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Im Jahr des Herrn

Wilhelm Heinrich von Riehl: Im Jahr des Herrn - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleKulturgeschichtliche Novellen
authorWilhelm Heinrich Riehl
year1923
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleIm Jahr des Herrn
pages63-78
created20030708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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W. H. Riehl

Im Jahr des Herrn.

(1855.)

Im Jahr des Herrn 850 lag das Elend vielgestaltig auf den deutschen Landen. An den Nordküsten waren die Normannen plündernd und mordend hereingebrochen; in Thüringen und Hessen die Sorben. Dazu breitete sich eine schwere Hungersnot über alle Gaue. So ward das Maß des Jammers voll.

In Strichen, die Frieden gehabt, schätzte man's hie und da, daß jeder dritte Mann Hungers gestorben; wie es aber gar in den vom Feinde verwüsteten Gauen ausgesehen, das weiß niemand zu sagen. Die Geschichte hat jenes Bild des Jammers in Vergessenheit gehüllt. Denn der Krieg war geführt worden als Vertilgungskrieg; darum zerstörte der Feind dem Feinde alle Pflanzungen und verderbte alle Feldfrucht, so daß auch der kleine Rest der hungrigen Ernte, den Gottes Barmherzigkeit übrig gelassen, durch der Menschen Erbarmungslosigkeit vernichtet ward.

Des Nachts hatten Feuerzeichen des Himmels die schwere Zeit voraus verkündet. Eine Wolke stieg auf von Norden her und eine andere kam von Osten entgegen, und feurige Strahlenbüschel ohne Unterlaß gegeneinander schleudernd, stießen sie in der obersten Höhe des Himmels zusammen und verschlangen sich gleich zweien Heeren im Kampfe. Allen Menschen aber erzitterte das Herz; denn sie glaubten, der Herr habe sein Angesicht ganz abgewandt von dem deutschen Volke, und selbst die Hunde sollen dazumal kläglicher als sonst geheult, die Vögel betrüblicher gesungen haben.

Falsche Propheten standen auf am Rhein und an der Donau, und wie Vorläufer des Antichrist gemahnten sie an die Erfüllung der letzten Zeiten. Viele Meister des weltlichen Regiments aber walteten ihres Amtes so willkürlich und gottlos, als ob weder ihr Regiment, noch ihr Leben, noch die Welt jemals ein Ende nehmen könne, und der Stuhl des Weltrichters niemals über den Stühlen aller Könige dieser Welt gesetzt werde.

Nun war im vorgedachten Jahre ein freier Mann im Fulder Land – sein Name ist vergessen – der hatte sein ererbtes Gut einem adeligen Grundherrn zum Eigentum hingegeben, um dafür, ohne Knecht zu werden, doch den Schutz jenes Mächtigen zu gewinnen und sich und seinen Kindern wenigstens Nießbrauch und Zins von dem Besitz zu sichern, der noch seiner Väter volles Eigentum gewesen war. In den schweren Zeitläuften aber starb der Grundherr und seine Sippe verdarb, und ein anderer gewann seine Güter und das frühere Gut jenes Mannes mit ihnen. Der neue Gutsherr wollte nun flugs den freien Mann, der mit seinem Grund und Boden auch schon die Hälfte der Freiheit weggegeben, ganz zu seinem Eigenen machen, wie das damals bei Tausenden geschah, und in der Verwirrung und Not der Zeit konnte der Bedrängte keinen Schutz finden wider den neuen mächtigen Herrn. Da kam ihm ein verzweifelter Mut, daß er das Elend vorziehen wolle der Knechtschaft. Noch lebte in ihm der Stolz und Trotz des alten Germanen, und gar manchmal schaute er verächtlich auf diese neue Zeit, wo der streitbare Mann dem demütigen Mönch und dem zahmen Bauern zu weichen begann. Sein Großvater hatte als Knabe noch den Dienst der alten Götter im heiligen Haine gesehen. Welche Götter waren denn besser, die alten oder die neuen? Mit den alten Göttern war auch die gute alte Zeit entwichen. Und wie zur Strafe kamen jetzt lange Jahre der Trübsal heraufgezogen, und der neue Christengott hatte nicht Macht oder Lust, den Jammer von seinem Volke zu nehmen. So dachte der Mann aus dem Fulder Land. Er wollte sich selber helfen, mit oder ohne Gottes Hilfe nach der Väter Weise kraft der eigenen Faust.

