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Im Giftstrom

Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom - Kapitel 4
Quellenangabe
authorConan Doyle
titleIm Giftstrom
publisherCarl Stephenson-Verlag
year1924
illustratorOtto Dely
translatorLeopold Wölflin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170724
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III. Von der Flut ergriffen.

Der Raum, welcher den Schauplatz unseres unvergeßlichen Erlebnisses bilden sollte, war ein von weiblichem Geschmacke reizend eingerichtetes Boudoir, ungefähr 14 bis 16 Fuß im Quadrat. Anschließend daran, durch einen Vorhang von rotem Samt getrennt, befand sich ein kleines Zimmer, das dem Professor als Ankleideraum diente. Von hier aus ging es dann in das geräumige Schlafzimmer.

Der Vorhang blieb hängen, doch bildete für unser Experiment das Boudoir und das Ankleidezimmer nur einen einzigen Raum. Eine Türe und die Fensterrahmen waren mit Streifen von Firnispapier ringsum beklebt, so daß sie buchstäblich vollkommen abgeschlossen waren. Über der andern Türe, die in das Vorzimmer mündete, hing eine Luftklappe, welche mittels einer Schnur geöffnet werden konnte, falls der Zutritt frischer Luft notwendig sein sollte. In jeder Ecke des Zimmers stand in einem Kübel eine große Blattpflanze.

»Eine besonders heikle und lebenswichtige Frage bildet es, wie wir uns der überschüssigen Kohlensäure, die wir ausatmen, entledigen können, ohne dabei den Sauerstoff irgendwie zu vergeuden«, sagte Challenger und betrachtete nachdenklich die fünf nebeneinander an der Wand lehnenden Sauerstoffbehälter. »Hätte ich mehr Zeit zu diesen Vorbereitungen gehabt, so hätte ich auf die Lösung dieser Frage meinen Verstand mit voller Kraft konzentrieren können. Aber es wird schließlich auch so gehen. Die Pflanzen dort werden uns auch noch von Nutzen sein. Zwei von den Sauerstoffbehältern sind so vorbereitet, daß sie innerhalb weniger Augenblicke gebrauchsfertig sein werden. Auf diese Weise können wir nicht überrascht werden. Jedenfalls wird es gut sein, wenn wir uns nicht allzu weit von diesem Zimmer entfernen würden, der kritische Zeitpunkt kann plötzlich und unerwartet eintreten.«

Ein niedriges, breites Fenster ging auf den Balkon hinaus. Es bot sich uns von hier die gleiche Aussicht, die wir bereits vom Arbeitszimmer aus hatten bewundern können. Ich sah hinaus, konnte aber nirgends Ungewöhnliches entdecken. Vor meinen Augen zog sich der Weg in sanften Windungen den Hügel hinab. Eine Bahnhof-Droschke – eines jener vorsintflutlichen Überbleibsel, die bloß noch in einzelnen Dörfern zu finden sind – kam langsam herauf. Weiter unten sah ich ein Kindermädchen, das einen Kinderwagen vor sich hinschob und ein zweites Kind neben sich an der Hand führte. Die von den Hausdächern ringsum aufsteigenden blauen Rauchwölkchen gaben der weiten Landschaft das Gepräge beruhigender Ordnung und anheimelnden Wohlbehagens. Nirgends, weder am blauen Himmel noch auf der sonnenbeschienenen Erde, sah man Anzeichen einer nahenden Katastrophe. Die Schnitter waren wieder auf den Feldern und die Golfspieler, in Gruppen zu zweit oder viert, bewegten sich auf dem Platze umher.

In meinem Kopfe herrschte eine derart eigentümliche Verwirrung und meine überreizten Nerven befanden sich in solchem Aufruhr, daß mir die Gleichgültigkeit dieser Leute erstaunlich und unfaßbar schien.

»Diese Leute scheinen sich sehr wohl zu fühlen«, bemerkte ich und wies auf den Golfplatz hinab.

»Haben Sie jemals Golf gespielt?« fragte Lord John.

»Das habe ich allerdings nicht.«

»Nun, junger Mann, wenn Sie es jemals tun werden, dann werden Sie erfahren, daß ein richtiger Golfspieler, wenn er einmal ein Spiel angefangen hat, höchstens durch den Donnerschlag des jüngsten Tages darin aufgehalten werden kann. Hallo! Da läutet der Fernsprecher schon wieder!«

Von Zeit zu Zeit, während und nach der Mahlzeit, war der Professor durch das laute, schrille Läuten abgerufen worden. In wenigen kurzen Worten teilte er uns dann immer die Nachrichten mit, die an ihn gelangten. Noch nie seit dem Bestehen der Welt hatte man von so entsetzlichen Geschehnissen gehört. Vom Süden her kam der große Schatten herangekrochen, gleich einer ungeheuerlichen Todeswelle. Ägypten hatte das Delirium überstanden und war entschlafen. In Spanien und Portugal waren rasende Kämpfe zwischen den Klerikalen und den Anarchisten von der Stille des Todes beendet worden. Aus Südamerika kamen keinerlei Depeschen mehr. In den südlichen Gebieten Nordamerikas war die Bevölkerung nach fürchterlichen Rassekämpfen dem Gifte zum Opfer gefallen. Nördlich, in der Gegend Marylands, hatte man noch wenig von der Wirkung verspürt, in Kanada beinahe gar nichts. Dagegen waren Belgien, Holland und Dänemark nacheinander von der Flut ergriffen worden. Verzweifelte Hilferufe flogen von allen Seiten an die Zentren der Wissenschaft, an die Chemiker und Ärzte von Weltruf, man flehte sie an, zu raten und zu helfen. Auch die Astronomen wurden mit Fragen überschüttet. Aber nichts ließ sich mehr tun. Die Erscheinung war allgemein und lag außerhalb unseres menschlichen Wissens und Eingreifens. Es war der Tod – schmerzlos, doch unaufhaltsam – der Tod für Jung und Alt, Gesund und Krank, Arm und Reich und es gab keine Möglichkeit des Entrinnens. Solcherart waren die Nachrichten, welche uns aus abgebrochenen, verzweifelten Gesprächen aus dem Fernsprecher entgegenklangen. Die großen Städte wußten bereits ihr Schicksal und soviel wir ersehen konnten, bereiteten sie sich darauf vor, es mit Ergebung und Würde zu tragen.

