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Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
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Vierzehnter Abschnitt.

Die Mordnacht von Friedericia.

Bonins Armee belagerte im Mittsommer 1849 Friedericia am Kleinen Belt. Diese Festung liegt auf einer Halbinsel und bildet ein rechtwinkliges Dreieck, dessen Katheten im Osten und Süden vom Meere bespült und beschützt wurden, während die dem Lande zugekehrte Hypothenuse die allein zugängliche Angriffsseite war. Der Belt ist so schmal und die Insel Fühnen so nahe, daß die Batterien von dort aus die Küstenwege bestreichen und die Belagerer den ständigen Verkehr zwischen der Festung und Fühnen nicht verhindern konnten. Eine Aushungerung war also ausgeschlossen, während der Nacht passierten die Zufuhren ungestört den Belt, ja die Besatzung von Friedericia wurde nach einem mehrtägigen, harten Dienst wie eine Wachmannschaft abgelöst, und die Transportschiffe mit frischen und müden Truppen gingen vor den Augen der Schleswig-Holsteiner hin und her. Ein schlimmer Um- und Übelstand, der zur äußersten Vorsicht mahnen mußte! Aber Bonin war ein Feind aller Bedenklichkeiten, ein vergötterter, erfolggekrönter Heerführer, für den keine Mauer zu hoch und kein Unmöglich vorhanden war. Der größte Erfolg birgt immer eine große Gefahr. Sogar die Größe eines Bonaparte wurde zum Größenwahn. Bonin blieb zwar ein bescheidener, leutseliger Mann, aber die Natur hatte seinen angenehmen Charakter mit allzu viel Optimismus ausgestattet. Seine Tugenden, der Glaube an sich und sein Heer und die Beharrlichkeit, wurden seine Fehler, wurden zur Vertrauensseligkeit, zum Eigensinn und Erzwingenwollen, wurden sein Verhängnis und sein Fall.

Nach dem Willen des Reichsgenerals Prittwitz, der zwischen Veile und Aarhuus untätig lungerte, sollte Bonin Friedericia beileibe nicht belagern, sondern nur beobachten. Der dänische General Bülow hatte seine Armee nach der Insel in Sicherheit gebracht und eine Besatzung in der Festung zurückgelassen. Die Bewohner waren zum großen Teil geflohen, die Soldaten lagen in Kasematten, die Granaten konnten nicht viel Schaden anrichten.

Doch Bonin wollte beschießen und womöglich stürmen, obgleich die Belagerungslinie zwei Meilen lang und zweimal zu lang für sein kleines Heer war, obgleich der Mangel an Belagerungsgeschütz die einzig schwache Seite seiner Armee war. Wochenlang wühlten seine Krieger in der Erde, um draußen vor den Mauern eine Gegenfestung zu errichten. Fünf starke Schanzen, Redoute I bis V genannt, wurden erbaut, und vor denselben zogen sich die Laufgräben im Zickzack immer näher an die Festung heran.

Der Fähnrich Fangel stand mit seinem Korps, das die Reserve bildete und die Vorposten im Süden stellte, bei dem Dorfe Erritsö und im Gehölz Vogelsang. Zuweilen wurden auch Jägertrupps zum Schanzen am Wall vor dem Blockhaus und in die sogenannte Gefahrzone, wo die Kugeln von der Festung her flogen und die Bomben krepierten, geführt, meistens aber erfreute man sich eines recht angenehmen Daseins, das allerdings auf die Dauer langweilig wurde. Die Jäger hatten sich Laubhütten gebaut, die Schutz und Schatten gaben. In dem Wirtshaus von Vogelsang, wohin sonst die Friedericianer mit Weib, Kind und Eßkober ihre Ausflüge machten, waren alle möglichen Alkoholika zu haben.

Am ersten Tage freilich war kein Fäßlein und keine Flasche zu sehen; der Wirt schüttelte seinen Bulldogkopf und brummte sein Kannitverstan, holte aber, als einige sehr deutliche Gesten machten, zwar nicht seine Schnaps-, wohl aber seine deutschen Sprachvorräte hervor: »Nix Snaps! Nix Aquavit! Nix Öl ... aber in Pumpen särr fiel Wasser.«

»Du alter Grönländer, sauf du selbst dein Öl und dein Wasser!« fluchte Meier.

Ein Schleswiger, der einige Brocken Jütisch verstand, dolmetschte: »Öl nennen die Dänen das Bier, und die Butter heißt bei ihnen Schmier.«

Fangel trat heran und sprach fließend dänisch, so daß der Bulldog ganz verklärt grinste, als der Fähnrich ihm beteuerte, man wolle die Getränke mit Kurant bar und ehrlich bezahlen. Plötzlich waren Flaschen und Vorräte in solcher Menge vorhanden, daß niemals Mangel eintrat.

Unteroffizier Meier konnte nicht begreifen, wo der Kerl seine Spirituosen so großartig versteckt habe, er grübelte über das Welt- und Wirtshausrätsel und guckte allerwegen, um die verborgene Alkoholquelle zu entdecken, und der beharrliche Quellsucher hat ohne Wünschelrute sein Ziel erreicht. Ihm nicht zum Heil, und dem Fähnrich zum Verdruß!

