Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frieda von Bülow >

Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Als Wolfine am andern Morgen aus ihrem Zimmer in den Hausflur trat, fiel ihr Blick auf eine Anzahl Fahrräder, die in Reih und Glied, jedes an einen Ständer gelehnt, standen und lustig blinkten.

Gegenüber an einer Wand lehnte einsam ihr mit Reisestaub bedecktes eigenes Rad.

Draußen blaute der Himmel und lachte die Sonne. Im Hof kollerte der immer ärgerliche Truthahn, Hühner gackerten, und der Hahn krähte ein Trio mit zwei im Dorfe mitwirkenden Kollegen. Man konnte vom Hausflur aus nach beiden Seiten ins Freie sehen. Eine Thür stand nach der Hofseite auf und eine nach dem Garten.

Hinter dem rosenblühenden Garten lag die Landschaft in hellem Glanz und Duft, still, frisch, morgenfeierlich.

Den großen Hof schlossen die Stallungen ein mit dem alten turmartigen Taubenschlag beim Thor. Ueber das Scheunendach ragte der Kirchturm, umgrünt von alten, hohen Linden und Pappeln.

Mitten im Hof war ein umfriedigter Tierpark, in dem die fetten englischen Schweine mit ihrer Nachkommenschaft grunzend einen Komposthaufen durchwühlten, während, nur durch ein niederes Gatter getrennt, daneben die Kälber ihr Wesen trieben.

Die Stallmagd kam eben mit zwei Eimern, die sie an einer Holzkumme über den Schultern trug, vom Kuhstall her, und aus der Küche, deren Thür nach dem Hof aufstand, tönte verträumter Gesang eines kleinen Volksliedes.

Herr von Tschirn ging über den Hof und zum Thor hinaus, der Hühnerhund hinter ihm.

Günther war in Joppe, Strohhut und Kniehose und ging aufs Feld.

Wolfine dehnte sich wohlig.

So ein junger Frühsommertag ließ sich wirklich an, als ob alles von frischem begänne, als habe sich die Erde im Tau der Nacht verjüngt und reingewaschen von allem Dunst vergangener, leidvoller Tage.

Wohlgemut begab sie sich in das Eßzimmer, wo sie Susi am Frühstückstisch zu finden glaubte. Doch fand sie statt Susi Herrn von Uglar und Maria. Diese beiden saßen einander gegenüber beim Kaffee.

Beide standen auf, um Wolfine zu begrüßen.

»Frau von Tschirn hat wohl längst gefrühstückt?« fragte Wolfine.

»O nein,« entgegnete Uglar, »so früh 'erscheint Susi nie.«

»Sie geht ja morgens um vier Uhr schon in den Kuhstall!« meinte Wolfine.

Uglar sah sie verwundert an. »Wer geht in den Kuhstall?«

Wolfine empfand plötzlich eine starke Verlegenheit. »Frau von Tschirn sagte es.«

Uglar wurde rot und sah auf die Buttersemmel, die er in der Hand hielt.

»Ja, – ich glaube, sie hat es ein- oder zweimal gethan,« sagte er.

Maria goß ihrer Tante Kaffee ein.

»Ich möchte nachher spazieren radeln,« bemerkte Wolfine, »die Straßen scheinen glatt und trocken, wie eine Tenne.«

»Wenn Sie sich meiner Führung anvertrauen wollten, Baroneß, würde es mir eine Ehre sein, etwas die Honneurs der Gegend zu machen. Ich habe in einem zehn Kilometer entfernten Dorf zu thun.«

»O, das ist angenehm! Kommst du mit, Maria? Du bist doch wohl schon eine geübte Fahrerin?«

»Komteß Maria fährt kolossal schneidig! Sie ist viel couragierter als Susi. Susi ist ein Angsthase und nimmt viel zu viel Rücksicht auf ihre Schönheit.«

Maria sagte mit eigentümlich entschiedener Betonung zu Uglar: »Ich fahre nur, wenn auch Susi mitfährt.«

Wolfine vernahm dies mit einigem Befremden.

War sie nicht als Ehrendame ausreichend? Oder sollte Maria wirklich eine so schwärmerische Zuneigung zu Frau von Tschirn haben, daß sie nicht ohne diese ausfahren mochte? Davon war bis jetzt nichts zu bemerken gewesen.