Immer noch sahen wir vor uns drunten die Landleute und Golfspieler ihrer Beschäftigung nachgehen, ahnungslos wie das Schaf unter dem Messer des Schlächters. Es schien unglaublich. Aber woher hätten sie es auch erfahren sollen? Es war an uns alle herangekommen mit ungeheuerlichen Riesenschritten.

Eben zeigte die Uhr drei Uhr Nachmittag. Während wir hinausblickten, mußte sich plötzlich irgend eine Nachricht verbreitet haben, denn laufend verließen die Schnitter ihre Felder, einige Golfspieler eilten in die Klubräume – sie liefen, als wollten sie vor einem drohenden Regen flüchten. Die kleinen Balljungen trabten hinter ihnen her. Einige Leute spielten jedoch noch immer weiter. Das Kindermädchen hatte Kehrt gemacht und schob den Kinderwagen eiligst den Hügel herauf. Ich bemerkte, daß sie die Hand an die Stirn gelegt hatte. Die Droschke war stehengeblieben und das müde Pferd ließ den Kopf bis zwischen die Knie hinuntersinken. So schien es einzuschlafen.

Über uns wölbte sich der tiefblaue Himmel in strahlender, sommerlicher Schönheit, einige leichte, weiße Wölkchen schwammen auf der ungeheuren Wölbung. War dem menschlichen Geschlechte für heute der Tod beschieden, so war es wenigstens ein Tod in Schönheit. Allerdings ließ gerade diese sanfte Lieblichkeit der Natur in ihrem Gegensatz zu dem bevorstehenden, furchtbaren Ereignis das Ganze umso grauenvoller erscheinen. Es war doch ein friedliches und angenehmes Leben, aus dem wir nun so rasch und unbarmherzig gerissen werden sollten.

Ich habe erwähnt, daß der Fernsprecher nochmals geläutet hatte. Plötzlich hörte ich Challengers dröhnende Stimme aus der Hall herübertönen.

»Malone!« rief er, »Sie werden verlangt!«

Ich lief rasch hin und erkannte Mac Ardles Stimme. Er hatte mich von London aus angerufen.

»Sind Sie es, Mr. Malone?« rief seine wohlbekannte Stimme. »Mr. Malone, hier in London geht es schrecklich zu. Um Gotteswillen, fragen Sie Professor Challenger, was er zur Hilfe vorschlägt!«

»Er kann hier nichts vorschlagen, Herr,« erwiderte ich, »er betrachtet die Krise als allgemein und unabänderlich. Wir haben etwas Sauerstoff hier vorbereitet, doch kann das unser Schicksal nur um ein paar Stunden hinausschieben.«

»Sauerstoff!« rief seine angstvolle Stimme. »Es ist keine Zeit mehr, Sauerstoff zu beschaffen. Seit Sie heute morgens abgereist sind, ist die Redaktion zu einem vollkommenen Narrenhaus geworden. Nun ist die Hälfte des Personals bewußtlos. Ich selbst kann mich vor Müdigkeit kaum noch schleppen. Von meinen Fenstern aus sehe ich auf der Fleet-Street die Menschen in dichten Haufen herumliegen. Jeder Verkehr ist völlig eingestellt. Nach den letzten Telegrammen zu schließen, ist die ganze Welt – –«

Zeichnung: Otto Dely

Seine Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken und verstummte nun gänzlich. Einen Augenblick später hörte ich durch das Telephon einen dumpfen Schlag, als ob sein Kopf nach vorne gegen den Schreibtisch gefallen wäre.

»Mr. Mac Ardle!« schrie ich, »Mr. Mac Ardle!«

Keine Antwort. Als ich das Hörrohr anhing, wußte ich, daß ich seine Stimme das letzte Mal gehört hatte.

In diesem Augenblick, als ich eben vom Fernsprecher einen Schritt nach rückwärts machte, war das Ding über uns. Es war, wie wenn Schwimmer, die bis zu den Schultern im Wasser sind, plötzlich durch eine herabrollende Woge gepackt und untergetaucht werden. Eine unsichtbare Hand schien sich langsam um meine Kehle zu legen, zu schließen, und sanft, aber unerbittlich mein Leben aus mir herauszupressen. Ich empfand einen ungeheuren Druck auf der Brust, die quälende Enge legte sich um meine Stirn, in meinen Ohren dröhnte es und vor meinen Augen zuckten greuliche Blitze. Ich taumelte zum Treppengeländer hin. Im selben Augenblicke stürzte Challenger an mir vorbei, rasend und schnaubend wie ein verwundeter Büffel. Er bot einen entsetzlichen Anblick mit seinem dunkelroten, aufgedunsenen Gesicht, hervorquellenden Augen und gesträubtem Haar. Seine zarte Frau, die anscheinend bewußtlos war, hatte er über seine Schultern geworfen und so taumelte und stolperte er die Treppe hinauf. Kletternd und gleitend, sich und sie allein durch seine Willenskraft vorwärtsschleppend, gelang es ihm, aus der todbringenden Luft in den Hafen momentaner Sicherheit zu gelangen. Seinem Beispiel folgend, raffte auch ich mich auf, taumelnd und fallend und mich an das Treppengeländer anklammernd, schleppte ich mich vorwärts, bis ich besinnungslos beim letzten Treppenabsatz auf mein Gesicht niederfiel. Lord John packte mich mit eiserner Faust bei meinem Rockkragen und einen Augenblick später lag ich auf dem Teppich des Boudoirs auf dem Rücken, unfähig, mich zu rühren oder ein Wort zu sprechen. Neben mir lag die Frau und in einem Lehnsessel, beim Fenster hockte Summerlee, zusammengeschrumpft, den Kopf beinahe bis auf die Knie niedergebeugt. Wie im Traum sah ich Challenger gleich einem Riesenkäfer auf allen Vieren langsam über den Boden dahinkriechen und im nächsten Augenblick hörte ich das leise Zischen des entweichenden Sauerstoffes. Challenger atmete denselben gierig in langen, tiefen Zügen ein, mit lautem Gurgeln sogen seine Lungen das lebenspendende Gas in sich ein.