Hart am Belt hatten die Dänen ein Blockhaus, das ein gefährliches Ausfalltor bildete, den rechten deutschen Flügel ständig bedrohte und daher genommen werden mußte. Um die Einnahme zu erleichtern, wurde in fünfhundert Schritt Entfernung eine Schanze nächtlicherweile so rasch und diskret aufgeworfen, daß die Feinde die Maulwurfsarbeit erst merkten, als die ersten Bombenschüsse aus der Schanze es ihnen unliebsam mitteilten. Noch vor Tagesgrauen erstürmten Mannschaften das Blockhaus und steckten es in Brand. Hier war eine vortreffliche Position, die zum Teil den Belt bestreichen konnte, gewonnen worden. Daher entstand an der Stelle des Blockhauses in aller Eile eine deutsche Erdschanze. Weil aus der Festung aus nächster Nähe geschossen wurde, war die Arbeit daran äußerst gefährlich, und darum wurden die schanzenden Mannschaften oft abgelöst.

Das Schaufeln und Schanzen an dieser Stelle wurde aber geradezu berüchtigt, als ein Scharfschütze von der Festung aus sein Unwesen trieb und mit teuflischer Sicherheit jedem Soldaten und Schanzer, der sich nur die kleinste Blöße gab, das Lebenslicht ausblies. Es brauchte nur eine Helmspitze, eine Hand, ja ein Finger sich zu zeigen, flugs flog eine Kugel aus dem Büchsenlauf des lauernden Schützen und verfehlte niemals das kleinste Ziel. Der Teufelskerl müsse ein Freischütz und mit dem Satan im Bunde sein, und dabei war dem hinterlistigen Schuft, der stets da drüben in Deckung lag, nicht beizukommen. Die Fama erzählte abenteuerliche Dinge, und die Furcht vor dem unheimlichen Scharfschützen, der mancher Mutter Sohn, wie ein Stück Wild auf dem Anstand, mit Hohnlachen – so nahe lag er, daß man nach jedem Treffer sein höhnisches Hoho hörte – getötet hatte, war groß und gräßlich. Mancher brave Soldat wurde blaß im Gesicht, wenn er in die verrufene Blockhausschanze kommandiert wurde.

Bisher waren die Tage ein friedliches Laubhüttenfest für Heimreich gewesen. Hätte nicht das Donnern der Geschütze geklungen, der Feuerschein eines Brandes in der Festung den Himmel gerötet, so hätte die in Mittsommerschöne prangende Landschaft wenig an blutigen Kriegsgreuel erinnert. Im Vogelsang war in aller Frühe ein liebliches Frühkonzert, Amseln, Drosseln, Finken und viele Musici schmetterten ihr Minnelied. Die Gegend mit den Hügeln und Hecken war ganz cimbrisch, so daß man in Heimatsträume versinken und Erritsö für Hyllerup halten konnte. Sogar mitten zwischen den Schanzen lagen noch friedlich-unberührt kleine Roggen- und Haferäcker, auch hier und da Gevierte mit fremdartigen Gewächsen, mit Tabakstauden, denn die Ackerbürger der Stadt bauten Tabak, allerdings ein furchtbares Kraut, das nur vom Jüten geraucht und von anderen Europäern zur Viehwäsche gebraucht wird. Auf den Wiesen blühten in Unzahl die Butterblumen und Blauveilchen. Mutwillig wird kein Schleswig-Holsteiner, der vor der Göttin Ceres und ihren Gaben eine angeborene Ehrfurcht hat, eine Graswiese, geschweige denn ein Ährenfeld zerstampfen.

Der Himmel leuchtete in Bläue, die Sonne strahlte sechzehn Stunden lang, ohne zu stechen, das Land war ein Friedensidyll, und die wunderbar hellen Nächte weckten die Sehnsucht. Heimreich lag oft im Grase, und sein Herz war daheim, wanderte durch das Pfarrhaus und weilte im Pesel auf Hylleruphof, wo sie am Fenster saß. Ach, sie hatte ihn in der Insurgenten-Uniform mit Abscheu betrachtet, und sie schaute nicht mehr nach ihm aus.

Mitten in den Friedenstraum polterte der rauhe Befehl, anzutreten und abzulösen. Fangels Leute marschierten, ohne wie sonst zu singen, schweigsam und ernst, denn es ging nach der berüchtigten Blockhausschanze, aber ihr Gleichschritt klang härter und trotziger, als wenn sie sagen wollten: Jetzt wollen wir uns just als ganze Kerle zeigen.

Unteroffizier Meier machte seine Witze, die heute nicht belacht wurden, und klopfte auf seine Feldstasche: »Ich habe die Pistole scharf geladen ...« Eine Granate platzte so nahe, daß Schmutz und Schlamm ihn überspritzten. »Die Schurken haben mir den Rock bespuckt ... Prosit, Hannemann!« Er hob die Flasche und nahm einen herzhaften Schluck.

Heimreich war ihm sehr zugetan und ermahnte freundlich: »Meier, Sie haben genug getrunken ... die Flasche wird noch ihr Unglück werden.«

Die frischen Mannschaften stießen den Spaten kräftig in den Grund, duckten aber vorsichtig den Oberkörper, um in Deckung zu bleiben.

