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Im Giftstrom

Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom - Kapitel 6
Quellenangabe
authorConan Doyle
titleIm Giftstrom
publisherCarl Stephenson-Verlag
year1924
illustratorOtto Dely
translatorLeopold Wölflin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170724
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V. Die tote Welt.

Ich erinnere mich noch, daß wir gierig nach Luft schnappend, in unseren Sesseln saßen und in vollen Atemzügen den belebenden Südwestwind einsogen, der frisch von der See her zu uns wehte, so daß die Musselinvorhänge am Fenster sich blähten und unsere glühenden Wangen gekühlt wurden. Ich weiß gar nicht, wie lange wir so totenstill gesessen sind. Wir haben uns späterhin nie über diese Zeitdauer einigen können. Wir waren völlig benommen, betäubt, nicht bei klarem Bewußtsein. Unseren ganzen Mut hatten wir zusammengenommen, um dem Tod entgegen zu treten, – aber diese furchtbare neue Tatsache, daß wir gezwungen waren, weiter zu leben, nachdem wir alle unsere Zeitgenossen überlebt hatten, diese Erkenntnis empfanden wir wie einen kräftigen Schlag, der uns niederwarf und uns er« schlaffen ließ. Dann begann der stillgelegte Mechanismus sich langsam wieder zu bewegen, die Denkkraft kehrte zurück und die Gedanken ordneten sich von neuem zu innerem Zusammenhang. Mit scharfer erbarmungsloser Klarheit erkannten wir die Beziehungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, dem Leben, das wir bis jetzt geführt hatten und jenem, das uns für die Zukunft bevorstand. In stummem Entsetzen blickten wir einander an und jeder las in des andern Augen dieselbe fürchterliche Frage. Anstatt der zu erwartenden Freude, die Menschen fühlen sollten, welche so knapp dem sicheren Tode entgangen waren, bemächtigte sich unser die traurigste Niedergeschlagenheit. Alles, was wir auf Erden geliebt hatten, war in dem großen, unbekannten und unermeßlichen Ozean fortgespült worden und wir waren zurückgeblieben auf dieser öden Insel, ohne Gefährten und ohne jede Hoffnung. Noch wenige Jahre, in denen wir gleich Schakalen um die Gräber unserer dahingegangenen Zeitgenossen schleichen würden und dann würde auch unser eigenes, verspätetes, einsames Ende nahen.

»Es ist schrecklich, George, schrecklich!« rief die Frau, bitter weinend. »Wären wir doch lieber mit den anderen zugleich hinübergegangen. Ach, wozu hast Du unser Leben erhalten; ich habe die Empfindung, als wären wir allein gestorben und alle anderen lebten!«

Challengers dichte Augenbrauen zogen sich in angestrengtem Nachdenken zusammen, während er seine ungeheure, haarige Tatze über die ihm entgegengestreckte Hand seiner Frau schloß. Ich hatte bereits früher beobachtet, daß sie, so oft sie voll Kummer war, die Arme nach ihm ausstreckte, so wie es die Kinder der Mutter gegenüber tun, wenn sie etwas bedrückt.

»Obwohl ich nicht in solchem Maße Fatalist bin, um mich ohne Widerstand in alles zu fügen«, bemerkte er, »habe ich die Erfahrung gemacht, daß die höchste Weisheit stets darin liegt, sich in die von der Gegenwart gegebenen Verhältnisse zu fügen.« Er sprach langsam und in seiner vollklingenden Stimme lag tiefes Gefühl.

»Ich stimme nicht mit Ihnen überein«, sagte Summerlee bestimmt.

»Ich glaube nicht, daß Ihre Zustimmung oder Ablehnung hier von nur geringstem Einfluß für die Lage ist«, meinte Lord John. »Sie müssen sich wohl auf jeden Fall, ob mit Widerstand oder freiwillig darein fügen. Was hat also Ihre persönliche Ansicht für einen Einfluß auf die Angelegenheit? Ich kann mich nicht erinnern, daß uns jemand am Anfang dieser Affäre gefragt hätte, ob wir mit der Gestaltung der Dinge einverstanden seien und es ist auch nicht anzunehmen, daß man uns jetzt fragen wird, ob es uns so recht ist. Was kann es nun für einen Unterschied ausmachen, wie wir darüber denken?«

»Das ist jener Unterschied zwischen glücklich und unglücklich sein«, sagte Challenger mit abwesendem Blick, während er immer noch die Hand seiner Frau liebevoll streichelte. »Sie können mit dem Strom schwimmen und Frieden im Herzen und in der Seele finden, Sie können sich aber auch der Strömung entgegenstemmen und dabei zaghaft und müde werden. Es liegt also nur an uns; daher wollen wir die Sache nehmen wie sie ist und nichts mehr darüber sprechen.«

»Aber was, um Gotteswillen, sollen wir mit unserem Leben beginnen?« fragte ich und starrte verzweifelt in den trüben, leeren Himmel. »Was soll ich zum Beispiel anfangen? Zeitungen gibt es keine und womit soll ich mich sonst beschäftigen, was mit der vielen freien Zeit beginnen?«

»Mein Beruf ist ebenfalls zu Ende, da es keine Studenten und keine Kollegien mehr gibt!« rief Summerlee.

