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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 17
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Fünfzehntes Kapitel.

In dem luxuriös ausgestatteten Schlafzimmer herrschte die Unordnung des Packens. Offene Koffer, offene Schubfächer, Kleidungsstücke auf Bett und Stühlen ausgebreitet, und da stand Susi mit vom Weinen geschwollenen, geröteten Gesicht und mit vor Leidenschaft irren Augen.

Günther mochte die Symptome eines schweren Anfalls bereits kennen. Dies sah wirklich ernsthaft aus. Und da sie thatsächlich schon einmal davongelaufen war und auch schon einen Selbstmordversuch gemacht hatte, ließ sich die Besorgnis des gewissenhaften Ehemannes schon verstehen.

Wolfine klappte den Deckel eines schweren Reisekoffers zu und benutzte dann den Koffer als Sitz. Sie sah voraus, daß dieser Besänftigungsversuch einige Zeit beanspruchen werde.

Sie begann in ruhigster Tonart und so, als ob sie dem verstörten Gebaren Susis nicht allzuviel Gewicht beilege: »Jetzt komm' mit hinunter und sei ein bißchen liebenswürdig. Da unten erwarten dich Torten und Bowle, – köstliche kühle Bowle, – und Menschen, die sich alle bemüht haben, dir einen schönen Geburtstag zu schaffen. Du mußt auch an den Pfarrer denken, den Günther extra eingeladen hat!«

Susi ging wieder hin und her wie eine Tigerkatze im Käfig.

»Bitte, mache solche Vorstellungen nicht mir, sondern dem Freiherrn von Uglar,« sagte sie scharf. »Frage ihn doch, warum er es nicht hat über sich gewinnen können, mich wenigstens an diesem einen Tag nicht zu kränken. Ich war so glücklich heute morgen, – du weißt es! – aber er ist der herzloseste Mensch auf der ganzen Welt, das hat er mir heut bewiesen! Ein Schurke ist er! Jawohl.«

Wolfine entgegnete kalt: »Wenn du zu der Ueberzeugung gekommen bist, daß er ein Schurke ist, dann ist es ja am Ende. Was ein solcher sagt und thut, kann dich doch nicht mehr wirklich berühren.«

Das war nun wieder böhmisch für Susi. Sie verstand Wolfine gar nicht und sprach darum weiter, als habe die andere nichts gesagt.

»So lasse ich mich nicht länger behandeln. Dazu bin ich mir denn doch zu gut. Bin ich vielleicht dazu da, um die Magd von diesen Männern zu sein? Dazu möchten sie mich machen! Kochen soll ich und in Haus und Hof wirtschaften, bis mir die Füße anschwellen, und im übrigen den Mund halten.«

»Schäm' dich, Susi! Wie ungerecht ist das grad' heute!«

»Ach Gott, Wölfin, du weißt ja nichts. Nein, ich bleib' auch nicht einen Tag länger in diesem Haus.«

»Wohin willst du gehen?«

»In die Welt.«

»In die Welt? Was stellst du dir eigentlich darunter vor, wenn du sagst ›in die Welt‹?«

Es lag etwas Hohn in Wolfines Worten.

»O, ich weiß genau, was ich thue, Wölfin. Da sei nich' bange. Ich hab' schon an Torndorff telegraphiert, daß er mich in Grimmenthal abholt.«

»So. Und was soll aus deinem Mann werden, von dem du noch neulich mit vielen rührenden Worten erklärtest, daß du ihn nie, nie verlassen würdest? Und aus deinem Haushalt? Bedenkst du nicht, daß du fremde Hausgäste und Verpflichtungen hast, und daß hier alles drunter und drüber gehen muß, wenn du einen Skandal machst?«

»Das ist Uglars Sache. Ihm geschieht es recht.«

»Und dein Mann?«

»Heirat' du ihn doch, wenn er dir so sehr am Herzen liegt.«

»Schäm' dich mal ein wenig, Susi!«

Susi, die die ganze Zeit in heftiger Aufregung auf- und niedergegangen war, blieb vor Wolfine stehen und sagte kalt: »Wenn du gekommen bist, um mir Predigten zu halten, laß mich, bitte, lieber allein. Die brauch' ich jetzt nicht.«

Aber Wolfine ergriff Susis kleine Hände.

