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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 13
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Elftes Kapitel.

Es war wirklich sehr heiß. Dicke graue Gewitterwolken ballten sich zusammen.

»Haben Sie thatsächlich einen ununterdrückbaren Drang, gerade jetzt Tennis zu spielen, gnädiges Fräulein?« fragte er gedehnt.

»Nein; aber ich habe einen ununterdrückbaren Drang, ein paar ernsthafte Worte mit Ihnen zu reden.«

Er zuckte nervös mit den Schultern.

»Wozu? Es führt ja zu nichts.«

»Wie können Sie das sagen, da Sie noch gar nicht wissen, was ich von Ihnen will.«

»Ich kann's mir aber denken. Sie kommen natürlich von Susi.«

»Was ich Ihnen sagen möchte, sage ich nur von mir aus.«

Er sah verdrossen und unwillig zur Erde. Die Moralpredigt, die ihm wohl ahnte, hätte er viel lieber nicht gehört. Was aber kann ein höflicher Mann dem beharrlichen Drängen einer Dame gegenüber machen? Er muß eben das Unvermeidliche über sich ergehen lassen, selbst wenn er schon vor dem finstersten endgültigsten Entschluß stände.

Wolfine wußte es, und sie sagte sich: So wie ich ihn dazu bringe, daß er mich anhört und mir antwortet, ist er über das Gröbste hinaus.

Sie nahm sich vor, ihm irgend etwas in der Zukunft Lockendes vorzuführen, damit seine Gedanken zunächst einmal die gähnende Oede des gegenwärtigen Zustandes überbrückten.

Wo das Auge hinschaut, da folgt der Fuß dann auch.

Freilich wurde ihr ein solches Eingreifen in die intimsten inneren Angelegenheiten eines Menschen, der ihr Vertrauen nie gesucht hatte, gar nicht leicht. Es entsprach ihrer passiven, zurückhaltenden, abwartenden Gemütsart durchaus nicht. Sie mußte sich zwingen.

»Ich weiß von der Finanzkrisis,« begann sie. »Susi hat mir viel anvertraut. Aber es enttäuscht mich, daß Sie umhergehen, wie einer, der die Flinte ins Korn wirft.«

»Wenn ich das thue, werde ich wohl Ursache dazu haben.«

»Dazu? Nein. Sie gewiß nicht. Ein solcher Kapitalist, wie Sie sind.«

Er lachte auf. »Ich ein Kapitalist? Ja, das war ich einmal. Heute bin ich ein bankerotter Bettler. Mein einziger Besitz sind Schulden.«

»Ja, Geld meine ich freilich nicht. Geld ist doch nicht das einzige Kapital, mit dem sich arbeiten läßt. Wie Sie nur Ihre Hilfsmittel unterschätzen! Sie sind jung, gut aussehend, kräftig, weltmännisch erzogen. Sie reiten und fahren tadellos, Sie sind ein guter Schütze, Fischer und Jäger, Sie verstehen etwas von Gartenbau und Landwirtschaft. Vor allem aber haben Sie eins vor vielen jungen Männern in Ihrer Lage voraus: Sie gefallen den Frauen. Warum? Wer kann das sagen. Sie haben eben ein undefinierbares Etwas in sich oder an sich, was mit unfehlbarer Sicherheit auf das weibliche Geschlecht wirkt. Ist das nicht eine Macht?«

Er wußte, daß sie recht hatte mit der letzten Behauptung, wenn er auch kaum schon darüber nachgedacht hatte. Er wußte, daß es so war.

»Was soll ich aber damit anfangen?« meinte er nach einer Pause. »Was habe ich bis jetzt mit alledem erreicht? Nichts. Immer mehr heruntergekommen bin ich. Sie glauben gar nicht, wie wenig Selbstachtung ich noch habe.«

»Doch, ich glaub' es. Und die wird auch sicherlich nicht zunehmen, wenn Sie hier bleiben. Sie müssen fort.«

»Wohin? Für mich gibt es nur noch ein ›Fort‹, aber ein sehr radikales.«

»Sie müßten eine Frau haben, aber eine von Susi ganz verschiedene. Eine Frau mit etwas Vermögen und viel Charakter und viel Herz. Die würde alles in Ihnen Zusammengebrochene wieder aufrichten. Warum machen Sie sich nicht frei?«

