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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Drittes Kapitel.

Nachdem alle Stallungen und alles Getier besichtigt waren, führte Susi ihren Gast um das Herrenhaus herum in den Garten.

Dieser erstreckte sich auf der Rückseite des Hauses bis an die steinerne Umfassungsmauer, durch die ein meist offen stehendes Thor unmittelbar auf grüne Kornfelder und Wiesen führte.

Der Tag neigte sich.

Rosenduft erfüllte den Garten. Mengen köstlicher Rosen standen in Blüte auf den Rabatten und auf den maiengrünen geschorenen Rasenplätzen.

Vom Dorfe her schnatterten die heimkehrenden Gänse, und von Zeit zu Zeit erschallte das dumpfe phlegmatische Blöken einer mit irgend etwas unzufriedenen Kuh.

Auf einem der geschorenen Rasenplätze spielten Uglar und Maria Tennis. Man hörte sie in kurzen Pausen rufen: » Play!« » Out!« » Game!« und so weiter.

Wolfine freute sich, zu ihnen zu stoßen. Es war ihr, als befreie sie die Gegenwart dieser beiden einfachen Menschen von einem lästigen Zwang, der von Frau von Tschirn ausging.

Sie mußte sich in der That Zwang anthun, um eine instinktive Abneigung gegen diese für sich selbst so plump Reklame machende Frau niederzuzwingen, was doch nötig war, um ihr irgend gerecht werden zu können.

Sie bogen jetzt in den sandbestreuten, sauber geharkten Gartenweg ein, der nach dem Tennisrasen führte.

Susi war verstummt.

Am Rasenplatz, jenseits der weißen Linien, lagen einige unbenutzte Rackets und die überzähligen roten Bälle, die im Gras wie gefärbte Ostereier leuchteten.

Susi nahm schweigend ein Racket auf und trat auf Marias Seite in das Spiel ein.

»Spielst du mit?« rief der Baron von der andern Seite des Netzes herüber.

Sein Ton war mehr befremdet als erfreut.

»Wenn du nichts dagegen hast, ja,« antwortete Susi scharf.

»Aber die Partie ist gleich zu Ende,« wandte Uglar ein. »Laß uns erst diese Partie fertig spielen, dann können wir ja noch eine zu vieren machen. Fräulein von Veßra beteiligt sich vielleicht auch. Sie spielen doch Tennis, Baroneß?«

Ehe Wolfine zum Antworten kam, sagte Susi: »Nein, jetzt ist keine Zeit mehr. Es wird gleich zum Abendessen gongen, und ihr müßt euch noch zurecht machen. Maria soll überhaupt nicht so lang spielen, das weißt du, Karo. Paß auf: play!«

Sie warf graziös mit runder Armhaltung. Ihre zarte Gestalt in dem gut sitzenden Kleid kam dabei aufs anmutigste zur Geltung. Aber als sie dann die Bälle zurückgeben sollte, hinderten sie die langen, spitzenbesetzten Röcke am Laufen, und sie traf nicht einen.

Uglar rief ärgerlich: »In solchen Kleidern läßt sich überhaupt nicht spielen, Susi! Nun verlierst du die Partie für Komteß Maria. Das ist nur dein Eigensinn!«

Susi wandte ihm den Rücken und legte das Racket aus der Hand.

Wolfine staunte über die jähe Veränderung in ihren Gesichtszügen. Susi war kreideweiß geworden, die Lippen zusammengepreßt, die Augen starr.

Wirklich krank sah sie aus.

»Also ihr hört gleich auf!« rief sie den Spielenden über die Schulter zu.

»Ja,« antwortete Maria ruhig. »Wir sind gleich fertig.«

Susi ging langsam mit Wolfine dem Haus zu.

»Schade, daß sie so ungraziös ist,« sagte sie.

»Maria?!«

»Ja, die hat eine so plumpe Figur. Gar nichts von Taille, der reine Baumstamm.«

»Das finde ich nicht, – im Gegenteil. Mir scheint sie sehr gut gewachsen. Sie hat keine Schnürtaille, und das nenne ich einen Vorzug.«

»Na, – das ist Geschmacksache,« meinte Susi.

»Weiß Maria, daß Herr von Uglar verheiratet ist?« fragte Wolfine am Ende eines sie beunruhigenden Gedankenganges.

»Ja, ich hielt es für richtig, ihr das beizeiten mitzuteilen, – ganz im Vertrauen natürlich. Glauben Sie übrigens, daß Karl noch für Frauen anziehend ist?«

»Ja, das glaube ich.«

»Er ist ja aber so verlebt!«

»Wenn er das wirklich ist, so merkt man es ihm nicht an.«

»Nicht? – Na ...« –

Am Prellstein vor dem offenen Gartenthor dengelte ein Bauer seine Sense. Eine breite Welle frischen Heuduftes kam von den Wiesen her. Das Grasschneiden hatte eben begonnen.

In den Zweigen eines Baumes schlug eine Nachtigall.