»Es funktioniert!« rief er frohlockend aus, »meine Annahme bewahrheitet sich also.«

Er stand wieder auf den Füßen, aufrecht und kräftig. Er eilte zu seiner Frau, den Schlauch in der Hand und hielt ihr diesen an den Mund. Nach wenigen Sekunden seufzte sie, bewegte sich und richtete sich schließlich auf. Er wandte sich mir zu und ich fühlte den Strom des Lebens neu durch meine Adern fließen. Der Verstand sagte mir, daß es nur eine kurze Gnadenfrist sei und trotzdem, so leichtfertig wir auch sonst vom Werte des Lebens sprechen, schien mir jetzt jede weitere Stunde des Lebens von unschätzbarem Werte. Nie noch habe ich eine derartig intensive Sinnesfreude empfunden als bei dieser Wiederbelebung. Die Schwere wich von meiner Brust, der Druck um die Stirne lockerte sich, ein süßes Gefühl des Friedens, der sanften, müden Entspannung breitete sich über mich aus. So lag ich da und beobachtete, wie auch Summerlee sich unter der Einwirkung des Belebungsmittels zu erholen begann. Zuletzt kam auch Lord John an die Reihe. Er sprang auf und reichte mir die Hand, um mich empor zu ziehen, während Challenger seine Frau aufhob und auf das Sofa legte.

»O George, es tut mir so leid, daß Du mich wieder zurückgerufen hast«, sagte sie, ihn bei der Hand haltend. »Die Todespforte ist wirklich mit herrlichen, schimmernden Vorhängen behangen, wie Du es gesagt hast. Sobald erst das Erstickungsgefühl überwunden ist, ist alles unbeschreiblich schön und beruhigend. Warum hast Du mich wieder erweckt?«

»Weil ich die Reise mit Dir gemeinsam antreten will. So viele Jahre hindurch waren wir treue Gefährten und es wäre traurig, wenn wir nun, in diesem letzten Augenblick, von einander getrennt würden.«

Für eine Sekunde erhaschte ich das Bild eines mir bis dahin unbekannten, sanften und zarten Challengers, grundverschieden von dem lärmenden, hochtrabenden und arroganten Menschen, der seine Zeitgenossen abwechselnd in Erstaunen versetzt und beleidigt hatte. Hier, im Schatten des Todes, trat jener Challenger zu Tage, der im innersten Kern seines Wesens verborgen lag, der Mann, dem es gelungen war, sich die Liebe einer Frau zu erringen und zu erhalten.

Plötzlich änderte sich seine Stimmung und er war wieder der tatkräftige Führer.

»Ich als der einzige von allen Menschen habe dies alles vorhergesehen und vorhergesagt«, sprach er und aus seiner Stimme klang der Stolz des wissenschaftlichen Triumphes. »Nun, mein lieber Summerlee, sind wohl Ihre letzten Zweifel hinsichtlich des Verschwimmens der Spektrallinien geklärt und Sie werden gewiß nicht länger mehr glauben, daß mein Brief an die ›Times‹ das Ergebnis eines Irrtums war.«

Zum ersten Male blieb unser kampflustiger Gefährte die Antwort schuldig. Er saß da, schnappte nach Luft und streckte seine langen Glieder, als wollte er sich erst davon überzeugen, daß er wirklich noch lebend auf dieser Erde weile. Challenger ging zu den Sauerstoffbehältern hinüber, drehte den Hahn und das laute Zischen verwandelte sich in ein leises Säuseln.

»Wir müssen mit unserem Vorrat sparsam umgehen«, sagte er. »Die Luft in diesem Raum ist nun stark mit Sauerstoff gesättigt und sich glaube, daß keiner von uns mehr irgend welche beklemmende Symptome fühlt. Wir können durch praktische Versuche erproben, welche Menge der Luft zugesetzt werden muß, um die giftige Wirkung aufzuheben. Warten wir also ab.«

Wir warteten schweigend, in nervöser Spannung etwa fünf Minuten lang und beobachteten unser Befinden. Ich konstatierte soeben, daß jener drückende Reif sich neuerdings um meine Schläfe legte, als Frau Challenger vom Sofa aus uns zurief, sie fühle eine Ohnmacht herannahen. Ihr Gatte ließ neuerdings Sauerstoff ausströmen.

