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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Zweites Kapitel.

Nach dem Kaffee lud Susi von Tschirn Wolfine zu einem Rundgang durch den Gutshof ein.

»Ich habe Ihren Vetter Wolf zu lieb,« begann Susi zutraulich. »Wirklich, bei Gott, ich verehre ihn, wie wenig Menschen.«

»Ja ... er ist zu verehren. Aber kennen Sie ihn denn?«

»Ach, ich habe ja so eifrig mit ihm korrespondiert. Und sehen Sie, Baroneß: aus seinen Briefen spricht ein edler Charakter. So ein echt ritterliches Naturell. Das spricht mich so sehr an. Und mit Ihnen, Baroneß, geht es mir gerade so. Ich kann nicht anders: ich muß Sie lieb haben.«

»Sie kennen mich ja gar nicht.«

»Nun lachen Sie mich aus. Thun Sie es meinetwegen. Ich hasse oder liebe gleich auf der Stelle. Wie ich Sie heut aus dem Zug steigen sah, wußt' ich gleich, daß ich Sie lieben würde. Sie gefielen mir sofort, – bis auf den dichten Schleier, den müssen Sie nicht tragen.«

»Es ist gegen den Kohlenstaub.«

»Nein, er sieht nicht gut aus. Verzeihen Sie meine Offenheit. Er ist viel zu dicht. Und daß Sie erster Klasse fuhren, gefiel mir besonders. Wenn Sie aus der dritten Klasse gestiegen wären, hätte ich von vornherein nicht viel von Ihnen gehalten.«

»Warum denn?« fragte Wolfine erstaunt.

»Weil ein anständiger Mensch wissen soll, wo er hingehört.«

»Das ist doch nur eine Geldfrage.«

»Nicht immer. Es ist oft einfach Mangel an dem Gefühl für gute Lebensart. Ganz wohlhabende Leute fahren manchmal in der dritten Klasse. Dann sind sie eben auch dritter Güte. Sind Sie denn reich?«

»Nein, gar nicht.«

»Na, sehen Sie wohl? Sie haben aber das je ne sais quoi der upper ten. Tip top! Und nur die das an sich haben, kann ich goutieren. Stoßen Sie mich nicht zurück, Baroneß! Ich armes, kleines Ding habe keine Freundin auf der ganzen Welt und möchte so gern eine haben.«

»Wahrscheinlich stimmen wir beide gar nicht überein.«

»O, das macht nichts. Ich weiß, daß Sie hoch über mir stehen, – so gut und so klug!«

»Woher wollen Sie wissen, ob ich gut und klug bin?«

»Das seh' ich Ihnen doch an! Sie können sich nicht verstellen, gerade wie ich.«

»Na!?«

»Bei allem, was ich liebe! Wahrhaft'ger Gott, nein! Ich bin, wie ich bin. Und ich will mich Ihnen so gerne unterordnen. Ich muß einen Menschen haben, der mich versteht und mich doch lieb hat! Einen, der meine Fehler kennt und mich doch lieb hat! Ich sehne mich nach Liebe!«

»Sie haben Ihren Mann. Er sieht gut und verständig aus.«

»Ist es auch, – jawohl! Mein Mann ist die Güte und Ehrenhaftigkeit selbst. Einen treueren, zuverlässigeren Menschen können Sie auf der ganzen Welt nicht finden. Aber ... ich rate Ihnen eins, Baroneß, heiraten Sie niemals! Sie wissen nicht, was Sie aufgeben!« Die kleine Frau seufzte.

Aber Wolfine mußte lachen. Diese Warnung ihr, der fast Vierzigjährigen!

»Die Ehe ist Ihnen also eine Enttäuschung gewesen?« fragte sie.

»Eine grenzenlose! Ich war ja ein so junges, ganz unerfahrenes Ding. Von nichts hatte ich eine Ahnung. Und die Männer sind so brutal, – auch die besten. Wie so ein Mann seine Rechte geltend macht, das ist grenzenlos brutal, kann ich Ihnen sagen.«

Wolfine verstummte staunend. Diese Intimitäten in den allerersten Stunden der Bekanntschaft! So etwas war ihr noch niemals vorgekommen.

