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Im Giftstrom

Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom - Kapitel 7
Quellenangabe
authorConan Doyle
titleIm Giftstrom
publisherCarl Stephenson-Verlag
year1924
illustratorOtto Dely
translatorLeopold Wölflin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170724
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VI. Auferstehung.

Und nun komme ich zu diesem letzten Abschnitt der außerordentlichen Begebenheit, welche von so weittragender Bedeutung nicht bloß für die Existenz des Einzelindividuums, sondern im Allgemeinen für die Geschichte der Menschheit war. Wie ich es zu Beginn meines Berichtes gesagt habe, ragt das Ereignis über alles bisher Dagewesene empor, wie der Bergriese über die bescheidenen Hügel an seinem Fuße. Unsere Generation war dazu auserkoren, dieses wunderbare, einzigartige Schicksal zu erleben und die Erfahrungen daraus zu ziehen. Wie lange die Wirkung andauern wird, wie lange das Menschengeschlecht die Demut und Ergebenheit, welche sie unter dem Einflusse des großen Erlebnisses gelernt, sich bewahren wird, dies kann nur die Zukunft zeigen. Es ist aber wohl anzunehmen, daß es auf Erden niemals wieder so sein wird, wie es früher war. Niemand kann voll und ganz ermessen, wie unwissend und machtlos wir sind und daß wir stets unter dem Schutze einer unsichtbaren Hand ruhen. Wir empfinden dies erst in dem Augenblicke, da diese Hand sich über uns zu schließen und uns zu zermalmen droht. Damals schwebte der Tod unmittelbar über uns. Jetzt wissen wir, daß er jeden Augenblick wieder da sein kann. Wohl verdüstert dieser dunkle Schatten unser Sein, aber es läßt sich nicht leugnen, daß eben unter diesem Schatten das Gefühl für Pflicht und ernste Verantwortung, die richtige Beurteilung für Sinn und Ziel des Lebens, das wahre Bestreben nach Höherentwicklung und Veredlung in uns geweckt und so mächtig geworden ist, daß unsere ganze menschliche Gesellschaft in ein Stadium der Reife gelangt zu sein scheint. Es ist dies etwas, das über allen Sekten und Dogmen steht – eine Veränderung der Perspektive, eine Verschiebung unseres Gefühls für die wahren Werte, die stets lebendige Erkenntnis der Tatsache, daß wir bedeutungslose und gebrechliche Geschöpfe sind und dem ersten kalten Hauch einer unbekannten Macht erliegen können.

Wenn aber die Welt durch diese Erkenntnis ernster geworden ist, so ist sie darum doch nicht zu einem Orte der Trauer geworden. Gewiß sind wir uns darüber klar, daß die ernsteren und edleren Vergnügungen der Gegenwart tiefer und weiser sind, als das unsinnige Hasten und Jagen einer früheren Zeit nach dem, was damals als Vergnügen betrachtet wurde – einer Zeit, die so kurz erst entschwunden und uns doch so unendlich fern und unwirklich zu sein scheint. Das einst so leere Leben, angefüllt mit zwecklosem Besuchen und Besuchtwerden, mit dem qualvollen Führen großer und schwerfälliger Haushaltungen, mit der Anordnung und dem Verzehren luxuriöser und langweiliger Gastmähler, verfließt nun friedlich und heiter bei der Lektüre anregender Bücher, bei Musik und in harmonischem Familienleben, wozu eine gesunde und einfache Zeiteinteilung beiträgt. Mit einer besseren Gesundheit und einer schöneren Genußfreudigkeit ausgestattet, sind die Menschen reifer als zuvor. Durch allgemeine, erhöhte Abgaben, die für den öffentlichen Fonds entrichtet werden, hat sich das durchschnittliche Lebensniveau in unserem Lande sehr gebessert.

