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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Dreizehntes Kapitel.

Es war in der zweiten Woche des Juli, und heute sollte der Professor mit seinen beiden Söhnen eintreffen.

Uglar kutschierte selbst den viersitzigen hohen Wagen nach dem Bahnhof Kauzheim, um die Reisenden abzuholen.

Susi war neugierig wie ein Schulmädel und in ihren angenehmen Erwartungen voll übermütiger Laune.

Sie überredete Wolfine, zu Rad mit ihr nach Kauzheim zu fahren, um die Ankunft der Gäste aus dem Hinterhalt zu belauschen.

»Wie Karo es gemacht hat, als du kamst, Wölfin. Natürlich darfst du dich nicht zeigen. Wir beobachten nur die erste Begrüßung. Und während die ihr Gepäck besorgen, huitt! sausen wir davon und können, wenn der Wagen durchs Hofthor fährt, schon wieder umgekleidet sein. Ich kann's nicht erwarten, diesen Otterndorff zu sehen!«

»Mayer meinst du.«

»Sei doch nicht pedantisch. Warum soll ich ihn nicht mit dem andern Namen nennen? Anreden thu' ich ihn einfach Herr Professor.«

»Wenn er nun aus der dritten Klasse steigt?«.

»Das wäre entsetzlich, Wölfin!«

Wolfine lachte hell auf.

Sie fuhren wirklich zu Rad nach Kauzheim und überblickten, halb hinter dem Stationshaus stehend, den kleinen Bahnsteig.

Ein schlanker, beweglicher Mann im modischen Reisemantel, zwei halbwüchsige, stramme, gut gekleidete Jungen – aus der zweiten Klasse.

Susi war entzückt.

»Er sieht ja famos aus, – nicht die Spur jüdisch. Na, paß' mal auf, wie ich mich heut' amüsieren werde.«

Weit schneller, als Susi sonst radeln zu können behauptete, ging es heimwärts.

Als der Wagen vorfuhr, hörte Wolfine, die noch kaum mit dem Abspülen des Landstraßenstaubs fertig geworden, Susis Stimme im Flur. Sie schaute durch den Thürspalt. Richtig! Diese kleine Hexenmeisterin hatte es fertig gebracht, sich in wenigen Minuten umzukleiden!

Wolfine ihrerseits beeilte sich nicht, sondern erschien erst, als der Gong zum Nachmittagskaffee rief.

Eben, als sie ins Eßzimmer trat, kam durch die Glasthür Susi in Begleitung Mayers aus dem Garten herein.

Susi sah auffallend gut aus. Sie trug ein elfenbeinfarbenes Wollenkleid und um das feine Hälschen ihre kostbare Perlenschnur. Ihre zarte Gesichtsfarbe und das Schwarz ihrer Augen und Haare standen in wundervollem Kontrast zu dem gelblichen Weiß. Auch hatte sie den von Natur zu schmalen und zu blassen Lippen geschickt durch etwas künstliches Rot nachgeholfen.

»Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz,« man mußte an Schneewittchen denken.

Dennoch sollte die kleine Frau eine schwere Enttäuschung erleben. Kaum, daß des Doktors scharfe graue Augen Wolfines ansichtig geworden, so war es, als ob keine Susi für ihn existierte, was um so mehr auffallen mußte, als Susi doch immerhin als die Frau vom Hause einige Aufmerksamkeit beanspruchen durfte.

Umsonst ließ Susi das Brillantfeuer ihrer Augen spielen, umsonst warf sie dem spröden Gast kokette kleine Herausforderungen zu.

Bald mußte sie merken, daß alles, was sie that und sagte, wirkungslos an ihm abglitt, während er jedes einfache Wort Wolfines als etwas Besonderes hervorhob, das als höchst wertvoll zu schätzen war.

Wolfine kannte den Mann ihrer Freundin gut genug, um zu wissen, daß alles dies nicht etwa ein Sichgehenlassen war, sondern sehr bewußte Absicht.

Und sie kannte Susi genug, um sich vorzustellen, wie diese zur Schau getragene Nichtachtung sie kränken und erbosen mußte.

Mayer war ein so geschickter, glatter Unterhalter, daß die Uebrigen; von seiner Plauderkunst benommen, das, was sich dabei unter der Hand abspielte, kaum bemerkten.