»Ich aber danke Gott, daß ich meinen Mann und mein Haus habe, so kann es mir nicht an einem Lebenszweck fehlen!« meinte Frau Challenger.

»Auch mir nicht«, bemerkte Challenger, »wissenschaftliche Arbeiten gibt es in Hülle und Fülle und die Katastrophe selbst wird uns eine Menge hochinteressanter Probleme zur Untersuchung bieten.«

Er hatte das Fenster geöffnet und wir blickten in die schweigende, uferlose Landschaft hinaus.

»Laßt mich nachdenken«, setzte er fort. »Es war gestern 3 Uhr nachmittag, oder, etwas später, als die Erde in den Giftstrom des Äthers soweit eingedrungen war, daß sie vollständig überflutet wurde. Jetzt ist es 9 Uhr. Es fragt sich nun, zu welcher Stunde wir die Zone verlassen haben könnten.«

»Zu Tagesanbruch war die Luft ganz besonders schlecht,« sagte ich.

»Ganz richtig«, bestätigte Frau Challenger. »Ungefähr um 8 Uhr habe ich ganz deutlich am Hals dasselbe Würgen gefühlt wie gestern zu Beginn der Katastrophe.«

»Wir wollen also annehmen, daß wir die Grenze um 8 Uhr wieder überschritten haben. 17 ganze Stunden ist die Erde mit giftigem Äther durchtränkt worden. Diese Zeit hat der große Gärtner dazu benötigt, um das Weltall von den menschlichen Schimmelpilzen zu reinigen, die sich auf der Oberfläche seiner Früchte breit gemacht haben. Ist es nun nicht denkbar, daß das Werk nicht zur Gänze getan wurde und daß Andere gleich uns am Leben geblieben sind?«

»Auch ich denke darüber nach«, sagte Lord John, »warum sollten gerade wir die einzigen Kieselsteine sein, die am Strande liegen geblieben sind?«

»Die Annahme, daß außer uns noch irgend jemand die Sache überlebt haben könnte, ist absolut absurd«, entgegnete Summerlee mit großer Bestimmtheit. »Bedenken Sie nur, wie bösartig das Gift gewirkt hat, daß ein Mensch wie Malone, stark wie ein Büffel und ohne die Spur von Nerven kaum im Stande war, die Treppe herauf zu kommen und schließlich ohnmächtig zusammengebrochen ist. Es ist also nicht wahrscheinlich, daß es jemand nur 17 Minuten lang, geschweige denn so viele Stunden aushalten konnte.«

»Wenn aber nun jemand die Katastrophe vorhergesehen und seine Vorbereitungen getroffen haben sollte wie unser alter Freund Challenger?«

»Das ist höchst unwahrscheinlich«, sagte Challenger, strich seinen Bart nach vorne und blinzelte. »Das Zusammentreffen von Beobachtungsgabe, zwingender Logik und außerordentlicher Einbildungskraft, die mich befähigt hatte, die Gefahr vorauszusehen, ist eine so seltene Fügung, daß sie schwerlich zweifach in der selben Generation zu erwarten sein dürfte.«

»Sie schließen also daraus, daß außer uns alles tot ist?«

»Diesbezüglich kann beinahe kein Zweifel bestehen, allerdings müssen wir uns daran erinnern, daß das Gift von unten nach oben wirkte und daher in den höheren Regionen weniger heftig aufgetreten ist. Diese Erscheinung ist eine gewiß merkwürdige Tatsache. Sie wird uns in Zukunft ein außerordentlich anziehendes Feld für Forschungen bieten. Wollen wir also doch noch nach Überlebenden suchen, hätten wir am ehesten Aussicht auf Erfolg in einem tibetanischen Dorf oder einer Hütte auf dem Gipfel der Alpen, da diese viele tausend Fuß über dem Meeresspiegel liegen.«

»Mit Rücksicht darauf, daß es weder Eisenbahnen noch Schiffe mehr gibt, würde uns dies schließlich genau so viel helfen, wie wenn die Überlebenden im Monde wären«, sagte Lord John. »Aber darüber wenigstens möchte ich Gewißheit haben, ob tatsächlich schon die Gefahr völlig vorbei ist, oder ob wir etwa erst einen Teil hinter uns haben.«

Summerlee verdrehte seinen Hals, um den ganzen Horizont zu überblicken. »Die Luft scheint klarer und milder zu sein«, bemerkte er mit zweifelnder Stimme. »Allerdings war es gestern ebenso und ich bin keineswegs davon überzeugt, daß nunmehr alles vorüber ist.«

Challenger zuckte die Achseln. »Ich muß abermals auf den Fatalismus zurückkommen. Hat sich ein solches Ereignis bereits einmal im Weltall abgespielt, was nicht ausgeschlossen ist, war es gewiß vor sehr langer Zeit und daher können wir wohl auch zuversichtlich hoffen, daß es sehr lange dauern wird, bis sich derartiges wiederholt.«