Die Meinungen über den genauen Zeitpunkt des großen Erwachens sind einigermaßen verschieden. Im allgemeinen wird angenommen, daß – abgesehen von der geographischen Verschiedenheit der Uhren – der Grad der Giftwirkung durch lokale Einflüsse mitbestimmt wurde. Sicher ist, daß in jedem Distrikt für sich die Auferstehung zu gleicher Zeit vor sich ging. Viele Zeugen geben an, daß die Uhr von Big Ben gerade auf sechs Uhr zehn Minuten wies. Der Vorstand der königlichen Sternwarte hat für Greenwich sechs Uhr zwölf festgestellt. Laird Johnson hat sechs Uhr zwanzig notiert. In den Hebriden soll es sieben Uhr gewesen sein. In unserem eigenen Fall kann keinerlei Zweifel obwalten, denn ich saß in jenem Augenblick mit Challengers sorgfältig erprobtem Chronometer vor mir in seinem Arbeitszimmer. Es war ein Viertel nach sechs Uhr.

Ich war seelisch außerordentlich niedergedrückt. Die Gesamtwirkung all der schrecklichen Bilder, die wir unterwegs erblickt hatten, lag schwer auf meinem Gemüt. Bei meiner überströmenden körperlichen Gesundheit und Lebensenergie war mir eine derartige Depression etwas sonst Fremdes. Als echter Irländer sah ich gewöhnlich noch in der düstersten Situation irgend einen Lichtschimmer. Momentan aber schien mir die Lage voll von zermalmender, trostloser Dunkelheit erfüllt. Die anderen befanden sich in den unteren Räumen und schmiedeten Zukunftspläne. Ich saß am offenen Fenster, hatte das Kinn in die Hand gestützt und dachte über unseren jammervollen Zustand nach. Würden wir überhaupt weiterleben können? Diese Frage beschäftigte mich vor allem. War es denn möglich, auf einer toten Erde weiterzuleben? Müßten wir nicht – so wie nach den physikalischen Gesetzen der kleinere Körper von dem größeren angezogen wird – die unwiderstehliche Anziehungskraft seitens der ungeheuren Masse fühlen, die in das unbekannte Reich hinübergegangen war? Welcher Art würde das Ende sein? Würde das Gift nochmals über uns kommen? Würde die Erde durch allgemeinen Zerfall ihrer Produkte als Folge des nun eintretenden, riesigen Verwesungsprozesses unbewohnbar werden? Oder würde vielleicht das Entsetzen und die Trostlosigkeit der Lage unser geistiges Gleichgewicht zerstören? Eine Schar Irrsinniger in einer toten Welt! Gerade grübelte ich über diesen letzten Gedanken, als ich durch ein leises Geräusch veranlaßt wurde, auf die Straße hinabzublicken. – – – Das alte Droschkenpferd kam den Hügel herauf!! Gleichzeitig vernahm ich Vogelgezwitscher, ich hörte, wie jemand unten im Hofe hustete und ward mir bewußt, daß die Gegend vor mir sich zu bewegen begann. Ich erinnere mich, daß vor allen andern Dingen dieser absurde, abgediente, ausgemergelte Droschkengaul meinen erstarrten Blick auf sich zog. Langsam und keuchend erstieg er die Anhöhe. Dann fiel mein Blick auf den Kutscher, welcher in gekrümmter Haltung auf dem Bocke saß und schließlich auf den jungen Mann, der sich aufgeregt aus dem Fenster beugte und dem Kutscher eine Anweisung zu geben schien. Alle waren unzweifelhaft und verblüffend lebendig.

