. Willst du das Jawort mir geben und Herr und Gemahl mir sein?« Sie knixte possierlich.

Und er küßte ihr Mund und Wangen. »Jetzt habe ich ein bescheidenes Heim in Eckernförde und halte feierlich um deine Hand an.«

Unter der Traueresche, die mit ihren Zweigen nach allen Seiten einen Vorhang fallen ließ, stand ein Pärchen im zärtlichen Geflüster, so daß die Drosseln und Finken neugierig durch die Büsche lugten und die naseweisen Stare schwatzten und lachten.

Endlich rief Hilde: »Wo sind die schleswig-holsteinischen Gräber? Ich finde mich auf dem Kirchhof nicht zurecht.«

»Ich habe oft Reuters Grab besucht und werde Mentor sein. Man folge mir!« sprach Heimreich. Nach ein paar Minuten blieb er vor einem freien Platze stehen.

»Schiffs-Meier hat doch unsrem Reuter ein schönes Denkmal errichtet und ein Distichon dichten lassen ... das war doch weithin sichtbar und leicht zu finden ... hier muß die Stätte sein, wo die Freischärler, die Helden von Bau bestattet wurden ... allmächtiger Gott ... was ist das hier? Irre ich mich? Alles eine Wüstenei!«

Welch ein Anblick bot sich dem Auge dar! Ein ungeheurer Greuel der Verwüstung war die ganze, weite Grabstätte, als wenn ein Heer von Vandalen gewütet hätte. Die Kreuze kurz und klein zerbrochen, die Obelisken und Denkmäler in viele Stücke zerschlagen, die Grabhügel geschleift und zerstampft, die Blumen und Kränze zerrissen, und das Ganze mit Füßen zertreten, von ruchloser Bosheit geschändet!

Heimreich ahnte und argwöhnte noch nicht die ganze Größe und Gemeinheit dieses Greuels und wehklagte: »Pfui, Pfui, böse Buben und Schurken haben hier gehaust, fanatisches dänisches Pöbelgesindel hat bei Nacht und Nebel die Scheußlichkeit verübt und die schleswig-holsteinischen Gräber geschleift und geschändet. Pfui über die leibhaftigen Teufel!«

Der Totengräber kam vorbei, sah sich nach allen Seiten um, ob kein Horcher und Denunziant in der Nähe sei, und zuckte die Achseln: »Auf höheren Befehl und am hellen Tage ist die Schändung geschehen.«

Heimreich mußte zweimal hinhören, ehe er das Schauerliche zu fassen und zu glauben vermochte, und schrie entsetzt, empört: »Die Tyrannen des Landes, die dänische Polizei und Obrigkeit hat die Gräber geschändet! Ist solche Gemeinheit und Niedertracht einer Behörde denn möglich in dieser zivilisierten Welt? O, schleudert Gott nicht seine Blitze auf die ruchlosen Grabschänder, die eine Scheußlichkeit begehen und die Ruhestätte der Toten zerstampfen? Dänemark, Dänemark, dieser Greuel wird dein Gericht, wird dich verdammen vor Gott und Menschen.«

Bodil war sehr bleich geworden, weinte vor Leid und Zorn und sagte bitter: »Ich schäme mich dessen, daß ich mich eine Dänin genannt habe. Ich sage mich mit Leib und Seele los von einem Volke, das so grauenhaft roh und niedrig handelt, die Gräber seiner Feinde schleift und schändet. Wehe dir, du verblendetes, vom Fanatismus verrohtes Dänemark, du wirst um dieser Schandtat willen Schleswig verlieren.«

Der Kandidat umfing seine Verlobte mit den Armen. »Ich bin entsetzt ob dieses Greuels, aber ich preise auch Gottes Wege und Weisheit ... nun bist du frei und los vom Banne.«

In einem letzten Anfluge von Trotz protestierte Bodil. »Nein, ich bin keine Deutsche und keine Dänin.«

»Was bist du denn, mein Schatz, und wie darf ich dein Nationale nennen?« fragte er schalkhaft.

»Ich bin Nordschleswigerin,« erwiderte sie ernsthaft.

Und Heimreich lachte. »Klein, aber fein ist deine Heimat, und dieses dein Völkchen ist auch mein Völkchen.« Er wußte ja, daß kein starker Mensch, am wenigsten eine Bodil, auf halbem Wege stehen bleiben wird.

Hilde Fangel weinte eine milde Träne und legte ihren Kranz auf die wüste Trümmerstätte, die Reuters Gebeine in ihrem Schoße barg.