Sie dachte: »Wo soll etwas denn hinaus, was da anfängt, wo andre enden!«

Doch weil sie selbst von scheuer, verhaltener Art war, nicht leicht von ihrem Innenleben ausgab und nicht leicht andern sich aufzuschließen vermochte, hatte dies rasche, kecke Vorrücken der kleinen Frau einigen Reiz für sie, – den Reiz des Fremdartigen.

Sie wandelten während dieser Unterhaltung über den großen steingepflasterten Gutshof, der unmittelbar vor dem Herrenhaus lag.

Frau von Tschirn hob ihre zierlichen Röcke ziemlich hoch auf, so daß die Stiefelchen und die feinen Gelenke sichtbar waren. Ihre Augen hatten einen melancholischen Ausdruck angenommen, der sie verschönte. Plötzlich jedoch verwandelten sich Blick und Ton.

Sie rief lustig: »Kommen Sie, jetzt zeig' ich Ihnen meine süßen Kuhmädchen!«

Sie traten in den Kuhstall ein. Warmer, schwerer Brodem schlug ihnen entgegen. Um den etwas erhöhten Futtergang standen und lagen die schönen breitstirnigen jungen Rinder: braun und weiß gefleckte, geschälten unreifen Roßkastanien ähnlich, und gelbgraue. Alle bewegten wiederkäuend die zarten rosigen Mäuler und schauten aus großen, leer blickenden Augen die Besucher an.

Susis Gesichtchen strahlte Heiterkeit und Schelmerei. Sie war, wie sie mit den Tieren verkehrte, wie ein ausgelassenes Kind, rief sie mit neckischen Namen, die sie ihnen gegeben, und patschte mit dem ring- und spangengeschmückten Händchen auf die glatten Hälse.

»Sie lieben mich alle, meine süßen Kuhmädchen,« behauptete sie, »aber ich sorge auch für sie. Wir haben ja nicht einmal eine Mamsell.«

»Das alles haben Sie selbst übernommen?!«

»Alles! Jeden Morgen um vier Uhr aus dem warmen Bett heraus über den Hof, – das will etwas heißen.«

»Allerdings!«

»Und wie hab' ich mich erst hineinarbeiten müssen! Ich hab' ja vor meiner Heirat nie das geringste von Landwirtschaft gewußt. An allen Fürstenhöfen bin ich bekannt gewesen, aber nicht auf einem Gutshof. So 'ne echte Vollblut-Großstädterin! Aber was ich mir vornehme, das kann ich auch. So bin ich. Die Männer haben ja nicht für einen Pfennig Energie. Als ich hierher kam und diese verlotterte Wirtschaft sah, sagte ich mir: Das wird jetzt anders. Da hab' ich zuerst die Mamsell weggeschickt, die alles besser wissen wollte, und dann hab' ich dem Inspektor den Laufpaß gegeben, weil der ein ordinärer, ungehobelter Mensch war und meinen Mann natürlich betrog. Dafür hab' ich dann meinen Bruder veranlaßt, mit seinem Kapital als Teilhaber in die Gutswirtschaft einzutreten. Es war für ihn eine Rettung, denn, Sie müssen wissen, – mein Bruder ist nämlich verheiratet.«

Sie sprach das letzte in geheimnisvollem Ton und flüsternd.

»Herr von Uglar verheiratet?!«

»Ja.«

»Er sieht so jung aus!«

»Er ist nicht so jung. Seine Frau ist ein Scheusal und hat ihn namenlos unglücklich gemacht. Er lebt von ihr getrennt, – nicht geschieden.«

Wolfine fing einen lauernden Blick auf, der sie höchst unangenehm berührte. Er paßte zu wenig zu dem vertraulichen, offenherzigen Geplauder und zu der kindlichen Fröhlichkeit, die eben noch ihr Wohlgefallen erregt hatte.

