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Im Giftstrom

Arthur Conan Doyle: Im Giftstrom - Kapitel 2
Quellenangabe
authorConan Doyle
titleIm Giftstrom
publisherCarl Stephenson-Verlag
year1924
illustratorOtto Dely
translatorLeopold Wölflin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170724
projectidca0310dc
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I. Die Linien verschwimmen.

Ich fühle mich bewogen, diese ganz erstaunlichen Ereignisse jetzt sofort niederzuschreiben, solange ihre Einzelheiten noch frisch in meinem Gedächtnis ruhen, ohne bereits vom Strom der Zeit verwischt worden zu sein.

Als ich vor einigen Jahren in den Spalten der »Daily Gazette« die sensationelle Reise beschrieb, durch die Professor Challenger, Professor Summerlee, Lord John Roxton und ich in eine so merkwürdige Gegend Südamerikas verschlagen wurden, habe ich es mir allerdings nicht träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen würde, von einem weit seltsameren Erlebnis zu berichten, einer Sache, die sich über alle bisherigen Geschehnisse der menschlichen Geschichte berghoch erhebt. Das Ereignis an sich ist, wie gesagt, wunderbar, die Art und Weise jedoch, wie wir vier zur Zeit dieser Episode zusammenkamen und sie nun als Beobachter miterleben konnten, wurde ganz einfach und logisch herbeigeführt. Ich will mich nun bemühen, alle Umstände, die vorhergingen, so kurz und deutlich wie möglich zu erklären, obwohl ich ganz gut weiß, daß dem Leser die ausführlichste Mitteilung am willkommensten wäre. Das öffentliche Interesse für diese Angelegenheit hat ja bekanntlich noch immer nicht nachgelassen.

Es war also an einem Freitag (jenem siebenundzwanzigsten August, der für immer denkwürdig in der Weltgeschichte sein wird), als ich mich in die Redaktion meiner Zeitung begab, um von Mr. Mac Ardle, dem Leiter der Abteilung »Neuigkeiten«, einen dreitägigen Urlaub zu erbitten. Der biedere alte Schotte schüttelte den Kopf, kraute sich nachdenklich die flaumigen Reste seines rötlichen Haares und kleidete seine Abneigung gegen eine Gewährung meines Ersuchens in die Worte:

»Sehen Sie, Mister Malone, wir hätten gerade in den nächsten Tagen etwas ganz Besonderes für Sie gehabt, eine Sache, sage ich Ihnen, die ganz einfach nur Sie so durchführen können, wie sie eben durchgeführt werden soll«

»Das tut mir wirklich leid«, erwiderte ich und versuchte, meine natürliche Enttäuschung nach Möglichkeit zu verbergen, »selbstverständlich, wenn Sie mich brauchen, ist ja die Sache erledigt. Allerdings wäre meine Angelegenheit dringend – und wenn es also doch irgendwie möglich wäre, daß ich entbehrt werden könnte –«

»Es geht leider absolut nicht.«

Das war bitter, aber ich mußte eben gute Miene zum bösen Spiel machen. Schließlich hätte ich vom Anfang an wissen müssen, daß ein Journalist niemals auf eigene Faust über sich und seine Zeit verfügen kann.

»Dann werde ich mir die Sache aus dem Kopfe schlagen«, sagte ich so heiter, als es mir in meiner Stimmung möglich war. »Was für eine Aufgabe hätten Sie denn für mich?«

»Ich möchte, daß Sie diesen Teufelskerl da drunten in Rotherfield interviewen.«

»Wie – Sie meinen doch nicht etwa gar Professor Challenger?« rief ich.

»Gerade ihn meine ich – natürlich. Er hat vorige Woche den jungen Alex Simpson vom ›Courier‹ beim Kragen und an den Hosenträgern erwischt und ihn so eine Meile lang hinter sich über die Landstraße hergeschleift. Sie werden ja wohl im Polizeibericht darüber gelesen haben. Unsere Jungens würden ebenso gern einen aus dem Zoo entwischten Alligator interviewen. Sie sind der einzige Mensch, der das machen könnte – Sie, der langjährige Freund dieses Krokodils.«

»Ah!« sagte ich erleichtert, »das vereinfacht die die Sache bedeutend. Ich wollte Sie nämlich um Urlaub bitten, um Professor Challenger zu besuchen. Es kommt jetzt der Jahrestag eines ganz besonderen Abenteuers, das wir vier zusammen erlebt haben und da bat er uns alle eingeladen, ihn zu besuchen und mit ihm den Tag zu feiern.«

»Famos!« rief Mac Ardle, indem er sich die Hände rieb und mich durch seine Brillengläser freudestrahlend anfunkelte. »Dann werden Sie ja genug des Interessanten aus ihm herausbringen können. Wäre er nicht er, würde ich alles für leeres Geschwätz halten, aber der Mann hat schon einmal in einem ähnlichen Falle Recht behalten und wer weiß, was diesmal wieder eintreten kann.«

»Was soll er mir denn so Besonderes mitteilen?« fragte ich, »was ist denn geschehen?«

»Ja, haben Sie denn nicht seinen Brief über die ›Wissenschaftlichen Möglichkeiten‹ in den heutigen ›Times‹ gelesen?«

»Nein.«

Mac Ardle tauchte unter den Tisch und fischte eine Zeitung vom Fußboden auf.

»Bitte, lesen Sie laut«, sagte er, indem er mich auf eine Stelle hinwies. »Denn ich weiß nicht, ob ich alles genau verstanden habe und würde es gerne noch einmal von Ihnen hören.«

Ich las also folgendes vor:

» Wissenschaftliche Möglichkeiten.«

Geehrter Herr!