»Nein, ich mag dich so nicht allein lassen! Sag' mir, was ist eigentlich geschehen? Was hat Uglar gethan? Ihr fuhrt doch so vergnügt miteinander zum Thor hinaus.«

»Ich kann's dir nicht sagen, Wölfin. Ich weiß aber jetzt, daß er kein Herz hat. Auch nicht die Spur von einem Herzen! Wär' ich nur schon tot und begraben!«

Sie hatten beim lebhaften Sprechen nicht gehört, daß jemand kam. Auf einmal wurde die Thür geöffnet. Uglar erschien auf der Schwelle.

Susi schrie wild auf, wie ein gereiztes Tier.

»Geh' du aus meinen Augen! Nein, ich will dich nicht mehr sehen! Mit dir bin ich fertig!«

Da Uglar doch die Thür hinter sich zumachte, flüchtete Susi hastig in das anstoßende Zimmer, und man hörte sie den Schlüssel im Thürschloß umdrehen.

Uglar und Wolfine schauten einander in stummer Ratlosigkeit an. Beide waren vor Erregung blaß geworden.

»Gehen Sie lieber,« meinte zuletzt Wolfine, »Sie haben sie furchtbar erzürnt. Augenblicklich werden Sie gar nichts mit ihr machen können. Was haben Sie nur gethan?«

»Gar nichts hab' ich gethan,« entgegnete er in verhaltenem Zorn, »sie ist verdreht, – reinweg verdreht.«

Aber das konnte Susi nicht ohne Protest hinter der Thür anhören. Rasch schloß sie wieder auf und kam wie eine Furie angestürzt.

»So?! Nichts gethan hast du? Das ist eine schamlose Lüge! Hast du dein Wort gebrochen oder nicht?«

»Ich habe kein Wort gebrochen, sondern du hast es mir zurückgegeben, – mein Wort. Aber du bist so außer dir, daß du gar nicht mehr weißt, was du überhaupt redest.«

»So? Nun, jetzt sollst du's hören, Wölfin, – in seiner Gegenwart. Ich habe seit langem ein Versprechen von ihm, auf das ich natürlich fest baute und alle meine Pläne danach einrichtete und mir tausend Vorteile darum entgehen ließ. Nun, dies Versprechen hab' ich ihm neulich mal im Zorn vor die Füße geworfen, weil ich meiner Sinne nicht mehr mächtig war. Und heute, an meinem Geburtstag, während der Spazierfahrt, erbat ich mir's von ihm zurück, – als allereinzigstes Geburtstagsgeschenk, und dieser Mensch – um den ich mich hundertmal in Stücke gerissen habe, hat die Herzlosigkeit, mir heute diese eine, eine Bitte zu verweigern!«

Sie ging immer noch wild erregt auf und nieder in ihrem weißen Kaschmirkleid mit der Perlenschnur um das Hälschen und dem von Wut und Leidenschaft entstellten Gesicht.

Wolfine war überzeugt, daß Susi von Uglar etwas verlangt hatte, was er nicht erfüllen konnte und wollte und durfte. Sie war überzeugt, daß er aus Selbsterhaltungstrieb und Notwehr handelte. Und doch sah sie jetzt, wie er unter ihrer dramatisch vorgebrachten Anklage zusammenzuckte.

»Du willst auch immer alles gleich schriftlich haben!« verteidigte er sich; »einmal hattest du mir dies schriftliche Versprechen abgelockt, und Gott weiß, wie schwer es auf mir gelastet hat. Wie ich aufgeatmet hab', als du es mir freiwillig zurückgabst! Ein zweites Mal laß ich mich nicht einfangen. Es thut mir leid, daß du diesen Gegenstand grad' heut zur Sprache gebracht hast, denn es konnte nicht anders enden.«

»Konnte nicht? Warum auf einmal nicht? Weil du ein Schuft bist und keinen Funken Ehrgefühl mehr hast!«

Sie sprang ihm förmlich ins Gesicht.