»In früherer Zeit, als der Wissenschaft noch nicht ihre heutige Stellung eingeräumt war,« sagte er, »pflegte man auf jedem Unterseeboot weiße Mäuse zu halten, da deren zartere Konstitution eher die Einwirkung einer schädlichen Atmosphäre empfand als dies bei den Seeleuten der Fall war. Du, meine liebe Frau, mußt hier die Rolle dieser weißen Maus spielen. Ich habe wieder Gas eingelassen und Du wirst Dieb sicherlich wohler fühlen.«

»Ja, es ist mir besser.«

»Vielleicht haben wir jetzt die richtige Mischung getroffen. Sobald wir erst festgestellt haben, wie lange wir mit einem Quantum auskommen, werden wir auch berechnen können, wie lange wir noch zu leben haben. Leider haben wir einen ansehnlichen Teil des ersten Behälters für unsere Wiedererweckung verbraucht.«

»Was liegt daran?« fragte Lord John, der, die Hände in den Taschen vergraben, am Fenster stand. »Wenn wir schon sterben müssen, hat es doch keinen Zweck, unseren Tod hinauszuschieben. Sie glauben doch wohl nicht an eine Möglichkeit der Rettung?«

Challenger schüttelte lächelnd den Kopf.

»Halten Sie es in diesem Falle nicht für würdiger selbst den Sprung zu tun, als zu warten, bis man hineingestoßen wird? Wenn wir schon sterben müssen, bin ich dafür, unser Gebet zu sprechen, den Sauerstoff abzustellen und das Fenster zu öffnen.«

»Warum auch nicht?« fragte tapfer die Frau. »Sicherlich – George, der Lord hat vollkommen recht – es ist besser so.«

»Ich widersetze mich dem allen Ernstes«, fiel Summerlee verdrießlich ein. »Wenn wir sterben müssen, werden wir sterben. Aber dem Tod zuvorkommen wollen – das scheint mir doch ein törichtes und ungerechtfertigtes Beginnen.«

»Was sagt mein junger Freund dazu?« fragte Challenger.

»Ich bin dafür, das Ende abzuwarten.«

»Und ich bin entschieden derselben Meinung«, sagte er.

»Dann denke ich natürlich so wie Du, George!« rief seine Frau.

»Nun gut, ich habe nur die Frage zur Diskussion gestellt«, sagte Lord John. »Wollt Ihr alle bis zum Schlüsse warten, folge ich Eurem Beispiel. Es wird zweifellos sehr interessant sein. Ich habe einen guten Teil Abenteuer erlebt und ebensoviele Sensationen mitgemacht, wie die meisten Menschen, aber dieses Ende meines irdischen Lebens würde mir entschieden als der Höhepunkt erscheinen.«

»Angenommen, daß ein Weiterleben nach dem Tode möglich ist – –« begann Challenger.

»Eine kühne Annahme!« rief Summerlee.

Challenger starrte ihn in stummer Mißbilligung an.

»Den Fall also angenommen, daß ein Weiterleben nach dem Tode möglich ist,« wiederholte er in seiner höchst lehrhaften Weise, »kann niemand von uns vorhersagen, welche Möglichkeiten der Beobachtung von der sogenannten geistigen Sphäre herab auf die materielle Welt sich uns bieten werden. Auch dem halsstarrigsten Menschen«, dabei blickte er Summerlee an, »muß das einleuchten, daß wir, so lange wir selbst aus Materie bestehen, am ehesten in der Lage sind, materielle Phänomene zu beobachten und uns ein Urteil darüber zu bilden. Einzig und allein dadurch, daß wir noch die wenigen übrigbleibenden Stunden ausharren, bietet sich uns die Möglichkeit, in eine spätere Existenz ein klares Bild des großartigsten Ereignisses mitzunehmen, welches sich jemals in der Welt oder dem Weltall, soweit wir es kennen, zugetragen bat. Ich würde es für unverantwortlich halten, ein so wundersames Erlebnis auch nur um eine Minute abzukürzen.«

»Ich bin der gleichen Ansicht!« rief Summerlee.

»Einstimmig angenommen«, sagte Lord John. »Wahrhaftig, der arme Teufel, Ihr Chauffeur da unten im Hofe, hat heute seine letzte Fahrt gemacht. Wäre es nicht gut, einen Ausfall zu machen und ihn hereinzunehmen?«

»Das wäre heller Wahnsinn!« rief Summerlee aus.

»Sie haben Recht«, meinte der Lord. »Ihm ist wohl nicht mehr zu helfen und selbst angenommen, wir kämen lebend zurück, würde eine übermäßige Vergeudung unseres Sauerstoffes nötig sein. Bei Gott – sehen Sie nur, wie die kleinen Vögel da unter den Bäumen umherliegen!«

Wir stellten vier Sessel an das breite, niedrige Fenster, die Frau blieb mit geschlossenen Augen auf dem Sofa sitzen. Ich erinnere mich noch der ungeheuerlichen und grotesken Empfindung, welche sich meiner bemächtigte – wahrscheinlich begünstigt von der dumpfen, drückenden Luft, welche wir einatmeten – daß wir nämlich auf vier vorderen Parkettplätzen dem letzten Akt des Weltendramas beiwohnten.

