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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Sechzehntes Kapitel.

Ein paar Tage später schlug Günther von Tschirn Wolfine vor, ihn auf einen Wiesenhügel zu begleiten, auf dessen Rücken heute das junge Volk, die beiden Knaben und Maria, mit der Aberntung einiger prachtvoller alter Kirschbäume beschäftigt war.

Sie ging gern mit.

Unterwegs sagte sie ihm, was ihr Susi neuerdings über ihre Herkunft anvertraut habe, und fragte ihn, ob er Positives darüber wisse.

Er antwortete wie gewöhnlich ausweichend. Ihre Herkunft sei in Dunkel gehüllt. Sie erhalte aber thatsächlich von Zeit zu Zeit Briefe intimen Inhalts aus dem betreffenden prinzlichen Palais, auch Geschenke, Photographieen etc. von dort.

Ob er diese Briefe zu sehen bekommen habe? fragte Wolfine.

Er bejahte.

Wolfine machte ihn darauf aufmerksam, daß Susi sich bei den Erzählungen aus ihrem Leben fort und fort in Widersprüche verwickle und chronologische Unmöglichkeiten auftische.

Er verteidigte sie: »Sie ist von klein auf dazu angehalten worden, dies und jenes zu verheimlichen, zu vertuschen, müssen Sie bedenken! Dabei hat sich leider ein scharfer Wahrheitssinn nicht entwickeln können. Sie hat auch thatsächlich durch ihr zügelloses Phantasieleben ihr Gedächtnis sehr geschwächt.«

Wolfine sagte: »Wenn ich Sie wäre, würde ich alle kleineren Nachlässigkeiten und Albernheiten ruhig hingehen lassen, aber sie mit unerbittlicher Strenge auf jedes bemerkbare Abweichen von der Wahrheit aufmerksam machen.«

Er seufzte tief. »Es ist so nutzlos, so fruchtlos! Sie können ebenso leicht den Wind verhindern, zu wehen, wie Susi, zu outrieren und phantastisch auszuschmücken. Sie kann gar nicht anders.«

Es war eine so hoffnungslose Niedergeschlagenheit in seinem Wesen, daß Wolfine Mitleid empfand und den Gegenstand, der ihm offenbar eine Qual war, abbrach.

Sie bat ihn, ihr von seiner verstorbenen Schwester Annemarie, der Mutter Marias, zu erzählen.

Das that er mit Freude.

Bei jedem Lob, das diesem liebenswürdigen Wesen aus Günthers oder der Tante Guendoline Mund zu teil wurde, fühlte Wolfine peinvolle Eifersucht. Und doch wollte sie immer von ihr hören. Mit ihrem Vetter hatte sie niemals von seiner Frau sprechen können, und es interessierte sie brennend, sich das Zusammenleben der beiden deutlich vorzustellen.

Von diesem Gesichtspunkt aus interessierte sie sich auch für Günther von Tschirn. Nach allem, was sie hörte, mußte seine Schwester eine ihm verwandte Natur gewesen sein: still, sanft, weich bis zur Schwäche, aber pflichttreu.

»Mit einer solchen Frau hat er seine beste Lebenszeit geteilt,« dachte sie schwermütig. »Der ist das ganze große Glück in den Schoß gefallen, das mir verloren gehen mußte, und sie hat es vielleicht mit ihrer Temperamentlosigkeit kaum zu genießen verstanden. Denn Kraft gehört zum Genießen, viel mehr noch als zum Leiden.«

Sie wunderte sich, daß Wolf auf ihren Brief nicht antwortete, und ohne es sich gestehen zu wollen, litt sie daran.

Es waren nur einige norwegische Postkarten für Maria gekommen, auf denen er ihren Brief nicht einmal erwähnt hatte. Sonst hatte er ihr stets umgehend Antwort geschickt, – aber es schien, als ob sie ihm neben Maria kaum noch etwas bedeutete. Und dies gerade jetzt, wo sie ihm ein Opfer brachte! Sie begriff es kaum, und es quälte sie.

Sie kamen bald an den Kirschbäumen an, und damit war das Gespräch mit Tschirn am Ende.

Aber obwohl Günther sogleich mit den Knaben und Maria in seiner jovialen Weise zu scherzen anhub, war Wolfine mehr als je davon durchdrungen, daß er sich tief unglücklich fühlte.

