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Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
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Siebzehnter Abschnitt.

Die blutige Farce und das traurige Finale des Kampfes.

Der unselige Berliner Waffenstillstand war endlich abgelaufen. Die Großmächte hatten monatelang, ohne das Land selbst zu fragen, über Schleswig-Holsteins Schicksal verhandelt, Noten gewechselt, Ränke gesponnen, Tinte verschrieben und doch keine Entscheidung gefunden. Die schwarze Diplomatentinte war umsonst geflossen, darum sollte das rote Soldatenblut strömen und das endgültige Gottesurteil über Cimbriens Zukunft fällen. Man überließ es dem Anscheine nach den beiden Todfeinden, allein den Strauß auszufechten, das Königreich und die halb so großen Herzogtümer mochten unter sich den ungleichen, erbitterten Kampf zum Austrag bringen; das Schwert sollte das letzte Wort sprechen und den Schiedsspruch fällen. Preußen kreuzte die Arme auf der Brust und rief sehr unbrüderlich seine Offiziere zurück, um dem Bruder im Norden keinen Vorschub zu leisten. Auch Bonin ging verärgert und schied schweren Herzens von seinem Heer; der Soldat hatte den leutseligen General lieb gewonnen und fragte in banger Ahnung: Wer wird uns führen in die Schlacht?

Das kleine, schmale, meerumspülte Land stand auf sich und seine Kraft allein und ging ohne Zagen, kaltblütig dem letzten, verzweifelten Ringen entgegen. Noch einmal, im dritten Kriege, brauste das alte Kampf- und Trutzlied vom Belt bis zur Elbe, nicht mehr so hell, herrlich und hochgemut, sondern dumpfer, drohender, verbissener tönte und toste es: »Schleswig-Holstein stammverwandt, harre aus, mein Vaterland.« Eine große Begeisterung lohte im Lande, ein wahrer furor teutonicus beseelte das Heer – dieser Heldenzorn, diese Heldenschar wäre unbesiegbar gewesen – alle Augenzeugen sahen und sagen es –, wäre Sieger geworden, wenn sie einen Führer und Feldherrn gehabt hätte. Wenn nur der eine ganze Mann in großer Stunde nicht gefehlt hätte, so wäre die Geschichte anders verlaufen und eine dreizehnjährige Schmach der deutschen Nordmark und dem ganzen Deutschtum erspart geblieben. Die Regenten des Landes wählten in einer unseligen Stunde den gut empfohlenen General von Willisen, einen tüchtigen Theoretiker vom reinsten, aber grauesten Wasser. Er fing sofort an, seine Steckenpferde zu reiten, zu theoriesieren und organisieren, verwarf die Anordnungen seines Vorgängers, bildete Riesenbataillone, änderte das Exerzier-Reglement, die Marschordnung, die Aufstellung, und das alles in atemloser Hast und so kurzer Zeit, daß die durcheinandergeworfenen Mannschaften gar nicht in die Neuerungen sich hineinzuleben vermochten. Darum wurde seine Neuordnung in Wirklichkeit eine verhängnisvolle Desorganisation, und das kurz vor dem Kriege, wo der Feind vor der Tür stand. Der Holste hängt am Alten und liebt die Neuerungen nicht, das Heer hatte kein Vertrauen zu dem fremden Reformator, der bei den Besichtigungen kaum um den Zustand der Waffen, geschweige denn des Fußzeugs sich kümmerte. Seine Soldaten haben ihn, der seine unheilvolle Tätigkeit durch schwächliche Unschlüssigkeit krönte, bis auf diesen Tag verwünscht. Die letzten alten Veteranen jenes Krieges, die jetzt allmählich zum letzten Appell sich sammeln und mit leuchtenden Augen vom General Bonin erzählen, werden düster blicken, so oft sie Willisens Namen mit Wegwerfung nennen.

Was seine Schuld und Schwäche vergrößert, ist die Tatsache, daß diesem Feldherrn das größte und beste Heer, das Schleswig-Holstein in allen drei Feldzügen besessen hat, anvertraut wurde, ein Heer von 27 000 Mann, das richtig geführt ohne Zweifel die 40 000 Dänen geschlagen hätte, denn es hatte bei Idstedt schon auf beiden Flügeln den Feind geworfen, als der kopflos ängstliche Willisen zum Rückzug blasen ließ.

Leutnant Fangel marschierte am 14. Juli 1850 mit seinem Jägerkorps und der ganzen Armee von Rendsburg nach Schleswig. Die Hitze war unerträglich. Obgleich es nur ein Weg von dreieinhalb Meilen ist, wurden viele schwach und krank von der schwülen, hierzulande unbekannten Tropenglut. Junge, starke Männer, besonders von der frischen, im Marschieren ungeübten Mannschaft, stürzten, wie die Fliegen im Herbst. Jedes Bataillon hatte erschreckend viele Marode und auch Gefallene, die der Sonnenstich getroffen hatte. Es war ein furchtbarer Anblick, wenn ein kräftiger Soldat plötzlich taumelte, nach kurzem Schwanken die Arme hoch warf und mit einem Aufschrei, vom Sonnenpfeil wie von einer Kugel getroffen, hinfiel, es war erschütternd zu sehen, wie sie an der Landstraße hingestreckt lagen in einer Menge, als ob eine Schlacht die Truppe dezimiert hätte.

