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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 12
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Zehntes Kapitel.

Als Wolfine eine Stunde später von einem Spaziergang durch die Felder heimkehrte, sah sie Maria in den Erdbeerbeeten knieen. Sie schnitt dort mit der großen Gartenschere das wuchernde Geranke von den Stammstauden ab, denn die Pflanzen hatten aufgehört zu tragen.

Ein breitkrempiger Strohhut bedeckte den Kopf des jungen Mädchens, die Arme und Hände steckten in Gartenhandschuhen von englischem Leinen. Große Haufen Rankenwerk, die am Wege lagen, bekundeten ihren Fleiß.

Wolfine blieb stehen und sagte scherzend: »Du bist Herrn von Uglars beste Taglöhnerin.«

Maria sah kurz auf und beugte sich gleich wieder über die Pflanzen.

»Ich möchte das Beet bis Mittag rein haben,« sagte sie. »Hast du vielleicht Herrn von Uglar gesehen?«

»Nein.«

»Er ist vor ein paar Stunden zum Thor hinausgegangen.«

»Ich war nur in den Feldern. Sah keinen Menschen, nur ein paar Häschen und eine Wachtel. Ist das eine Fruchtbarkeit in diesem Thal! Als trüge hier der Acker hundertfältig, wie die Bibel sagt.«

Während sie so plauderte, dachte sie: »Ob Maria etwas von den wahren Beziehungen Susis zu Uglar ahnt? Aber nein, es kann wohl kaum sein. Ein reines junges Menschenkind kann auf solche Möglichkeiten ja nicht kommen.«

Nach kurzem Schweigen fragte sie: »Soll ich dir helfen?«

Maria verneinte. »Es ist nicht der Mühe wert. Du machst dich nur schmutzig und – ich hör' auch auf.« Das letzte stieß sie wie in jäh hervorbrechender Reizbarkeit und Ungeduld heraus. Sie seufzte, erhob sich und zog langsam, gesenkten Blicks die erdigen Gartenhandschuhe von den Händen.

»Wo ist Susi?« fragte Wolfine.

»Mit Onkel Günther in seinem Arbeitszimmer. – Aber ich will rasch noch einige Rosen für den Mittagstisch abschneiden.«

Wolfine sah der eilig Davongehenden nach. So oft sie noch mit Maria allein gewesen war, hatte sich diese so rasch als möglich dem Zusammensein zu entziehen gesucht.

»Warum nur? So wenig, wie ich selbst ihre Gesellschaft suche! Mag sie mich nicht leiden, oder mißtraut sie mir, oder – sollte sie auch – zürnen – weil sie ihres Vaters Liebe mit mir teilen muß? – Nein, das war absurd. Maria fragte so wenig nach ihrem Vater!«

Es mußte doch wohl der Verdacht sein, daß Wolfine gewissermaßen auf Kundschaft ausgesandt worden war, und daß sie vielleicht dem Aufenthalt Marias in dem geliebten Mervisrode ein Ende machen wollte.

Und leider mußte es ja auch dahin kommen. – Diese stillen, kornduftenden, wonnigen Sommertage! Nein, sie wollte ihr nicht die Gegenwart verbittern. Das Unvermeidliche kam immer noch früh genug, wenn es unvermeidlich geworden war.

Sie schaute dem jungen Mädchen von weitem zu, wie es die Arme hob nach den hochstämmigen Rosen. Wie schön waren dabei die Linien der hohen jugendlichen Gestalt! Wie edel ruhig und frei die Bewegungen!

Jetzt ging Maria mit ihren Rosen den Gartenweg entlang, der nach dem Thor führte. Dort in dem offenen alten Gartenthor, durch das der Hafer silbern schimmerte und hinter ihm in lichtem Grün und duftblau die Waldhügel jenseits des Flusses, blieb sie stehen.

