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Im Isartal

Karl von Heigel: Im Isartal - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorKarl von Heigel
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleIm Isartal
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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Die Christnacht des Jahres 1714 war angebrochen. Ein sternloser Himmel lag über München; die Ringmauern hielten den scharfen Wind nicht ab, der vom Gebirg her blies, nicht die Nebelschwaden, die erst über der Isar hingen, dann über das verschneite Gelände krochen. Die Bürger waren längst in ihrem Daheim, doch auch in der warmen Stube war kein Behagen, und die Weihnachtsfreude stellte sich nirgends ein, denn eine unglückliche Vergangenheit und eine Zukunft ohne Hoffnung lastete auf den Herzen.

Nur auf dem Marienplatz war es laut und lebendig. Im Rathause waren alle Fenster erleuchtet und ein heller Schein fiel auf die nachbarlichen Giebelhäuser, auf zierliche Erker und grobe Wandmalereien. Auf der Freitreppe zum großen Festsaal flackerten Holzbrände in eisernen Pfannen, und kaiserliche Soldaten bildeten eine Ehrengasse für die Geladenen und einen Zaun gegen die ungebetenen Gaffer. Die meisten Gäste kamen hoch zu Roß an. Wenn sie die Stufen hinanschritten, während ihr Reitknecht über den dampfenden Gaul die Decke warf, blinkten ihre Kürasse blutrot und Sporen und Säbel klirrten. Was in Sänften kam, war unkriegerisches Volk, Ratsherren und andere Würdenträger Münchens. Denen war in ihren pelzverbrämten Schauben trotz dem Willkomm von Trompeten und Pauken gar nicht wohl. Denn im eigenen Hause waren sie heute die Gäste: die kaiserliche Besatzung gab das Bankett, um Weihnachten zu feiern und ihr Waffenglück im Bayerland.

Die dröhnende Bennoglocke der Frauenkirche gab das Zeichen zum Beginne der Weihnacht, die Glocken der übrigen Kirchen stimmten ein, und den weithingetragenen Akkorden tönte Antwort von den Türmen der nachbarlichen Dörfer, so daß im Umkreise zweier Stunden ein Feiersang hoher und tiefer Glockenklänge durch die Luft wallte. Weiterhin, den Fluß aufwärts, verlor er sich in Einsamkeit und Waldnacht. Denn dort hat die Landschaft die Wildheit einer Gebirgsnatur. Das Tal verengt sich und die Isarufer erheben sich als schroffe Wände, an denen das reißende Gewässer unablässig wühlt und nagt. Links der Isar zieht sich ein Strich fruchtbaren Bodens zwischen dem Fluß und mehr oder minder steilen Hügeln hin, Ackerland und Wald; doch wird durch diese spärliche Kultur der Ernst der Umgebung und der Eindruck der Einsamkeit nicht abgeschwächt. Dort, unweit einer Felskrümme, mitten im Nadelholz versteckt, lag ein Gehöft, wie ein Herrensitz von einer Mauer umhegt. Doch das Wohngebäude zwischen Stall und Scheune war das landesübliche Bauernhaus mit niedrigen Fenstern und hölzernem Wandelgang. In einer Dachstube brannte auf der Truhe, die als Tisch und Stuhl und Schrank diente, ein Öllämpchen in einer Laterne. Auf dem dürftigen Bett lag ein blasser Mann mit verbundenem Kopf, ein Sterbender. Die Bäuerin, eine Witfrau, aber noch stattlich, mit schwarzem Haar und dichten Brauen, saß auf der Truhe, die Hände im Schoß und blickte scheu auf den Todeskampf. Ihr Sohn, ein kräftiger, hübscher Bursch, stand am Bettende, auch seine Miene drückte mehr Schrecken als Mitleid aus. Die Hände des Röchelnden umklammerten den Arm einer schlanken Maid. Während ihr die Tränen über die Backen liefen, stützte sie ihn mit dem freien Arm, denn er hatte sich aufgerichtet und schien zu lauschen. Vielleicht den fernen Glocken. Ihm läuteten sie zum letztenmal. Er seufzte – streckte sich – fiel zurück. Das Mädchen ergriff seine Hand, doch ihre Kälte durchschauerte sie. »Frau!« rief sie ängstlich, »ich glaub' –«