Arbeitsmüder, tiefer Abendfriede lag über dem Land.

Frau von Tschirn verschwand in die Wirtschaftsräume, um die letzte Hand an das Souper zu legen. Wolfine blieb an der Hausthür stehen.

Langsam kamen Uglar und Maria mit den Bällen und Rackets über den Rasen. Maria trug ihren runden Strohhut in der Hand und den Kopf ein wenig geneigt, wie eine sonnenmüde Blume.

Uglar sah sich eifrig um, nach den Rosen, nach den frisch geharkten Wegen, nach der schmalen Raseneinfassung der Rabatten, die der Gärtner eben wieder mit seiner kleinen Maschine geschoren hatte.

Bei einem hochstämmigen Rosenbäumchen blieb er stehen, brach zwei purpurblühende rote Rosen und reichte sie dann Wolfine.

»Darf ich mir erlauben?«

Er sah sie mit seinem so jungen Lächeln an und errötete leicht.

Wolfine nahm die Rosen und schaute dabei auf seine etwas große, aber sehr edel geformte Hand.

Das Wohlgefallen an dem Aeußeren eines Menschen gipfelte bei ihr immer bei den Händen.

»Gesichter können sich verstellen,« dachte sie. »Hände nicht.«

Sie selbst freilich hatte breite, harte, durch Rudern und Turnen und Radfahren verdorbene Hände. Sie gehörte zu denen, die das an andern am meisten lieben, was sie an sich selbst vermissen. – Als das Abendessen bald darauf die Gesellschaft wieder vereinigte, trug Wolfine die beiden Rosen an der Brust. Sie waren in ihrer dunkelroten Farbenglut ein so leuchtender Schmuck, daß sie aller Blicke auf sich zogen.

Frau von Tschirn fragte sogleich: »Welcher Bewunderer hat Ihnen diese Rosen gewidmet, Baroneß?«

Es sollte schelmisch klingen, doch lag eine eigentümliche Gespanntheit in dem Ton.

Wolfine antwortete: »Herr von Uglar,« und lächelte dem Baron zu.

»Karo, ich verbitte mir, daß du der Baroneß den Hof machst!« rief Susi. »Hörst du? Du sollst dich nicht bei jeder Dame, die du siehst, niedlich machen. Ich will es nicht.«

Wolfine hielt dies für Scherz, aber Uglar nahm es offenbar anders auf.

Er errötete und entgegnete barsch: »Red' nicht dummes Zeug, Susi.«

»Ich bitte, streitet euch nicht bei Tisch!« mahnte Günther von Tschirn.

Dieser sah aus, als könnte er vor Müdigkeit nur noch schwer die Augen offen halten.

Das fiel wohl auch der alten Tante Guendoline auf, die substanzlos und farblos schien, wie ein vertrocknetes Mückchen.

Sie sagte mit ihrer dünnen, wehmütig klingenden Stimme: »Mein armer Junge! Du hast dich gewiß wieder überanstrengt.«

»Ach nein,« meinte er, »es ist die Luft, die müde macht. Ich bin freilich den ganzen Tag bei den Heuern auf der Flußwiese gewesen und hab' einfach mit Hand angelegt. Ich finde immer: die Leute arbeiten dann viel besser und mit mehr Vergnügen.«

»Mein lieber Herr von Tschirn,« rief die Stiftsdame überschwenglich, »Sie sind ein ganz prächtiger Mensch!«

Günther protestierte lächelnd.

Wolfine sah von einem zum andern und fragte sich: »Ist hier Wohlsein? Glück?«

Der Hausherr mit dem gebeugten grauen Kopf, der tiefgefurchten Stirn und dem scheuen Blick sah aus wie einer, den Leid und Sorge nahezu erdrücken.

Das alte Fräulein Guendoline, seine Tante, machte den Eindruck eines verstummten, in sich zusammengekrochenen, ausrangierten Wesens, das die Welt nur noch durch einen Nebel von Thränen sieht.

Baron Uglar schien äußerst reizbar, immer bereit, seine Schwester anzufahren.

Maria sagte beinahe kein Wort und blickte mit den ernsten Träumeraugen ruhig vor sich hin, nicht gerade traurig, aber erst recht nicht heiter. Nichts von unbefangenem jugendlichen Frohsinn!

Sogar die prächtig gekleidete alte Stiftsdame, die erst seit kurzem als zahlender Sommergast im Hause war, schien beklommen.

Irgend ein geheimnisvoller Druck lastete auf allen. Eine Spannung lag in der Luft wie Gewitterstimmung.

Und die mit Elektricität überladene Wolke, aus der jeden Augenblick Blitze zucken und zünden konnten, sollte dies etwa Frau Susi sein? Das eigenwillige, kecke, überlebendige Persönchen, das sich zum Mittelpunkt der kleinen Welt von Mervisrode gemacht hatte!

Wolfine hatte das Empfinden, als stünde sie im ersten Kapitel eines spannenden Romans.

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