Meier zog den Rock aus, schaffte für zwei und fabulierte: »Der Schützenbruder da drüben hat sich dem Meister Urian verschrieben, so daß er fest und gefeit ist und jede Kugel, selbst von einem Vierzigpfünder, an ihm abprallt, wie eine Erbse. Ob der Teufelskerl sich heute Morgen schon merken ließ? Achtung! Ich will den Urian mal verulken.«

Meier hängte seinen Tschako oben auf den Büchsenlauf und hob diesen Jäger-Popanz kaum anderthalb Zoll über die Wallbrüstung. In demselben Nu pfiff ein S–s–s–s über ihn hinweg, so daß er sich bückte und seinen heruntergefallenen Tschako angaffte. Durch den Tschako-Deckel war eine Kugel glatt hindurchgegangen. Der Schalk von Unteroffizier fühlte nach seinem Kopfe. »Gott sei Dank, daß mein Schädel nicht darunter, sondern auf Urlaub war! Donnerwetter! Der Schütze schießt noch besser als der Vater Tell ... auf die Alteration muß ich mal durch das Fernrohr kiecken.«

Keiner grinste über Meiers Eulenspiegeleien, allen war unheimlich zu Mute, als wenn ein Gespenst, ein böser Geist oder der leibhaftige Tod in der Nähe sei. Weil jeder darauf bedacht war, sich nicht im geringsten zu exponieren, rückte die Arbeit, welche diese Schicht leisten sollte, langsam vor. Der Hauptmann fluchte: »Ihr dummen Kerle! Je fauler ihr seid, desto länger müssen wir hier in der Patsche sitzen.«

Einige brummten in den Bart: »De Arbeit löppt nich weg.«

Da blinzelte der Hauptmann dem Fähnrich zu. »Feste, feste! Wir wollen doch mal sehen, ob wir die Kerle heute nicht klein kriegen.«

Die Schanzer sahen sich an und murmelten: »Watt ment he woll? Uns klein kriegen? Da lur man up! Wi sünd ken Pröißen.«

Jetzt wurde gesputet und geschaufelt, daß die Erdschollen flogen. Einige Sicherheitskommissare schielten, ob die Brüstung sie decke, andere schwitzten, ohne nach links oder rechts zu blicken. Meier wühlte und wütete in der Erde, wie Herkules im Augiasstall, machte seine Kalauer und vergaß im Eifer der Gefahr. Nur eine Sekunde lang war seine Hüfte aus der Deckung heraus. Im Nu ein Paff, ein heftiger Puff, so daß er hinschlug, aber sofort wieder auf die Füße sprang und seinen Körper betrachtete und betastete. Die Kugel des Scharfschützen hatte nur zu meisterhaft gezielt und hätte ihm die Eingeweide zerrissen, wenn sie nicht die Feldflasche zertrümmert hätte und dadurch abgesprungen wäre. Meier hob halb glotzend, halb grinsend die traurigen Reste seiner Kümmel-Pistole und sagte feierlich: »Man hat mir immer prophezeit, daß die Flasche mein Unglück und mein Tod werden würde ... das ist eine Riesenlüge, die Kümmelflasche ist mein Glück und mein Lebensretter gewesen. Ich will sie allzeit hoch und in Ehren halten.«

Alle waren sehr froh, als die Ablösung kam, und sprachen auf dem Wege von dem furchtbaren Scharfschützen, der so gräßlich prompt den passenden Augenblick abwartete und benutzte. »Der hat sich mit Blut dem Teufel verschrieben und ein Zaubergewehr bekommen,« meinte Peter Heide, der das Pulver nicht erfunden hatte.

»Er wird ein gelernter Jäger sein.«

»Nein, er wird der größte und geriebenste Wildschütze in ganz Dänemark gewesen sein.« Das war Meiers Meinung. –

Heimreich lag mit dem Rücken gegen eine Buche, rauchte seine Feldpfeife und las Zeitungen, während die Soldaten Kartoffeln schälten, kochten und sangen. Man hätte wähnen können, in einem lustigen Manöverbiwak zu sein, wo die Kanonen bellen, ohne zu beißen. Sein Vater in Hyllerup hatte ihm ein ausgezeichnetes Feldglas gesandt und geschenkt, schickte auch mit Gelegenheit oder per Feldpost die neuesten Zeitungen. Der »Merkur« berichtete von jedem Brand und Blitzschlag in der Heimat, wußte aber auch über Truppenbewegungen oben in Jütland, was Aufsehen erregte, genaue Angaben zu machen. Prittwitz nämlich tat, was er in diesem Kriege sehr liebte, beobachtete den dänischen General Rye, der mit seiner Brigade in Nordjütland stand, und wurde von ihm noch gewissenhafter observiert. Prittwitz hätte ja mit seiner Übermacht seit Wochen Rye aufheben oder vernichten können, krümmte ihm aber kein Haar, sondern ließ ihn, um sein Werk zu krönen, schließlich auf Schiffen entschlüpfen, damit er den anderen Dänen helfe, die schleswig-holsteinische Armee zu schlagen. O armes deutsches Vaterland! O deutscher Reichsgeneral! – –

Heimreich sollte noch einmal die Bekanntschaft des berüchtigten Scharfschützen machen; sein Kompagnie erhielt Befehl, in der Nacht zum 23. Mai mit Infanterie zusammen die Blockhausschanze zu vollenden und gegen feindliche Angriffe zu behaupten. Eine Batterie fuhr auf, um zum Schutz der Schanzer ihre Bomben spielen zu lassen. Der Freischütz drüben hatte im Dunkel kein Büchsenlicht, darum arbeiteten die Leute ohne Furcht und mit Biberfleiß, um bis Tagesgrauen fertig zu werden.

