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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Siebentes Kapitel.

Beim Abendessen saß Susi blaß und starr und sprach kein Wort. Redete man sie an, so gab sie einsilbige abweisende Antworten, darum that es bald niemand mehr. Ihre Haltung betonte so absichtlich Erbostheit und Gekränktheit, wie es bei trotzenden Kindern ist. Sie war geärgert worden und wollte strafen dafür.

Um das Peinliche dieser kindischen Kundgebung zu mildern, unterhielten sich die andern desto lebhafter, aber natürlich hatte die Heiterkeit etwas Gezwungenes. Unmittelbar nach dem Essen verschwand Susi, ohne gute Nacht zu wünschen, und ließ sich nicht mehr sehen.

»Was fehlt ihr denn?« fragte Wolfine halblaut.

»Kleine Empfindlichkeiten«, meinte Günther in leichtem Ton; »das geht vorüber. Man muß nur nicht thun als ob.«

Aber Uglar machte zornige dunkle Augen und sagte scharf: »Susi sollte sich doch daran erinnern, daß sie ihren Gästen gewisse Rücksichten schuldig ist!«

Die Stiftsdame seufzte: »Dem Frauchen fehlt eben die Kinderstube!« Das war ihre Erklärung für alles, was sie an Susi auszusetzen fand. Günther von Tschirn sah aus, wie einer, der gar so gern etwas ausruhen möchte und durch Mückenstiche daran verhindert wird. Die nervösen Linien in seinem Gesicht wurden schärfer und schärfer.

Auf allen lastete ein Druck, wie Gewitterluft.

Plötzlich stürzte Susis Kammerjungfer ins Zimmer mit angstvoll verstörter Miene.

»Ach, Herr Baron, die gnädige Frau ist fortgelaufen, ohne Hut und ohne Mantel, jetzt in der Nacht!«

»Sie wird in den Garten gegangen sein,« sagte Tschirn.

»Nein, sie ist zum Thor hinaus auf die Landstraße! Soll nicht jemand mit der Laterne nachgehen?«

Die Männer standen schweigend auf und gingen hinaus. Man hörte ihre Schritte auf dem Steinpflaster des Hofes.

Die Stiftsdame seufzte mit Nachdruck. »Ach allmächt'ger Gott! Wär' ich nur wieder in meinem friedlichen Dresden! Das soll eine Erholung sein! Nein zu Tode muß man sich ja ängstigen!«

»Ich glaube nicht, daß Ursache zur Angst ist,« meinte Wolfine beruhigend.

»Sie haben eben nicht mein warmes Herz für das kleine Ding, meine Liebe! Erst stiehlt sich das Frauchen so einer armen Alten ins Herz, um sie nachher so zu quälen! Prügel verdient das ungezogene kleine Ding!«

Tante Guendoline, die in dem weißen Blondentuch, das sie abends über dem dünnen weißen Haar trug, ganz besonders blaß und durchsichtig aussah, sagte leise: »Mein armer Junge war so müde.«

»Daß sie diesem guten, guten Manne das Leben so schwer macht!« fuhr die Stiftsdame fort.

Wolfine meinte: »Besser wär's, Herr von Tschirn wäre etwas weniger gut.«

»Natürlich wär's das!« bestätigte die Stiftsdame eifrig. »Ordentlich durchhauen sollt' er mal seine liebe Frau. – Freilich« – setzte sie mitleidig hinzu, – »recht weh thun würd' es ihr, denn sie hat wenig Fleisch auf den Knöchelchen. Ach, wenn ich sie bloß erst wieder hier sähe!«

Wolfine sagte: »Bellende Hunde beißen nicht. Bei jemand, der so oft droht, wie Susi, glaub' ich nicht an die That. Die will nur in Schrecken setzen.«

Tante Guendolines angegriffene, immer thränenfeuchte Augen sahen vom Strickstrumpf auf. Mit ihrer leisen Stimme sagte sie: »Sie ist wirklich zu allem fähig, wenn sie außer sich ist. Sie ist schon einmal fortgelaufen, ganz weit, und einmal hatte sie sich eingeriegelt, und als wir die Thür aufbrachen, lag sie am Boden wie tot. Sie hatte ein ganzes Fläschchen Morphiumtropfen ausgetrunken. Wir hatten alle Mühe, sie ins Leben zurückzubringen.«

Wolfine dachte: »Sie wird gerade so weit weggelaufen sein, daß sie eingeholt werden konnte, und sie wird grade so viel Morphium genommen haben, daß sie wieder wach zu bekommen war.«

Ihr war es nicht möglich, bei dieser lebenshungrigen Egoistin an ernsten Willen zur Selbstvernichtung zu glauben.

