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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Sechstes Kapitel.

So wanderten sie durch den Hof, ein Stückchen Dorfstraße hinunter und in die große, weite Wiese hinein, die sich zum Fluß hinzog, und auf der unter Tschirns persönlicher Leitung Heu gemacht wurde.

Der Heuduft schlug ihnen schon von weitem entgegen. Die Wiese war so groß, daß die Gestalten der in der Ferne Heuenden wie ganz kleine Staffage zu einem großen Bild wirkten.

Ellern und Weiden und hohes Schilf bezeichneten den geschlängelten Lauf des Flusses. Jenseits begann die Flur des Nachbardorfes: reifende Felder, in den glühenden Farben violetter Raden, roten Mohns und tiefblauer Kornblumen leuchtend, daneben die saftgrünen, rosenfarb überschimmerten Streifen blühenden Kopfklees.

Die Höhenzüge, die das lachende Sommerbild umrahmten, lagen schon in hellblauem Abendduft.

Wolfine atmete tief und wohlig.

»Sieh da!« rief Uglar, »die Tante und Komteß Maria!«

»Wo?«

»Dort beim Heumachen. Bei Günther. Sie lagern auf einem großen Heuhaufen.«

»Gehen wir doch hin zu ihnen!«

»Ja, gern. Ich möchte nur erst nach meinen Fischen sehen. Die Reusen liegen hier links in dem alten Flußbett. Da sind eine Menge Fische und auch Krebse.«

Sie bogen links ein nach dem schilfumkränzten schmalen Weiher, der das alte Flußbett war. Uglar kroch in das Schilf hinein, was etwas beschwerlich war, und revidierte seine Fischreusen; es hatte sich nichts Ordentliches darin gefangen.

Wolfine schaute ihm zu, wie er das dichte Weidengestrüpp auseinanderbog und hantierte. Sie freute sich an der kraftvollen Anmut und Sicherheit aller seiner Bewegungen, und wie er so ganz bei der Sache war, die er gerade vorhatte.

Seinen treuherzigen Kinderernst liebte sie sehr.

Eigentlich wußte sie nicht viel mit ihm zu reden. Unterhaltend und amüsant war er nicht, und Bücherwissen besaß er wenig.

Aber wie er war, so mochte sie ihn. Warum wohl? dachte sie.

Manche Menschen haben es an sich, Zuneigung zu erwecken, ohne daß irgend jemand recht weiß, worin der Reiz besteht. Uglar gehörte zu diesen. Jedermann hatte ihn gern.

Maria fiel ihr ein. War sie nur ganz unempfänglich? Eine ganz kalte, herbe Nordländerin, bei der mit achtzehn Jahren das Liebesleben noch tief und fest schläft?

Ja, das war sie wohl. Und wie gut, daß sie so war. Denn was hätte entstehen können, wenn ...

Nein, sie verkehrte kameradschaftlich mit Uglar und kühl und verschlossen. Gewiß, Susis übertriebene, aufdringliche Zärtlichkeit mußte auch Marias Empfinden verletzen und sie noch in der entgegengesetzten Richtung bestärken.

Und das war ganz gut.

Wolfine begriff in dem lachenden Sommerfrieden dieser blühenden Wiesenlandschaft, daß Maria von ganzem Herzen an Mervisrode hing und gern dort bleiben wollte, – trotz Susis.

Sie gingen jetzt den grasüberwachsenen Wiesenweg entlang, auf die Gruppe der Heuer zu.

Günther von Tschirn war heute zum Nachmittagskaffee nicht nach Hause gekommen, und beim Mittagessen hatte er noch sonnverbrannter und müder ausgesehen als gewöhnlich. Auch hatte er den Speisen, die vorzüglich bereitet und zierlich angerichtet waren, wenig Ehre angethan.

Dies beschäftigte eben Wolfines Gedanken, und sie fragte ihren Begleiter, ob es denn notwendig sei, daß Herr von Tschirn den ganzen Tag selbst auf dem Feld arbeite?

Uglar antwortete lebhaft: »Ich halte es durchaus nicht für notwendig, nicht einmal für ganz richtig. Ich glaube, Herr von Tschirn würde mehr erreichen, wenn er sich weniger in Einzelheiten ausgäbe und mehr das Ganze im Auge behielte.«

»Sagen Sie das nicht Ihrem Schwager?«

»Das nutzt nichts. Tschirn hat einen Dickkopf, – und ich auch. Jeder hat seine Ansichten und bleibt dabei. Und da wir nun einmal angefangen haben, an einer Karre zu ziehen, müssen wir uns vertragen. Wir kommen am besten aus, wenn jeder den andern möglichst sich selbst überläßt. Günther Tschirn ist kolossal nervös. Ich glaube, diese wilde Arbeiterei ist auch bloß reine Nervosität. Nervöse Unruhe. Er fürchtet, Mervisrode nicht halten zu können.«

»Und thut das Aeußerste an Arbeit, um sich später nichts vorwerfen zu müssen. Ich verstehe.«

»Nur halte ich seinen Weg nicht für den richtigen. Es ist nicht die Herrenaufgabe, Knechtsarbeit zu thun. Anderes, was der Herr allein thun kann, bleibt darüber liegen.«

Uglars angenehme Stimme klang bedrückt. –

Indessen hatten die beim Heuen die Nahenden bemerkt und riefen ihnen heitere Begrüßungen entgegen.

