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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Siebzehntes Kapitel.

An einem sonnig klaren Septembermorgen, als Wolfine auf tannendurchdufteter Waldstraße von einer frühen Radfahrt zurückkehrte, sah sie einen Mann am Waldrand sitzen und erkannte beim Näherkommen Uglar.

Er war in Gutsangelegenheiten in einem ziemlich entfernten Dorf gewesen. Jetzt hatte er sein Fahrrad gegen einen Tannenbaum gestellt und aß Schmalzbrot.

Neben ihm, auf einem Bogen weißen Papiers, lagen noch etliche »Klappstullen« mit Gänsefett gestrichen, ein Anblick, der in Wolfine plötzlich lebhaften Appetit erweckte.

Sie lehnte ihr Rad gleichfalls an einen Stamm und ersuchte Uglar lachend, ihr etwas von seinem königlichen Mahl abzugeben.

Natürlich war er gleich bereit. Es machte ihr kindisches Vergnügen, so am Straßenrand mit zu frühstücken, wie die Wegearbeiter. Sie biß in das robuste Schmalzbrot und dachte, daß die raffinierteste Delikatesse unmöglich besser schmecken könnte.

Aber ihre gute Laune ging nicht auf Uglar über. Er war niedergeschlagener und verstimmter als je. Wolfine nötigte ihn, sich auszusprechen.

»Susi hat ein altes Versprechen von mir, das ich ihr leichtsinnigerweise in einer schwachen Stunde gab, und hält daran fest, wie Shylock an seinem Schein. Ich glaube, sie schießt nach mir oder wirft mir Vitriol ins Gesicht, wenn sie glaubt, daß ich ihr durch die Lappen gehe.«

Es schwebte Wolfine auf der Zunge, zu sagen: »Dann würde ich mich, wenn's nicht anders sein kann, totschießen lassen.«

Sie sagte es nicht, aber als läse er ihre Gedanken, setzte er hinzu: »Es wäre schließlich nicht einmal das Schlimmste.«

Aber dann, nach einer Pause: »Das Schlimme ist, daß sie mir allen Glauben an mich selbst genommen hat.«

Wolfine sagte: »Das Schlimmste ist, daß sie euch mit dem vergiftenden Naschwerk ihrer Tingeltangelunterhaltung und dem Paprika beständiger Emotionen den Magen so gründlich verdorben hat, daß ihr ohne die täglichen Dosen dieser Reizmittel aus dem Gefühl des grauen Elends nicht mehr herauskommt.«

Er entgegnete hierauf nichts.

Sie aber aß ihr Schmalzbrot auf und sah in den auf der andern Seite der Straße sich erstreckenden Waldgrund hinein. Ihr Blick fiel auf gelb leuchtende Giftpilze, die, einer nahe dem andern, genau im Kreise standen. Der Volksmund nannte dies Hexenringe. Eine Hexe sollte mit ihrem Stab den Kreis gezogen haben, dem dann die Pilze entsprossen. Was innerhalb dieses Ringes stand, war ihr verfallen.

»Solch einen Hexenring hat Susi um Mervisrode gezogen,« dachte Wolfine; »alle sind nun durch einen Zauber gebannt, der ihren Willen lähmt, sie hilflos von einer Erregung in die andre taumeln läßt und den Wunsch erstickt, sich aus dieser Giftluft zu befreien. Ist es denn auf natürliche Weise zu erklären, daß sogar Maria, der Susis Wesen doch entschieden zuwider ist, daran festhält, hier zu bleiben, es koste, was es wolle? Ach, und der Ritter, der erlösend und befreiend kommen müßte, scheint den Hexenring nicht einmal mit einer Botschaft durchbrechen zu können!«

Ihr wurde wunderlich traumhaft und märchenhaft zu Sinne in der sonnendurchfluteten, duftenden Waldstille.

Da sprang dicht vor ihrem Lagerplatz ein großer grauer Waldhase über den Weg.

»Das bedeutet ein Mißgeschick,« bemerkte Uglar. Sie sprang auf die Füße, klopfte Moos und Tannennadeln von ihrem Rock, reckte sich und lachte: »Ach Sie Unglücksrabe! Er ist uns ja gar nicht über den Weg gelaufen. Wir waren ja gar nicht auf dem Weg. – Lassen Sie uns nach Hause fahren.«

Er blieb am Boden sitzen.

»Es ist besser, Sie fahren voraus. Wenn wir zusammen nach Hause kommen, denkt Susi, wir hätten uns verabredeterweise getroffen, und dann ist mal wieder der Teufel los.«

So fuhr sie allein.

