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Im Giftstrom

Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom - Kapitel 3
Quellenangabe
authorConan Doyle
titleIm Giftstrom
publisherCarl Stephenson-Verlag
year1924
illustratorOtto Dely
translatorLeopold Wölflin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170724
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II. Der Giftstrom.

Eben als wir durch die Hall schritten, klingelte der Fernsprecher und wir wurden unfreiwillige Zeugen des Gespräches, das Professor Challenger nun führte. Ich sage »wir«, bin jedoch überzeugt, daß außer uns jedermann im Halbkreise von mindestens hundert Metern das ungeheuerliche Dröhnen seiner Stimme hören mußte, die durch das ganze Haus widerhallte. Die Antworten des Professors sind in meiner Erinnerung haften geblieben.

»Ja – ja – natürlich bin ich es – – – – – – – – – ja – gewiß – der Professor Challenger – der berühmte Professor – natürlich, wer denn sonst – – – – – – – – – gewiß – ein jedes Wort – sonst würde ich es ja gar nicht geschrieben haben – – – – – – – – – es sollte mich nicht wundern – es sprechen alle Anzeichen dafür – – – – – – – allerdings – in einem Tage spätestens – – – – – – – – – ja – daran kann ich nichts ändern – nicht wahr – – – – – – gewiß – sehr unangenehm – aber es werden wirklich noch bedeutendere Menschen als Sie darunter zu leiden haben. Keinen Zweck, darüber zu winseln. Sie müssen sich eben dreinfinden – – – – – – – – Nein, ich kann nicht – – – Schluß, Herr! Unsinn! Ich habe doch wirklich Wichtigeres zu tun, als solches Gewäsch anzuhören!«

Er läutete geräuschvoll ab und führte uns über die Treppe in sein Arbeitszimmer, einen großen, luftigen Raum. Auf einem breiten Mahagonischreibtisch lagen etwa sieben bis acht uneröffnete Telegramme.

»Ich denke wirklich daran,« meinte er, »im Interesse meiner Korrespondenten eine Telegrammadresse anzunehmen. Ich glaube, daß zum Beispiel ›Noah Rotherfield‹ sich nicht schlecht eignen würde.«

Wie immer, wenn er einen seiner schlechten Witze von Stapel ließ, lehnte er sich an seinen Schreibtisch und schüttelte sich derart vor Lachen, daß seine Hand kaum die Telegramme öffnen konnte.

»Noah, Noah«, gröhlte er und schnitt dabei ein Gesicht wie ein Berggespenst, während Lord John und ich uns verständnisvoll anlächelten und Summerlee mit der Miene einer magenkranken Ziege zum Zeichen seiner Mißbilligung sardonisch mit dem Kopfe hin- und herwackelte. Endlich begann Challenger, noch immer brummend und gröhlend, mit dem Lesen der Telegramme. Wir drei standen an den hoben Bogenfenstern und bewunderten die herrliche Aussicht.

Es war wirklich ein wundervoller Anblick. Der sanft ansteigende Weg hatte uns auf eine immerhin stattliche Anhöhe geführt. Wir befanden uns, wie wir später erfuhren, ungefähr siebenhundert Fuß hoch. Challengers Haus stand am äußersten Rande des Hügels und von der Südfront des Hauses aus, wo sich eben das Arbeitszimmer befand, hatte man einen offenen Ausblick auf die weitgestreckte Gegend, in der die sanften Windungen einer Hügelreihe den wellenartigen Hintergrund bildeten. Eine Rauchsäule, die aus einem Einschnitt zwischen den Bergen aufstieg, zeigte die Lage von Lewes an. Unmittelbar vor uns lag die blühende Heide mit dem ausgedehnten, von Spielern wimmelnden grünen Sportplatze des Crowborough-Golfklubs. Ein wenig weiter südlich erblickten wir zwischen einer Waldlichtung hindurch einen Teil der Bahnlinie, die von London nach Brighton führte, und vor unseren Augen, in unmittelbarster Nähe, befand sich ein kleiner, eingezäumter Hof, in dem das Auto stand, welches uns von der Bahn geholt hatte.

Auf einen Ruf Challengers hin wandten wir uns ihm zu. Er hatte die Telegramme durchgelesen und pedantisch vor sich aufgestapelt. Sein breites, verwittertes Gesicht – oder genauer gesagt – jener geringe Teil, der nicht durch den verworrenen Bart bedeckt war, war gerötet und ließ auf besondere Aufregung des Professors schließen.

»Nun, meine Herren,« sagte er in einem Tone, als stünde er in einer Versammlung, »das ist wirklich eine interessante Zusammenkunft, die unter ganz außergewöhnlichen – ich möchte sagen beispiellosen Begleitumständen stattfindet. Darf ich Sie fragen, ob Ihnen auf der Fahrt von der Stadt bis hierher etwas Besonderes aufgefallen ist?«

»Das Einzige, was ich bemerkt habe,« sagte Summerlee mit säuerlichem Lächeln, »war, daß unser junger Freund hier sich in seinem Benehmen im Laufe der letzten drei Jahre keineswegs gebessert hat. Ich bedaure, feststellen zu müssen, daß ich unterwegs ernstlich Grund hatte, mich über sein Benehmen zu beklagen und es wäre unaufrichtig von mir, zu behaupten, daß ich nicht einen sehr unliebsamen Eindruck von ihm empfangen habe.«