Am nächsten Morgen war der Kranz bereits von der Polizeibande fortgenommen und zerrissen worden. Noch auf der Gruft der Feinde wütete der ekle Dänenhaß.

Die hier erzählten unglaublichen Roheiten, die furchtbare, fortgesetzte Grabschändung auf dem Flensburger Friedhofe ist nicht etwa Erfindung und Effekt eines Romanschreibers, sondern eine nackte, historische Tatsache, die noch heute gen Himmel schreit, und die alle Dänen-Anwälte in Germanien sich hinter die Ohren schreiben sollten.

Heimreich reiste mit Bodil nach Hyllerup, um alle Form und Feierlichkeit zu erfüllen, und hielt um Jep Hansens Tochter an.

»Ich habe nur Ja und Amen zu sagen,« meinte der alte Jep, der im Bauernton und -taktgefühl also fortfuhr: »Sie haben die Pastorhoffnung und den Kandidaten-Schniepel an den Nagel gehängt ... nun wollen Sie es mit der Landwirtschaft versuchen und Bauer auf Hylleruphof sein? Sie sind ein Schlauberger, und die hellen Köpfe habe ich gern ... also, ich gehe ins Altenteil.«

Heimreich stand in sehr aufrechter, stolzer Haltung und machte dem Alten den Standpunkt klar. »Nein, ich habe nicht um Hylleruphof angehalten ... verstehen wir uns recht! Ich heirate nicht den Hof, sondern Bodil Hansen, die ich nach Eckernförde heimführen und zur Frau Schulmeisterin machen will.«

Jep kraute sich verdrießlich, denn es war sein höchster Wunsch, daß sein Eidam den Hof übernehme. »Na, dann muß ich verkaufen.«

Den schönen Besitz, den er mit Ziegelstreichen sauer erworben und mit Liebe in langen Jahren ausgebaut hatte, an einen Fremden zu veräußern, war dem Alten ein Seelenschmerz, doch legte der hohe Preis, der für den Hof gezahlt wurde, ein Pflaster auf die Wunde. Jep zog mit seinem vielen, in dänischen Konsols angelegten Gelde – diese Dänen liebte er sehr und haßte sein Eidam nicht – nach Eckernförde.

Ein Paar Lenze und Winter gingen dahin. Die Freudentage kamen, wo der Greis seinen Enkel auf den Knien reiten ließ, Katzen und Hunde mit der Kreide malte und Pferde und Kühe von Holz ihm kaufte. Wenn Bodil eintrat, schlug er sich auf die geliebten Lederhosen und lächelte schmierig: »Die soll Klein-Jep nach meinem Tode erben, daraus kannst du für ihn und noch einen zweiten Burschen ein Paar famose Büxen machen.«

Die Tochter bekreuzigte sich, denn zwischen ihr und den Hirschledernen war Feindschaft geblieben, und die Hosen waren ihr ein Greuel, besonders jetzt, wo die feinen Stadtleute hinter Jep mit seinen Lederbüxen ihre Glossen machten. Der Vater lächelte und prophezeite: »Die Stunde kommt noch, meine Tochter, wo du heilfroh sein wirst, daß du die Lederhosen für den Bengel hast.«

Und die Stunde kam, wo Klein-Jep zum Verdruß der Mutter auf allen Staketen und Treppen ritt und rutschte, in allen Knicks und auf allen Bäumen kroch und kletterte und demgemäß auf allen Hosen häßliche Hinterfenster hatte. Da nahm Jep seinen Enkel heimlich mit zum Schneider, ließ ihm ein Paar Hosen machen und stellte stolz-pfiffig den Burschen, der protzig die Hände in die Taschen der neuen, schönen, wildledernen, unverwüstlichen Höschen vergrub, der Mutter vor, die ihre Hände über dem Haupte zusammenschlug, vergebens an das Ehrgefühl ihres Sohnes – der durchaus und mit dem Eigensinn seiner Mutter von den Ledernen nicht lassen wollte – appellierte, allmählich aber die Nützlichkeit des großväterlichen Geschenks erkennen und anerkennen mußte. –

Was ist von den Verwandten und Bekannten des Fangelschen Hauses zu berichten? Lehrer Lindenhahn hatte schon im Jahre einundfünfzig die Heimat, die ihm vergällt war, verlassen und war mit seinen Kindern nach Brasilien ausgewandert, allwo er in einer jungen deutschen Gemeinde Lehrer und im Nebenamt Pastor wurde, lange Jahre im Segen wirkte und das Deutschtum des Auslandes förderte und stärkte.