Als sie an der Eßzimmerthür vorüber ging, hörte sie lebhaftes Sprechen.

Sie dachte: »Irgend ein Besuch; vielleicht der Pastor,« denn das Eßzimmer wurde, weil es hübsch und bequem gelegen war, häufig als Empfangszimmer benutzt. Sie wollte weiter gehen, nach ihrem eigenen Zimmer; da drang eine Stimme an ihr Ohr, die sie bewog, schleunigst die Eßzimmerthür aufzureißen. Ihr erster Blick umfaßte die kräftige Gestalt des Mannes, der ihre erste und einzige Liebe war! Ja, da stand er, mit dem Rücken gegen die alte, kostbar geschnitzte Truhe, in der vertrauten lieben Marineuniform. Und als sie in sein hartgemeißeltes, wetterbraunes energisches Gesicht sah, wußte sie: »Nun wird hier aufgeräumt.«

»Wolf!« rief sie freudig und streckte ihm die Hand hin, die er nahm und trotz des abgetragenen dicken Lederhandschuhs an die Lippen führte.

»Wir unterhalten uns hernach,« sagte er mit halber Stimme; »hier muß erst klar Schiff gemacht werden.«

Susis scharfe Stimme fuhr dazwischen. »Du kommst eben recht, Wölfin,« rief sie; »du kannst hier dem erhebenden Schauspiel beiwohnen, wie zwei ›edle‹ Männer ein wehrloses Weib, das ihnen nie im Leben etwas zuleid gethan hat, aufs infamste insultieren, und wie der loyale Gatte dies in seinem eigenen Hause lammfromm duldet.«

Susi saß auf der Polsterbank am grünen Kachelofen in ihrem hellrosa Morgenkleid. Ihr Gesicht war wutentstellt.

Und da, oben am langen Eßtisch, saß seitlich gegen den Tisch in nachlässig ungezwungener Haltung, ein Bein über das andre gelegt, – Professor Doktor Mayer. Sein schlaues, leidenschaftsloses Gesicht hatte etwas im Ausdruck, das an den Untersuchungsrichter erinnerte.

Und neben ihm, am Mitteltisch, saß Günther von Tschirn und hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hand über die Augen gelegt. Zusammengesunken und wie gebrochen saß er da.

Mayer, der sich erhoben und vor Wolfine verbeugt hatte, sagte: »Ihnen zur Erklärung der Situation, gnädiges Fräulein, nur dies: Ich habe in Ihrem und Ihrer Verwandten Interesse Informationen über Frau von Tschirn eingeholt, und darauf, wie ich Ihnen versprochen hatte, an Ihren Herrn Vetter geschrieben. Sobald der Herr Graf Urlaub erhalten konnte, sind wir hierher geeilt, um einige Irrtümer zu berichtigen.«

Mit zornfunkelnden Augen rief Susi: »Also dir verdanke ich diesen Affront! Das ist dein Dank für all meine Liebe und Freundlichkeit! Wahrhaftig, für so unedel hätte ich dich nicht gehalten, Wolfine!«

Graf Hohenecke hatte seiner Cousine einen Stuhl hingeschoben, aber sie setzte sich auf die Truhe dicht hinter ihm, voll Spannung und Aufregung. Susis Anschuldigung beachtete sie gar nicht. Es ging Susi, wie allen, die gewohnheitsmäßig lügen und übertreiben: die sie kannten, achteten kaum mehr auf das, was sie sagte.

»Sie gestatten, daß ich fortfahre?« sagte Mayer mit höflicher Wendung gegen den Grafen und Wolfine. »Frau von Tschirn ist also die Tochter des weiland namhaften, nunmehr verstorbenen Schauspielers Barukinsky, alias Baruch, der ein polnischer Jude war, und seiner Ehefrau, einer Polin. Ich habe Einsicht in die betreffenden Dokumente erhalten können, denn Barukinskys lebten, als diese Tochter geboren wurde, in Berlin.«

»Und ich sage Ihnen,« rief Susi, »daß ich ein untergeschobenes Kind von hoher Herkunft bin, das auf den Namen einer Barukinskyschen Tochter registriert worden ist.«