Sie kam in der nächsten Zeit nicht mehr dazu, Tschirn allein zu sprechen.

Mitte August mußten die jungen Mayers, die in Mervisrode braungebrannt waren und sich recht wie wilde Jungen ausgetobt hatten, in ihr Berliner Gymnasium zurück. Wolfine und Susi fuhren bis Meiningen mit, welches die erste größere Stadt war. Susi hatte eine Menge Einkäufe zu machen für ihren Haushalt, auch Wolfine hatte dies und jenes zu besorgen. Abends kehrten sie nach Mervisrode zurück.

Am Spätnachmittag des nächsten Tages, als Wolfine durch den Hausflur ging, öffnete Günther Tschirn die Thür seines im Erdgeschoß gelegenen Arbeitszimmers und sagte in seiner höflichen, etwas befangenen Weise: »Ach, verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, dürfte ich Sie wohl bitten, einen Augenblick hereinzukommen! Nur für wenige Worte.«

Wolfine folgte ihm sogleich.

An dem großen, mit Zeitungen, Broschüren und Briefen bedeckten Tisch, der quer vor den Fenstern stand, saß Uglar. Er stand ein wenig auf, sank aber sogleich wieder in die sorgenvolle, nachdenkliche Position, die er innegehabt, zurück. Günther machte die Thür hinter sich zu und schob Wolfine einen Stuhl hin.

Diese setzte sich, griff mechanisch spielend nach einem großen Elfenbeinfedermesser, das vor ihr auf dem Tisch lag, und sah die beiden Männer fragend an.

»Wir wollten Sie fragen,« sagte Uglar, »ob Sie gestern in Meiningen Susi einmal allein gelassen haben?«

Wolfine mußte sich einen Augenblick besinnen.

»Ja, ein einziges Mal, – eine Viertelstunde etwa, während ich mir das Haar waschen ließ. Sie wollte durch den englischen Garten gehen.«

»Haben Sie ihr irgend etwas Besonderes angemerkt? War sie aufgeregt?«

»Nein, im Gegenteil. Sie sagte mir, daß sie den Grafen Torndorff gesehen, aber nicht Notiz von ihm genommen habe. Aber sie war den ganzen Tag so ruhig und vernünftig, wie ich sie selten gesehen habe. Warum fragen Sie?«

»Weil sie sich gestern einen Revolver gekauft haben muß.«

Wolfine schnellte auf ihrem Stuhl in die Höhe. Sie sagte nichts, machte nur große, ungläubige Augen.

Bisher hatte Uglar das Wort geführt. Jetzt erzählte Günther: »Nach Tisch gingen wir doch hinauf, um uns ein wenig hinzulegen. Unsere Schlafzimmer sind, wie Sie ja wissen, zwei Treppen hoch, gerad' über Susis Salon. Susi war in den Salon gegangen. Da auf einmal hör' ich von unten herauf etwas knacken, wie ein Teschin. Ich richte mich auf, horche, – da kommt auch schon Karl zu mir herein und fragt: ›Hast du eben gehört? Das war eine Zimmerpistole und in Susis Salon.‹ Ich stürze sofort hinunter und finde Susi auf einem Stuhl an der Wand sitzen, offenbar etwas verstört. Die Arme ließ sie so an sich herabhängen. Ich fragte sie: ›Was machst du denn?‹ Da antwortete sie: ›Nichts; was soll ich denn machen?‹ – Ich sagte ihr, was wir beide deutlich gehört hatten, aber da zuckte sie nur mit den Achseln und meinte, wir müßten uns getäuscht haben. Wir sind aber beide unserer Sache sicher.«

»Ich will mit Susi darüber sprechen,« versprach Wolfine.

Sie selbst glaubte, daß irgend ein Geräusch die beiden Herren getäuscht habe. Es war gestern so gar nichts in Susis Wesen gewesen, was auf Heimlichkeiten und Revolvergedanken gedeutet hätte.

Als sie dann hinausging, fand sie Susi auf der Gartenterrasse sitzen, beschäftigt, eine helle Batistbluse zu nähen, zu der sie sich gestern in der Stadt den Stoff gekauft hatte.

