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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 11
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Neuntes Kapitel.

Ein paar Tage später, als Wolfine sich eben nach einem Kopfbad das Haar trocken rieb, klopfte es an ihre Thür.

»Bist du's, Susi?«

»Ja.« Es klang kummervoll, dies Ja.

»Oho, steht das Barometer wieder auf Sturm?« dachte Wolfine. Laut sagte sie: »Ich kann jetzt nicht öffnen, – bin beim Haarwaschen.«

»Ach, laß mich, bitte, herein. Es ist ja ganz egal. Ich muß dich sprechen.«

»Wenn's sein muß ...«

Susi wurde eingelassen. Sie war in Schwarz und sah verstört aus.

Aber mit diesem aschfahlen, schmerzlich starren Gesicht hatte sie Wolfine schon zu oft gesehen, um noch viel daraus zu machen.

Den Schmerzen Susis lag ja immer nur irgend eine lächerliche Empfindlichkeit gegen den Bruder zu Grunde.

Wolfine stand im Frisiermantel am Waschtisch und rieb mit einem rauhen Handtuch ihr Haar trocken.

»Nun? Schon wieder in Verzweiflung?«

Susi sank wie zerbrochen auf die Couchette.

»Was ist denn?«

»Wir können auf die Landstraße gehen und betteln,« kam es in Grabeston von Susis Lippen.

»Was? wer?«

»Es sind unerwartete Rechnungen eingelaufen, die sofort bezahlt werden müssen, und das Geld ist nicht da. Es ist einfach kein Pfennig Bargeld im Haus und auf der Bank auch nicht mehr. Ach Gott, mein armer, armer Mann! Und mein armer, armer Bruder! Sie sind ja beide einfach am Ende!«

Hier brach Susi in wildes jammerndes Schluchzen aus.

Diesem Sturm gegenüber, der den zarten Frauenkörper schüttelte, angesichts dieser Thränenflut, die durchaus nicht verschönte, sondern in wenigen Sekunden Augen und Nase rot und geschwollen machte, ließ Wolfine den Gedanken an ein Komödiespielen fallen.

Ganz erschrocken warf sie das Handtuch über den nächsten Stuhl und umfaßte die bebende Susi beruhigend, fast zärtlich.

Susi drückte ihr nasses Gesicht an Wolfines Frisiermantel, kroch förmlich in sie hinein und jammerte: »Meine beiden armen Männer! Wie die Knechte haben sie gearbeitet, alle beide, und nun ist dies das Ende! Von der Scholle vertrieben! Heimatlos! Und ich hänge an Mervisrode mit jeder Fiber meines Herzens! Aber um mich ist's ja nicht. Ich bring' mich schon irgendwie durch. Auch für Günther ist mir nicht so bange. Er bekommt immer noch einen Vertrauensposten. Er scheut sich ja vor keiner Arbeit. Aber Karo! Mein Karo! Dieser verwöhnte Mensch, der nie etwas gelernt hat, als tanzen, reiten und die Cour machen! Der nichts kann, als ein bißchen kommandieren! Was soll dann aus ihm werden? Ihm bleibt gerade nur, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.«

Sie schluchzte wieder laut auf.

»Um welche Summe handelt es sich momentan?« fragte Wolfine.

»Um lumpige zehntausend Mark.«

Susi trocknete rasch die Augen und sah Wolfine mit gierig hoffendem Erwarten an.

»Und die lassen sich nicht flüssig machen?«

»Wie denn nur? Wir hatten bis jetzt nichts als Ausgaben, und die ganze Ernte steht noch auf den Feldern.«

»Borgt darauf keiner?«

»Wer denn? Gutchen ist mit keinem Geschäftsmann befreundet, und sein Rechtsanwalt hat ihn betrogen. Er ist leider so gräßlich unpraktisch und viel zu anständig, um seinen Vorteil wahren zu können.«

»Schreib an Wolf Hohenecke.«

»Nein!« Es kam kurz, schnell, wie erschrocken. »Maria darf gar nichts erfahren. Ihre Pension ist meine einzige sichere regelmäßige Einnahme, und ich habe sie schon für einige Monate vorausbekommen.«

»Trotzdem würde ich ...«

»Nein, nein. Dein Vetter Wolf soll nichts wissen von dieser Kalamität.«

»Wenn dir mit zwei- oder dreihundert Mark gedient ist, so viel könnte ich dir geben. Für Tausende langen meine Einkünfte nicht.«

»Kannst du nicht etwas Kapital flüssig machen, Wölfin? Du bekommst es selbstverständlich verzinst, und hier im Gut ist es dir ja sicher. Es wird einfach auf deinen Namen geschrieben.«

»Nein, ich kann nicht. Hast du schon mit der Stiftsdame gesprochen?«

»Ja.«

»Nun? Und?«

Susi machte ein finsteres Gesicht. »Sie sagt, sie kann nicht. Und dabei ist sie steinreich und thut immer, als hätte sie mich wunder wie lieb. Die Liebe hört aber immer auf, wo der Geldbeutel anfängt, und darum pfeif' ich auf das ganze sentimentale Gethue.«

»Das ist unrecht, Susi. Die Gräfin kann gewiß ebensowenig beliebig mit ihrem Gelde schalten, wie ich.«

»Wenn es dir doch gut verzinst wird?«

»Warum wendest du dich nicht an deinen geheimnisvollen Beschützer, den Reichsgrafen?«

»Das geht nicht. Er würde sagen: mein ganzes Vermögen ist dein, wenn du dich von Tschirn lossagst und mich heiratest. Aber um deinen Tschirn zu halten? – keinen Pfennig.«

»Du willst trotzdem lieber die Armut eines Mannes teilen, den du nicht einmal liebst?« fragte Wolfine etwas erstaunt.