Uglar schien ungehalten.

»Dann müssen Sie schon zu Haus bleiben, Komteß Maria,« sagte er; »denn Susi kann die Tour nicht machen, wenigstens nicht in der kurzen Zeit. Wenn sie mitführe, kämen wir vor heute abend nicht zurück.«

»So schlimm ist es doch nicht,« meinte sie sanft.

Er biß auf seine Unterlippe und schwieg verdrossen.

Ein schleppender Schritt nahte sich. Frau von Tschirn trat ein.

Wie sah sie aus! Ein blasses, kreidiges Gesicht, mit tiefen blauen Ringen um die Augen unter einer unkleidsamen Morgenfrisur, geradezu häßlich! Ein alter Morgenrock von verblichenem rosa Batist hing lappig um das dürftige Gestaltchen, dessen Mangel an weiblicher Rundung ohne künstliche Toilettenhilfen sie wie ein noch unentwickeltes Backfischchen aussehen machte.

Susi trug ganz hausfräulich ihren Schlüsselkorb am Arm, sah aber sonst wenig der ländlichen Morgenfrische gleich, sondern übernächtig und verdrießlich.

Kaum erblickte sie jedoch Wolfine, als ihre Miene sich erhellte. Sie wurde gleich vergnügt und überschüttete Wolfine mit freundlichen Worten.

»Haben Sie auch ja etwas Schönes geträumt? Was man in der ersten Nacht träumt, das geht in Erfüllung.«

Dann ging sie um den Tisch herum, faßte Uglars Kopf zwischen ihre beiden Händchen und küßte ihn zwischen seinen Brauen auf den Nasensattel.

»Karo!« sagte sie im Koseton, »mein alter, großer, süßer Schlingel! Hast du dein kleines Susi auch ßön lieb?«

Er wehrte sie verlegen lachend ab. »Laß doch, Susi! Laß doch die Dummheiten! Ich lieb' das nicht.«

»Sollst du aber lieben, Karo! Großer Bruder muß kleines Schwesterchen ganz furchtbar lieb haben, sonst weint kleines Schwesterchen. Bäääh!«

Sie hatte ganz wie ein verzogenes kleines Kind gesprochen, und jetzt stemmte sie beide Fäuste, die Finger nach außen gekehrt, vor die Augen, sperrte den Mund auf, so weit sie konnte, und plärrte gerade heraus. Sie machte dabei Ton und Gebärden eines tüchtig ungezogenen Kindes so vortrefflich nach, daß alle lachen mußten, auch Uglar.

So wie sie sah, daß sie ihn gewonnen hatte, packte sie ihn beglückt und zärtlich bei den Schultern, rieb den schwarzen Krauskopf an seinem Rock, wie ein Kätzchen, und schnurrte.

Dann sagte sie: »So, nun machst du gleich schön, Karo. Wirst du gleich schön machen?!«

»Ach, laß doch,« wehrte er lachend.

»Nein, ich laß dich nicht, wenn du nicht schön machst.«

Endlich that er ihr den Gefallen unter Lachen und Erröten; indem er seinen Händen die Haltung der Hundepfoten beim Dienen gab und sie dazu treuherzig anschaute.

Wolfine dachte: »Das ist wohl noch ein Scherz aus der Kinderstube, den die kleine Hexe uns vorführt, um ihre Gewalt über den großen blonden Bruder zu zeigen. Heute morgen sieht sie gar nicht jung aus, und doch – was für ein Kindskopf ist sie noch!«

Maria war aufgestanden und stand mit dem Rücken nach dem Zimmer in der offenen Gartenthür.

Susi trank jetzt ihren Kaffee, und Wolfine fing an, von dem eben verabredeten Ausflug zu sprechen.

