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Im Hexenring

Frieda von Bülow: Im Hexenring - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFrieda Freiin von Bülow
titleIm Hexenring
publisherJ. Engelhorns Nachf.
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180610
projectid8ed36aef
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Achtes Kapitel.

Die folgenden Tage brachten fast ausnahmslos Wiederholungen mit kleinen Varianten derselben Komödie.

Uglar holte Wolfine zu einer Radfahrt, oder zeigte ihr einen schönen Waldweg, oder spielte Tennis mit ihr, oder ließ sich bei Tisch von ihr necken und neckte wieder und veranlaßte dadurch Eifersucht und Scenen von seiten Susis, die in ihrer Maßlosigkeit das ganze Haus in Aufregung brachten.

Für Wolfine blieb Uglar anziehend, obschon ihr Verkehr mit ihm sich nicht vertiefte. Ihn bedrückte offenbar manches, über das er nicht sprechen konnte oder wollte. Nur so viel gab er zu verstehen, daß er sich von Mervisrode fortsehne, während er leider vorläufig daran gebunden sei.

Er zeigte meist eine unbekümmerte, heitere Miene, hatte auch eine Art, sich dem Augenblick lebhaft und kindlich hinzugeben, die ihn glücklich erscheinen ließ, sowie er sich mit irgend etwas beschäftigte, wenn auch seine große Reizbarkeit Zweifel an seinem Wohlbefinden aufkommen lassen mußte.

Wolfine kam bald zu der Ueberzeugung, daß er an einer tiefen seelischen Verstimmung litt und mit sich und der Welt zerfallen war.

An solcher tiefen seelischen Verstimmung schienen ihr bald alle Hausgenossen zu leiden.

Als ob irgend ein Gift in ihre Adern gekommen sei, das nun im Verborgenen seine unheimlich zerstörende Gewalt ausübte.

Und dieser zersetzende Gifthauch ging von Susi aus! Gewiß, es war so. Wer in ihrem Dunstkreis atmete, erkrankte.

Sogar die gute, freundliche Stiftsdame, die so viel und so tief seufzte, war bereits von der unheimlichen Verseuchung ergriffen.

»Und wenn ich die Mamsell und Bianka und die Dienstboten näher betrachten würde,« dachte Wolfine, »so würde ich wahrscheinlich auch bei ihnen schon die Spuren dieser seelischen Blutvergiftung bemerken.«

Und alles das die Wesenswirkung der niedlichen, graziösen, kleinen Frau, die sich selbst so beredt als ein opferwilliges Ideal hinstellte!

Wolfine hatte noch nichts Aehnliches erfahren; es wurde ihr mehr und mehr zum »interessanten Fall«.

Sie verschwieg ihre Gedanken, beobachtete und lauschte mit etwas von dem beinah perversen Vergnügen des fanatisch wißbegierigen Arztes auf den unruhigen, fieberhaft erhöhten Pulsschlag dieses Hauses. Dabei that sie selbst nur, was ihr eben behagte.

Sie fand, daß Susi nicht einen Schatten von Recht habe, ihrem Bruder den kameradschaftlichen Verkehr mit einer Dame, die als Gast im Hause war, zu verargen.

Schließlich wurde ihr aber doch die Aufgeregtheit Susis, unter der das ganze Haus litt, zu viel, und sie beschloß, dem Spuk ein Ende zu machen.

Susis Vernarrtheit in den Bruder und ihre krankhafte Eifersucht auf ihn war etwas höchst Unnatürliches.

Seltsamerweise, und das rührte Wolfine, richtete sich ihr Zorn immer nur gegen Uglar, während sie ihre liebe Wölfin, die doch die nicht einmal ganz unschuldige Ursache des großen Jammers war, immer gleichmäßig umschmeichelte und mit Freundlichkeit überhäufte.

Sie warf ihr Rosen durchs Fenster, sie setzte ihr kleine Extraleckerbissen vor, sie ließ durch ihre geschickte Zofe Bianka Wolfines Garderobe durchsehen und das daran Schadhafte ausbessern und so weiter.