Mit stillem Ergötzen, dem jedoch auch einige weniger schmeichelhafte Empfindungen beigemengt waren, habe ich den außerordentlich selbstzufriedenen und außerordentlich albernen Brief des James Wilson Mac Phail gelesen, den Sie kürzlich in Ihrem Blatte brachten und der das Verschwimmen der Frauenhoferschen Linien in den Spektren der Planeten wie auch der Fixsterne behandelte. Jener Herr bezeichnet die Sache als völlig belanglos. Ein etwas schärferer Verstand allerdings würde dieser Erscheinung besondere Bedeutung beimessen, da sie letzten Endes das Wohl und Wehe aller Lebewesen berühren kann. Ich kann ja wohl nicht damit rechnen, daß es mir möglich sein würde, mit wissenschaftlichen Fachausdrücken das Verständnis jener geistig abgestumpften Kreise zu erreichen, welche gewohnt sind, ihr Wissen aus den Spalten einer Tageszeitung zu schöpfen. Ich will es daher versuchen, mich dem beschränkten Fassungsvermögen eben dieser Kreise anzupassen und die Sachlage durch ein handgreifliches Beispiel zu illustrieren, das sich wohl innerhalb der Verstandesgrenzen Ihrer Leser bewegen wird.«

»Ein unglaublicher Kerl!« rief Mac Ardle aus, »Der könnte selbst das Gefieder einer neugeborenen Turteltaube zum Sträuben bringen und in der sanftesten Quäkerversammlung einen Aufruhr provozieren. Nun begreife ich auch, daß ihm der Boden Londons zu heiß geworden ist. Schade, Mister Malone, denn er ist wirklich ein bedeutender Kopf. Nun, jetzt wollen wir einmal den Vergleich hören.«

Ich fuhr fort:

»Nehmen wir an, daß ein kleines Bündel miteinander verknüpfter Korke durch den Atlantischen Ozean in einer langsamen Strömung dahintreibt. Tag für Tag schwimmen die Korke unter stets gleichmäßigen Verhältnissen langsam weiter. Hätten diese Korke einen ihnen angemessenen Verstand, so würden sie wahrscheinlich überzeugt sein, daß dieser Zustand der Dinge ewig gleichbleibend ist. Wir aber, mit unserem so überlegenen Fassungsvermögen, wissen, daß sich vielleicht etwas ereignen kann, worauf die Korke nicht gefaßt sind. So könnten sie an ein Schiff oder einen schlafenden Walfisch treiben oder sich in Seetang verwickeln. Letzten Endes aber müßte ihre Reise damit enden, daß die Korke irgendwo an die Felsküste Labradors geworfen werden würden. Aber sie ahnen nichts von all dem, da Sie doch so sanft und gleichmäßig Tag für Tag in einem, wie sie annehmen, unbegrenzten und ewig gleichmäßigen Ozean weiterschwimmen.

Ihre Leser werden vielleicht schon begreifen, daß ich in diesem Gleichnis mit dem Ozean den unendlichen Äther meine, durch den wir treiben und daß die zusammengebundenen Korke das kleine, unbedeutende Planetensystem darstellen sollen, welchem wir angehören. Eine Sonne dritten Grades, mit einem Pack von unbedeutenden Satelliten hinterher, treiben wir unter stets gleich scheinenden Verhältnissen einem unbekannten Ende zu, einer ganz abscheulichen Katastrophe, die uns in den äußersten Grenzen des Raumes ereilen wird, wo wir über einen Äther-Niagara hinabstürzen oder an einem unsichtbaren Labrador zerschellen werden. Ich teile den seichten und unwissenden Optimismus Ihres Korrespondenten James Wilson Mac Phail keineswegs, sondern glaube vielmehr, daß es geboten wäre, eine Veränderung unserer kosmischen Umgebung, welche schließlich unser aller Schicksal bedeuten kann, auf das Genaueste zu erforschen.«

»Mensch, das wäre doch ein fabelhafter Prediger geworden«, meinte Mac Ardle. »Seine Worte dröhnen wie eine Orgel. Aber sehen wir weiter, was ihm eigentlich solche Sorgen bereitet.«

»Das Verschwimmen und Verschwinden der Frauenhoferschen Linien im Spektrum weist meiner Ansicht nach auf eine Veränderung im Kosmos bin, eine Veränderung von ganz besonderer Art. Das Licht der Planeten ist bekanntlich der Reflex des Sonnenlichtes. Das Licht der Fixsterne hingegen strömt aus ihnen selbst hervor. Nun zeigt gegenwärtig sowohl das Spektrum der Planeten wie das der Fixsterne dieselbe Veränderung. Kann der Grund hiezu wirklich an allen diesen Planeten und Fixsternen selbst liegen? Das hatte ich für ausgeschlossen. Von welcher gemeinsamen Veränderung sollten sie plötzlich alle befallen worden sein? Oder ist vielleicht der Grund eine Veränderung der Erdatmosphäre? Das wäre eventuell möglich, ist jedoch nicht wahrscheinlich, da wir hiefür kein sichtbares Anzeichen haben und diesbezügliche chemische Analysen ergebnislos geblieben sind. Was gibts also für eine dritte Möglichkeit? Eine Veränderung in dem so unendlich feinen Äther, dem lebenden Medium, das Stern mit Stern verbindet und das ganze Weltall ausfüllt. Tief unten in diesem Ozean treiben wir in langsamer Strömung dahin. Ist es nun nicht möglich, daß diese Strömung uns in Ätherzonen führt, welche uns neu sind und Eigenschaften besitzen, von welchen wir nie etwas erfahren haben? Irgend eine solche Veränderung im Äther dürfte vorhanden sein, die kosmische Veränderung des Spektrums spricht dafür. Dieser Umstand kann günstig für uns sein, kann Gefahren für uns bergen und kann drittens mit keinerlei Wirkung für uns verbunden sein. Wir wissen vorläufig gar nichts darüber. Einfältige Beobachter mögen die ganze Angelegenheit als unbedeutend abtun, jemand aber, der wie ich, einen doch etwas schärferen Verstand besitzt, muß begreifen, daß die Möglichkeiten, die im Weltall ruhen, unbegrenzt sind und daß der am klügsten ist, der stets auf Unvorhergesehenes vorbereitet ist. Um nun mit einem augenfälligen Beispiel zu kommen: Wer kann beweisen, daß jener allgemeine Ausbruch einer geheimnisvollen Krankheit bei den eingeborenen Stämmen Sumatras, von dem Ihrem Blatte gerade am selben Morgen berichtet wurde, nicht irgendwie im Zusammenhange mit jener angenommenen kosmischen Veränderung steht, auf welche eben diese Völker früher reagieren mögen, als die komplizierteren Europäer? Das wäre eine Frage, die sich derzeit weder mit Ja noch mit Nein beantworten läßt. Immerhin wäre derjenige, der nicht begreifen würde, daß die wissenschaftliche Möglichkeit hiezu tatsächlich vorhanden ist, in der Tat ein ganz unverbesserlicher Dummkopf.