Heimreich war mutig, siegeszuversichtlich ausgezogen. Aber diese Todesernte der Sonnenschlacht entsetzte ihn, wie ein böses, bängliches Omen, wie ein Menetekel am blauen, brennenden Himmel. Eine traurige Ahnung fuhr ihm durch Mark und Bein und hat seine Seele nicht mehr losgelassen. Zwar wies und stieß er das Angstgefühl als dummen Aberglauben von sich, und dennoch hörte er den schweren Schritt des Schicksals, im Stöhnen der von der Sonne Erstochenen hörte er eine Vorbedeutung und Vorwarnung, eine Wehklage, daß Gott sein Urteil gesprochen und sein Volk verlassen habe.

Die guten Bürger und besonders die Bürgerinnen der Stadt Schleswig standen mit allen möglichen Gefäßen in Parade auf der ganzen, langen Straße – und die hat eine Länge! – und erquickten mit kühlen, köstlichen Getränken die verschmachteten Krieger. Von jedem Hause wehte die blau-weiß-rote Fahne, zumeist in ungeheurer Länge und Breite, und die zahllose Menschenmenge sang von einem Ende der Stadt bis zum andern den Choral des Landes: »Harre aus, mein Vaterland.«

Der Onkel Brodersen holte seine beste Flasche Wein aus dem Keller und stieß mit seinem Neffen an. »Ich wollte eigentlich auch mitgehen, aber Mutter betrachtete mich spinös und meinte: Wenn du mit deinen alten Knickebeinen kommst und ein Kuhbein forderst, so lachen sie dich ja aus, mein Alter. Ihr Jungen müßt es nun machen, aber ganze Arbeit, und so gründlich den Hannemann verhauen, daß er sich kratzt und nicht wieder kommt!«

Der junge Mann gab dem alten Optimisten eine recht pessimistische Antwort: »Und wenn wir den Feind nach Jütland, ja nach seinen Inseln werfen, so werden die Großmächte, denen Dänemark von Legitimität und Aufruhrunterdrückung die Ohren vollheult und vollügt, uns in den siegreichen Arm fallen, oder gar unser großer Bruder Preußen wird uns das Schwert entwinden.«

Der Onkel schrie förmlich: »Das wäre ja eine unmenschliche, unmögliche Niedertracht!« Und die Tante schlug die Hände und beinahe auch die Füße über dem Kopfe zusammen. »Nein, solche Gemeinheit gibt es ja gar nicht.«

Nach einem Jahre war die Gemeinheit Wirklichkeit geworden.

»Wir werden unsere Pflicht tun,« sagte der Neffe mit fester Stimme, »und ich werde fallen ... aber wer stirbt, wird nicht das Ragnarok, das finis Holsatiae, das Ende des Vaterlandes sehen.«

»Sohn meines Schwagers, deine Schwarzseherei ist doch nicht Bangbüxerei?«

Der Leutnant hörte es nicht und war in eigenen Gedanken stehen geblieben. »Ich will noch ein Paar Abschiedsbriefe schreiben, die besorgst du mir, wenn ... wenn ...«

Er schrieb an seine Eltern und an Bodil. Wieviel hatte er ihr zu sagen! Ein Todgeweihter darf ja alles von der Seele herunterschreiben. –

Bis Idstedt, eine Meile von Schleswig, ging der Marsch. Das Heer wollte kämpfen, Willisen hätte sich unbedingt auf den Gegner stürzen müssen, ehe dieser seine zwei Armeen, die von Alsen und die von Jütland, vereinigt hatte. Aber unschlüssig hin und her schwankend, ob er die Offensive oder Defensive ergreifen solle, blieb der Unselige hier volle acht Tage nutzlos stehen. Er wählte zwar, tüchtig in der Theorie, eine vortreffliche Stellung – das muß sein Feind ihm lassen –, aber in der Praxis und der Tat versagend, nutzte er die Woche nicht aus, um seine gute Stellung zu verschanzen und völlig uneinnehmbar zu machen. Nein, er ließ eifrig Marschübungen machen, obgleich er gar nicht marschieren, sondern stehen bleiben wollte.

Der 25. Juli, der dunkle Tag Schleswig-Holsteins, brach trübe an, ein feiner, die Aussicht verhindernder Regen fiel. Ein Unstern allerdings, aber hundertmal mehr unverzeihliches Ungeschick waltete an dem blutigen Tage und führte das böse Ende herbei. Noch in der Morgenfrühe der Entscheidung pendelte Willisen kläglich hin und her, gab den Befehl zur Offensive, bereute ihn und beschloß, sich zunächst defensiv zu verhalten, um bei gelegener Zeit zum Angriff überzugehen. Feuerfanale sollten den drei Heeresteilen, den beiden Flügeln und dem Zentrum, das Flammenzeichen zur Attacke geben. Als es endlich soweit war, wollten sie beim Regen nicht brennen, Boten jagten hin und her, die Brigadekommandeure erhielten unaufhörlich einander widersprechende Befehle, und die Verwirrung, die Planlosigkeit, die Katastrophe war da. Und trotz dieser miserablen Führung, trotzdem jede feste, einheitliche Oberleitung fehlte, fochten die Schleswig-Holsteiner so wacker und mutig, daß die zwei Heeresteile, die Flügel, die Dänen schlugen und Sieger waren. Nur das Zentrum holte sich keinen Ruhm und lief aus dem Dorfe Idstedt. Weil Willisen gerade dort von der Höhe des Hünengrabes aus die Schlacht, nicht etwa leitete, nein nur beobachtete und zwei Bataillone mit junger, im Kriege ungeübter Mannschaft weichen sah, weil er alles mögliche, auch eine dänische Umgehung im Westen befürchtete, wurde er kopflos, von Gott und jedem guten Geist verlassen. Der unbegreifliche, entsetzliche Tor, der schon mit einer vollen Hand den Sieg hielt, ließ zur Retraite blasen. Das kann ihm nie verziehen werden.