Wolfine fing an zu begreifen, was dieses kleine launische, egoistische und kaum hübsche Frauenzimmerchen Macht über ihre Umgebung gewinnen ließ, insonderheit über die Männer. Stark ausgeprägte Weibcheninstinkte waren es: das Umschmeicheln, Umsorgen und gute Verpflegen derer, die ihr nah standen, daneben ein Ueberschuß an nervösem Temperament, Schelmerei, Spitzbüberei, eine Fülle von kecken, oft geradezu frechen Einfällen, die keine Langeweile aufkommen ließen. Sie belustigte in der allerflachsten Weise, wie der Tingeltangel belustigt, und auch ebenso gepfeffert; aber es war doch Belustigung, doppelt willkommen in der Einförmigkeit des Landlebens, wiederum besonders den Männern, denen sie damit unmerklich den Geschmack für Feineres verdarb. Die Unberechenbarkeit ihrer Launen selbst war ein Reizmittel, welches ihre Umgebung in einer dauernden erregten Spannung hielt. Nie wußte man, welches ihrer Register sie in der nächsten Stunde aufzuziehen belieben werde.

»Die Langeweile ist eine der tückischsten Krankheiten des Kulturmenschen,« dachte Wolfine; »um ihr zu entgehen, raucht und trinkt und spielt er und sucht sich als Zeitvertreib eine Susi aus!«

Dabei war Günther offenbar pedantischer Natur. Er nörgelte mitunter an Kleinigkeiten herum nach Philisterart und schalt Susi, wenn sie es am wenigsten verdiente. Ihren Prahlereien, ihren Taktlosigkeiten, ihrem oft recht albernen Gebaren mit Uglar gegenüber schien er blind und taub; aber stand die Suppe nicht rechtzeitig auf dem Tisch, oder wollte sie ihm einen Kuchen nicht backen, auf den er gerade Appetit hatte, so konnte er sie nach echter Haustyrannenart vor aller Welt Ohren herunterputzen.

Seine Art, Susi zu nehmen, machte Wolfine ganz nervös. Sie verstand nicht, wie sich ein Mann über Bagatellen ereifern und bedenkliche Charakterfehler und Taktfehler übersehen konnte.

Es war wohl so: Das kokette fuchsschlaue Ding hatte den redlichen Landjunker dadurch umstrickt, daß sie sich ihm so hingestellt hatte, wie er sich sein Frauenideal ungefähr dachte: liebevoll, einfach, häuslich und so weiter.

Und nun wollte er sich nicht eingestehen, wie sehr er sich getäuscht hatte, und bemühte sich gewaltsam, sie so zu sehen und so zu nehmen, wie er sie sich vorgestellt hatte.

Eines Morgens, als Wolfine ihn allein am Frühstückstisch traf, sagte sie: »Ich möchte von Ihnen hören, ob Maria immer so still und ernst gewesen ist?«

Er schien verwundert. »Finden Sie sie auffallend ernst?«

»Ja!«

»Still war sie immer,« sagte er nach einer Pause. »Das ist Tschirnsche Art. Susi kann desto ausgelassener sein. Sie ist von beiden der größere Kindskopf. Ich bin so froh, daß Sie so viel Einfluß auf Susi haben, Baroneß.«

»Glauben Sie aber, daß Susi ein ganz geeigneter Verkehr für Maria ist?« fragte Wolfine direkt.

Er antwortete in gekünstelt unbekümmertem Ton: »Ich finde, sie ergänzen einander recht gut.«

»Wolf Hohenecke hat mich gebeten, ihm meine Meinung über diesen Punkt zu sagen.«

Sie sah ihm gerade in die Augen.

Er schien erregt und gepeinigt. »Sie dürfen meine Frau nicht so streng beurteilen!« bat er. »Ihre Erziehung ist leider sehr vernachlässigt worden. Ich selbst habe ja am meisten unter ihren Fehlern zu leiden, – und man muß sie doch lieb haben. Man kann dem kleinen Schelm doch nicht ernstlich böse sein. Wenden Sie ihr nicht den Rücken, Fräulein von Veßra, und nehmen Sie meinen Schwager nicht gegen sie ein! Ich glaube, daß sie durch Ihren und auch durch Marias Einfluß viel Gutes lernen kann.«

Wolfine schüttelte etwas ungläubig den Kopf, aber sie sagte nicht nein. Das große Vertrauen, das er ihr, der Fremden, entgegenbrachte, that ihr wohl.

