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Im Kampf um die Nordmark

Johannes Dose: Im Kampf um die Nordmark - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Dose
titleIm Kampf um die Nordmark
publisherStiftungsverlag in Potsdam
printrunZweite Auflage
year1913
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Neunter Abschnitt.

Das hunderttausendstimmige Schleswig-Holstein meerumschlungen.

Das Jahr 1848, das tolle Jahr, das wie die wilde Jugend gärte und sich austobte und doch nach zweiundzwanzig Jahren zum ganzen, ja zum großen Manne werden und alle Erwartungen übertreffen sollte, zeigte gleich nach seiner Geburt seine unbändige, rauhbeinige Natur, bewarf die Erde mit Schneemassen und Schneewehen und schlug das Wasser in knirschende Frostfesseln. Das ungezogene Jahr fing mit einer ungewöhnlichen Kälte und einem argen Winter gut an.

Immer neue Streiche wußten die Zeitungen zu melden, und am 8. Januar lief die Alarmnachricht in der Stadt am Kleinen Kiel von Mund zu Mund: der König-Herzog in Kopenhagen habe vor zwei Tagen einen Schlaganfall erlitten! Trotz der amtlichen Beschwichtigung, daß ein sofort angewandter Aderlaß jede Gefahr beseitigt habe, rechnete man mit der Möglichkeit eines Thronwechsels, weil man die apoplektische Natur des Fürsten, der ein gewaltiger Esser und Gourmand war, sattsam kannte.

Man hatte in Kiel just nicht schwere Sorge um das kostbare Leben Christian VIII., des Verfassers des Offnen Briefes, wohl aber große Befürchtungen für die Zukunft und wenig Vertrauen zum Nachfolger. Der Tod des Landesherrn brachte die Lebensfrage der Herzogtümer noch näher der Entscheidung. Wenn Christian starb, stand das Oldenburger Haus in Dänemark nur noch auf zwei Augen, auf den allzu bachusfrohen Augen des königlichen enfant terrible. Alle fragten: was wird geschehen, wenn der wohlgestaltete, aber an Charakter und Willenskraft verkrüppelte Kronprinz regieren und herrschen wird? Wird der Haltlose, der die Hoffnung der unverschämten Eiderdänen ist, dem Drängen der Schreier und Demagogen nachgeben? Sein Vater war wenigstens ein vorsichtiger, lavierender und einlenkender Mann. Aber wird dieser Frederik, der mit seinem Dänentum protzt und nach Popularität hascht, nicht in einem tollen oder trunkenen Augenblick dem Dänen-Raubgelüst willfahren und seinen Eid brechen, aber auch alle Bande und Eide lösen?

Heimreich lief täglich über das Eis der Föhrde und nach der Zeitungsexpedition, um die neuesten Bulletins zu erfahren. Sie lauteten wenig günstig. Die durch den Aderlaß entstandene Wunde habe sich rosenartig entzündet, was die Leibärzte wegen der schlechten Säfte des Kranken beunruhige. Der Kandidat erinnerte sich einer merkwürdigen Aeußerung, die der König getan und der Nyborger Oberst ihm mitgeteilt hatte. Bei dieser seiner Anwesenheit habe Christian VIII. bei der Abfahrt gesagt, er werde wohl nicht mehr nach Nyborg kommen, denn ihm sei in seiner Jugend geweissagt worden, daß er im Jahre 1848 auf dem Paradebette liegen werde, so wie sein Ahnherr, Christian IV., 1648 gestorben sei.

Bald hieß es, eine beängstigende Geschwulst habe sich gebildet. Dann lauteten die Nachrichten wieder optimistisch: nachdem die Geschwulst aufgeschnitten sei, habe Seine Majestät lebhaft über die Geschäfte gesprochen und ein wunderbares Gedächtnis gezeigt, so daß eine Gefahr nicht mehr bestehe.

In den nächsten Tagen hemmten Schnee und Eis allen Verkehr, keine Post traf ein. Die Herzogtümer waren in höchster Spannung. Heimreich ging zweimal am Tage nach Kiel, um Neues zu erfahren.

Am 22. Januar sah er, daß die Flaggen im Hafen auf Halbmast wehten, war er nach zehn Minuten in der Stadt und im Besitz einer frisch gedruckten Extrazeitung. Plötzlich, nach kurzer Besserung, war im Königsschloß die Katastrophe und trotz der sieben Leibärzte, die das Lager umstanden, eine Blutvergiftung eingetreten. Als das Ende zu erwarten war, herrschte am Hofe die größte Rat- und Mutlosigkeit. Der Kronprinz lief kopflos durch die Zimmer und rief: Was soll ich tun, wenn der König stirbt? Der Prinz Ferdinand, sein Onkel, hob die Hände und dankte Gott, daß er nicht die Krone tragen solle. Dieweil entschlief der Sterbende, und die sieben Aerzte haben nach allen Regeln der Kunst den Tod konstatiert und bescheinigt. Erst am folgenden Morgen verkündete der älteste Staatsminister feierlich den Thronwechsel, indem er auf den Balkon des Christiansborger Schlosses trat, sein Haupt entblößte und der Volksmenge zurief: »König Christian VIII. ist tot, es lebe König Friedrich VII.!«

Heimreich las mit tiefem Ernst die Todesnachricht und bewahrte dem Fürsten, dem die Herzogtümer keine Träne nachweinten, ein dankbares Gedächtnis.

Was wird nun werden? Das war die allgemeine und einzige Frage. Jeder hatte das Gefühl, daß man großen Kämpfen, vielleicht einem Umsturz der Staatsordnung entgegengehe. Die besonnenen Lehrer der Universität sagten offen ihre Meinung: nun werden die Ultra- und Eiderdänen den Schwächling, der als Thronerbe mit ihnen liebäugelte, einfach zwingen, einen Gewaltakt zu machen und Schleswig einzuverleiben. Und genau so geschah es! Ja, noch brutaler behandelten sie den König, dem sie mit Hilfe des Pöbels die Pistole auf die Brust setzten.

Zwei Abgeordnete der schleswig-holsteinischen Ritterschaft reisten nach Kopenhagen, um nach alter Sitte dem neuen Landesherrn eine Ergebenheitsadresse zu überreichen. Sie wurden wider Erwarten freundlich empfangen, und der König bestätigte die Privilegien der Herzogtümer, wie alle seine Ahnen seit vier Jahrhunderten es getan hatten.

