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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 16
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Vierzehntes Kapitel.

Susi kündigte ihren Geburtstag an, den sie, nach Art von eitlen Menschen und Kindern, wichtig genommen und nach Möglichkeit gefeiert haben wollte.

Und da überall im Leben viel von andern erlangt, wer viel von ihnen fordert, sann auch hier jeder darauf, die naiv geäußerten Geburtstagserwartungen der jungen Frau womöglich zu übertreffen.

Die Hausmädchen und die Mamsell saßen vor dem großen Tag die halbe Nacht auf, um Blumenguirlanden zu binden.

Als Wolfine am Morgen des Geburtstags im Eßzimmer erschien, fand sie Thür und Stuhl und Tischtuch und Tasse umkränzt mit Gewinden leuchtender Sommerblumen. Auf der Tafel drängten sich die Vasen mit mächtigen Sträußen: Rosen, Lilien, Verbenen, Levkojen, Goldlack, Reseda und so weiter. Ein fast betäubender Duft erfüllte das Zimmer.

Zwischen der Blumenpracht stand Susi in ihrem weißen Kaschmirkleidchen mit der Perlenschnur um den zierlichen Hals. Thränen der Rührung schimmerten in den schwarzen Augen.

Sie berichtete triumphierend, aber doch auch etwas bewegt, welche Beweise von Ergebenheit und Liebe die Hausleute und Dorfleute ihr schon dargebracht.

»So sehr lieben sie mich! Ich glaube, sie würden für mich sterben!«

Einer nach dem andern brachte nun seine Geschenke, und Susi zeigte, daß sie die Gabe besaß, mit Anmut zu empfangen.

Sie war so beseligt, dankte so warm und sah dabei so allerliebst aus, daß jeder der Gebenden Vergnügen davon haben mußte.

»Heute werde ich fünfundzwanzig Jahre alt!« erklärte sie während des Frühstücks.

Uglar bemerkte, daß sie so alt auch schon an ihrem vorigen Geburtstag geworden wäre, aber das überhörte sie einfach.

Später suchte sie Wolfine in deren Zimmer auf und zeigte stolz ein Telegramm, das sie von ihrem geheimnisvollen Schutzgeist, dem Reichsgrafen, bekommen hatte, wie sie sagte.

»Innigsten Glückwunsch der edelsten Frau. Mögen die Wolken, die ihr Glück noch verdunkeln, sich im neuen Lebensjahr zerstreuen und die Sonne hell scheinen. Torndorff.«

»Was meint er mit den Wolken, die dein Glück noch verdunkeln?«

»Daß mir mein mütterliches Erbe immer noch vorenthalten wird. Ich habe ja ein Anrecht auf mehrere Millionen. Aber boshafte Verwandte intriguieren gegen mich, und mein guter Vormund, der selbst dreißig Güter in Rußland besitzt, ist leider auf einer Forschungsreise tief im Innern von Asien, – seit Jahren schon. Wenn er zurückkommt, wird er mir schon zu meinem Recht verhelfen. Das ist es, was Torndorff meint.«

Wolfine lächelte und dachte: »Ein Menschenkenner scheint dieser Torndorff nicht zu sein, da er in Susi die ›edelste Frau‹ sieht.«

Aber sie gab diesem Gedanken nicht Worte, weil sie Susi heute nicht kränken wollte.

Ein wenig später rief Susi Wolfine mit geheimnisvoller Miene auf ihr Zimmer.

Dort zeigte sie ihr einen kostbaren Seidenstoff mit Stickerei und ein Armband mit Smaragden. Wolfine bewunderte.

»Das sind die Geschenke meiner Pate, der Prinzessin. Ist dieser Stoff nicht berauschend?!«

Es befremdete Wolfine, daß Susi diese wertvollen und wirklich sehr schönen Geschenke, mit denen sie, ihrer ganzen Art nach, vor jedermann hätte Staat machen müssen, nur heimlich vorzeigte.

Eine unumwundene Frage danach wäre das einfachste gewesen.

Aber ein dunkles Widerstreben schloß ihr den Mund, wie schon oft.

Es war eine gewisse Angst, mehr erfahren zu können, als ihr zu wissen lieb war, – als sie wissen durfte, so lang' sie Freundschaft hielt mit Susi.

Die Halbheit und Vogel-Strauß-Natur in diesem Verhalten kam ihr nicht zum Bewußtsein.

Susi erbat sich als besonderes Geburtstagsvergnügen, vormittags mit Karo spazieren zu fahren in dem hübschen Char-à-bancs, den Uglar selbst kutschierte.

Sie lud Wolfine ein, mitzukommen, doch das lehnte diese ab. So nahmen die Stiftsdame und Tante Guendoline hinten im Wagen Platz, während Susi den Kutschiersitz neben Uglar einnahm.

Lachend und Grüße winkend fuhren sie zum Thor hinaus, und unmittelbar vor Tisch erst kamen sie zurück. Das Essen sollte heute ein Festmahl sein.

Aus dem leuchtenden und duftenden Blumenschmuck der Tafel erhob sich eine große Krystallschale zur Bowle.

Auf dem eichenen Anrichtetisch standen Burgunder- und Sektflaschen. Daneben reich verzierte Torten.

Die älteren Damen rauschten in schwerer Seide, Maria sah in einem hellrosa Batistkleid mit dunklen, roten, halberschlossenen Rosen am Gürtel selbst wie eine taufrische Rose aus.

Um das Festgepränge zu vollenden, war sogar ein Ehrengast erschienen, der junge Pfarrer aus dem nächsten Kirchdorf, zu dessen Sprengel auch Mervisrode gehörte. Der Hausherr hatte ihn eingeladen.