Alles erwachte wieder zum Leben! War denn alles nur eine Sinnestäuschung gewesen? War es faßbar, daß dieses ganze Giftäther-Erlebnis nur ein ausführlicher Traum gewesen war? Einen Augenblick war mein überraschtes Gehirn nahe daran, dies zu glauben. Da blickte ich zufällig auf meine Hand hinab, an der sich eine Blase zu bilden begann, entstanden durch die Reibung des Seils bei dem Glockenläuten in der Marienkirche. Es war also alles Wirklichkeit gewesen. Und nun war die Welt wieder auferstanden, das Leben kehrte in einem Augenblick mit ganzer Kraft auf unseren Planeten zurück. Während meine Augen die Umgebung musterten, sah ich überall Bewegung und zu meiner Verwunderung nahm jeder seine Tätigkeit dort wieder auf, wo er darin unterbrochen worden war. So zum Beispiel die Golfspieler. War es denkbar, daß sie ruhig ihr Spiel fortsetzten? Ja, da trieb ein junger Mann den Ball vom Ziel weg und dort die Gruppe auf dem Rasen wollte sicherlich dem Loch zuspielen. Die Feldarbeiter begaben sich langsam wieder an ihre Arbeit. Das Kindermädchen versetzte einem der Kinder einen Klaps und begann den Kinderwagen bergauf zu schieben. Unbewußt nahm jeder den Faden dort auf, wo er ihn hatte fallen lassen.

Ich lief die Treppen hinab, doch die Türe der Hall stand offen und ich hörte die Stimmen meiner Gefährten vom Hofe her, wie sie sich vor Überraschung und Freude gar nicht recht fassen konnten. Wie wir uns die Hände schüttelten und lachten, als wir zusammenkamen! Frau Challenger küßte uns in ihrer Herzensfreude der Reihe nach ab, bis sie sich zuletzt in die bärenstarke Umarmung ihres Gatten begab.

»Aber sie können doch nicht geschlafen haben!« rief Lord John. »Hol's der Teufel, Challenger, Sie werden mir doch nicht einreden wollen, daß alle diese Leute mit ihren starren, offenen Augen und steifen Gliedern und dem scheußlichen Todesgrinsen im Gesicht geschlafen haben sollen!«

»Es kann nur der Zustand gewesen sein, den man Katalepsie oder Starrkrampf nennt«, sagte Challenger. »Er ist in vergangenen Zeiten hie und da aufgetreten und stets für den Tod gehalten worden. Während seiner Dauer sinkt die Körperwärme, die Atmung setzt aus, die Herztätigkeit wird ganz unmerklich kurz, es ist der Tod, nur, daß er nach einiger Zeit wieder entschwindet. Selbst der weitumfassendste Geist« – dabei schlug er die Augen nieder und lächelte geziert – »hätte einen derartigen allgemeinen Ausbruch dieser Krankheit kaum ahnen können.«

»Sie können den Zustand als Katalepsie bezeichnen«, bemerkte Summerlee, »aber das ist nur ein Name und wir wissen ebenso wenig von dessen Eigenheit wie von dem Gifte, das diesen Zustand verschuldet hat. Alles, was wir positiv sagen können, ist, daß der vergiftete Äther einen zeitweiligen Tod verursacht hat.«

Austin saß zusammengekauert auf dem Trittbrett des Wagens. Ihn hatte ich vorher husten gehört. Einige Zeit hatte er schweigend seinen Kopf gehalten, jetzt begann er etwas vor sich hinzumurmeln, während er den Wagen genau betrachtete.

»Verfluchter junger Dummkopf!« brummte er, »kann die Hand nicht davon lassen!«

»Was ist los, Austin?«

»Jemand bat sich mit dem Wagen zu schaffen gemacht. Schmierbüchsen offen, Herr. Denke, es war der Gärtnerjunge.«

Lord John sah schuldbewußt drein.