»Dagegen sprechen,« fuhr Mayer in seiner gelassenen Weise fort, »neben anderm die zahlreichen von Herrn Barukinsky existierenden Bilder, die eine auffallende Familienähnlichkeit mit der gnädigen Frau aufweisen. Uebrigens zeugt es von wenig Gefühl, wie ich mir vorhin schon zu bemerken herausnahm, die eigene Abstammung und die eigenen Eltern zu verleugnen. Barukinsky genoß seiner Zeit eines europäischen Rufes, wie Sie wissen werden, als Charakterdarsteller. Seine Tochter hat keine Ursache, sich dieses Vaters zu schämen. Er gab meist Gastrollen, und seine Familie begleitete ihn. Die kleine talentvolle Ilka, jetzige Frau Susi von Tschirn, trat schon als Kind als groteske Tänzerin und Chansonettensängerin auf. Nach dem Tode des Vaters bemächtigte sich ihrer ein spekulativer Impresario, Moritz Dorn geheißen, und machte mit ihr eine Tournee um die Welt. Auf dieser Tournee ist die junge Dame von einem eigenartigen Uebel befallen worden, das ich mit dem Ausdruck Adelskrankheit oder Adelssucht bezeichnen möchte. Der abenteuerliche Kurs, den jetzt ihr Leben nimmt, ist nur aus dieser Sucht zu erklären. Fräulein Ilka verliebt sich in die Aristokratie und beschließt, unter Aristokraten die Rolle einer Aristokratin zu spielen. Sie verläßt ihre an Abwechslung und Genüssen ohne Zweifel nicht arme Artistenlaufbahn und stürzt sich in ein Leben, das von Hochstaplertum nicht eben weit entfernt ist.«

Susi fuhr auf. »Das ist zu viel! Ist denn keiner hier Manns genug, ein wehrloses Weib vor den gröbsten Insulten zu schützen? Bist du ein Mann, Günther?!«

Der sagte müde: »Laß den Professor zu Ende reden, nachher werden wir auch hören, was du zu sagen hast.«

Mayer fuhr in seiner kühlen Berichterstattertonart fort: »Von nun an reist Ilka Barukinsky unter allerlei falschen Namen. Sie knüpft überall Beziehungen zu etwas herabgekommenen Edelleuten an, denen sie Märchen über ihre hohe Herkunft und über ein zu erwartendes großes Vermögen aufbindet, während sie gleichzeitig eifrig den Klassenjargon, die Gewohnheiten und Allüren dieser Blaublütigen studiert und sich anzueignen sucht.«

»Wobei sie jedoch übersehen hat,« unterbrach der Graf Hohenecke, »daß das eigentliche Charakteristikum echten Aristokratentums in dem Stolz der Ungekünsteltheit und Einfachheit besteht.«

»Sehr richtig,« sagte Mayer mit einer höflichen Wendung gegen den Grafen; »also, sie intriguiert, sie fälscht, sie betrügt, – es thut mir leid, aber ich muß diesen harten Ausdruck schon gebrauchen –, dreimal ist sie verheiratet und wieder geschieden gewesen, ehe das Unglück sie unserm verehrten Hausherrn in den Weg führte. Ihm stellt sie sich als Opfer höfischer Ränke, als verfolgte Unschuld, als unerfahrenes junges Mädchen hin. Leider ist es ihr ja auch gelungen, die Neigung und das Vertrauen Herrn von Tschirns zu erobern. Er heiratete sie als ein beklagenswertes, von der fürstlichen Rabenmutter der Familie Barukinsky überlassenes Kind aus höchstem Hause und gibt ihr seinen alten ehrenhaften Namen und eine trauliche Häuslichkeit.«

Mayer wandte sich an Susi: »Dies wäre der Zeitpunkt gewesen, meine gnädige Frau, um ein neues, einfaches, achtungswertes Leben zu beginnen: das Leben einer rechtlichen Landedelfrau. Aber das Lügen, Komödiespielen und Ränkespinnen ist schon zu tief eingewurzelt gewesen. – Es kommt etwas hinzu, das zu berühren mir peinlich ist, doch darf ich es nicht übergehen, da es Ihnen, Herr von Tschirn, die bequemste Handhabe zur Einleitung der Scheidungsklage bietet. Neben all diesen Jongleurkunststücken und flüchtigen Beziehungen haben zwei Männer in Frau Ilkas Leben eine hervorragende und eingreifende Rolle gespielt: von dem einen wird sie geliebt, den andern liebt sie. Jener ist der ehemalige Impresario, jetzige Agent eines Privatauskunftsbureaus, Moritz Dorn, mit dem Frau Ilka dauernd Beziehungen unterhält, und den sie, ihrer Adelsmanie entsprechend, für einen Reichsgrafen Torndorff ausgibt. Der andre – heißt Herr von Uglar.«

»Ich leide nicht, daß irgend ein Mensch auf der Welt meine Beziehungen zu Karl von Uglar verunglimpft!« schrie Susi mit haßerfülltem Gesicht. »Die sind mir heilig.«

Mayer ließ sie eifern, ohne nur eine Miene zu verziehen. Wolfine graute vor der Erbarmungslosigkeit seines kalten Lächelns.