Einige Optimisten wollten wieder hoffen. Aber die meisten kannten die Dänentücke. Nach drei Wochen war das Königswort gebrochen, waren die Eide aller Oldenburger zerrissen.

Trotz der Kälte herrschte hüben und drüben eine gewitterschwüle Stimmung. Wahre und falsche Propheten predigten in ganz Europa den Völkerfrühling und die Völkerfreiheit, durch die gesittete Welt ging ein Beben, wie vor einer vulkanischen Eruption, überall war ein Gären, Summen und Zittern, und die edelsten Söhne Germaniens sahen in Traumgesichten das Erwachen des Kyffhäuser-Schläfers.

Das tolle Jahr 48 fing an zu toben.

In dem hitzköpfigen Gallien zuckten die ersten Blitze des Gewitters, das den Bürgerkönig hinwegfegte. Der Donner in Paris hallte durch ganz Europa, erschreckte die Throne und betörte die Massen. Es blitzte und explodierte allüberall, die Hauptstädte mit ihrem Pöbel waren wie ein Pulverfaß, dahinein ein Funke aus Frankreich flog. Schwere Wetter und harmloses Wetterleuchten, arge Revolten und ridiküle Revolutiönchen kamen in Berlin und Wien und aller Welt zum Ausbruch. Das wilde Barrikadenbauen und blöde Gebrüll steckte an, das Aufruhrmachen wurde ein Wahnsinn, eine Manie und Massen-Hypnose, ja ein St. Veitstanz des Pöbels. Sogar die Träger und die Tagelöhner der alten Hansestadt Lübeck brüllten vor dem Rathaus und ballten die Fäuste. Der bedächtige Bürgermeister trat auf den Balkon und fragte väterlich: »Lüt, watt wüllt ji denn?«

»Wi wüllt en Republik!«

»Awer ji hebbt jo all en Republik ... Lübeck is ja en Republik.«

»Jaa, denn wüllt wi noch en Republik.«

Die Forderung wurde vom Rat bewilligt.

Auch die Kopenhagener mußten ihren St. Veitstanz haben und ihren Pöbelaufruhr, den die verschlagenen Fanatiker in Szene setzten und für ihre Zwecke ausnutzten. Das Kasino war das Hauptquartier der radikalen Revolutionspartei, die darum auch Kasino-Partei genannt wurde. Diese Heißsporne, wie der berüchtigte Orla Lehmann und der später zum Bischof gesalbte Monrad, erhitzten durch ihre Reden die schon verdrehten Köpfe, schürten durch ihre Presse den Größenwahn des kleinen Volkes, so daß die Aufregung zum Straßenauflauf wurde. Die Studenten bewaffneten sich und proklamierten die sogenannte Selbsthilfe der Verzweiflung. Die tausendköpfige Menge wälzte sich nach dem Residenzschlosse und schrie drohend zu den Fenstern empor. Der König in seiner hilflosen Angst und Alkoholapathie ergriff keine energische Maßregel, erteilte nicht den einzig vernünftigen Befehl, mit den Feuerspritzen die Menge zu vertreiben und den Brand zu löschen. Die frechen Führer der Eiderdänen und des Pöbelheers drangen ins Schloß, schüchterten den Schwächling ein und zwangen ihn, sich dem Pöbelwillen zu fügen. Als ein Monrad mit der Alternative, Inkorporation oder Abdikation, ja mit der Republik zu drohen wagte, gehorchte der zitternde Friedrich, der jetzt nicht mehr Regent, sondern nur ein Werkzeug der Aufruhrpartei war und auf Befehl ein neues Ministerium, das aus Eiderdänen bestand, bildete. Die Anführer der infamen Revolution, ein Monrad und Lehmann, wurden die Staatsminister des unfreien Königs, der auch in Schleswig-Holstein regierte. Damit war die Losung der Eiderdänen, die Einverleibung Schleswigs, die Zerreißung der ewig unteilbaren Herzogtümer, zum Regierungsprogramm geworden. Gegen diesen Rechtsbruch, diese Revolution von oben her, mußte Schleswig-Holstein die Waffen der Notwehr ergreifen.

Die Deutschen, die in der deutschen Kanzlei in Kopenhagen ein Amt bekleideten, legten es sofort nieder, flohen in ihre Heimat und bestätigten in Kiel die unerhörten Gewaltakte der Kopenhagens und die völlige Unfreiheit des König-Herzogs. Keiner in Kiel verkannte den Ernst der Lage, die allgemeine Entrüstung forderte den Krieg gegen das aufrührerische Dänemark, das die bestehende Staatsordnung umstürzen wollte und den Landesherrn in seiner Gewalt als Werkzeug seiner Pläne hatte.

Das Wichmannsche Lokal in der Dänischen Straße war voll von Studenten jeder Couleur, alle Unterschiede und Gegensätze der Verbindungen und Blasen, der Corps und Burschenschaften hatten aufgehört, alle akademischen Bürger waren jetzt nur Söhne Schleswig-Holsteins, waren eines Sinnes, eines Herzens, eines Hasses.

Durch den Saal brauste das Lied:

Ein Frühling ist im Lande,
Wie die Welt noch keinen sah,
Es springen alle Bande,
Und die Freiheit – sie ist da.

Man meinte nicht jene Freiheitsidee, die in unklaren Köpfen spukte, sondern die Befreiung vom Dänenjoche, von der Kopenhagener Pöbelherrschaft. Alle Redner forderten Widerstand mit Waffengewalt, einen Appell an das deutsche Vaterland, einen Kampf bis aufs Messer und ein selbständiges Herzogtum unter dem Augustenburger. Das ging zu weit.