»Ob sie nach Uglar ausschaut?« dachte Wolfine. »Sie fragte mich vorhin nach ihm. Und sie schien ein wenig erregt. Wahrscheinlich hat sie doch gemerkt, was in der Luft liegt, so gern Susi die Finanzkrisis vor ihr geheim halten wollte.«

Ihr fiel ein, daß Susi im Ton echter Seelenpein gerufen hatte: Dem Karl bleibt ja nichts übrig, als sich totzuschießen!

Freilich, Susi sagte viel.

Aber während Susi einmal ausnahmsweise ihre Zuflucht zu ihrem Mann genommen hatte und wahrscheinlich mit ihm ratschlagte, war Uglar davongegangen, von seiner Arbeit fort; niemand wußte, wohin.

Wolfine wurde, als sie dies jetzt bedachte, selbst ängstlich. Sie hatte nicht mehr viel Achtung vor Uglar, der sich so von Susi knechten ließ, das Gefühl der Zuneigung für ihn war aber nicht verschwunden. Sie fühlte eben jetzt ganz deutlich, daß sie sich immer wieder freuen würde, den großen thörichten Menschen zu sehen oder seine Stimme zu hören.

Und auf einmal stellte sie sich lebhaft vor, er sei tot. In Zorn und Ueberdruß habe er irgendwo im Tannenwald ein Ende gemacht.

Man würde erst warten, dann suchen. Immer aufgeregter! ...

Ein Schauder überlief sie.

»Lieber Gott, laß ihn lebendig heimkehren!«

Als sie bald darauf, zum Mittagessen angekleidet, aus ihrem Zimmer in den Flur trat, glitt Susi behende wie ein Eidechschen zu ihr und faßte sie mit einer gewissen Krampfhaftigkeit beim Handgelenk.

Sie sah erbarmungswürdig aus. Wolfine erschrak wirklich. Diese roten Flecken über den Backenknochen, diese flackernden Augen mit den tiefen blauen Schattenrändern und die gänzlich farblosen Lippen!

Sie war entstellt von echter, verzweifelter, ohnmächtiger Angst.

»Wölfin!« flüsterte sie hastig, »Karl spricht kein Wort mit mir ...«

»Also ist er da!«

»Ja, und er hat sich Sekt kalt stellen lassen. Ich weiß, er will sich Mut antrinken, um sich zu erschießen. Ich beschwöre dich, laß ihn nicht aus den Augen! Sprich mit ihm! Sag ihm, was du willst, was dir einfällt, nur laß ihn nicht allein. Auf dich hört er ja, – auf mich nicht.«

»Warum ist er auf dich böse?«

»Wir haben uns gezankt. Er fing an, mir Vorwürfe zu machen. Vorwürfe statt Trost hatte er für mich! Ach, Günther ist doch viel edler. Aber die Angst um ihn bringt mich von Sinnen. Ich bitte dich, Wölfin, thu, was du kannst!«

Wolfine versprach, ihr Möglichstes zu thun. Sie war selbst vor Erregung ganz blaß.

Ein klägliches Mittagsmahl! Bleich und starr Susi, bleich und stumm Maria, bleich und stumm Tante Guendoline. Der Stiftsdame rannen immerfort Thränen über die Wangen und hinterließen sichtbare Spuren in dem feinen Puderüberzug, von dem die gute Dame in hoffnungslosem Heimweh nach der vergangenen Schönheit nicht lassen konnte.

Uglar zeigte eine übertrieben gleichgültige Miene, die die aufgeregten, hart blinkenden Augen Lügen straften. Den kläglichsten Eindruck machte Günther in seinem angestrengten Bemühen, den Schein zu wahren. Die Muskeln seines vergrämten Gesichts zuckten, wie bei hochgradiger Nervenabgespanntheit; auf den sanftmütig blickenden Augen lag es wie ein schwerer Druck; aber dabei redete und scherzte er für alle.

Nach der Suppe setzte der aufwartende Diener vor Uglars Platz wirklich eine Flasche Sekt.