Die Bäuerin nickte finster. »Glaub's nur! Grad so war's bei meinem seligen Mann. Der Franz hat den letzten Seufzer 'tan. Gott geb' ihm den ewigen Frieden! Er ist nit ohne Beicht' und Kommunion gestorben; wir haben nix versäumt. Drück ihm die Augen zu!«

Das Mädchen erfüllte die letzte Liebespflicht, doch dann sank ihr der Mut. Sie schüttelte sich. »Mich friert – mir ist nicht gut,« sagte sie schüchtern.

»Geh, Mutter, laß uns drunten für die arme Seel' beten!« sagte der Sohn.

Die Bäuerin trat mit fester Haltung an das Sterbelager, tauchte die Finger ins Weihbecken und bespritzte das Gesicht des Toten.

»Gott geb' ihm die ewige Ruh'!«

In der Küche unten, die winters als Wohnstube diente, knieten die drei nieder und beteten für den Verstorbenen. Dann warf Max Scheiter und trockenes Reisig auf den Herd.

»Willst du dem Raubgesindel hereinleuchten oder einer kaiserlichen Patrull, daß sie sich bei uns wärmen? Wär' mir eins so lieb wie das andere.«

»Ich spür' jetzt die Kälten. Horch, wie der Wind den Schnee ans Fenster waht! Da lauft niemand im Wald und Feld herum. Das Licht geht aus und wir haben kein Öl mehr. Aber ich bleib' heut' nit im Dunkeln.«

»Fürchtest dich ebba, daß dir der Franz als Geist erscheint? Die Toten geben Ruh'.«

Doch ließ sie geschehen, daß Max Feuer machte. Hier unten war es eisig. Eine feste Tür, mit Balken und Riegeln verwahrt, ging auf den Hof; die Fensterchen hüben und drüben waren vergittert, aber hatten keine Läden.

Während das junge Paar am prasselnden Feuer sich wärmte, schritt die Bäuerin – Frau Apollonia Seebacher – auf und ab. Dann trat sie an ein Fenster. An die gefrorenen Scheiben tappte der wirbelnde Schnee. »Ja, ja,« sagte die Frau. »Das Wetter ist grauslich und der Sepp, der arme Häuter, liegt im Hof auf der Lauer.«

»Glaubst? Ich sag', er liegt längst im warmen Stall. Er ist zwar ein Narr, aber frieren tut ihn auch. Und was soll er draußen? Er hält uns doch die Panduren nicht vom Leib. Aber die kommen heut' nit. In der Christnacht gehen die Erschlagenen von Anno fünfe um.«

»Christnacht!« sagte die Bäuerin erschrocken. »Gott verzeih' mir die Sünd'! Vor lauter Sorgen hab' ich das vergessen. Geh, Burgi, und hol den Sepp! Wir wollen die Metten beten,«

Das Mädchen, Walpurg Seebacher, zwar eine Verwandte, aber von der Bäuerin wie eine Magd gehalten, nahm willig ein Tuch über den Kopf und schritt nach der Tür. Max hatte sie entriegelt und geöffnet. Der Wind pfiff und wehte Schneeflocken in die Stube.

»Da draußen ist's nicht geheuer; ich geh' mit dir!« sagte Max mit einem Seitenblick auf die Mutter.

»Wird wohl den Weg über den Hof allein finden und der Wind sie nicht verblasen!« rief barsch die Bäuerin. Der Sohn zuckte die Achsel und brummte vor sich hin, während Walpurg hinaushuschte. Er kehrte wieder zum Herd zurück und stieß mit dem Schürhaken ins Feuer, daß die Funken stoben.