Nun standen alle plaudernd hinter ihren Stühlen und warteten nur noch auf das Geburtstagskind. Endlich trat Susi ein, nahm stumm die Glückwünsche des Pfarrers entgegen und glitt wie ein Schatten an ihren Platz.

Ihr Wesen fiel wie ein jäher Frost auf die heitere Feststimmung. Sie hatte ihre tragische Miene aufgesetzt: die Augen starr, die Lippen zusammengepreßt, blaß wie gebleichtes Wachs mit tiefen dunklen Schatten.

Wie ein lebendiger Vorwurf saß sie da und sprach kein Wort.

»O weh!« dachte Wolfine, »nun geht diese Komödie von neuem los und am Geburtstag!«

Man that allerseits, als ob man nichts bemerkte. Nachdem Susi ein paar freundliche Anreden kurz und bitter abgelehnt hatte, redete man nicht mehr zu ihr, sondern sprach mit betonter Munterkeit untereinander, ohne sie zu beachten.

Nach der Suppe stand Susi auf und verließ schleppenden Schrittes das Eßzimmer. Sie sah dabei so aus, daß man sie für halb ohnmächtig halten konnte, nur daß in Mervisrode niemand mehr in solchen Fällen an physisches Leiden glaubte.

Günther wandte sich mit gepeinigter Miene an Uglar. »Habt ihr denn etwas miteinander vorgehabt, Karl?« fragte er nervös irritiert.

Uglar sah grollend auf. »Ach, Kindereien!« entgegnete er; »gar nichts. Susi weiß vor Launenhaftigkeit wirklich nicht mehr, was sie will. Diese Frau wird noch vollkommen hysterisch!«

»Habt ihr euch gestritten?«

Uglar warf mit ungeduldiger Bewegung den Kopf zurück und zuckte mit den Achseln.

»Heute hättest du es lieber vermeiden sollen, sie zu reizen,« meinte Günther.

»Vermeide mal, wenn Susi Streit vom Zaun bricht!«

Uglars Lippen zitterten; seine blauen Augen flammten; in ihm kochte Zorn und Empörung.

»Willst du ihr nicht nachgehen, Karl? Wir können sie doch nicht jetzt in diesem Zustand sich selbst überlassen.«

Die Stiftsdame faltete ihre kleinen beringten und bepuderten Hände, schaute ganz ergriffen nach Günther und sagte in ihrem etwas sentimentalen und pathetischen Ton: »Dieser gute, gute Mann! Und das böse Frauchen macht ihm das Leben so schwer!«

Darauf seufzte sie tief und richtete den Blick ihrer vorstehenden hellen Augen in stummer Anklage gen Himmel.

Uglar stand nach kurzem Zögern doch auf und ging hinaus, kam aber gleich zurück.

»Sie hat sich eingeschlossen und macht mir nicht auf.«

Bald darauf hörte man Susis Stimme durchs Haus rufen, hell, scharf, laut, durch alle Wände vernehmbar: »Bianka!«

Die Gesellschaft horchte stumm auf.

Vom unteren Flur her antwortete die Jungfer: »Frau Baronin?«

Und wieder Susi: »Hol' mir schnell meine Koffer herunter. Ich bleibe nicht länger in diesem Hause.«

Die beiden jungen Mayers hatten den Takt, zu thun, als hätten sie nichts gehört noch gemerkt. Sie sprachen von beiden Seiten lebhaft auf Maria ein. Die freilich war in raschem Wechsel rot und blaß geworden und, während sie sich offenbar bemühte, dem Geplauder der jungen Leute zu folgen, warf sie kurze, gespannte Blicke nach dem ihr gegenüber sitzenden Uglar.

Der Pastor, ein junger Mann von weltmännischem Wesen, hielt es wohl für das Beste, sich nicht ungefragt in interne Familienangelegenheiten zu mischen, und begann eine eifrige Unterhaltung mit der Stiftsdame, in der er, wegen ihrer Wirksamkeit unter den Dorfleuten, eine schätzbare Stütze verehrte.

Tante Guendoline neigte den feinen, weißen Kopf tief. Ihre rotberandeten, feucht schimmernden, immer verweint scheinenden, sanften Augen schienen mit dem Damastmuster des Tafeltuchs beschäftigt, aber die auf den feinen Leinen unruhig hin- und herfahrenden dünnen, weißen Finger verrieten die innere Erregtheit.

Günther sah ratlos und hilflos aus und beschämt noch obendrein.

Uglar schenkte Bowle ein und nötigte zum Austrinken, als ginge ihn Susi gar nichts an. Wenn er erbost war, – und Wolfine zweifelte nicht daran, daß er es in hohem Grade war, wußte er sich gut zu beherrschen.

Man trank einander zu, allein trotz der vortrefflichen Bowle kam eine heitere Stimmung nicht wieder auf.

Als man beim Nachtisch angelangt war, sagte Günther von Tschirn zu Wolfine: »Sie thäten ein Werk christlicher Nächstenliebe, wenn Sie versuchen wollten, Susi zur Vernunft zu bringen! Sie scheint wieder einmal ganz desperat! Wenn ein Mensch noch etwas über sie vermag, so sind Sie es.«

Wolfine war sofort bereit, ihr Heil zu versuchen.

Oben, vor Susis Zimmerthür, klopfte sie an. Es kam keine Antwort. Aber man konnte innen rasches, heftiges Auf- und Niedergehen hören.

»Susi!« rief Wolfine mit ihrem gütigsten Ton.

Das Hin und Her der Schritte innen brach ab.

Sonst keine Antwort.

»Susi! Ich bin's. Die Wölfin. Willst du mich hier stehen lassen?«

Da nahte ein schleppender Schritt der Thür. Der Riegel wurde zurückgeschoben. Susi öffnete.

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