Es war spät am Nachmittag. Günther beaufsichtigte die Heuer, Tante Guendoline und Maria lehrten in der Dorfschule die Bauernmädchen nähen.

Susi saß in ihrem schönen, kühlen Salon am Piano. Wolfine hörte sie klimpern und Gassenhauer singen, während sie selbst sich zum Radfahren anzog.

Als sie damit fertig war, ging sie hinauf, um Susi rasch zu melden, daß sie ausfahre; doch sie fand Susi nicht allein, sondern mit ihrem großen blonden Bruder auf ein und demselben Klavierstuhl sitzend und allerhand Kurzweil treibend, wobei er den Arm um sie gelegt hatte und lachte.

Kaum jedoch sah er Wolfine in ihrem Radfahrkostüm, so sprang er auf und rief lebhaft: »Darf ich Sie begleiten, gnädiges Fräulein?«

»Nein!« schrie Susi aufgeregt. »Ich will nicht, daß ihr immerfort zu Zweien wegfahrt! Ich leid's nicht, daß du der Wölfin so den Hof machst, und ich kratz' dir die Augen aus!«

»Nun dann nicht,« sagte er ärgerlich und ging hastig aus dem Zimmer.

Susi sah ihm nach. Sie war blaß und ihre feinen Nasenflügel zitterten. »Und ich leid's nicht,« wiederholte sie. »Meinen Karo gönn' ich nicht einmal dir, Wölfin. Er gehört mir allein.«

Wolfine war ärgerlich, denn sie fuhr lieber mit Uglar, der ihr gefiel, als mit Susi, zu der sie kein Vertrauen und keine Neigung fassen konnte. Auch schien ihr dies Gebaren gar zu sinnlos.

»Du bist lächerlich!« sagte sie.

Susi mimte unbekümmert Mamselle Nitouche, machte deren tiefen Knix, ein devotes Gesichtchen und sagte: »So bin ich einmal, meine Mutter.«

»Du hättest auf die Bühne gehen sollen,« meinte Wolfine, die wider Willen lachen mußte.

»Wie hätte ich auf die Bühne gepaßt mit meinen so ausgesprochen aristokratischen Neigungen?« entgegnete Susi gekränkt.

Wolfine dachte: »Wenn ihr Bruder nicht wäre, würde ich wetten, sie sei von ganz niedriger, dazu jüdischer Herkunft und eine durchtriebene Komödiantin, in diesem Augenblick noch dazu eine schlechte. Da ihr Bruder aber dieser Freiherr von Uglar ist, – bleibt sie ein Rätsel.«

Im Salon hingen Oelgemälde, die Eltern Uglar darstellend: er ein stolzer, ordengeschmückter höherer Offizier, sie eine feine blonde Aristokratin.

Vor dem Bild dieser Dame stand Wolfine und betrachtete es.

»Alle fanden immer, ich sähe meiner Mutter so sehr gleich,« sagte Susi, dem Blick Wolfines folgend.

»Ach, aber nach diesem Bild kann man sich das nicht vorstellen!« rief Wolfine. »Dein Bruder, ja. Du bist ja ein ganz andrer Typus. Du siehst eigentlich aus, wie eine polnische oder ungarische Jüdin.«

Susi fragte in seltsam scharfem Ton: »Woher sollte ich wohl dazu kommen, jüdisch auszusehen?«

»Es gibt so Spielarten. Ich habe auch keine Zigeuner unter meinen Ahnen, und man hat mir oft gesagt, ich sähe aus wie eine Zigeunerin.«

Susi ging, um sich zum Radfahren anzuziehen. Sie kam bald zurück in einem hochroten, mit schwarzer Borte besetzten Hosenkostüm, in dem ihre zierliche Pagenfigur sich sehr niedlich ausnahm.

Unwillkürlich durch den Kontrast betroffen, erinnerte sich Wolfine des tiefen Schwarz, in dem sie Susi zuerst gesehen.

»Bist du nicht in Trauer?« fragte sie.

