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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Das Ruthle und der Tänzer. Das stille Haus. Die Löwenviechlein. Die Zauberer. Der Sturm. Die selige Maria. Sebald spricht geheimnisvoll vom Garten. Alte Bäume tragen Schürzchen.

In jener Stunde, als Ottomar aus dem Nest gefallen war, ging er trotzig einsam so vor sich hin, wie nur ein Kind einsam sein kann.

Da wollte er allerhand, und wollte – und wollte auch wieder nicht, hatte kein Ziel. Unsäglich leiden Kinder unter dunklen Stimmungen ihrer Hüter und Hirten. Es ist, als fühlten sie den Abgrund, aus dem das selbstsüchtige Wesen unseres Seins aufsteigt.

Da stand Ruthle Brankoni am Weg, er wäre mürrisch an ihr vorübergegangen, aber an der Hecke rupften drei Gänse Brennesseln und ein stattlicher Truthahn stand voll Würde mit einem herrlichen roten und blauen Gehäng über Nase und Hals, machte sein Rad, das, als wär's aus dünnen Eisenplatten, rauschte, und er tanzte gravitätisch.

Ein seltsames Wesen im vollen Betrieb, das konnte wohl Familiensorgen und Kränkungen vertreiben. Ganz wundervoll erschien Ottomar der Tänzer; so stand er versunken.

Das Ruthle schaute aus seinen freundlichen Augen auf Ottomar. Dies Mädchen war lieblich und zart, ein Seelchen im Menschenland. An seinen beiden Zöpfen 107 saßen zwei rote Schleiflein wie ein Schmetterlingspaar. Seine Augenbrauen waren so seltsam beweglich, daß es meist schaute, als trüge es eine große Frage auf dem Herzlein.

»Gehört er dein?« fragte Ottomar und blickte auf den rauschenden und kollernden Tänzer.

Es nickte.

»Hütest du ihn?«

»Wir gehen zum Baden.«

»Allein?«

»Wenn der Truthahn dabei ist!«

Ottomar sah sofort ein, daß man es hier mit einer Respektsperson zu tun hatte.

Die beiden Kinder gingen miteinander und das Geflügel folgte schnatternd und kollernd. Und vor ihnen lag das flache Ufer des Sees, sonnenüberflutet. Die Wellchen klucksten, die Steine im Wasser leuchteten und da stand eine große Person, ein Mädchen und winkte. Und Ruthle sagte: »Die Sarah.« Und die nahm das Ruthle, lachte und zog ihm die Kleiderchen aus und hielt es ganz versteckt zwischen ihren Knien und zog ihm ein blaues Baderöckchen an, das es ganz eng umschloß. Und ließ es dann frei und Ruthle stapfte mit den drei Gänsen, die mit den Flügeln schlugen und gewaltig schnatterten und schrien, in das sonnenleuchtende flache Wasser hinein. Ottomar stand und schaute auf das zarte Gestältlein, und wie die Gänse um sie her schrien und wirtschafteten, und der Truthahn am Ufer seinen dröhnenden Tanz ausführte, kollerte und kollerte, und rot und blau anlief.

Ottomar stand ganz verlegen.

Brennend schien die Sonne. »Komm, komm!« rief das Ruthle und winkte ihm. Ottomar aber stand stumm.

108 Dann rief das große Mädchen wieder. Das Kind im blauen Gewändchen pritschelte, strampfte, jubelte und lachte, spritzte die Gänse und kam langsam dem Ufer zu. Wieder barg das Mädchen das Kind zwischen seinen Knien, rieb und trocknete es, lachte mit ihm, zog dem rosigen Fisch die Kleidchen über. Die Gänse kamen auch ans Ufer, der Truthahn war jetzt ganz schmal und wie aus Bronze gegossen. So standen sie und machten sich alle miteinander wieder auf den Weg. Das große Mädchen ging voraus mit dem nassen blauen Gewändchen, das sie fest ausgerungen hatte. Die Sonne brannte heiß auf Wasser und Ufer, die Luft stand still und drückte schwer. Es war dunstig geworden und die Kinder gingen miteinander, umgeben von dem zahmen Geflügel, das dem Ruthle ganz sonderbar zugetan war. Ottomar wußte nicht wohin; aber Ruthle wußte es, sie faßte den blonden Buben mit ihren zarten Fingerchen an der festen Hand und nahm ihn mit sich und er ging wie im Traum durch einen blühenden Garten, in ein Haus, in das das große Mädchen, die Sarah, schon vor ihnen eingetreten war. Dies große Mädchen war, als es das kleine Ruthle so zwischen ihren Knien versteckt hatte, Ottomar wie ein weiches Haus erschienen, das fürs Ruthle da war, um es zu schützen und es zu verbergen.