»Weiß nicht recht, was mir fehlt«, sagte Austin und erhob sich schwankend. »Glaube, daß mir sonderbar zu Mute wurde, wie ich den Wagen einölte, weiß noch, daß ich auf das Trittbrett gefallen bin, kann aber schwören, daß ich vorher die Büchsen geschlossen habe.«

Der verwunderte Austin erhielt einen gedrängten Bericht über die Ereignisse der letzten Stunden. Auch das Geheimnis der offenen Schmierbüchsen wurde ihm erklärt. Er hörte mißtrauisch zu, als wir ihm sagten, daß ein Amateur seinen Wagen gelenkt hatte, und interessierte sich sehr für alles, was wir über unseren Ausflug in die tote Stadt berichteten. Ich erinnere mich seiner Bemerkungen am Schlusse unseres Berichtes:

»Auch bei der Bank von England gewesen, Herr?«

»Ja, Austin.«

»Mit all den Millionen darin und jedermann in Schlaf gesunken?«

»Jawohl.«

»Und ich nicht dabei!« stöhnte er und wandte sich enttäuscht wieder dem Abwaschen des Wagens zu.

Plötzlich hörten wir Räderknirschen auf dem Kies. Die alte Droschke hielt tatsächlich vor Challengers Tor. Ich sah den jungen Fahrgast aussteigen. Einen Augenblick später brachte das Hausmädchen verwirrt und zerzaust, als wäre sie aus dem tiefsten Schlafe erweckt worden, auf einem Tablett eine Karte. Challenger schnaubte wütend, als er die Karte las und jedes seiner schwarzen Haare schien sich zu sträuben.

»Ein Journalist«, knurrte er. Dann mit geringschätzigem Lächeln: »Immerhin ist es nur natürlich, daß die ganze Welt sich beeilt, zu erfahren, wie ich über dieses Ereignis denke.«

»Das kann schwerlich der Grund seines Kommens sein«, sagte Summerlee, »denn er befand sich ja schon auf diesem Hügel, als die Krise eintrat.«

Ich las den Namen, der auf der Karte stand; James Baxter, Londoner Korrespondent des New-Yorker Monitor.

»Wollen Sie ihn empfangen?« fragte ich.

»Ich gewiß nicht.«

»O George, Du solltest doch gegen andere ein wenig freundlicher und rücksichtsvoller sein. Hast Du denn gar keine Lehre aus dem gezogen, was wir mitmachten?«

Er beruhigte sie und schüttelte seinen großen, eigensinnigen Kopf.

»Ein giftiges Gezücht! Eh, Malone? Das ärgste Unkraut moderner Zivilisation, das willige Werkzeug der Quacksalber und das Hindernis für jeden Mann, der sich selbst achtet. Wann haben sie je ein gutes Wort für mich gehabt?«

»Wann hatten denn Sie ein gutes Wort für Jene?« antwortete ich. »Kommen Sie, Herr Professor, da ist ein Fremder, der eine Reise gemacht hat, um mit Ihnen sprechen zu können. Sie werden doch gewiß nicht unhöflich gegen ihn sein wollen.«

»Nun gut«, murrte er, »Sie kommen mit uns und besorgen das Sprechen. Aber ich erhebe im Voraus Protest gegen ein derartiges gewaltsames Eindringen in mein Privatleben.« Schimpfend und knurrend trollte er sich hinter mir her wie ein schlechtgelaunter Kettenhund.

Der lebhafte junge Amerikaner zog sein Notizbuch heraus und kam sofort zur Sache.

»Ich bin gekommen, Herr Professor«, sagte er, »weil unsere Leute in Amerika gern Näheres über die Gefahr wissen möchten, welche Ihrer Meinung nach die ganze Welt bedroht.«

»Ich weiß von keiner Gefahr, welche jetzt die Welt bedroht«, sagte Challenger brummig.

Mit milder Verwunderung sah der Journalist auf.

»Ich meine die Möglichkeit, Herr Professor, daß die Welt in eine Zone giftigen Äthers gelangen könnte.«

»Ich fürchte jetzt nichts derartiges«, erwiderte Challenger.

Der Journalist blickte noch erstaunter drein.

»Sie sind doch Professor Challenger?« fragte er.

»Ja, so heiße ich, mein Herr.«

»Dann begreife ich nicht, wie Sie sagen können, daß eine Gefahr nicht besteht. Ich beziehe mich auf Ihren eigenen Brief, der, mit Ihrem Namen unterzeichnet, diesen Morgen in der Londoner ›Times‹ veröffentlicht wurde.«

Jetzt war es an Challenger, erstaunt dreinzusehen.