Die kleine Tante Guendoline winkte mit ihrem Strickstrumpf. Maria war von ihrem Heuthron herabgestiegen. Der Jagdhund Nimrod, der neben ihr gelegen hatte, sprang in Sätzen auf Uglar zu und an ihm in die Höhe.

Günther Tschirn, in Hemdsärmeln, den Rechen in der Hand, rief ihnen scherzend zu: »Wer zu uns kommt, muß mitarbeiten.«

Uglar meinte, die Tante und Komteß Maria thäten doch auch nichts.

»O, die haben schon tüchtig geholfen, nicht wahr, Maria?«

Maria lächelte und nickte und händigte dann Wolfinen einen Rechen ein.

»Hier, dies muß jetzt zu einem Haufen zusammengeharkt werden.«

Wolfine machte sich mit Eifer an die ihr durchaus nicht fremde Arbeit. Auf einmal fühlte sie sich festgehalten. Zwei Tagelöhnerinnen standen neben ihr und umwanden ihren Oberarm mit einem Bund langstieliger Wiesenblumen. Dabei sagten sie einen alten Spruch her.

Wolfine kannte den Brauch des »Anbindens«, zog lachend ihr Geldtäschchen und kaufte sich mit einem Trinkgeld los.

»Na, Leute, heute geht's euch mal gut!« sagte Günther in seiner jovialen, doch auch in der Jovialität etwas zu accentuierten Art; »heut abend könnt ihr im Ochsen 'n ordentliches Fest feiern und auf die Gesundheit von den Damen trinken. Was?«

Nachdem Wolfine noch eine Weile mit Uebereifer gerecht hatte, begann man allerhand Kurzweil zu treiben. Wolfine warf sich in einen Heuhaufen, worauf Maria und Uglar sie eiligst mit großen Bündeln Heu zu bedecken suchten. Wolfine griff um sich und warf das Heu zurück. Es entstand unter Lachen und Lärm eine hitzige Kanonade.

Dann kamen Kraftproben. Günther belud eine Heugabel mit so viel Heu als möglich und hielt sie mit abgestrecktem steifen Arme hoch.

Wolfine, die es ihm nachzuthun versuchte, da sie sich für hervorragend gewandt und kräftig hielt, mußte den Arm gleich sinken lassen.

»Daß Sie so stark sind, Herr von Tschirn!« sagte sie in ehrlicher Bewunderung.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah sie vergnügt an. »Es kommt allmählich wieder,« sagte er; »ich war so von Kräften, daß ich kaum die Gabel allein hätte heben können. Aber seit ich stramm im Freien arbeite, da kommen sie zurück.«

»Also deshalb!« dachte Wolfine. Sie sah ihn teilnahmsvoll an. Gar seltsam kontrastierte das feine, etwas zarte Gesicht mit dem modisch zugestutzten Kinnbart zu diesem Tagelöhneranzug.

Sie sah ihn zum erstenmal wirklich vergnügt. Hier auf seiner Wiese unter seinen Leuten bei der einfachen Arbeit schien er sich behaglich und frei zu fühlen.

Sie dachte: »Dieser Mann müßte ja eine ganz andere Frau haben, als Susi. Eine fromme, einfache Hausfrau müßte er haben!«

»Kommt nur pünktlich zum Abendessen,« mahnte Uglar, als er mit Wolfine den Nachhauseweg antrat.

Wolfine, schon im Gehen, wandte sich nach den Zurückbleibenden um, um sich noch einmal an dem malerischen Idyll zu freuen. Dabei fing sie einen Blick der ihr und Uglar nachschauenden Maria auf, der sie überraschte.

Zwar hatte Maria die Richtung ihrer Augen sofort geändert, aber doch ein klein bißchen zu spät.

Es war ein seltsam ernster, nachdenklicher und konzentrierter Blick gewesen. Was mochte sich das junge Mädchen wohl eben gedacht haben? Ueber sie und Uglar etwas?

Ja, sie gehörte wohl zu den stillen, tiefen Wassern.

Beim Eingang des Dorfs trennte sich Wolfine von Uglar. Er wollte noch einen Gang nach dem neuen Steinbruch machen, von dessen Anlage er sich viel versprach; sie aber mußte sich umziehen, denn ihr ganzer Anzug war voller Heu.

Mitten in der freundlichen Dorfstraße sah sie die Stiftsdame stehen in der Unterhaltung mit Bauerskindern.

Die Stiftsdame ging stets in starrer schwarzer Seide. Ihr Gesicht, dem man einstige Schönheit ansah, war von dicken, schneeweißen Scheiteln würdevoll umrahmt. Zwar waren sie falsch, diese Scheitel, aber sie kleideten.

