Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frieda von Bülow >

Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

In demselben Maße, wie Susi sich an Wolfine herandrängte, schien Maria sie zu meiden. Feinfühlig und stolz von Natur, spürte sie vielleicht jene von Wolfine gleichsam als Schild vorgehaltene Kälteschicht. Jedenfalls verging mancher warme Frühsommertag, und Wolfine war bereits durch Susi in ein dichtes Netz von Intimitäten eingesponnen worden, ehe sie ein einziges Mal unter vier Augen mit Maria gesprochen hatte.

Es war ihr einerlei, ja sogar recht angenehm. Sie fühlte sich so am freiesten, und ihre übernommene Mission hatte ja nicht unmittelbar, sondern nur auf dem Umwege über Susi mit dem verschlossenen jungen Mädchen zu thun.

Susi mußte sie ergründen, und Susi wollte sie, da sie ihr nun einmal Freundschaft zugesagt hatte, womöglich lieb gewinnen, jedenfalls aber ihr durchaus gerecht werden.

Aber nicht Susi allein bemühte sich um Wolfines Gesellschaft, sondern auch Uglar. –

Wolfine hatte sich einmal wieder nach dem Nachmittagskaffee auf ihr Zimmer zurückgezogen. Es dauerte aber gar nicht lange, da klopfte es an ihre Thür.

Susi steckte das Näschen durch den Thürspalt.

»Wölfin! Was treibst du nur eigentlich immer in deinem Zimmer, du! Brauchst du geheime Schönheitsmittel?« –

Im Garten, auf dem Wege am Hause, ging Uglar vorüber und wendete jedesmal den Kopf nach dem offenen, aber verhangenen Parterrefenster, hinter dem er Wolfine wußte.

Er konnte wenig von ihr sehen, sie aber sah ihn durch den englischen Tüllvorhang ganz deutlich, und sein Schildwachegehen machte ihr Vergnügen.

Susi fand es weniger erfreulich.

»Komm mit in meine Zimmer!« bat sie.

Susis Zimmer lagen eine Treppe hoch Es waren drei nebeneinander liegende luxuriöse Salons.

»Du glaubst nicht, wie wüst das alles war,« versicherte sie der die Pracht anstaunenden Wolfine, »die reinen Ställe! Korn hatten sie hier aufgespeichert! Diesen Erker hab' ich einfach geschaffen, indem ich zu beiden Seiten der zusammenliegenden Fenster Holzverschläge habe einbauen und mit der Zimmertapete verkleiden lassen. Es sieht aus wie dicke Mauern und macht das Zimmer viel weniger langweilig, nicht?«

Das gab Wolfine zu.

»Und die Decke hab' ich malen lassen und den Fußboden parkettieren. Das war leider ein bißchen sehr teuer. Aber nicht wahr, ein paar elegante Räume muß man doch haben?«

»Einfache Zimmer thun's auch,« meinte Wolfine.

»Na ja, Wölfin. Ach, ich weiß ja, daß ich sehr unvernünftig bin in manchen Dingen. Ich bin einmal von Kind an den Luxus gewöhnt und kann nicht ganz ohne ihn leben. Zwischen billigen Möbeln, kahlen Wänden und unechten Teppichen würde ich verkommen.«

»Ich gar nicht. Ich würde die unechten Teppiche hinauswerfen und zwischen den kahlen Wänden Luxus mit Licht und Luft treiben.«

»Ja, du bist wohl eigentlich so eine Art Asketin. Wie gut würdest du zur Heiligen passen. Heilige Wolfine, bitt' für mich!«

Susi ließ sich mit einer theatralischen Gebärde vor Wolfine auf die Kniee nieder und schnellte rasch wieder empor.

»Nein, wie bist du elastisch!« rief Wolfine.

»Ja, ich bin fast ein Schlangenmensch. Ich habe überhaupt mancherlei Talente. Soll ich dir mal was singen?«

Ohne Antwort abzuwarten, hüpfte sie an das Pianino, dessen Deckel aufstand, und eh' sie noch recht auf dem Drehschemel saß, spielte und sang sie schon.

Und wie! Wolfine hatte etwas Aehnliches nur einmal in einem Pariser Vaudeville gehört. In nasalem Ton Pariser Couplets: keck, graziös, frivol und frech.

In Wolfine stritten Staunen, Belustigung und Verlegenheit.

»Woher hast du das nur?«

»Man schnappt es auf. Talent. Soll ich mal die Yvette Guilbert machen?«

Was sie jetzt vortrug, war so graziös, von so allerliebsten Schelmenmienen und kleinen, beredten Gesten begleitet, daß Wolfine, die das berühmte Vorbild nicht kannte, von der Vortrefflichkeit der Darstellung ganz überzeugt war.