Die Damen saßen noch auf den hochlehnigen altdeutschen Stühlen um den Eßtisch, auf dem jetzt an Stelle des Tafeltuchs eine grüne Friesdecke lag. Eine große Hängelampe beleuchtete ihn.

Die Stiftsdame legte mit zierlichen Luxuskärtchen eine Patience, halb mechanisch.

Wolfine sah ihr zu, ebenfalls nur halb bei der Sache. Sie widmete den Händen der eitlen alten Dame mehr Aufmerksamkeit als den Karten. Es waren auffallend schön geformte Händchen mit Grübchen und feinen Fingerchen. Irgend ein Toilettenaroma und zarter Puder deckte die Altersfältchen; die gewölbten spitzen rosenfarbenen Nägel schimmerten aufs sorgfältigste poliert.

Maria saß auf der Eichenholzbank am Kachelofen, im Halbdunkel des Hintergrundes, und streichelte das glatte Fell ihres Lieblingsdachshundes.

Sie hatte die ganze Zeit kein Wort gesprochen. –

Die Patience war aufgegangen, wie immer, denn wenn die Karten nicht wollten, pflegte die Stiftsdame zu mogeln, » corriger la fortune«, wie sie es nannte.

Sorglich packte sie die Kärtchen in ihr wappengeschmücktes Juchtenetui und sagte gute Nacht.

Bald nach der Stiftsdame begab sich auch Tante Guendoline zur Ruhe. Wolfine und Maria blieben allein zurück.

»Willst du nicht auch zu Bett gehen?« fragte Wolfine das junge Mädchen. »Bleib' ja nicht etwa aus Rücksicht auf mich noch hier.«

Maria stand auf. »Ich gehe noch etwas vors Haus. Der Mond scheint so schön.«

»Ja, gehen wir,« meinte Wolfine. »Männe kommt mit.«

Der Hof lag in der weißen Pracht des Junimondes. In tiefem Schwarz ragten der Kirchturm und die alten Pappeln in die silberne Luft hinein. Im Hofmeisterhaus schimmerte rötlich das Lampenlicht, ebenso hier und da im Schloß. Tiefe Stille herrschte.

»Die Nachtigallen singen nicht mehr,« sagte Maria in einem gedämpften, ehrfurchtsvollen Ton, als widerstrebe es ihr, die Tempelstille durch ihr Sprechen zu stören.

Aber Wolfine wollte jetzt ihre Mondscheinstimmung nicht berücksichtigen, sondern das ausnahmsweise Alleinsein mit dem jungen Mädchen zu einer Aussprache benutzen, die ihr mit einemmal als notwendig erschien.

Der eben durchlebte Abend hatte sie zu der Ueberzeugung gebracht, daß Wolf Hohenecke seine Tochter nicht in dem Hause dieser Durchgängerin lassen durfte.

Also mußte sich Maria mit dem Gedanken der Trennung vertraut machen.

»Du liebst Mervisrode sehr?« fragte Wolfine.

»O! – sehr!«

Eine ganze Welle warmer Empfindung durchflutete die beiden kleinen Worte.

»Möchtest am liebsten niemals fort?«

»O! – der bloße Gedanke macht mich schon heimwehkrank.«

Die Erregung, die die sanfte Stimme durchzitterte, schnitt Wolfine durchs Herz.

Sie schwieg einige Augenblicke, dann fragte sie: »Hängst du mehr an dem Ort oder an den Menschen?«

»An beiden,« kam es gepreßt.