Darum gürtete er eines Nachts sein Schwert und entfloh von seinem Gute, das nicht mehr sein war, um zugleich der Gewalt des neuen Herrn zu entfliehen. Er nahm nichts mit als seine drei köstlichsten Besitztümer: sein Weib, sein Kind und sein Schwert. Und weil es mitten im härtesten Winter war, so schlugen die Flüchtlinge warme Felle als Mäntel über ihr Gewand. Aber weder Speise, noch Geld oder Kleinodien konnten sie auf den Weg nehmen in dieser armen Zeit.

Sie gedachten aber gegen den oberen Main zu ziehen und von da überzudringen nach Thüringen und Sachsen. Das war ein kühnes Beginnen, denn der Weg ging mitten durch ein vom Feinde verwüstetes, ausgehungertes Land, und es war in den rauhesten kurzen Tagen vor dem Jahreswechsel. Aber die Flüchtlinge waren auch hartgebackene Leute, wetterfest, mit Stahl in den Gliedern und einem wider den Hunger gepichten Magen.

War es doch auch in selbiger Zeit, wo König Ludwig, genannt der Deutsche, bei Flammersheim ein paar Rippen brach und dennoch weiter reiste, als sei er unversehrt, und keinen Seufzer ausstieß, obwohl man das Krachen in den zerbrochenen Rippen hörte, wenn sie aneinander stießen, und mit seinem Bruder Karl eine Unterredung hielt, um das Reich Lothars brüderlich zu teilen, und dann erst, als er sich sein Teil ausgemacht, nach Aachen ging, um nun bei mehrerer Muße die Rippen wieder zusammenwachsen zu lassen.

Das waren noch trotzige Zeiten, trotzige Leute und trotzige Könige, denen es auf ein zerbrochenes deutsches Reich und ein paar zerbrochene Rippen mehr oder weniger nicht ankam.

Es war am Sylvesterabend, dem Abende des dritten Tages, seit der Mann aus dem Fulder Land mit Weib und Kind fliehend ins Weite irrte. Das Kind aber war zwei Jahre alt und trank noch immer an der Mutter Brust; denn so zog dieses starke Geschlecht starke Nachkommen groß, und sieben Jahre lang hatte vordem der starke Hermel der Mutter Brust getrunken. Mann und Weib trugen das Kind wechselweise und hüllten es fürsorglich in ihre warmen Felle.

Der Tag war grimmig kalt gewesen. Eisiger noch brach der frühe Abend herein. In den Waldbergen der Rhön hatten sich die Wanderer verlaufen und nur am ersten Tage von der Gastfreundschaft eines selber halb verhungerten Bauern einen mageren Bissen erhalten. Hungrig hatten sie sich schon gestern abend im Schnee des Waldes gebettet.

Am anderen Morgen schritt der Mann noch guten Mutes rüstig aus; denn wer aus der Knechtschaft zur Freiheit wandert, der spürt die Mühsale des Weges nicht. Schweigend, im treuen Duldermut des Weibes zog die Genossin nebenher, das schlummernde Kind im Arme. Aber am Mittage hatten sie sich verirrt in den Schluchten des Gebirges; der Abend schlich heran und nirgends ließ sich der Rauch einer Hütte erspähen. Nur die Spuren des Wildes und der Raubtiere kreuzten sich im Schnee, und noch hatte den ganzen Tag nicht ein einziges Mal das tröstliche Wahrzeichen menschlicher Fußstapfen den Mut der Wanderer belebt. Häufiger wachte das Kind auf, weinte stärker und länger und stammelte seine bittenden Laute, denn auch ihm konnte die Mutter schon nicht mehr Nahrung genug spenden.

Da begann es dem Mann zuweilen vor den Augen zu schwimmen, und es war ihm, als bräche mit einem Schlag sein ganzer Mut zusammen. Doch nur einen Augenblick – und er erhob wieder das Angesicht, schaute trotzig vorwärts in die endlose Wildnis, und sein leichter Schritt trug ihn so sicher und scheinbar frohgemutet wieder dahin, als seien die weißbereiften Zweige mit Frühlingslaub geschmückt und der vom Felsen stürzende Waldbach, darüber sich die gefrorenen Wasserdünste wie eine Rauchwolke lagerten, ein kühler Brunn im Mai.

Des Riesensohnes aus Nordland – so hatten unsere Urväter den Winter geheißen und ihm den Namen des grimmigen Mannes beigelegt mit der kalten Brust – dessen gedachte in der nächsten schwarzen Minute wieder der Mann; denn es überkam ihn, als wolle der grimmige Riese, der leibliche Vetter des Todes, ihn und sein Weib und Kind hinmorden ohne Erbarmen. Es schwindelte ihm vor Kälte, und bis auf die Knochen drangen die Schauer des Frostes.