Keiner fiel in der Nacht, der gefürchtete Schütze schien zu schlafen. Bei Tagesanbruch erschienen unerwartet mehrere Offiziere, geführt vom Hauptmann Delius, dem genialen Generalstabschef, der die rechte Hand und zuweilen das Haupt Bonins war, um die Schanze zu inspizieren. Die große Anzahl von Offizieren, die sich auf dem offenen Gelände hinter den Erdwällen hin und her bewegten, erregte des Feindes Aufmerksamkeit, lebhafter pfiffen die Kugeln. Man ahnte nicht, daß der unfehlbare Schütze drüben auf der Lauer lag.

Der Fähnrich salutierte just und erstattete Meldung über die fast vollendete Arbeit seiner Kolonne und stand kaum fünf Schritt von Hauptmann Delius – da zuckte er bei einem S–s–s–s–s zusammen und schrie warnend: »Der Scharfschütze!« Zu spät! Der edle Delius, von der Spitzkugel in der Schläfe getroffen, stürzte vor Fangels Füßen nieder. Als die Jäger den hochverehrten Hauptmann fallen sahen, schossen sie wie toll auf die Dänen, und es gelang, den tödlich Verwundeten hinwegzutragen. Der Held starb für Schleswig-Holstein. Da ging eine Wehklage durch das ganze Belagerungsheer, daß Delius, der gute Geist Bonins, das strategische Genie des Heeres, gefallen sei, und gemeine Soldaten weinten um ihn. Es war wie eine bange Ahnung, daß Bonin seinen unersetzlichen Berater und das Heer seinen guten Genius verloren habe. Das hatte man dem aus sicherem Hinterhalt schießenden Schützen zu verdanken, der Schurke hatte den Schuß getan.

Eine ungeheure Erbitterung rief durch die Reihen: »Rache für Delius! Haben wir keinen Schützen in unsrem Heer, der mit dem Schuft sich messen und unsren Hauptmann rächen kann?«

Man suchte und fand den besten Scharfschützen in der schleswig-holsteinischen Armee. Heimreich war zum dritten Male auf Posten in der Blockhausschanze, als der Rächer eintraf. Ein unverhofftes Wiedersehen!

»Du, mein lieber Vetter Christian, bist der Auserwählte unsres Heeres? Ja, du bist der Mann, ihn niederzuknallen.«

Der Freiwillige Christian Fangel, der die Fertigkeit eines Kunstschützen besaß, erwiderte bescheiden: »Andre schießen wahrscheinlich besser als ich, aber mein Major faßte mich am Knopfe und zog mich vor die Front. Ich will mein Bestes tun, um den Kerl dort drüben zum Hades zu senden.«

Jetzt erinnerte Heimreich sich dessen, daß seine Vettern schon als Knaben eine Vogelflinte besessen und eine Staunen erregende Fertigkeit im Treffen bekundet hatten. Er hatte damals mit offenem Munde gesehen, wie Friedrich, der jüngere, mit seiner Hagelflinte einen Spatz im Fluge herunterholte, und Christian war noch ruhiger und treffsicherer gewesen.

Christian Fangel lud sein Spitzkugelgewehr, das sein Privateigentum war, legte sich platt hin und lugte vorsichtig nach der Bastion hinüber. Sofort ein Blitz, ein Knall, und eine Kugel zischte keinen Zoll über ihn hinweg. »Töw, du Racker, dich kauf' ich mir!« Christian besaß eine unbeschreibliche Kaltblütigkeit, zielte kurz und schoß seine Kugel in den Büchsenlauf des Gegners hinein.

Drüben schien eine Unruhe zu entstehen. Der Dänenschütze hatte Lunte gerochen und gemerkt, daß er jetzt einen ebenbürtigen Gegner habe und höllisch aufpassen müsse.

Es war ein nervenerregendes Schauspiel. Stunde um Stunde lagen die beiden Matadore einander gegenüber, das Auge am Visier, den Finger am Hahn, den Moment abwartend, wo einer von ihnen nur die allerkleinste Blöße sich geben werde. Die beiden mußten Stahlnerven besitzen. Keiner hob ein Haar über die Brüstung hinaus. »Wenn der Luchs nur die Schnauzenspitze blicken ließe!« brummte Christian.

Heimreich flüsterte ihm etwas ins Ohr, versuchte Meiers Kriegslist, nahm ein Käppi, steckte es auf ein Bajonett und hob den Popanz sehr schnell eine Handbreit über den Wallkamm. In der selben Sekunde durchschlug eine Kugel das Käppi. Heimreich warf im selben Moment Bajonett und Käppi hintenüber, als wenn der arme Kerl vor den Kopf geschossen sei, und der Schalk von Meier ahmte den gellenden Todesschrei eines Sterbenden so grausig-getreulich nach, daß der Schütze drüben sich täuschen ließ und triumphierend wähnte, seinen Meistergegner gefällt zu haben.