Wolfine setzte sich zu ihr, besah die Arbeit, die so flott und geschickt von Händen ging, und dachte neiderfüllt: »Wie steckt sie doch bis an die kleinen Ohren voll von Talenten!«

Susi trällerte:

»Daß ich dich seh', ersehn' ich,
Wenn morgens ich erwache.«

Nach einer kleinen Weile sagte Wolfine ganz unbefangen: »Denk' dir bloß, was Tschirn und Uglar sich einbilden! Du hättest gestern heimlich eine Zimmerpistole gekauft!«

Zu ihrem Staunen entgegnete Susi: »Das hab' ich auch gethan.«

»Und heut nach Tisch im Salon geschossen?!«

»Ja, zur Probe. Ich glaubte, das Ding gehe noch viel geräuschloser. Der Waffenhändler sagte, man höre es gar nicht.«

»Aber Susi, was soll denn das?!«

»Ich könnte einmal schnell ein Ende machen wollen. Wenn Karo mich wieder mißhandelt. Und mit dem Gift, das mißglückt so leicht.«

»Gib die Pistole deinem Mann.«

Sie lachte spöttisch. »Als ob ich mir nicht jeden Tag eine andre verschaffen könnte! Lieber Gott, was seid ihr nur alle miteinander so einfältig! Ihr würdet mich am liebsten in Ketten legen, so fürchtet ihr euch vor mir kleinem schwachen Ding.«

Sie hatte in diesem Augenblick in der That etwas Unheimliches an sich, etwas Lauerndes, Heimtückisches, Wildkatzenhaftes.

Wolfine fühlte: sie gehört nicht zu uns. Ihre eigentliche Natur knebelt sie, um sich uns anzupassen. Manchmal glückt es ihr, öfters nicht. Und manchmal mag ihre geknebelte Natur sich gegen den Zwang auflehnen. Im Grunde haßt und verachtet sie uns dann.

Sie stand schweigend auf und ging die Steinstufen hinunter in den Garten.

Maria kniete am Boden und jätete mit einem kleinen Handspaten Unkraut aus. Uglar, der eben dazugekommen war, schickte sich an, ihr zu helfen. Die beiden unterhielten sich in der ruhigen, schlichten Weise, die so sehr von der beständigen leidenschaftlichen Erregtheit Susis abstach.

Und Wolfine dachte wieder mit bangem Herzen: »Warum nur Wolf nicht schreibt!«

»Der Postbote!« rief Uglar und ging mit großen Schritten nach dem Hof, dem stets Willkommenen entgegen.

Wolfine blieb, wo sie war. »Es kommt doch nichts,« sagte sie trotzig zu ihrem immer wieder erwartungsvoll unruhigen Herzen. »Und ich will nicht warten, – vergeblich warten.«

Sie ging zwischen den glatt geschorenen, noch immer in frischem Grün prangenden Rasenplätzen hin und her und wartete natürlich doch.

Niemand kam mit einem Brief für sie.

Auf einmal hörte sie Susis Stimme in ihrer schärfsten Tonart.

Sie sah nach der Terrasse. Da stand Günther Tschirn vor Susi, und sie hatte einen offenen Brief in Händen und schien wütend.

»Die Alte ist verrückt geworden!« hörte Wolfine. Sie wollte sich entfernen, da rief Günther sie an. »Fräulein von Veßra! Wenn Sie doch gütigst einen Augenblick kommen wollten!«

Sie kam.

Susis schwarze Augen stachen. Sie sah gereizt und erbost aus. Günther war auffallend blaß. Er wandte sich Wolfine zu.

»Wissen Sie vielleicht, ob die Gräfin Truen meiner Frau außer jenen tausend Mark, für die ich einen Schuldschein ausgestellt habe, Geld geborgt hat?«

Die Stiftsdame war vor etwa acht Tagen in ihre Stadtwohnung zurückgekehrt.

»Schon einmal vorher tausend Mark,« sagte Wolfine. »Das ist alles, was ich weiß.«

»Woher willst du so etwas wissen!« fauchte die Wildkatze.