»Nun, nun, wir alle sind hie und da ein wenig ungenießbar«, meinte Lord John. »Der junge Mann hat es gewiß nicht bös gemeint. Schließlich ist er ein Internationaler und wenn er eine halbe Stunde damit zubringt, uns ein Fußballmatch zu beschreiben, so hat er letzten Endes dazu mehr Berechtigung als jeder andere.«

»Eine halbe Stunde, um ein Match zu beschreiben!« rief ich ungehalten. »Sie allein haben ja eine halbe Stunde damit verbracht, uns eine endlose Geschichte von einem Büffel zu erzählen. Professor Summerlee wird es bestätigen.«

»Ich kann mich schwer entscheiden, wer von Euch beiden der langweiligere Teil war«, meinte Summerlee. »Ich erkläre Ihnen, Challenger, daß ich in meinem ganzen Leben niemals mehr etwas vom Fußball oder von Büffeln zu hören wünsche.«

»Ich habe heute doch nicht ein Wort über Fußball gesprochen!« protestierte ich.

Lord John stieß einen schrillen Pfiff aus und Summerlee schüttelte bekümmert sein Haupt.

»Noch dazu in so früher Stunde,« meinte er, »es ist tatsächlich zum Verzweifeln. Während ich in ernstem und gedankenschwerem Stillschweigen dasaß –«

»Stillschweigen!« rief Lord John. »Sie haben uns ja die ganze Zeit eine Varietevorstellung als Tierstimmen-Imitator gegeben – eher einem wildgewordenen Grammophon als einem Menschen gleichend!«

Summerlee richtete sich gekränkt auf.

»Sie belieben geschmacklos zu werden, Lord John«, sagte er mit essigsaurer Miene.

»Das ist zum Teufelholen, das grenzt ja schon an Tollheit!« rief der Lord. »Jeder von uns weiß genau, was die anderen getan haben und keiner kann sich erinnern, was er selbst angestellt hat. Beginnen wir zunächst von vorne. Wir haben ein Rauchkupee erster Klasse bestiegen, das ist doch sicher, nicht wahr? Dann hat der Streit wegen Freund Challengers Brief in den ›Times‹ begonnen.«

»Oh, Ihr habt Euch wirklich deshalb gestritten?« fragte mit grollender Stimme der Hausherr und runzelte die Brauen.

»Sie, Summerlee, sagten, daß an der ganzen Sache nichts Wahres sein kann.«

»Oho!« sagte Professor Challenger, warf sich in die Brust und strich sich seinen Bart. »Nichts Wahres daran! Ich muß diese Worte schon einmal früher gehört haben. Darf ich nun fragen, mit welchen Beweisgründen der große und berühmte Professor Summerlee die Darlegungen jenes bescheidenen Individuums widerlegt hat, welches wagte, eine Meinung über wissenschaftliche Möglichkeiten vorzubringen? Vielleicht wird er sich doch herablassen, einige Gründe für seine gegenteilige Meinung anzuführen, bevor er dieses unglückselige Nichts gänzlich vernichtet?«

Er machte eine Verbeugung, zuckte mit den Achseln und spreizte die Finger, während er mit seinem hochtrabenden und elefantenhaften Sarkasmus diese Worte sprach.

»Die Gründe wären einfach genug«, erwiderte der halsstarrige Summerlee. »Ich habe festgestellt, daß – wenn der die Erde umgebende Äther an einer Stelle wirklich derartig gifthaltig ist, um gefährliche Symptome hervorzurufen – es kaum anzunehmen ist, daß wir drei während unserer Eisenbahnfahrt davon verschont bleiben konnten.«

Diese Erklärung bewirkte einen unbändigen Heiterkeitsausbruch Challengers. Er lachte ohne Ende – derart, daß schließlich das ganze Zimmer zu zittern und zu dröhnen schien.

»Unser verehrter Summerlee dürfte nicht ganz die Situation überblicken – was übrigens nicht das erste Mal der Fall wäre,« meinte er schließlich und trocknete sich die erhitzte Stirn. »Nun, meine Herren, ich kann Ihnen die Sachlage nicht wirksamer erläutern, als indem ich Ihnen einen genauen Bericht über meine eigenen Taten dieses Morgens gebe. Sie werden umso eher geneigt sein, sich mit alten Ihren geistigen Abirrungen, die Sie nun feststellten, abzufinden, wenn ich Ihnen zeige, daß ich selbst Augenblicke hatte, in denen mein geistiges Gleichgewicht gestört schien. Wir haben in unserem Hause schon seit einigen Jahren eine Wirtschafterin, Sarah – mir ihren Familiennamen einzuprägen, habe ich wirklich niemals versucht. Sie ist ein übermäßig prüdes Frauenzimmer von strengem und unschönem Aussehen. Ihr Wesen ist vollkommen teilnahmslos und wir können uns nicht erinnern, bei ihr jemals irgend eine seelische Regung bemerkt zu haben. Als ich heute morgens allein bei meinem Frühstück saß – meine Frau bringt gewöhnlich die Vormittage in ihrem Zimmer zu – schoß es mir plötzlich durch den Kopf, daß es gleichzeitig unterhaltend und instruktiv sein müsse, zu versuchen, wo die Grenzen dieser unerschütterlichen Ruhe Sarahs wären. Ich habe ein ebenso einfaches wie wirksames Mittel gewählt. Eine kleine Blumenvase, die gewöhnlich in der Mitte des Zimmertisches steht, habe ich umgeworfen, geklingelt und mich hierauf unter dem Tische versteckt. Sarah tritt ein, findet das Zimmer leer und nimmt wohl an, ich sei in meinem Arbeitszimmer. Wie ich es erwartet habe, tritt sie näher, beugt sich über den Tisch und will die Vase an ihren Platz stellen. Mir bietet sich der Anblick eines baumwollenen Strumpfes und eines Gummizug-Stiefels – ich strecke meinen Kopf vor und grabe meine Zähne in das Fleisch ihrer Wade. Der Erfolg hat meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen. Einige Sekunden lang stand sie entgeistert still und betrachtete von oben herab meinen Schädel. Dann riß sie sich mit einem schrillen Schrei los und stürzte aus dem Zimmer. Ich ihr nach, um sie ein wenig zu beruhigen, aber sie hört auf nichts, galoppiert über den Fahrweg dahin und einige Minuten später kann ich durch mein Fernglas beobachten, wie sie im Eilzugstempo gegen Südwest dahinrast. – Ich erzähle Euch diese Anekdote, ohne zunächst irgend eine Erklärung hinzuzufügen. Ich pflanze die Saat in Eure Gehirne und harre, ob sie darin aufgehen wird. Kommt Euch nicht eine Erleuchtung? Fällt Euch gar nichts dabei auf? Was denken Sie davon, Lord John?«