Heimreich riß sein Glas ans Auge, um die Bastion zu beobachten, blickte scharf hinüber, erblaßte und bewegte abwehrend die Hand. Zu spät!

Der dänische Schütze war, vom Todesschrei genasführt, aufgesprungen, zeigte sich auf dem Walle in triumphierender Größe und brüllte voll Schadenfreude ein höhnisches Hurra – Hurra.

Aber das Hurra blieb ihm in der Kehle stecken, und aus dem Halse stürzte ein dicker Blutstrahl der geborstenen Schlagader, er ließ die unfehlbare Büchse fallen, griff in die Luft und war verschwunden.

Christian Fangel schmunzelte ruhig: »Unser teurer Delius ist gerächt.«

Die Soldaten und Offiziere umringten, umjubelten den Helden des Tages, der bescheiden abwehrte: »Ich habe ja nur einen Dänenfeind niedergeknallt ... ist das, was wir alle Tage tun, der Rede wert?«

Christian Fangel hatte seinen leiblichen Bruder, den Sohn seines Vaters und seiner Mutter erschossen und getötet!

Heimreich ging schnell abseits, um das Beben seiner Glieder und seine seelische Erschütterung zu überwinden und zu verbergen. Mit seinem Glase hatte er den Hurraschreier deutlich gesehen und erkannt – der dänische Scharfschütze war der Leutnant Frederik Fangel.

Christian Fangel hat es nie erfahren. Als später die tragische Geschichte von den zwei Schützen-Matadoren, die Brüder gewesen seien, ruchbar wurde, war er auch von einer Kugel getroffen und auf dem Felde der Ehre geblieben. O über den unseligen Kampf des Grenzlandes, der die heiligsten Blutbande zerreißt, Braut und Bräutigam, Eltern und Kind entzweit und den Bruder durch Bruderhand erschlägt. – – –

Während der Mittsommer sein Füllhorn über die liebliche Küste des schwarzen Jütland ausschüttete, baute die deutsche Armee ihre Gegenfestung. Die letzte Nordschanze, Redoute V, war nach vieler Mühe fertig geworden, Bonin sagte stolz, der Ring der Kontrefestung sei geschlossen. Doch kundige Offiziere schüttelten den Kopf, schmeichelten und schwiegen nicht. Die Armee sei viel zu klein für die zwei Meilen lange Zernierungslinie, zwischen Redoute IV und V sei ein leerer Raum, eine gefährliche Lücke und die böse Achillesferse der ganzen Stellung, allwo der Däne bei einem Ausfall durchbrechen werde.

Bonin in seinem Optimismus wollte die Schwarzseher nicht hören und parierte alle Einwände mit der stolzen Frage: »Wo ist eine Armee, wie die meinige? Wo ist ein besserer Artillerist als der Schleswig-Holsteiner?«

Obgleich die Soldaten voll Eifer waren, hatte das lange Lagerleben hier und da eine demoralisierende Wirkung. Der Cimber hat, wie alle Völker des rauhen Nordens, eine gewisse Neigung zu starken Getränken. Der gute dänische Branntwein floß in wohlfeilen Strömen, einige Soldaten vertranken ihre Lohnung. Sogar die Disziplin litt. Der Schleswig-Holsteiner kriecht nicht vor seinen Offizieren und fügt sich ungern einem kleinlichen Drill und allen Vorschriften, die er für dumm oder unnütz hält. Wegen dieses Selbstbewußtseins und Eigenwillens wird er bis auf diesen Tag von vielen Altpreußen nicht zum besten Soldatenmaterial gezählt.

In der Trunkenheit waren Insubordinationen gegenüber preußischen Offizieren vorgekommen. Sogar der witzige Meier hatte sich eine böse Suppe eingebrockt und einen Preußen beleidigt. Das Kriegsgericht hatte ihn hart bestraft und ihm die Litzen abgeschnitten. In der Mittagshitze des Julitages stand der degradierte Unteroffizier – zur Strafe – an einen Baum gebunden und ließ den Kopf hängen. Auf Heimreichs Frage, warum er, der Tapfere, dem Branntwein erlegen sei, gab er mit einem dünnen Lächeln Auskunft: »Ich habe zu meinem Unglück die Alkoholquelle des Wirts mit der Wünschelrute entdeckt ... der Schlaukopf benutzte das hohle Hünengrab als Vorratskammer ... doch ich machte eine Mine, wühlte mich wie ein Maulwurf durch und bohrte das Faß an ... da lebten wir herrlich und in Freuden, und der Krug ging – zum Branntwein, bis er brach.«

An dem Abend schrieb Heimreich in düsterer Stimmung nach Hause; eine bleierne Ahnung bedrückte sein Gemüt. Er schrieb wörtlich: »Wundere dich nicht, wenn demnächst böse Nachrichten von uns eintreffen, zwischen Schanze IV und V ist ein breiter, unbeschützter Raum, die Dänen müßten blind sein, wenn sie die Schwäche nicht sähen. Ach, hier ist die Stelle, wo wir sterblich sind. Auf eine Überrumpelung, einen Ausfall deutet vieles, besonders eine Unruhe der Dänen, eine lebhaftere Kommunikation zwischen Fühnen und Friedericia hin. Dem Allmächtigen sei unser Heer befohlen! Und es ist bestätigt: der edle Prittwitz hat Rye's Brigade nach Fühnen entwischen lassen, hat unsren Feinden geholfen.«

