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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebtes Kapitel

Sonnentrunken, wassertrunken und windfreudig! Die Freundschaftsfahrt. Ottomar verspricht Gudrun mehr als er halten kann.

Zweimal war's inzwischen Frühling geworden. Der Sommer begann, trunkene Bienen taumelten und brummelten von der Wicke zur Wildenrosenblüte, von da zum strammen Gänseblümchen und weiter zum flattrichten Mohn. In allen Bächlein sprangen sonnenwarme, ganz verträumte Wellchen, lachten und eilten dann talab. Wälder und Wiesen dankten dem Wind für all die sommerlichen Menschen und Kirchenklänge, die er ihnen in die Einsamkeit brachte. Die Isar ging hoch, noch duftete das Land vom letzten Regen. Doch heute wird's ein heller Tag, heute am 21. Juni, zur Sonnenwende.

»Hier ist der richtige Platz, Gudrun! An dem Busch dort können wir das Faltboot halten beim Einsteigen. – O schau, wie hoch die Isar geht.«

Gudrun versetzte ihrem Begleiter einen Puff: »Ottomar, dort sieh hin, dort schwimmt ein ganzer Baum, ich glaube eine Birke!«

Die zwei waren schwer bepackt. Ottomar trug an einem Riemen, der ihm auf der Schulter lag, ein gut verschnürtes Bündel von Stangen und Lappen. Das warf er jetzt ins Gras, holte tief Atem und streckte und 161 dehnte sich wie ein Jagdhund, der aufwacht. Als Gudrun aber ihren Rucksack öffnete, konnte man eine gewaltige Rolle weißen Segeltuches sehen, auch Gudrun streckte sich, legte die Hände hinter den Kopf und drehte sich energisch im Kreise.

Gudrun von Romberg war groß geworden in den letzten Jahren, fast eine Reckin stand sie da und sah dem Freunde zu, wie er nun schaffte. Blaß war sie und wunderschön, die Nase fein, die Stirne weich und weit, ihr Blick offen und gerade, um den feinen kleinen Mund lag dem Mädchen aber ein weher, fast ein verächtlicher Zug, wie damals am heiligen Tisch. Wahrhaftig ein stolzes Gesicht. Ihre Stimme dröhnte, und wenn Gudrun lachte, klang es fast, als habe dies schöne Mädchen kein eigenes Lachen; darum klang es ihr so fremd und laut: »Ottomar, du wirst wohl nichts dagegen haben, wenn ich mein Haar aufmache, es ist so viel schöner und der Wind geht heute. Du kannst mich jetzt doch nicht brauchen.«

Auch Ottomar war groß geworden und schlank, hatte einen frohen Blick und eine wohlklingende Stimme.

»Ja, mach sie auf, das ist fein! Aber brauchen tu ich dich nachher schon, wenn ich das Boot verspann. – Herrgott, Gudrun, wo ist denn dein Hund? – Bellas! Bellas!«

Gudrun pfiff mit einem eigenartigen Getriller, während sie ihr Haar löste. Schön sah es aus, wie sie im Wind den Kopf zur Seite neigte und ihre langen, schon halb offenen Zöpfe in den Händen hielt. Da kam der Bernhardiner angetrabt und legte seine Pfote der Herrin auf die Schulter.

In wenigen Minuten hatte Ottomar die Latten zusammengesetzt und verschraubt. Gudruns Segeltuchrolle, die Bootshülle, wurde ausgebreitet und das 162 Gerippe hineingeschoben. Nun kam das Verspannen. Er kroch mit dem Kopf in die eine Bootsspitze und stemmte so mit den Füßen die Hauptquerleiste, daß sie in die Bootsmitte zu liegen kam. Gudrun mußte nun schnell und gewandt die Längsseite zurechtschieben, bis sie mit einem Riegel die Querleiste erfaßte. Den Riegel schraubte sie mit einer Flügelschraube fest. So war das Faltboot aufgebaut. Der junge Bursch im roten Hemd faßte es mit einer Hand, so leicht war es, und setzte es aufs Wasser.

»Gib die Fahnen, Gudrun, ich halte das Boot.«

Das waren bunte Fahnen. Vorne war's eine rote mit einem goldenen Stern, über der roten Fahne wehte noch ein lichtblaues Wimpelchen. Wenn man es in die Hand nahm, sah man in grüner Seide ein Kleeblatt darauf und den Namen Ruth.