Nur daß Wolfine immer heißer und röter und Susi immer stummer und blasser wurde.

Susi fing an, über Kopfweh zu klagen, stand auf und zog sich zurück auf ihre Zimmer.

Dagegen schien sich Maria zwischen dem Primaner und dem Obersekundaner sehr wohl zu fühlen.

Sie ließ sich von den gewandten, kecken jungen Berlinern lachend den Hof machen und necken und brachte die Ueberlegenheit ihrer achtzehnjährigen Weiblichkeit durchaus nicht zum Vorschein.

Diese drei jungen Leute verabredeten einen gemeinsamen Waldspaziergang und wunderten bald, mit Körben zum Pilzsuchen ausgerüstet, von Marias Lieblingsteckel begleitet, davon.

Wolfine stand mit den Herren und der Stiftsdame vor der Hauptthür im Hofe und sah der abziehenden Maria gedankenvoll nach.

»Ob ihr das die ganze Zeit gefehlt? Ein bißchen Jugend und Jugendfröhlichkeit? – Beinah' scheint es so.«

Man fütterte, wie gewöhnlich, mit vom Vesper übriggebliebenen Brotkrumen das Federvieh.

Die Täuber nickten und machten »gurruh! gurruuh!« in einem fort.

Der Truthahn stolzierte hin und her, sagte sein kollerndes: »gauder, gauder, gauder!«, immer ärgerlich, und fegte mit den gespreizten Schwanzfedern das Steinpflaster, daß es metallisch rauschte, wie von einem Stachelschwein.

Die Gänse wandelten im Gänsemarsch, eine genau hinter der andern, weiß, rund, blank und glatt, gleich schaumentstiegenen Göttinnen, und alle sahen tief ernst und zielbewußt aus. Welchem Ziel sie jedoch so einmütig entgegenstrebten, war nicht zu erkennen.

»Gehen wir doch auch in den Wald,« schlug Uglar vor. »Der Herr Professor soll doch wenigstens ein kleines Stück von unsrer schönen Waldlandschaft kennen lernen.«

»Unser Franken ist so wenig bekannt,« meinte Tschirn, »und doch haben wir hier noch alle Reize Thüringens und dazu eine Flora, die jeden Botaniker begeistern müßte.«

»Kommen Sie mit, Baroneß?« fragte Mayer.

»Ja. Wohin soll's gehen?«

»Ich führe Sie einen Weg, den auch Sie noch nicht kennen, gnädiges Fräulein,« sagte Uglar eifrig. »Ins Totenthal.«

»Totenthal! Das klingt schaurig.«

»Ist es auch. König Attila, die Gottesgeißel, soll hier mal mit seinen Hunnen im Hinterhalt gelegen und viele Thüringer mit Pfeilen getötet haben. Es ist eine enge Schlucht.«

»Ja, ja! Die müssen wir kennen lernen!«

Günther Tschirn hatte auf dem Feld zu thun, und die Stiftsdame unternahm allein einen ihrer langsamen Spaziergänge durchs Dorf. Tante Guendoline war wie gewöhnlich unsichtbar.

Also gingen nur Wolfine, Doktor Mayer und Uglar nach dem Totenthal.

Erst führte der Weg ein Stückchen durch sonnenheißes reifendes Weizenfeld.

Dann stiegen plötzlich die Wegränder zu beiden Seiten. Der Pfad wurde zu einem tiefen Hohlweg, so daß die Dahinschreitenden nichts mehr sahen, als die mit Brombeeren und Epheu und Heiderosen bewachsene Böschung und oben den blauen Himmel, von dem sich dunkel und hoch wie Tannen die Kornähren abzeichneten.

»Himmel, wie überfallerig das aber auch ist!« sagte der Doktor, »stellen Sie sich mal recht lebhaft vor, daß da oben kleine braune Kerls durchs Feld herumkriechen und plötzlich mit beschopften Kalmückenköpfen über die Böschung gucken. Hier einer! dort einer! Wo sie in ihrer Angst hinsehen, immer neue! Und nun ein Pfeifen, Prasseln, – ein Hagel von Pfeilen grad' auf uns herab, daß wir gespickt sind wie der heilige Sebastian. Nun? Gruselt Sie's ein bißchen?«

»Nein.«

»Sie haben keine Phantasie.«

Sie lachte. »Vielleicht haben Sie keine Schilderungskunst.«

Er fuhr plötzlich auf, wandte den Kopf und sah mit dem Ausdruck staunenden Aufhorchens zur Seite.