In den ersten Julitagen beobachteten die Jäger im Vogelsang, daß auffallend viele Schiffe zwischen Strib auf Fühnen und Friedericia hin und her gingen. Die Besatzung wurde ja in gewissen Zwischenräumen abgeholt und durch frische Truppen ersetzt, aber das konnte unmöglich die regelmäßige Ablösung sein. Die allzu regen Truppentransporte wurden immer dringlicher dem General gemeldet. Bonin jedoch belächelte die Aufregung und blieb dabei, daß nichts Außergewöhnliches im Werke sei. Die Herren vom Stabe ließen die Schiffe zählen und baten den Feldherrn, Redoute V aufzugeben und eine konzentrierte Stellung einzunehmen. Er wies die Zumutung, nur einen Zollbreit seiner Position aufzugeben, entschieden zurück. Ja, wie zum Trotze beging er den sträflichen Fehler, seine Reiterei auf einen langen Fouragierritt zu senden, von dem sie todmüde zum Verzweiflungskampfe zurückkam. Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit oder – mit Eigensinn, dem Verhängnis aller großen Feldherren von Alexander bis Bonaparte. Der vortreffliche Bonin verlor durch einen unbegreiflichen Starrsinn bei Friedericia seinen besten Ruhm. Nur der Befehl, daß die Truppen alarmbereit in den Schanzen liegen sollten, ist ihm abgerungen worden. – – –

Der 5. Juli war ein Sonnentag, der Belt warf wie ein Brennspiegel die Strahlen zurück und glitzerte in so grellem Gefunkel, daß das Auge geblendet nach den grünen Ufern, zwischen denen diese Meerenge wie ein Fluß dahinströmt, schaute. Fähnrich Fangel lugte mit seinem Glas nach den Schiffen, die nach Strib zurückfuhren und leer waren. Die Leere ängstigte ihn, wie der horror vacui, und bewies ihm, daß sie in der Nacht vollbeladen gekommen seien. Aber er, der Offiziersaspirant, mußte seine Sorge und Weisheit für sich behalten und gehorsamst den Mund halten. Die Geschütze der deutschen Blockhaus-Batterie schossen nach den Schiffen, und die Matrosen am Heck streckten die Zunge lang aus und machten die Geste des guten Götz von Berlichingen. Der Kandidat, der durchs Glas jede Grimasse sah, wetterte wie ein Korporal.

Als er so am Strande stand, kam ein Kerl auf Holzschuhen von Erritsö her. Warum hatten die Vorposten ihn passieren lassen? Das verdächtige Individuum mußte in ein Kreuzverhör genommen werden. »He da, Hans oder Jens oder Peder! Du alter Quappjüte, willst du vielleicht in Friederiz einen Besuch machen oder für vier Schillinge Krätzsalbe in der Apotheke kaufen?«

»Herr Kandidat, kennen Sie mir nicht mehr?«

Ei! Das war Jens Dragoner, ein alter Hylleruper, allerdings von zweifelhafter Berühmtheit. Jens war vor vielen Jahren Unteroffizier gewesen und wunderlich im Kopfe geworden, so daß er gern in die herrlichen, herrischen Unteroffizierszeiten sich zurückträumte, seine arme Frau antreten und exerzieren ließ und sie als Rekrut nach allen Regeln drillte und anschnauzte. Noch bedenklicher als seine Soldatenleidenschaft war seine Vorliebe für die Enten- und Hühnerjagd, die er mit Schlinge und Schleuder an dem Geflügel, das den Bauern gehörte, ausübte. Die letztere Passion hatte ihn ein paarmal nach Rendsburg in die Sklaverei gebracht, wo er, an die Karre geschmiedet, als Unfreiwilliger am Festungsbau gearbeitet hatte. Seine Schlauheit war nicht gering und, weil er den Dummen spielte, um so wirkungsvoller.

»Wollen Sie als Spion gehängt werden? Das ist hier wohlfeil zu haben.«

»Nein, ich will nach Skanderup, wo eine weise Frau wohnt, die meine Kopfkrankheit besprechen soll.«

»Nach Skanderup über Friederiz? Das heißt über Grönland nach Kopenhagen reisen.«

»Ja, einen kleinen Umweg habe ich gemacht, weil unser guter Pastor mir ein Paket für Sie mitgab ... kein Hylleruper wollte für Geld hierher gehen, und ein ganz zuverlässiger Mann mußte es sein. Der gute Pastor gab mir drei Taler und meinte: Marschiere die Nacht durch, so wird's ein nobles Trinkgeld geben.«

Heimreich reichte einen Taler hin und riß das Paket, das einen Brief und Zeitungen enthielt, an sich. Der Vater hatte in dem außerordentlich gut unterrichteten Altonaer »Merkur« Hochwichtiges gelesen, rot angestrichen und durch Eilboten gesandt. Sehr schnell war die Zeitung nach Hyllerup und von dort nach hier befördert worden, und sehr beunruhigend war ihre Nachricht: es werde von Alsen aufs bestimmteste gemeldet, daß General de Meza mit seiner Brigade sich einschiffe, um zweifellos nach Fühnen und Friedericia zu gehen.