»Heute morgens? Heute morgens ist, soviel ich weiß, keine Nummer der ›Times‹ erschienen.

»Aber, Herr Professor«, sagte der Amerikaner mit sanftem Vorwurf, »Sie werden doch wohl zugeben, daß die ›Times‹ ein täglich erscheinendes Blatt sind.« Er zog eine Nummer aus seiner Rocktasche. »Da ist der Brief, den ich meine.«

Challenger schmunzelte und rieb sich die Hände.

»Ich beginne zu begreifen«, sagte er. »Sie haben also diesen Brief heute morgens gelesen?«

»Ja, mein Herr.«

»Und sind sogleich zu mir gekommen, um mich zu interviewen?«

»Jawohl.«

»Ist Ihnen auf der Fahrt hierher nichts Außergewöhnliches aufgefallen?«

»Wenn ich genau sein soll, ist mir die Bevölkerung viel lebhafter und zugänglicher erschienen als je zuvor. Der Gepäckträger begann mir eine lustige Geschichte zu erzählen – in Ihrem Lande ist mir derlei noch nicht passiert.«

»Sonst nichts?«

»Nein, mein Herr, ich wüßte sonst nichts.«

»Nun gut, wann sind Sie vom Victoria-Bahnhof abgefahren?«

Der Amerikaner lächelte. »Ich bin hergekommen, Sie zu interviewen, Herr Professor, aber Sie scheinen nun den Spieß umzudrehen. Sie fragen ja mehr als ich.«

»Mich interessiert eben Verschiedenes. Wissen Sie noch, wie spät es war?«

»Gewiß. Es war ein halb nach zwölf.«

»Wann sind Sie eingetroffen?«

»Um ein viertel nach zwei.«

»Sie haben eine Droschke aufgenommen?«

»Jawohl.«

»Was glauben Sie wohl, wie weit der Weg vom Bahnhof bis hierher ist?«

»Ich denke so gegen zwei Meilen.«

»Und welche Zeit haben Sie Ihrer Schätzung nach für den Weg benötigt?«

»Mit diesem asthmatischen Vieh wahrscheinlich eine halbe Stunde.«

»Dann müßte es jetzt drei Uhr sein?«

»Ungefähr.«

»Sehen Sie auf Ihre Uhr.«

Der Amerikaner gehorchte und starrte uns dann ganz verblüfft an.

»Was sagt man!« rief er. »Die Uhr ist abgelaufen. Das Pferd hat unbedingt jeden Rekord gebrochen. Zweifellos. Die Sonne steht schon ziemlich tief, wie ich sehe. Irgend etwas stimmt da nicht, aber ich weiß nicht, was es ist.«

»Erinnern Sie sich nicht an irgend etwas Bemerkenswertes, das Ihnen während der Wagenfahrt hierher aufgefallen ist?«

»Ich kann mich nur erinnern, daß ich unterwegs auf einmal sehr schläfrig geworden bin. Jetzt fällt mir auch ein, daß ich dem Kutscher etwas mitteilen wollte und daß ich ihn nicht dazu bringen konnte, mich anzuhören. Ich glaube, daß die Hitze daran Schuld war. Einen Augenblick lang fühlte ich mich sehr schwindlig. Das ist alles.«