Mit Hochachtung
George Eduard Challenger.
The Bruars, Rotherfield.«

»Das ist doch wirklich ein fabelhaft anregender Brief«, meinte Mac Ardle gedankenvoll und steckte sich eine Zigarette in die lange Glasröhre, die ihm als Zigarettenhalter diente. »Was denken Sie darüber, Mr. Malone?«

Zu meiner Beschämung mußte ich gestehen, daß ich über die fragliche Angelegenheit nicht das Geringste wußte. Was vor allem waren Frauenhofer'sche Linien? Mac Ardle hatte sich mit Hilfe unseres wissenschaftlichen Redakteurs über die Sache informiert und entnahm seinem Schreibtisch zwei jener vielfarbigen Spektralbänder, welche Dinger große Ähnlichkeit mit den Kappenbändern eines jungen, ehrgeizigen Kricketklubs aufwiesen.

Mac Ardle zeigte mir nun gewisse schwarze Linien, die quer über die Parallelreihen der Farben – rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett – liefen.

»Diese dunklen Streifen hier sind eben die Frauenhofer'schen Linien«, sagte er. »Die Farben zusammen sind das Licht selbst, jedes Licht, das Sie durch ein Prisma spalten, ergibt diese Farben. Und zwar immer dieselben. Die Farben sind also nicht das Bedeutende. Bestimmend sind die Linien, denn sie verändern sich je nach dem Ursprungskörper des Lichtes. Diese Linien sind es, die, sonst völlig klar, in der letzten Woche verschwommen sind und alle Astronomen können wegen der Ursache nicht einig werden. Hier haben Sie eine Photographie dieser verschwommenen Linien. Wir bringen das Bild morgen heraus. Bisher hat ja das Publikum sich nicht dafür interessiert, doch jetzt wird es durch den Brief Challengers in den ›Times‹ meiner Meinung nach ziemlich aufgerüttelt werden.«

»Und was ist mit Sumatra?«

»Das ist allerdings ein weiter Weg – von den verschwimmenden Linien im Spektrum zu den kranken Eingeborenen in Sumatra. Aber Challenger bat uns schon einmal bewiesen, daß seine Behauptungen Hand und Fuß haben. Dort unten ist also eine Krankheit ausgebrochen, welche die merkwürdigsten Wirkungen auf die Eingeborenen mit sich bringt. Dazu kommt, daß nach einer soeben eingetroffenen Kabelmeldung aus Singapore die Leuchtfeuer in der Sundastraße plötzlich erloschen sind. Die Folge davon war, daß dort natürlich sofort zwei Schiffe an der Küste aufgelaufen sind. Das alles zusammen ist jedenfalls genug Material für Sie, um Challenger zu interviewen. Und wenn Sie wirklich etwas aus ihm herausbringen, schicken Sie uns eine Spalte für das Montagblatt.«

Ich verabschiedete mich von Mac Ardle. Huf der Treppe hörte ich, wie man vom Wartezimmer aus meinen Namen rief. Es war ein Telegraphenbote, der mir eine Depesche brachte, welche man mir von meiner Wohnung in Streatham nachgeschickt hatte.

Das Telegramm kam eben von jenem Manne, über den wir gerade gesprochen hatten und lautete:

malone 17 hill street streatham
mitbringet sauerstoff challenger.

»Mitbringet Sauerstoff?!« Ich erinnerte mich, daß der Professor den Humor eines Mammuts besaß, der ihn oft zu den plumpsten und unerquicklichsten Kapriolen veranlaßte. Sollte das vielleicht einer jener Scherze sein, die ihn dann stets derart in brüllendes Gelächter ausbrechen ließen, daß seine Augen völlig verschwanden – aus dem einfachen Grunde, weil er nach solchen Scherzen dermaßen lachte, daß von seinem Antlitze nichts zu sehen war als ein riesig aufgesperrter Rachen und ein wackelnder, buschiger Bart. Wobei ihn die ernsten und unbeweglichen Mienen seiner Umgebung nie im geringsten aus der Fassung bringen konnten.