»Das alles wäre ganz gut und schön«, sagte Lord John, »doch lehrt die Erfahrung, daß einem ersten Erdbebenstoß sogleich der zweite zu folgen pflegt. Ich glaube, daß es sich empfehlen würde, ein wenig Bewegung zu machen und einige Atemzüge frischer Luft zu schnappen, so lange wir die Möglichkeit dazu haben. Da unser Sauerstoff zu Ende ist, kann es uns gleichgültig sein, ob wir draußen oder drinnen überrascht werden.«

Seltsam war die vollkommene Lethargie, welche nun als Reaktion nach der fieberhaften Aufregung und Anspannung der letzten vierundzwanzig Stunden über uns gekommen war. Diese Erschöpfung hatte sich des Körpers wie des Geistes völlig bemächtigt und erfüllte uns mit dem festeingewurzelten Gefühl, daß alles gleichgültig sei und nur Überdruß und unnötige Anstrengung bedeute. Selbst Challenger war davon befallen. Er saß auf seinem Platze, den mächtigen Kopf in beide Hände gestützt, in tiefes Nachdenken versunken, bis Lord John und ich ihn bei je einem Arme ergriffen, ihn fast mit Gewalt auf die Füße stellten, wofür wir nur den bösen Blick und das unwillige Knurren eines gereizten, bissigen Bullenbeißers ernteten. Als wir jedoch aus unserem engen Zufluchtshafen in die weite, freie Natur hinaustraten, kehrte unsere gewohnte Spannkraft langsam zurück.

Was aber sollten wir auf diesem Menschheits-Friedhof beginnen? Waren jemals seit Weltenbeginn Menschen vor solchen Fragen gestanden? Es war allerdings richtig, daß uns die Möglichkeit gegeben war, unsere täglichen Bedürfnisse, selbst die luxuriösesten, in weitgehendem Maße zu befriedigen. Alle Vorräte an Lebensmitteln, alle gefüllten Weinlager, alle Kunstschätze standen uns zu Gebote. Wir hatten nur die Hand danach auszustrecken. Was aber sollten wir mit unserer Zeit beginnen? Einige Aufgaben waren sogleich zu erfüllen, sie warteten bereits auf uns. Wir stiegen also in die Küche hinab und legten die beiden Dienstboten in die für sie bestimmten Betten. Sie schienen ganz schmerzlos gestorben zu sein; die eine saß in ihrem Sessel am Feuer, die andere lag vor der Abwaschstelle für Geschirr. Dann holten wir den armen Austin aus dem Hofe herein. Seine Muskeln waren hart wie ein Brett. Er lag in einer höchst sonderbaren Totenstarre und die Zusammenziehung der Muskelfasern seiner Lippen hatte diese zu einem scheußlich spöttischen Grinsen verzerrt. Diese Anzeichen fanden sich bei allen, die an der Wirkung des Giftes gestorben waren. Wohin wir auch kamen, überall sahen wir diese grinsenden Gesichter, die unserer schrecklichen Lage zu spotten schienen und schweigend in grimmigem Hohnlächeln auf die unglücklichen Überlebenden ihres Geschlechtes hinstarrten.

»Seht her«, sagte Lord John, der rastlos im Speisezimmer hin- und herschritt, während wir etwas Nahrung nahmen, »ich weiß nicht, wie Euch andern zu Mute ist, ich aber halte es einfach nicht aus, hier stillzusitzen und nichts zu tun.«

»Vielleicht«, antwortete Challenger, »würden Sie die besondere Liebenswürdigkeit haben, uns zu sagen, was wir eigentlich tun sollten.«

»Uns einen Ruck geben und nachsehen, was alles geschehen ist.«

»Genau dasselbe wollte ich eben vorschlagen.«

»Aber nicht hier. Was in dem kleinen Dorf vorgegangen ist, können wir ja von diesem Fenster aus sehen.«

»Wohin denn sollen wir gehen?«

»Nach London.«

»Ihr habt leicht reden«, murrte Summerlee. »Ihr könnt wohl eine Fußwanderung von vierzig Meilen aushalten, ob aber Challenger mit seinen dicken, kurzen Beinen sich eine derartige Leistung zumuten kann, ist eine andere Frage. Ich könnte nur für mich gutstehen.«

Challenger ärgerte sich sehr.

»Wenn Sie lernen würden, Herr, Ihre Bemerkungen auf Ihre eigenen körperlichen Eigentümlichkeiten zu beschränken, würden Sie sehen, daß sich Ihnen hier ein genügend großes Beobachtungsfeld und ein ganz außerordentlich reicher Gesprächsstoff bieten würde.«

»Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu kränken, mein lieber Challenger«, rief unser taktloser Gefährte. »Niemand kann für seinen Körperbau zur Verantwortung gezogen werden. Wenn die Natur Sie mit einem dicken, kurzen Körper geschaffen hat, können Sie begreiflicherweise doch auch nur kurze, dicke Beine haben!«

Challenger war derart wütend, daß er kein Wort hervorbrachte. Er konnte nur knurren, blinzeln und seine Haare sträubten sich. Lord John legte sich rasch ins Mittel, bevor der Streit ausarten konnte.

»Ihr sprecht von einer Fußwanderung«, sagte er. »Warum müssen wir denn gehen?«

»Wollen Sie vielleicht mit der Eisenbahn fahren?« fragte Challenger, in dem es immer noch kochte.