»Von der Stiftsdame hab' ich es gehört.«

»Die Alte ist kindisch! Hat kein Gedächtnis mehr. Glaubt ihr einer altersschwachen, sechsundsechzigjährigen Närrin mehr als mir?!«

»Ich für meine Person glaube jedem Menschen mehr als dir,« sagte Wolfine empört. »Kannst du erwarten, daß man dir glaubt, die du fast mit jedem Wort lügst, das du in den Mund nimmst?«

»Wie kannst du es wagen, mich in meinem eigenen Hause so zu beschimpfen! Ich brauche mir das nicht bieten zu lassen.«

Günther packte sie mit heftigem Griff beim Handgelenk.

»Mach' dein Unrecht durch Leugnen nicht noch größer. Wenn du ehrlich gestehst, will ich dir noch dieses Mal verzeihen. Obwohl es unerhört ist, unerhört!«

»Sei nicht so roh! Au! Du thust mir weh!«

Er ließ sie sofort los.

Sie besah die gedrückte Stelle und ächzte.

»Ihr mißhandelt mich! Ihr quält mich zu Tode. Ich wollte, ich läge erst unter der Erde!«

Wolfine sah mit Entsetzen, daß Günther anfing, sich um Susi zu beunruhigen.

Susi stand auf und wankte mit schleppendem Schritt dem Hause zu. Wie eine Schwerkranke ging sie. Auf einmal blieb sie stehen und schnappte krampfhaft nach Luft. Ihr Gesicht verzerrte sich, sie rang mit offenem Mund nach Atem und suchte mit zitternden, krallenartig gekrümmten Fingern die Knöpfe ihrer Taille zu öffnen. Der Anblick war schrecklich genug.

Wolfine sprang zu und umfaßte sie, damit sie nicht umsinken sollte.

Günther sprang ins Haus nach einem Glas Wasser.

»Ich hab' keine Luft!« ächzte Susi, »o, diese Qual!«

Günther hielt ihr das Glas an den Mund. Sie schluckte ein wenig Wasser. Der Atem kam wieder.

Plötzlich streckte sie die Hände steif von sich ab, alle Finger spreizten sich auseinander. Ein Schauer durchlief den schmächtigen Körper.

»Fühl' mal meine Hände, Wolfine!«

Die kleinen Hände waren eiskalt und starr, wie Leichenhände.

»Was ist das?« fragte Wolfine, der es graute.

»Das kommt bei mir manchmal von starker Alteration. Günther weiß es ganz gut und quält mich doch. Ach Karo! Wär' ich nur erst tot!«

Uglar war herbeigeeilt und rieb die abgestorbenen steifen Händchen.

Sowie sie sich etwas erholte, führte sie Uglar sorglich ins Haus. Auch Tschirn ging ihr nach.

Wolfine hörte ein Seufzen. Sie sah sich um.

Da stand Maria mit ihrem kleinen Spaten in der Hand. Sie war blaß, und ihre stolzen Augen zürnten.

»Es ist zu arg,« sagte sie, »es ist zu arg! Sowie sie ihnen diese abscheuliche hysterische Komödie vorspielt, kann sie alle beide um den Finger wickeln. Alle beide!«

Sie sprach mit Bitterkeit. Es war das allererste Mal, daß Wolfine sie sich in absprechender Weise über Susi äußern hörte.

Wolfine sagte: »Ich meine, du hast sie gern?«

Und als Maria finster schwieg, fügte sie hinzu: »Es ist hohe Zeit, daß du von dieser Frau fortkommst, Maria. Dein Vater würde dich keinen Tag länger hier lassen, wenn er dies eben mit erlebt hätte.«

»Schreib' ihm nichts davon!« bat Maria. »Wenn du mich nur ein bißchen gern hast, Wolfine, dann thust du nichts, um mich von hier zu entfernen!«

Wolfine schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht.«

Susi gestand noch an demselben Tag, daß sie wirklich die andern tausend Mark der Stiftsdame abgeborgt habe, weil sie mit ihrer Haushaltskasse in Not gewesen sei. Sie habe aber gehofft, dies für sich behalten und später selbst wieder erstatten zu können.

Die Vorstellungen, die Tschirn und Uglar der Sünderin darauf machten, waren sehr milde, denn Susi war noch matt und leidend, und die Furcht vor einer Wiederkehr des greulichen Krampfanfalls legte den innerlich empörten Männern äußerste Schonung auf.

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