Ich las immer wieder, ohne jedoch ein Kennzeichen dafür zu finden, daß es sich hier tatsächlich um einen Scherz handle. Es mußte also doch ein ernst zu nehmender Auftrag sein, allerdings einer von seltsamer Art. Jedenfalls dachte ich nicht im entferntesten daran, etwa einem von ihm erteilten, sicherlich wohldurchdachten Wunsch nicht Folge zu leisten. Vielleicht hatte er irgend ein wichtiges chemisches Experiment vor, vielleicht – . Nun, es war ja nicht meine Sache, darüber nachzudenken, wie er den Sauerstoff verwenden würde. Ich mußte ihn eben besorgen.

Ich hatte noch ungefähr eine Stunde Zeit bis zum Abgang meines Zuges, nahm also einen Taxameter, nachdem ich im Telephonbuch die Adresse einer Sauerstoffabrik in der Oxford Street festgestellt hatte, und ließ mich dorthin führen.

Als ich ausstieg, kamen mir zwei junge Leute entgegen, die, aus der Fabrik tretend, mühsam einen eisernen Zylinder in ein auf der Straße wartendes Automobil hoben. Ein alter Mann sah ihnen zu und zankte dabei mit kreischender Stimme in höhnischem Tone auf sie ein. Unvermittelt wendete er sich mir zu. Diese scharfen Züge und der Ziegenbart waren nicht zu verkennen. Kein Zweifel – es war mein alter sauertöpfischer Gefährte, Professor Summerlee.

»Was«, rief er, »Sie werden mir doch nicht einreden wollen, daß Sie ebenfalls ein so unsinniges Telegramm von wegen Sauerstoff erhalten haben?«

Ich zog es hervor und hielt es ihm bin.

Er blickte mich an und meinte: »Also ich habe auch eines erhalten und seine Weisung befolgt wenn auch sehr gegen meinen Willen. Unser guter Freund ist so unmöglich wie immer. Er kann doch wirklich den Sauerstoff nicht so dringend brauchen, daß er die gewöhnlichen Mittel zur Beschaffung außer Acht läßt und die Zeit von Leuten in Anspruch nimmt, die mehr und wichtigeres zu tun haben als er. Warum hat er nicht von der Fabrik bestellt?«

Ich konnte nur erwidern, daß wahrscheinlich ein wichtiger Anlaß hiefür vorhanden sein müsse.

»Nun, vielleicht hat er nur den Anlaß für so wichtig gehalten, was immerhin eine andere Sache ist. Jetzt brauchen Sie natürlich keinen Sauerstoff zu kaufen, da ich ohnedies eine ansehnliche Menge mitnehme.«

Zeichnung: Otto Dely

»Er scheint aber aus irgend einem besonderen Grunde zu wünschen, daß ich ebenfalls Sauerstoff besorge und ich möchte nicht gerne gegen seinen Willen handeln.«

Ohne den brummigen Widerspruch des Professors zu beachten, kaufte ich das gleiche Quantum wie er und bald stand neben seinem Ballon ein zweiter im Auto. Summerlee wollte mich zum Victoria-Bahnhof mitnehmen.

Ich ging also zum Chauffeur meines Taxameters hinüber, um ihn zu entlohnen. Er nannte mir einen Fahrpreis, der weit über das Zulässige hinausging und benahm sich außerordentlich streitsüchtig. Als ich wieder zu Summerlee trat, hatte er eben eine wütende Auseinandersetzung mit den beiden Männern, welche den Sauerstoff zum Wagen getragen hatten und dabei zitterte sein kleiner, weißer Ziegenbart vor Aufregung auf und nieder. Einer von den Kerlen hieß ihn, soviel ich mich erinnere, einen »dummen, alten, gebleichten Kakadu«, was den Chauffeur des Professors dermaßen erboste, daß er von seinem Sitz heruntersprang und handgreiflich für seinen Herrn eintreten wollte. Nur mit Mühe gelang es mir, eine Rauferei zu verhindern.

Alle diese wie auch die folgenden kleinen Zwischenfälle mögen belanglos erscheinen und sind auch damals nicht weiter beachtet worden. Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich jedoch den Zusammenhang mit jener Begebenheit, über die ich berichten will.

Wie mir schien, war der Chauffeur ein Neuling oder vielleicht hatte die Aufregung über den Zwischenfall ihn der Herrschaft über sein Auto beraubt – jedenfalls fuhr er wüst darauf los. Auf dem Weg zur Bahn wären wir zweimal beinahe mit ebenso toll und regellos daherrasenden Fahrzeugen zusammengestoßen und ich weiß noch, daß ich tadelnd zu Summerlee bemerkte, die Geschicklichkeit der Londoner Wagenlenker hätte bedeutend nachgelassen. Einmal sausten wir knapp an einem großen Knäuel von Menschen vorbei, die an der Ecke von Mall einer Rauferei zusahen. Alle diese Leute, die sich an und für sich schon in hoher Aufregung befanden, gerieten in außerordentliche Erbitterung über unseren ungeschickten Chauffeur und ein Bursche sprang auf das Trittbrett und schwang einen Stock über unsere Köpfe. Ich stieß ihn zurück und wir waren froh, als wir die Leute hinter uns hatten und mit heiler Haut aus dem Parke draußen waren.

Alle diese Episoden hatten an meinen Nerven gezerrt und auch die Geduld meiner Gefährten hatte anscheinend durch diese Folge von Zwischenfällen ihr Ende erreicht.

Unsere gute Laune kehrte jedoch zurück, als wir am Bahnhof Lord John Roxton sahen, der am Perron auf und ab ging, die lange, magere Gestalt in einen hellen Jagdanzug gesteckt. Sein ausdrucksvolles Gesicht mit den wundervollen, so durchdringenden und dabei so lustigen Augen glänzte vor Freude, als er uns erblickte. Sein rötliches Haar zeigte graue Stellen und die Falten seines Gesichtes waren tiefer geworden, aber er war noch immer der Alte geblieben, der gute Kamerad der einstigen Zeit.