»Ich in Trauer? Keine Idee.«

»Aber eben noch gewesen?«

»Keine Spur. Warum denn?«

»Deine Briefe an Wolf Hohenecke hatten doch breiten Trauerrand, und du warst schwarz von Kopf zu Füßen, als du mich in Kauzheim empfingst.«

»Das thu' ich so, weil ich es so distinguiert finde.«

»Da nimmst du bloß, weil du es distinguiert aussehend findest, Briefpapier mit breitem Trauerrand!« rief Wolfine.

»Was schadet denn das?«

»Deiner Glaubwürdigkeit schadet es.«

»Mein Gott, wenn einem so was Spaß macht?!«

»Trauerabzeichen sind doch nicht da, um damit Spaß zu machen. Fühlst du das nicht?«

»Sei doch nicht so philiströs, Wölfin! Dieses Narrenhaus von Welt besteht doch eben davon, daß einer dem andern blauen Dunst vormacht und einer den andern zum besten hat. Die Klugen haben die Dummen zum Narren. Und das ist noch der einzige Spaß in diesem öden Dasein.«

»Nur, wenn man lügt, muß man ein gutes Gedächtnis haben,« sagte Wolfine, »und wenn man eine Rolle spielt, muß man sie durchführen.«

Susi sagte unbefangen: »Was kann ich brillant – wenn ich will.«

Sie hatte die Spitze in Wolfines Bemerkung gar nicht verstanden.

Diese kam aus dem innerlichen Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Zu wunderlich wohnten Durchtriebenheit und Thorheit in diesem kleinen Kobold nebeneinander.

Susi fuhr auf ihrem Rad langsam voraus. Sie war zwar sehr gewandt, aber wenig kräftig, und besonders scheute sie jede Anstrengung und Ermüdung, schon um ihrer Schönheit willen. Wolfine überließ es ihr, das Tempo anzugeben.

Erst ging's durch reifenden Roggen, aus dem der wonnige Feldgeruch aufstieg. Dann: Wiese, Wasser, Tannenwald.

»Laß uns hier ausruhen,« sagte Susi.

Sie lehnten die Räder gegen Baumstämme am Waldrand und lagerten sich unter den Tannen. Mengen hochroter Erdbeeren bedeckten den Grund. Sie pflückten und aßen. Leise rauschten hoch über ihnen die Wipfel, leise rauschte unten im Thal der Mühlbach. Manchmal raschelte irgendwo ein Waldtier, oder ein Vogel flatterte mit kurzem Geräusch auf. Manchmal drang schwach das Bellen eines Hundes von der nächsten Mühle her.

»Höre,« sagte Wolfine, »ich finde, daß du dich viel zu viel um deinen Bruder und viel zu wenig um deinen Mann kümmerst.«

Susi zuckte mit den schmalen Schultern und hob die Augenbrauen hoch; ihre Lippen krümmten sich wie in verhaltener Abneigung und Geringschätzung.

»Ich bin Gutchens Frau und thue meine Pflicht,« sagte sie. »Er ist ein Pedant und ein Philister mit gräßlich spießbürgerlichen Ansichten über Ehemannsrechte und Ehefrauenpflichten. Gut. Ich selbst pfeife auf den ganzen altväterisch sentimentalen Krempel; aber da ich ihn einmal geheiratet habe, – aus reinem Mitleid, bei Gott! – gab ich ihm alle die kleinen Haustyrannenrechte, auf die er pocht. Ich stell' ihm seine Pantoffeln bereit und näh' ihm seine Hemdenknöpfe an und stopf' ihm seine Strümpfe selber, und laß für ihn kochen, was er gern ißt. Das sind nämlich die Dinge, auf die Gutchen Wert legt. Im übrigen – lieber Gott, was willst du? Er ist halt ein so ganz temperamentloser Neurastheniker. – – – Liebe, gute Wölfin! Wenn du mich nur ein ganz, ganz kleines winziges bißchen lieb hast: nimm mir meinen Karo nicht weg.«

Sie hatte das letzte leidenschaftlich ausgerufen. Mit etwas ungeduldiger Miene schüttelte Wolfine den Kopf.