Fangel und seine Jäger hatten von der Frühe an auf dem linken Flügel um das Böckholz gekämpft. Dreimal hatten die Dänen mit frischer Mannschaft das Gehölz erstürmt, aber dreimal wurden sie herausgeschlagen. Da stürzte der General, der edle Graf Baudissin, verwundet vom Pferde, voll Leichen lag das Feld, und hinter der Front fuhren langsam in langer Reihe die Wagen, voll von Stöhnenden und Sterbenden, nach Süden gen Schleswig.

Plötzlich schmetterten in der linken Flanke feindliche Signale, die Dänen dringen zum vierten Male so unvermutet, schleunig und geschlossen vor, daß jene scheußliche Panik, die unheimlich-unerklärlich selbst das beste Bataillon packen und wie eine unsinnige Hammelherde plötzlich hinreißen kann, die nächsten deutschen Rotten ergreift und fortreißt.

Fangel springt auf den Knick hinauf, reißt den Tambour zu sich empor, läßt ihn aus Leibeskräften »Sammeln« schlagen, schwenkt seinen Degen hoch in der Luft und brüllt mit Löwenstimme: »Ha-a-lt! Dort ist der Feind! Hurra!«

Die Herde stutzt, die Fliehenden stehen, die Besten kehren um und fällen die Bajonette, die anderen folgen und schreien Hurra.

Alle feindlichen Schüsse konzentrieren sich in dem Augenblick auf die beiden, den Leutnant und den Tambour, die oben auf dem Knick wie eine Zielscheibe stehen. Selbst ein mäßiger Schütze kann aus solcher Nähe kaum vorbeitreffen.

Heimreich hat ein Gefühl, als wenn er ein paar Stockschläge bekäme, purzelt vom Knick herunter und liegt auf dem Grunde. Er glaubt, daß er gestolpert sei, und will auf die Füße springen, bricht aber mit einem Wehlaut unter gräßlichen Schmerzen zusammen und sieht, daß seine Hose eine breite, rote Biese bekommen hat – von seinem Blut.

Vier seiner treuen Jäger tragen ihn auf ihren Gewehren hinweg, der Transport ist eine schauerliche Qual, ein Gefühl, als wenn sein Körper mitten durchgebrochen und seine Eingeweide durchgerissen werden. Er verliert das Bewußtsein. Die Ohnmacht ist das Narkotikum der Menschennatur, das den unerträglichen Schmerz betäubt.

Heimreich erwacht einen Augenblick und hört, wie die Seinen »Viktoria« rufen. Das Siegesgeschrei ist sein Wiegenlied, er schließt die Augen und schläft in Bewußtlosigkeit, so daß er die Stimme, das Todesurteil des Arztes nicht mehr hört: »Sehr schwere Blessur! Totale Fraktur des Oberschenkelknochens, dicht am Gelenkhals! Der Leutnant wird nicht lange leben.«

Der todwunde Mann weiß nicht, wie er nach Schleswig gekommen ist, und sieht verwundert sich um, als er in einem hohen Zimmer des Schlosses Gottorp am Spätnachmittag die Augen aufschlägt. –

Der Generalstabsarzt der Armee, der bekannte Professor Strohmeyer, kam zu dem schwerverwundeten Offizier und untersuchte ihn, so gründlich in den Schußkanal hineinfahrend, daß der Patient aufschrie und noch einmal in Ohnmacht fiel. Als Fangel zum Bewußtsein kam, flüsterten zwei Aerzte am Bettende und verstummten sofort, was ihm verdächtig erschien, so daß er, allerdings umsonst, die volle Wahrheit zu wissen verlangte. Erst nach Monaten erfuhr er den Inhalt des Gespräches. Der Arzt schlug die Amputation des Beines als einzige Rettung vor, Strohmeyer aber erklärte bestimmt, eine Exartikulation in der Hüfte habe noch keiner überlebt: »Daher wollen wir ihn ruhig sterben lassen, da er doch schwerlich leben kann.«

Ein Krankenwärter saß am Bette, um durch Eisblasen die Geschwulst zu kühlen, ein starkes Morphiumpulver lag auf dem Tische, um den Todeskampf zu erleichtern. Heimreich hörte, daß eine Infanterie-Abteilung auf dem Schloßhofe Halt machte und eilig hin und her lief, daß schwere Batterien auf dem Damme rasselten. Auf den Korridoren fingen die Leute zu rennen an, der Wärter verschwand unter dem Vorwande, frisches Eis holen zu müssen, um zu erfahren, was los sei, und kehrte mit ganz verstörtem Gesicht zurück. »Her-r-r, die Unsern sind im vollen Rückzug ... in einer Stunde werden die Dänen hier sein, das Schloß wird schon ausgeräumt ... darf ich mitlaufen?«

Der Leutnant konnte es nicht glauben und schrie den armen Kerl an: »Hundsfott, du lügst! Wir hatten ja gesiegt.«

Ein Unteroffizier trat mit zwei Mann ein und meldete: »Unsere Armee geht nach Rendsburg, ich habe den Auftrag, Sie, wenn Sie es wünschen, auf den Wagen hinunterzuschaffen ... wir tragen Sie auf der Matratze hinunter.«

Da wurde es schwarz vor Heimreichs Augen, alles stockschwarz, das letzte Licht erlosch, das Vaterland war verloren. Nun mochten die Todesschatten ihn umfangen.