»Holla, Herr Professor! Holla, junger Freund!« rief er uns zu und schritt uns entgegen.

Er schüttelte sich vor Lachen, als er unsere Sauerstoffbehälter sah, die eben von einem Träger abgeladen wurden.

»Also auch Ihr habt so was gekauft!« rief er. »Meiner ist schon im Kupee. Was kann der alte Herr wollen?«

»Haben Sie seinen Brief in den ›Times‹ gelesen?« fragte ich.

»Worum hat es sich da gehandelt?«

»Krasser Blödsinn!« sagte Summerlee scharf.

»Ich glaube, daß es irgendwie mit dieser Sauerstoffgeschichte zusammenhängt oder ich müßte mich sehr täuschen«, meinte ich.

»Absoluter Blödsinn!« rief abermals Summerlee unwirsch dazwischen mit einer ganz überflüssigen Heftigkeit.

Wir befanden uns in einem Rauchkupee erster Klasse und der Professor hatte schon seine verräucherte alte Shagepfeife in Brand gesteckt, die jedesmal befürchten ließ, daß er sich seine lange, streitsüchtige Nase daran versengen würde.

»Freund Challenger ist ein kluger Mann«, sagte er aufgeregt. »Das kann niemand bestreiten. Nur ein Narr könnte es bestreiten. Sehen Sie sich doch nur den Umfang seines Hutes an. Dieser Hut bedeckt ein sechzig Unzen schweres Gehirn – eine mächtige Maschine, weiß Gott, die ohne Stockung läuft und beste Arbeit leistet. Zeigt mir die Maschinenhalle und ich werde Euch die Größe der Maschine sagen können. – Aber er ist dabei ein geborener Charlatan. Ihr werdet Euch erinnern können, daß ich es ihm schon einmal ins Gesicht gesagt habe – ein geborener Charlatan, der sich durch eine Art von dramatischem Kniff gut in Szene zu setzen weiß. Derzeit ist alles ruhig – da glaubt Freund Challenger, er könne die Aufmerksamkeit wieder einmal auf sich lenken. Sie meinen doch wohl nicht, daß er im Ernst an all diesen Unsinn über eine Veränderung im Äther und eine Bedrohung des Menschengeschlechtes glaubt? Hat man je eine derart alberne Tartarennachricht vernommen?!«

Er saß da wie ein alter weißer Rabe, krächzte und schüttelte sich in höhnischem Gelächter. In mir stieg Zorn auf, als ich ihn derart von Challenger reden hörte. Es war absolut unanständig, daß er so von einem Manne sprach, dem wir unseren Ruhm verdankten. Schon wollte ich eine zornige Antwort geben, als Lord John mir zuvorkam.

»Sie sind schon einmal mit Challenger ins Gedränge geraten,« sagte er scharf, »und da sind Sie innerhalb zehn Sekunden zu Boden gekommen. Ich glaube, Professor Summerlee, daß er Ihnen überlegen ist und daß es das Beste für Sie wäre, ihm aus dem Wege zu geben und ihn unbehelligt zu lassen.«

»Außerdem«, fügte ich hinzu, »ist er uns allen ein guter Freund gewesen. Welche Fehler er auch haben mag, er ist ein aufrechter, gerader Mensch, der niemals hinter dem Rücken seiner Gefährten Böses von ihnen sprechen würde.«

»Gut gesagt, mein Junge!« rief Lord John Roxton. Mit freundlichem Lächeln klopfte er sodann Professor Summerlee auf die Schultern. »Sehen Sie, wir werden doch nicht streiten, dazu haben wir denn doch zu viel Gemeinsames erlebt. Von Challenger aber halten Sie sich fern, denn dieser junge Mann und ich haben etwas für den alten Herrn übrig.«

Summerlee war jedoch nicht gelaunt, Frieden zu schließen. Seine Miene war ganz frostige Ablehnung und er qualmte ununterbrochen auf seiner Pfeife.

»Was Sie, Lord Roxton, betrifft,« krächzte er, »so lege ich Ihrer Meinung in bezug auf wissenschaftliche Anschauungen gerade so viel Wert bei, wie Sie etwa meinem Urteil über ein neues Jagdgewehr. Ich habe eine eigene Meinung, mein Herr, und weiß diese auch zu vertreten. Soll ich etwa, weil ich mich einmal geirrt habe, alles, was uns dieser Mann auftischen will, auf Treu und Glauben hinnehmen, wenn es auch noch so weit hergeholt ist – ohne daß ich mir darüber mein eigenes Urteil bilden darf? Benötigen wir vielleicht einen Papst der Wissenschaft, dessen unfehlbare Beschlüsse ohne Widerrede von der armen, demütigen Zuhörerschaft angenommen werden müssen? Ich sage Ihnen, meine Herren, daß ich ein eigenes Gehirn habe und daß ich mir als Snob und als Knechtseele erscheinen müßte, würde ich dieses Gehirn nicht gebrauchen. Bereitet es Ihnen wirklich ein so besonderes Vergnügen – bitte – so glauben Sie nur an die Frauenhofer'schen Linien und an ihr Verschwimmen im Äther und an all den anderen Unsinn, nur verlangen Sie nicht, daß Leute, die älter und erfahrener sind als Sie, Ihre Narrheit mitmachen. Ist es denn nicht ganz klar, daß, wenn sich der Äther in der von ihm angenommenen Weise verändern würde – die Folge davon verderblich für die menschliche Gesundheit wäre, was sich doch an uns zeigen müßte.« Er lachte in lärmendem Triumph über seine eigene Beweisführung. »Jawohl, meine Herren, in diesem Falle würden wir nicht hier in einem Eisenbahnzug sitzen und friedlich wissenschaftliche Probleme erörtern, sondern wir würden deutliche Anzeichen des in uns wühlenden Giftes bemerken. Aber bitte – wo sehen Sie denn nur Anzeichen dieses ›Giftes‹, dieser ›kosmischen Zersetzung‹? Antworten Sie mir darauf, meine Herren! Antworten Sie! Nein, ich will keine Ausflüchte, ich bestehe auf eine Antwort!«

Ich ärgerte mich unbeschreiblich. Es lag etwas Herausforderndes und Aufreizendes in Summerlees Benehmen.