»Ich dachte, Sie würden uns begleiten können, aber Ihr Bruder meint, die Tour sei zu anstrengend.«

Susi fuhr gereizt auf. »So?!« rief sie erbittert, und die kleinen schwarzen Augen stachen, »nach Oettisberg zu weit für mich! Aber für Maria ist es natürlich nicht zu weit und für die Baroneß auch nicht! Worauf du noch alles kommen wirst, Karl, wenn es dir darum zu thun ist, mich von einem Vergnügen auszuschließen.«

»Du weißt doch selbst,« beschwichtigte er, »daß du sehr zart bist. Sieh doch nur die Baroneß Veßra und Komteß Maria an. Sie haben ganz andere kräftige Lungen als du; nicht?«

»Meine schwache Lunge fällt dir immer zur gelegenen Zeit ein,« schalt sie weiter; »aber daß ich jedesmal Blut spucke, wenn du mich so geärgert hast, das kümmert dich nicht.«

»Ich will dich doch nicht ärgern, Susi!«

»Nein, bloß abschütteln willst du mich! Weil es dir mehr Vergnügen macht, hinter meinem Rücken den Hof zu machen. Das weiß ich ganz gut. Ich kann hier als Aschenputtel am Herde stehen, während der gnädige Herr Baron sich amüsiert! Lieber Gott, wär' ich bloß schon tot!«

Wolfine, die das anhörte, schämte sich für die junge Frau. Sie dachte: »Fühlt sie gar nicht, wie sie sich vor uns allen herabsetzt? Hat sie gar kein Gefühl für ihre Frauenwürde?«

Uglar sagte zu Susi: »Du hast doch vormittags immer in deinem Haushalt zu thun! Dafür bist du die Hausfrau.«

»Ja, eure Magd bin ich. Eure Magd, weiter nichts. Weil es euch bequem ist. Ich will mir das aber nicht länger gefallen lassen. Ich laufe einfach fort, – in die Welt hinein. Könnt ja sehen, wie ihr ohne mich fertig werdet.«

Er nahm einen strengen Ton an. »Liebe Susi, denke ein wenig daran, daß du nicht allein bist, sondern in Gegenwart deiner Gäste.«

Sie nahm ihren Schlüsselkorb auf und ging mit gekränkter Miene aus dem Zimmer, an der immer noch abgewendet in der Thür stehenden Maria vorüber auf die rosenduftende Gartenterrasse hinaus.

Dort blieb sie stehen, hustete und führte das Batisttaschentuch ostentativ an die Lippen.

Ganz wie ein trotziges Kind benahm sie sich.

Uglar sah tief niedergeschlagen aus. Den Kopf in die Hand gestützt, starrte er hilflos vor sich hin.

Maria wandte sich nach ihm um.

»Hätten Sie sie doch lieber zum Mitfahren aufgefordert!« sagte sie traurig.

Wolfine war dem Auftritt mit steigendem Staunen gefolgt. Diese Frau war ja völlig unerzogen! Und welcher Zorn, welche Leidenschaftlichkeit dem Bruder gegenüber! Sie begriff nicht, daß Maria, der solche Scenen offenbar nichts Neues waren, im Hause und in der Gesellschaft dieses kleinen Drachens bleiben wollte. Konnte alles Heimatsgefühl das Abstoßende einer solchen täglichen Gemeinschaft aufwiegen?

Da wandte sich Maria an sie: »Wenn du ihr doch ein bißchen zureden wolltest!« bat das junge Mädchen schüchtern, aber dringlich. »Auf dich hört sie vielleicht.«

»Zu was soll ich zureden?«

»Zur Vernunft! Sie beruhigen! Sie ist in ihrer Leidenschaft zu allen möglichen Thorheiten fähig.«

Wolfine lächelte. »Du sprichst, als wärest du die um zehn Jahre ältere. Dabei ist doch gewiß das Umgekehrte der Fall.«

»Sie ist ... so vehement in allem,« sagte Maria und errötete ein wenig, wie beschämt über die Kritik, die sie sich erlaubte. Dennoch fuhr sie fort: »Diese Aufgeregtheit macht uns alle mit unruhig. Ich wollte, du versuchtest, sie zu beruhigen.«

Wolfine zögerte, denn es schien ihr, als müsse man einem Menschen, der sich wie ein trotziges Kind gebärdet, nicht den Gefallen thun, sich besorgt zu zeigen.

Aber Uglar vereinte sein Bitten mit dem Marias.

»Es wäre sehr gütig von Ihnen, wenn Sie versuchen wollten, sie zu Verstand zu bringen!« sagte er.