In unmittelbarster Nähe, ganz im Vordergrunde, lag der kleine Hof, in dem das halbgereinigte Automobil stand. Austin, der Chauffeur, hatte nunmehr seine letzte und unwiderrufliche Kündigung erhalten. Die Glieder von sich gestreckt, lag er da und eine große, schwarze Abschürfung auf der Stirne mochte davon herrühren, daß er beim Hinfallen mit dem Kopf auf das Trittbrett oder den Kotflügel aufgeschlagen war. Noch hielt er in der Hand das Rohr des Spritzschlauches, mit dem er den Wagen abgewaschen hatte. In einer Ecke des Hofes standen einige niedrige Platanen und darunter sah man eine Anzahl kleiner flaumiger Federbälle, rührend anzusehen mit ihren winzigen Füßchen, die starr in die Höhe gerichtet waren. Die Sense des Todes hatte alles, Groß und Klein, mit vernichtendem Streiche getroffen. Über die Hofmauer hinweg sahen wir auf die Straße, welche sich in Windungen bis an den Bahnhof erstreckte. An ihrem Ende lag in wildem Durcheinander, die Körper aufeinander getürmt, eine Gruppe von Erntearbeitern, die wir laufend das Feld verlassen gesehen hatten. Weiter oben lag das Kindermädchen, Kopf und Schultern gegen die grasbewachsene Böschung gelehnt. Sie hatte den Säugling aus dem Wagen in die Arme genommen und so hielt sie das kleine, bewegungslose Bündel an sich gedrückt. Dicht hinter ihr zeigte uns ein kleiner Fleck am Wegrand die Stelle, an welcher der kleine Junge ausgestreckt lag. Näher zu uns befand sich das tote Droschkenpferd, das zwischen der Deichsel kniete. Einer grotesken Vogelscheuche gleich hing der alte Kutscher über das Schutzleder hinüber, seine Arme baumelten unbeholfen herab. Wir konnten deutlich durch das Fenster erkennen, daß sich ein junger Mann im Wagen befand. Die Türe war ein wenig geöffnet und er hielt den Türgriff mit der einen Hand fest umklammert, als hätte er versucht, noch im letzten Augenblicke aus dem Wagen hinauszuspringen. Etwa in halber Entfernung vom Bahnhofe waren die Golfplätze, wie am Vormittag von zahlreichen Spielern bedeckt, aber nun lagen diese regungslos ausgestreckt auf dem Rasen und auf dem Streifen Heideland. An einer Stelle allein lagen acht leblose Körper, die Teilnehmer einer Spielergruppe, welche mit den Balljungen bis zuletzt beim Spiele ausgeharrt hatten. Kein Vogel flog mehr unter dem blauen Himmelsgewölbe, weder Mensch noch Tier belebte die weite Landschaft vor uns. Wohl bestrahlte die Abendsonne das Land mit friedlichem Glanze, doch über allem ruhte das tiefe Schweigen der allgemeinen Vernichtung – der auch wir nun bald preisgegeben sein würden. Die einzige Scheidewand zwischen uns und dem Schicksal unserer Mitmenschen bildete augenblicklich eine dünne Glasscheibe, welche unseren Sauerstoff, unser einziges Schutzmittel, gegen den vergifteten Äther abschloß. Für die Dauer einiger weniger Stunden war es der Voraussicht eines einzelnen Gelehrten gelungen, uns inmitten der ungeheuren Todeswüste in einer kleinen Oase des Lebens zu erretten und uns vor dem allgemeinen Verderben zu bewahren. Aber schließlich mußte der Sauerstoff einmal aufgebraucht sein und dann würden auch wir, nach Luft ringend, auf jenem kirschroten Teppich des Boudoirs liegen und das Los der gesamten menschlichen Rasse mit uns als letzten Rest würde gleich dem aller andern lebenden Organismen besiegelt sein. Lange Zeit hindurch blickten wir auf das Drama der Welt vor uns hinaus, in einer Stimmung, die zu feierlich für Worte war.

»Dort steht ein Haus in Flammen«, sagte Challenger und deutete auf eine Rauchsäule, welche über den Bäumen aufstieg. »Ich erwarte, daß noch viele folgen werden. Ja, es ist möglich, daß ganze Städte in Flammen aufgeben werden – denn es dürften viele Menschen hingestürzt sein, während sie gerade ein brennendes Licht oder dergleichen in der Hand hielten. Die Tatsache dieses Brandes allein beweist, daß der Sauerstoffgehalt der Luft vollkommen normal ist und daß also die Ursachen im Äther allein zu suchen sind. Aba, seht dort hin auf den Gipfel des Crowborough-Hügels, auch dort scheint Feuer ausgebrochen zu sein. Es ist das Golfklubhaus, wenn ich mich nicht irre. Hört, da schlägt die Kirchturmuhr. Es würde unsere Philosophen gewiß interessieren zu erfahren, daß der von Menschen geschaffene Mechanismus seine Schöpfer überlebt hat.«

»Großer Gott!« rief Lord John, voll Erregung aufspringend. »Was bedeutet diese Rauchwolke? Es ist ein Zug!«

Wir hörten dessen Schnauben und nun kam er in Sehweite herangerast, mit einer, wie es mir schien, geradezu beängstigenden Schnelligkeit. Aus welcher Richtung er kam und wie lange er sich unterwegs befand, konnten wir nicht feststellen. Es war wohl nur einem ganz besonderen Zufalle zuzuschreiben, daß er die Strecke bisher glatt zurücklegen konnte. Nun sollten wir das furchtbare Ende seines Laufes mitansehen. Auf den Schienen stand bewegungslos ein Kohlenzug. Wir hielten den Atem an, als wir entdeckten, daß der Schnellzug auf demselben Geleise dahinraste. Der Zusammenstoß war furchtbar. Lokomotive und Waggons schoben sich tosend ineinander und bildeten ein Gewirr von zersplittertem Holz und verbogenem Eisen. Flammen schössen aus den Trümmern hervor, bis das Ganze in feuriger Glut aufgeflammt war. Wir saßen über eine halbe Stunde wortlos da, überwältigt von dem schaurigen Anblick.