»Sollen wir Sie heben?« fragte der Unteroffizier.

Strohmeyer stürzte ins Zimmer. »Der Herr Leutnant ist nicht transportfähig ... ich bleibe hier bei den Schwerblessierten ... und Er da fährt fort, Eisblasen aufzulegen, sonst soll Ihn der Henker holen.«

Da gab's kein Widersprechen. Heimreich faltete die Hände, dachte an Vater und Mutter, an die Geliebte, an Hilde, an seinen Gott und Herrn und erwartete ergeben den Tod, das Ende all des Jammers.

Gewehrfeuer knatterte im Parke, die letzten Schüsse der Idstedter Schlacht. Ein Bataillon zog unter dem Fenster vorbei, schwermütig klangen die trotzigen Töne: »Schleswig-Holstein meerumschlungen.« Der todwunde Mann weinte in die Kissen.

Mit einem Male war alles unheimlich still, das ganze Schloß wie ausgestorben, alles war geflohen. Dann polterte es auf den Korridoren. Ein gedrungener Herr in beschnürter Uniform, ein Dänen-Kapitän, spreizte sich vor dem Bett, und ein zweiter Herr, ein dicker Dänenarzt, fragte: »Was fehlt Sie?«

Fangel erklärte kurz in korrektem Dänisch, wie schwer seine Wunde sei.

»Ah, ein Insurgenter aus Südjütland!« Die beiden tauschten einen höhnischen Blick.

Doktor Strohmeyer, der brave Generalarzt, der bei seinen schwerverletzten Kranken geblieben war, trat durch die Tür und sagte befehlend: »Ihre Vorposten haben den Eiskeller besetzt, wir müssen sofort Eis für unsre Blessierten haben.«

»Sie habben gaar nix mehr su sagen hier ... ick, ick bin Herr Oberarzt auf Gottorp.«

»Wer sind Sie? Ich bin Professor Strohmeyer, ein Mediziner von europäischem Ruf ... haben Sie schon mal von dem gehört ... und wer sind Sie?« fuhr Strohmeyer den Dicken an, der lächerlich verblüfft wurde und schnell verschwand, um nicht mehr sich erblicken zu lassen.

Der Wärter flößte dem Kranken eine Tasse Bouillon ein. Heimreich fühlte sich ein wenig erquickt und sah, wie durch einen Nebel, einen anderen dänischen Offizier. Die Stimme, die »Guten Abend« sagte, klang ihm bekannt und fing grob-freundlich an: »Na, Sie Insurgenten-Hauptmann, kennen Sie nicht den alten Fuchsjäger aus Hyllerup?«

»Fuchs – Fuchsschwänzer?«

»Auch das! Haha!«

»Ah, Herr Kapitän Bosen?«

»Nee, Oberstleutnant Bosen.« »Ah! Oberstleutnant! Daß Sie zu den Dänen gingen, hat sich gelohnt.«

»Ja, ich hatte mal Glück im Spiel, im Kriegsspiel.« Der alte Abenteurer, der durch Bravour und Fortuna im Feldzuge zur Geltung gekommen war und durch seinen kaustischen Witz und seine große Trinkfestigkeit König Friedrichs Gefallen und Gnade gefunden hatte, lächelte mit dem kleinen Auge und schaute sehr mitleidig-menschlich-gerührt auf den armen Schwerblessierten herab. »Ich möchte nett und gut gegen Sie sein, mein lieber Fangel, denn Ihr Vater hat mir aufs Pferd geholfen.«

»Wir sind ja quitt ... die Flensburger Rechnung wurde ja bei Friederiz beglichen.«

»Nee, mein Konto ist noch schwer belastet. Ich schulde Ihrem Vater ein paar hundert Taler und noch viel, viel mehr, was ich nie abtragen kann. Hier sind hundert als Abzahlung, den Rest ein andres Mal. Gestern abend karteten wir ein bißchen hinter Helligbeck, ich hatte Fortuna ... und Sie können jetzt den Hunderter gebrauchen.«

Bosen, der offenbar in der dänischen Armee großes Ansehen genoß, gab Befehl, daß auf den Kandidaten aus Hyllerup, wie er Heimreich nannte, jede Rücksicht genommen werde, und das dänische Militär auf Gottorp hat den Insurgenten-Leutnant wie einen Offizier seiner eigenen Armee behandelt.

Am nächsten Morgen schien die Sonne so hell und lustig, als wenn's den Himmel und die Sonne gar nichts angehe, daß Hunderte ihr Leben verhaucht, daß ein ganzes Volk seine Hoffnung, seine Freiheit, seinen Frieden verloren hatte.

Strohmeyer wunderte sich, daß der Patient noch lebte, untersuchte den Schenkel und runzelte die Stirn. »Wenn wir nur die Kugel hätten!«

Da zog der Wärter das Bettuch zurecht, etwas Hartes fiel klappernd auf den Estrich. Das war die Kugel, ein kleinwinziges Ding, das so viel Unheil und Schmerz angerichtet hatte.