Das Weib aber mit dem blassen Leidensgesicht war anzusehen wie eine christliche Märtyrerin, die man zur Opferung hinführte vor jenen Riesensohn. Aber ob auch sie wohl im stillen erbebte unter der Mühsal des Leibes und der Marter der Seele, deuchte ihr doch der Anblick ihres Mannes mit einemmal noch viel schrecklicher. Denn wie die Nacht niedersank und das letzte kalte Rot der untergehenden Sonne über dem Schnee der Bäume blutfarben verglühte, breitete sich über die harten Züge des Mannes ein gar furchtbarer Ausdruck. Es war, als gehe ein gewaltiger Kampf durch seine Seele. Unstet rollte das wilde Auge, die Lippen zuckten so heftig, daß er sie fest zusammenbeißen mußte, und gleich als wolle er den Feind, mit dem er inwendig rang, auch mit dem Arme niederschlagen, fuhr mehr denn einmal die Hand nach dem Griff des Schwertes. Weiß besäumt vom Reif erhöhten Bart und Haupthaar die schreckenvolle Würde des Antlitzes, und im Doppellicht des verlöschenden Abendrotes und der glühend hinter den Bergen aufsteigenden Mondscheibe erschien der Mann wie ein altheidnischer Priester, der, mit dem Zorn der Götter ringend, sich rüstet, das Sühnopfer hier im Allerheiligsten der Wildnis zu bereiten.

So waren die Wanderer zu einer Anhöhe gekommen, wo schwarze Basaltpfeiler aus der Schneedecke aufragten. Unter einem vorhängenden Felsen, den die Pfeiler im Emporsteigen wie ein Dach über sich gehoben hatten, fanden die Ermatteten Schutz vor dem Winde, ein schneefreies Plätzchen und dürres Reisholz genug, das bald zu einem lustigen Feuer aufloderte. Sie beschlossen, hier Nachtlager zu halten, aber der Hunger nagte, daß an keinen Schlummer zu denken war; auch das Kind wimmerte immer häufiger und kläglicher.

Dem Mann ließ es keine Ruhe zu sitzen oder zu liegen; er konnte nur, an die Felspfeiler gelehnt, stehend in das Spiel der Flamme starren oder mit verschränkten Armen auf und nieder gehen. Von den züngelnden Gluten wandte er den Blick in die Höhe zu dem kalten Sternenlicht des Winterhimmels und sprach zum Weibe: »Die Riesen und Helden der Vorzeit leuchten da droben als Gestirne. Sonst blickten sie uns gnädig an. Schau, wie sie jetzt so kalten Auges auf uns niedersehen, gleich dem Riesen Winter selber mit dem kalten Herzen in der Brust. Vom Himmel stiegen die Götter hilfreich zur Erde, als unsere Väter noch Glauben und Opfer für sie hatten. Eure Priester haben die alten Götter aus unserer Brust vertrieben, und die Götter haben nun den Himmel für sich behalten, und den Menschen blieb das Elend.«

Das Weib erwiderte, zitternd und demütig, aber voll gläubigen Vertrauens: »Nur ein Gott ist zur Erde niedergestiegen und hat als Mensch mitgelitten für die Menschen. Da ward die Erde so ganz des Gottes voll, daß fürder kein Gott mehr niederzusteigen braucht.«

Der Mann verstummte. Ganz nahe hörte man das Geheul hungriger Wölfe. Dem schwachen Weib ward es nicht angst bei diesem Nachtgesang; doch als sie wieder aufblickte in das Gesicht ihres Mannes, da ward es ihr angst, denn sein Auge war wilder als das Auge eines Wolfes.

Und der Mann begann aufs neue: »Wo unsere Väter in Unglück verstrickt lagen, da gedachten sie ihrer Schuld und rüsteten Sühnopfer. Je schwerer Schuld und Not, um so teurer mußte die Gabe sein, die zur Sühne dargebracht wurde. Haben uns die Sänger nicht gesagt – heimlich, daß es die Mönche nicht hörten – von dem guten nordischen Könige Domaldi, den sein eigen Volk zum Altare führte, um ihn als den besten Mann des Volkes den Göttern zu opfern, damit sie die Hungersnot vom Lande nähmen? Und als das Opfermesser das Leben des Königs selber durchschnitten hatte, wich der Hunger vom Lande.«

Das sprach der Mann mit dem glühenden Auge des Wolfes, und wie ergriffen von der Vollkraft tierisch-menschlicher Leidenschaft führte er Hiebe mit dem Schwerte durch die Luft. Und abermals versagte dem Weibe das Wort der Erwiderung.