Der Kandidat Fangel aus Gaarden erhielt das Wort und sprang auf einen Stuhl. Als er vor jedem Extrem warnte und den Kommilitonen begreiflich machen wollte, daß der Augustenburger kein An- und Erbrecht habe, solange noch ein Oldenburger lebe, und daß Friedrich VII. der rechtmäßige, wenn auch in seiner Herrschertätigkeit behinderte Herzog sei, den man nicht absetzen könne – o, da wurde der maßvolle und mißverstandene Redner mit dem Schimpfwort »du nordschleswigscher Däne, du Südjüte« beworfen. Fangel behielt eine wackere Ruhe und sprach mit Wärme. »Unsere herrliche Losung »Recht muß doch Recht bleiben« gilt nicht nur für uns, sondern auch für den Gegner. Das Recht des Landesherrn darf nicht angetastet werden, denn wir dürfen nicht Unrecht mit Unrecht vergelten und den Kopenhagener Aufruhr durch eine Kieler Revolution erwidern. Nein, wir wollen nicht umstürzen, sondern die Staatsordnung erhalten, unser Recht und das Recht des Königs schirmen und die Aufrührer der Hauptstadt, die Revolution, mit allen Waffen bekämpfen. Bis das gelungen ist, müssen angesehene Männer des Landes für den unfreien König, der in Pöbelhänden ist, vorläufig die Regierung führen und die Herzogtümer verwalten. Wer aber das höchste Gut, das Vaterland, gegen Dänengier wehren will, der muß Wehr und Waffen tragen, aber auch zu führen und zu fechten wissen. Machen wir statt schöner Reden einen einfachen, ehrlichen Anfang! Kommilitonen! Wir wollen ein Beispiel geben, sofort die Flinte ergreifen und mit Fleiß im Gebrauch der Waffen uns üben. Des Vaterlandes Not, die heilige Notwehr ruft alle Söhne des Landes, aber uns zu allererst, unter die Waffen. Die Kieler Studenten bilden heute das erste freiwillige Bataillon der schleswig-holsteinischen Armee. Wer dem Freikorps beitritt, hebe die Rechte empor!«

Alle, alle Hände flogen hoch, alle wollten freiwillige Krieger für ihr Vaterland sein. Der Kandidat Fangel, den man zuerst herunterwerfen wollte, wurde gefeiert, denn er hatte das rechte Wort gefunden. »Vivat Fangel! Bravo!« Eine Stimme überschrie alle und spendete den lautesten Beifall. Es war der lustige Kunz Reuter, der in patriotischer Ekstase seinem einstigen Freunde die Hand entgegenstreckte. Heimreich wurde weich und wollte zugreifen, riß aber im letzten Moment seine Rechte hastig-heftig zurück. Sein finsterer Blick fiel auf den goldenen Ring an Reuters Finger.

Kunz trat zurück, biß sich auf die Lippen und rief schnell und schneidig durch den Saal: »Ich werde zehn unbemittelte Kommilitonen auf meine Kosten bewaffnen.«

Jetzt war Reuter der Held des Abends, auf den ein Hoch ausgebracht wurde, obgleich alle ahnten, daß der Schwerenöter mit dem Geldbeutel seines Schwiegervaters das patriotische Opfer bringe.

Alle, alle Studenten Kiels haben sich bewaffnet, alle Holsaten, Sachsen und Albertinen, alle Verbindungs- und Nichtverbindungsstudenten, und sogar die Wurzelfinken, die sich nicht schlugen, schlossen sich sofort dem Freikorps an. Ein ganz neuer Geist wehte an der Universität. Alle die ruhmlosen und nichtigen Dinge, die man getrieben, das wüste Kneipen, Spielen und Kontrahieren, hörte mit einem Schlage auf. Es wurde comment suspendu erklärt und keine Mensur mehr ausgefochten. Jedes Duell war streng verboten und jede Kugel für den Dänen gegossen. Die Mitglieder erzfeindlicher Verbindungen, die stets Streit provoziert hatten, saßen brüderlich an einem Tisch und sangen Freiheitslieder. Die Studenten, die sonst um zehn Uhr aus den Federn krochen, standen schon um fünf Uhr auf Bellevue beim Scheibenschießen. Man versäumte zwar Kollegs, aber um zu exerzieren und von früheren dänischen Unteroffizieren – man hatte ja keine anderen im Lande – sich drillen zu lassen. Eine herrliche, eine wunderbare, ja große Zeit, eine Zeit der Selbstentäußerung, der Eintracht und höchsten Ideale! Hier war weder Korps mehr noch Burschenschaft, weder Theologe noch Jurist, weder arm noch reich, nicht bürgerlich noch adlig, sondern alle waren Schleswig-Holsteiner, Brüder, Kämpfer, Dänenfeinde. Alle hatten sich bewaffnet, ohne über ein Arsenal zu verfügen. Weil aber die Armierung auf eigene Kosten geschah, war die Bewaffnung sehr bunt und mannigfaltig und oft recht mangelhaft. Neben der modernen Spitzkugelflinte sah man viele Steinschloßgewehre aus dem Freiheitskriege, einer schleppte ein Kuhbein, das schon bei Lowositz geknallt hatte. Viele trugen Rappiere, Säbel, Degen, andere Piken, einer beschämt eine Forke, der Student Catilina schwang die Keule des Herkules, und ein bärtiger Theologe schulterte das Schlächterbeil seines Hauswirts.

In diesen schönen Tagen lief das letzte Postschiff, das die Kopenhagener fahren ließen, in den Kieler Hafen hinein. Viele Flüchtlinge waren an Bord. Heimreich schaute der Ausschiffung zu und fixierte einen Herrn, dessen Gesicht ihm auffiel. Das war Christian Fangel, sein leiblicher Vetter, der Etatsrat bei der deutschen Kanzlei. Sie begrüßten sich herzlich. »He, Vetter! Du bist in Kiel, dem Herde der Erhebung? Erkläre mir das Rätsel!«

»Das ist doch nicht rätselhaft, sondern selbstverständlich. Ich bin ein Deutscher so gut wie du. Als der Aufruhr in Kopenhagen ausbrach, warf ich ihnen mein Amt vor die Füße, packte meine Sachen und schiffte mich ein.«

»Bravo, Vetter!«

»Ist keine Bravour, sondern verdammte Pflicht ... ich gehöre zu meinem Volke und mußte Dänemark verlassen. Fast alle Schleswig-Holsteiner, die in Kopenhagen Anstellung hatten, haben ebenso gehandelt.«