»Ich denke, daß Sie etwas zurückhaltender in Ihren Bemerkungen wären, wenn Sie über die Tatsachen genauer informiert wären«, sagte ich.

Summerlee nahm die Pfeife aus dem Munde und sah mich starr an.

»Bitte, Herr, was wollen Sie mit dieser geradezu impertinenten Bemerkung sagen?«

Ich berichtete kurz von jener Drahtmeldung über die allgemeine sonderbare Erkrankung der Eingeborenen Sumatras sowie von der Meldung, daß die Leuchttürme auf den Sundainseln plötzlich erloschen seien.

»Auch menschliche Unvernunft sollte doch schließlich Grenzen haben!« schrie Summerlee, der immer mehr in Wut geriet. »Sollte es denn möglich sein, daß Sie nicht begreifen können, daß der Äther, selbst wenn wir einen Augenblick lang Challengers hirnverbrannte Theorie ernstlich in Erwägung ziehen, ein gleichförmig beschaffener Stoff ist, der am andern Erdende auch nicht anders zusammengesetzt sein kann als hier bei uns. Haben Sie denn auch nur eine Sekunde hindurch glauben können, daß es einen speziellen Äther für England und einen für Sumatra gibt? Vielleicht glauben Sie gar, daß der Äther von Kent in mancher Hinsicht besser ist als der Äther der Grafschaft Surrey, die wir soeben durchfahren. Tatsächlich, die Leichtgläubigkeit und Unwissenheit des Durchschnittslaien sind grenzenlos. Ist es denn überhaupt denkbar, daß der Äther in Sumatra eine derart verheerende Wirkung besitzen könnte, um die ganze Bevölkerung bewußtlos zu machen, während gleichzeitig der Äther unserer Zonen unser eigenes Befinden nicht im geringsten tangiert? Denn ich kann von mir nur sagen, daß ich mich körperlich und geistig noch nie so wohl gefühlt habe wie jetzt.«

»Das ist ja möglich, ich sage ja auch nicht, daß ich ein Gelehrter bin,« meinte ich, »obwohl ich oft genug habe sagen hören, daß gewöhnlich die wissenschaftlichen Errungenschaften der einen Generation schon von der nächsten als Trugschlüsse bezeichnet werden. Es gehört schließlich kein besonders scharfer Verstand dazu, einzusehen, daß der Äther, von dem wir im Grunde genommen nur sehr wenig wissen, in den verschiedenen Weltteilen von den jeweiligen örtlichen Verhältnissen derart beeinflußt werden könnte, daß sich auf dem fremden Erdteil eine Wirkung zeigt, die erst später auch bei uns eintreten würde.«

»Mit ›könnte‹ und ›würde‹ kann man alles beweisen!« schrie Summerlee wütend. »So könnten auch Schweine fliegen. Jawohl, mein Herr, sie könnten fliegen – aber sie tun es nicht. Es ist wirklich überflüssig, mit Ihnen eine Debatte einzugehen. Challenger bat Sie beide eben mit seinem Unsinn angesteckt und Sie haben es verlernt, klar zu denken. Ich könnte gerade so gut mit dem Sitzpolster da in diesem Kupee ein Gespräch führen.«

»Ich muß Ihnen ganz offen sagen, Professor Summerlee, daß seit unserem letzten Zusammensein Ihre Manieren keineswegs besser geworden sind«, sagte Lord John scharf.

»Euch Adeligen sagt eben die Wahrheit nicht zu«, antwortete Summerlee bitter. »Nicht wahr, es ist keine sehr angenehme Empfindung, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, daß ein adeliger Name es nicht hindern kann, ein außerordentlich unwissender Mensch zu sein.«

»Mein Wort darauf,« sprach Lord John ernst und gemessen, »wären Sie jünger, Sie würden es wohl nicht wagen, in dieser Art mit mir zusprechen.«

Summerlee reckte sein Kinn mit dem kleinen, spitzigen Büschel von Ziegenbart in die Luft.

»Wollen Sie gefälligst zur Kenntnis nehmen, mein Herr, daß – ob alt oder jung – ich mich noch nie, in meinem ganzen Leben nicht, gescheut habe, das, was ich denke, einem unwissenden Einfaltspinsel – jawohl, mein Herr, – einem unwissenden Einfaltspinsel auch zu sagen. Ja, mein Herr, daran wird sich auch nichts ändern und hätten Sie auch so viel Titel an sich, als Sklaven erfinden und Narren sich beilegen könnten.«

Einen Augenblick lang funkelten Lord Johns Augen auf, dann bezwang er sich mit sichtlicher Anstrengung und lehnte sich, die Arme über die die Brust kreuzend, mit bitterem Lächeln in seinen Sitz zurück. Mir war der ganze Auftritt außerordentlich peinlich und widerwärtig. Wie eine Welle strömte die Vergangenheit über mich bin, die herzliche Kameradschaft, die Zeiten fröhlicher Abenteurerlust – all das, wofür wir gelitten, was wir erstrebt und erreicht hatten. Daß es nun so weit gekommen war – zu Ausfällen und Beleidigungen! Ich begann plötzlich zu weinen – ich schluchzte laut und fassungslos und konnte mich gar nicht beruhigen. Meine Gefährten betrachteten mich verwundert. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen.