»Ich dulde das Techtelmechtel mit der Basl nit,« fing Apollonia an. »Sie ist eine Stadtjungfer, hat nix und taugt nit für ein rechtschaffen Bauernkind!«

»Siehst wieder schwarz, Mutter,« entgegnete Max. »Ich hab' nichts mit ihr und denk' nicht dran!« Dabei schlug er aufs neue ins Feuer.

»Denk jetzt, woher wir einen neuen Knecht nehmen! Die Hände vollauf zu tun, nur ums tägliche Brot; Steuern und andere Erpresserei alle Spann' lang! und bricht ein Gesindel bei uns ein, dann ist Matthäi am letzten! Daß der Franz den Panduren hat an den Leib wollen, war brav von ihm; aber daß sie beim Raufen just ihn erschlagen haben, war ein Unglück!«

»Ja freilich ein Unglück! Wann ein Pandur erfahrt, daß der Mann unser Knecht Franz und noch nicht tot war, und daß wir ihn verpflegt haben bis zu seinem seligen End', dann zünden sie uns den Hof überm Kopf an und schinden uns bei lebendigem Leib! Und seinen Tod anzeigen und den Toten begraben müssen wir doch!?«

»Die Sorgen nimmt uns der Herr Pfarrer ab. Hochwürden hat mir heilig versprochen, daß der Franz begraben wird, wie sich's für einen Dienstboten vom Seebacher Hof gehört. Aber niemand soll erfahren, wie's kommen ist. Hochwürden ist ein braver Mann. Aber wo finden wir gleich wieder einen Franz! Wer gesunde Arme hat, muß den kaiserlichen Schießprügel tragen. Ein Wunder, daß sie G'setz und Recht so weit respektieren und einer armen Witfrau den einzigen Sohn lassen. Wir brauchen Geld. Und in der Jachenau liegt uns so viel Holz. Dich kann ich daheim nit entbehren und der Sepp, der gute Taps, ist für nix, und die Burgi – laß mich mit den Stadtmadeln aus!«

Max biß sich auf die Lippe.

»Red mir überhaupt nix von den Münchenern! Was haben sie denn zeither getan?«

Sie blieb vor dem Sohn stehen und der volle Feuerschein fiel auf ihr Gesicht. Die Brauen zogen sich zusammen und die Augen funkelten. »Was haben sie denn getan? Nicht gemuckst haben sie! Als die Bauern und mein Mann selig vor dem roten Turm standen, Anno fünfe, sich elendiglich verraten sahen und niedergeschossen oder erstochen wurden, was haben denn die Münchener getan? Dreing'schaut und g'heult haben sie, statt sich lieber an den Kaiserlichen die Arm' abzuschlagen und die Zähn' auszubeißen, wenn sie keine andern Waffen zum Raufen hatten!«

»Ihr seid ungerecht, Mutter!« versetzte Max.

»Ungerecht hin, ungerecht her!« rief sie heftig. »Ich weiß nur, daß mein Mann und die tausend braven Leut' elendiglich darüber umkommen sind und daß unser Kurfürst noch immer in der Acht ist.« Tränen schossen ihr über die Wangen, zornige Tränen.

Unterdessen watete Walpurg tapfer durch den verschneiten Hof. Jenseits der Mauer ragte der Wald, von Schnee erdrückt. Der Wind schüttelte die Äste, doch immer aufs neue fielen stille Schneeflocken ...

»Sepp!« rief das Mädchen, »Sepp!«

Wenige Schritte von ihr erhob sich eine Gestalt, schüttelte sich wie ein Tier und winkte mit der Hand. »Pst!« Walpurg trat näher. »Was gibt's?« fragte sie leise.