Susi antwortete pathetisch: »Ich kenne meine Pflicht und würde es nie über das Herz bringen, meinen guten Mann zu verlassen.«

»Und deine Patin, die Prinzessin?«

»Die steckt ja selbst bis an die Ohren in Schulden.«

»Habt ihr keine Verwandten mehr, du und dein Bruder?«

»Es sind welche vorhanden, aber sie wollen seit Karos Trennung von seiner Frau nichts mehr von uns wissen und wir nichts von ihnen. Sie haben es mir so furchtbar übelgenommen, daß ich immer zu ihm gehalten habe. Ja, diesem großen, einfältigen Jungen hab' ich mich hingeopfert! – Und ich will dir im tiefsten Vertrauen etwas verraten, was ich sonst keinem sage, – er ist gar nicht wirklich mein Bruder. Seine Eltern haben mich nur aufgezogen.«

Wolfine fühlte jähes Erschrecken. Die lächerliche, krankhafte Leidenschaft der Schwester zum Bruder erschien ihr plötzlich in einem neuen Licht. Und sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Susi eben die Wahrheit gesprochen hatte. Eher wunderte sie sich, daß sie bis heute an eine so nahe Verwandtschaft der so grundverschiedenen Beiden hatte glauben können.

»Nun begreife ich manches besser,« sagte sie. Susi preßte mit einer Tragödinnenbewegung beide Hände gegen ihre flache Brust und sagte: »Siehst du, das ist ja das Leiden, das mich verzehrt, und an dem ich noch sterben werde! Ich liebe diesen Menschen, solang ich denken kann, bis zum Wahnsinn! Und er – hat immer nur die kleine Schwester in mir gesehen. Ich hab' mich verstellt und mit blutendem, zuckendem Herzen ruhig angehört, wenn er mir von seiner Braut vorschwärmte. Und seiner Frau hab' ich eine liebevolle Schwester zu sein versucht. Und nachher, als dieses Weib ihm das Leben zur Hölle machte, und die ganze löbliche Verwandtschaft ihre Partei nahm, da hab' ich, ohne mich zu besinnen, mit allen gebrochen, um ihm zur Seite zu stehen. Und als ich Gutchen heiratete, den ich nicht liebte, that ich es hauptsächlich, um meinem geliebten Karo ein Heim und eine Beschäftigung an meiner Seite bieten zu können. Und siehst du, weil ich ihm alles, alles geopfert habe aus grenzenloser Liebe, darum ertrag' ich's nicht, wenn er mir Kälte und Gleichgültigkeit zeigt.«

»Das ist mehr Egoismus als Liebe,« sagte Wolfine ernst.

»Egoismus?! Ich egoistisch?! Wie kannst du so etwas sagen, Wolfine! Ich, die ich mich rein aufopfere für meine Lieben! Ach, in meinem armen Kopf hämmert es! Diese Sorgen immerfort! Mich wundert, daß ich mein bißchen Verstand noch zusammen habe!«

Susi war aufgestanden. Die Hände gegen die Schläfen pressend, starrte sie vor sich hin.

Wolfine empfand Mitleid.

»So possenhaft und komödiantenhaft sie sich auch gebärdet,« dachte sie, »im Grunde ist ihr Leben doch eine Tragödie! Denn die Leidenschaft für den Adoptivbruder, die er nicht erwidert, ist echt. Worte und Mienen lügen, – Leidenschaft verleugnet sich nicht. Und nun setzt dies unglückliche Geschöpf alles daran, ihren Abgott wenigstens äußerlich an sich zu fesseln. Kein Wunder, daß ernste Finanzschwierigkeiten, die zum Zwangsverkauf von Mervisrode führen können, also diesem idyllischen Zusammenleben ein Ende zu bereiten drohen, sie halb rasend machen. Und dabei ist sie selbst es gewesen, die Günther von Tschirns Geld verbaut und in luxuriöser Ausschmückung des Hauses verthan hat. Es wäre wirklich wunderbar, wenn ihr Nervensystem bei diesen fortwährenden Aufregungen nicht gelitten hätte.«

Auf einmal sagte Susi in ganz verändertem Ton: »Kannst du dir vorstellen, daß ich einmal blond gewesen bin?«

»Du blond?«

»Ja. Da sah ich dem Karo ähnlicher.«

»Wie hat sich denn das Blond in Schwarz verwandelt?«

»Nach einem Nervenfieber. Alles Haar war mir ausgegangen, und was neu wuchs, war schwarz.«

»Das Blond muß gut ausgesehen haben zu deinen dunklen Augen.«

»Ich kann's ja wieder blond werden lassen.«

»Wie?«

»Nun, da gibt's doch Mittel.«

»Susi, manchmal erscheinst du mir wirklich wie eine einzige Lüge!«

»Die meisten Menschen sind gar nichts andres wert, als daß man sie belügt. Ich verachte sie von Grund meines Herzens.«

»So?«

»Nicht ohne Anlaß. Sie haben mich niederträchtig schlecht behandelt. Gemein und eigennützig sind sie alle. Du nicht. An dich glaube ich. Darum darfst du mich nicht von dir stoßen, um meiner Fehler willen. Du nähmest einem sehr unglücklichen Menschen das Letzte, an das er glaubt!«

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