Bosen kam und erkundigte sich nach dem Befinden seines jungen Freundes und erzählte von der gestrigen Schlacht in seiner offenen, drastisch wahren Weise: »Ihre Führung war miserabel, aber unsere war bei meiner Seel' ebenso schlecht, nur unsre »Jense« gingen wie noch nie ins Feuer, und Ihre Kerle haben sich wie die Löwen geschlagen ... hätten Sie einen Bonin gehabt statt des Willisen, dann wäre es uns gestern übel ergangen. Unser General hatte, so wahr ich lebe, schon die Verwundeten nach Flensburg geschafft und alle Anordnungen zum Rückzuge getroffen, als er plötzlich sah, daß Ihr Willisen verrückt geworden war und seine herrliche Stellung selbst aufgab ... der Esel, der Esel! Da gingen wir natürlich mit Hurra wie die Helden vorwärts und nahmen das Schlachtfeld, das sie verlassen hatten.«

Die Schlacht bei Idstedt ist in der Tat ein Treppenwitz der Welt- und Kriegsgeschichte, eine blutige, mit allzuviel Menschenblut bezahlte Travestie und Posse der Feldherrnkunst, ein bizarrer, grotesker Sarkasmus des Schicksals. Auf ihrem linken Flügel hatten die Schleswig-Holsteiner unter Baudissin gesiegt, auf dem rechten hatte der Held von der Horst das Dorf Oberstolk erstürmt, die Dänen völlig zersprengt, ihren General Schleppegrell getötet, der Sieg auf beiden Flügeln war so groß und gewiß, daß der dänische Obergeneral von Krogh entsetzt seine gen Westen gesandte Umgehungsbrigade schleunigst zurückrief und zum Rückzuge sich anschickte.

Zwei kleine Umstände wenden das Blatt, schlagen, richtiger gesagt, Willisen mit Blindheit. Der kühne Sturm von der Horsts wird von dem unfähigen Aberkron nicht unterstützt, und, was noch verhängnisvoller wirkt, Willisen, der auf dem Hünengrabe die Bataille, nur die Mitte, beobachtet, sieht, wie sein dreizehntes Bataillon – das unglückliche dreizehnte! – Idstedt stürmen soll, aber vor der Uebermacht flieht, das vierzehnte Bataillon mit sich reißt und erst am Gehölz zum Stehen gebracht wird. Der Anblick, der eine kleine Mißerfolg, den er sieht, entmutigt den Schwächling, der in seiner Aengstlichkeit jetzt überall Gespenster wittert und im Westen umgangen zu werden befürchtet, trotzdem seinem Gegner Krogh noch tiefer das Herz in die Hosen gesunken und die Umgehungsbrigade im vollen Rückzug ist. Ein paar gewaltige Feldherren und Helden, wie sie Mars in seinem Zorn erschuf, standen sich hier gegenüber. Es ist zum grimmigen Lachen, wenn es nicht zum Weinen, zum Wüten wäre: Beide Generale stehen auf dem Sprunge, die Retirade zu befehlen, aber Willisen, der an Torheit noch größere Mann, der gesiegt hat, gibt den Befehl eine Viertelstunde früher, als sein Gegner, und verliert den Sieg, den seine Krieger halten. Dieser Tor hat noch die brillante Stellung am Idstedter Gehölz, hat noch alle seine Bataillone, alle seine Geschütze, hat auf beiden Flügeln den Erfolg in Händen und läßt aus Bestürzung, Unwissenheit und Angst zum Rückzug blasen. Die Dänen sehen zu ihrem gaffenden Erstaunen den Rückmarsch der Feinde und besetzen die von jenen aufgegebene Stellung – das ist der Sturm auf Idstedt, der, wie die ganze Schlacht, die lächerlichste Feldherrnfarce der Kriegsgeschichte ist.

Willisen ist von der Geschichte verurteilt, von seinem Heer, das einen besseren Führer verdiente, von seinen Veteranen bis heute verwünscht worden. Hätte ein andrer, ein Horst oder Bonin, auf dem Hünengrabe gestanden, so wäre wahrscheinlich unser Vaterland nicht durch dreizehn tiefe Trübsalsjahre gegangen. –

Heimreich litt furchtbare Schmerzen in dem gebrochenen Schenkel bei der geringsten Bewegung und biß die Lippen zusammen, um Mann zu bleiben; aber der keine Träne zeigte, weinte in einsamen Stunden um sein verlorenes Vaterland, dem jetzt der Däne den Fuß auf den Nacken setzte. Heftige Wundfieber, wilde Phantasien wühlten seine Seele auf. Er erkannte nicht die zarte Pflegerin, die an seinem Lager weilte und das Eis wechselte. Seine Schwester war, von Bosen benachrichtigt, aus Hyllerup herbeigeeilt, der Oberstleutnant hatte sogar ihr das Nebenzimmer im Schloßlazarett herrichten lassen und mit Kourtoisie jeden Beistand ihr geleistet. Hilde wachte und wartete auf das fieberfreie Erwachen des Bruders.

Da huschte noch eine weibliche Gestalt auf leisen Zehen durch das hohe Schloßgemach und saß, über den bleichen Kranken gebeugt, am Bette. Bodil hatte dem Drange des Herzens gehorchen müssen und ohne Wissen der Hylleruper die Reise nach Schleswig gemacht, um den Geliebten zu sehen. Sie kannte noch besser als die Schwester die Lebensgefahr und die Stunde der Krisis und betete inbrünstig und blieb in Hangen und Bangen Tag um Tag, obgleich der Vater ihr nur vier Tage bewilligt hatte in dieser hildesten Zeit.