Die gute alte Gräfin pflegte die Leute im Dorf zu besuchen und war bereits volkstümlicher bei den Bauern, als die Gutsherrschaft selbst. Alle kannten sie, und die Kinder umringten sie zutraulich, sowie sie sich sehen ließ.

Sie lehrte die Kleinen Verschen und Sprüchlein, im Stehen und Gehen auf der Straße.

»Nu, kommt mal wieder her, ihr kleines Volk!« rief sie den Kindern zu, die sich, vor Wolfine scheu, an den steinernen Rand des Dorfbrunnens drängten. »Zeigt mal, was ihr gelernt habt.«

Die Kinder kamen und sagten etwas stockend und schüchtern ihre Verschen her. Dabei blickten die lichtblauen Augen mit innigem Vertrauen unentwegt in das freundliche Gesicht der alten Dame, als ob sie sich daran festklammern müßten.

»Wie viel Mütterlichkeit in dieser alten Jungfer!« dachte Wolfine, »und wie fühlen's die Kinder!«

Sie gingen zusammen weiter.

Die Stiftsdame besaß die Schwäche, noch immer nicht der einst vielbeneideten elfenschlanken Taille entsagen zu mögen, und zwängte sich deshalb in enge Schnürleibchen.

Diese Thorheit verursachte ihr Beschwerden und Gesundheitsstörungen, die sie mit Ergebung als etwas Unvermeidliches hinnahm. Das Gehen wurde ihr schwer, sie konnte nur ganz vorsichtig wandeln.

Wolfine bot ihr den Arm, und die Stiftsdame stützte sich kräftig darauf. So ging es im langsamsten Schritt vorwärts.

Die blauen, etwas vorstehenden Augen und das ganze liebenswürdige Gesicht der Stiftsdame hatte einen bekümmerten Ausdruck.

»Ach!« seufzte sie, »das kleine Ding macht mir rechte Sorge!«

»Welches kleine Ding?«

»Nun, unser hübsches kleines Hausfrauchen.«

»Susi!«

»Ach Gott, ja! 's ist ja ein reizendes, kleines Ding, aber ein Racker! – Sie glauben gar nicht, was für ein Racker! Wissen Sie, mein liebes Fräulein von Veßra, ihr fehlt die Kinderstube. Mit dem jungen Nichtsnutz von Bruder so allein in der Welt, – und so ein appetitliches, sprühendes Dingelchen, – ja lieber Gott, was soll dabei herauskommen! Das kleine dumme Frauchen sollte dem lieben Gott alle Tage auf den Knieen danken, daß er sie so 'nen braven Mann und so ein liebes Heim hat finden lassen. Aber dies schwarze Krausköpfchen steckt ja voller Flausen!«

Wolfine sah, daß die gute alte Dame ernsthaft betrübt war. »Susi hat sie umschmeichelt und umworben, wie sie es jetzt mit mir macht,« sagte sie sich, »und die Gräfin hat sie lieb gewonnen, und nun leidet sie an ihr. Denn Susi ist im Herzensgrund ohne Zweifel absolut kalt, und niemand wird sie je lieben, ohne sehr daran zu leiden.«

Da Wolfine sinnend schwieg, fragte die Gräfin: »Finden Sie sie denn nicht auch ein liebreizendes Geschöpf?«

Wolfine antwortete kurz: »Nein.«

Es kam ihr recht häßlich vor, dies Nein, und doch hätte sie eben nichts anderes sagen können.

Die Stiftsdame sah sie erstaunt an.

»Ach, aber wie ist das möglich!«

Wolfine seufzte ein wenig, mit sich unzufrieden. Natürlich hätte sie sich zu der, deren Freundin sie sein sollte und wollte, unumwunden bekennen müssen; aber mehr als je hatte sie bei ihrem heutigen Spaziergang das Gefühl gehabt, daß die Luft immer reiner wurde, je weiter man sich von Susi von Tschirn entfernte. Reiner und gesunder.

»Was haben Sie denn an ihr auszusetzen?« fragte die Stiftsdame beinah streng.

»Sie prahlt mir zu viel.«

»Ja, es gackelt ein bißchen viel, das kleine Frauchen,« sagte die Stiftsdame in gütigem, humoristisch gefärbtem Ton, »aber 's ist auch was dahinter, ganz wie beim Hühnchen. Wie hat die Kleine ihr großes Hauswesen am Schnürchen! Und das macht sie nicht mit aufdringlichem Herumwirtschaften, wie so viele sogenannte gute Hausfrauen. Man merkt kaum, daß sie etwas thut, aber alles ist in schönster Ordnung. Ich versichere Sie, überall sieht es selbst nach, und den schwarzen Aeugelchen entgeht nichts. Dabei geht's immer umher, wie ein Prinzeßchen, wie aus dem Ei geschält. Wenn's auch ein bißchen klingelt, ein sehr tüchtiges Frauchen ist's doch!«

»Ja, das ist wahr. Sie hätte das viele Klingeln eben gar nicht nötig. Ich sage ihr das selbst. Sie nimmt immer Lob und Anerkennung vorweg und bringt sich so darum.«

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