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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Zwölftes Kapitel.

Einige Tage später erhielt Wolfine eine Nachricht von Freunden, die eine erwünschte Hilfe für Susis Geldnöte in Aussicht stellte. Erfreut suchte sie die kleine Frau auf.

Susi stand in ihrem rosenfarbenen dünnen Morgenkleidchen, in dem ihre Gestalt besonders schmächtig aussah, in der großen, luftigen Küche an einem weißgescheuerten Tannentisch und enthülste junge Schoten. Dabei sprach sie, bald scheltend, bald scherzend mit den Dienstboten, und ihre scharfe Stimme durchgellte die Nebenräume. Ihr Ton mit der Dienerschaft war unvornehm, bald hochfahrend, bald zu familiär, ohne rechten Takt. Aber sie sah alles und kontrollierte alles und hatte daher ihr Hausgesinde gut im Zug.

Sie selbst that die Hausarbeit nicht gern, aber was sie mit ihren geschickten Fingerchen angriff, machte sie gut. Obwohl sie gern mit ihren Leistungen prahlte, machten sie ihr wenig Vergnügen. Es war, als könnte sie Vergnügen nur auf dem Umweg der Bewunderung andrer empfinden. Sie vermißte hier die Verehrer: Wolfine war zu skeptisch, und die gewiß früher sehr lebhafte Bewunderung Günther von Tschirns hatte sich offenbar verbraucht.

Sie enthülste die jungen Erbschen mit der gelangweilten, aber entschlossenen Miene dessen, der eine lästige Pflicht thut.

Wolfine schaute von Susis mattem Gesicht auf den großen Haufen Schoten, der vor ihr lag.

»Warum läßt du dir gar nicht von Maria helfen?«

»Weil ich es nicht liebe, daß sich alle Welt in meiner Küche zu schaffen macht. Und mich ärgerte dies alberne Gehabe der Männer.«

»Wieso?«

»Mit so 'nem jungen Mädchen sind sie ja rein närrisch. Sie brauchen Mia bloß mal einen Moment in der Küche zu sehen, dann machen sie ein Aufhebens davon, als ob Mia alles allein gekocht hätte. Dabei versteht sie gar nichts.«

»Das zu hören, würde ihrem Vater wohl nicht sehr lieb sein. Meinst du nicht, daß es richtig wäre, ihr ein bißchen beizubringen? Grad' im Haushalt könnte sie gut von dir lernen.«

Susi zuckte ungeduldig mit den Achseln. »Ich habe keine Wirtschaftsschule hier, und Mia hat auch nicht die Spur von Talent.«

»Zu was nicht? Zum Kochen?«

»Ueberhaupt. Hältst du sie etwa für begabt?«

»Ich weiß nicht. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.«

»Na, dann thu's mal, Wölfin. Sie ist aus schwerem Material, sehr brav, aber einfältig.«

»Wie kannst du kluge Person dich so täuschen lassen!« rief Wolfine. »Maria ist ganz gewiß nicht einfältig. Sie ist von den stillen, tiefen Wassern. – Uebrigens: weshalb ich komme: meine Freundin fragt an, ob sie ihre Söhne für die Sommerferien dir in Pension geben könnte.«

Susis Miene belebte sich sofort. Ihre schwarzen Augen funkelten begehrlich.

»Aber natürlich! Gerne! Zimmer hab' ich ja genug. Schreib ihr, bitte, sofort! Oder soll ich selbst schreiben?«

»Der Vater würde die Jungen selbst bringen.«

»Ist er sehr nett? Wie heißt er?«

»Mayer.«

»Mayer?!« rief Susi enttäuscht. Das war Wermut in den Freudenbecher.

»Wie kann man bloß Mayer heißen! Das verleidet mir ihn. Ich weiß gar nicht, ob ich Leute, die Mayer heißen, überhaupt in meinem Hause aufnehmen mag.«

Jetzt war Wolfine empört.