Die Phantasien des Kranken wurden friedlicher, Heimreich träumte, die Leute stünden auf dem langen Lollfuß und lachten ihm zu: Ei, wie gut können Sie schon auf Krücken laufen!

Plötzlich eines schönen Augustmorgens hatte er klare Augen, der Arzt sagte befriedigt: »Vielleicht wird unser Leutnant ein zu kurzes Bein behalten, aber die Krisis und Lebensgefahr ist vorüber.«

Da sah Heimreich einen guten Geist durchs Zimmer schweben und traute seinen klaren Augen kaum, und der Engel beugte sich über ihn und küßte mit Inbrunst, ja mit Andacht seine weißen Lippen, denn es war ein Gottesdanken, und er flüsterte, wie in einem seligen Traume: »Bodil ... meine Bodil.«

Noch einen halben Tag hielt sie seine Hand, sah er ihr Antlitz, hörte er ihre Stimme. Dann war ihres Bleibens nicht mehr, der Vater bedurfte längst ihrer in der Erntezeit, die Pflicht befahl ihr die Heimkehr nach Hyllerup.

Der Leutnant Fangel, der jetzt wieder in den Kandidaten sich verwandelte, genas langsam von der schweren Wunde, war aber nicht mehr felddienstfähig und konnte keinen aktiven Anteil an dem tieftraurigen Finale des Krieges und dem Todeskampfe seines Vaterlandes nehmen. – – –

Kein Mensch in Hyllerup ahnte, wo Bodil gewesen sei, nur Jep Hansen wußte es und fragte nach der Rückkehr seine Tochter mit pfiffigem Gepliere: »Nun darf ich wohl aufs Altenteil gehen?« Nein – nein war die energische Antwort.

Sie ging ihrer gewohnten Tätigkeit nach und klopfte eines Abends leise auf den Busch mit der Frage: Was Hylleruphof bei den jetzigen guten Preisen wohl wert sei? Jep kraute sich heftig am Kopfe und schien es nicht zu hören, denn sein Hof war ihm ans Herz gewachsen.

Auch ein anderer, Klaus Fangel, hatte eine tiefe, stille Liebe für den schönen Hof und betrachtete oft, wenn er über Feld schlenderte, mit wahrer Andacht die prächtigen Weizenfelder von Hylleruphof. Heute zog er sich noch besser an als sonst, bürstete sein Haar und ging mit einem feierlichen Gesicht und einem festen Entschluß fort, um Jep Hansen zu besuchen. Obwohl er von Bodils Abwesenheit wußte, kam ihm gar nicht der Gedanke, daß sie in Schleswig gewesen sei; denn in Hildes heutigem Brief hatte nichts von dem Geheimnis gestanden. Bisher hatten die Nachrichten ungünstig gelautet, heute jedoch mit einem Male hatte das Lied ganz anders, ganz hoffnungsvoll und zuversichtlich geklungen, und das war ihm eine bedenkliche Melodie gewesen. Nach seiner Ueberzeugung konnte Bodil von der Besserung noch nichts ahnen, sondern sie mußte den Kandidaten für einen Todeskandidaten halten nach allem, was er ihr berichtet hatte. Darum mußte Klaus heute handeln, ehe sie das neueste Bulletin erfuhr, und das Jawort sich holen.

Jep bot dem Gaste den Tabakskasten, um sich die Pfeife zu stopfen.

»Nein, ich danke, ich mag weder rauchen noch essen,« sagte Klaus tiefbetrübt und wischte sich die trockenen Augen.

»Warum denn nicht?«

»Mein armer, armer Bruder liegt im Sterben ... o wäre der unglückliche Mensch doch nicht mit den Aufrührern gegangen!«

Bodil hatte große, unergründliche, aber durchdringende Augen. »Haben Sie schlimme Nachrichten bekommen?«

»Ja ja, es geht zu Ende ... es wird in diesem Augenblick schon mit ihm zu Ende sein.« Klaus wischte.

Jep schielte putzig-verstohlen nach seiner Tochter hin und summte: »Ist ja schlimm, sehr schlimm ... ich muß wohl kondolieren ...«

»O, ich bin untröstlich.«. Klaus schluchzte die Worte heraus. »Mein guter, lieber, einziger Bruder! Sie ... Sie haben ihn auch geschätzt und geliebt, Fräulein Hansen ... ja, ich weiß es ... wir alle haben ihn geliebt ... könnten ... könnten wir beiden nicht einander trösten? Sie ... Sie wissen, daß ich Sie lange gern gehabt, aber aus Bescheidenheit geschwiegen habe ... Jep Hansen, wollen Sie mir nicht die Hand Ihrer Tochter geben? Bodil, können Sie es nicht mit mir versuchen, jetzt, wo mein armer Bruder tot, so gut wie tot ist?« Klaus weinte und wollte Bodils Herz erschüttern.