»Feiern Sie still für sich Geburtstag?« fragte Wolfine.

Uglar sah ihr mit einem seltsamen Blick gerade in die Augen.

»Jawohl,« sagte er, »ich feiere so eine besondere Art Geburtstag.«

Das klang so sehr wie eine Bestätigung der schwarzen Befürchtungen Susis, daß Wolfine heftig erschrak.

Sie fing an, ihn zu hänseln.

Ihr schwebte dabei so etwas vor, als müsse das Lächerliche dem Tragischen am ehesten entgegenarbeiten.

Er ging ganz heiter auf ihre Neckereien ein und trank ein Glas nach dem andern. Auch bot er den andern an, aber er erhielt nur kalt ablehnende Antworten.

»Stellen Sie noch eine Flasche kalt.«

Günther blickte kurz auf. Er hatte sich bis dahin scheinbar nicht im mindesten um Uglars Treiben bekümmert. Und auch jetzt blieb es bei dem einen kurzen, stummen Protestblick.

Aber wenn er nicht aß, und er aß fast nichts, hielt er Susis kleine Hand in der seinen. Und Susi saß viel näher bei ihm als sonst und hatte in ihrer ganzen Haltung etwas hilfesuchend Anlehnendes, was Wolfine noch nie an ihr bemerkt hatte, am allerwenigsten in Bezug auf ihren Mann.

Susis starker Selbsterhaltungstrieb ließ sie in der Seelenqual der Angst bei dem Mann unterkriechen, den sie für gewöhnlich geringschätzte, und er, müde und kummerbeladen, wie er durch sie geworden war, behielt in der Stunde schwerster Sorge doch noch Männlichkeit genug übrig, um die haltlose Frau zu stützen, wo alles andre versagte.

Zum Glück war die Mahlzeit beendet, und man erhob sich, ehe Uglars zweite Flasche Sekt die nötige Kälte erreicht hatte. Einstweilen war ihm nichts von Benommenheit anzumerken, nur daß seine Gesichtsfarbe etwas röter war als sonst.

»Jetzt wollen wir Tennis spielen, Herr von Uglar,« sagte Wolfine lebhaft.

»Jetzt, bei der Hitze? Spielen wir doch lieber gegen Abend, gnädiges Fräulein.«

»Die Kastanienbäume geben ja Schatten. Ich möchte jetzt spielen. Sie sind mir noch immer Revanche schuldig. Kommen Sie nur.«

»Wenn Sie befehlen.« Er sah aus glanzlosen geröteten Augen kalt vor sich hin und wandte sich dann an Maria.

»Kommen Sie mit, Komteß.«

Maria stand von ihm abgewandt. Sie antwortete ihm nicht.

Er wiederholte: »Spielen Sie mit?«

»Ich kann nicht,« klang es matt, »ich ... habe ... sehr schlimme Kopfschmerzen.«

Uglar warf einen kurzen Blick auf sie und trat rasch auf die Gartenterrasse hinaus.

Sehr schlimme Kopfschmerzen! Wenn das die verschlossene, nie von sich redende Maria selbst sagte!

Wolfine eilte voll Besorgnis zu ihr hin, faßte sie bei den Schultern und sah ihr ins Gesicht.

»Laß mich! ... bitte!« wehrte Maria flehend. Und dieser Ausdruck von Gequältsein!

»Jetzt legen wir dich in einem dunklen Zimmer aufs Bett, und du rührst dich nicht. Das ist das lange gebückte Kauern in der Sonne auf den Erdbeerbeeten natürlich.«

»Bitte, Tante Wolfine, bleib bei Uglar! Er ist ... so sonderbar ... ich habe solche Angst ...«

Sie flüsterte es.

Auch sie! Standen die verbrecherischen Gedanken denn so deutlich auf seiner Stirn geschrieben?

Wolfine überließ das junge Mädchen der Tante Guendoline und folgte dem weinerhitzten, müden Uglar, der sie natürlich verwünschte, in den Garten.

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