Beide Kinder traten in ein dämmeriges eigenartiges Zimmer. Nach dem starken Sonnenlicht draußen erschien es hier schattig und kühl. Mächtig versuchten die lebendigen, atmenden Schlingpflanzen, der wilde Wein, Geißblatt und Pfeifenstrauch das ganze Gebäude in ihrem verträumten, grünen Gewebe zu fangen. Die grüne Dämmerung gab dem Raum traute Heimlichkeit und mochte dazu beitragen, die Inneneinrichtung geheimnisvoll erscheinen zu lassen. Ein heimliches, aber 109 auch feierliches Zimmer soll im Sommer dämmerig und kühl sein, dann fühlen sich Menschen, die sich darin bewegen, gut aufgehoben. So erging es Ottomar. Er träumte weiter. An den Wänden und am Boden gab es so tiefe türkische Teppiche.

»Bei Euch geht sich's wie auf einer Wiese, du?« sagte er leise. Mit Perlmutter und Bein dicht besetzte Ebenholzmöbel funkelten hier und da bleich auf.

»Und Vasen habt ihr, so groß wie Kinder.«

»Und ein rotes Kätzchen,« sagte Ruthle. »Schau, wie es sich versteckt, das kleine, winzige.«

Sie lockten es und es kam zaghaft in kleinen Sprüngen her. Ottomar erschien es wie ein fremdartiges Tier in dieser Umgebung, und Ruthle mit ihren nassen blauschwarzen Zöpfchen, die sich am Ende in einem Löckchen ringelten, kam ihm auch ganz sonderbar vor, gar nicht wie sonst, er kannte sie ja von der Dorfstraße her, sie hatte schon oft mit ihm und Heinrich gespielt; aber jetzt erschien sie ihm wie ein Königstöchterlein in einem verzauberten Schlosse.

Und jetzt trat der Herr König ein, ein bärtiger, ältlicher Mann. »Der Vater,« sagte Ruthle leise und ehrerbietig und da strich der Herr König Ruthle über das Haar und lächelte, als er die nassen Härchen spürte. »War der Fisch im Wasser und wen hast denn du mitgebracht?« Er reichte Ottomar seine weiche feine Hand, in die Ottomar zaghaft seine feste, braune Kinderhand wie ein Stückchen pulsierendes Leben legte. Ruthles Vater hatte eine Stimme, die zu seiner schönen bleichen Hand paßte, eine sanfte wohlklingende Stimme. Ottomar war es ganz feierlich zumute und er zupfte Ruthle ein wenig am Röckchen in seiner Verlegenheit. Und dann trat Ruthles Mutter ein, die Frau Königin, so ein wenig wie Ottomars Mutter, so eine gute Mutti 110 schien es ihm mit fröhlichen Augen, wenn sie auf die Kinder sah; aber wie ein Schatten lag es über ihrem Blick. »Und nun spielt miteinander,« sagte sie, »wir sitzen auf dem Balkon.«

Ottomar war es lieb, daß sie in dem schönen Zimmer blieben, und er sah den König und die Frau Königin draußen auf dem Balkon, da hatten sie Bücher liegen. Man konnte es durch die Türe sehen und die Frau Königin nahm etwas zum Nähen in die Hand. Die Kinder hörten, wie die beiden draußen miteinander sprachen. Das klang sanft und ruhig. Und nun spielten die Kinder eifrig, aber fast geräuschlos unterm Schreibtisch. Sie saßen in der Höhle und waren zwei Tiere. Da hörte draußen auf dem verdeckten Balkon die Frau Königin ihr Kindchen aufseufzen, so drollig, da kam auch schon das Ruthle zu ihr gelaufen:

»Du, das Löwenviechlein pufft mich – das Löwenviechlein haut mich!«

»Geh, das wird so schlimm nicht sein.«

Das Ruthle lief wieder davon und kroch seelenvergnügt unter den Schreibtisch zum anderen Löwenviechlein.