Der Knecht, ein gebücktes Männchen, faßte Walpurg am Arm. »Hörst denn nit? Drüben in Sendling – das Schießen und Trommeln und Schreien! Christnacht. Da jährt sich's wieder und stehn die Toten alle aus den Gräbern auf, bayrische und kaiserliche, und fangen wieder an. Horch! der tote Leibl Karl trummelt wie verzweifelt! Aber ein Trummler fehlt, der bucklige Sepp. Scham di, Sepp, hast deine Kameraden und dein' Herrn überlebt! – Piff, paff! die verfluchten Krowaten und Panduren haben Flinten. Aber wir wehren uns tapfer, und unser Bauer, der starke Seebacher Lorenz, ist der best'!«

»Du bist ein Sonntagskind, Sepp, hörst und siehst mehr als andere Leut'. Aber dabei kannst erfrieren.«

»Mi friert net, Hab' Stiefeln und ein' Janker von unserm Bauern an. In die ganget noch ein Seppel nei.«

»Du sollst ins Haus kommen, will die Frau. Der Franz ist g'storben.«

»San bessere Leut' g'storben als der Franz.«

»Ist das eine christliche Red'? Die Bäuerin will, daß wir das heilige Evangeli hören.«

»I komm ja schon! Aber schad' is doch, denn vorm Hahnenkrähen ist die Schlacht net aus.«– –

Die Bäuerin holte von einem Schrank ein vergilbtes Evangelienbuch und reichte es dem Mädchen. Ihr selbst galt Lesen als eine unnütze Beschäftigung, und daß Walpurg in München die Klosterschule besucht hatte, war in ihren Augen kein Vorzug.

Walpurg begann das Kapitel von der Geburt Christi zu lesen. Ihre Stimme klang rein und angenehm, der langsame, eintönige Vortrag paßte zu der rührenden Einfachheit der heiligen Geschichte. Da – bei einer augenblicklichen Windstille – schlug ein menschliches Gewimmer deutlich an aller Ohr. Der erschreckten Leserin entfiel das Buch; die Bäuerin und ihr Sohn starrten lautlos sich an, nur Sepp blieb bei der Sache. Wie er draußen von einem Schlachtgetümmel geträumt hatte, hörte er jetzt den Gesang der Engel bei der Krippe.

Wieder und lauter hub das Wimmern an. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« rief Max und bekreuzte sich.

»Sei kein Narr!« sagte Apollonia nach einem tiefen Atemzug. »So jammert ein ang'schossner Mensch. Mag er draußen liegen bleiben bis zum jüngsten Tag! Ich hab' mit dem Franz Elends genug gehabt!«

»Um Himmels willen, redet nicht so hart, Frau Loni!« fiel Walpurga ein. »Bedenkt, es kann ein Getreuer sein, der für unsern Kurfürsten leiden muß. Denkt an Euern seligen Mann und an den heiligen Christ, der heut' geboren worden, und tut Barmherzigkeit!«

Die Bäuerin sah hart und verschlossen vor sich hin.

Der Sohn, dessen Furcht vor Gespenstern beschwichtigt war, stand zu Walpurg. »Uud wenn der arme Kerl bis morgen erfriert und es finden ihn die Kaiserlichen vor unserem Hof, sind wir gebunden und geliefert.«

Die Bäuerin gab widerstrebend nach. »Aber sei vorsichtig, schau erst vom Lug aus über die Mauer! Ein Teufel heult uns was vor und elf andere Teufel hinter ihm lachen sich dabei den Buckel voll!«

»Komm, Sepp!« sagte ihr Sohn entschlossen.