»Es sind meine Freunde,« sagte sie, »und wenn dir ihr Name so stark mißfällt, werde ich mich hüten, ihnen zuzureden, zu kommen. Doktor Mayer ist Professor, hat eine Klinik und viel Geld. Seine Frau, die seit vielen Jahren meine Freundin ist, war ein Fräulein von Otterndorff.«

Susi lenkte rasch ein.

»Otterndorff? O, das macht alles gut. Das ist ja eine unsrer ältesten Familien. Ich weiß schon, was wir thun: erst nennen wir sie Mayer-Otterndorff, dann lassen wir einfach das Mayer fort und nennen sie bloß noch Otterndorff. Von Otterndorff natürlich.«

Wolfine lächelte. »Was soll das denn? Sowie du siehst, daß die Menschen sympathisch sind, ist dir ihr Name auch recht.«

»Niemals, wenn sie Mayer oder Kohn oder so was heißen. Juden kann ich nicht ertragen. Ist dein Professor Jude?«

»Der Abstammung nach, ja.«

»Na, hoffentlich sieht man's ihm nicht an. Ich hab' nun mal ein Faible für guten Adel. Und wenn du zum Beispiel Schmidt hießest, könnte ich dich nicht halb so gern haben.«

»Schmidt ist aber doch ein guter deutscher Name, und schon mancher ist mit ihm zur Berühmtheit gekommen. Du schwärmst für Adelstitel?«

»Ja. Erst vom Baron an erscheinen mir, unter uns gesagt, die Menschen als zu mir gehörig. Das andre ist dritte Klasse. Am liebsten verkehre ich nur mit Grafen und Fürsten. Das liegt mir im Blut. Ich habe meine Kindheit eben in den allerhöchsten Kreisen verlebt. Meine Spielgefährten waren Prinzen und Prinzessinnen.«

»Grad' in solchen Kreisen, sollt' ich meinen, lernt man Titel und äußeren Rang gering bewerten.«

Susi verstand nicht. Sie fuhr fort: »Ich kann nichts dafür, daß ich eine Aristokratin bin. So etwas liegt uns im Blut.«

Wolfine zerbrach zartgrüne Schoten zwischen den Fingern und aß die kleinen jungen Erbsen daraus.

Dabei dachte sie: »Susi hat nichts von einer Aristokratin. Es gibt auf der Welt nichts Unaristokratischeres als ihr aufdringliches, nach blendenden äußeren Effekten haschendes Wesen. Wenn man fühlt, etwas zu sein, warum sollte man etwas scheinen wollen?«

»Ist der Mayer-Otterndorff sehr nett?« forschte Susi nach kurzem Sinnen.

»Ja, Mayer ist sehr nett.«

»Dann werd' ich mit ihm flirten, wenn er kommt. Du hast doch nichts dagegen?«

»Wenn ich nun etwas dagegen hätte?«

»Würde ich es doch thun.«

»Wäre das freundschaftlich?«

»Jede Freundschaft hat gewisse Grenzen.«

Wolfine lachte hell auf. »Meinetwegen mach, was du willst.«

»Weißt du, es ist mir ja nur um Karo,« erklärte Susi mit halber Stimme.

Wolfine sah sich rings um. Die Wirtschafterin saß auf der Steinschwelle vor der Küchenthür und rupfte ein Huhn. Das Küchenmädchen wusch im Nebenraum das Frühstücksgeschirr ab.

Wenn sie beide, Wolfine und Susi, halblaut miteinander sprachen, konnte niemand verstehen.

Nachdem sie sich davon überzeugt, sagte sie eindringlich leise: »Wie kann dir noch etwas an einer Liebe gelegen sein, die du durch Eifersucht und solche Manipulationen künstlich wach halten mußt?«

Susi entgegnete gelassen: »Ich bin eben anders geartet als du. Wenn er mich nur liebt! Das Wie und Warum ist mir ganz einerlei.«

»Auf diese Weise kommst du nie zur Ruhe und läßt ihn nie zur Ruhe kommen. Zwischen Momenten befriedigter Leidenschaft und Stunden und Tagen von Not und Zorn taumelst du fiebrig hin und her. Ist das ein Leben, Susi? Und dabei willst du deinem Mann eine gute Frau sein!«

Wolfine sprach so dringend ernst, und dabei klang durch ihre Stimme so viel teilnehmende Wärme, daß Susi sich ergriffen fühlte.