Und die beiden draußen horchten und hatten dem zarten Kinde still nachgeschaut und trauten ihren Ohren nicht, als ein glockenfeines Stimmlein lieblich und bittend brummelte: »Löwenviechlein, – gell Löwenviechlein, schind mich wieder?«

Das klang wie aus einem Märchen heraus.

Ein Wetter war heraufgezogen. Das Zimmer wurde düster. Auf dem Balkon war das sanfte Gespräch verstummt. Von ferne hörte man das Gewitter kommen. Ein Sturm hub an, Windstöße, Blitze, ferner Donner, schauriges gelbes Licht. Da kroch Ottomar aus der Löwenhöhle heraus und trat ans Fenster. Ruthle aber zog ihn mit sich und sie gingen miteinander zur offenen 111 Haustüre, die in eine grüne Laube führte. Es hagelte und donnerte.

Da sprang Ottomar ins Freie und rief: »Lieber Gott, jetzt donnere! – Er donnert.

Lieber Gott, folge mir! Lieber Gott, jetzt regne! – Er folgt! – Er regnet! – Er donnert! –«

Das gefiel Ruthle und so sprangen sie miteinander durch Regen und Sturm vom Haus in die Laube und riefen beide: »Lieber Gott, folge mir! jetzt donnere! – Er donnert! –« jubelten sie stolz. – »Er folgt! Jetzt regne! – Er regnet – er donnert! – er folgt!«

Da kam ein so gewaltiger Schlag, ein so Ungeheueres, – daß es den Löwenviechlein ob ihres Zaubers bange wurde, und ganz bescheiden und winzig klein verkrochen sich die Zauberer. Und die Frau Königin kam, um nach den Kindern zu sehen, und fand sie nah aneinander geduckt auf der Treppe sitzen und die Hände der Frau umschlossen, gleich einer schimmernden Schale Ruthles winzig gefalteten Fingerlein, von denen eine Frische ausging, als hätte die Mutter eine duftsprühende Wasserrose in Händen. Der Sturm und die gewaltigen Donnerschläge erschütterten das Haus, es rauschte und brauste und die Wogen des Sees trugen schneeweiße Schaumköpfe und bäumten sich am Ufer auf und rollten und dröhnten. Die dunklen Wolkensäcke hingen tief über den gärenden wilden Wassermassen des Sees.

Da kam Ruthles Vater zu den Kindern: »Zwei Boote sind draußen im Sturm, denkt euch das.«

»Gott behüte die Armen,« sagte Frau Brankoni leise und zog ihr Kind an sich.

Und alle gingen auf den verdeckten Balkon und sahen hinaus, über das tobende Wasser hin, über dem die schwarzen Wolken wie eine Finsternis lagen, die durch Blitze zerrissen und durch Donnerschläge erschüttert 112 wurde, – eine Finsternis, so dick und gewaltig, als wollte sie die ganze Erde in sich begraben.

Und ganz fern sah man ein kleines Boot im wilden Wellenstrudel tanzen, einen bösen Tanz mit dem Tode, und ein anderes Boot flog über die spitzen, sich bäumenden Wellen mit dem wilden weißen Gischt und steuerte zu dem kleinen, sinnlosen hin.

Eine Person nur war es, die die Ruder führte. Im Dunst und Schaum sah man auch dies nur undeutlich. Das kleine irre Boot aber schien leer: da war kein Sinn, der es beherrschte, keine tapfere kluge Hand, es tanzte eben nur.