»Und was ist mit dem Auto? Warum sollten wir das nicht benützen können?«

»Ich habe darin keine Erfahrung«, sagte Challenger und zupfte nachdenklich seinen Bart. »Sie haben aber vollkommen recht, Lord John, wenn Sie annehmen, daß ein geistig hochstehender Mensch sich jeder Aufgabe gewachsen zeigen muß. Ihr Einfall ist geradezu ausgezeichnet. Ich selbst werde Euch alle nach London fahren.«

»Das werden Sie gefälligst bleiben lassen«, sagte Summerlee energisch.

»Nein, George, das geht wirklich nicht«, rief seine Frau. »Erinnere Dich nur, wie Du es einmal versucht und dabei die halbe Garage demoliert hast.«

»Das war eben bloß ein momentanes Versagen«, erklärte mit Seelenruhe Challenger. »Sie können die Frage als erledigt betrachten, ich selbst werde Euch alle nach London fahren.«

Lord John rettete die Lage.

»Was für ein Wagen ist es denn eigentlich?« fragte er.

»Ein zwanzigpferdiger Humber.«

»Einen solchen habe ich ja Jahre hindurch selbst gefahren«, rief er lebhaft. »Bei Gott«, fügte er hinzu, »ich hätte nie gedacht, daß ich jemals die ganze vorhandene Menschheit in einen Wagen aufladen würde. Er faßt gerade fünf Personen, wie ich mich erinnere. Bereitet Euch für die Fahrt vor – ich werde um zehn Uhr vor der Haustüre halten.«

Pünktlich zur bezeichneten Stunde fuhr der schnurrende und fauchende Wagen vor, von Lord John gelenkt. Ich setzte mich neben ihn und Frau Challenger wurde im Wageninnern als nützlicher kleiner Pufferstaat zwischen die beiden feindlichen Mächte gezwängt. Lord John schaltete die Bremse aus, die Geschwindigkeit ein – erste, zweite, dritte – und wir sausten davon, auf die seltsamste Reise, welche seit Menschengedenken unternommen worden ist.

Man muß sich die wundervolle Lieblichkeit der Natur an diesem herrlichen Augustvormittag vorstellen, die kühle, reine Morgenluft, den goldenen Glanz des Sommersonnenscheins, den unbewölkten Himmel, das saftige Grün der berühmten Sussexer Wälder und dazu den prachtvollen Gegensatz, welchen die im tiefsten Rot blühende Heidelandschaft bot. Wenn der Blick all die vielfarbige Schönheit rings umher erfaßte, hätten alle Gedanken an die Möglichkeit einer Katastrophe entschwinden müssen, wäre nicht ein nur zu deutlicher Beweis dagewesen: das tödliche, feierliche, alles umfassende Schweigen. Es gibt ein gewisses leises, lebendiges Summen, das jede bevölkerte Gegend erfüllt – und das so tief und gleichbleibend ist, daß es das gewohnte Ohr nicht mehr vernimmt, ebenso wie der Küstenbewohner alte Empfindung für das ewige Raunen der Welten verliert. Das Gezwitscher der Vögel, das Summen der Insekten, der Klang entfernter Stimmen, das Brüllen der Rinder, das Bellen der Hofhunde, das Rollen der Eisenbahnzüge, das Rasseln der Wagen auf der Fahrstraße – all dies bildet ein tiefes, ununterbrochenes Tönen, welches den Ohren, die es vernehmen, nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Nun vermißten wir dieses Geräusch. Die Totenstille wirkte beängstigend. So feierlich wirkte sie, so eindrucksvoll, daß wir das Surren und Zischen unseres Wagens als eine nicht zu rechtfertigende Störung ansahen, als eine ungehörige Entweihung dieser ehrwürdigen Ruhe, welche sich gleich einem ungeheuren Leichentuche über die Ruinen der Menschheit gelegt hatte. Dieses starre Todesschweigen im Verein mit den Rauchwolken, welche hier und dort aus den eingeäscherten Gebäuden zum Himmel aufstiegen, dämpfte wie ein Eishauch unsere warme Empfindung für die Pracht der Landschaft.