»Ich glaube wirklich, du bist verdreht, Susi! Mir liegt, weiß Gott, nichts ferner, als zu kokettieren, das solltest du nun doch gemerkt haben. Und dein Bruder ist verheiratet. Was willst du eigentlich!«

»Ich habe schon so viel verloren!« klagte Susi. »Sowie Karo kratzig und roh mit mir ist, kommt mir eine so fürchterliche Angst, ich könnte auch ihn verlieren, und, siehst du, das macht mich halb wahnsinnig. Du mußt wissen, daß ich als junges Mädchen schon mit einem Reichsgrafen Torndorff verlobt gewesen bin, einem furchtbar reichen, reizenden Menschen, der – denke dir, wie gräßlich! – bei einer Kesselexplosion auf einem Schiff ums Leben kam. Nachher hat mich sein älterer Bruder durchaus heiraten wollen. Der liebt mich heute noch wie ein Wahnsinniger. Erinnerst du dich, neulich Abend, sprach ich doch von einem, der in Kauzheim auf dem Bahnhof plötzlich vor mir aufgetaucht war? Und du fragtest noch, von wem ich denn spräche? Das war der erlauchte Jasomir Torndorff. Dieser Mensch, der ein vertrauter Freund meiner Pate ist, folgt mir seit Jahren wie ein Schatten. Er muß sich immer mit eigenen Augen vergewissern, wie es mir geht und was ich treibe. Manchmal streicht er tagelang als Bauer verkleidet im Dorf und in der Gegend herum, bis es ihm einmal gelingt, mich irgendwo allein zu treffen.«

»Das klingt ja sehr romantisch!«

»Ist es auch.«

»Warum kommt er denn nicht ganz einfach offiziell in dein Haus? Will es dein Mann nicht?«

»Der? Dem ist alles ganz egal, wenn er nur sein Heu machen und sein Korn schneiden und sein gutes Essen essen kann. Aber Torndorff will mit Gutchen durchaus nichts zu thun haben. Torndorff beschwört mich ja immer, ich möchte mich von ihm lossagen.«

Wolfine hatte längst mit Erdbeeressen aufgehört. Sie saß auf dem grünen Moos in ihrem mattgrünen Tuchkleid, das so gut in den Wald stimmte, hatte die Hände um die hochgezogenen Kniee gelegt, und während Susi fort und fort plauderte und abenteuerliche Erlebnisse mitteilte, weidete sie ihre Augen an den vergoldenden Lichtbündeln und langen Strahlen, die die schon tiefstehende Sonne zwischen die alten Stämme warf.

»Fängst du nicht endlich an, mich ein bißchen gern zu haben?« schmeichelte Susi, nachdem sie so vieles ausgekramt hatte, was sie in den Augen der andern interessant machen mußte.

Wolfine zog die Stirne faltig. »Wenn ich dir nur glauben könnte!«

»Bei Gott, ich sage die reine Wahrheit! Nichts als die Wahrheit!«

»Komm, es ist Zeit, nach Hause zurückzufahren.«

Sie radelten Mervisrode zu. Am Fluß, unweit einer alten steinernen Brücke, saß ein Maler vor seiner Staffelei. Er schien ein höher überm Fluß gelegenes Schlößchen zu malen, das sich an dieser Stelle in eigentümlicher Verkürzung zeigte.

»Ein sehr hübsches Motiv mit der alten Brücke im Vordergrund,« dachte Wolfine.

Als sie vorüber waren, fragte Susi: »Hast du den, der da malte, angesehen?«

»Nein, ich sah die Landschaft an, die er malte.«

»Schade. Weißt du, wer es war? Torndorff.«

»Was? Warum begrüßtest du ihn denn nicht?«

»Weil ich keine Lust hatte,« sagte Susi schnippisch.

Wolfine dachte an den gestiefelten Kater im Märchen, der überall die Anweisung gibt, auf die Frage des vorbeifahrenden Königs nach dem Besitzer von Feld, Wiesen, Wald und so weiter zu antworten: der Herr Marquis von Karrabas. Solch ein fingierter Marquis von Karrabas war Susis romantischer Reichsgraf wahrscheinlich auch. Hätte sie zufällig den Maler angesehen und auf Susis Frage dies bejaht, so wäre er wohl nicht zum Reichsgrafen Torndorff gemacht worden. Das Fabulieren, auch wo es ganz ohne Zweck war, gehörte offenbar zu Susis Lebensbedürfnissen. Ob das Günther Tschirn unter die kleinen, ihr abzugewöhnenden Fehler rechnete?