Sie war einen Augenblick sprachlos, faßte sich aber bald und richtete sich hoch auf. Ihre Stimme hatte den stahlscharfen, stahlhärtesten Klang. »Eine Hoffnung auf meine Hand, d. h. auf meinen Hof, kann ich Ihnen nie und nimmer geben ... aber eine andere und schöne Hoffnung bringe ich Ihrem tiefbetrübten Bruderherzen ... Ihr Bruder Heimreich wird gewiß und fürwahr und von allen Aerzten verbürgt gesund und munter werden und auf zwei Beinen laufen.«

»Wa-as ... wa-as sagen Sie?«

»Ich weiß es aus bester Quelle, ich bin nämlich in Schleswig im Lazarett acht Tage gewesen und komme eben zurück ... ich soll Sie viel – vielmals von Ihrem lieben Bruder grüßen.«

Der unglückliche Freiwerber ging wie ein begossener Pudel von dannen und hat nie wieder auf Hylleruphof sich blicken lassen. – – –

Nach dem »Siege« auf der Idstedter Heide erhoben die Kopenhagener ein indianisches Siegesgeheul, obgleich der ganze Erfolg ein blutiger Witz der Weltgeschichte gewesen war; ins Grenzenlose und Groteske schwoll den Dänen der so wie so nicht kleine Hahnenkamm. Jetzt endlich konnten sie an den verhaßten, von Deutschland verlassenen Insurgenten ihr Mütchen kühlen, an den besten und treuesten Söhnen Schleswig-Holsteins erbärmliche Rache nehmen und durch Konskriptionen und Verbannungen hunderte von hochachtbaren Familien in Unglück, Armut und Landflüchtigkeit stürzen. Nun lähmte keine Furcht vor bösen Folgen die Eiderdänen, die gleich nach Idstedt ihr schändliches Verfolgungs- und Vertreibungswerk anfingen. Nordschleswig war das Feld, das sie zunächst verdänen und von allen guten Deutschen säubern wollten. Gerade die edelsten, charaktervollsten Männer der Grenzmark, die nie vor den Kopenhagener Kreaturen geschwänzelt und geheuchelt hatten, wurden die ersten Opfer der Dänenrache.

Pastor Fangel hatte die Ehre, einer dieser ersten Ehrenmänner und Märtyrer ihres Deutschtums zu sein. Im Pfarrhause herrschte nach der Niederlage jener hoffnungslose Schmerz, der in jedem Hause Schleswig-Holsteins trauerte und in Schwarz sich kleidete. Alle fühlten, daß das Verhängnis, die Vertreibung kommen werde.

An einem trüben Novembertage kam der schwarze Amtsbrief, der mit ein paar Zeilen kurz und grob besagte: Der Pastor Sutor Fangel ist hiermit seines Amtes entledigt worden. Entledigt, von Haus und Hof gejagt, ohne Untersuchung, Spruch und Urteil, ohne Gericht, Recht und Gerechtigkeit, kraft des Faustrechts und der Gewalt!

Jep Hansen und seine Tochter und – zu ihrem Ruhme sei's gesagt – viele der besten Bauern waren über diesen Gewaltakt empört. Bodil ließ sogar eine Petition zirkulieren und unterschreiben und überreichte, mannhaft wie sie war, eigenhändig dem Amtmann das Schriftstück, darin die Unterzeichner baten, ihren guten Pastor, der dreißig Jahre lang der Gemeinde ein treuer Seelsorger gewesen sei, im Amte zu belassen. Umsonst! Der Geheime Konferenzrat hielt ihr eine entgegengesetzte, insgeheim entstandene Petition, darin Rolf Krake und Genossen einen dänischen Pastor für die dänische Gemeinde erbaten, unter die Augen und lachte spöttisch.

Von dem Tage an hatte Bodil von dem Volke noch mehr zu leiden, die Südjüten riefen auf der Gasse Schimpfworte ihr nach, und die Weiber bewarfen die »deutsche Insurgentenbraut« mit unglaublichen Gemeinheiten. Das hat natürlich die Entfremdung vergrößert, die Kluft, die zwischen dem Fräulein Hansen und den Dänen entstanden war, wurde breiter und tiefer von Tag zu Tag.

Am 1. Dezember 1850 ließ der Pastor all sein landwirtschaftliches Inventar auf öffentlicher Auktion versteigern. Klaus saß finster, aber aufmerksam in einer Ecke und notierte jedes Höchstgebot, um den Auktionator zu kontrollieren. Die Pfarrfrau hatte von jedem Stück in Haus und Stall, in Hof und Garten mit Tränen Abschied genommen und saß weinend im Studierzimmer, wo ihr Gatte tröstend ihre Hände streichelte.

Jeden Ruf hörte sie, jeder Schlag des Hammers traf ihr Herz. »Die rotbunte, trächtige Kuh neunundvierzig Taler zum zweiten ... keiner mehr?«

Ihr Körper zuckte. »O, das war unsre beste Milchkuh.«

»Sechs Hühner und ein Hahn zwei Taler und sechzehn Schilling zum zweiten, zum dritten.«

Die Pastorin schluchzte laut. »O, o, nun wird das Bosen-Huhn, das die Tonleiter singen kann, verkauft.«

Die Versteigerung brachte bittere Tränen, aber einen guten Erlös. Jep Hansen hatte wacker geboten, die Tiere und Geräte hochgebracht, blieb freilich mit diesem und jenem Stück recht teuer hängen und kraute sich hinter dem Ohr: »Au, datt wär, weet Gott, ken Presterhannel.« Dennoch schmunzelte er pfiffig-vergnüglich dabei, dachte an seine Tochter, die ihn geschickt hatte, und in seinem tiefstillsten Sinn: »Datt blifft ja in de Familie.« –

Klaus zählte noch einmal die eintausendachthundert Taler, die der Auktionator gebracht hatte, legte sie zögernd vor den Vater hin, konnte den Blick von dem Papier- und Silberhäuflein nicht losreißen und seufzte: »Was soll nun aus mir werden? Ich habe umsonst gearbeitet.«

»Umsonst? Du hast doch vom Ertrage deiner Arbeit einen Batzen dir erspart, was lobesam ist.«

Auf das schwieg der Sohn, als wenn er das diskrete Thema nicht weiter verfolgen wolle.