Und dann diese Toten! Im Anfang erfüllten uns die unzähligen Gruppen verkrampfter und grinsender Totengesichter mit stets erneutem Grauen. Der Eindruck hievon war so tief und bleibend, daß ich alles nochmals durchzuleben glaube, die langsame Talfahrt, vorbei an dem Kindermädchen mit ihren Pflegebefohlenen, dem alten, zwischen der Wagendeichsel knieenden Gaul, dem Kutscher, welcher verrenkt auf dem Bocke sitzt und dem jungen Mann im Wageninnern, welcher die Türe gepackt hält, um aus dem Wagen zu springen. Tiefer unten dann die wirre Gruppe von sechs Feldarbeitern, die Glieder im wüsten Durcheinander, die toten, gebrochenen Augen zum Himmel aufgeschlagen. Alle diese Bilder sehe ich vor mir, wie auf einer Photographie. Aber dank der wohltätigen Natur stumpften sich unsere gemarterten Nerven bald ab. Der ungeheure Umfang des Verderbens ließ keine Anteilnahme an einem Einzelfall aufkommen. Die Individuen flossen zu Gruppen, die Gruppen zu Massen zusammen und letztere formten sich zu einer allgemeinen Erscheinung, welche man als unvermeidliche Zugabe zur Landschaft in den Kauf nehmen mußte. Nur hie und da, wenn sich eine besonders tragische oder groteske Szene ergab, kam das Begreifen und Verstehen der ganzen Lage wieder über uns. Vor allem ergriff uns das Los der Kinder und erfüllte uns mit einem unwiderstehlichen Gefühl einer unerträglichen Ungerechtigkeit. Wir hätten weinen mögen. Frau Challenger vergoß tatsächlich bittere Tränen, als wir an der großen Grafschaftsschule vorüberfuhren und die langen Reihen kleiner Gestalten erblickten, die auf der Straße zur Schule verstreut umherlagen. Sie waren von den entsetzten Lehrern entlassen worden und wollten gerade nach Hause eilen, als sie von dem todbringenden Gifte ereilt wurden. Viele Leute lagen in den offenen Fenstern ihrer Häuser. In Tunbridge gab es beinahe kein Fenster, in dem nicht ein starr lächelndes Totengesicht zu sehen war. Im letzten Augenblick hatte das Gefühl der Beklemmung, das Verlangen nach Sauerstoff, das zu befriedigen wir allein in der Lage gewesen waren, sie zu den offenen Fenstern getrieben. Auch die Fußsteige waren mit Männern und Frauen übersät, welche ohne Kopfbedeckung und so, wie sie gerade waren, aus ihren Häusern hinausgestürmt waren. Manche von ihnen waren auf dem Fahrdamm niedergestürzt. Ein wahres Glück, daß Lord John ein so geschickter Wagenlenker war, denn es bedeutete eine keineswegs leichte Aufgabe, sich den Weg zu bahnen. Wir konnten die Dörfer und Städte nur in ganz langsamem Tempo durchfahren und ich erinnere mich noch, daß wir einmal, vor der Schule von Tunbridge, so lange halten mußten, bis wir die zahlreichen Körper, die uns den Weg versperrten, auf die Seite getragen hatten. Einige ganz besonders charakteristische Bilder aus dem langestreckten Panorama des Todes auf den Straßen von Sussex und Kent haben sich mir außerordentlich lebhaft eingeprägt. Eines davon war ein großes, glänzendes Automobil, welches vor einem Gasthof von Southborough stand. Darin befanden sich, wie ich annehmen konnte, einige Vergnügungsreisende auf dem Rückwege von Brighton oder Eastbourne. Es waren drei elegant gekleidete Frauen, alle drei jung und schön. Eine von ihnen hatte einen kleinen chinesischen Hund auf ihrem Schoße. In ihrer Gesellschaft befand sich ein verlebt aussehender älterer Mann und ein junger Aristokrat, welcher das Einglas noch im Auge und die bis auf einen Stummel herabgebrannte Zigarette noch zwischen den Fingern seiner behandschuhten Hand hielt. Der Tod war augenblicklich über sie gekommen und hatte sie in ihren natürlichen Stellungen festgehalten. Mit Ausnahme des älteren Mannes, welcher im letzten Augenblicke der Beklemmung seinen Kragen heruntergerissen hatte, um freier atmen zu können, glichen sie gänzlich Schlafenden. An der einen Seite des Wagens neben dem Trittbrett saß zusammengekauert ein Kellner, in der Hand ein Tablett mit einigen zerbrochenen Gläsern. Auf der andern Seite lagen zwei zerlumpte Landstreicher, ein Mann und eine Frau; der Mann den langen, mageren Arm noch ausgestreckt, wie er um Almosen gebettelt hatte. Ein einziger kurzer Augenblick hatte alle Standesunterschiede ausgeglichen und aus dem Aristokraten, dem Landstreicher und dem Hund die gleiche leblose Masse sich zersetzender Protoplasmen gemacht.

Zeichnung: Otto Dely

Eines anderen merkwürdigen Bildes erinnere ich mich noch, das sich unseren Blicken einige Meilen von Sevenoaks, gegen London zu, bot. Linker Hand liegt ein stattliches Kloster, an einer langen, grasbewachsenen Böschung. Bei Eintritt der Katastrophe hatte sich auf dieser Böschung eine große Anzahl von Schulkindern zum Gebet versammelt und alle waren so in knieender Stellung vom Tode ereilt worden. Vor ihnen lag eine ganze Reihe Nonnen und etwas höher oben, ihnen zugewandt, eine einzelne Frauengestalt, welche wir für die Mutter Oberin hielten. Im Gegensatze zu den Vergnügungsreisenden schienen sie das herannahende Ende vorausgeahnt zu haben und hatten sich versammelt, um schön und würdig zu sterben. Lehrerinnen und Schülerinnen hatten sich zum letzten gemeinsamen Unterricht eingefunden.