Lord John schüttelte ernsthaft seinen Kopf.

»Sie werden sich gewichtige Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn Sie sich nicht vorsehen«, sagte er.

Zeichnung: Otto Dely

»Vielleicht wünschen Sie hiezu irgend eine Bemerkung zu machen, Summerlee?«

»Sie sollten eine Zeitlang mit jeder geistigen Arbeit aussetzen, Challenger, und eine dreimonatliche Kur in irgend einem deutschen Badeort gebrauchen«, meinte dieser.

»Fabelhaft tiefsinnig!« rief Challenger. »Nun, mein junger Freund, wäre es möglich, daß die weise Erleuchtung von Ihnen kommen sollte, nachdem Ihre Vorredner so treffend daneben geschossen haben?«

Und diese Weisheit, sie kam aus meinem Munde. Ich sage es mit aller Bescheidenheit – sie kam tatsächlich. Heute natürlich, wo jeder Mensch über alle jene Ereignisse genug unterrichtet ist, scheint die ganze Sache klar und verständlich, aber damals war es wirklich nicht sehr klar, da ja alles so neu war. Jedenfalls kam mir plötzlich die Eingebung einer vollständigen Erklärung.

»Gift!« rief ich.

Und während ich dieses Wort rief, flogen meine Gedanken zurück zu allen diesen Ereignissen des Morgens, zu Lord John mit seiner Büffelgeschichte, meinem hysterischen Tränenerguß, dem heraus« fordernden Benehmen Professor Summerlees. Zu den seltsamen Ereignissen, die sich in London abspielten, dem Tumult im Park, der kopflosen Fahrt des Chauffeurs, zu dem Zank in der Sauerstofffabrik. Alles schien mir nun erklärlich.

»Natürlich,« rief ich nochmals aus, »es ist Gift. Wir alte sind vergiftet.«

»Sehr richtig!« sprach Challenger und rieb sich die Hände. »Wir alle sind vergiftet. Unser Planet ist in die giftige Ätherzone geraten und versinkt immer tiefer darin, mit einer Geschwindigkeit von mehreren Millionen Meilen in der Minute. Unser junger Freund hier hat den Grund aller dieser merkwürdigen Vorgänge in ein Wort zusammengefaßt – Gift.«

Wir alle blickten uns in starrem Stillschweigen an. Angesichts der Situation wußten wir nichts zu erwidern.

»Es ist durch geistige Beeinflussung möglich, diese Symptome zu unterdrücken und sie zu beobachten«, sprach Challenger weiter. »Ich kann aber nicht erwarten, diese Fähigkeit bei Ihnen allen ebenso ausgebildet zu finden, wie es bei mir der Fall ist, denn die Verschiedenheit unserer Veranlagungen übt hier ihren Einfluß aus. Immerhin ist eben diese Eigenschaft bei unserem jungen Freunde hier in beachtenswertem Grade vorhanden.

Nach jenem kurzen Ausbruch meines Temperaments, der meinen Dienstboten so erschreckt hatte, setzte ich mich bin und unterhielt mich eingebend mit mir selbst. Ich stellte mir zunächst vor Augen, daß ich noch niemals die geringste Lust verspürt hatte, irgend jemand von meinem Haushalt in die Waden zu beißen. Infolgedessen war jenes Verlangen abnormal gewesen. Und schon begriff ich die ganze Wahrheit. Ich prüfte mehrmals meinen Puls und konstatierte zehn Pulsschläge über die gewöhnliche Anzahl und eine Beschleunigung meiner organischen Reflexbewegungen.