Heimreich drückte herzhaft die Hand seines Vetters, der von anderem Holze als sein Vater und Bruder war. »Hurra! Ein Volk, dessen Söhne eine so selbstverständliche Charakterstärke besitzen, wird und muß seine Sache zum Siege führen. Ich beneide dich, denn du bringst deinem Vaterlande ein großes Opfer ... mit deinem Avancement zum Bureauchef ist es jetzt vorbei ... aber tröste dich! Für Leute deines Schlages wird man auch in den Herzogtümern ein geeignetes Amt haben.«

Christian lächelte eigentümlich. »Ein Amt in der Heimat habe ich schon ...«

»Ah, du hast schon eine Anstellung?«

»Ja, wir alle, die wir noch keine vierzig Jahre zählen, haben jetzt ein Kriegeramt und zunächst die Pflicht, unser Land mit der Waffe zu verteidigen ... ich will als gemeiner Soldat in unserem Heere dienen.«

Heimreich bewunderte diese bescheidene Größe und fühlte beschämt, daß er nur eine Zwitterstellung als Prädikant aufgebe und kein rechtes Opfer bringe.

Zögernd warf er die Frage auf: »Wie wird dein Bruder in Rendsburg sich entscheiden?«

»Ist der Leutnant Fangel ein Lump, der seine Heimat und Geburt verleugnet, so ist er nicht mehr mein Bruder, sondern mein Feind.«

Das war ein furchtbares Wort und dieser Vetter ein harter, aber heroischer Mensch. – – –

Die führenden Männer Schleswig-Holsteins standen vor einem sehr schweren Entschluß, aber mit jener festen Mannhaftigkeit, die jene ganze, große Zeit charakterisiert, haben sie ohne Schwanken rasch, kühn und klug gehandelt. Die Häupter der Ständeversammlung tagten in Kiel und entschlossen sich zu jener unvergeßlichen Tat der schleswig-holsteinischen Erhebung, welche die Not gebot und die Revolution in Kopenhagen rechtfertigte. In der denkwürdigen Nacht vom 23. auf den 24. März 1848 saßen die Studenten im Saale von Wichmann, in höchster Spannung von Stunde zu Stunde harrend, ohne einen Tropfen zu trinken, um bei dem geschichtlichen Akte, den man erwartete, würdige Zeugen und Schutzwachen zu sein. Alle trugen schwarz-rot-goldene Abzeichen, brachen kurz nach Mitternacht auf und nahmen auf dem Markte Aufstellung. Hier standen schon die Lauenburger Jäger, die mit den Studenten fraternisieren, ihre dänischen Kokarden in den Schmutz warfen und schwarz-rot-goldene ansteckten. Um ein Uhr trat Beseler ans offene Fenster, man sah bei der Dunkelheit seine Gestalt kaum, aber man hörte seine sonore Stimme, die feierlich dem Volke verkündete: Weil der König-Herzog in den Händen der Kopenhagener Eiderdänen und Aufrührer und daher in seinen Handlungen unfrei und Schleswig-Holstein ohne Regierung sei, habe man eine provisorische Regierung gebildet, welche vorläufig die Verwaltung führen und mit Gottes Hilfe verhüten wolle, daß ein deutsches Land ein Raub der Dänen werde.

Das war eine maßvolle Politik, die den bösen Schein der Insurrektion vermied. Ehre den Männern, die so fest und furchtlos handelten, aus lauter Vaterlandsliebe um ihres Deutschtums willen Amt und Existenz, Habe und Haupt aufs Spiel setzten und eine schwere Verantwortung auf ihre Schultern luden! Jene Märznacht war die Stunde, wo Schleswig-Holstein aufstand wider seine Bedränger, die des Landes Hälfte rauben und das deutsche Schleswig zur dänischen Provinz erniedrigen wollten. Das ganze Land jubelte der neuen Regierung zu, leistete ihr den Treueid und war zu jedem Opfer an Gut und Blut bereit. Keine Sorge oder Angst regte sich, sondern ein Gefühl der Erlösung ging durch die Herzogtümer, eine frohe Hoffnung, daß endlich die unerträgliche Knechtschaft zu Ende sei, aber auch ein lang aufgespeicherter Dänenhaß, eine echt germanische Kampflust, den weit stärkeren Feind niederzuringen, lohte allüberall.

Heimreich war, wie ganz Kiel, in einer patriotischen Ekstase, legte sofort sein Prädikantenamt nieder und widmete sich dem Waffenhandwerk. Wenn er morgens vor fünf die Augen aufschlug und der Bäckerjunge, der das frische Brot brachte und aus vollem Halse »Schleswig-Holstein meerumschlungen« sang, ihn weckte, lachte ihm das Herz im Leibe, denn es war jetzt eine Lust zu leben, für das Vaterland zu wirken, von Heldentaten zu träumen und an der ungeheuren Begeisterung seines erwachenden, sonst so ruhigen Volkes täglich das Herz zu erheben. Das Dienstmädchen, das ihm den Kaffe brachte, trällerte tapfer: »Schleswig-Holstein stammverwandt, wanke nicht, mein Vaterland.« Der Schusterjunge, der die versohlten, für den Feldzug zollstark versohlten Stiefel brachte, brüllte draußen auf der Treppe: »Ob auch wild die Brandung tose.« Und der Kandidat gab ihm Vierschilling Trinkgeld für seine gutdeutsche Gesinnung. Als Heimreich das Haus verließ, kam die alte Trine Peters zum Waschen ins Pastorat; das Weiblein hatte sehr wenig Zähne und sang nicht mehr, grüßte aber den bewaffneten Prädikanten und sagte seufzend: »Ach Gott, ick beneide Se! Wenn ick doch wenigstens as Marketenderin mitkunn in de Krieg gegen de verdammte Dan!« – O, bei hoch und niedrig, bei den Holstenrittern mit achtzehn verbrieften Ahnen und dem ärmsten Tagelöhner war die gleiche Liebe zu Schleswig-Holstein und der gleiche, riesengroße, riesengrimmige Dänenhaß.