Gelassen entgegnete er ihr: »Gnädige Frau, wozu der Aufwand an Entrüstung? Bemühen Sie sich doch nicht weiter. Hier ist nun die Komödie ausgespielt. – Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, im Interesse der Klarstellung der Dinge etwas indiskret zu sein. Also: Der Magnet, der Frau Ilkas Laufbahn während der letzten drei oder vier Jahre bedenklich aus dem normalen Kurs gebracht und seltsame Schwankungen hervorgerufen hat, heißt Uglar. Auf einer ihrer Irrfahrten lernte sie den vermögenden, etwas stark lebemännischen Reiteroffizier kennen, und er flößte ihr eine reelle Leidenschaft ein. Sogleich stand bei ihr fest, daß er der Ihre werden müsse. Es glückte ihr, Herrn von Uglar, der verheiratet war, mit seiner Frau auseinander zu bringen, eine häßliche Geschichte, die ihn nötigte, den Abschied zu nehmen. (Frau von Uglar heiratete nach der Scheidung einen Verwandten.) Frau Ilka verstand es, Herrn von Uglar an sich zu fesseln, nur sie zu heiraten war er nicht zu bewegen. Doch nahm er sie auf eine Orientreise mit, und das Paar trat überall als Herr und Frau von Uglar auf. Frau Ilka nannte sich dabei eine geborene Gräfin Torndorff, wie sie sich jetzt als geborene Freiin von Uglar zu unterschreiben liebt.«

»Infame Lügen!« fauchte Susi.

Mayer griff ruhig nach der Brieftasche, die vor ihm lag.

»Wollen Sie Beweise?«

Susi klappte förmlich zusammen.

»Nicht? Nun, dann weiter im Text: Nachdem Frau Ilka den größeren Teil des Vermögens ihres schönen Liebhabers in ausländischen Vergnügungsorten durchgebracht hatte, ohne ihn zur Heirat bringen zu können, mußte sie wohl oder übel versuchen, ihrer bedenklich erschütterten Stellung eine neue Basis zu schaffen und den wohl schon etwas ernüchterten Freund in andrer Weise zu ketten. Diesmal wurde Herr von Tschirn das Opfer. Sie machte ihn mit dem ›geliebten viel älteren‹ Pflegebruder bekannt und bewog diesen, den Rest seines Vermögens in das etwas heruntergekommene Gut Mervisrode zu stecken und sich mit Herrn von Tschirn in die Bewirtschaftung des Gutes zu teilen. Stimmt das, Herr von Tschirn, oder nicht?«

Günther bejahte durch eine leise Kopfbewegung.

»Es war kein übler Schachzug,« fuhr Mayer fort, »sich die geachtete Stellung einer Gutsherrin zu sichern und gleichzeitig den Liebhaber anzuketten; nur freilich, daß Spiele dieser Art unfehlbar mit einem Schachmatt enden, meine gnädige Frau.«

»Susi!« stöhnte Günther, »du hast mir bei allem, was dir heilig ist, geschworen, daß zwischen dir und Karl unerlaubte Beziehungen nie bestanden haben! Nicht nur mir, auch unserm Pfarrer hast du es geschworen. Du kannst doch nicht wissentlich falsch schwören, Susi!«

Es klang eine solche Angst, ein solcher Schmerz durch diese Worte, daß alle erschüttert waren.

Mit Ausnahme von Susi.

In dieser schien etwas Eigentümliches vorzugehen. Es war, als löse sie die Stahlstangen eines moralischen Schnürleibes, der sie furchtbar beengt hatte, und als empfände sie, halb unbewußt noch, etwas von wollüstiger Befreiung.

Ihre schmalen Lippen waren bis zur Nichtsichtbarkeit eingezogen, ihre Nasenflügel zuckten, in den stechenden schwarzen Augen, die geradeaus blickten ins Leere, lauerte etwas Dämonisches.

»Die Komödie ist am Ende,« deklamierte Mayer im Ton des unglücklichen Bajazzo aus der Oper Leoncavallos.

Günther war aufgestanden; er wandte sich an Susi.

»Du hast es mir geschworen bei allem, was dir heilig ist!« wiederholte er fast flehend.

Da lachte sie grell auf.