Ich erließ also schleunigst einen Aufruf an mein höheres und besseres Selbst, an den wirklichen G. E. C., der klar und unberührbar über alle diese irdischen molekularen Störungen schwebt. Ich beauftragte ihn, alle diese dummen Streiche zu kontrollieren, die das Gift verursachen könnte. Und ich habe festgestellt, daß ich tatsächlich mich nun selbst in der Gewalt behielt. Ich konnte den in Unordnung geratenen Verstand beobachten und beherrschen. Es war immerhin ein bemerkenswerter Fall von einem Sieg des Geistes über die Materie, denn der Sieg wurde über jenen Teil der Materie erfochten, der am innigsten mit dem Geiste selbst verknüpft ist. Ich möchte beinahe sagen, daß der Verstand, der Geist selbst der irrende Teil war und daß die Individualität an sich ihn beherrschte. So gelang es mir zum Beispiel, als meine Frau die Treppe herabkam und ich schon daran war, mich hinter die Tür zu stellen, um sie mit wildem Gebrüll zu erschrecken, wenn sie vorbeiging, dieses Verlangen zu unterdrücken und sie würdig und ruhig wie immer zu begrüßen. Ein außerordentliches Verlangen, gleich einer Ente zu schnattern, konnte ich in derselben Weise beherrschen und als ich später hinabging, um das Auto instand setzen zu lassen und Austin mit Reparaturen beschäftigt fand, konnte ich noch rechtzeitig feststellen, daß ich meine Hand bereits erhoben hatte, um ihm einen Streich zu spielen, der ihn zweifellos die Spuren der Wirtschafterin hätte folgen lassen. Worauf ich im Gegenteil meine Hand auf seine Schulter legte und ihm befahl, pünktlich mit dem Wagen vor dem Tore zu sein, um mich zu Eurem Zuge zu führen. Und momentan fühle ich das unbändige Verlangen, Professor Summerlee bei seinem geschmacklosen, langweiligen Bart zu packen und seinen Kopf heftig nach vorne und rückwärts zuziehen. Wie Ihr seht, kann ich mich jedoch vollständig zurückhalten. Nehmt Euch mein Beispiel zu Herzen!«

»Bei mir hat es sich wohl in der Büffelgeschichte geäußert«, sagte Lord John.

»Und bei mir in dem Fußballmatch.«

»Sie dürften Recht haben, Challenger«, sagte Summerlee mit ruhigerer Stimme. »Ich muß zugeben, daß es eher meine Sache ist, zu kritisieren als zu konstatieren und daß ich nicht so leicht zu neuen Ansichten bekehrt werden kann – besonders, wenn diese so unwirklich und phantastisch sind wie jetzt. Wenn ich jedoch die Ereignisse des Morgens recht bedenke und mir das alberne Benehmen meiner Gefährten vor Augen hatte, bin ich bereit zu glauben, daß irgend ein erregendes Gift die Schuld an ihrem Benehmen trägt.«

Gutgelaunt klopfte Professor Challenger seinem Kollegen auf die Schulter. »Wir machen Fortschritte,« sagte er, »entschieden machen wir Fortschritte.«

»Und nun, Herr Kollege,« fragte Summerlee bescheiden, »wie denken Sie über die jetzige Lage?«

»Mit Ihrer Erlaubnis will ich einige Worte über diese Angelegenheit sprechen.«

Er setzte sich auf seinen Schreibtisch hinauf und ließ seine kurzen, dicken Beine hin- und herbaumeln.

»Wir sind Zeugen eines furchtbaren, eines entsetzlichen Vorganges. Es ist meiner Meinung nach das Ende der Welt gekommen.«

Das Ende der Welt! Unwillkürlich blickten unsere Augen auf das große Bogenfenster hin und sahen draußen die reizende Sommerlandschaft, die langgestreckte, blühende Heide, die schönen Villen, die gemütlichen Bauernhäuser und die Besucher der Sportplätze. Das Ende der Welt! Wie oft hatten wir dieses Wort gehört. Daß es sich jemals in Wirklichkeit verwandeln könnte, daß es nicht bloß einen völlig unbestimmten Zeitpunkt bedeutete, sondern vielmehr das Jetzt, das Heute, das war ein niederschmetternder, ein entsetzlicher Gedanke. Wir alle waren wie gelähmt und warteten schweigend auf die Fortsetzung von Challengers Rede.

Seine übermächtige Persönlichkeit und Erscheinung verliehen seinen Worten einen so schwergewichtigen Nachdruck, daß für den Augenblick all seine Rauheit und Schrullenhaftigkeit vergessen war und er uns in majestätischer Größe den Reihen der gewöhnlichen Sterblichen entrückt schien. Dann kehrte – wenigstens mir – die ermunternde Erinnerung zurück, daß er sich zweimal, seitdem wir das Zimmer betreten, vor Lachen gewunden hatte. Ich dachte, daß auch eine geistige Verwirrung Grenzen haben müßte. Die Krise konnte nicht so drohend und so unmittelbar bevorstehend sein.

»Stellt Euch eine Weintraube vor,« sagte er, »welche mit unendlich kleinen, schädlichen Bazillen bedeckt ist. Der Gärtner zieht sie nun durch ein Desinfektionsmittel. Vielleicht will er seine Trauben reinigen. Vielleicht will er Raum gewinnen, einen neuen, weniger schädlichen Bazillus zu ziehen. Jedenfalls taucht er sie in das Gift und sie sind verschwunden – fort. Unser Gärtner dort oben verfährt mit dem Sonnensystem in dieser Weise und bald wird der Bazillus Mensch, das kleine, sterbliche Gezücht, welches sich an der äußeren Erdrinde gewunden und gekrümmt hat, aus dem Dasein fortsterilisiert worden sein.«

Wieder war alles still. Auf einmal läutete schrill der Fernsprecher.

»Einer unserer Bazillen quiekt um Hilfe«, sagte er mit grimmigem Lächeln. »Sie beginnen einzusehen, daß die Fortdauer ihrer Existenz keine der Grundbedingungen des Weltalls bildet.«

Er verließ für eine oder zwei Minuten das Zimmer. Ich weiß noch, daß während seiner Abwesenheit keiner von uns ein Wort sprach. Die Lage schien zu erhaben für Worte.