Aber wie wurden die Ruder im anderen Boot geführt! »Wie brav.«

»Schaut,« rief Herr Brankoni, »schaut, wie es ringt! – Eine feste Hand, – ein festes Herz, vielleicht voller Angst um das Verkrochene im kleinen Boot. Der da rudert, weiß, wer im kleinen Boot hinausfuhr, Kinder. Ihr wißt nicht, wie bös unser See sein kann.«

Ungeheuere Regengüsse gingen nieder und zogen die Schleier über den kochenden See; nichts war mehr zu sehen.

»Da!! – Von einem Boot ist der Ruderer ins andere hinüber, – oder – nein – im großen Boot sind jetzt zwei! Er hat das im kleinen zu sich herübergeholt! – Alle Achtung!« rief Herr Brankoni.

Das Boot wurde jetzt kräftig dem Ufer zugerudert, es rang und kämpfte, drehte sich, mühte sich, die Kräfte mochten versagen, zurück wurde es geschlagen, – der Sturm schnob, der Donner dröhnte, die weißen Schaumwellen überstürzten sich.

Jetzt war das Boot dem Ufer ganz nahe. Ottomar hatte atemlos zugeschaut, stumm, ganz in sich verkrampft! Mit einemmal schrie er auf: »Mutter, meine Mutter!«

113 Und aus der Tür war er gestürzt, durchs Haus gerannt, hinaus in die Regenfluten. Ruthle ihm nach und die Brankonis.

Ottomar stürzte, sein Herz schlug, seine Augen starrten – er flog, stolperte – fiel nieder, raffte sich auf – rannte und kam ans Ufer, sah das am Strand liegende Boot, und eine schwankende Gestalt trug eine andere durch schäumende Wellen, die am flachen Ufersand zerstäubten. Gischt, Nebel, peitschende Regengüsse, Donner und Brausen, und durch all dies Überwältigende rang sich die Gestalt durch. Jetzt standen sie auf festem Boden und Ottomar umklammerte sie. »Mutter, Mutter!« Ein Schrei.

Maria legte das Weiblein vor sich auf die Erde, umschlang Ottomar, und Ottomar schaute in zwei glückliche Augen. Dann beugte sich Maria über die kleine nasse, tropfende, zerzauste Gestalt, nahm sie in die Arme, hob sie wieder mit großer Mühe und schleppte sie weiter.

»Mutter, Mutter!« rief Ottomar. Tränen rannen über sein Gesicht. »Zu schwer ist sie, zu schwer ist sie!«

Da kamen Brankonis durch den Regen. Das Weiblein schlug die Augen auf und fühlte sich geschleppt und rührte sich und glitt aus Marias umklammernden Armen und war schnell bei sich. Und Maria, stark und froh, wie frei von aller Erdenschwere, küßte das Weiblein und drückte Ottomar an sich und war wie eine erlöste Seele.

»Kannst du gehen?« frug sie das Weiblein. »Ist die Angst überstanden?« Da kam König David gestürzt. Maria nahm seine Liebste an die Hand, führte sie ihm zu und sagte: »Da hast du, mein Freund, das Liebste deines Herzens aus meiner Hand.«

Und in Marias Augen standen selige Tränen, die die weinen dürfen, die frei geworden sind.

114 König David aber wußte nicht, wohin schauen, er wollte fragen. Aber weshalb fragen? – Ein seliges, wunderreiches Geschehen. – Sein Liebstes hielt er in den Armen, naß, tropfend, zerzaust, bleich und zitternd; vor ihm stand Maria, auch tropfend naß und bleich, an sie angeklammert Ottomar, den er heute geschlagen hatte. Er wußte nichts und wußte alles. Wer mit dem Herzen lebt, für den sind die äußeren Ereignisse nur zerspringende Schalen für den eigentlichen Wesenskern.

Die Brankonis drückten neuen Freunden die Hände, das Wetter war im Vorüberziehen, das frische neue Leben zog auf. Ruthle schmiegte sich zärtlich an Ottomar. »Löwenviechlein, liebes,« sagte sie leise bebend.

Ottomar aber fühlte die Seligkeit seiner Mutter, wie er ihre Zerfallenheit gespürt hatte, und hing an der tropfenden Frau, die froh und leicht ihrem Heim mit ihm zuging.