»Aber ich bin ja hungrig!« rief sie leidenschaftlich, »Gott im Himmel, was bin ich hungrig! Wenn ich nur einmal, – einmal satt würde!«

»Weißt du, dies ist Wahnsinn! Wenn du deinen Pflegebruder nicht anders lieben kannst als in dieser Weise, dann schick ihn lieber so weit von dir fort als möglich.«

»Ich kann ohne Karo nicht leben, – und er kann auch nicht mehr ohne mich leben. Er ist ja so von mir abhängig, dieser große, einfältige Mensch!«

Plötzlich nahmen Susis Augen einen harten, bösen Ausdruck an. Ihre feinen Nasenflügel zuckten. Wie ein kleines, glänzendes Raubtier war sie, das sich zum Sprung zusammenduckt.

»Was hast du eigentlich neulich zu Karo gesagt?«

Die Worte kamen wie ein Fauchen.

»Ich habe ihm gesagt, er sollte sich nach einer netten, guten, vermögenden Frau umsehen, die ihm helfen soll, wieder hochzukommen.«

Susi schnellte aus ihrer gebückten Haltung auf. Ihre schwarzen Augen stachen.

»Er ist verheiratet. Soll er Vielweiberei treiben? Darauf steht Zuchthaus, soviel ich weiß.«

»Er war verheiratet.«

»Nein, ich sage dir: er ist! Er kann gar nicht los von seiner Frau. Sie hat ihn ganz in der Hand. Sie würde ihn ganz einfach ruinieren!«

Susi zitterte vor Aufregung und war vor Zorn blaß. Wolfine wurde dafür desto kälter. Susis Lüge verfing nicht mehr.

»Seine Frau ist ja selbst wieder verheiratet. Außerdem: was sollte sie ihm denn noch nehmen? Wie sollte man jemand noch ruinieren, der nichts mehr hat als Schulden?«

»Moralisch wird sie ihn ruinieren! Er hat sich soviel gegen sie zu schulden kommen lassen! Wie ein Schuft hat er an ihr gehandelt! Wenn sie alles sagen wollte, würde kein Hund mehr ein Stück Brot von ihm nehmen. So ein Lump ist er!«

»Susi, sprich nicht zu laut! Man hört dich!«

»Meinetwegen kann's jeder hören, was für ein Mensch das ist!«

Wolfine, die mit Erbsennaschen aufgehört hatte, betrachtete Susi mit stummem Staunen.

Erst hatte sie den Bruder als stillen Dulder dargestellt, als das Opfer einer ganz schlimmen Frau, – nun war auf einmal die Frau das Opfer und er der Bösewicht!

Und die schlechtesten Namen waren ihr nicht zu schlecht für ihn!

So flutete gehemmt die Woge ihrer Leidenschaft zurück und schlug jeden Augenblick in Haß um.

Das nannte sie Liebe!

Es gab wirklich Frauen, die in dieser widersinnigen, rohen Art liebten, oder doch als Liebe empfanden und Liebe nannten, was nur ein wildes, triebhaftes Begehren war!

Und natürlich litten sie Höllenqualen, diese Sklaven ihrer Triebe!

Wozu Strafen ersinnen? Jeglicher Mensch ist seine eigene Strafe.

Wolfines ruhig nachdenkliches Schweigen erbitterte Susi vollends.

Sie rief höhnisch: »Du willst ihn wahrscheinlich für dich haben. Na, da gratulier' ich dir aber!«

Wolfines Lippen krümmten sich wie in physischem Ekel.

Da schämte sich Susi plötzlich.

»Was antwortete er dir, Wölfin?« fragte sie kläglich.