»Der Leiter des Gesundheitsamtes von Brighton«, sagte er, als er wieder eintrat. »Die Symptome treten aus irgend einem Grunde an den Meeresgebieten stärker auf. Unsere hohe Lage von 700 Fuß ist also sehr vorteilhaft. Die Leute scheinen begriffen zu haben, daß auf diesem Gebiete ich der erste Fachmann bin. Wahrscheinlich ist dies die Wirkung meines Briefes an die ›Times‹. Es war der Bürgermeister eines Landstädtchens, mit dem ich gesprochen habe, als wir vorher ankamen. Ihr müßt mich ja am Fernsprecher gehört haben. Er schien sein Leben für ungeheuer wertvoll zu halten und ich habe ihm erst den Kopf zurecht rücken müssen.«

Summerlee war aufgestanden und an das Fenster getreten. Seine dünnen, knochigen Hände zitterten vor Hufregung.

»Challenger«, sagte er eindringlich, »die Lage ist zu ernst für Wortplänkeleien. Glauben Sie nicht, daß ich die Absicht habe, Sie durch meine Fragen irgendwie zu reizen. Ich lege sie Ihnen jedoch vor, denn vielleicht ist doch ein Trugschluß in Ihren Annahmen oder Schlußfolgerungen. Die Sonne scheint so heiter wie nur je am blauen Himmel. Wir sehen die Heide und die Blumen und hören die Vögel zwitschern. Die Menschen vergnügen sich auf den Golfspielplätzen und die Feldarbeiter mähen das Getreide. Sie behaupten, daß jene und wir vor der Vernichtung stehen – daß dieser Sommertag der jüngste Tag sein kann, in dessen Erwartung die Menschheit schon so lange ist. Womit begründen Sie nun, soweit wir unterrichtet sind, Ihre ungeheuerliche Behauptung? Mit einer geringen Anormalität der Spektrallinien – mit Gerüchten über Sumatra – mit einer ungewöhnlichen Aufregung, die wir aneinander wahrgenommen zu haben glauben. Dieses letztere Symptom äußert sich nicht so stark, daß man es nicht durch Willenskraft beherrschen könnte. Sie sollen mit uns kameradschaftlich sprechen, Challenger. Wir haben doch schon einmal gemeinsam dem Tode entgegengesehen. Sagen Sie frei heraus, wie es um uns steht und wie Sie über die Zukunft denken.«

Das war eine gute, beherzte Rede und sie kam von dem standhaften, starken Charakter, welcher sich hinter den Ecken, und Schärfen des alten Zoologen barg. John erhob sich und schüttelte ihm die Hand.

»Dasselbe empfinde auch ich«, sagte er. »Nun, Challenger, müssen Sie uns sagen, welches Los unser wartet. Wir sind keine furchtsamen Memmen, wie Sie wohl wissen; aber da wir in der Absicht kamen, einen kurzen Besuch abzustatten und nun entdecken müssen, daß wir heute mit Volldampf in den jüngsten Tag hineinrasen, bedarf dies doch immerhin einer kleinen Erklärung. Was für eine Gefahr droht uns – wie groß ist sie und was werden wir tun, um ihr zu begegnen?«

Hoch aufgerichtet und stattlich, umflossen von dem Sonnenschein, der durch das Bogenfenster hereinfiel, stand er da, die gebräunte Hand auf Summerlees Schulter gelegt. Ich lag in einem Lehnsessel, die ausgegangene Zigarette zwischen den Lippen und befand mich in jenem Dämmerzustand, welcher Eindrücke besonders deutlich wahrnehmen läßt. Auch dies mag ein neues Stadium der Vergiftung gewesen sein; alle unberechenbaren Impulse waren vergangen, um einem außerordentlich matten und gleichzeitig scharf beobachtenden Geisteszustande Platz zu machen. Ich war nur Zuschauer. Es war mir, als ginge mich alles um mich herum nicht das Geringste an. Ich war hier mit drei starken, tapferen Männern zusammen und es war ganz außerordentlich interessant, ihr Verhalten zu beobachten.

Challenger runzelte die dichten Brauen und strich sich den Bart, ehe er zu einer Erwiderung ansetzte. Man sah, daß er jedes seiner Worte sorgfältig abwog.

»Was waren die letzten Nachrichten, als Sie London verließen?« fragte er.

»Um zehn war ich in der Redaktion der ›Gazette‹«, antwortete ich. »Es war eben ein Reutertelegramm aus Singapore eingetroffen, aus dem hervorging, daß die Krankheit sich über ganz Sumatra verbreitet hat und daß daher die Leuchtfeuer nicht mehr entzündet worden waren.«

»Seither haben sich die Verhältnisse überstürzt«, teilte Challenger mit und hob den Stoß Telegramme empor. »Ich bin sowohl mit den Behörden wie mit der Presse in steter Verbindung und erfahre daher, was sich in allen Teilen der Welt abspielt. Allgemein und dringend wird gewünscht, daß ich nach London zurückkehren soll. Doch wäre das meiner Ansicht nach vollkommen zwecklos. Den Berichten nach äußert sich die Vergiftung zuerst in geistigen Aufregungszuständen. Soviel ich gehört habe, sind die Unruhen in Paris beute vormittags sehr heftig gewesen und unter den Kohlenarbeitern in Wales herrscht vollkommener Aufruhr. Soweit man dem vorliegenden Material Glauben schenken darf, tritt nach diesem Erregungszustand, der je nach Rasse und Individualität wesentlich verschieden ist, eine Erhöhung der Lebenskraft und Geistesschärfe ein, wovon ich an unserem jungen Freund hier Anzeichen zu bemerken glaube. Darauf folgt nach einer längeren Zeitdauer Schlafsucht, welche zum Tode führt. Ich glaube nach meinen Erfahrungen in der Giftkunde schließen zu dürfen, daß es gewisse Pflanzengifte gibt, welche in dieser Art auf das Nervensystem – –«

»Dature«, fiel Summerlee ein.