Mein Geist ist noch immer betäubt von dem Schrecklichen, das uns unterwegs begegnete und vergebens suche ich nach Worten, um unsere Empfindungen und Gefühle auch nur annähernd zu schildern. Es wird am besten sein, wenn ich mich damit begnüge, zu berichten, was wir gesehen. Sogar Summerlee und Challenger waren ganz gebrochen und der Lord und ich vernahmen nichts von unseren Reisegefährten hinter uns im Wagen, als manchesmal ein leises Aufschluchzen der Frau. Lord John war viel zu sehr mit dem Lenken des Wagens und der schwierigen Aufgabe beschäftigt, uns ungefährdet durch all die Hindernisse zu bringen, als daß er Zeit und Lust zur Konversation gehabt hätte. Nur eine Redensart sagte er fortwährend vor sich hin, die in ihrer steten Wiederholung geradezu nervenmordend wirkte, über die ich aber schließlich doch lachen mußte, da sie sein Urteil über diesen jüngsten Tag enthielt:

»Schöne Wirtschaft, was?!«

Das blieb sein Ausruf bei jedem neuen Bilde des Grauens und der Zerstörung. »Schöne Wirtschaft, was?!« hatte er schon gerufen, als wir den Hügel von Rotherfield hinabfuhren und das war sein Ruf, als wir unseren Weg durch die Todeswüste in der High Street in Lewisham und der Old Kent Road nahmen.

An dieser Stelle wurde unseren Nerven ein heftiger Stoß versetzt. Aus einem Fenster eines einfachen Eckhauses sahen wir ein weißes Taschentuch flattern, welches von einem langen, hageren menschlichen Arm geschwenkt wurde. Nie noch hatte der unvorhergesehene Anblick des Todes unsere Herzen derart stillstehen und gleich darauf umso wilder schlagen lassen, als hier dieses wunderbare Zeichen von Leben. Lord John ließ den Wagen halten und im nächsten Augenblicke eilten wir durch das offene Haustor die Treppen hinauf in das Gassenzimmer im zweiten Stock, woher das Tuch geweht hatte.

In einem Sessel am offenen Fenster saß eine sehr alte Frau und nahe bei ihr, quer auf einem zweiten Sessel, lag ein Sauerstoffzylinder, etwas kleiner, aber von derselben Beschaffenheit, wie die, denen wir unser Leben verdankten. Sie wendete uns ihr mageres, abgezehrtes, bebrilltes Gesicht zu, als wir zur Tür hineinstürmten.

»Ich habe schon gefürchtet, daß ich für immer allein bleiben werde«, sagte sie. »Ich bin krank und kann mich nicht rühren.«

»Ein glücklicher Zufall hat uns hergeführt«, antwortete Challenger.

»Ich habe eine ungeheuer wichtige Frage an Sie zu richten«, sagte sie. »Bitte, meine Herren, antworten Sie mir ganz aufrichtig. Welchen Einfluß werden diese Ereignisse auf London und die Aktien der North-Western-Railway haben?«

Hätte sie nicht mit so tragischem Ernst gesprochen, würden wir wahrscheinlich laut herausgelacht haben. Frau Burston, dies war ihr Name, war eine bejahrte Witwe, welche ihr ganzes Einkommen aus einem kleinen Besitz obiger Papiere bezog. Ihre ganze Lebensführung hing davon ab, ob die Dividende dieses Unternehmens stieg oder fiel und sie konnte sich eine Existenz, welche nicht im Zusammenhange mit dem Werte ihrer Anteilscheine war, einfach nicht vorstellen. Vergebens suchten wir ihr begreiflich zu machen, daß sie soviel Geld nehmen konnte, als sie brauchen würde und daß das genommene Geld gar keinen Wert für sie haben würde. Ihr abgenütztes Begriffsvermögen konnte sich der veränderten Sachlage nicht anpassen und sie weinte bitterlich um ihr verlorenes Vermögen. »Das war mein ganzer Besitz«, jammerte sie, »nun, da ich ihn verloren habe, wäre es am besten, wenn ich sterben könnte!«

Bei all ihrem Wehklagen war es uns doch möglich zu erfahren, wie diese schwächliche alte Pflanze erhalten geblieben war, während der ganze große Wald zugrunde ging. Sie war krank und asthmatisch und um ihre Atembeschwerden zu lindern, hatte der Arzt ihr Sauerstoff verordnet. In der Zeit, da die Katastrophe hereinbrach, befand sich der Sauerstoffbehälter in ihrem Zimmer. Naturgemäß hatte sie davon eingeatmet, wie sie dies stets in Fällen von Atemnot zu tun pflegte. Das hatte ihr Erleichterung verschafft und während sie nach und nach ihren Vorrat verbrauchte, konnte sie die kritische Nacht überleben. Schließlich war sie unruhig eingeschlafen und erst durch das Geräusch unseres Automobils aufgeweckt worden. Da es ausgeschlossen war, sie mitzunehmen, versorgten wir sie mit allem Nötigen und versprachen ihr, uns in einigen Tagen mit ihr in Verbindung zu setzen. Wir gingen, während sie immer noch bitterlich über den Verlust ihrer Aktien weinte.

Als wir uns der Themse näherten, wurde es schwieriger vorzudringen, da die Hindernisse auf den Straßen sich mehrten. Mit großer Mühe gelangten wir bis London Bridge. Die Zugänge von der Middlesexerseite her waren von einem Ende zum andern mit allerlei Verkehrshindernissen verstopft, so daß es unmöglich war, in dieser Richtung weiter zu gelangen. In einer der Werften in der Nähe der Brücke stand ein Schiff in hellen Flammen und die Luft war von umherfliegendem Ruß und einem scharfen Brandgeruch erfüllt. Über der Gegend des Parlaments lagerte eine dichte Rauchwolke, wir konnten aber von der Stelle aus, an welcher wir uns befanden, nicht erkennen, was eigentlich brannte.