»Warum sind denn die Paddelruder so blutrot, daß man sie gar nicht anfassen mag?«

»Geh, die müssen so sein, es sind rote Zungen, wenn man sie ins Wasser taucht.«

In ein Faltboot zu steigen ist ein Kunststück. Man muß genau in die Bootsmitte auf die Leiste treten, muß das Ufer benützen, um das Tauchboot gerade zu halten, und muß sich dann blitzschnell auf den Boden setzen.

»Sitz ich vorn oder hinten?«

»Vorne! Ich habe von hinten besser das Boot in der Gewalt. Du mußt jetzt auch den Schwamm nehmen, weil die erste Zeit das Wasser durchläuft, solang bis der Stoff sich vollgesaugt hat. Laß mich zuerst hinein! – Jetzt komm! – So!«

Er gab den Zweig frei, die Wellen faßten das Boot und nahmen es mit sich in geräuschloser Fahrt auf ihrem Weg durchs Bayernland. Bellas hielt das, was er da sah, anfangs für einen Scherz, drum duckte er sich 163 auf die Vorderpfoten, wedelte und wollte spielen. Bald aber trabte er munter durchs Ufergebüsch, ja sprang oft ein gut Teil Wegs voraus und wartete dann hinter einem Strauch auf seine zwei Freunde.

»Ei! Bellas! Ist das fein!«

Der antwortete dann dem Mädchen: »Ruff, ruff – ra, rauk; rawauk!«

»Schau die großen Wellenbuckel! Da kann man gut fahren, da liegen unten große Steine, es ist aber viel Wasser darüber. Weißt du, wenn die Wellen aber ein Dreieck bilden, mit der Spitze flußauf, dann ist's ein spitzer Stein, oder die Wurzeln von einem losgerissenen Baum, das könnte unser Boot zerschneiden wie Papier, und meistens ist ein Strudel dahinter, gleich einen Meter tief. Aber schau, die Wellen, wie da vorn, wo der Bach hereinkommt, das sind kleine spitze Wellen, die spritzen viel mehr, als man glaubt, weil das Boot an den Stellen, wo zwei Strömungen zusammenkommen, so langsam fährt. – Und gar bei einem Wasserfall täuscht man sich! Da ist die erste große Welle, gleich nach dem Fall, ganz ungefährlich, wenn auch das Faltboot fast senkrecht steht, aber die zweite und dritte, die viel kleiner sind, die schlagen leicht herein.

Oh, jetzt ist die Sonne da! Du, schau dir mal die Bootwand an, da kann man genau die Wellen durchsehen und der Stoff hat dann immer so eine sonnige Farbe. Ich weiß noch, das haben wir heuer auf unserer ersten Fahrt entdeckt, da hat's nämlich geschneit und wir haben immer die Bootswand angeschaut, damit's nicht gar so traurig ist!«

»Ihr seid Narren! Das war sicher der Wolfgang!«

»Nein, das war's Ruthle, du glaubst nicht, was das für ein mutiges ist!«

Die Sonne prangte in voller Herrlichkeit, und die beiden, die in ihrer Nußschale mit dem mächtigen, noch 164 erregten Gebirgsstrome glitten, waren unaussprechlich glücklich. Das war Sonnen- und Sommerwonne, wie Ottomar in dem dünnen, roten Hemde, vom frischen Wasserwind umflattert, sein Zungenruder ab und zu ins Flußwasser tauchte und dem Boot und somit sich und Gudrun sofort eine neue Richtung gab. Wie hatte er das Schifflein in der Gewalt. Wenn sie vor sich hohe Wellen sahen oder ein Rauschen hörten, dann besprachen sie eifrig die Art der neuen Wellen, und ob man sie fahren könne, und wenn sie dann an der Stelle waren, gaukelte und schaukelte das leichte Boot wie ein froher Wellentraum in eiliger Fahrt durchs Wassergebrause. Ottomar fühlte seine stolze Jugendkraft, und wie schön Gudrun war, die vor ihm saß, wenn sie beim Sprechen ihm die weiße Stirn zuwandte. Das braune Haar floß ihr den Rücken hinunter bis auf den feuchten Stoffboden des Schiffleins, und die Hände ließ sie zu beiden Seiten des Bootes im Wasser gleiten. Gudrun hatte fast etwas Wassertrunkenes, und Ottomar war sonnentrunken. Im Boot aber kugelten Apfelsinen und Äpfel durcheinander.

»Gudrun! Es dauert jetzt noch fünf Stunden; dann sind wir am Sonnwendplatz, denk nur, fünf Stunden noch in der Sonne und im Wasser!

»Oh, Bellas! Bellas! Wie fein ist das!«

»Ha, hau! Rauk, rauk! Uff, uff!« kam die Antwort.