Und er hob die Faust, und die blauen Adern auf seiner Stirn schwollen unheimlich. Es sah aus, als wollte er sie schlagen.

Wolfine trat dazwischen. Sie drängte Uglar der Thür zu.

»Gehen Sie! Ich bitte Sie!«

Da ging er.

Wolfine setzte sich wieder auf den Koffer.

»Was ist denn das für ein Versprechen?« fragte sie nach einer schweren Stille.

»Daß er mich nie verlassen soll. Daß er nie eine andere Frau ...«

»Und so etwas willst du dir kontraktlich sichern!« rief Wolfine entrüstet. »Du willst ihn zu einem Sklavenleben an deiner Seite zwingen, während du weißt, daß er von dir loskommen möchte?! Fühlst du denn nicht, wie entwürdigend das ist – für beide?«

Susi wiederholte dumpf und stumpf: »Ich kann ohne den Karo nicht leben und ich will nicht.«

Wolfine predigte lange.

Susi hörte stumm alles an; endlich fing sie zu schluchzen an. Und als sich auch dieser Paroxismus gelegt hatte, sagte sie unter Schneuzen und Thränentrocknen: »Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen: Die Prinzessin, die ich Pate nennen muß, ist meine Mutter.«

»Du armes Ding!« sagte Wolfine.

Wenn Susi einen Moment über diese Wirkung ihrer effektvollsten Offenbarung betroffen war, so fand sie sich doch schnell zurecht.

»Ja, nicht wahr, ich bin unglücklich? Nun wird dir manches an mir verständlicher sein. Wenn ich nicht so geworden bin, wie ich hätte werden können, so trägt die Schuld meine Mutter.«

Und nun, als sei eine Hauptschleuse endlich geöffnet, strömte Susis phantastische Erzählung ihrer Jugenderlebnisse. Erst kam der Bericht noch kummervoll, allmählich redete sie sich ganz munter. Aus dem anklagenden Ernst und der seltsamen Romantik glitt sie ins Frivole hinüber und tischte mit vielen pikanten Einzelheiten und gewagten Anekdoten Klatsch aus Hofkreisen auf, der so amüsant war, daß selbst Wolfine das Peinliche und Widrige der eben durchlebten Scene vergaß und zu lachen anfing.

Da trat Uglar wieder ein. Auf seinen Zügen lag ein gutherziges, etwas befangenes Lächeln.

So ging er auf Susi zu und reichte ihr eine wunderschöne, hellrosa Nelke, die schönste, die er auf seinen Blumenbeeten hatte finden können.

Er war der Meinung, zu weit gegangen zu sein, indem er gegen dies gebrechliche, zarte Weib die Hand erhoben hatte, und nun wollte er Frieden machen.

Susi schien erschüttert. Mitten aus ihrem frivolen Geplauder heraus flog sie ihm mit einem jähen Aufschluchzen an den Hals, klammerte sich an ihn fest und küßte ihn.

Und Wolfine fühlte wieder: »Wenn alles andere Komödie ist, das ist echt.«

Uglar verhielt sich bei dieser mehr als schwesterlichen Liebkosung sehr passiv. Er wandte den Kopf Wolfine zu und sagte warm: »Ich danke Ihnen.« Wolfine ging rasch fort.

So lieb es ihr war, Susi fürs erste beruhigt zu wissen, machte sie doch das Entgegenkommen Uglars betrübt.

»Er ist zu weich und zu schwach,« dachte sie: »auf diese Art wird er sich nicht von diesem kleinen Dämon frei machen können, und sie richtet ihn zu Grunde, wie sie ihren Mann zu Grunde richtet. Diese großen, physisch starken blonden Männer sind Weinkrämpfen und Nervenkrisen zarter Frauen gegenüber so hilflos! Und das weiß und benutzt sie.«

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