Ja, das waren wildgemutete Menschen, die noch die ganze Wucht eines ungebrochenen Gefühles im Leibe spürten, zu selbiger Zeit, wo selbst ein König mit gebrochenen Rippen sich doch immer noch Manns genug fühlte, ein ganzes großes Königreich zu zerbrechen.

Und aufs neue und immer schrecklicher erhub der Mann seine Stimme: »Du hast nicht vernommen, Weib, was vorgestern der Bauer erzählte, der uns zum letztenmal speiste. So höre jetzt! Der Erzbischof Rhaban sättigt auf seinem Hofe zu Winkel täglich Hunderte von Hungrigen, die in dieser schweren Zeit aus der ganzen Gegend dort zusammenströmen. Nun geschah es unlängst, daß auch ein fast verhungertes Weib zu ihm kam mit einem kleinen Knaben. Als sie aber die Schwelle des rettenden Hauses überschritt, stürzte sie zusammen vor Schwäche und hauchte den Geist aus. Das Kind aber lag an der Brust der toten Mutter und versuchte zu saugen, als ob sie noch lebe, und die härtesten Männer konnten das nicht schauen ohne Thränen. So fiel der Stamm, damit das Reis gerettet werde. Hätte nicht vielmehr die Mutter das Kind opfern sollen, daß sie leben geblieben wäre sich und ihrem Manne und anderen Kindern?«

Da kam dem Weib die Sprache wieder. »Nein!« rief sie und richtete sich hoch auf. »Selig die Mutter, welche so ihr Leben gegeben für ihr Kind. Zum Himmel schwebend wird ihre Seele den Knaben geschaut haben, der noch trinken wollte an der toten Brust und der nun doch geborgen war! Du sagst, vor Schwäche habe sie den Geist aufgegeben! O nein! Im Uebermaß der Freude zersprang ihr das Herz, als sie nach Todesmühen ihr Kind nun endlich doch gerettet sah, und von Wonne bewältigt, hauchte sie das Leben aus.«

Der Mann versank in tiefes Schweigen. Er mußte sein Gesicht verhüllen und abwenden von dem Weibe, das, friedlich auf ihr schlafendes Kind niederblickend, am Feuer saß.

Endlich raffte er sich wieder auf. Mit großen Schritten ging er am verglimmenden Feuer auf und nieder, und noch wilder als vorher rollten seine Augen.

»Wir mögen jetzt nahe der Stunde sein,« rief er, »wo das alte Jahr dem neuen die Hand reicht. Die Pfaffen, wenn sie die Jahre zählen, sagen: im Jahre des Herrn; – aber bei diesem gottverlassenen Jahr voll Schmach und Elendes sollte man billig sagen: im Jahre des Teufels!«

»Und dennoch,« sprach milde das Weib, »hat das eine Jahr, in welchem der Herr als Mensch den Menschen geboren wurde, einen solchen Ueberschuß des Heils über alle folgenden Jahre gebracht, daß auch das schlimmste Jahr nach der Geburt des Herrn immer noch ein Jahr des Herrn sein wird.«

Der Mann nahm das Kind vom Schoße der Mutter. »Die Stunde ist kostbar! Künftiges schauet in der letzten Jahresstunde, wer sich mit dem Schwert umgürtet, auf das Dach seines Hauses setzt, den Blick gen Osten gewendet. Nur eines will ich heute erkunden, ob wir den morgenden Tag überleben! Ist dieser Fels mit seiner Kuppe nicht jetzt unser einziges Haus? Laß mich hinaufsteigen mit dem Kinde nach altväterlichem Brauch! Und indes ich oben die Zukunft beschwöre, gedenke du hier des sühnenden Opfertodes, in welchem das nordische Volk seinen besten Mann, den König Domaldi hinschlachtete, damit der Hunger von dem Lande genommen werde!«

Da rief das Weib verzweiflungsvoll: »So höre du vorher die Geschichte einer anderen Opferung! Höre, wie es erging, da Jehovah dem Abraham befahl, daß auch er sein bestes Gut, seinen Sohn Isaak, am Altare schlachte!«

Aber der Mann hörte nicht. Er stürmte mit dem Kinde zur Felsenkuppe hinauf und verschwand hinter den Büschen.

Das Weib wollte ihm nacheilen, die Mutter dem Kinde. Doch als sie aufstand vom Feuer, da ward erst offenbar, wie ihr der Hunger das Mark aus den Knochen gesogen, sie brach ohnmächtig zusammen.