»Es geht schon vorüber«, sagte ich. »Das Ganze ist nur so furchtbar traurig.«

»Sie sind krank, junger Freund«, sagte Lord John. »Sie sind mir auch gleich so merkwürdig vorgekommen.«

»Ihre Gewohnheiten, mein Herr, sind in den letzten drei Jahren keineswegs besser geworden«, sagte Summerlee. »Auch mir ist Ihr merkwürdiges Benehmen schon bei unserem Zusammentreffen aufgefallen. Verschwenden Sie Ihre Teilnahme nicht, Lord John, diese Tränen sind ganz einfach alkoholischen Ursprungs. Der Mann hat zu viel getrunken. Übrigens, Lord John, habe ich Sie soeben einen unwissenden Einfaltspinsel genannt und das war doch nicht ganz in Ordnung. Das erinnert mich jedoch an eines meiner Talente, das ich früher besessen habe und das wohl alltäglich, aber immerhin amüsant war. Sie kennen mich nur als den ernsten Gelehrten. Würden Sie es wohl glauben, daß ich einstens den Ruf genossen habe, Tierstimmen ganz vorzüglich nachahmen zu können? Vielleicht kann ich Ihnen damit die Zeit angenehm vertreiben. Würde es Ihnen zum Beispiel Spaß machen, mich wie einen Hahn krähen zu hören?«

»Nein, mein Herr,« meinte Lord John, der noch immer gekränkt war, »es würde mir keinen Spaß machen.«

»Auch die Nachahmung einer Gluckhenne, die soeben ein Ei gelegt hat, wurde von jeher sehr bewundert. Darf ich?«

»Nein, mein Herr, bitte – absolut nicht!«

Trotz dieses, im ernsten Tone hervorgebrachten Einspruches legte Professor Summerlee die Pfeife beiseite und während der weiteren Reise unterhielt er uns – oder wollte uns vielmehr unterhalten – mit einer Folge von verschiedenen Vogel- und anderen Tierstimmen, die so unaussprechlich lächerlich wirkten, daß meine weinerliche Stimmung plötzlich in ihr Gegenteil umschlug – kurzum, ich lachte und lachte und konnte nicht aufhören – ich lachte krampfhaft, geradezu hysterisch – wie ich dem sonst so gesetzten Gelehrten gegenübersaß und sah oder vielmehr hörte, wie er einen stolzen, eingebildeten Hahn nachahmte oder ein Hündchen, dem man soeben auf den Schwanz getreten. Einmal reichte mir Lord John seine Zeitung herüber, an deren Rand er die Worte geschrieben hatte: Armer Teufel! Total verrückt geworden.

Gewiß war all dies sehr seltsam, dennoch schien mir die ganze Vorführung sehr nett und unterhaltend zu sein. Inzwischen lehnte sich Lord John zu mir herüber und begann eine endlose Geschichte von einem Büffel und einem indischen Rajah zu erzählen, an der ich weder Kopf noch Fuß entdecken konnte. Professor Summerlee hatte soeben angefangen zu zirpen wie ein Kanarienvogel und Lord John war anscheinend gerade am Höhepunkt seiner Erzählung angelangt, als der Zug in Jarvis Brook, der Station von Rotherfield, hielt.

Hier wurden wir von Challenger erwartet. Seine Erscheinung wirkte einfach grandios. Die Truthähne des gesamten Weltalls hätten nicht stolzer einherschreiten können als er, wie er uns auf dem Perron entgegenkam, und das wohlwollende herablassende Lächeln, mit dem er jedermann um sich herum betrachtete, war göttlich. Wenn er sich seit unserem letzten Zusammensein irgendwie verändert hatte, so lag dies hauptsächlich darin, daß seine charakteristischen Eigenschaften jetzt noch mehr zutage traten als einst. Sein mächtiger Kopf, die weit ausladende Stirn, mit der ober den Augen lagernden Locke, schien noch größer geworden zu sein. Sein schwarzer Bart flutete imposant auf die Brust hinab und seine hellen grauen Augen mit dem impertinenten, sardonischen Lächeln in ihren Winkeln, blickten noch gebietender drein als einstens.

Er begrüßte mich mit dem belustigten Händedruck und dem ermunternden Lächeln des Oberlehrers, der den Abc-Schützen empfängt. Er begrüßte auch die andern, half uns, die Gepäckstücke und die Sauerstoffzylinder zusammenzutragen, verstaute alles und alle in sein großes Automobil, dessen Lenker der uns von früher her bekannte, schweigsame Austin war, ein Mensch, dem jede Empfindung fremd zu sein schien. Bei meinem letzten Besuch hier hatte er das Amt eines Haushofmeisters bekleidet.

Unser Weg führte über einen sanften Hügel aufwärts, durch eine angenehme, schöne Landschaft. Ich saß vorne neben dem Lenker des Wagens; meine drei Gefährten hinter mir schienen alle gleichzeitig zu reden. Lord John würgte noch immer an seiner Büffelgeschichte, soviel ich verstand. Dazwischen hörte ich die tiefe Brummstimme Challengers und die scharfen Worte Summerlees in einer wissenschaftlichen Debatte aufeinanderprallen.

Austin wandte mir plötzlich sein mahagonibraunes Gesicht zu, ohne mit den Augen das Steuerrad zu verlassen.