»Sie ist göttlich, weißt du,« schwärmte Susi. »Ich kann aber auch Ballett. Willst du mal sehen?«

Sie sprang auf, hob ihre Röcke etwas und begann, auf den äußersten Spitzen der kleinen, in reizenden Schuhchen steckenden Füße zu trippeln und sich im Kreis zu wirbeln. Zuletzt hob sie die Röcke sehr hoch, schleuderte das vorgestreckte Bein in die Luft und tanzte vor den staunenden Augen Wolfines einen fin-de-siècle-Cancan.

»Du, aber wenn jetzt jemand käme!« rief Wolfine, die nicht wußte, worüber sie sich mehr wundern sollte: über die Kunst oder über die Frechheit ihrer neuen Freundin.

»Wer soll denn kommen? Gutchen (so nannte sie ihren Mann) ist ja auf der Mühlwiese. Bei dem freilich sind so 'ne Scherzchen nicht beliebt.«

»Aber dein Bruder.«

»Ach!« Sie blies geringschätzig durch die Lippen. »Glaubst du, der sähe so was zum erstenmal?«

»Von seiner Schwester doch vielleicht.«

Sie lachte hell auf.

»Gott, wie oft hab' ich ihm damit die Zeit vertrieben, daß ich ihm abends auf seinem Zimmer alles hinter'nander vorgemacht habe, was wir vorher im Apollotheater gesehen hatten! Ich bin so viel jünger als er, und die Eltern waren tot. Ich bin immer dem Karo sein Spielzeug gewesen, und er hat mich als Bébé genommen.«

Wolfine schüttelte ernsthaft den Kopf.

»Das ist ja eine nette Erziehung gewesen!«

»Wirst du jetzt philiströs sein, Wölfin?«

Wolfine schwieg, weil sie an ihre eigenen wilden Jugendstreiche dachte. Da setzte sich Susi auf den Parkettfußboden und kraute sich mit der Spitze des rechten Fußes hinterm Ohr.

»Siehst du, das kann ich auch,« rühmte sie triumphierend. »Machst du das nach?«

Wolfine mußte lachen. Susi sah wirklich so niedlich und drollig aus!

Dann fing Susi an, Schmeicheleien zu sagen.

»Bist du eigentlich viel über Zwanzig, Wölfin?«

»Was?«

»Jahre alt, mein' ich.«

Wolfine errötete, weil sie sich in Susis Seele schämte.

»Lüg' doch nicht!« rief sie. »Ich bin beinah Vierzig, und das siehst und weißt du.«

»Bei Gott, ich hab' dich nicht für viel älter als Zwanzig gehalten?«

»Susi, mach' mich nicht bös! Hältst du mich denn für so schrecklich dumm, daß ich dir solchen Unsinn glaube und mich noch geschmeichelt fühle?«

»Wenn du nur wolltest,« fuhr Susi fort ohne zu bemerken, wie sie sich selbst widersprach. »Sieh mal, du thust ja nichts für dich, du nimmst nicht mal Puder. Eine diskrete Puderanwendung thut Wunder. Man muß das nur verstehen.«

Blitzartig durchzuckte Wolfine der Gedanke: Susi selbst ist gar nicht so jung, wie sie scheinen will. Mit ihrer Kosmetik und ihrer Schauspielkunst täuscht sie allen etwas vor.

Sie fühlte sich angewidert.

»Da lasse ich mich nun als intime Freundin behandeln,« sagte sie zu sich selbst, »und dabei haben wir nichts, auch nichts miteinander gemein! Was für eine häßliche Komödie!«

Susi saß schon wieder am Klavier, tippte mit dem Finger eine Melodie und sang dazu einzelne Worte aus einem ungezogenen Gassenhauer.

»Susi!« sagte Wolfine, die in einem Gobelinsessel saß und das moralische Bedürfnis empfand, eine ernste Aussprache zur Klärung dieses sogenannten Freundschaftsverhältnisses herbeizuführen.

Susi sprang auf und verbeugte sich wie vor einem Publikum, warf Kußhändchen und sagte: » Eh bien Madame?«

Nein, es war unmöglich, diesem quecksilberigen kleinen Possenreißer jetzt Moral zu predigen! Nicht einmal ernstlich böse sein konnte man ihr, wenn sie vor einem stand.

»Singst du auch ernste Sachen?« fragte Wolfine.