»Ist das ein Leben!« jammerte die Frau. »Hundertmal am Tag vermaledei' ich's.«

»Aber Bäuerin, am heiligen Abend –«

»Recht hast, eine Sünd' ist's, aber für meine Sünden sollen sie in der untersten Hölle braten, die an allem dem Elend schuld sind!«

Nach wenigen Minuten kehrten Max und Sepp zurück. Sie führten einen dritten, der sich mit den Armen auf ihre Schultern stützte. Im erleuchteten, erwärmten Raum kam er merkwürdig schnell zu Kräften, stieß mit einem Ruck seine Helfer von sich, warf Pelzmütze und Lodenrock ab und reckte sich, ein baumlanger, breitschultriger Gesell, mit krausem Haar und vollem Bart. Seine Tracht war mehr weidmännisch als bäurisch, auf alle Fälle vom Wetter und Wandern böse mitgenommen. Den Hals trug er frei, als ob es Sommer wäre, und den Kopf hoch wie ein Herr. Ob Knecht oder Herr, Bauer oder Jäger, er war ein schöner Mann.

»Da wär' ich,« sprach er und lachte die Bäuerin an.

Mutter und Sohn machten große Augen und riefen in einem Atem: »Der Raufpeter!«

Doch jetzt zog der Knecht Sepp die Augen aller auf sich. Als sei ein Gespenst vor ihm aufgetaucht, war er bei der Verwandlung des verirrten, halbtoten Wanderers in einen kerngesunden Kraftmenschen blaß geworden. Dann plötzlich tat er einen Freudensprung, stampfte den Boden, klatschte auf die Knie und schrie und lachte: »Der Seebacher Lorenz, unser Bauer ist wieder da!« Und zuletzt hing er dem Fremden am Hals und schluchzte vor Freude.

Allein der Starke schüttelte ihn ungnädig ab. »Laß mich aus, du Narr! Am End' wär' ich gar ein Gespenst! Na, na, ich bin, der ich bin, kein Hausherr, kein Bauer, aber ein lustiger Bua, ein Bua voller Schneid. Der Raufpeter, habt's g'sagt? Ja, der bin i und möcht' kein andrer sein.«

Der Mann war der Bäuerin nicht unbekannt. Peter Schwaiger war von dunkler Herkunft, ein unehlich Kind, nach dem Gerücht einer reichen Bauerntochter Kind, ein tüchtiger Knecht, aber als Raufbold weit und breit gefürchtet. Auf Jahrmärkten, bei einer Kirchweih oder einem Begräbnis hatte ihn Apollonia oft gesehen, nie beachtet. Erst die Narretei Sepps machte sie auf die Ähnlichkeit des Wildlings mit ihrem Seligen, ihrem kreuzbraven Mann, aufmerksam. Sie war nicht zu bestreiten, aber ihr nicht erfreulich.

»Wir leben nicht im Fasching,« sagte sie barsch, »und der Seebacher Hof ist kein Wirtshaus. Da gibt's nix zum saufen, noch raufen – noch grapsen.«

»Oho! daß ich ein Dieb bin, hör' ich zum erstenmal. Wenn mir's ein Mannsbild sagt« – er blickte herausfordernd auf Max – »schlag' ich ihn tot. Die Bäuerin – ich weiß ja doch, du traust mir dös nit zu!«

»›Klopfet an, so wird euch aufgetan!‹ heißt's im Evangeli. Wer sich ins Haus einschleicht, führt nix Guts im Schild.« »Da hätt' ich lang' klopfen können,« erwiderte er lustig. »Ihr hättet mir aufg'macht? Das glaubst du selbst nit. Ich aber hab' eini müssen und jetzt bringen mich keine vier Rösser mehr fort.« Er trat dicht vor sie hin und sah mit seinen funkelnden Augen in die ihren. »Die Seebacher Bäuerin weist keinem gut bayrischen Mann in der Not die Tür. Die Kaiserlichen sind wie Bluthund' hinter mir her. Kaiserlich österreichischer Rekrut! Der starke Schwaiger, der Raufpeterl wär' freilich ein Fressen für sie. Aber siehst mich, so hast mich.«

»Ich soll dich verstecken, wegen eines wildfremden Menschen soll ich mich und meinen Sohn ins Unglück bringen? Fallt mir im Schlaf nit ein!«