»So ist es der ganzen Menschheit ergangen«, sagte Challenger zu mir. »Alle fühlten sich einen Augenblick lang sehr schwindlig, aber noch niemand hat auch nur die leiseste Ahnung, was eigentlich mit ihm vorgegangen ist. Jeder wird seine begonnene Arbeit fortsetzen, so wie Austin seinen Spritzschlauch wieder zur Hand genommen hat und die Golfspieler zu ihrem Spiel zurückgekehrt sind. Ihr Redakteur, Malone, wird wieder an die Herausgabe seiner Zeitung gehen und sich sehr wundern, daß eine Tagesausgabe fehlt. Ja, junger Freund«, wandte er sich in einem unerwarteten Ausbruch guter Laune an den amerikanischen Reporter, »vielleicht wird es Sie interessieren, daß die Welt wohlbehalten die Giftzone durchquert hat, die gleich einem Golfstrom den ätherischen Ozean durchfließt. Es dürfte auch von Vorteil für Sie sein, wenn Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß wir heute nicht Freitag, den siebenundzwanzigsten August, sondern Samstag, den achtundzwanzigsten schreiben und daß Sie volle achtundzwanzig Stunden bewußtlos in Ihrer Droschke auf Rotherfield Hill zugebracht haben.»

»Und gerade hier« – wie mein amerikanischer Kollege sagen würde – will ich meine Erzählung abschließen. Wie der Leser zweifellos merken wird, ist dies nur eine ausführlichere und mit mehr Einzelheiten ausgestattete Wiederholung des Berichtes, welcher in der Montagausgabe der »Daily Gazette« erschien – eines Berichtes, der einstimmig als die größte journalistische Sensation aller Zeiten bezeichnet wird und von welchem nicht weniger als drei und eine halbe Million Exemplare abgesetzt worden sind. In meinem Zimmer prangen an der Wand eingerahmt die folgenden prachtvollen Aufschriften:

Die Welt achtundzwanzig Stunden im
Banne der Schlafsucht.
Nie dagewesenes Ereignis.
Challenger gerechtfertigt.
Unser Korrespondent entgeht dem
Unheil.
Spannender Bericht.
Das Sauerstoffzimmer.
Eine unheimliche Automobilfahrt.
Das tote London.
Der fehlende Tag.
Verheerende Brände und Verluste an
Menschenleben.
Ist eine Wiederholung möglich?

Unterhalb dieser herrlichen Aufzählung kommt der Bericht, welcher neuneinhalb Spalten umfaßt und die erste, letzte und einzige Darstellung des Erlebnisses des Planeten bringt, soweit ein einzelner Beobachter während des einen endlosen Tages davon aufzeichnen konnte. Summerlee und Challenger haben den Vorgang in einer ausschließlich wissenschaftlichen Zeitschrift behandelt, während mir der populäre Bericht zugefallen ist. Ich kann wohl singen: » Nunc dimittis!« Was bleibt dem Journalisten nach Derartigem noch als Steigerung übrig?

Ich will aber nicht mit sensationellen Titelüberschriften und einem lediglich persönlichen Triumph abschließen. Lassen Sie mich lieber die klangvollen Sätze zitieren, mit welchen unsere größte Tageszeitung ihren großartigen Leitartikel über dieses Thema schloß – einen Leitartikel, der im Gedächtnis eines jeden denkenden Menschen haften soll:

»Es ist eine allgemein bekannte Wahrheit«, stand in den ›Times‹, »daß unser Menschengeschlecht den unendlich latenten Kräften gegenüber, die uns umgeben, vollkommen widerstandslos ist. Die Propheten des Altertums und die Philosophen unserer Zeit haben uns dies als Warnung und Mahnung zugerufen. Aber wie alle oft wiederholten Wahrheiten, hat auch diese im Laufe der Zeit ihre Aktualität und zwingende Gewalt verloren. Eine Lehre, eine wirkliche Erfahrung war nötig, um sie uns wieder in Erinnerung zu bringen. Aus dieser gewiß heilsamen, aber entsetzlichen Gottesfügung sind wir hervorgegangen mit einem Gemüt, das die Plötzlichkeit des Schlages noch nicht hat verwinden können, mit einem Geist, der durch die Erkenntnis unserer beschränkten Macht und Unzulänglichkeit geläutert worden ist. Die Welt hat für diese Lehre einen grauenvollen Preis bezahlt. Wir kennen noch nicht den vollen Umfang der Unglücksfälle, doch schon die völlige Vernichtung von New-York, Orleans und Brighton durch Feuer gehört zu den schwersten Tragödien des Menschengeschlechtes. Erst wenn ein vollständiger Bericht über die Eisenbahnunfälle und Schiffskatastrophen vorliegen wird, dann erst wird sich das Unheil überblicken lassen. Allerdings liegen Beweise dafür vor, daß in der Mehrzahl der Fälle die Lokomotivführer und Schiffsmaschinisten es noch fertig gebracht haben, die Maschinen ihrer Fahrzeuge zum Stillstand zu bringen, ehe sie selbst der Schlafsucht zum Opfer fielen. Nicht der Schaden an Menschenleben und Material, so bedeutend er an sich sein mag, soll unseren Geist heute vor allem beschäftigen. Im Laufe der Zeiten wird all dies vergessen werden. Was nicht vergessen werden darf und ewig unserem Gemüt eingeprägt bleiben soll, das ist die Erkenntnis der unbegrenzten Möglichkeiten im Weltall, durch die unsere unwissende Selbstzufriedenheit zerschmettert und in uns das Bewußtsein geweckt wurde, daß unsere materielle Existenz einen unendlich schmalen Pfad bildet, der zu beiden Seiten von tiefen Abgründen umgeben ist. Feierlichkeit und Demut zugleich sind die Grundlagen unserer gegenwärtigen Stimmung. Mögen sie das Fundament bilden, auf dem ein ernsteres und ehrerbietigeres Geschlecht ein würdiges Gotteshaus errichten wird.

 

Finis

 

*

[Verlagswerbung]

In der gleichen Serie der phantastischen Bücher ist bisher erschienen:

Als erster Band:

Stefan Sorel, Jagd durch das Jenseits.

Grundpreis geheftet Mk. 3.50, gebunden Mk. 5.-. Preis für Österreich K 21.000, resp. K 30.000. Ausland Schw. Francs 2. –, resp. 3.-.

Immer hat das Phantastische, das Geheimnisvolle den Menschen angelockt und es wird ihn anlocken, solange das mystische Dunkel des Unbekannten unter dem Schleier des Alltags verborgen liegt. Diesem Zug der menschlichen Natur wird das vorliegende Buch gerecht. Die Handlung läßt sich kaum in wenigen Worten zusammenfassen. Die Erzählung des Inhaltes kann jedenfalls keinen Begriff von der atemraubenden Spannung geben, die den Leser vom Anfang bis zum Ende gefangen hält und ihn zwingt, das Buch in einem Zuge auszulesen.

(Kieler Zeitung, 4. April 1923.)

Glänzend ist der psychologische Aufbau der Handlung. Mit knappen Mitteln wird die unerhörteste Wirkung erzielt und auch in den grassesten Situationen wird nie das unbedingt notwendige Maß überschritten. Bücher-Schicksale zu prophezeien ist gewöhnlich eine riskierte Sache. Diesem Buch jedoch können wir wohl ruhigen Gewissens einen außerordentlichen Erfolg vorhersagen. (Halle'sche Zeitung, 15. April 1923.)

Als dritter Band:

Mark Twain, Ein Yankee am Hof des König Artus.

Grundpreis geheftet Mk. 5. -, gebunden Mk. 7. – . Preis für Österreich K 30.000, resp. K 42.000. Ausland Schw. Francs 3. –, resp. 4. – .

Das bedeutendste Werk des genialen Amerikaners, das bis zum Kriege nicht ins Deutsche übersetzt wurde, da der Autor darin einen ganz eigentümlich prophetisch-revolutionären Ton anschlägt. Die unerschöpfliche Phantasie Mark Twains und sein außerordentlich erquicklicher Humor haben hier ein phantastisches Werk erstehen lassen, das heute vielleicht als einziges seiner Art in der gesamten Weltliteratur dasteht. Übersetzt wurde der Roman von I. Botstiber, dem Neuschöpfer des glänzenden »Tagebuch eines bösen Buben«.

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