O, o! Also hatten Bülow, Rye und de Meza, hatten die drei dänischen Heere in ungeheurer Übermacht sich am Belt vereinigt, um gemeinsam zum hinterlistigen Überfalle auszuholen. Das stand öffentlich in den Zeitungen, nur im Lager Bonins und der Hauptbeteiligten hatte man davon keine Ahnung und, was viel schlimmer war, daran keinen Glauben.

Heimreich lief mit heißem Kopf zu seinem Hauptmann und zeigte ihm das Blatt. Der zuckte die Achseln und meinte, ohne den Major nichts machen zu können. So ging es durch alle pflichtschuldigen Instanzen in echtdeutscher Pedanterie, und es wurde Abend, als der Fähnrich endlich mit dem Altonaer »Merkur« vor dem Kommandeur des Jägerkorps stand. Dieser Stabsoffizier polterte und potzblitzte, war aber einsichtig genug, die hohe Bedeutung der Zeitungsnotiz und die dringliche Eile zu erkennen. »Nehmen Sie mein bestes Pferd und reiten Sie, was Zeug und Riemen halten, mit diesem Wisch zum General!«

Der Fähnrich galoppierte als Stafette in die Sommernacht hinein. Ein dummes Verhängnis stieg mit ihm zu Pferde, der Gaul verlor ein Eisen und hinkte bald, ein arger Zufall jagte den Reiter hin und her. Bonin war nicht im Hauptquartier, sondern auf Inspektion geritten. Heimreich suchte ihn in Schanze IV, in Schanze V, wo er erfuhr, daß er eben nach der dritten gegangen sei. Stunde um Stunde ging verloren. Die Uhr war elf. Der Bote des »Merkurs« seufzte und schlug das Tier. Welch ein Pech! Bonin hatte vor drei Minuten die Redoute verlassen, um sein Quartier aufzusuchen. Es war ein Kreisritt, ein teuflisches Narrenspiel des hämischen Zufalls.

Der Gesuchte war noch nicht im Quartier und kam erst gegen ein Uhr.

Formlos-hastig salutierte der Fähnrich und wurde mit der verächtlichen Frage empfangen: »Was bringen Sie mir für Depeschen? Was? Ein Zeitungsblatt?« Bonin überflog es und zog die Brauen sehr hoch, las es noch einmal und ließ die Offiziere wecken. Die Befehle zum Alarmieren und Konzentrieren der Truppen wurden sofort erlassen. Aber zu spät, zu spät!

Heimreich ließ sein Pferd, das fertig war, stehen und machte sich zu Fuß auf den Weg zu seinem Truppenteil.

Das war die Nacht zum 6. Juli, die Trübsalsnacht Schleswig-Holsteins, die Mordnacht von Friedericia, bis jetzt eine tiefstille, sommerwarme Nacht voll Frieden, wo die zarten Nebel auf den Wiesen wie Elfen tanzten.

Die Uhr war noch nicht zwei. Plötzlich knatterten Flintenschüsse drüben bei den Laufgräben ... vielleicht ein Vorpostengefecht? Nein, die ersten Schüsse der Schlacht, die ein Schlachten wurde.

Fangels Jägerkorps stand in Reserve und kam nicht ins Feuer. Auch eine merkwürdige Fügung! Der Fähnrich wäre dem Blutbade fern geblieben, wenn er nicht den Ritt gemacht, wenn er nicht aus freien Stücken den Degen gezogen und einem heranstürmenden Bataillon sich angeschlossen hätte.

Die Dänen machten in drei Kolonnen ihren Ausfall ohne das geringste Geräusch in einer Stärke von zwanzigtausend Mann gegen zehntausendfünfhundert Schleswig-Holsteiner, von denen nur die siebentausend ins Feuer kamen. Die Trommeln rasten und riefen zu den Waffen, die Trompeten kreischten, die Geschütze krachten, die Deutschen standen auf dem Plan. Aber noch schneller hatte die gewaltige Übermacht die Schanzen umzingelt, grimmiger als je fochten die Dänen und durchbrachen die offene Lücke zwischen Redoute IV und V, da war die Schwäche und das Verhängnis, die Niederlage und der Untergang unseres Heeres. Die einzelnen Bataillone wurden nach einander, wo eine Schanze gefährdet war, ins Feuer geworfen, wurden von einer ganzen Brigade erdrückt. Was nützte alle Tapferkeit? Was half das stundenlange Waten im Blut, das gräßliche Morden des Nacht- und des Nahekampfes? Oft schlugen die Holsten ein feindliches Bataillon mit dem Bajonett in die Flucht, aber zwei frische traten an die Stelle, und die drei gegen den einen errangen einen ruhmlosen Sieg.

Heimreich geht im Laufschritt am rechten Flügel des Bataillons. Frische Zündhütchen aufgesetzt! Vorwärts! Da kommt das fünfte Bataillon aufgelöst, in fluchtähnlicher Eile, hinterdrein die feindliche Tirailleurkette. Der Anblick der geschlagenen, der pulvergeschwärzten, blutenden, entsetzten Kameraden wirkt erschütternd, die Truppe stutzt, die Glieder schwanken. In dem kritischen Moment sprengt Oberst Zastrow an den rechten Flügel und kommandiert kaltblütig: »Kinder, hier hilft nur das Bajonett! Die Tamboure schlagen Sturm! Die Offiziere an die Front! Hurra!«

Das zündet, der Tambourmajor schwingt seinen Stab hoch in der Luft, ein Soldat stimmt an: Der Hauptmann, er lebe, er geht uns kühn voran. Und alle stürmen singend, schreiend, brüllend in das Gemetzel hinein.