»Ausgezeichnet«, rief Professor Challenger. »Der wissenschaftlichen Genauigkeit halber wollen wir nun auch diesem giftigen Agens einen Namen geben, und zwar Daturon. Ihnen, mein lieber Summerlee, wird – wenn auch leider erst nach Ihrem Tode – die Ehre zuteil, dem Zerstörer des Weltalls, dem Desinfektionsmittel des über den Wolken thronenden Gärtners, einen Namen gegeben zu haben. Wir nehmen also an, daß die Wirkungen des Daturon so sind, wie ich sie geschildert habe. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß die ganze Welt davon ergriffen und kein Lebewesen davon verschont bleiben wird, denn der Äther erfüllt die ganze Welt. Bisher ist diese Erscheinung planlos aufgetreten, doch beträgt der Unterschied in der Zeit nur wenige Stunden und muß mit der herannahenden Flut verglichen werden, welche einen Streifen Sand nach dem andern bedeckt, hierhin und dorthin strömend, bis endlich alles überflutet ist. Alle diese Erscheinungen, die Tätigkeit und Verteilung des Daturon, werden von gewissen Gesetzen geregelt, deren Beobachtung hochinteressant wäre, wenn uns nur Zeit dazu bliebe. Soweit ich es verfolgen kann« – er warf einen Blick in seine Telegramme – »sind die niedriger entwickelten Rassen zuerst dem Einflusse erlegen. Aus Afrika liegen sehr beunruhigende Berichte vor und die australischen Eingeborenen scheinen bereits gänzlich ausgerottet worden zu sein. Die nördlichen Rassen haben bisher größere Widerstandskraft bewiesen als die südlichen Völker. Dieser Bericht ist heute morgens um neun Uhr fünfundvierzig in Marseille aufgegeben worden. Ich lese ihn Euch wörtlich vor:

›nacht hindurch in gesamter provence wahnsinnige aufregungszustände tumult der weinbauern von nimes sozialistische aufstände in toulon plötzliche erkrankungen mit nachfolgender schlafsucht heute morgens unter bevölkerung ausgebrochen tötliche seuche unmenge toter in den straßen geschäftsverkehr stockt vollkommen allgemeines chaos‹

Eine Stunde später von demselben Berichterstatter:

›wir sind von völliger vernichtung bedroht kirchen und kathedralen überfüllt mehr tote als lebende es ist entsetzlich und unfaßbar tod anscheinend schmerzlos auftretend aber rasch und unausweichlich‹

Ein ähnliches Telegramm liegt aus Paris vor, doch scheint die Entwicklung dort nicht so verheerend zu sein. Indien und Persien scheinen vollkommen ausgelöscht zu sein. Die slawische Bevölkerung Österreichs ist von der Seuche ergriffen, die deutschen Völker fast unberührt davon. Soviel ich allgemein nach meinen begrenzten Informationen feststellen kann, sind die Bewohner von Ebenen und Meeresgebieten rascher der Wirkung unterlegen als die Bewohner der Binnenländer und der Berggegenden. Eine auch nur geringe Bodenerhebung spielt hiebei eine Rolle und sollte es wirklich einen Überlebenden der Menschenrasse geben, so dürfte er auf einem Berge, hoch wie der Ararat, gefunden werden. Selbst der kleine Hügel, auf dem wir uns befinden, kann für eine kurze Zeit eine Zufluchtsinsel im Meere der Zerstörung sein. Aber bei dem Tempo sind auch wir in wenigen Stunden überflutet.«

Lord John trocknete sich die Stirn.

»Unbegreiflich ist es mir, wie Sie es fertig bringen konnten, dazusitzen und zu lachen, während Sie diese Telegramme in der Hand hielten. Ich habe dem Tode schon oft genug ins Auge gesehen, doch daß alles sterben soll, ist zu furchtbar!«

»Was meine Heiterkeit betrifft,« sagte Challenger, »so müssen Sie bedenken, daß auch ich nicht frei von den Einwirkungen des ätherischen Giftes auf das menschliche Gehirn geblieben bin, ebensowenig wie Sie. Bezüglich des Entsetzens aber, welches Ihnen das allgemeine Sterben einzuflößen scheint, kann ich Ihnen sagen, daß ich dieses Empfinden für übertrieben halte. Würde man Sie ganz allein auf einem kleinen Boote in die offene See treiben lassen, so hätten Sie allen Grund, den Mut sinken zu lassen. Ungewißheit und Einsamkeit würden Sie erdrücken. Wenn Sie dagegen Ihre Fahrt auf einem mächtigen Schiffe antreten, wenn Sie von Ihren Angehörigen und Freunden begleitet sind, so werden Sie ungeachtet des ungewissen Zieles in dem Gefühle der Zusammengehörigkeit und des Gedankenaustausches Trost finden. Ein einsamer Tod mag schrecklich sein, ein allgemeines Sterben, zumal wenn dieses so schnell und schmerzlos auftritt, ist meines Erachtens nicht furchtbar. Ich würde eher jener Person beistimmen, welche es als das Entsetzlichste bezeichnet hat, alles, was erhaben, groß und berühmt war, zu überleben.«

»Was also schlagen Sie nun vor, was wir tun könnten?« fragte Summerlee, der ausnahmsweise zustimmend zu den Ausführungen seines Kollegen genickt hatte.