»Was war denn das eben?«

»Was?« fragte Uglar.

Wolfine war blaß geworden.

Doktor Mayer sah sie mit schlauen, zwinkernden Aeuglein schelmisch an.

»Sehen Sie, nun ist Ihnen doch gruselig geworden und zwar durch einfache Ansteckung, – weil ich erschrocken schien. So furchtbar leicht sind wir zu beeinflussen. Daher der Name Panik.«

»Unterhält es Sie, an mir Experimente zu machen?« fragte sie mit einem feinen Lächeln.

Er sah sie scharf an. »Das wäre vielleicht noch was, das sich der Mühe lohnte.«

»Nein, es lohnt nicht.«

Nachdem die hintereinander Schreitenden noch eine Weile den gewundenen Hohlweg weiter gegangen waren, blieb das Kornfeld hinter ihnen, und Tannen ragten zu beiden Seiten. Der rote Lehmboden war mit Tannennadeln und Moos bedeckt.

Die Sohle der Schlucht erweiterte sich etwas. Sie bestand aus schieferigem, in Terrassen gelagertem Gestein, dem man ansah, daß durch manches Jahrhundert ein starkes Wasser darüber zu Thal gestürzt war.

Jetzt war kein Tropfen Wasser zu sehen, trotzdem herrschte, während draußen die Mittagssonne brütete, hier unten feuchte Kühle, denn selten verirrten sich in diesen Grund ein paar Sonnenstrahlen. Die Waldhänge zu beiden Seiten ragten hoch und steil; unten war ewiger Schatten. Nur eine einzige Blumenart blühte an den Steilhängen: eine hochstielige, blaßblaue Glockenblume, mit immer nur einer einzelnen, großen, hängenden Glocke an der Spitze des hochaufgeschossenen, schwanken Stiels.

»Wie gefällt es Ihnen?« fragte Uglar ganz stolz. »Ist es nicht schön hier?«

Ja, sie fanden es so geheimnisvoll und schön, daß sie ganz stumm geworden waren. Wie abgeschiedene Geister im Schattenland.

Die Thalsohle stieg. Die Waldhänge nahmen an Höhe, Steile und Düsterkeit ab.

Man konnte in der Höhe einen Waldpfad schimmern sehen und Sonnenglanz auf rötlichen Kieferstämmen. Dort oben bedeckten den Hang rosenrote Weidenröschen, dunkelroter gefleckter Fingerhut und citronengelber Ginster.

Auf einmal riefen helle Stimmen von oben her: »Kuckuck! Kuckuck!«

»Meine Herren Söhne!«

»Komteß Maria!«

»Wo sind sie?«

»Auf dem oberen Weg,« sagte Uglar. »Noch ziemlich hoch über uns, aber ich will ihnen kommen.«

Er kletterte mit gemsenartiger Behendigkeit die Tannenwand hinauf und war bald den Augen der Nachblickenden entschwunden.

»Tausend ja!« meinte der Arzt. »Das ist noch 'ne Lunge und 'ne Muskulatur! Lauft der Mensch den Steilhang 'nauf, als wär's auf dem platten Lande. Na, Sie könnten's am Ende auch, Baroneß. Meine Frau weiß Wunder zu berichten über Bergtouren, Segelfahrten und Parforceritte, mit denen Sie sich still für sich zu belustigen pflegen.«

»Es ist nicht so schlimm.«

»Na, na, na ...« machte er mit Zweiflermiene; »nach dem, was meine Augen sehen, scheint es mir festzustehen, daß Vorsicht und Bedachtsamkeit kaum zu ihren Tugenden gehören.«

Sie sah ihn, durch etwas in seinem Ton betroffen, aufmerksam an.

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, daß Sie in unverantwortlich verschwenderischer Weise mit Ihrem Vertrauen und Ihrer Zuneigung umgehen.«

Sie wurde rot.