»Er antwortete, daß er dennoch gebunden sei, und danach möge ich dich nur fragen, wenn ich wolle.«

Susis Gesicht klärte sich auf. »So, das hat er also doch zugegeben,« sagte sie sehr befriedigt und wie zu sich selbst sprechend. »Also das doch.«

Eine Erklärung gab sie nicht, und Wolfine verlangte auch nicht danach.

Susi hatte mit einemmal ihre gute Laune zurückerlangt, schob den Schotenhaufen fort und sagte heiter: »So, das kann nun Mamsellchen fertig machen. Komm, Wölfin, wir wollen was frühstücken. Magst du Buttermilch? Sie ist köstlich frisch, wie Schlagsahne heut. Und frischgelegte Eier hab' ich für dich und Karo. Komm, wir wollen Karo holen. Er arbeitet im Garten, glaub' ich.«

Uglar war wirklich im Garten, mit der großen Gartenschere die ins Ungemessene strebenden Schößlinge seiner Bosketts wegschneidend.

Die Leitung der Gartenarbeiten hatte er allein übernommen und bewies dabei nicht allein gärtnerischen Schönheitssinn, sondern auch, was man »eine glückliche Hand« nennt.

Jetzt führte er die beiden Damen zu einem von ihm gesetzten Kirschbaum, der schon im ersten Jahr Kirschen trug, reife, süße, glashelle Kirschen.

»Wir wollen ernten!« sagte er mit dem kinderfrohen Lächeln um Mund und Augen.

Fröhlich pflückten und aßen sie die Kirschen, die ihnen erreichbar hingen. Als jedoch Uglar einen hochstrebenden Zweig herabzubringen versuchte, brach der ganze Ast wie Glas.

»O weh!«

Die drei schauten sich einen Augenblick an, wie Schulkinder, die eine Dummheit gemacht haben. Dann mußten sie über die eigene Verblüfftheit lachen, und Uglar schleuderte den gebrochenen Ast, nachdem die Kirschen abgenommen, in das benachbarte Gebüsch.

Dann verzichtete man auf die hochhängenden Kirschen und begab sich zu Susis kleinem Extrafrühstück ins Haus.

An diesem Tag erzählte Susi jedem, der ihr in den Weg kam, daß ein furchtbar reicher, reizender Professor von Mayer-Otterndorff seine Söhne ihr in Pension geben wollte.

Anfangs verbesserte Wolfine jedesmal: »Er heißt nur Mayer. Otterndorff ist der Mädchenname seiner Frau.«

Aber Susis Beharrlichkeit siegte. Wolfine wurde des Einschaltens müde und ließ sie reden, was sie wollte.

Nach dem Mittagessen schlenderte Wolfine mit Günther von Tschirn durch den Garten, und dabei erzählte sie von dem abgebrochenen Kirschbaumast.

Tschirn rief bestürzt: »Was? Und schon seit heute morgen? Der arme junge Baum verblutet ja, wenn man ihn unverbunden läßt!«

Auf dem Fuß kehrte er um und holte aus seinem Arbeitszimmer Baumwachs und sonstiges gärtnerisches Verbandzeug.

Wolfine begleitete ihn zu dem verwundeten Bäumchen und schaute still zu, wie Tschirn mit Fleiß und Sorgfalt den Schaden gut zu machen suchte, den der andere angerichtet hatte.

Endlich konnte sich Wolfine nicht enthalten, zu bemerken: »Warum nur Herr von Uglar nicht selbst daran gedacht hat. Der Garten ist sein Gebiet. Er muß doch ebenso gut wie Sie wissen, was notwendig war. Und er macht sonst alles so gut.«

»Zu solchen Dingen fehlt ihm die Geduld,« entgegnete Günther. Es lag nichts Tadelndes in seiner Stimme, nur immer die gleiche müde Ergebung. Als dächte er: »Sie sind eben so. Und es ist einmal so. Es lohnt nicht, dagegen ankämpfen zu wollen.«

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