Als sie in den Hof einlenkten, standen Uglar und Maria vor dem Hause.

»Sind Briefe für mich gekommen?« fragte Susi. (Der Nachmittagspostbote mußte vor etwa einer Stunde dagewesen sein.)

Uglar machte ein finsteres Gesicht.

»Die wirst du ja wohl bekommen haben,« sagte er.

Wolfine sah ihn fragend an. »Wieso?«

»Susi wird schon wissen,« grollte er.

»Nichts weiß ich!« rief Susi. »Was ist denn los?«

Er hatte keine Lust, zu antworten, sondern rief Marias schwarzen Dachshund zu sich heran und ging mit diesem über den Hof nach den Ställen.

Maria erklärte: »Es ist jemand hier gewesen mit Briefen für dich, ein Herr, sagt Bianka. Er hätte dir die Briefe nur persönlich abgeben wollen und habe sie wieder mitgenommen. Bianka hat ihm gesagt, du wärst nach dem Thormühlengrund zu geradelt, und er wollte dir nach. Er hat dich also nicht gefunden?«

»Nein,« antwortete Susi unbekümmert.

Der Torndorff am Wege rückte mit einemmal in Wirklichkeitsbeleuchtung.

»Also war er es doch,« sagte Wolfine leise. »Ich glaubte, mit dir wäre deine Phantasie durchgegangen!«

Susi triumphierte. »Siehst du wohl, du Zweiflerin! Du wirst noch an mich glauben lernen.«

»Und deine Briefe?«

»O, die bekomme ich schon.«

»Bist du nicht neugierig?«

»Nein. Es wird von meiner Pate sein. Die schickt gewöhnlich ihre Briefe und Sendungen durch Torndorff, weil sie sich offiziell nicht um mich kümmern darf. Davon erzähle ich dir noch später, wenn ich erst sicher bin, daß du mir glaubst, und daß du mich ein bißchen gern hast.«

Nach dem Abendessen wurde gewöhnlich auf der Gartenterrasse Boccia gespielt, an welchem Wurfspiel besonders Uglar und Maria lebhaften Anteil nahmen und einander hitzig bekämpften.

Diese beiden liebten den Sport an sich, ebenso wie auch Wolfine. Für Susi war er nur Mittel zum Zweck. Gelang es ihr nicht, durch Anmut der Bewegungen und Gewandtheit Bewunderung auf ihre kleine Person zu lenken, so zog sie sich gelangweilt vom Spiel zurück.

Noch weniger wußte sie etwas anzufangen, wenn beim Hereinbrechen der Dunkelheit die Lampe die Gesellschaft um den jetzt mit grüner Friesdecke bedeckten Eßtisch vereinigte. Sie erklärte dann gewöhnlich, sehr ermüdet zu sein, und suchte ihre Privatgemächer auf. Auch heute abend verschwand sie bald.

Uglar hatte, scheinbar ganz versunken, über der Zeitung gesessen. Sowie sich aber die Thür hinter Susi geschlossen, schob er die Zeitung von sich und blickte auf, nach der ihm gegenüber sitzenden Wolfine.

In seinen blauen Augen blitzte es vor verhaltenem Zorn.

»Es ist ihr rein unmöglich, ohne solche Heimlichkeiten und kleinen Intriguen zu leben!« sagte er. »Sie hat mir versprochen und geschworen, mir jeden Brief zu zeigen, den sie empfängt oder abschickt. Aber glauben Sie, daß ich es durchsetzen kann? Es ist stärker als sie selbst.«

Es war, als ob der Groll an ihm würgte; als spräche er, um sich irgendwie Luft zu schaffen. Außer Wolfine waren nur Tante Guendoline und Maria im Zimmer, Wolfine besah Bilder in illustrierten Zeitschriften, und Tante Guendoline strickte an ihrem Strumpf, Maria saß über einer modernen Wollstickerei.

Uglars Bemerkung blieb ohne Entgegnung. Aber Maria legte ihre Arbeit aus der Hand und holte ein Halmaspiel herbei.