»Was meinen Sie?« fragte sie wieder, kurz und nervös.

»Was ich Ihnen sage.«

»Ich weiß genau, was ich thue.«

»Glauben Sie? Vielleicht könnten Sie sich einmal irren.«

»Und wenn? Was thut's?«

Jetzt sah er sie rasch an mit einem hellen, durchdringenden Blick.

»Wie kann nur ein so kluges Mädchen so blind sein!«

Wolfine hatte eine Regung verletzter Eitelkeit. Sie erriet, daß dieser Mann Susi sofort durchschaut hatte, soweit sich ein Mensch auf den ersten Blick durchschauen läßt, und daß er sie selbst, Wolfine, düpiert glaubte. Ihm klar zu machen, daß auch sie Susi ziemlich deutlich erkannte und dennoch ganz vertraulich mit ihr verkehrte, war schwer. Sie konnte ihm nicht anvertrauen, daß sie Wolf Hohenecke zu Liebe hier blieb und um des friedlichen Zusammenlebens willen zehnmal am Tage fünfe gerade sein ließ.

Nach einem ziemlich langen Schweigen sagte sie: »Sie denken an Frau von Tschirn.«

»Ich dachte allerdings an Frau von Tschirn.«

»Was haben Sie gegen sie?«

»Gegen sie habe ich nichts, denn sie geht mich nichts an. Ich habe nur dagegen etwas, daß Sie, Wolfine von Veßra, eine solche Frau zu Ihrer Gefährtin machen. Sie treten dadurch für sie ein, und das ist unmöglich. Diese Frau hat mir in der ersten halben Stunde unsrer Bekanntschaft mitgeteilt, daß sie ihren Gatten aus purem Erbarmen geehelicht hat, daß er sie in jeder Weise unbefriedigt läßt und so weiter. Eine Frau, die das thut, die ist kein Verkehr für Sie.«

»Bedenken Sie, daß sie eine Verwandte ist.«

Er lachte spöttisch. »Was ist das für eine Verwandtschaft? Daß sie ›aus Erbarmen‹, wie sie jedem versichert, den Schwager Ihres Herrn Vetters – ruiniert, das ist alles. Nein, ich will Ihnen sagen, was sie mir zu sein scheint: ein Eindringling! Ein Eindringling allerschlimmster Sorte.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Wolfine kurz. »Für mich ist sie die Frau Günther von Tschirns, damit gut. Was Sie vielleicht vorher einmal gewesen ist, geht mich nichts an.«

Doktor Mayer machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas von sich fort.

»Gut,« sagte er, »so lassen wir den Gegenstand fallen. Ich möchte Sie nur bitten, sich als gewarnt ansehen zu wollen.«

»Wenn Sie so über Frau von Tschirn denken, werden Sie Ihre Söhne dann hier lassen?«

Er sagte sorglos: »Meine Jungen? Denen schadet diese kleine Giftschlange noch nichts. Die sollen sich hier ruhig austoben, Sie als Ideal verehren und der wunderschönen Maria den Hof machen. Das ist ihnen sehr gesund.«

»Einen Gefallen könnten Sie mir thun!«

»Jeden.«

»Schreiben Sie an Marias Vater.«

»Was soll ich dem Herrn Grafen schreiben?«

»Was Sie denken.«

»Lieber Gott, das ist ein bißchen viel verlangt!«

»Ich meine, was Sie über das Leben hier und über Frau von Tschirn denken. Wollen Sie?«

»Um Ihrer schönen Augen willen gerne.«

»Ich gebe Ihnen die Adresse, – oder adressieren Sie einfach an das Kaiserliche Hofpostamt, Berlin. Da bekommt er den Brief am sichersten.«

Der Professor, der mehrere Tage hatte bleiben wollen, reiste noch diesen selben Abend ab. Er hatte sich plötzlich eines Patienten erinnert, dem er für den andern Tag einen Besuch versprochen hatte. Der Vorwand war durchsichtig genug; aber Susi machte gute Miene zum bösen Spiel, wahrscheinlich, weil ihr viel an der hohen Pension gelegen war, die »dieser greuliche Mayer«, wie sie ihn jetzt nannte, für seine Söhne zahlte.

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