Die Knaben und Mädchen, die zur Schule gingen, sangen die Straße entlang im lauten Chor: »Gott ist stark auch in den Schwachen, wenn sie gläubig ihm vertrau'n, zage nimmer, und dein Nachen wird trotz Sturm den Hafen schau'n«. Dieser kindliche Choral, dieser fromme Glaube des Nationalliedes rührte dem Zuhörer die Seele; er war des Sieges, des himmlischen Beistandes gewiß und hätte jeden, der eine Niederlage für möglich gehalten hätte, mit der Faust des Glaubens niedergeschlagen. Jedoch solche Schlagfertigkeit war überflüssig, sintemal kein Schleswig-Holsteiner den Sieg seiner gerechten Sache irgendwie bezweifelte. Das feine Fräulein Lüdemann, das am offenen Fenster das Klavier zu martern pflegte, erfreute heute das Herz der Passanten, denn es spielte mit brausenden Akkorden und sang im höchsten Ton: »Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht.«

Die Studenten marschierten in Schritt und Tritt zum Schießen nach Bellevue, und alle sangen aus voller Kehle: »Wahre treu, was schwer errungen, bis ein schön'rer Morgen tagt.« Man hörte von früh bis spät in allen Gassen und Häusern ewig und ohne Ende nur das Lied, das groß und klein, Magd und Fräulein, Männlein und Weiblein in Baß und Bariton, in Alt und Sopran trällerte und sang, pfiff und flötete, schrie und brüllte. Das Schutz- und Trutzlied des Landes wurde trotzdem nicht abgeleiert noch abgedroschen und das Ohr nicht abgestumpft noch überdrüssig, nein, wo immer es ertönte, hat es in jedem Herzen starken Widerhall geweckt, hat es stets wie ein Zauberwort gewirkt, wie ein Blitz gezündet und eine ewig neue Begeisterung entfacht. Das alte Sprichwort Holsatia non cantat ist in jenen Tagen widerlegt und zur offenbaren Unwahrheit geworden. Ganz Schleswig-Holstein hat hunderttausendstimmig gesungen, daß es den Dänen in die Ohren gellte und sie wie die Hunde, die keine Musik vertragen, ein wütiges Geheul erhoben.

Der kleine, kläffige Köter unter den Reichen Europas hat an den Höfen in London und St. Petersburg ein erbärmliches Gebell gemacht: das sei ein scheusäliges Revolutionslied, ganz Schleswig-Holstein in hellem Aufruhr, das Gottesgnadentum der Fürsten gefährdet und das heilige Gleichgewicht Europas ins Schwanken geraten. Also hat der Dänenköter de- und wehmütig, listig-lügenhaft dem brummigen Bulldogg und der russischen Riesendogge vorgeheult und vorgewinselt. Von Anfang an fand der Kläffer an beiden Höfen zu viel und zu freundlich Gehör. Man gab ihm zunächst den wohlfeilen Rat, die Zähne zu zeigen, dem nur halb so großen Nachbar das Ohr zu zausen und mit einigen kräftigen Schlägen das Revolutionsgelüst der Herzogtümer zu kurieren. Dänemark machte eine sehr kriegerische Miene, auch ein sehr großes Maulheldengeschrei und raffte aus den letzten Jahrgängen ein Heer von Rotröcken zusammen, um die Herzogtümer zu züchtigen und unter das kaudinische Joch zu zwingen. Doch der cimbrische Rüde hatte von Kind an scharfe Zähne gehabt, hatte in seinem Leben viel um sich gebissen und oft dem Dänen das Fell zerrissen. Er wollte mit Standhaftigkeit und Stärke seiner Haut sich wehren. Das Unglück aber und die Niedertracht war, daß der eigene Herzog des Landes des Landes ärgster Feind gewesen war und als Dänenkönig seit Jahrzehnten mit böser Absicht Cimbriens Wehr- und Widerstandskraft geschwächt hatte. Sein Herzog hatte keine höhere Militärschule in den Herzogtümern geduldet, fast alle Offiziere der schleswig-holsteinischen Armee waren geborene oder im dänischen Kadettenhaus aus- und eingebildete Dänen mit einem eingepfropften Dänentum. In unseren Bataillonen war der gemeine Mann und meistens auch der Unteroffizier ein echter, zäher Schleswig-Holsteiner, der seine Heimat liebte. Aber von den Offizieren war anzunehmen, daß sie ihre Soldaten gegen das Volk führen und deutsches Blut vergießen würden.

Die provisorische Regierung in Kiel erkannte sofort, daß der Besitz von Rendsburg über Sein oder Nichtsein entscheide und die Erhebung ohne diese Festung ein im Keime erstickter Putsch sein werde. Rendsburg war nicht nur die starke Landesfestung, das große Waffenarsenal und der Lebensnerv der Armee, sondern barg auch in seinen Mauern die wohlgefüllten Kassen des Landes, den Nerv jeder Kriegsführung, der Geld, Geld, Geld heißt. In den Händen der Dänen die Zwingburg, mußte die Festung die Schutz- und Trutzburg der Freiheit werden.

Man hat Rendsburg durch den berühmten Putsch des Prinzen von Noer, der ein Mitglied der Kieler Regierung und der Feldherr des Landes wurde, am hellen Vormittage ohne einen Flinten-, geschweige denn einen Kanonenschuß genommen. Die erste abenteuerlich kecke, aber schlau berechnete und alle Welt erstaunende Tat der Regierung war ein genialer Streich und Handstreich, eine groteske Ueberrumpelung; aber auch ein ungeheurer Erfolg war diese unblutige Einnahme einer starken Festung, die in Deutschland ein jauchzendes Gelächter, in Europa ein spöttisches Grinsen, in Dänemark bleiches Entsetzen erregte.

Das Kieler Studentenkorps erhielt Befehl, sich und seine Waffen für den Morgen des 24. März bereit zu halten und um acht Uhr am Bahnhof Aufstellung zu nehmen. Man ahnte sofort, daß eine Hauptaktion geschehen und Rendsburg erobert werden solle, aber der eigentliche Plan blieb ein Geheimnis der wenigen Führer und Eingeweihten. Der Exprädikant, den sein Pastor mit einem Segen und einem Extrahonorar von fünf Kuranttalern entlassen hatte, schlief unruhig in der Nacht vor seiner ersten Bataille, wie er wähnte, stand schon um fünf Uhr auf, schulterte sein Gewehr, um zu Schlacht und Sieg nicht zu spät zu kommen.