Während Maria beflügelten Herzens in ihren nassen Kleidern dahinschritt, wollte Ottomar alles wissen, wieso sie gewußt habe, daß im Boot das Schlänglein saß, und wie alles gewesen, und ob sie Angst gehabt, und wie er die Mutter mit einem Male erkannt.

Währenddem saßen die Brankonis wieder auf ihrem Balkon und schauten hinaus auf den sich glättenden See. Sie hatten die längste Zeit ihres Lebens im Orient gelebt und waren nun in diesem stillen Eckchen Erde heimisch geworden. Herr Brankoni aber konnte die Sehnsucht nach seinem Sonnenland nicht verwinden. »Ich wollte,« sagte er, »ich könnte unserm kleinen Ruthle, das hier so einsam aufwächst, ihre Kinderjahre in der alten Heimat verleben lassen, unter den Kindern, die in weißen Sternenschleierchen, in den Ramasannächten auf der Straße spielen. Da würde sie Gefährtinnen finden; ich weiß nicht, weshalb ist sie hier fast immer einsam? 115 Sag selbst, die wärmsten und tiefsten Freunde, wo haben wir die getroffen? Im Orient. Und ich glaube, nur der Mensch, der seine Poesie behält, hat seiner Seele Licht und Heimat gelassen.«

Die Frau war aufgestanden, hatte dem Mann den Arm um die Schulter gelegt. »Komm, sprechen wir noch von Ruthele,« sagte sie. »Ich hab's so gern, wenn du von unserer lieben früheren Heimat sprichst; ich möchte das alles unserem Kinde geben.« – »Wir können ja Ruthle durch Erzählungen Liebe und Freude an einer fernen früheren Heimat wecken – und vielleicht ist seine Einsamkeit dann süßer als alle Wirklichkeit unter Menschen.« Der ältliche müde Mann sprach mit Wärme und Liebe und seine ruhigen Augen fingen zu glänzen an, sie besahen sich so liebevoll einen Sonnenfleck am Zimmerboden, gerade als säße dort das kleine zarte Ruthle mit den Sternenaugen, den Zöpflein mit dem Schmetterlingspärchen, und spielte. Dann schwieg er lange und sann vor sich hin. Da wurde sein Gesicht ernster, wurde sorgenvoll. Vergänglichkeit, – nahe Vergänglichkeit hatte ihn leise berührt. Das tanzende Sonnenfleckchen war auch erloschen.

*

Wieder zu dieser selben Zeit machte das Ruthle im Garten, der um das stille Haus lag, eine seltsame Entdeckung. Der Gärtner hatte ihr aus einer großen Kiste einen geräumigen und säuberlichen Hasenstall gezimmert. Es war eigentlich ein richtiges Hasenhaus geworden. Da war ein Gittertürchen aus schmalen Latten, um die Hasenfamilie bei gutem Wetter in ihren Hasengarten zu lassen, und ein kleines Fensterloch zum Hinausschauen, und das Schönste war ein richtiges Giebeldach, mit echter Dachpappe überzogen, und nun war die ganze Herrlichkeit vollendet. Nun stand das 116 Prachtwerk da, und Ruthle umschlich es von allen Seiten, um es auch ganz zu würdigen. Und von Zeit zu Zeit machte sie sich ganz klein, damit sie das neue Heim auch mit richtigen Hasenaugen sehe, dann betastete und beklopfte sie es und versuchte daran zu wackeln, und zuletzt war das einsame Kind hineingekrochen, die aufklappbare Seitenwand hatte es von drinnen zufallen lassen.

Wohl war es schaurig in der halbdunklen Kiste, und doch war da etwas Weihevolles. Ruthle war in eine neue Welt gedrungen – in die Hasenwelt. Mit scheuem Staunen drückte sie sich recht in eine Ecke, um den Raum besser bewundern zu können, und, o Freude, o Freude, o Hasenfreude – draußen mußte die Sonne aus einer von den großen ziehenden Wolken hervorgekommen sein, denn durch das Gittertürchen kamen die Sonnenkinder herein und spielten am Boden des dunklen Kistenhauses.