Seine Stimme klang matt und entmutigt.

Da ging Wolfine.

Susi war nicht mehr auf der Terrasse, sondern saß im Garten auf der Bank unter der Hängeweide und schluchzte, daß ihr ganzer schmächtiger Körper bebte. Bei diesem Anblick schlug alle Entrüstung in Mitleid um.

Leise legte Wolfine die Hände auf Susis Schultern.

Da sah Susi auf.

Das Weinen verschönte ihre Augen, denn der Thränenflor nahm ihnen den harten Glanz und das Stechende. Der Ausdruck des Kummers war ihr bester Ausdruck.

»Aber was soll denn nur dies Jammern?!« rief Wolfine.

Susi preßte die linke Hand gegen die Brust und ächzte.

»O, das thut weh! Es thut so weh! Er tötet mich ganz brutal. Und er weiß doch, daß ich ohnehin nicht lange leben kann. Da, sehen Sie.«

Sie zeigte einen winzigen Blutfleck in ihrem weißen Taschentüchlein. »Schon wieder Bluthusten.«

»Aber liebe Frau von Tschirn,« sagte Wolfine, »Sie sind doch auch unbegreiflich unvernünftig! Was hat denn Ihr Bruder Schreckliches gethan? Gerade weil er daran denkt, daß Sie zart sind, wünscht er Sie von der anstrengenden Radfahrt zurückzuhalten.«

Susi schüttelte energisch den Kopf. »Sie kennen ihn nicht ... Sie wissen nicht ... es ist immer dasselbe. Erst war er mit Maria so und jetzt mit Ihnen. Seit gestern hat er für nichts mehr Sinn als für Sie. Und ich bin gar nichts. Nein, ich ertrag' es nicht.«

Wolfine war einen Moment sprachlos. Dann rief sie aus: »Aber das ist ja ganz richtige Eifersucht! Eifersucht dem Bruder gegenüber?«

Susi verteidigte sich. »Er ist mein Liebstes auf der ganzen Welt! Mein Augapfel! Und Sie wissen nicht, was ich ihm alles geopfert habe! Dieser große, einfältige Mensch wäre längst zu Grunde gegangen, wenn ich ihm nicht immer und immer wieder herausgeholfen hätte. Tropfenweise mein Herzblut hab' ich für ihn hingegeben! Und ich will nichts von ihm dafür haben, als daß er gut zu mir ist, daß er mich lieb hat und es mir auch ein bißchen zeigt! Weiter verlang' ich ja nichts! Aber nicht einmal das! Nicht einmal das kleine bißchen Liebe!«

Sie hatte die letzten Worte mehr herausgeweint als gesprochen.

Wolfine setzte sich neben Susi auf die Bank unter der Trauerweide und sagte in eindringlichem Ton: »Was Sie an Liebe verlangen, ist immer zu viel. Liebe läßt sich niemals fordern und auf Verlangen austeilen, kein Atom davon. Was Ihnen nicht aus des andern Nichtanderskönnen zufällt, das erlangen Sie nie. Dagegen können Sie leicht durch dies unsinnige Anspruchmachen das, was Sie besaßen, verlieren, – durch Ihre Schuld.«

Susi wischte die Thränen ab und schien nachzudenken. Auf einmal schlang sie, wie einer jähen Regung folgend, die Arme um Wolfines Hals und küßte sie.

»Ich habe Sie lieb! Sie sind gut zu mir! So gut hat lange keiner zu mir gesprochen. O bitte, nehmen Sie sich meiner an. Seien Sie meine Freundin! Nennen Sie mich ›Susi‹ und ›du‹! Erlauben Sie mir ›Wolfine‹ und ›du‹ zu sagen! darf ich? ja?! Ich werde dir ewig, ewig dankbar sein!«

Es war eine Ueberrumpelung, – traf Wolfine völlig unvorbereitet und machte sie verwirrt.

Dieser sich flehend anschmiegenden Wärme Kälte entgegensetzen? Wolfine war dazu zu weich.

Zögernd entgegnete sie: »Wir kennen uns so wenig. Ich weiß wirklich gar nicht, ob wir so weit harmonieren, um Freundinnen werden zu können.«

»Ach bitte, kein Abwägen! Schenk' dich mir einstweilen großmütig. Dein Vertrauen! Ich will um deine Liebe ganz geduldig werben.«

Wolfine fühlte Rührung.