»Verstecken brauchst mich nit. Alle Welt soll mich ein und aus gehn sehn. Ich tret' an Franzels Stell', bin der Knecht vom Seebacher Hof. Punktum!«

»Ja, meinst, da rücken sie dir nit auf den Leib?« Es wurde ihr unter seinen Blicken heiß. Sie trat einen Schritt zurück und schrie: »Und einen Raufbold nehm' ich nicht ins Haus. Unser Franz schafft für zwei und ist ein braver Mensch!«

»Richtig, der Franz! Wo steckt denn der Franz? Ich werd' dir's sagen: In seiner Kammer liegt er, ein verlorener Mann. Oder vielleicht ist er schon tot und im Hof verscharrt. Ich weiß alles. Und jetzt verstehst mich: ich bin Euer Franz!« Die Frauen waren leichenblaß. Der Sohn ballte die Faust, aber der Kampf war zu ungleich, und auf den Sepp konnte er nicht zählen; der hockte auf dem Herd, wieder stumpf und blöd.

Apollonia atmete schwer. »Ich will nicht.«

»Auch gut. Dann sollen sie in München erfahren, wer die kaiserliche Patrull überfallen hat. Und nit nur dein Knecht, der junge Seebacher Bauer, dein Max war damals auch dabei!«

»Das ist eine Lug'!« riefen die Frauen zugleich.

»Lug' hin, Lug' her; sie glauben's halt gern. Und die Folter tut weh. Da sagt auch der Unschuldige gegen sich aus. Dann kommt der Galgen – oder das Rad. Denkt, wie's mit dem armen Mann aus Tölz umgangen sind!«

Nach einer bangen Pause sagte Apollonia dumpf: »So sei's! Du bist von Stund' an mein Knecht ... Aber der Pfarrer? der Doktor?«

»Wer A sagt, muß auch B sagen. Die müssen um ihrer eigenen Haut willen die Heimlichkeit weiter treiben. Der Franz ist grad so groß wie ich. Sein Krauskopf ist zwar völlig grau, aber aus einem jungen Burschen macht man leichter einen Alten, als umgekehrt. Schlecht fahrst nit: Schafft der Franz für zwei, bin ich für viere gut, nit nur im Wirtshaus, auch in der Wirtschaft. Wann geht's ins Holz? Du siehst's, ich weiß alles. Und wenn das Geld bei Euch jetzt rar ist, ich brenn' nit drauf.« Er schlug auf seinen Ledergurt, daß es klirrte. »Bin ich schon ein ledig Kind, ein armer Fretter bin ich nit!«

»Ich hab' von meinen Ehhalten noch nix umsonst verlangt,« erwiderte die Bäuerin hochmütig. »Komm, Burgi! – Du, Max, gib dem neuen Knecht seinen Abendtrunk. Er schlaft in der Stallkammer. Und, Max,–« sie wollte ihren Sohn warnen, doch der Blick des Starken schüchterte sie ein, – »guat Nacht!« –

Apollonia löste die schweren Haarzöpfe. Dann sanken ihre Arme herab und der gebräunte Nacken neigte sich.

Die Apollonia, die Tochter von Großbauern, die Herrin vom Seebacher Hof, ist in der Hand eines Raufbolds, eines Knechts! Bisher erkannte sie niemand über sich an, auch nicht ihren Mann, den starken Lorenz. Jetzt hat sie ihren Herrn. Nicht nur, weil Peter ihren Sohn und sie verderben kann – Loni hat sich unter seinem Blick geduck ... Er muß aus dem Haus.

Endlich war sie eingeschlafen. Da schreckte ein Geläut sie auf. »Burgi! Burgi!« rief sie mit gedämpfter Stimme.

Das Mädchen antwortete sogleich. »Frau?«

»Horch, sie läuten Sturm!«

»Sie läuten in Talkirchen zur Metten.«

»Schlafst denn nit?«

»Ich kann nit, Bäuerin. Ich denk' an mein' Vater und die alte Zeit.«


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