Auf dem Bahnhofe besteigen etwa dreihundert Jäger und achtzig bewaffnete Bürger den haltenden Zug. Heimreich vergeht vor Ungeduld. Wo bleiben die Kommilitonen? Haben sie, wie er wettert, auf den vorweggenommenen Lorbeeren zu lang geschlafen? Nein, sie sind durch einen Irrtum auf eine spätere Stunde bestellt und durch Munitionsverteilung aufgehalten worden. Der Prinz von Noer, ein recht barscher, befehlsgewohnter, ungeduldiger Herr, kann und will nicht länger warten und gibt das Zeichen zur Abfahrt. Die Lokomotive pfeift. Heimreich springt auf das Trittbrett und in den gleitenden Zug, damit er beim ersten Kampf nicht fehle. Obgleich Heldengefühle die Brust ihm schwellen, drängt doch ein kleines Bedenken seinem rechnenden Verstande sich auf. Können kaum vierhundert Krieger eine von Wällen und Gräben geschützte, mit Achtundvierzigpfündern bestückte Festung erstürmen? Weg mit den feigen Fragen! Ein Trompetengeschmetter besiegte Jerichos Mauern.

Heimreich kommt aus dem Staunen nicht heraus und muß an Wunder glauben – denn in der flachen Gegend taucht das umwallte Rendsburg aus dem Morgendunst und der Zug stoppt nicht, nein, der ganze Eisenbahnzug mit den Stürmern fährt, von keiner Schildwache, keinem Werda aufgehalten, durch die dräuenden Wälle und gar friedlich bis in den Festungsgraben hinein. Der Kommandant, ein General von Lützow, und die dänischen Offiziere haben noch keine Ahnung von den Ereignissen in Kiel. Ein junger, vom Prinzen instruierter Herr springt aus dem Zuge und rennt zum Küster der Garnisonkirche, damit dieser die Brandglocken läuten lasse und das Militär bei dem Feuerlärm sofort, wie es Festungsbefehl ist, unbewaffnet seine Baracken verlasse, die Brandeimer ergreife und auf dem Markt Aufstellung nehme. Diese groteske, geniale Kriegslist gelingt aufs Prächtigste.

Heimreich atmet auf, endlich wird's kriegerisch, das Kommando, die Zündhütchen aufzusetzen und die Tschakos nicht am Fenster zu zeigen, geht leise von Mund zu Mund. Die winzige Eroberungsarmee verläßt den Zug und marschiert, von dem prinzlichen Eisenfresser und dem Herrn Beseler, der einen Regenschirm als Waffe trägt, geführt, geradeswegs nach der Hauptwache, die sofort umzingelt wird und keinen Widerstand versucht. Das waghalsige Unternehmen scheint sehr unblutig und höchst gemütlich zu verlaufen, wie eine lächerliche Komödie, eine bitterböse Posse, die man mit den Dänen spielt. Das einzig Gräßliche ist das wilde, wimmernde Geläut der Feuerglocken. Die Mannschaften traben, mit dem Brandeimer vorschriftsmäßig bewaffnet, aus allen Gassen herbei, die ganze Garnison sammelt sich auf dem Markte, sieht und riecht kein Feuer und fragt, wo es brennt. Die Offiziere eilen herbei, sind völlig konsterniert und kopflos, machen keine Miene, die paar hundert Feinde zusammenzuhauen, sondern gehorchen in kläglicher Bestürzung, als der Prinz herrisch ihnen zuruft: »Jetzt kommandiere ich in Rendsburg! Stecken Sie sofort den Degen in die Scheide!«

Die Aermsten rühren keinen Finger, geschweige denn das Schwert, um die Festung zu halten. Der General von Lützow unterwirft sich ebenso unrühmlich der winzig-wagemutigen Schar und willigt ein, daß die Offiziere und Mannschaften der drei Bataillone frei wählen dürfen, ob sie sich für Dänemark oder Schleswig-Holstein entscheiden Wollen.

Nun kommt der feierliche Ernst des kriegerischen Schwanks, der große Augenblick der herrlichen Tragikomödie. Seitwärts steht der Haufe der Offiziere, steckt die Köpfe zusammen und flüstert erregt, ohne einen heroischen Entschluß zu fassen. Vor den Vierecken der Bataillone, mitten auf dem freien Platze steht der Prinz, die Arme gekreuzt, eine imposante Gestalt, in dieser größten Stunde seines Lebens wahrhaft heldengleich.

Heimreich denkt in dem Moment: Warum hauen die Offiziere ihn nicht in Stücke? Warum reißen die Kerle nicht ihr Schwert heraus? Kein Degen blinkt, kein Schuß fällt. Der mutige Prinz redet kurz und kraftvoll die Soldaten an: »In Kopenhagen hat ein Volkshaufe das Schloß umzingelt und den König gezwungen, ein neues, aus den ärgsten Feinden der Herzogtümer bestehendes Ministerium zu bilden. Darum haben wir eine vorläufige Regierung gebildet, welche für den Landesherrn regieren wird, bis die Unteilbarkeit des Landes garantiert ist. Ich frage euch als Schleswig-Holsteiner, ob ihr für die Rechte des Vaterlandes mit uns eintreten, oder ob ihr nach Norden ziehen wollt. Die Wahl ist frei, der Weg ist offen. Wer nach Norden will, der trete vor!«

Kein einziger Soldat rührt sich, auch nicht einer von drei Bataillonen verläßt das Glied. Keiner will die Heimat verlassen und verraten. Es ist eine tiefe, lautlose, aber hochberedte Stille, die von jahrelanger Kränkung, aufgespeichertem Holstenhaß und starrer Holstentreue den Dänen eine gellende Predigt hält.

General von Lützow erblaßt, und sein Schnurrbart bebt, als der Prinz von Noer stolz salutiert: »Herr General, die Mannschaft hat gewählt! Nun sollen die Herren Offiziere sich entscheiden.«

Die dänischen Offiziere blicken stockfinster und zerbeißen sich die Lippen. Die wenigen Schleswig-Holsteiner – oft nur einer in der Kompagnie – stehen vor einer furchtbaren Gewissensfrage, ob sie dem fremden König oder dem teuren Vaterlande den Treueid halten sollen. Aber sie gehorchen der höheren, heiligen Pflicht. Bis auf ein paar treten sie in Reih und Glied, um bei ihrer braven Mannschaft, bei ihrem Volke zu bleiben.