»Nun gut, Susi. Ich will versuchen.«

»O wie dank' ich dir, du Süße!« jubelte Susi. »Nie, nie will ich dir vergessen, wie gut du zu mir gewesen bist!«

Wolfine dachte: »Ich gut zu ihr gewesen? wie denn?« Aber Susi ließ ihr zu Einwendungen keine Zeit. Sie fuhr in ihrer übertriebenen Weise fort: »Siehst du, ich bin so dankbar für ein bißchen Liebe! O, so dankbar! Ich bin ja so hungrig nach Liebe! Und jetzt bete ich nur, daß mich der liebe Gott einen Tag erleben läßt, an dem ich meinen Dank noch anders als nur durch Worte beweisen kann.«

»Wenn das Ihr ... dein Ernst ist,« sagte Wolfine, »wenn du mir glauben und auf mich hören willst, dann komm jetzt und mach' deinem Bruder ein freundliches Gesicht. Zeig' ihm, daß du vernünftig bist.«

Susis eben noch strahlendes Gesicht erstarrte. Sie biß sich auf die Lippe und sah finster vor sich hin.

Wolfine stand auf.

»Siehst du, wenn du auf meinen Rat nichts gibst, dann kann dir meine Freundschaft auch nichts nützen.«

Susi begriff, wie sehr zerreißbar das Band war, mit dem sie die kühle passive Wolfine eben gebunden hatte. Sie entschloß sich, sofort nachzugeben.

»Gut, ich will. Du sollst mit deiner kleinen Susi zufrieden sein. Sieh, das ist mir jetzt das Höchste: deine Zufriedenheit zu erringen.«

Während dieser Unterhaltung unter der Trauerweide waren Maria und Uglar nach den Erdbeerbeeten gegangen und pflückten jetzt die großen roten Früchte für den Mittagstisch, Uglar an dem einen Ende der Rabatten in ein Körbchen, Maria am anderen in ein großes, wie eine Schale geformtes blaugrünes Kohlblatt.

Dorthin, wo Uglar gebückt stand, hüpfte Susi, und ihr Schritt war nicht mehr schleppend, sondern sich wiegend und tänzelnd.

»Karo!« rief sie lustig, »wenn ihr noch bis Oettisberg fahren und um Mittag zurück sein wollt, dürft ihr euch nicht mehr lange aufhalten.«

»Ich denke, wir sollen nicht fahren?« entgegnete er, ohne aufzublicken.

Er war offenbar noch zu tief verstimmt, um den liebenswürdig gebotenen Friedenszweig sogleich aufnehmen zu können.

Wolfine dachte: »Na? wird Susi Stich halten, oder geht's jetzt von neuem los?«

Aber Susi rief unbekümmert: »Natürlich fahrt ihr! Und mir ist's gerade recht. Ich werde unterdessen Erdbeeren einkochen.«

Wolfine fühlte in diesem Moment etwas wie Stolz auf die Tapferkeit und Willigkeit ihres neuen Schützlings und damit gleich eine Wallung von Zärtlichkeit.

Auch Uglar war besiegt. Er richtete sich auf und schaute mit einem sonnigen Lächeln bald auf Susi, bald auf Wolfine.

»Aber nun, Karo, gibst du mir erst rasch einen schönen Kuß!« bat Susi.

Sie stand vor ihm in der schmalen Furche zwischen zwei Erdbeerbeeten auf den Fußspitzen, hielt den rosenfarbenen Morgenrock mit beiden Händchen kokett und zierlich in die Höhe, reckte ihm das Hälschen entgegen und spitzte kußverlangend die Lippen.

Wolfine dachte: Sie sieht genau aus wie ein soubrettenhaftes Kammerkätzchen auf Bildern. Ganz so.

Aber wie verliebt sie sich gebärdete! Diese Art war doch ganz und gar nicht schwesterlich.

Mit dem instinktiven scheuen Zurückschrecken reiner Frauennaturen vor etwas Unschicklichem wandte sie sich ab und sah nach Maria.

Die ging schon eilig dem Hause zu.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.