Zeichnung: Otto Dely

»Ich weiß nicht, wie es Euch vorkommt, aber mir erscheint das Land nicht so furchtbar wie London«, bemerkte Lord John, während er den Wagen zum Stillstande brachte. »Das gestorbene London fällt mir auf die Nerven. Ich bin dafür, daß wir eine Rundfahrt machen und dann nach Rotherfield zurückkehren.«

»Ich begreife nicht, was wir hier eigentlich suchen«, sagte Professor Summerlee.

»Andererseits aber,« sagte Challenger, dessen sonore Stimme in der fürchterlichen Stille eigentümlich widerhallte, »ist es schwerlich anzunehmen und wahrscheinlich, daß von sieben Millionen Menschen in dem großen London nur eine alte Frau übriggeblieben sein soll, die durch den Zufall ihres Leidens und des Hilfsmittels dafür als Einzige die Katastrophe überlebt hat.«

»Selbst wenn noch andere gerettet wären, wie können wir hoffen, sie zu finden, George?« meinte seine Frau. »Doch bin ich darin ganz Deiner Meinung, daß wir London nicht eher verlassen dürfen, ehe wir alles Mögliche versucht haben.«

Wir ließen den Wagen am Rande des Fahrdammes stehen, gingen unter Überwindung zahlreicher Hindernisse über den menschenbesäten Bürgersteig die King William Street entlang und traten schließlich durch eine offene Tür in das Gebäude einer großen Versicherungsgesellschaft ein. Es war dies ein Eckhaus, welches wir als günstig gelegenen Beobachtungsposten gewählt hatten, da es Ausblick nach allen Richtungen bot. Nachdem wir in das obere Stockwerk gelangt waren, betraten wir einen Raum, in welchem jedenfalls gerade eine Konferenz stattgefunden hatte, denn acht ältere Herren saßen hier um einen langen Tisch in der Mitte des Zimmers. Das hohe Fenster war geöffnet und wir alle traten auf den Balkon hinaus. Von hier aus überblickten wir die überfüllten Straßen der City, nach allen Richtungen ausstrahlend. Dicht unter uns war die Straße in ihrer ganzen Breite schwarz von den Dächern der regungslos dastehenden Autos. Fast alle standen in der Richtung der Stadtperipherie, was darauf schließen ließ, daß die geängstigten Männer der City nur das Bestreben gehabt hatten, unverzüglich zu ihren Familien in den Vorstädten oder auf dem Lande zu eilen. Stellenweise sah man unter den bescheidenen Cabs das prunkvolle, messingbeschlagene Auto irgend eines Geldmagnaten hilflos eingekeilt in dem eingedämmten Strom des gelähmten Straßenverkehrs. Gerade unter uns stand ein solcher Wagen von besonderer Größe und kostbarer Ausstattung, dessen Insasse, ein dicker alter Mann sich herausbeugte, seinen plumpen Körper zur Hälfte durch das Fenster gepreßt, die Hand mit den kurzen, von Brillantringen glitzernden Fingern ausgestreckt, als ob er seinen Chauffeur angetrieben hätte, um jeden Preis das Gedränge zu durchbrechen. Ein Dutzend Automobilomnibusse ragten empor wie Inseln aus der Brandung. Die Fahrgäste lagen auf den Dächern kreuz und quer durcheinander wie verstreutes Kinderspielzeug. An dem breiten Pfahl einer Bogenlampe, inmitten der Straße, lehnte ein stämmiger Schutzmann in so natürlicher Stellung, den Rücken an den Mast gestützt, daß es schwer war zu glauben, daß er nicht mehr lebte. Zu seinen Füßen lag ein zerlumpter Zeitungsjunge und ein Paket Zeitungen auf der Erde neben ihm. Ein Zeitungswagen war hier stecken geblieben und wir lasen in großen Buchstaben, schwarzgelb: »Szene bei Lords. Das große Match wird unterbrochen.« Das schien die erste Ausgabe zu sein, denn andere Plakate trugen die Aufschriften: »Ist es das Ende? Eines großen Gelehrten Warnung.« Eine andere Überschrift lautete: »Hat Challenger recht? Beunruhigende Nachrichten.«

Challenger zeigte das letzte Plakat, welches bannergleich über die Menge hinausragte, seiner Frau. Ich konnte sehen, wie er sich bei dessen Durchlesen in die Brust warf und den Bart strich. Es gefiel ihm und schmeichelte seinem vielseitigen Geist, daß London in der Todesstunde noch seines Namens und seiner Prophezeiung gedacht hatte. So offen trug er seine Gedanken zur Schau, daß er damit die ironische Kritik seines Kollegen hervorrief.

»Bis zum letzten Augenblick im Glanz der Rampenlichter, Challenger«, bemerkte er.