Die dreitausend Treuen ziehen ab. Eine Bewegung geht durch die Glieder, einer fängt an, hundert fallen ein und pflanzen es fort, und aus den Kehlen braust das Lied, das bisher mit strengem Arrest bei Wasser und Brot bestraft wurde. Als die Offiziere das Schleswig-Holstein meerumschlungen hören müssen, wollen sie vor ohnmächtiger Wut bersten, und ein paar Hitzköpfe fluchen, werden jedoch mäuschenstill, als ein paar Gewehrläufe sich senken.

Heimreich läuft über den freien Platz und greift nach der Hand seines Vetters, des Leutnant Friedrich – Frederik Fangel. Der läßt seine Hand hängen und höhnt: »Ei, der Herr Kandidat aus Hyllerup trägt ein Kuhbein und ist Barrikadenhauptmann geworden, er wird noch Insurgentengeneral werden und schließlich noch höher, nämlich an den höchsten Galgen, kommen.«

Heimreich bittet: »Friedrich, bedenke, daß du ein Deutscher bist!«

»Ich bin Offizier Sr. Majestät.«

»Friedrich, dein Bruder hat Kopenhagen verlassen, um der Überzeugung willen sein Amt als Opfer gebracht und dir, ja uns allen ein edles Beispiel gegeben, er will in unsrem Heer dienen ...«

»Der Lump! Will er ein Verräter sein, ist er nicht mehr mein Bruder, sondern mein Feind, den ich niederstoße, wo ich ihn treffe.«

»Du rasest! Es ist eine frevelhafte Rede, die sich erfüllen könnte. Ich beschwöre dich! Du bist ein Schleswiger wie ich, von unsrem Fleisch und Blut, von deutscher Art ... folge nicht der Dänenlockung!«

»Geh zum Teufel, du Insurgent! Ich bin Offizier Sr. Majestät und ein Ehrenmann, ich bin kein eidbrüchiger Aufrührer, wie dieses Lumpengelichter, das uns die infame Falle gestellt hat. Warte nur! Wir schießen euch zusammen... und alle Räuberhauptleute werden dreimal gepeitscht und dann par ... partiert und ge ... gevierteilt ...« Der rabiate Leutnant schäumt vor Wut und schnappt nach Worten.

Heimreich sagt vertraulich: »Halte sofort dein infames Maul, wenn du mit heiler Haut Rendsburg verlassen willst.«

Der Leutnant Fangel drückt sich geschwind.

Die dänischen Offiziere erhalten freien Abzug, verlassen sofort die Stadt, die Tränen lacht. Der arme Lützow ist nach Dänemark gegangen, vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade kassiert worden. Der Dänengrimm forderte ein Opfer.

Das war die unblutige, berühmte Einnahme von Rendsburg, der erste, große Waffenerfolg ohne Schuß und Schwertstreich, der mehr wert war als eine gewonnene Schlacht, denn er gab erst die Möglichkeit des Freiheitskrieges, ein großes Arsenal, ein kleines Heer und dem ganzen Lande eine starke Zuversicht. Der Rendsburger Putsch ist und bleibt ein Ehrentag und Ruhmesblatt in dem Leben des Prinzen von Noer, der von seiner resoluten, barschen, oft brüsken Rücksichtslosigkeit hier einen so goldenen Gebrauch machte, und dieser dreistgrobe Streich des edlen Prinzen hat alle ungescheiten Streiche und Riesengrobheiten des vielgeschmähten Mannes gesühnt und aus dem Gedächtnis getilgt.

In dem Lande der maßvollen Leute, die ihre Leidenschaften zu zügeln und ihre Gefühle zu beherrschen wissen, war ein toller Jubel, selbst die griesgrämigen Hypochonder hörten von der Erstürmung und lachten sich gesund, die Zweifler, Kritiker und Nörgler, die auf unserem fetten Boden reichlich wachsen, wurden Optimisten, die den Himmel voller Geigen und das Land voll von deutschen Hülfstruppen sahen. Allgemein war die Gewißheit: das große Vaterland wird Schleswig-Holstein nicht im Stich lassen, unser großer, starker Bruder Teut wird uns helfen, den Dänen zur Räson zu bringen. Der Anfang war eitel Freude. Die guten Botschaften und Zukunftsbürgschaften folgten sich auf dem Fuße, Schlag auf Schlag; jeder Tag wurde zum Festtag. In vier Tagen bis zum 28. März gingen alle Truppen im Lande, die Garnisonen in Schleswig, Glückstadt, Altona, Itzehoe, Plön, Ratzeburg mit Waffen und voller Musik ins schleswig-holsteinische Lager, die Offiziere marschierten ohne Mannschaft nach Norden.

Ein schlimmer Umstand allerdings, ja ein schweres Übel war der große Offiziersmangel, denn im ganzen Heer waren nur fünfundsechzig Offiziere im Dienst und ihrem Lande treu geblieben. Doch bald schwand auch die Sorge, der Himmel Cimbriens duldete keine Wolken. Die Preußen und die anderen Bundesstaaten waren bereit, Offiziere zu senden.

Die Kieler ließen die tapferen Preußen und ihren edlen König hundertmal am Tage hoch und nach Mitternacht noch höher leben. Der Herzog von Augustenburg hatte bei Friedrich Wilhelm IV. eine Audienz gehabt, war sehr freundlich empfangen, mit festen Zusagen und einem festen Händedruck entlasten worden. Der Preußenkönig hatte bestimmt versprochen, auch mit Waffengewalt Beistand zu leisten. Alle Zeitungen jubilierten: Hurra! Wir haben ein preußisches Königswort, das nicht wanken wird, ob auch die Welt unterginge. Die tapferen Borussen kommen als unsre Kampfbrüder. Die Gymnasiasten in Kiel wetteten und weissagten: nun wird der Däne nicht Schleswig einverleiben, sondern das große Deutschland wird das kleine Dänemark inkorporieren und verschlucken.

Friedrich Wilhelm hielt sein Wort und ließ ein Armeekorps mobil machen.