»Bin gekündigt«, sagte er.

»Mein Gott!« erwiderte ich.

Mir schien heute alles so sonderbar. Jeder sagte ganz merkwürdige Dinge – es war mir wie in einem Traum.

»Gerade das siebenundvierzigste Mal«, sagte Austin in Gedanken.

»Wann verlassen Sie Ihre Stellung?« fragte ich, da mir nichts anderes einfiel.

»Überhaupt nicht«, erwiderte er.

Damit schien das Gespräch beendet, aber nach einiger Zeit kam er wieder darauf zurück.

»Wenn ich gehe, wer wird sich dann um ›ihn‹ kümmern?« Dabei wies er mit dem Kopfe nach seinem Herrn. »Wer soll ihn denn dann bedienen?«

»Wahrscheinlich jemand anderer«, sagte ich matt.

»Wäre wohl ausgeschlossen. Keiner bleibt da länger als eine Woche. Wenn ich gehe, ist das ganze Haus kaputt – wie eine Uhr, deren Feder nicht mehr funktioniert. Sage Ihnen das, weil Sie sein Freund sind und es wissen müssen. Wenn ich ihn wirklich beim Wort nehmen wollte – doch das würde ich gar nicht übers Herz bringen. Er und die gnädige Frau wären wie zwei ausgesetzte Kinder. Bin alles und da geht er her und kündigt mir.«

»Warum will denn niemand bei ihm aushalten?« fragte ich.

»Weil andere nicht dasselbe Einsehen haben wie ich. Der Herr ist ein sehr kluger Mann, so klug, daß es manchmal schon nicht mehr schön ist. Glaube mitunter, daß er nicht recht bei Trost ist. Was glauben Sie wohl, hat er beute morgen getan?«

»Was hat er getan?«

»Er hat die Haushälterin gebissen.«

»Gebissen?«

»Jawohl, Herr, ins Bein hat er sie gebissen. Habe es mit eigenen Augen gesehen, wie sie dann, wie aus der Pistole geschossen, aus der Haustüre gelaufen ist.«

»O Gott!«

»Was möchten Sie erst sagen, Herr, wenn Sie sehen, was hier noch alles vorgeht. Er streitet ununterbrochen mit den Nachbarn. Manche von ihnen sagen, daß der Herr niemals in passenderer Gesellschaft war als damals, wie er bei den vorsintflutlichen Ungeheuern war, worüber Sie geschrieben haben. Das sagen sie. Ich aber diene ihm schon seit zehn Jahren und hänge an ihm und, merken Sie wohl, er ist ein großer Mann und es ist eine Ehre, bei ihm zu sein. Nur stellt er einen manchmal wirklich auf eine harte Probe. Sehen Sie nur das hier an, Herr! Das ist wohl nicht das, was man unter althergebrachter Gastlichkeit versteht! Nicht wahr? Lesen Sie nur selbst.«

Ich blickte auf. Der Wagen nahm eben eine steil aufsteigende Biegung und ich sah vor einer gestutzten Hecke eine Warnungstafel stehen, die folgende kurze und fesselnde Aufschrift trug:

Warnung!

Besuchern, Journalisten und Bettlern
ist der Eintritt verboten!

G. E. Challenger.

»Das kann man wohl nicht gerade herzlich nennen«, sagte Austin kopfschüttelnd. »Das würde sich auf einer Weihnachtskarte wohl nicht gut machen. Ich bitte Sie um Entschuldigung, Herr, seit Jahren schon habe ich nicht so viel gesprochen, aber ich kann mich nicht zurückhalten. Es hat mich übermannt. Er kann mich schlagen, bis ich schwarz werde, aber gehen tue ich doch nicht, das steht fest. Er ist der Herr und ich bin der Diener, so soll es schon bleiben.«

Wir fuhren zwischen den weißgestrichenen Torpfosten hindurch und weiter durch eine gewundene Allee von Rhododendron-Gebüschen. Am Ende der Allee erblickten wir ein weißes Ziegelgebäude, das hübsche Verzierungen trug und einen anheimelnden Eindruck machte. Mistress Challenger, eine kleine, zarte Frau, stand lächelnd in der offenen Tür und begrüßte uns.

»Nun, meine Liebe,« sagte Challenger, indem er aus dem Wagen sprang, »hier bringe ich dir unsere Gäste. Das ist etwas Neues für uns, Gäste zu haben – nicht wahr? Wir und unsere Nachbarn lieben uns nicht sehr innig, nicht wahr? Wenn sie uns mit Rattengift auf die Seite räumen könnten, hätten sie es gewiß schon längst getan.«

»Es ist schrecklich, einfach schrecklich«, rief halb lachend, halb weinend seine Frau. »Georg muß immer jemand haben, mit dem er streitet. Wir haben hier nicht einen einzigen Freund.«

»Eben dadurch kann ich meiner unvergleichlichen Frau meine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen«, sagte Challenger und legte seinen kurzen, dicken Arm um ihre zarte Gestalt. Stellt man sich einen Gorilla neben einer Gazelle vor, so bat man gerade einen Begriff von diesem Paar.

»Komm, das Frühstück ist aufgetragen und die Herren sind gewiß hungrig. Ist Sarah schon zurück?«

Die Dame schüttelte bedrückt den Kopf und der Professor lachte taut und strich sich kräftig über den Bart.

»Austin,« rief er, »wenn Sie den Wagen eingestellt haben, dann helfen Sie der gnädigen Frau, das Frühstück vorzubereiten. Bitte, meine Herren, kommen Sie in mein Arbeitszimmer, denn ich habe Ihnen einige sehr wichtige Dinge mitzuteilen.«

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