Dies mochte um dieselbe Zeit geschehen sein, als Ruthles Vater oben mit so freundlichen Augen den tanzenden Sonnenfleck entdeckt hatte. War es nun, weil Ruthles kleine Seele etwas ganz Neues, ganz Seltsames erlebte, indem sie sich so ernstlich Mühe gab, recht als Hasentier all diese neuen Eindrücke zu empfinden, oder war es nur, weil die Dachpappe so fremd und zauberisch roch, es wurde dem Menschlein gar eigen zumute. Es atmete tief und sprach leise für sich, um die Sonnenkinder nicht zu erschrecken. »Ich weiß jetzt, wie es im Himmel ist.« Bald aber wurde es müde und schlief ein. Im Köpfchen aber mag es ihm ganz flockig und wollig geworden sein, so viel träumte es von einer Hasenfamilie, zu der es im Traume auch gehörte, und so viel muntere weiche Hasenkinder sind auf die Welt gekommen; – oder – träumte es vom Himmel?

*

117 Am Abend saß Maria auf der Bank unter den Buchen, der Himmel strahlte. Das Wetter hatte die schöne Erde reingewaschen, daß sie wie neu erstanden ausgebreitet lag. Das Gebirge leuchtete wie durchsichtig aus geisterfeinem Stoff gewoben, und der Garten wuchtete in seiner Fülle.

Maria sah ihn heut wie zum erstenmal, ihre Augen waren erschlossen. Schönheit ist Gottoffenbarung und dringt nur in uns ein, wenn wir bereit sind, wenn Friede in uns wohnt, wenn wir auch schön sind. Sonst ist's nur irdische Schönheit, die wir spüren, ein Bild der Vergänglichkeit, der Unruhe. Aber wie ein Gebilde der Ewigkeit lag der blühende duftige Garten vor Maria Strom. Ein eingehegter Kleinodienschrein, in dem alle Herrlichkeit und Sehnsucht aller Zeiten eingefangen war, alle Düfte, alle Farben dieser nach ewiger Schönheit ewig sich sehnenden Erde. Das Brünnlein rauschte, Fruchtbäume trugen voller Geduld in Schaffenskräften ihre Last. Der Garten schien Maria wie ein von Freude übervolles Menschenherz, wie ihr eigenes Herz, und das Lebensbrünnlein rauschte wie aus dunklen Gottheitstiefen herauf. Sie fühlte jetzt, welch ein Geschenk ihr geworden war, und sie fühlte ihre lang entbehrte Reinheit, daß sie da lieben konnte, wo sie nicht lieben wollte, der Sturm, die Todesnot, Donner und Blitz und grauenhafte Wasserwucht hatte sie reingewaschen. Die Mattigkeit, die sie nach der Anstrengung in ihren Gliedern spürte, war so wohlig wie Genesung nach peinvoller Krankheit.

Es näherten sich Schritte vom Hause her und nicht lange währte es, da stand Sebald vor ihr und reichte ihr die Hand, und diese Bewegung war wie ein sichtbarer Freudestrahl. – Und daß Augen so tief und freundlich leuchten können! Das waren die Augen, die 118 sich nicht scheuten, friedvoll in die Sternenwirbel der Ewigkeit zu blicken. Wer furchtlos und wissend nachts zeitlos in die Sterne schaut, der blickt auch in die Tiefen der Herzen. Sein Händedruck sagte Maria alles. Sie sprachen nicht von dem, was geschehen. Maria sprach von Ottomar.

»Laß mich heute aussprechen, was mein Herz so bange macht. Was soll aus Ottomar werden? Glaub' mir, all das Seltsame und Gute, alles was mich an ihm so freut, das ginge verloren, ja, das würde erstickt werden, wenn er den Weg der anderen gehen muß, wenn er einmal gegen seine Natur den schweren Weg des gebildeten modernen Mannes gehen muß. All das Fremde, was man ihm zu wissen aufzwingen wird, diese Menge von Wissen, nicht von Erkenntnis – er wird's nicht machen können, er wird verschüttet werden, wird's nicht können, wird an sich selbst vorübergehen müssen, und dann wäre er so arm! So arm. Viel ärmer als die anderen.«