Fangel hat ein Gewehr aufgelesen und schreitet mit langen Schritten, das Gesicht, wie bei Hagelwetter, vornüber geduckt. Jeder späht nach einer Brust, die er durchbohre, nach einer Stahlspitze, die er pariere. Ein klirrendes Zusammenkrachen! Ein Gewoge von Helmen, Tschakos, Mützen, von blinkenden Eisen, geschwungenen Kolben! Ein Gewirr von Stechenden, Schlagenden, Stürzenden, Schreienden, Fluchenden! Ein Knäuel von keuchenden, knirschenden Menschenbestien. Können sie Freund und Feind unterscheiden? Keiner weiß, wie lange das Rasen währt. Hurra! Der Däne retiriert. Er wird durch das deutsche Hüttenlager, das er genommen hatte, verfolgt.

Über ein Feuerloch des Lagers stolpert ein behäbiger, zum Laufen wenig befähigter Dänen-Major, stürzt und fällt mit einem fürchterlichen Fluch längelang hin. Der Fähnrich setzt seinen Degen auf die Brust des wehrlosen Offiziers. Einen Major zu fangen, ist zwar ein Zufall, aber auch eine Ehre.

Der Däne bürstet mit der Hand den Schmutz ab und brummt im besten Deutsch: »Diesmal haben Sie mich beim Kragen gekriegt, Herr Fangel.«

Es ist Bosen, den er bei Bau zuletzt gesehen.

Der Deutsche spricht gutes Dänisch, wohl damit seine Kameraden es nicht verstehen. »Tak for sidst! Brug deres Ben!« Das heißt: Meinen Dank für das letzte Wiedersehen! Brauchen Sie jetzt Ihre Beine! Seine Degenspitze senkt sich, als wenn er salutiere – der Major Bosen, der nicht durch sein Laufen so schnell avanziert war, galoppierte wie ein Ackergaul von dannen.

Vielleicht hatte Heimreich eigenmächtig und unrichtig gehandelt, aber ihm war es eine Rechnung, die er bezahlen, eine Schuld, die er begleichen mußte.

Das Bataillon hatte gesiegt, aber sogleich wandte sich das Glück, als eine dänische Brigade anrückte und mit großer Ruhe zielte. Die Schleswig-Holsteiner wichen und rannten durch eine Schlucht. Heimreich sah die guten Bekannten rechts und links hinsinken, sah, wie sie die Hände reckten und riefen: »Hilf mir weiter!« und er konnte keinen Finger ihnen reichen, denn er mußte laden und zielen, obgleich er in das vom starken Gebrauch völlig verschleimte Gewehr kaum die Patrone hinunterzustoßen vermochte. Die, welche die Höhe des Abhangs erreichten, waren gerettet.

Hier erschlafften mit einem Male seine überspannten Nerven und Muskeln, er fiel vor Erschöpfung und Ekel neben seiner Flinte hin und stöhnte.

Das geschlagene Heer, das in der Mordnacht jeden dritten Streiter verlor, sammelte sich schnell und machte einen durch Ordnung und Ruhe bewundernswerten Rückzug nach Veile. Bei dem Dorfe Pjedsted hielt General Bonin und betrachtete bleich und traurig seine vorüberziehenden, dezimierten Bataillone, und die Tränen liefen ihm bei dieser erschütternden Revue über die Wangen. Aber die geschlagenen Soldaten begrüßten ihren geliebten Führer mit einem lauten Hurra und bekannten sich zu ihm, trotzdem sie wußten, daß sein unverzeihlicher Optimismus diese Katastrophe verschuldet habe. Das war ein schöner Charakterzug und die rührende Kindesliebe der Armee, die an ihrem Vater Bonin trotz allem mit Treue hing.

Jetzt nach der Niederlage kamen die von Bonin erbetenen und von Prittwitz endlich bewilligten Verstärkungen, sie kamen, um – wie der Sarkasmus spottete – den Schleswig-Holsteinern ihre Kondolenzvisite zu machen. Wer nun noch an die Bruderhilfe des schwachen Deutschen Bundes und des stark gepriesenen Preußen glaubte, wurde hohnvoll ausgelacht.

Ein fremder Offizier, der englische General O'Donnell, der ein paar Tage nach der Mordnacht die schleswig-holsteinischen Bataillone mit klingendem Spiel vorüberziehen sah, erklärte erstaunt, daß er nach einer solchen Niederlage noch nicht ein solches Heer gesehen habe, ein Heer, das entschlossen war, die Schmach zu rächen. Da schlug wie ein Blitz die böse Botschaft ein, die Kunde von dem elenden Berliner Waffenstillstand, der Schleswig-Holstein die Waffe entwand und die Hände band. Da ging noch ein wilder und viel wehevollerer Schrei durch das Heer und die Herzogtümer, ein Schrei der Empörung über diese neue Niederlage und Niedertracht.

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