Und das wassertrunkene Mädchen nahm seine Tonpfeife, die Ukarina, in die nassen Hände und spielte:

Es war ein wild wogendes Wasserlied:

Es freit der wilde Wassermann
In der Burg wohl über dem See,
Des Königs Tochter muß er han,
Die schöne, junge Lilofee. 165

Sie hörte drunten die Glocken gehen
Im tiefen, tiefen See,
Wollt' Vater und Mutter wiederseh'n,
Die schöne, junge Lilofee.

Weil aber Ottomar begonnen hatte, ihre wogende Melodie leise mit dem Text zu begleiten, wiederholte Gudrun ihr Lied solange, bis es ausgesungen war.

Da meinte Ottomar für sich: »Gudrun – Gudrunel – Grundel! Du, dich könnte man eigentlich Grundel nennen – du bist so ein Wassertier.«

»Uh! Sei still! Weißt du denn, daß meine Mutter unbedingt mich Eva nennen wollte, als ich auf die Welt kam?«

»Da hat sie recht, du bist eine Eva.«

»Ja, aber Vater hat's nicht erlaubt, weil man sich unter Eva immer so etwas Nackiges vorstellt.«

Die Sonne schien noch wärmer. Die beiden kühlten sich die glühenden Gesichter mit Wasser. Das Tal wurde enger, die waldigen Ufer stiegen steil empor, und oft fielen Felswände jäh ins Wasser ab. Da die eingeengte Isar nun tiefer war, war keinerlei Untiefe zu fürchten, und die Fahrt war leicht.

»Ach, Ottomar, laß uns recht nah, recht nah ans Ufer fahren, da merkt man erst, wie schnell es geht.«

»Bellas! Bellas! Bellas!«

»Wau!« Der Bernhardiner war nicht gesprächig, weil das Boot hier in der Enge gar so schnell lief.

Ottomar nahm Gudruns Haar, ließ es sich wie einen Wasserfall über die Hand laufen und wog es gleichsam: »Dich könnte man schon gern haben.«

Da sah sie wie erschrocken auf, traf ihn mit ihrem ernsten Blick: »Du, Ottomar? – Lerne du mir erst ein Freund sein, ehe du lieb hast! Du hast so viel Schätze, – laß mich. Ich weiß nicht, ob du ein treuer Freund sein kannst.«

166 »Gudrun, ich habe Dorothee und das Ruthle gern, sehr gern! – Achten kann ich nur dich, weil du geheimnisvoll bist!«

Das Mädchen streckte die Hand aus: »Du roter Bub, sei mir nicht bös, ich bin ja ein armer Kerl und brauche einen Freund! Das Leben ist oft so hart und schlecht, oh, wenn ich doch den Glauben an die wahre Freundschaft haben könnte.«

Ottomar ergriff ihre Hand und drückte sie warm: »Ja, ja, Gudrun, wie traurig magst du oft sein, weil du an keinen Gott glaubst. Die Welt ist mit Gott nicht hart.«

»Das ist's wohl nicht. Aber ich habe das Vertrauen zu den Menschen verloren, so ganz verloren!«

»Auch die Menschen sind ja ohne Gott hart und scheußlich. Du solltest Gott suchen und – finden, Gudrun!«

Das Mädchen schüttelte den Kopf, daß die wilde Mähne flog; dann nahm sie wieder die Pfeife. Es war aber kein Lied, das sich freundlich an die Uferhänge geschmiegt hätte. Scheue traurige Töne waren es, und die Ufer warfen sie herzlos zurück. Es war Gudruns eigene Melodie.

Dem roten Buben aber kam ein sonderbares Weh in die Brust und er fürchtete, das Mädchen; das so nah vor ihm saß, könne ein schauriges Wesen sein – ein Wasserding. Sie wiegte sich auch beim Spiele, da wurden die Klänge hart und scharf.

»Da vorne müssen wir landen, da ist die Stromschnelle. Wenn wir im Sog sind, kann es zu spät sein. Das Boot tragen wir dann ein Stück.«

Er kehrte nun das Faltboot mit der Spitze flußaufwärts, und kräftig rudernd verringerte er so die Schnelligkeit der Fahrt. So näherten sie sich langsam dem Ufer. Der Hund hätte durch seine Freude die Landung fast 167 unmöglich gemacht. Das Faltboot zogen sie ans Land, und beide dehnten und streckten sich.