»Arme, arme Leute«, jammerte schließlich Frau Challenger auf und klammerte sich an den Arm ihres Gatten. Challenger streichelte beruhigend ihre Hand und meinte:

»Mein liebes Kind, die Menschen, welche sich in dem Zuge befinden, waren nicht lebendiger als die Kohlen, in die sie hineinrasten, oder der Kohlenstoff, zu dem sie nun geworden sind. Als der Train vom Victoriabahnhofe abfuhr, war er allerdings noch ein Zug voll Lebender, doch schon lange, ehe er hier sein Ziel erreicht bat, war er nur noch mit Toten gefüllt.«

»In der ganzen Welt muß sich derartiges abspielen«, sagte ich, während die Visionen seltsamer Ereignisse vor meinem Geiste aufstiegen. »Denkt nur an die Schiffe auf offener See – sie werden wohl weiter und weiter dampfen, bis ihre Kessel verlöschen oder bis sie mit Macht auf eine Sandbank auflaufen. Auch die Segelschiffe – wie sie mit ihrer toten Mannschaft weitersegeln und Wasser übernehmen werden, bis das Holz verfault und die Planken bersten und schließlich eines nach dem anderen versinkt. Vielleicht wird noch in hundert Jahren der Atlantische Ozean mit alten, treibenden Wracks besät sein.«

»Und die Leute in den Kohlenbergwerken«, sagte Summerlee mit einem Lachen, das keine Heiterkeit verriet. »Sollten durch irgend einen Zufall jemals wieder Geologen auf dieser Erde leben, so werden sie seltsame Theorien aufstellen über die Existenz von Menschen der Jetztzeit in kohleführenden Schichten.«

»Von derlei Dingen verstehe ich nicht viel«, meinte Lord John, »doch glaube ich, daß von nun an die Welt als ›leerstehend zu vermieten‹ sein wird. Ist einmal unsere ganze menschliche Generation ausgestorben, wo soll dann eine neue herkommen?«

»Am Anfang war die Erde wüste und leer«, erwiderte Challenger ernst. »Nach gewissen Gesetzen, deren Zusammenhang jenseits unseres Wissens liegt, bat sie sich bevölkert. Warum sollte dieser Vorgang sich nicht wiederholen?«

»Mein lieber Challenger, sprechen Sie im Ernst?«

»Es ist nicht meine Gewohnheit, Kollege Summerlee, Dinge zu behaupten, die ich nicht ernst meine. Die Bemerkung war überflüssig.« Der Bart streckte sich majestätisch vor und die Augenlider senkten sich.

»Gut, gut – Sie haben als eigensinniger Dogmatiker gelebt und wollen es bis zu Ihrem Ende bleiben«, sagte mit saurer Miene Summerlee.

»Und Sie, Herr Kollege, sind von jeher ein ganz phantasieloser Obstruktionär gewesen und es ist nicht zu hoffen, daß Sie sich noch ändern werden.«

»Allerdings werden Ihnen selbst Ihre ärgsten Gegner niemals einen Mangel an Phantasie vor« werfen können«, replizierte Summerlee.

»Mein Wort darauf!« rief Lord John, »es würde Eurer Wesensart ganz und gar entsprechen, den letzten Atemzug Sauerstoff dazu zu verwenden, um sich gegenseitig Grobheiten zu sagen. Was liegt denn noch daran, ob wieder Menschen sein werden oder nicht? In unserer Zeit wird es gewiß nicht mehr der Fall sein.«

»Mit dieser Bemerkung, mein Herr, haben Sie Ihre sehr beschränkte Urteilsfähigkeit bewiesen«, sagte Challenger streng. »Der wahre Geist der Wissenschaft läßt sich nicht durch seine eigene zeitliche und räumliche Situation Fesseln anlegen. Er errichtet sich selbst ein Observatorium an der Grenzlinie der Gegenwart, welche die unendliche Vergangenheit von der unendlichen Zukunft scheidet. Von diesem sicheren Beobachtungsposten aus unternimmt er seine Streifzüge sogar bis an den Urbeginn und das Ende aller Dinge. Was den Tod anbelangt, so arbeitet der wissenschaftliche Geist in normaler und methodischer Weise bis zum letzten Augenblick und stirbt auf seinem Posten. Die Auflösung seiner eigenen physischen Persönlichkeit ist ihm ebenso wenig beachtenswert, wie alle anderen Einschränkungen dieser materiellen Welt. Habe ich nicht Recht, Professor Summerlee?«

Summerlee brummte widerwillig eine mürrische Zustimmung. »Unter gewissen Vorbehalten gebe ich es zu.«

»Der ideale wissenschaftliche Geist,« fuhr Challenger fort, »ich rede von ihm in der dritten Person, um nicht anmaßend zu scheinen – der ideale wissenschaftliche Geist sollte imstande sein, in dem Zeitraum, welchen der Träger dieses Geistes braucht, um aus einem Luftballon auf die Erde herabzustürzen, sich einen neuen Lehrsatz abstrakter Wissenschaft auszudenken. Männer von solch starker Art sind nötig, um die Natur zu erobern und Pioniere der Wahrheit zu werden.«

»Es will mir scheinen, als ob diesmal die Natur die Oberhand behalten sollte«, sagte Lord John, aus dem Fenster blickend. »Ich habe einige Leitartikel gelesen, nach welchen Ihr Gelehrten sie bezwungen haben sollt, doch scheint es mir, als ob sie ihre Eigenmächtigkeit wieder zurückgewonnen hätte.«

»Das ist nur ein momentaner Rückschlag«, erwiderte Challenger voll Überzeugung. »Was bedeuten einige Millionen Jahre in dem unendlichen Kreislaufe der Zeit? Wie Ihr seht, ist die Pflanzenwelt verschont geblieben. Seht nur die Blätter dieser Platanen. Die Vögel sind tot, die Pflanze aber lebt. Aus diesem pflanzlichen Leben in stehenden Gewässern, in Teich oder Sumpf, werden zu gegebener Zeit mikroskopisch winzige Organismen entstehen, die Pioniere für die unendlich große Armee des Lebens, deren Nachhut zu bilden im Augenblicke gerade uns bestimmt ist. Hat sich erst einmal diese niedrigste Art von Lebewesen gebildet, so entwickelt sich daraus mit ebenso unfehlbarer Sicherheit ein neues Menschengeschlecht, wie die Eiche sich aus der Eichel entwickeln muß. Der alte Kreis wird sich eben nochmals neu bilden.«

»Aber das Gift?« fragte ich. »Wird es nicht jede Spur von Leben im Keime ersticken?»