»Trotzdem würdest du dich auch umgewöhnen. Man hat eine Weile Heimweh, und dann gibt sich das. Ich weiß es. Du wirst doch über kurz oder lang heiraten.«

»Nein. Warum sollte ich heiraten?«

Wolfine lächelte. »So sprecht ihr jungen Mädchen alle. Nachher kommt einer, der's euch anthut, und ihr nehmt ihn doch.«

»Und du, Tante Wolfine?«

»Nun ja, – manchmal bekommt man ihn eben nicht.«

Maria schwieg.

»Jedenfalls kannst du nicht dein ganzes Leben lang hier bleiben,« fuhr Wolfine fort. »Möchtest du das denn überhaupt?«

»Ich weiß nicht ...«

Immer diese etwas scheue Stimme, die so viel zu verhalten schien!

Wolfine fing an zu predigen. »Die Erde ist ein Bilderbuch mit vielen, vielen bunten Blättern; es ist nicht klug, sich nur mit einem einzigen befreunden zu wollen.«

Sie wartete auf eine Entgegnung, aber keine kam. Da sprach sie weiter: »Siehst du, ich bin ein wahrer Krösus an wertvollen Erinnerungsbildern geworden, weil ich so viele Orte kennen gelernt und lieb gewonnen habe. Du glaubst nicht, wie reich das macht! Du brauchst bloß irgend einen Ortsnamen nennen zu hören, gleich steht etwas Lebendiges vor dir. An allen Enden und Ecken der Erde fühlst du dich heimisch.«

Maria antwortete: »Daß du so geworden bist, nämlich reich, das liegt nicht an den Reisen, die du gemacht hast, glaube ich, sondern an dir. Und du wärst immer reich gewesen, auch wenn du nie von deinem Heimatdorf weggekommen wärst. Susi hat auch die ganze Welt gesehen, und was hat sie davon? Ihre Erinnerungen sind gar kein kostbarer Besitz.«

Wenn ein einjähriges Kind plötzlich angefangen hätte, in wohlgesetzter Rede Lebensweisheiten auszukramen, hätte dies Wolfine kaum mehr überrascht, als diese Bemerkung der stummen und scheuen Maria.

Sie dachte: »So! Dergleichen Ueberlegungen finden in diesem verschlossenen Seelchen statt?! Und macht sie endlich einmal ein kleines Fensterchen auf?«

Die Entfernung zwischen Maria und ihr schien ihr mit einemmal um vieles kleiner geworden. Es war kein ins Ungewisse Tasten mehr, als sie jetzt in ihren Vorstellungen fortfuhr.

»Nun, und wenn dem so wäre, – es taugt nichts, ausschließlich mit denselben vier oder fünf Menschen zu verkehren, zumal wenn diese uns nicht überlegen sind, sondern eher das Umgekehrte. Besonders für junge Menschen ist das schädlich. Ebenso wie es beim Spiel nicht nur nicht fördert, immer nur mit schwächeren Gegnern zu thun zu haben, sondern im eigenen Können zurückbringt. Denn die Kräfte, die wir nicht anspannen, lassen nach.«

»Ja, aber jeder ist mir hier in irgend einer Art überlegen,« behauptete Maria; »Onkel Günther hat viel mehr gelernt als ich, aus Büchern, wie aus dem Leben, Tante Guendoline ist ein unerreichbares Vorbild an Demut und selbstloser Güte, Herr von Uglar und Susi sind in allen praktischen Dingen Meister. Und nun gar du und die gute Stiftsdame! Ich kann von allen lernen.«

»Hast du denn gar keinen Drang, Neues kennen zu lernen? Deinen Kreis zu erweitern? Deine Kräfte zu üben?«

»Das kann ich auch hier.«

»Maria! Du redest mit deinen achtzehn Jahren wie ein alter Stoiker. Das ist unnatürlich.«

»Ich bin kein Stoiker,« sagte Maria leise und in einem Ton, als ob sie dies recht sehr bedauerte.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann sagte Maria: »Sieh', wie groß und scharf umrissen jetzt unsre Schatten vor uns hergehen! Gewiß ist doch der Schatten der erste Zeichenlehrer der Menschen gewesen.«

Wolfine antwortete nichts.