»Ja ... wenig. Es ist nicht mein Genre, weißt du. Aber ich hab' da ein entzückendes Lied, besonders zweistimmig klingt es süß! Ein polnischer Fürst hat es einmal für mich komponiert. Nachher erschoß er sich. Er liebte mich rasend. Und gräßlich talentvoll war er. Ueberhaupt reizend.«

»Mochtest du ihn nicht?«

»O doch, sehr. Er gab brillante kleine Diners und sah nie das Geld an beim Bezahlen. Weißt du, das mag ich so gern. Wenn einer erst nachrechnet, ob's auch stimmt, wenn er die Rechnung bekommt, dann bin ich mit ihm fertig. Es ist so plebejisch.«

»War der Pole verheiratet?«

»Nein! Er wollte ja mich. Und wie er mich nicht kriegte, erschoß er sich.«

»Ist dir das nicht schrecklich gewesen?«

Susi zuckte die Achseln. »Warum war er so dumm!« Sie suchte unter ihren Noten.

Dann, als sie gefunden, schlug sie einige Töne der Begleitung an. »Hör! Ist es nicht hübsch?«

Susi spielte nicht fehlerlos, aber mit musikalischer Empfindung. Es war eine schwermütig süße, stark ans Herz greifende Melodie.

Wolfine ging zum Klavier und schaute, lebhaft gefesselt, über Susis Schulter in die Noten.

Unter dem polnischen stand ein deutscher Text:

»Daß ich dich seh', ersehn' ich,
Wenn morgens ich erwache,
Daß ich dich seh', ersehn' ich,
Was ich auch thu am Tage.
Mein Herz sehnt wund und krank sich
Nach deiner Augen Schimmer.
Doch Schmerz und Schmerz nur trank' ich,
O Gott: ich seh' dich nimmer.«

»Hier steht ja, daß es einer Ilka Barukinska gewidmet ist,« bemerkte Wolfine.

»Ja, so nannte er mich immer, weil ich ihn so stark an eine Polin dieses Namens erinnerte, die er vor mir geliebt hatte.«

»Wie sonderbar, daß er das auch drucken läßt.«

»Ja, er war eben ein sehr excentrischer Kauz, sonst hätte er sich doch auch nicht erschossen.«

Susis Antworten kamen so prompt und so gänzlich unbefangen, daß sie die Zweifel an den wunderlichen, widerspruchsvollen Erzählungen immer wieder zerstreuten.

Wolfine von Veßra war weltfremd. Ihr Leben hatte sich in Bergen und Wäldern und auf dem Wasser abgespielt, meist ganz außerhalb der sogenannten Gesellschaft, in der Susi ganz zu Hause schien.

Wenn sie dies und jenes befremdete, sagte sie sich: »Ich kenne diese Lebensverhältnisse zu wenig, um zu urteilen.«

»Karo liebt es,« sagte Susi, von dem Lied sprechend. »Sieh doch, Wolfine, ob du nach dem Ohr die zweite Stimme findest.«

Nachdem Susi die Melodie einmal durchgespielt, sangen sie zusammen, und Wolfines weicher, leiser Alt paßte sich dem etwas scharfen, hellen Sopran Susis diskret an. Susi zeichnete sich durch einen guten temperamentvollen Vortrag mit sehr deutlicher Aussprache aus.

So klang das schwermütige Liedchen sehr schön.

Als sie geendet, erscholl lebhaftes Händeklatschen. In der Thür stand Uglar.

»Man darf doch zuhören, wenn Konzert ist?« meinte er lächelnd.

»Kost' 'ne Mark Entree!« rief Susi heiter. »Komm, Karo, mach' schön! Sing' mal dein schönes Liedchen vor! Er kann nämlich auch was sehr Ssönes!«

Sie sah ihn so gassenbübisch durchtrieben und keck wie möglich an und fing im näselnden Straßensängerton zu singen an: »Abends so um Zehne ...«

»Karo« wurde ganz rot. Das »Ssöne« war offenbar nichts für die Ohren einer Dame.

Dafür hatte Susi gar kein Gefühl, sonst hätte sie sich wohl gehütet, den reizbaren Uglar durch eine so unpassende Aufforderung zu erzürnen.

»Du solltest das Klimpern und Spaßmachen jetzt sein lassen,« sagte er in strengem Ton, »und lieber mal nach deiner Küche sehen. Du rühmst dich vor jedermann, was für eine Musterhausfrau du bist; aber ich möchte wissen, was wir zu essen bekämen, wenn die Mamsell nicht wäre.«

Susi erblaßte und kniff die Lippen ein. Ihre eben noch so übermütig tanzenden Augen wurden starr.

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ging sie mit den seidenen Unterröcken raschelnd stumm und steif an ihm vorüber aus dem Zimmer.

Wolfine stand über die Notenhefte gebeugt am Pianino und that, als habe sie nichts von der kleinen Scene bemerkt.

Da sagte er in ganz verändertem, liebenswürdig heiterem Ton: »Ich will eben mal nach meinen Fischreusen sehen. Kommen Sie vielleicht mit, gnädiges Fräulein?«

Ja, sie wollte mit. Sie hatte immer Lust, mitzukommen, wenn er lockte. Seine Gesellschaft war ihr die angenehmste.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.