Entweder war die Harmlosigkeit und Aufrichtigkeit nicht ganz echt, oder dieser schlimme Blick ein Zufall, eine Täuschung.

Nach einem Moment peinlichen Mißtrauens entschied sich Wolfine für die letzte Annahme.

Sie sah zur Stalldecke hinauf, an deren staubdunklem Gebälk eine ganze Reihe von Schwalbennestern klebte, und während ihr Blick an den dunklen Balken und erdgrauen Nestern hing, wandten sich ihre träumerischen Gedanken dem jungen Uglar zu, der ihr so frisch und froh erschienen war und der doch schon ein leidbeschwertes Stück Leben hinter sich hatte.

»Es war eine wahnsinnig unglückliche Ehe,« erzählte Susi von Tschirn mit halber Stimme. »Man darf den Namen seiner Frau nie vor ihm erwähnen. Er kann es nicht ertragen.«

»Warum läßt er sich nicht wirklich scheiden?«

»Das ist ganz ausgeschlossen,« sagte Susi scharf. »Es geht nicht. Die Frau würde ihn ruinieren.«

»Wie denn noch mehr ruinieren?«

»Ich meine auch pekuniär.«

Wolfine konnte sich nicht recht vorstellen, wie das zugehen könnte: aber der Gegenstand war ihr doch zu gleichgültig, um sich lange darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie sagte nur: »Was für ein trauriges Schicksal! Er ist so jung!«

»Er ist gar nicht so jung,« bemerkte Susi zum zweitenmal. »Fünfunddreißig.«

Sie gingen weiter durch die Stallungen, und Susi setzte ihre vertraulichen Mitteilungen fort: »Sie glauben gar nicht, in wie verwahrlostem Zustand hier alles war, als ich kam! Mein armer guter Mann ist so apathisch. Ich muß für ihn handeln und wollen, sonst geschieht nichts. Er ist nervenleidend, wissen Sie. Hochgradiger Neurastheniker. Er wäre einfach untergegangen, wenn ich mich nicht seiner erbarmt hätte. Nein aus Mitleid mit ihm hab' ich eingewilligt, seine Frau zu werden, denn passen thun wir gar nicht zu einander.«

»Haben Sie das von Anfang an gefühlt?«

»Ich wußte es nicht, wie ich es heute weiß, natürlich. Ich war so sehr unerfahren. Ach, ich beneide Sie um Ihre Freiheit! Was hab' ich noch von meiner Jugend? Wo soll ich hin mit meiner Lebenslust?«

Wolfine dachte: »Sie ist ganz interessant, so ein schillerndes, temperamentvolles Ding; aber unerhört taktlos ist sie.«

Susi fuhr fort: »Worin besteht hier mein Dasein? – Darin, daß ich mich Tag für Tag absorge und abquäle. Ich gebe für die Meinen wirklich mein Herzblut tropfenweise her.«

Dies komische Pathos machte Wolfine lachen, was die kleine Frau nicht sehr zu genieren schien.

»Sie hätten bloß 'mal das Haus sehen sollen, wie ich hierher kam! Die reinen Armleutestuben! Von Komfort keinen Schimmer.«

»Und doch hat sich Maria Hohenecke hier so wohl gefühlt?«

Susi zuckte mit den Achseln. »Sie ist auch von diesem schweren Schlag, so apathisch wie Günther. Wie sie wohnt, und was für Kleider sie anhat, ist ihr ganz schnuppe.«

Susi sagte das, wie man ein unerquickliches Thema berührt, das man möglichst rasch abthut. Sie wurde aber gleich wieder warm und eifrig, als sie sich zu rühmen fortfuhr: »Alle Zimmer hab' ich neu tapezieren lassen, hab' Paneele und Täfelung anbringen lassen, Fenster durchbrechen lassen und in meinen Salon einen Erker eingebaut, kurz, der ganzen Schose einen andern Plie gegeben. Es hat viel Geld gekostet, dafür wohnen wir jetzt aber doch einigermaßen unserm Stand entsprechend.«

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