Das Kieler Studentenkorps rückte singend und siegesgewiß ins Feld, zugleich mit ihm das Turner-Freikorps. Wegen seiner aktiven Beteiligung an der Einnahme von Rendsburg, bei der er freilich keine Gelegenheit zur Tapferkeit gehabt, wurde Heimreich Fangel von seinen Kommilitonen, die als Freischar selbst ihre Führer kürten, zum Leutnant gewählt. Man zog in bequemen Märschen, überall sehr gut bewirtet und als Freiheitsheld ausgiebig gefeiert, nach dem Norden. Der große, oft kindlich naive Mut übersah alle Mängel und ging ohne Furcht, aber auch ohne militärische Sachkenntnis und Selbstkritik, den kommenden Ereignissen entgegen. Viele konnten ein Gewehr kaum laden, geschweige denn zielen oder gar treffen, aber die Jugend tröstete sich, daß die Bravour die fehlende Ausbildung ersetze. Als Leutnant Fangel fleißige Schießübungen forderte und die warnende Stimme erhob, man müsse nach Napoleons Wort den Feind stets überschätzen, die Dänen hätten auch gute Flinten und jahrelang gelernt, die Feinde totzuschießen, da gaben Spaßvögel ihm sehr leise den Spitznamen »Napoleon der Zweite«, und ein Bramarbas rief laut: »Feiglinge können wir nicht gebrauchen.« Fangel antwortete scharf: »Ein Heer ohne Subordination wird stets und überall Prügel bekommen.«

Die sehr mannigfaltige und sehr mangelhafte Bewaffnung sollte in Rendsburg kriegsgemäß werden. Heimreich erhielt im Keller der Juden-Synagoge ein sehr feuchtes, unfröhliches Quartier, wo er die ersten Soldatenfreuden und das Schlafen auf Stroh kennen lernte. Sehr diensteifrig trommelte er seine Leute aus den allerdings fehlenden Federn heraus, führte er seine Rotte frühzeitig zum Verteilungsappell, und die maulenden Leute haben es ihm gedankt. Nur die ersten nämlich erhielten, soweit der Vorrat reichte, einen schönen, grünen Jägermantel mit rotem Kragen, der wenigstens ein soldatisches Exterieur gab und mit viel Stolz und Würde getragen wurde. Die zuletzt kamen, mußten sich mit einer Pferdedecke begnügen, schnitten ein Loch hinein und steckten den Kopf hindurch, sahen recht banditenhaft und schreckerregend aus und wurden von den Glücklichen im Mantel die Jakobiner oder Barrikadenbrüder genannt. Allen wurde eine Muskete überreicht, auch Brotbeutel und Patronentasche, doch behielt mancher seinen Schleppsäbel oder sein Rappier an der Seite, um einen möglichst martialischen Eindruck zu machen.

Es war ein sehr braves und sehr buntes Freiheitsheer. Das reguläre Militär trug noch die roten Dänenröcke und hatte sogar das dänische Kommando behalten, da man in der Eile kein neues einführen konnte; nur die neuen blau-weiß-roten und schwarz-rot-goldnen Fahnen waren schleunigst genäht und den Truppen gegeben worden.

Nach dem Appell hatte Heimreich eine unerfreuliche Begegnung, Kunz Reuter kam mit eiligem Schritt und wichtiger Miene, den Äskulap-Stab, das Stethoskop in der Hand, einen Degen an der Seite, aus dem Lazarett und grüßte ernst, fast ehrerbietig. Heimreich nickte kühl und wollte keine Aussöhnung mit dem Manne, der mit dem Herzen seiner Schwester so häßlich-grausam gespielt hatte. Obgleich Kunz noch immer unmittelbar vor dem Doktorexamen stand, war es ihm bei dem Mangel an allem nicht schwer gefallen, Arzt, Militärarzt bei dem Studentenkorps zu werden. Er erzählte jedem, der es hören wollte, daß er natürlich mit der Waffe habe dienen wollen, daß aber seine Verlobte Herzkrämpfe bekommen und sich den sicheren Tod geholt habe, wenn er nicht den Wunsch seines Schwiegervaters erfüllt und den ihm von der provisorischen Regierung ehrenvoll angetragenen Posten als Militärarzt angenommen hätte. Viele Kameraden nannten ihn einen Prahlhans, aber Fangel verteidigte ihn energisch: »Nein, Reuter besitzt mehr Courage als wir alle, so daß ich unbedingt behaupten kann, er ginge am liebsten in das wildeste Schlachtgetümmel.«

Das Studentenkorps marschierte aus Rendsburg. Der Höchstkommandierende der Armee, der Prinz von Noer, stand im Fenster – und haranguierte die Leute: »Auf jeden alten Soldaten wird das Korps einen so erschrecklichen Eindruck machen, daß hoffentlich die Dänen beim bloßen Anblick ausrücken. Sollten sie aber wider Erwarten stehen bleiben, so kehrt flugs das Kuhbein um, sintemal das Schießen schwer und das Treffen noch schwerer ist, und schlagt sie mit dem Kolben auf das Kapitol!«

Der Herr, der als Militär alles Freischärlertum gering schätzte, hatte eine scharfe Zunge und als natürliche Folge viele Feinde. Um den üblen Eindruck dieser Worte zu verwischen, ermahnte er mit Ernst: »Ich habe Sie und die Turner und das fünfte Jägerkorps unter Major von Michelsens Befehl gestellt. Auf das Exerzieren gebe ich nicht viel, um so mehr auf das sichre, schnelle Schießen. üben Sie sich mit Ausdauer im raschen Laden und Abfeuern, im richtigen Zielen und Treffen! Wenn nur jede fünfte Kugel einen Dänen trifft, sind wir die Sieger. Tun Sie Ihre Pflicht! In der Stunde der Schlacht werde ich bei Ihnen sein.«

Die Studenten fuhren auf Wagen nach der Stadt Schleswig, die alle Fahnen herausgehängt hatte und die Helden in spe bewirtete. Heimreich besuchte seinen Onkel Brodersen, der ihm einen umfangreichen Brief des Vaters überreichte. Es war für lange Zeit der letzte Brief, da die Dänen Nordschleswig besetzten und jede Verbindung aufhörte. Aus dem Dorfe Hyllerup war viel Neues und wenig Erfreuliches zu berichten.

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