Hilde Thorös resp. Olsens Briefe kamen bald aus Moskau oder Bukarest, bald aus München oder Amsterdam, und sogar aus den Städten der Neuen Welt. Sie begleitete ihren Gatten, den berühmten Geiger, der ein Phänomen seiner Zeit war, auf seinem Siegeszuge durch die Welt. Auf einer Kunstreise in Amerika machte Hilde einen Abstecher nach dem wilden Westen, nach Iowa, wo ihr Bruder Klaus bei Davenport als Farmer hauste und von früh bis spät hastete. Er hatte eine etwas schlampige Irländerin als treue Gattin und sechs stupsnasige, nicht sehr saubere Kinder, und alle sechs waren zu seinem Kummer Mädchen, die ja – wie er erklärte – keinen Knecht ersparen und in Amerika nicht viel wert sind. Klaus schuftete für zwei Knechte und sah in seiner ärmlichen Kleidung wie ein geringer Tagelöhner aus, aber er hatte sehr viel Land, viel Vieh, viele Pferde und »plenty« Schweine, um in seinem Jargon zu reden. Obgleich er 800 Aecker besaß, wurde er noch immer von dem Landhunger geplagt, und er sparte alle Tage, um die 240 Aecker des Nachbars zuzukaufen. –

Der einstige Leutnant Bosen hatte sich während des Feldzuges durch tollkühne Bravour und kaustischen Witz so ausgezeichnet, daß er bei Friedrichstadt als Oberst focht und von dänischen Poeten als der Tapferste der Tapferen besungen wurde. Nach dem Kriege ist er sogar Generalmajor in Kopenhagen geworden und jahrelang persona gratissima am Hofe Friedrichs VII. gewesen. Darum soll er bei dem trinkfesten König in sehr hoher Gunst gestanden haben, weil er ein vergnüglicher und der einzige Zechkumpan war, den Seine Majestät nicht unter den Tisch zu trinken vermochte. –

In Schleswig-Holstein war böse Zeit, denn der Däne züchtigte mit Skorpionen. Die Knechtschaft und Schmach währte dreizehn lange Jahre. Aber selbst die ärgste Trübsal hat ein Ende. Der Kanonendonner von Düppel war das Ostergeläut Cimbriens und das Totengeläut der Tyrannei.

Im Jahre 1864 und 65 fand wieder ein großer, sogenannter Pastorenschub in der Nordmark statt, doch es ging nicht, wie Anno einundfünfzig, von Norden nach Süden, sondern umgekehrt von Süden gen Norden. Die vielen Jüt- und Seeländer, die als Pastoren in Schleswig fette Pfründen gefunden hatten, wanderten mit Sack und Pack, mit Weib und Kind nach ihrem teuren Dänemark, das sie mit saurer und sorgenvoller Miene begrüßten.

Da kam die gute, goldene Zeit für die schleswig-holsteinischen Kandidaten, denen einst versprochen worden war, daß sie als Insurgenten bei ihren Lebzeiten in den Landen Seiner Majestät keine Anstellung finden würden. Ja, dänisch sprechende Kandidaten erhielten damals große Pfarrstellen in Nordschleswig.

Heimreich Fangel wurde Pastor in Hyllerup, im schönen Hyllerup und – nach einem kurzen dänischen Interregnum – Nachfolger seines seligen Vaters. Der alte Pastor Fangel hatte sich zu seinen Vätern versammelt und sah die neue Zeit nicht mehr. Aber Frau Gertrud machte in ihrem zweiundachtzigsten Lebensjahre den Umzug nach Hyllerup mit, wohnte bei ihren Kindern und wurde uralt. Vor Freuden weinend, ging sie durch Haus, Hof und Garten, grüßte und nickte, denn alles sah noch mit dem unveränderten, traulichen Gesicht sie an. Nur die Tiere waren neu und unbekannt, der Hofhund, der auf den Namen Holger hörte, wurde schleunigst in Teut umgetauft, und das Huhn, das die Tonleiter sang, war längst eines unnatürlichen Todes gestorben und im Topfe geendet.

Die Großmutter des Pastorats, wie sie im ganzen Dorfe hieß, ging noch mit neunzig Jahren an jedem Sonntag zur Kirche, um ihren Sohn zu hören, sah ein neues deutsches Geschlecht aufwachsen und sprach alle Abende nach dem Abendgebet:

»Gott wolle uns behüten,
Daß wir nicht werden Jüten,
Daß wir nicht werden Dänen,
Davor bewahr' uns gnädig, Herre Gott!«

 << Kapitel 18 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.