Plötzlich weckte das Schreien ihres Kindes die Mutter wieder zum Leben, und als sie aufhorchte, klang ganz nahe seitwärts aus den Zweigen hervor Getöse wie eines Kampfes. Dann ward es totenstill.

Da raffte die Mutter sich auf; ihre Kraft war wiedergekehrt, und sie sprang hinüber ins Dickicht, von wo des Kindes Stimme getönt hatte. Und vor ihr stand dort ihr Mann, vergeistert im Gesicht, das Schwert gesenkt, und im hellen Mondlicht sah man, wie Blut von dem Schwerte troff, und Arm und Gesicht des Mannes war mit Blut bespritzt. »Mein Kind!« schrie die Mutter. »Wo ist mein Kind?«

Da reichte ihr der Mann das Kind, das er im linken Arme gehalten, mit dem schützenden Felle bedeckt. Das Kind war unversehrt; es war wieder in Schlaf versunken und lächelte im Schlafe. »Wir sind beide heil und ohne Wunden!« sprach der Mann gebrochenen Tones.

Das Weib forschte, was geschehen sei. Der Mann aber sagte zitternd: »Vollende, was du vorhin begonnen: die Mär von der Opferung jenes Kindes, die Gott dem eigenen Vater befohlen!«

Und verwunderungsvoll, kaum des Wortes mächtig, erzählte das Weib die Opferung Isaaks und schloß mit den Worten der Schrift, die sie so oft im Kloster zu Fulda vernommen: »Da sprach der Engel des Herrn zu Abraham: Lege deine Hand nicht an den Knaben und thue ihm nichts. Denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einigen Sohnes nicht verschonet um meinetwillen. Da hub Abraham seine Augen auf und sahe einen Widder hinter ihm in der Hecken mit seinen Hörnern hangen, und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn an seines Sohnes Statt zum Brandopfer.«

Als sie geendet, sprach der Mann: »So hat sich heute erneut nicht die Mär von der Opferung König Domaldis, sondern von der Opferung Isaaks. Siehe, auch ich wollte unser Kind opfern! Doch nicht gleich Abraham, weil es mir Gott geboten, sondern als ein Sühnopfer den zürnenden alten Göttern, und auch, daß wir selbst uns sättigten und unser Leben retteten mit dem Fleisch des eigenen Kindes! Wie ich aber ins Gebüsch trete, taumelnd und wie mit Irrsinn geschlagen durch den eigenen Vorsatz, erschaue ich zwei Wölfe, die an dem Körper eines Rehes zerren. Da wird es wieder hell vor meinem Auge; mit dem Schwerte springe ich hinzu, das Kind ins Fell verhüllt fest an mich schließend, und schlage die Bestien nieder! Hier liegt das Reh, das uns Gott gesandt, der Widder statt des geopferten Sohnes!«

Da rief das Weib gleich einer Seherin: »Und doch ist auch das Opfer Isaaks nur die Verheißung gewesen eines größeren Opfers. Denn als die Zeit erfüllet war, hat Gott selber seinen einigen Sohn dahingegeben zum Sühneopfer für die Schuld aller Menschen. Und seit diesem letzten wahren Opfer sagen wir von jedem Jahre: Im Jahr des Herrn!«

»Ja,« sprach der Mann zerknirscht vor sich hin, »die letzte Stunde dieses Jahres hat es klar gemacht: es war auch dieses Jahr ein Jahr des Herrn!«

Am Feuer sättigten sich die beiden an dem Fleische des Rehes. Dann fielen sie in friedlichen Schlaf.

Die Morgensonne des neuen Jahres weckte die Schläfer. Sie stiegen hinauf zur Kuppe des Felsens, von wo gestern abend der Mann vergeblich die Zukunft erschauen wollte. Da that sich ein wunderbares Bild vor ihren Augen auf: das weite reiche Mainthal glühte im Sonnenschimmer, Hütte an Hütte stieg aus den Gründen, und der Rauch von hundert Feuerstätten hob sich zum leichten Gewölk verschwebend in die reine Winterluft. Die Gatten küßten sich bei diesem Anblick und küßten ihr Kind und fielen nieder, und beteten. Der Mann aber wagte noch nicht wieder seiner Frau ins Auge zu schauen. Doch diese hob ihn liebreich auf und sprach: »Laß uns des alten Jahres jetzt vergessen, obgleich es kein Jahr des Teufels gewesen; denn siehe, noch ist das neue Jahr nur wenige Stunden alt, und doch hat es schon so reiche Verheißung gebracht, daß wir frohgemut zum Wanderstabe greifen. Denn die neue Pilgerfahrt beginnt, wo gestern die alte schloß: Im Jahr des Herrn!«








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