»Wer spielt mit?« fragte sie mit ihrer ruhigen, weichen Altstimme, die wie Balsam für nervöse Ohren war.

»Ich!« rief Uglar.

Wolfine sah ihm zu, wie er über dem Spieleifer offenbar alles vergaß. Sie sah seiner schönen, sehr edel geformten Hand zu, die die kleinen Halmakegel vorsichtig rückte. Ein Gefühl der Rührung überkam sie.

»Er ist doch ein großes Kind,« dachte sie, »und ein recht hilfloses!«

An Maria dachte sie nicht. Dies stille, scheue Mädchen hatte eine eigentümliche Manier, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen.

Noch an demselben Abend schrieb Wolfine an ihren Vetter nach Drontheim, wo sein Schiff um diese Zeit liegen sollte:

 

»Lieber Wolf!

Ich weiß nicht, was ich aus der Frau Deines Schwagers machen soll. Mir ist ein so widerspruchsvolles Wesen noch nicht vorgekommen. Tschirn glaubt, daß Maria sie günstig beeinflusse. Er ist in sie noch verliebt, aber nicht mehr glücklich.

Das Beste an Frau von Tschirn ist ihr Bruder, an dem sie mit wahrer Leidenschaft hängt. Mir drängt sie eine Freundschaft auf, die ich mit dem besten Willen nicht erwidern kann, denn wenn sie auch manches Liebenswürdige und Anziehende an sich hat, so stößt sie mich doch immer wieder ab. Sie ist ein phantasievolles Ding und umgibt sich mit einer Wolke von Romantik und Geheimnissen. Niemand sieht ein, warum.

Du wirst aus dem Erwähnten entnehmen, daß sie nicht gerade sehr vertrauenerweckend ist. Deine Tochter kommt aber nicht viel mit ihr in Berührung und läßt sich augenscheinlich nicht im mindesten von ihr beeinflussen. Der Gedanke, von hier fort zu sollen, ist Maria schrecklich.

Im übrigen ist das ländliche Leben hier hübsch und gesund, und Dein Schwager, sowie die Tante Guendoline sind stille, feine Menschen, mit denen es sich gut leben läßt.

Ich empfehle Dir, selbst hierherzukommen, sowie Du Urlaub erhältst. Solange will ich hier bleiben und über Maria wachen. Sollte irgend etwas Bedenkliches vorkommen, so depeschiere ich Dir und erbitte mir telegraphische Antwort.

Wolfine.«

 

Als Wolfine am nächsten Morgen zum Frühstück kam, legte sie ihren Brief zu den frankierten Postsendungen der andern auf einen Tisch im Flur, von wo der Vormittagspostbote sie abzuholen pflegte.

Sie war im Reitkleid. Auf Uglars Zureden hatte sie sich ihren Sattel kommen lassen und ritt, wenn es, wie diese Nacht, stark geregnet hatte, so daß das Radfahren Schwierigkeiten machte, auf einem der beiden Wagenpferde spazieren.

Uglar stand wie gewöhnlich bereit und half ihr in den Bügel.

Susi, das Haar unter einem feuerfarbenen Kopftuch versteckt, riß ihr Schlafstubenfenster auf und schaute der Fortreitenden nach.

Dann klingelte sie.

Bianka erschien.

»Die Postsachen!« sagte Susi vom Bett aus.

Bianka schlüpfte fort und kam zurück mit allen den postfertigen Briefen.

Susi sah die Briefe rasch, aber aufmerksam durch. »Einer, zwei von der ollen Tante, der Stiftsdame,« sagte sie laut vor sich hin: »der da, aha, an ihren Bankier; dies ist nichts; dies: Korvettenkapitän Graf Hohenecke, von Wolfine, hm! – 's ist gut, Bianka. Mach mir mein Bad zurecht.«

Als die Kammerjungfer eine Viertelstunde später das Bad meldete und die Briefe wieder in Empfang nahm, sah sie, daß der Brief an den Bankier der Stiftsdame geöffnet und wieder zugeklebt worden war, und daß der Brief der Freiin von Veßra an den Grafen Hohenecke ganz fehlte.

Allein sie kannte das und verzog keine Miene.

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