»Es ist möglich, daß wir es mit einer Ader oder einer bloßen Schicht von Gift im Äther zu tun haben – einem mephitischen Golfstrom inmitten des unermeßlichen Ozeans, in dem wir treiben. Auch ist es möglich, daß ein Ausgleich stattfindet und sich unter Anpassung an neugebildete Bedingungen frisches Leben entwickelt. Die Tatsache allein, daß eine verhältnismäßig geringe Übersättigung unseres Blutes mit Sauerstoff hinreicht, dem Gift standzuhalten, ist ein Beweis dafür, daß es keiner sehr bedeutenden Veränderung bedürfen wird, um das animalische Leben zu ermöglichen und zu erhalten.«

Das rauchende Haus jenseits der Bäume stand in hellen Flammen. Wir sahen, wie mächtige Feuerzungen in die Luft schössen.

»Es ist sicherlich furchtbar«, murmelte Lord John, der davon mehr ergriffen zu sein schien, als dies irgend ein anderes Ereignis zuwege gebracht hätte.

»Was liegt schließlich und endlich daran?« bemerkte ich. »Die Welt ist tot, Verbrennung ist gewiß die beste Art der Bestattung. Für uns wäre es eine Verkürzung der Wartezeit, wenn unser Haus in Flammen aufgeben würde.«

»Ich habe diese Gefahr vorhergesehen und meine Frau gebeten, dagegen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen«, sagte Challenger.

»Es ist alles in bester Ordnung, Lieber. Aber in meinem Kopfe beginnt es wieder zu hämmern. O Gott, welch schreckliche Luft!«

»Wir müssen sie wieder aufbessern«, sagte Challenger. Dabei beugte er sich über den Sauerstoffbehälter.

»Er ist fast leer«, konstatierte er. »Beinahe drei und eine halbe Stunde bat er ausgehalten. Jetzt ist es bald acht Uhr. Wir werden die Nacht ganz angenehm verbringen. Nach meiner Berechnung dürfte das Ende morgen früh um neun Uhr eintreten. Einen Sonnenaufgang erleben wir noch, einen für uns ganz allein.«

Er ging nun an den zweiten Behälter und öffnete gleichzeitig für eine halbe Minute die Luftklappe über der Tür. Als dann die Luft merklich besser wurde, unsere Symptome sich aber verstärkten, schloß er die Klappe wieder.

»Übrigens«, sagte er, »lebt der Mensch nicht nur von Sauerstoff. Die Zeit zum Dinner ist schon vorbei. Ich versichere Sie, meine Herren, als ich Sie in mein Haus gebeten habe, um dieses, wie ich glaube, sehenswerte Schauspiel zu genießen, habe ich gehofft, daß meine Küche ihrem guten Ruf Ehre machen wird. Nun müssen wir uns jedoch behelfen. Sie werden mir recht geben, wenn ich jedes Ofenanzünden vermeide, um unsere Luft nicht unnötig schnell aufzuzehren. Wir werden uns mit kalten Fleischspeisen, Brot und Pickles begnügen müssen, auch einige Flaschen Claret habe ich bereitstellen lassen. – Ich danke Dir, meine Liebe – Du bist wie immer die Königin aller Hausfrauen.«

Es war auch wirklich anerkennenswert, wie Frau Challenger, mit der Selbstachtung und dem Schicklichkeitsgefühl der englischen Hausfrau, in diesen wenigen Minuten den Mitteltisch mit einem schneeweißen Tafeltuch bedeckt hatte; nun legte sie die Servietten auf ihre Plätze und richtete das einfache Mahl mit aller Feinheit moderner Kultur an. Nicht einmal die elektrische Tafellampe in der Mitte des Tisches fehlte. Noch mehr aber wunderten wir uns über unseren Appetit, der fast an Gefräßigkeit grenzte.

»Das ist die Folge unserer Aufregungen«, sagte Challenger mit jener Geste der Herablassung, mit welcher er seinen wissenschaftlichen Geist zur Erklärung alltäglicher Tatsachen heranzog. »Das bedeutet eine molekulare Einbuße, die ausgeglichen werden muß. Großer Schmerz und große Freude rufen intensiven Appetit hervor und nicht Appetitlosigkeit, wie die Romanschreiber uns einreden wollen.«

»Wahrscheinlich pflegt aus diesem Grunde die Landbevölkerung immer einen feierlichen Leichenschmaus zu veranstalten«, bemerkte ich.

»Ganz richtig. Unser junger Freund hat eine ausgezeichnete Illustration für diese Sache gefunden. Ich darf Ihnen doch noch eine Schnitte Zunge vorlegen?«

»Ganz wie bei den Wilden«, meinte Lord John und verzehrte mit Andacht seinen Rinderbraten, »Ich habe dem Begräbnisse eines Häuptlings am Aruwini-River beigewohnt und dabei haben sie ein komplettes Nilpferd verzehrt, welches an Gewicht ungefähr dem ganzen Stamme gleichgekommen sein dürfte. Es gibt einige Stämme in Neu-Guinea, welche den teuren Verblichenen, während sie ihn betrauern, zu verzehren pflegen, wahrscheinlich aus Ordnungssinn, um ihn aus dem Weg zu räumen. Aber ich glaube, daß von allen Leichenschmäusen der ganzen Welt der unsere jedenfalls der originellste sein dürfte.«