Er hielt im Gehen inne. »Wie meinen Sie? ...«

»Ich meine ... sie stockte und geriet in Verwirrung; denn nun mußte sie den Punkt berühren, von dem Susi gesagt hatte, er könnte es nicht ertragen, darauf angesprochen zu werden. Doch sie fuhr entschlossen fort: »Sie sind ja verheiratet!«

»War,« verbesserte er ruhig. »Ich bin seit Jahren geschieden.«

»Ja, moralisch – und praktisch. Aber nicht gerichtlich.«

Er sah sie verwundert an. »Nicht gerichtlich? Wie kommen Sie auf diese Vermutung?«

»Susi sagt es.«

Ein Zucken ging um seine Lippen. »So? Es stimmt dennoch nicht. Meine ehemalige Frau ist bereits wieder verheiratet.«

Wolfine bezweifelte nicht einen Augenblick, daß er die Wahrheit sprach, und daß dagegen Susi mit einer bestimmten Absicht gelogen hatte.

»Aber, da sind Sie ja ganz frei, zu thun, was Sie wollen!« rief sie.

Er senkte den Kopf. »Das bin ich leider nicht. Mich bindet etwas andres. Fragen Sie Susi. Meinetwegen mag sie Ihnen alles sagen.«

»Sie müssen sich frei machen! Natürlich können Sie das. Wollen Sie nur.«

»Ich habe keine Energie mehr,« sagte er mutlos; »diese schlimme Frau hat einen richtigen Lumpen aus mir gemacht.«

»Aber wenn Sie das selbst fühlen ...«

Sie sah ihn mit intensiver Teilnahme an.

Geben Sie mich auf, Baroneß,« sagte er, durch die Wärme ihres Mitgefühls gerührt. »Ich weiß überhaupt gar nicht, warum Sie ein so gütiges Interesse an mich verschwenden! Ich bin das wirklich nicht wert.«

»Thatsache ist, daß Sie Interesse und Teilnahme erwecken. Ich bin einige Jahre älter als Sie und gewiß um viele Jahre weiser und ruhiger. Wollen Sie mich als eine ältere Schwester betrachten und ein bißchen auf mich hören?«

Sie streckte ihm die Hand hin, die er nahm und ehrerbietig an die Lippen führte.

Sein Blick war dankbar, und es leuchtete etwas darin auf wie neues Hoffen.

Er empfand das, was auch Susi empfunden und ausgesprochen hatte: daß Wolfine nichts für sich selbst suchte, daß ihr Interesse fast restlos in den andern aufging.

Daran lag es wohl, daß sie den meisten ein großes Vertrauen einflößte.

»Ich muß freilich eine Bedingung für die Bundesgeschwisterschaft machen,« sagte sie ernst.

»Welche?«

»Sie müssen dahin streben, sich von Susi frei zu machen, denn das ist die unerläßliche Vorbedingung für ein Wiederhochkommen.«

»Sie wird mich mit Vitriol begießen oder totschießen.«

»Fürchten Sie sich?«

»Ja, weiß Gott, manchmal fürchte ich mich vor der rabiaten Frau. Sie hat mich eben auch schon nervös elend heruntergebracht.«

»Susi muß sich allmählich an den Gedanken gewöhnen. Ich werde ihr zureden, was ich kann. Sie selbst geht ja auch zu Grunde über dieser tollen Leidenschaft. Sie muß es einsehen.«

Er lachte bitter. »Ach, wie wenig kennen Sie sie! Susi von etwas überzeugen? Susi etwas einsehen?! Da könnte der liebe Gott selbst vergeblich reden! Sie verspricht Ihnen alles – alles; verschwört sich hoch und teuer, und im nächsten Augenblick geht sie hin und thut das Gegenteil.«

Trotz dieser mutlosen Worte war seine Stimmung schon eine ganz andre geworden.

Sie wandelten langsam im Schatten der alten Roßkastanien hin und her und fühlten freundschaftlich füreinander.

Sie entwarf in Gedanken allerhand Pläne für seine Stellung und führte ihm allerlei Möglichkeiten vor Augen.