»Aber weißt du das so genau, weißt du die Wege, die er geführt werden wird? Sieh uns Deutsche an, jetzt so hastige Menschen, Hirnkünstler und so weiter, weißt du, warum so viele so starr herumlaufen, so ohne eine freundliche warme Hülle und im Inneren so morsch im Alter? Das kommt, weil sie seit lange schon das tun, was ihnen nicht zukommt, was sie nicht recht können, weil sie mit den anderen Völkern, die es besser ertragen, in den Wirbel von Hetz, Industrie, Technik, Überklugheit und Gottfernheit gekommen sind. Dein Bub wird wohl dasselbe Schicksal tragen müssen, wird aber abschütteln, was nicht zu ihm gehört; auch unser Volk wird wieder zu sich selbst reifen.«

»Solch schwere Wege,« sagte Maria.

119 »Laß alles Zukünftige, genieß deinen Garten und die Schönheit eurer Jahre.«

Und Maria sprach davon, daß ihr Garten ihr wie ein geheimnisvoller eingehegter Kleinodienschrein erschienen wäre: »Und ist's auch. Garten – Gewürzbüchslein – Allerheiligstes. Weshalb fuhren vor grauen Zeiten die engen kleinen Schiffe über grauenvolle Meere in grauenvolle Ferne dem Tod entgegen und der Nimmerwiederkehr? Und was brachten sie von ihren Todesfahrten? Wurzeln und Samen von ihnen unbekannten Blüten. Edelgestein, Gewürze, Gerüchlein ferner Zonen, Erfüllungen großer Sehnsucht, Symbole jenseitiger Herrlichkeiten. Solch ein Edelstein war den Leuten in dunklen kalten Ländern, als wäre er von Gottes Gewand geraubt, und solch ein Gewürzlein Himmelsduft. – So ein fremdes Samenkorn blühte hinter Klostermauern auf wie eine Offenbarung. Nur Könige atmeten Gewürze ein. Heiligtümer brachten die engen gebrechlichen Schiffe; Schönheiten des Lebens sind Heiligtümer. Solche Heiligtümer sind Gärten und Tempel, ein Bild künftiger Herrlichkeit, eine verklärte Natur, und eine verklärte Erde, zu der man sich hinrettet, wenn die wirkliche Erde mit ihrem Grauen und ihren schweren Freuden und Freudenqualen uns ängstigt. Gartenfrieden, du weißt es ja selbst und wirst es mehr und mehr erfahren.

Du kennst Goethes Garten. Weißt du, daß die hohe Weihe, die uns aus ihm entgegenkommt, nicht von ungefähr ist, und nicht nur, weil es Goethes Garten ist. Du trittst über sieben heilige Stufen wie in einen Tempel ein, der alle Ausmaße eines Tempels hat; Ausmaße eines Tempels aber sind menschliche Ausmaße Gottes, der Gottesidee, das Ausmaß der Einheit, das Ausmaß der Schöpferkraft. Alle Geheimnisse der 120 menschlichen Gotteserkenntnis, der menschlichen, ewig alten Gottessehnsucht, und all diese Mysterien sind niedergelegt in diesen Ausmaßen, von denen heute nur wenige mehr wissen, nach denen niemand fragt, nach denen niemand baut, die aber den alten Tempeln und heiligen Bauwerken von altersher ihre Ewigkeit gaben. Das waren tiefe Geheimnisse, die von den Bauhüttleuten streng gehütet wurden. Wer sie verriet, wer davon sprach, war ausgestoßen aus jeder Bauhüttengemeinschaft. Reden sollten die Dome von ihren Unergründlichkeiten, nicht die Werkschaffer. Die Magie des Schweigens war mächtig, als die Menschheit noch göttlich Großes vollbrachte. Auch Goethe hat geschwiegen über die Geheimnisse seines Gartens, den er nach den Ausmaßen der alten Meister anlegte. Goethe, der alles Fühlende, wußte, was im tiefsten Innern ein Garten ist. Er, der Einsame, viel Bedrängte, schuf sich sein Geheimnis, seine Ewigkeit.