»Frühstücken«, sagte Challenger, als eben der Gong erscholl. »Wir haben eine Köchin, deren Kochkunst in Omeletten einzig durch ihre Koteletts übertroffen wird. Hoffen wir, daß ihre kulinarischen Fähigkeiten nicht durch kosmische Einflüsse gelitten haben. Auch ist es notwendig, meinen Sechsundneunziger Scharzberger der allgemeinen Vernichtung zu entreißen, soweit dies unseren vereinten Bemühungen gelingen wird. Es wäre eine bedauerliche Verschwendung, dieses edle Gewächs zugrunde gehen zu lassen.« Er wälzte sich schwerfällig von dem Schreibtische hinab, auf dem er gesessen, während er uns den bevorstehenden Untergang des Planeten angekündigt hatte. »Kommt,« sagte er, »unsere Zeit ist tatsächlich gemessen, wir wollen sie daher möglichst richtig und vernünftig ausnützen.«

Die Mahlzeit verlief sehr heiter und angeregt, trotzdem wir uns fortwährend unserer furchtbaren Lage bewußt waren und der feierliche Ernst derselben sich mäßigend auf unsere Gedanken legte. Nur diejenigen, welche sich noch nie in Todesgefahr befunden haben, beben vor dem Ende zurück. Ein jeder von uns jedoch hatte eine Zeit seines Lebens sich an diesen Gedanken gewöhnt und die Frau stützte sich auf ihren mächtigen Gefährten. Seine Wege waren auch die ihren. Die Zukunft war uns schon vorgezeichnet, die Gegenwart aber gehörte noch uns. Wir verbrachten die Spanne Zeit, die wir vor uns hatten, in traulichem Zusammensein und anregendem Gespräch. Unser Verstand arbeitete wie ich schon bemerkt habe, außerordentlich scharf. Sogar ich sprühte zeitweilig von Geist. Challenger aber war einfach großartig! Nie noch vorher hatte ich die elementare Größe dieses Mannes, die Ausdehnung und Macht seines Verstandes so erfaßt wie an diesem Tage. Summerlee forderte ihn mit seiner säuerlichen Kritik heraus. Lord John und ich lachten darüber; seine Frau, die Hand auf seinen Arm gelegt, dämpfte das Gebrüll des Philosophen. Leben, Tod, Fatum, Menschenschicksal – das war der Gesprächsstoff dieser denkwürdigen Stunde, welche dadurch an Bedeutung gewann, daß eine seltsame plötzliche Steigerung der Lebensgeister und ein Prickeln in den Gliedmaßen mir ankündigte, daß die unsichtbare Todeswelle langsam und allmählich zu uns emporstieg. Einmal sah ich, wie Lord John plötzlich an seine Augen griff, einmal fiel Summerlee in seinen Sessel zurück. Jeder Atemzug war mit seltsamen Kräften geladen. Und doch war uns heiter und froh zu Mute.

Austin stellte gerade die Zigaretten auf den Tisch und wollte sich entfernen.

»Austin«, sagte der Professor.

»Ja, Herr?«

»Ich danke Ihnen für die treuen Dienste, die Sie mir geleistet haben.«

Ein Lächeln stahl sich über das verwitterte Gesicht des Dieners.

»Nur meine Pflicht getan«, sagte er.

»Heute wird die Welt untergehen, Austin.«

»Jawohl, Herr. Um wie viel Uhr, Herr?«

»Das kann ich nicht genau sagen, Austin. Noch vor dem Abend.«

»Sehr wohl, Herr!«

Der einsilbige Austin verbeugte sich und ging. Challenger brannte eine Zigarette an, zog seinen Sessel näher zu seiner Frau heran und nahm ihre Hände in die seinen.

»Du weißt, mein Kind, wie es steht«, sagte er. »Ich habe es unseren Freunden schon erklärt. Du fürchtest Dich wohl nicht?«

»Wird es weh tun, George?«

»Nicht mehr, als wenn Du Dich vom Zahnarzt einschläfern lassen würdest. So oft Du Dich hast einschläfern lassen, bist Du gestorben.«

»Das ist aber ein sehr angenehmes Gefühl gewesen.«

»So angenehm dürfte auch der Tod sein. Die grobkörnige Maschinerie des menschlichen Körpers kann die empfangenen Eindrücke nicht festhalten, doch ahnen wir den geistigen Genuß, welcher in einem Traume oder einem Trancezustand gelegen ist. Vielleicht hat die Natur ein wunderschönes Tor gebaut und mit vielen duftigen und schimmernden Vorhängen behängt, um unseren staunenden Seelen einen Eingang in das neue Leben zu schaffen. So oft ich in das Wirkliche eingedrungen bin, habe ich immer nur Güte und Weisheit als Kern gefunden; und wenn der geängstigte Sterbliche Zartheit je besonders nötig hat, so ist es sicherlich bei dem gefährlichen Übergang vom Leben zum Tode. Nein, Summerlee, ich will nichts von Ihrem Materialismus wissen, denn ich zumindest bin ein zu gewaltiges Ding, um mich in nichts als rein physische Bestandteile aufzulösen, in eine Handvoll Salze und drei Eimer Wasser. Hier – hier –« hämmerte er mit der ungeheuren Faust auf seinen mächtigen Schädel los, »hier ist etwas, das wohl Materie verbraucht, aber nicht aus solcher besteht, – etwas, das wohl den Tod überwinden, aber niemals von ihm vernichtet werden kann.«