Und er fand es leicht und angenehm, ihr zu glauben. Sie hatte sehr wohl gethan, ihn im rechten Augenblick zu erinnern, daß es noch grünes Land jenseits der Wüste gab, und daß es doch vielleicht lohnte, noch auszuharren.

Es donnerte, – fern und leise, wie eine erste Mahnung.

»Haben Sie noch Heu draußen?«

»Etwa noch eine Fuhre.«

»Ganz trocken?«

»Ja.«

»Das verregnet!«

Er zuckte mit den Achseln. »Was kommt's darauf an, wenn doch alles zum Teufel geht!«

»Es geht nicht zum Teufel, – darf einfach nicht.«

Er lachte. »Wenn Sie das doch mal in dem Ton unsern Gläubigern sagen wollten.«

Aber sein Lachen war jetzt ohne Bitterkeit. Dankbar und beinah froh sah er sie an.

Sie meinte: »In einer Stunde wird es regnen.«

»Ja, spätestens in einer Stunde. Holen wir doch noch die Fuhre herein!«

Er war in die Höhe geschnellt, schien plötzlich ein ganz andrer: rasch, thatbereit und kraftvoll, seine ganze Federkraft zurückkehrend.

»Günther!« rief er nach einem der offenen Fenster hinauf.

Der erschien in Hemdsärmeln, mit struppigem Haar, trat aber gleich ins Dunkel zurück, als er Wolfine unten sah.

»Du, ich laß rasch den Wagen hinausfahren,« rief Uglar, »wir wollen sehen, daß wir das letzte Heu vor dem Gewitter 'reinkriegen.«

»Jawohl,« kam es mit militärischer Strammheit von oben zurück.

Ein großer Eifer war über Uglar gekommen. Mehr springend als schreitend, einen Rechen in der Hand, eilte er voran.

Wolfine folgte, so rasch sie konnte, denn immer mehr mahnte das dumpfe Grollen im Gewölk zur Eile.

Einige Taglöhnerinnen, die Mittagsruhe gehalten hatten, überholten sie im Lauf.

Der Himmel hatte sich rasch umzogen. Die großen schweren grauen Wolken waren zusammengeflossen. Kein Sonnenblick mehr. Es donnerte und blitzte in der Entfernung.

Jetzt kamen auch Günther und Maria gelaufen. Gleich hinter ihnen der Leiterwagen mit dem Oberknecht. Schweigend und hastend rechten die Frauen das ausgebreitete trockene Heu zusammen, eilends luden es die Männer auf den Wagen. Nichts als kurze Kommandoworte wurden laut.

»Dort der Schwaden noch, Maria! Hierher bitte, gnädiges Fräulein! – So!«

Alle Gesichter glänzten im fröhlichen Eifer des Wettlaufs mit dem Gewitter.

Jetzt, die ersten Tropfen! Große, schwere, senkrecht fallende Tropfen! Kein Lüftchen bewegt sie.

Noch ein, zwei Heugabeln voll auf den Wagen, so!

Nun rasch nach Hause.

»Die letzte kleine Fuhre hätten wir geborgen!«

»Das soll ein gutes Omen sein,« sagte Wolfine zu Günther.

»Sie werden ganz naß, Baroneß!« bedauerte er.

Ja, jetzt prasselte der Regen, daß die schweren Tropfen am Boden wieder in die Höhe sprangen. Ein kräftiges Donnergeprassel erdröhnte.

Alle liefen, die Tagelöhnerinnen mit dem Rock über dem Kopf, Wolfine mit Vergnügen die kühle Dusche auf dem Scheitel fühlend.

»Famos gegen Kopfweh!« rief sie Maria zu.

Die nickte und lachte.

Im Flur empfing Susi die Zurückkehrenden. Sie stand da in ihrem feinen Kleid, den kleinen, hochhackigen Schuhen und den Zwickelstrümpfen, so puppenhaft niedlich wie ein teures Spielzeug.

Statt des schwarzen Nonnenkleidchens, das am Morgen so wirkungsvoll ihren Jammer illustriert hatte, trug sie jetzt ein neues Kostüm von dunkelrotem spanischen Baumwollenbatist mit eingewebten türkischen Kanten. Das hob entschieden ihren südländischen Reiz. Das toupierte, glanzlose, tiefschwarze Haar, der Schneewittchenteint und die schmalgeschlitzten schwarzen Funkelaugen kamen darin zur vollen Geltung.