»Es scheint so«, antwortete dieser selbstgefällig. »Nun«, meinte er und blickte die ausstrahlenden Straßen entlang, welche alle im Banne des Todesschweigens standen, »ich sehe wirklich nicht ein, zu welchem Zwecke wir noch länger hier in London bleiben sollen. Ich schlage vor, daß wir so bald als möglich nach Rotherfield zurückkehren und dort beraten, wie wir die vor uns liegenden Jahre möglichst nutzbringend verbringen wollen.«

Nur noch eine Szene von all dem, was wir in der toten Stadt gesehen, will ich schildern. Wir wollten einen Blick in die alte Marienkirche werfen, welche in der Nähe der Stelle lag, an der unser Automobil uns erwartete. Wir schoben die ausgestreckten Körper beiseite, welche auf den Stufen ruhten, öffneten die Tür und traten ein. Der Anblick war überwältigend. Die Kirche war überfüllt mit Betenden in allen erdenklichen Stellungen der Andacht und Selbsterniedrigung. Im letzten Augenblick des Grauens, als sie sich plötzlich den Wirklichkeiten des Lebens gegenübergestellt sahen, diesen furchtbaren Wirklichkeiten, die immer über uns hängen, während wir bloß ihren Schatten nachlaufen, waren die entsetzten Menschen in diese alte Kirche der City gestürmt, in der seit Menschenaltern kein Gottesdienst mehr abgehalten worden war. Da knieten sie nun, so dicht beisammen wie nur möglich; manche hatten in der Aufregung vergessen, den Hut abzunehmen, während von der Kanzel herab ein junger Laienbruder zu ihnen gesprochen zu haben schien, als er und sie von ihrem Los ereilt wurden. Er lag nun wie Punch in seiner Bude, mit Kopf und Armen schlaff über die Kanzel herabhängend. Es war wie ein Albdruck; die altersgraue, staubige Kirche, die vielen Reihen verzerrter Toter, die schweigende Dämmerung, welche über dem Ganzen schwebte. Wir schlichen flüsternd auf den Zehenspitzen umher.

Plötzlich hatte ich einen Einfall. In der Ecke der Kirche, nahe der Türe, stand der alte Taufbrunnen und dahinter befand sich eine tiefe Nische, in welcher die Seile der Glocken herabhingen. Was hinderte uns, die Glocken zu läuten und all denen, die in London dem großen Sterben entgangen sein mochten, eine Lebensbotschaft zu senden? Es würde Jeden, der noch am Leben war, gewiß zu uns heranziehen. Ich lief schnell hinüber und während ich versuchte, an dem Seil zu ziehen, war ich erstaunt zu sehen, daß das Läuten einer Glocke solch eine schwierige Sache war. Lord John war mir gefolgt.

»Bei Gott, mein Junge, Sie sind da auf eine großartige Idee gekommen«, rief er und warf seinen Rock ab. »Geben Sie her da, zu zweit werden wir sie bald bewegen.«

Aber trotzdem wollte es nicht gehen und erst, als Challenger und Summerlee ihre Anstrengungen mit den unseren vereinigten und sich gleichfalls an das Seil hingen, hörten wir über unseren Köpfen das metallische Klingen und Dröhnen, welches uns verriet, daß der große Klöppel mit seiner Musik begann. Weit über das tote London hin verkündete die Glocke die Botschaft von treuer Kameradschaft und Hoffnung für alle überlebenden Mitmenschen. Wir selbst fühlten durch den tiefen, metallischen Glockenruf unsere Herzen erhoben und widmeten uns mit zunehmender Hingabe der Arbeit. Jedesmal wenn das Seil nach aufwärts gezogen wurde, riß es uns zwei Fuß hoch mit, doch zogen wir mit vereinten Kräften, bis es niederging. Challenger, am tiefsten unten, verwendete seine ganze große Körperkraft auf diese Arbeit, auf- und niederspringend wie ein ungeheurer Ochsenfrosch und bei jedem Zuge heftig krächzend. Es ist nur schade, daß kein Maler anwesend war, welcher diesen Anblick festgehalten hätte, wir vier Abenteurer, welche schon so viele seltsame Erlebnisse hinter sich hatten und denen nun auch dieses einzigartige vorbehalten war. Wir arbeiteten eine halbe Stunde fort, bis uns der Schweiß über unsere Gesichter herabrann und Arme und Rücken von der heftigen ungewohnten Anstrengung schmerzten. Dann begaben wir uns unter das Kirchenportal und blickten eifrig die stillen Straßen auf und ab. Nicht ein Laut, nicht eine Bewegung sagte uns, daß jemand das Glockenläuten, unseren Ruf vernommen.

Zeichnung: Otto Dely

»Es hilft nichts, niemand ist zurückgeblieben!« rief ich verzweifelt.

»Mehr können wir nicht tun«, sagte Frau Challenger. »Um Gotteswillen, George, fahren wir nach Rotherfield zurück. Noch eine Stunde in dieser ausgestorbenen, furchtbaren Stadt würde mich zum Wahnsinn treiben.«

Wortlos bestiegen wir den Wagen. Lord John wendete und wir fuhren in südlicher Richtung davon. Das Schlußkapitel schien für uns beendigt. Wir ahnten nicht, daß ein wunderbarer neuer Abschnitt unser wartete.

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