»Ottomar, wir gehen zur Stromschnelle und schauen sie an!«

Beide liefen sie, Bellas umsprang sie wedelnd und die Sonne schien so warm und freudig, daß die Klänge von vorhin ganz vergessen waren.

»Das Hochwasser ist so stark, daß man eigentlich wieder fahren könnte,« lachte Ottomar. Da leuchteten zwei Augen auf, zwei sonst ernste und finstere Augen. »Ottomar? – Wollen wir fahren?«

Ottomar sah ihren Blick. Da faßte er ihre beiden Hände, sah ihr froh ins Gesicht und rief: »Eine Freundschaftsfahrt?«

»Ja – eine – Freundschaftsfahrt!«

Gudrun war wie verwandelt. Sie lachte, sprang und bückte sich und brach Blumen, soviel sie fassen konnte Dann schmückte sie sich, und dem Freund steckte sie Blumen in die Knopflöcher von seinem roten Hemd und er bekam noch einen wilden Busch Margueriten in den Gürtel gesteckt.

Ottomar hatte den Wellenbrecher noch besser versteift, die Fahrt ging weiter, das Tempo verdoppelte sich im Sog der Stromschnelle.

Der Kahn schoß durch Wellenkämme, er verschwand in Tälern, vorbei ging's an wirbelnden Strudeln. Ragende Riffe zwangen zu schnellen Ruderschlägen. Ganze Bäume hatten sich verkeilt und Wasserfälle gebildet. Äste standen aus dem Fluß und zitterten und rüttelten wie Maschinen. Zuletzt hatten sie wie durch Zufall einen zwei Meter tiefen Wassersturz gemieden und waren auf Greifweite an dem Trichter, der dicht daneben war, vorbeigeschossen. Sie waren durch; aber so viel Wasser war ins Boot geschlagen, daß nur noch 168 eine Spanne breit die Tuchwand aus den Wellen sah. Doch Gudrun hatte dies alles nicht gemerkt. Sie war wie verklärt.

Ottomar wendete das Boot behutsam, um zu landen, er vermochte jedoch nicht die Geschwindigkeit zu mindern, so schwer war der Kahn in seiner Überfüllung – doch gelang das Landen auch in voller Fahrt.

»Gudrun, du hast dich gar nicht gefürchtet, das sehe ich dir an!«

»Nein! – Daran hab' ich nicht gedacht. – Ich freute mich und habe dir vertraut. Was hätte es auch gemacht, wenn wir ertrunken wären? Oh, wie froh ich war, wie noch nie!«

Trocken war da an beiden nicht viel geblieben! Was die fahrende Badewanne nicht vollbracht hatte, das hatte der leuchtende, schimmernde Wasserstaub getan. – Doch sieh, da holt sich jedes das Kissen, auf dem es gesessen, schraubt den wassersicheren Verschluß ab und zieht sich einen trockenen Anzug heraus, Hemd und Strümpfe, alles, was dazu gehört, sogar ein paar Schuhe.

Nun bezogen sie zwei benachbarte große Gebüsche, gleichsam wie zwei lustige grüne Zimmer, und streiften die nassen Stoffe ab. Der Bernhardiner sprang von einem zum anderen und wedelte und wunderte sich.

Und als wieder die Wellen um sie lachten und glucksten, meinte Gudrun: »Gerad' nochmal so schön ist's jetzt!«

Nun lenkten sie in einen schmalen Nebenarm der Isar ein. Lautlos, langsam trieb es in diesem Bächlein unter Büschen hin und zwischen mächtigem Schilf. Leise ging's durch die Wunder eines Waldes. Es sprang ein Hirsch auf und setzte über das Wasser, dann brach er weiter durch die Büsche. Seltsame Vögel blieben ahnungslos sitzen. Hasen spitzten die Ohren und machten Männchen.

169 Zum Glück war der Hund für kurze Zeit zurückgeblieben. Klare Quellen mündeten. Immer neue Windungen, neue Bilder, neue Geheimnisse. So führte sie der Bach als glatte Straße und zeigte ihnen seine verschwiegensten Verborgenheiten. Ab und zu lachte ein verträumtes Wellchen. Es kamen gelbe Schmetterlinge und spielten um die roten Fahnen. Wildenten flogen vorbei wie beflügelte Flaschen, vom Ufer plumpsten Frösche ins Wasser – erschrockene Steine. – Da kam eine Krönchennatter und begleitete das Boot.

Könnte man so froh sein wie die beiden Freunde es waren! Ottomar schnitt im Fahren zwei wilde Rosenknospen ab und rief: »Nimm eine, wir haben's verdient!« 170

 

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