Liebe Maria, laß uns auch schweigen, aber wissen, was dein Garten bedeutet, und wenn wir ihn nicht ausmessen nach heiliger Richtschnur, so soll er uns dasselbe bedeuten, was Goethes Garten ihm bedeutete. Wer im Garten aufwächst, soll Ewigkeitswerte in sich tragen, und wer darin lebt, soll ungeahnte Kräfte, die draußen in der Welt nicht zu finden sind, einatmen, als lebte er auf einem geweihten Stück Erde. Weihe ist etwas Lebendiges, etwas Wirkendes. Und ich sage dir das heute, weil dir Großes geschehen ist. Du hast dich überwinden dürfen, nun halte deinen Garten in hohen Ehren, pflege ihn, du pflegst ein Heiligtum. Und solche Heiligtümer müssen jetzt entstehen, denn unser Volk ist am Verschmachten. Wir haben in unserem Tun die Ausmaße göttlicher Geheimnisse verloren.«

121 Maria war bewegt, erstaunt, ihren Freund so feierlich zu finden. »Schön und groß ist's, was du sagst, und ich will's gewiß nicht vergessen, aber hilf mir.« Es war ihr bänglich und bedrückt zumute, es war ihr, als hätte er von etwas namenlos Schwerem gesprochen.

Heute in der Abendstunde konnte Ottomar nicht anders, er mußte noch einmal zu Ruthle gehen, ihre Gänse, ihren Truthahn, vielleicht sie selbst sehen mit dem Schmetterlingspärchen und den Zöpflein.

Und er machte sich auf den Weg und stand bald an dem Gitter und schaute zwischen den Stäben durch, ob er wohl das Ruthle entdeckte. Da sah er unter hohen Tannen, ganz fern, ein kleines Gestältchen zierlich auf- und niederwippen; mit den mächtigen alten Bäumen hatte es etwas zu schaffen. Ein wenig beschämt öffnete Ottomar die Türe und drängte sich durch einen kleinen Spalt; – aber bald ließ er das vorsichtige verschämte Näherkommen, lief dem Kinde in Sprüngen zu. Da lächelte Ruthle und nickte.

Und Ottomar sah, daß die alten ernsten Bäume, unter denen Ruthle spielte, kleine winzige Schürzchen trugen. Ruthles Schürzchen – und die Bäume waren Ruthles Kinder, und es hatte ihnen die Schürzchen umgesteckt, hatte ihnen eben ihr Abendbrot aus einem Schüsselchen mit einem winzigen Löffel gegeben und ihnen ein Schlafliedchen gesungen.

*

So hatte sich in wenigen Stunden viel Wunderliches an diesem Tage begeben; und von nun war Maria erst daheim, sah König David und seine Liebste mit Herzensfreude, staunte über das Weiblein, das in seiner großen Liebe und seiner Kunst, die es kinderhaft wissend und nicht wissend betrieb, ihr jetzt wie ein Märchen erschien, und die lustige Wirtschaft der beiden, König Davids 122 selbst gezimmerte Tische und Bänke, ihre bunten farbenfreudigen Kochtöpfe, ihr wunderlich gespreiztes Öfchen, das sie irgendwo erstanden hatten, ihre großen Sträuße aus Feld und Wald, durch die sie den Reichtum und die Kraft dieser Welt zu sich zwingen wollten.

Es sollte königlich bei ihnen sein. König David wollte sein fröhliches Wunder mit allen Herrlichkeiten der Welt umgeben – und so saßen sie in einer gar sonderbaren, für kalte Augen wohl kläglichen Behausung, der sie beide nicht recht Herr wurden. Jedes von ihnen aber hatte auf seinem Arbeitstisch so viel Glückseligkeit im Treiben, so viel Weltvergessen, und wenn sie aufschauten, so viel Liebe und einander Verstehen, daß es nichts Schöneres geben konnte.

Und sie sagten, wenn sie sich an ihr wackelndes Tischchen zum Mittagsmahl setzten, das sie oft miteinander bereitet hatten: »Wir danken dir für Speise und Gemeinschaft.« – Und dabei hielten sie sich fest an den Händen. 123

 

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