Sie dachte mit intensiver Lebhaftigkeit an den Vater dieses Mädchens. Sie stellte sich seine Art zu reden und zu denken vor, die sie so sehr, sehr gut kannte, und suchte Aehnlichkeit damit in der Tochter zu finden. Aber sie fand keine. Jeder Mensch – eine Welt! Eine Welt für sich. Und die meisten merken's gar nicht, wie fremd die Nebenwelten ihnen ewig bleiben.

Denn es gibt nur eine Brücke über den Abgrund, der zwei Welten trennt. Eine einzige! –

Maria blieb auf einmal stehen.

Sie bog den Kopf zurück, hob die Hand, ihre ganze Haltung drückte Horchen aus.

»Sie kommen,« sagte sie.

Auch Wolfine horchte.

In der Mitte der Nacht hörte man deutlich Schritte, die sich dem Herrenhof näherten.

»Es sind zwei,« sagte Maria.

Beide standen lauschend, bis wirklich das Hofthor geöffnet wurde.

»Sie sind es!«

Es war Günther mit Susi, die an seinem Arm ging.

»Wer ist denn da noch so spät im Hof?« rief Susis helle, etwas scharfe Stimme.

Maria antwortete scherzend: »Gut Freund!«

»Ach du, kleine Mia! Und meine süße Wölfin! Warum seid ihr denn noch nicht in euren Betten, ihr schlimmen Mädchen?«

»Weil man sich um dich gesorgt hat,« antwortete Wolfine mit etwas Vorwurf im Ton.

»So'n Blödsinn! Muß ich vielleicht die ganze Gesellschaft um gnädige Erlaubnis bitten, ob ich noch 'nen Brief an meine Mutter in den Kasten werfen darf.«

»Mutter?!«

»Meine Pflegemutter natürlich! Meine Pate.«

»Wenn die Briefkasten in Kauzheim sind und nach Kauzheim über eine halbe Stunde zu gehen ist, könntest du es wenigstens ankündigen,« meinte Wolfine.

»Lieber Gott, seid ihr umständlich!«

»Deine Bianka sah dich schon im Fluß. Sie kam leichenblaß hereingestürzt, – ohne Hut seist du zum Thor hinausgelaufen!«

»Bianka ist verrückt. Soll ich einen Hut gegen den Mond aufsetzen?«

Hier mischte sich Günther ein und wiederholte vor Zeugen, was er ihr schon unter vier Augen gesagt. Er sprach in dem etwas gewaltsam befehlshaberischen Ton derjenigen, die wissen, daß ihre Befehle nicht allzu genau genommen werden: »Auf alle Fälle wünsche ich, daß du nicht wieder nachts allein auf die Landstraße läufst. Es kann dir ja Gott weiß was passieren!«

Mit ostentativer Unbekümmertheit entgegnete sie: »Es gibt einen, der gut über mich wacht, viel besser als du, Guti. Natürlich stand er auf dem Kauzheimer Bahnhof mal wieder wie aus der Erde gewachsen vor mir. Er ist mir thatsächlich unheimlich.«

»Von wem sprichst du?« fragte Wolfine verwundert.

»Ach, davon erzähl' ich dir noch, Wolfine. Ist Karo schon in sein Bettchen gegangen?«

»Er ist noch gar nicht zurückgekommen,« sagte Maria. »Gott weiß, wo er dich sucht!«

Günther meinte, Uglar sei nach dem Fluß gegangen, während er selbst den Weg nach Kauzheim genommen habe.

Man beriet noch, ob man Uglar suchen sollte, als dieser plötzlich da war.

Er war von den Wiesen her durch den Garten gekommen.

Susi rief ihn munter an, ganz, als ob nicht das Geringste gewesen wäre.

»Mach, daß du aufs Stängelchen hüpfst, Karo! Findst sonst nicht aufi morgen.«

Er aber ging mit einem kurzen, kühlen »Gute Nacht« an den andern vorüber ins Haus, ohne sich um Susi zu kümmern.

»Warst du das eben, Maria, die so tief seufzte?!« fragte Wolfine.

Maria antwortete: »Ich glaube, ich habe etwas ungehörig gegähnt! – Ich bin müde.«

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