»Da wir gerade vom Sterben sprechen«, sagte Lord John. »Ich bin gewiß ein guter Christ, aber ich kann unsere Vorväter ganz gut begreifen, die sich mit Axt, Pfeil, Bogen und dergleichen haben begraben lassen, gerade als wenn sie ihre gewohnte Lebensweise fortsetzen sollten. Ich weiß nicht«, dabei blickte er verlegen über den Tisch, »ob nicht auch ich mich heimischer fühlen würde, wenn man mich mit meinem alten Vierhundertfünfziger Expreß und der Vogelflinte begraben würde, ich meine die kürzere mit dem Kautschukschaft, und ein bis zwei Schnüren Patronen – es ist gewiß eine närrische Laune, aber ich habe sie nun einmal. Was sagen Sie dazu, Herr Professor?«

»Nun«, sagte Summerlee, »da Sie meine Ansicht hören wollen, mir erscheint dies als unbestreitbarer Rückfall in die Steinzeit, oder noch früher. Ich selbst gehöre dem zwanzigsten Jahrhundert an und möchte sterben wie ein richtiger Kulturmensch. Ich könnte nicht sagen, daß ich den Tod mehr fürchte als Sie alle, denn wie es auch kommen mag, habe ich ja doch nicht mehr lange zu leben. Aber es widerstrebt mir, da zu sitzen und ohne Möglichkeit zur Gegenwehr zu warten wie das Schaf auf den Schlächter. Wissen Sie genau, Challenger, daß es keine Hilfe gibt?«

»Rettung gibt es keine«, sagte Challenger, »im besten Falle wird es uns gelingen, unser Leben um einige Stunden zu verlängern und die Entwicklung dieser mächtigen Tragödie unmittelbar mitanzusehen, ehe wir selbst ihr zum Opfer fallen. Das könnte in meiner Macht stehen. Ich habe gewisse Vorsichtsmaßregeln getroffen – –«

»Den Sauerstoff?«

»Sehr richtig! Den Sauerstoff.«

»Aber was kann uns der Sauerstoff helfen in dem Moment, da der ganze Äther vergiftet ist? Es besteht kein größerer Unterschied zwischen einem Ziegelstein und einem Gas als zwischen Sauerstoff und dem Äther. Das sind ganz verschiedene Materien. Eines kann ja doch auf das andere nicht einwirken. Challenger, Sie können das doch wohl nicht ernst meinen.«

»Mein lieber Summerlee, dieses ätherische Gift wird sicherlich durch materielle Stoffe beeinflußt. Wir erkennen das an der Art und der Verteilung der Wirkungserscheinungen. Wohl konnten wir das a priori nicht vermuten, aber jetzt ist es eine Tatsache, die nicht zu bezweifeln ist. Daher bin ich fest davon überzeugt, daß ein Gas wie Sauerstoff, welches die Lebensfähigkeit und Widerstandskraft des Körpers erhöht, geeignet erscheint, die Wirkung des von Ihnen so zutreffend bezeichneten Daturon hinauszuziehen. Natürlich ist es nicht unmöglich, daß ich mich irre, doch habe ich wie immer festes Vertrauen auf die Richtigkeit meiner Annahmen.«

»Nun«, sagte Lord John, »wenn wir uns niedersetzen und wie Babies an ihrer Flasche, jeder an seiner Tube saugen sollen, verzichte ich.«

»Das wird auch nicht notwendig sein«, sagte Challenger. »Wir haben Vorsorge getroffen – es ist dies hauptsächlich der Anregung meiner Frau zu danken – daß ihr Wohnzimmer so luftdicht als möglich abgeschlossen werden soll. Mit Zuhilfenahme von groben Decken und Firnispapier – –«

»Gütiger Himmel, Challenger, Sie halten es doch wohl nicht für möglich, den Äther mit Firnispapier abzusperren?«

»Mein gelehrter Freund, Sie haben daneben getroffen. Nicht um den Äther am Eindringen, sondern um den Sauerstoff am Entweichen zu verhindern, haben wir diese Vorsichtsmaßregeln ergriffen. Ich bin davon überzeugt, daß wir das Bewußtsein nicht verlieren werden, solange die Atmosphäre mit Sauerstoff übersättigt ist. Ich hatte zwei Tuben Sauerstoff und Sie haben deren noch drei mitgebracht. Viel ist es allerdings nicht, aber immerhin etwas.«

»Wie lange werden wir damit auskommen?«

»Das kann ich nicht sagen. Wir werden sie nicht öffnen, solange die Luft erträglich ist. Dann werden wir das Gas je nach Bedarf ausströmen lassen. Vielleicht werden uns einige Stunden, vielleicht auch einige Tage geschenkt, in denen wir dann auf eine verlöschte Welt hinausblicken werden. Wir rücken auf diese Art unser eigenes Ende möglichst weit hinaus und es wird uns das sonderbare Los zuteil, daß wir fünf gewissermaßen die Nachhut des Menschengeschlechtes auf dem Wege ins Unbekannte bilden. Vielleicht haben Sie nun die Güte, mir bei den Zylindern ein wenig behilflich zu sein. Die Luft wird anscheinend ziemlich drückend.«

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