Der Vater zählte Geld ab, rechnete und sann und sagte: »Ich will ganz gerecht sein und unser Vermögen in vier gleiche Teile teilen mit warmer Hand, deiner Mutter einen, mir einen, deiner Schwester einen und dir einen, Heimreich ...«

»... Hat doch schon sein Erbteil,« fiel Klaus flinkfurchtsam in die Rede und Rechnung hinein.

»Richtig! Hat schon sein Erbteil verstudiert, und hier ist dein bescheidener Anteil, mein Sohn ... zähle das Geld genau und bestätige mir – Geschäft ist Geschäft – mit Namensunterschrift den Empfang!«

Nach dieser gütlichen, gelassenen Erbteilung ging Klaus in seine Kammer, um die Bilanz seines bisherigen Lebens zu ziehen und über seine Zukunft einen Beschluß zu fassen. Trotz allem schlug sein Gewissen, und seine innerste Seele schämte sich vor sich selber, ihm war so, als wenn er seinem Bruder nie wieder unter die Augen treten könne. Seit dem Erlebnis mit Bodil war diese Gegend ihm verleidet und Nordschleswig nicht seine Heimat; wo es gut und viel Geld zu verdienen war, da sollte sein Vaterland sein.

Die Bilanz erheiterte ein wenig sein Gemüt. Eintausendachthundert Taler hatte er sich von dem Ertrage der Landwirtschaft erspart, dazu die vierhundertfünfzig Taler vom Vater. Aber zweitausendzweihundertfünfzig Taler langten nicht, um einen Bauernhof, der seinen Ansprüchen genügte, zu erwerben. Drüben in Amerika war ja Land, gutes und billiges Land in Hülle und Fülle, und man las Briefe von Leuten, die hier Knechte gewesen und dort in einigen Jahren Farmer geworden waren und nicht genug von ihren vielen Kühen, Pferden und Schweinen zu rühmen wußten. Klaus wollte nach dem Eldorado des landhungrigen Europäers auswandern und ein amerikanischer Grundherr und Gutsbesitzer werden.

Der Pastor nahm einen freundlich ruhigen Abschied von seinem ältesten Sohn, Hilde und die Mutter vergossen viele Tränen. Das war die erste Trennung, und der schwere Abschied von dem Pfarrhause stand vor der Tür.

Wohin nun? Der Pastor war zu alt und zu heimatständig, um jenseits der Elbe ein Amt zu suchen. Auch wollte er in Schleswig-Holstein bleiben, um mit seinem Volke den passiven Kampf der Geduld und Standhaftigkeit zu kämpfen. Während seine Frau weinend die leeren Wände anstarrte, sprach er im Glauben die zuversichtlichen, prophetischen Worte: »Dennoch muß Recht Recht bleiben! Es ist nur ein kurzer Triumph des Feindes und eine kleine Tränensaat ... siehe, es kommt der Tag, wo diese Schmach getilgt wird und die deutsche Sprache wieder hell und hoch durch dieses Pfarrhaus tönt.«

Jep Hansen stellte aus freien Stücken zehn Gespanne für den Umzug und machte einen letzten, schmerzlichen Witz: »Nun bin ich derjenige, der Sie aus Hyllerup herausbringt, Herr Pastor, obgleich ich alles getan habe, um Sie zu behalten.«

Die Reise ging nach der lieben Stadt Schleswig, wo der Schwager Brodersen eine bescheidene Wohnung für die Verbannten im Lollfuß gemietet hatte. In dieser reindeutschen Stadt, die mit redlichem Opfermut an dem Freiheitskampfe sich beteiligt hatte und dafür rechtschaffen drangsaliert und verdänt werden sollte, war am meisten Aussicht, für das Wohl des Volkes zu wirken und den deutschen Kampf mit den Waffen des stillen Widerstandes weiter zu führen. Auch weilte dort sein Sohn Heimreich, der als blessierter und kriegsgefangener Insurgent in Schloß Gottorp auf zwei Krücken durch die langen Korridore humpelte.

In Schleswig wohnten und wohnen noch heute so freundliche, herzliche, herzliebe Menschen mit dem tiefen deutschen Gemüt, der gastfreien Hand, dem reinen Sinn, dem goldenen Herzen, daß man nirgendwo anders sofort so still, traulich und heimatlich und unter eitel Freunden sich fühlt. Schleswig birgt und bewahrt in Pietät die großen Stätten unserer Historie und ist seit einem Jahrtausend der Mittelpunkt der schleswig-holsteinischen Geschichte und das Mekka aller, die sie und die Heimat lieb haben und zur Geburtsstätte des Schleswig-Holstein meerumschlungen wallfahren. Die liebe, lange, traute Stadt an der Schlei schmiegt sich in hoher Anmut zwischen Wald und Wasser hin und ist nicht nur an Ehren, sondern auch an lieben Menschen und an großen Erinnerungen so überreich, daß keine, keine andere in Nordelbingien ihr gleich ist oder ihren Ruhm ihr rauben wird. Wahrlich Gründe genug, um zu sprechen: Hier ist gut sein, hier lasset uns Hütten bauen!

Das Wiedersehen mit dem in Genesung strahlenden Heimreich, der ihnen eilig entgegenhumpelte, aber kein Hinker blieb, war ein schöner Trost nach der schweren Trennung von Hyllerup und in der bitteren Trübsal des Vaterlandes.

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