»Eines empfinde ich als besonders sonderbar«, bemerkte Frau Challenger. »Ich kann kein Gefühl der Trauer um die nunmehr Gestorbenen aufbringen. Meine Eltern leben in Bedford. Ich weiß genau, daß sie tot sind und doch kann ich in dieser Weltkatastrophe keine Trauer um eine einzelne Persönlichkeit empfinden, nicht einmal für meine nächsten Angehörigen.«

»Und meine alte Mutter in ihrem kleinen Landhause in Irland«, sagte ich. »Ich sehe sie im Geiste vor mir, mit Shawl und Spitzenhäubchen, wie sie in ihrem alten, hochlehnigen Sitze am Fenster mit geschlossenen Augen zurückgelehnt liegt, Brille und Buch neben sich. Welchen Grund habe ich, sie zu betrauern? Sie ist hinübergegangen und ich werde ihr bald nachfolgen, vielleicht werde ich ihr in dem andern Leben näher sein als England von Irland ist. Trotzdem tut es mir leid zu denken, daß das teure Wesen nicht mehr ist.«

»Was den körperlichen Tod des Individuums betrifft«, erwiderte Challenger, »tut es uns doch auch nicht um unsere abgeschnittenen Nägel oder um unsere gestutzten Haare leid, obwohl sie auch einst einen Teil von uns gebildet haben. Auch wird ein Einbeiniger nicht sein abgetrenntes Bein bemitleiden. Der physische Körper ist für uns eher ein ständiger Quell der Ermüdung und der Schmerzen. Fortwährend mahnt er uns an die Grenzen, welche uns gezogen sind. Warum sollten wir also seine Loslösung von unserem seelischen Selbst beklagen?«

»Vorausgesetzt, daß eine solche überhaupt möglich ist«, knurrte Summerlee. »Wie dem aber auch sei, das allgemeine Sterben ist furchtbar.«

»Wie ich schon früher ausgeführt habe,« erwiderte Challenger, »ist ein allgemeines Sterben an sich lange nicht so furchtbar wie der Tod des Einzelnen.«

»Genau dasselbe wie im Krieg«, meinte Lord John. »Wenn Ihr einen einzelnen Mann hier am Boden liegen sehen würdet, mit einem großen Loch im Kopf und eingedrücktem Brustkasten, würde Euch vor dem Anblick grauen. Im Sudan habe ich ihrer aber Zehntausende so auf dem Rücken liegen gesehen, ohne daß es besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte; – wenn wir den Gang der Geschichte miterleben, wiegt das Leben des Einzelnen viel zu gering, um sich darüber zu sorgen. Wenn tausend Millionen zusammen sterben müssen, wie es beute geschah, kann man aus der Menge Niemanden besonders hervorheben.«

»Ach, wenn nur schon alles vorbei wäre«, sagte traurig die Frau. »O, George, ich habe solche Angst.«

»Du bist bestimmt die Tapferste von uns allen, bis es erst so weit sein wird, kleine Frau. Gewiß war ich Dir gegenüber ein alter Brummbär, aber Du mußt bedenken, daß G. E. C. so ist, wie Gott und die Natur ihn erschaffen haben und er sich nicht anders geben konnte, als er eben war. Übrigens – Du hättest ja doch keinen Andern wollen, nicht wahr?«

»Keinen andern in der weiten Welt als Dich, mein Lieber«, sagte sie und legte die Arme um seinen Stiernacken. Wir drei andern schritten zum Fenster und starr vor Staunen sahen wir das Bild, das sich uns bot.

Finsternis war hereingebrochen und die tote Welt lag im Dunkel. Am südlichen Horizont aber dehnte sich ein feuriger, scharlachroter Streifen in ansehnlicher Länge, welcher abwechselnd verglomm und wieder aufflackerte, ohne Übergang in den grellsten Farben aufglänzte und wieder in eine glimmende Feuerlinie zusammensank.

»Lewes brennt!« rief ich.

»Nein, es ist Brighton, was da in Flammen steht«, sagte Challenger und trat zu uns. »Sie können sehen, daß sich die Wellenlinie der Downs vor der Glut erhebt, das Feuer ist also dahinter und muß sich viele Meilen erstrecken. Die ganze Stadt scheint eingeäschert zu sein.«

In verschiedenen Richtungen sah man roten Feuerschein aufflackern und der Trümmerhaufen auf dem Bahngeleise glomm fortwährend weiter, doch waren dies nur Lichtpünktchen im Vergleiche zu der gigantischen Feuersbrunst jenseits der Hügeln. Was wäre das für ein fabelhafter Artikel für die »Gazette« geworden. Hatte je ein Journalist solch eine Gelegenheit gehabt und dabei so wenig Möglichkeit, von ihr Gebrauch zu machen. Das Beste vom Besten – und niemand da, um es zu würdigen.

Plötzlich überfiel mich das Fieber des Berichterstatters. Wenn die Männer der Wissenschaft bis zum letzten Augenblicke auf ihrem Posten blieben, wollte ich mich von ihnen nicht beschämen lassen und das tun, was in meinen bescheidenen Kräften stand. Nie würde wohl ein Menschenauge lesen, was ich geschrieben, aber die lange Nacht mußte irgendwie überstanden werden – mir wenigstens war es unmöglich, ein Auge zu schließen. Die Notizen würden mir über die lange Nachtwache hinweghelfen und mich von den traurigen Gedanken ablenken. So kommt es, daß ich jetzt das Notizbuch mit den vollgekritzelten Seiten vor mir liegen habe, damals beschrieben, während es auf meinen Knien in dem undeutlichen Liebt der einen elektrischen Lampe lag. Wäre ich dichterisch begabt, hätte ich das also Geschriebene der außerordentlichen Begebenheit würdig angepaßt. So wird es dazu dienen, der Mitwelt die schrecklichen Gemütsbewegungen und Gefühle dieser Schreckensnacht vor Augen zu führen.

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