»Das ist ja eben der Witz: mir ist ja nichts heilig. Möchte wirklich wissen, warum mir etwas heilig sein sollte in dieser erbärmlichen, heuchlerischen, durch und durch nichtsnutzigen Welt!«

Trotz allem, was sie von Susi erfahren hatten, fühlten die andern bei dieser Lästerung Staunen und Grauen.

»Susi!!«

Der Ruf kam von Günther und Wolfine zu gleicher Zeit.

»Wenn ihr nur ahntet, wie komisch diese sittliche Entrüstung euch kleidet, ihr kindischen, beschränkten Moralphilister! Ihr dünkt euch jetzt wohl himmelhoch über mich erhaben? –« Sie lachte. »Weil ihr zu dumm und zu feige seid, um euch aus eurem gesellschaftlichen Gängelband von albernen Prinzipien einen Schritt 'raus zu wagen. Wißt ihr denn, was das heißt, immerfort mit kaltem Blut zwischen Abgründen zu balancieren, von niemand gekannt, von niemand verstanden, ganz für sich selbst allein? Ach, ihr Feiglinge! Ihr blökendes, lammfrommes Herdenvieh! Wenn nicht der eine Scherz bliebe, euch an der Nase herumzuführen, wie ihr's verdient, wo bliebe unsereins vor lauter Langweile? Ha, ha, ha! Ja, das hab' ich gethan. Lügen über Lügen habe ich euch aufgebunden, ihr schwerblütigen pedantischen Tugendbolde!«

In ihrer theatralischen Manier, die Günther und Wolfine so gut kannten, hatte sie doch besser als sonst geredet in dem Ueberquellen lang verhaltener wahrer Herzensmeinung.

»Donnerwetter!« entschlüpfte es halb belustigt, halb empört dem Doktor Mayer. »Das ist starker Tabak!«

Der Graf Hohenecke aber sagte kalt: »Nicht weil sie dumm sind, glauben Ihnen die Menschen, die Sie belügen, sondern weil sie selbst ehrlich sind; und in dem Maße, als wir wahrhaft und ehrlich sind, ist uns Verlogenheit fremd und unfaßbar.«

Susi stand auf.

»Ich bin fertig mit euch, und wahrhaft'gen Gott, es ist mir angenehm! Ich werde heute noch mit Karo dies Haus auf Nimmerwiederkehr verlassen.«

Sie ging nach der Thür; Wolf Hohenecke vertrat ihr den Weg.

»Noch ein Wort.«

Sie blieb etwas eingeschüchtert, aber mit impertinentem Gesicht vor der mächtigen Persönlichkeit des Marineoffiziers stehen.

»Na denn man zu. Aber kurz, wenn ich bitten darf.«

»Haben Sie sich klar gemacht, daß Ihr Weg von hier ins Zuchthaus führen könnte?«

Sie verfärbte sich.

»Gott im Himmel, um einiger Scherze willen?! Was hab' ich denn verbrochen?«

»Ich will Ihnen nicht auseinander setzen, wie unsre Gerichte Ihre ›Scherze‹ auffassen würden, aber was Sie sind, will ich Ihnen sagen: Sie sind eine Verkörperung des absolut Schädlichen. Lauter zerbrochene Existenzen bezeichnen Ihren Weg. Sie sind der Reihe nach allen denen, die Sie, um Ihren diversen Gelüsten zu dienen, an sich gefesselt haben, zum finanziellen und geistigen Ruin geworden. Als Schmarotzerpflanze verderblichster Art frönen Sie Ihrer Eitelkeit und amüsieren Sie sich auf Kosten hundertmal wertvollerer Existenzen. Wesen Ihrer Art sollten ohne Skrupel vernichtet werden, wie giftige Reptile.«

Seinem strengen, energischen Gesicht und seiner ernsten Stimme gegenüber versagte ihre Selbstsicherheit. Sie empfand Furcht vor diesem Mann und Mitleid mit sich selbst.

Da brach sie in Schluchzen aus.

»Ich war außer mir,« jammerte sie; »ich bin einmal so heftig; aber ich hab' das alles ja gar nicht so gemeint.«

Der Graf machte eine Schweigen gebietende Bewegung.

»Genug. Gehen Sie Ihres Weges. Wir werden Sie nicht behelligen. Aber eins bedenken Sie: Kommt mir eine neue Gaunerei von Ihnen zu Ohren, so werde ich für eine endgültige Unschädlichmachung Sorge tragen. Und ich scherze nicht. Richten Sie sich danach.«

Er öffnete die Thür für sie und ließ die krampfhaft Schluchzende hinaus.

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