Aber ihr Gesichtchen hatte einen kalten, feindseligen Ausdruck, und die Lippen krümmten sich in unverhohlener Geringschätzung.

»Ihr seht ja gut aus!« rief sie mit einem spöttischen Blick auf Wolfine und Maria.

Wolfine schaute an sich herunter.

Die Aermel ihrer dünnen Bluse klebten, durchsichtig geworden, an den Armen. Sie fühlte das kühle Naß auf der Haut. Das war jedoch gar nicht lästig, im Gegenteil. Sie sah keine Ursache zu der stark zur Schau getragenen Mißbilligung. War man naß geworden, so kleidete man sich eben um. Das Frottieren der feuchten Haut und das Anlegen frischer, trockener Sachen gab noch ein erhöhtes Wohlgefühl.

»Ich bin naß, ganz einfach,« sagte sie.

»Paß mal auf, die Farben von deiner hübschen Bluse laufen ganz ineinander,« meinte Susi vorwurfsvoll.

»Laß sie. Wenn eine Sommerbluse keinen Regenguß aushalten kann, hat sie gar keine weitere Daseinsberechtigung.«

Darauf eilte sie in ihr Zimmer. Und während sie sich in aller Ruhe umzog, vergegenwärtigte sie sich Susis feindliches Augenfunkeln und ihren gereizten Ton.

Wolfine empfand deutlich, daß Susi sie eben gehaßt hatte.

Welch ein Umschlag nach den Liebesversicherungen vom Morgen und dem Vertrauensbeweis von vorhin!

Und doch – Wolfine begriff. Nachdem Susi von der tötlichen Angst um den Mann, den sie mit solcher Raserei liebte, fürs erste befreit war, litt ihre Eifersucht unter dem Erfolg Wolfines. Auch mochte sie eben zwischen Uglar und der gefürchteten Rivalin eine besondere Herzlichkeit wahrgenommen haben.

Und Susi erschien der sinnenden Wolfine als der Typus des geknebelten, unentwickelten, aber intelligenten Weibes, des Weibes voll lebendiger Instinkte und Witterung, das sich an den Mann klammert und ihn aussaugt, als ein richtiger Schmarotzer, das all seine Intelligenz zur List werden läßt und nur einen einzigen liebevollen Kultus treibt – mit dem Reiz des eigenen Körpers, in dem es die Quelle seiner Macht weiß; des Weibes, dessen Seele rohes Lieben und rohes Hassen nebeneinander beherbergt als Triebe, die von unbeherrschter, begehrlicher Ichsucht geleitet werden, jener kleinlichen Ichsucht, die mit einem bösen Gewissen herumgeht und sich in ihr Gegenteil zu maskieren sucht, weil das Bewußtsein von der Gutheit und dem Recht eines so gearteten Ichs fehlt.

An diesem Tage erfuhr Wolfine noch zweierlei: von Günther Tschirn, daß seine Finanzlage zwar ernst, aber noch keineswegs so verzweifelt sei, wie Susi es darstellte, – und von der Stiftsdame, daß Susi ihr bereits zum zweitenmal tausend Mark abgeborgt hatte, ohne, wie es schien, ihrem Mann oder ihrem Bruder etwas davon zu sagen.

»Das kleine Ding that ja so verzweifelt!« seufzte die gutherzige alte Dame, »ich konnte nicht anders.«

Wolfine riet: »Wenn Sie Geld leihen, so geben Sie es Herrn von Tschirn in die Hand, nicht Susi.«

Indessen berührte sie etwas andres viel innerlicher als diese Geldangelegenheit: sie hatte heute nachmittag bei dem frischen Wettrennen mit dem Gewitter zum erstenmal etwas wie Zuneigung von Marias Seite gefühlt.

Es war nur im Blick des verschlossenen jungen Mädchens zu sehen gewesen; aber der Eindruck, den diese neue Art, sie anzublicken, auf Wolfine gemacht hatte, war befremdlich stark.

Sie fühlte: dieses Mädchen gab etwas Wertvolles, wenn es seine Zuneigung gab.

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