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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Die Graue schwätzt. Stroms sind daheim angekommen. König David und das Schlänglein. Das Schlänglein kann sich Marias Liebe nicht gewinnen. Ottomar schilt seine Mutter, bekommt einen Klaps und macht sich davon.

Ne, ne, wie mer sich nur so erniedrigen kann,« brummte die alte Sächsin, die Graue vor sich hin, »wie mer nur so dumm sein kann, aus der scheenen Straße naus un aus dem Haus für bessere Leite zu ziehen un aufs platte Land.« Sie räumte in der Küche und hielt wie immer ihre Selbstgespräche. »Und, das sag ich, packen das is mei Tod, da is sie nachher schuld dran, gucke ne, sag ich, so leichtsinnig zu sein! Mit so 'ner alten Person so umzuspringen.«

An der Tür war Heinrich vorüber gegangen und hatte den Monolog mit angehört. Er öffnete die Tür vollends und rief in die Küche hinein: »Pfui! pfui! pfui!«

»Pfui? Was pfui? Du bist e recht e Ungezogener du, wart nur!«

»Weshalb schimpfst du denn so auf die Mutter?«

»Wer hat denn geschimpft? Iche?«

»Na laut genug hast du geschrien.«

»So, darf mer nich emal mehr für sich allein 's Maul auftun? Die Mutter tät kliger, sie hörte auf mich.«

»Wir freuen uns alle so. Weshalb schimpfst du über alles?«

98 »Anständige Leute, die was auf sich halten, ziehen nich aufs platte Land.«

»Weshalb nennst du's nur immer platt?«

»Weil's so heißt, weißt de denn das nich? Mer heißt's immer platt,« antwortete sie giftig, »die Mutter is auch nich, wie se gewesen is, eh se auf die Idee kam.«

»Was fällt dir denn ein, so von der Mutter zu sprechen.«

»Ich sprech ja gar nich, ich sag nur bloß.«

»Du bist wirklich eklig, Graue,« rief Heinrich.«

»Ich will nich mehr Graue genannt wern, einfach Frau Zwiebel, wie sich's gehört.«

Heinrich lachte aus vollem Hals, »ja heißt du denn Zwiebel – oder nur weil du so . . .?«

»No, etwa nich? Weißte denn das gar nich?«

»Nö.«

»Bei eich kommt mer scheen herunter, nich mal seinen Namen lassen se ein.«

»Un wo er gar so scheen is!« lachte Heinrich.

»Zwiebel oder Strom, das ist dir ganz egal.«

»Strom und Zwiebel!« höhnte Heinrich, »und das soll egal sein!«

»No, jetzt wär' nich dreiste!« so ließ die Graue ihre Gesprächsbettelsuppe fließen, dabei vergaß sie ihren Zorn und kam wieder auf ihr Gleis.

Alle Stroms hatten so viel Frohsinn, daß die Graue sich nicht breit machen konnte. Sie saß und spann für sich Spinnweb auf Spinnweb und wurde dessen nie müde, so oft auch die frische Zugluft ihre dünne graue Weberei hinausfegte.

Den Stroms aber war's ganz behaglich, wenn sie die Graue in der Küche über das, was ihnen Glückseligkeit war, brummeln hörten. Und als der Tag der Übersiedlung kam, ergötzten sich die Beiden mitten in ihrer Riesenfreude und Spannung, mitten im Durcheinander 99 ihres umgestülpten Daseins an den Trauergebärden der Frau Zwiebel. Und zu der Ströme Schande muß es gesagt sein, sie waren so gespannt auf alles, was jene tat und sagte, wie auf die Ausgelassenheiten eines Clowns, den sie einmal zu ihrem höchsten Ergötzen gesehen hatten. Eine leidvolle Person ist meist vorhanden, wo irgend etwas Fröhliches, Gemeinsames geschieht und vertritt oft die Rolle der lustigen Person, hart wie das Leben nun einmal ist.

Auch Maria nahm das Gebrumm ihrer alten Haushälterin nicht schwer, sie war daran gewöhnt, daß in ihrem fröhlichen Hause immer etwas wie eine verstimmte Äolsharfe klang.

*

So war es voller Sommer geworden. Im Garten wuchs und erblühte so manche Überraschung, und mancher Duft gehörte jetzt den Stroms, so gut wie Haus und Hof.

»Heuer,« sagte Maria, »lassen wir alles beim alten und warten, was da kommt.«

Die Obstbäume waren so freundlich, reich zu tragen, und man stand vor lauter Rätseln. Noch hingen die Äpfel grün und hart an den Zweigen; aber es würde die Zeit kommen, wo jeder Baum sich offenbart. Einen Nußbaum gab es auch und einen fließenden Brunnen.

Die Möbel, die in der strengen Straße gleichgültig dreingeschaut hatten, bekamen hier etwas ganz Lichtes; man sah, wie hübsch sie waren. Wie gute wiedergefundene Freunde sahen sie aus, und auf jedem Tisch standen Blumen aus der Fülle genommen. Und immer wurde alles von neuem umgestellt, immer schöner. Die beiden Buben machten sich mit ihrer Mutter zusammen eine Heimat zurecht, beide wurden reifer und vernünftiger bei diesem Werk. »Wie die Vögel bauen wir ein Nest, 100 alle drei,« sagte Heinrich. Und sie waren so voller Liebe zueinander und zur Mutter. Beide waren außerordentlich diensteifrig, folgsam und brav. Anfangs der großen Sommerferien waren sie hinaus ins neue Heim gezogen, so lag eine Paradieszeit vor ihnen, von der sie sich nichts hatten träumen lassen.

Die Brüder waren besonders einig, eine ganz bewußte Liebe und Zueinandergehörigkeit schien sich zu entfalten. »Heinrich,« meinte Ottomar wie geheimnisvoll zu Maria, »hat eine Stimme, weißt du, wie eine Kohle, so dunkel, wie wenn sie schon gebrannt hätte – und er sieht aus wie eine Kornähre, so gelb und so schwer.«

Ja und so sah Heinrich aus – schwer und blond; sie glichen einander, die beiden Ströme, auch die Stimmen, und sie mochten einander.

Für Ottomar hatte auch der Gedanke an die Schule seine Schrecken verloren, sie sollten in das Landerziehungsheim gehen, das nahe ihrem Dorfe lag, in dem Knaben und Mädchen unterrichtet wurden, und in dem auch Sebald angestellt war.

»Im Winter in der Dunkelheit,« erzählte Heinrich, »werden wir wie Helden mit Schwertern nachts durch die Dunkelheit zur Schule im tiefen Schnee gehen, Füchse werden auf dem Wege uns auflauern; aber da gibt's nichts, wir rasseln nur mit dem Schulranzen und dem Schwert – und fort sind sie mit ihren roten Schwänzen.

Wir tragen eine Laterne und beschützen auch noch die kleine Ruthle Brankoni, die vor Furcht bebt und zittert.«

Für Ottomar war so die Schule ein Abenteuer geworden. Er lernte sogar bei der Mutter besser, war ganz furchtlos geworden und das brachte ihn auch Heinrich näher.

101 Maria war mit ihren beiden Strömen, dem Haus und dem Garten vollauf beschäftigt. Aber die Graue hatte recht gesehen, die alles bemerkte, was nicht gut war, weil ihre Mürrischkeit sie an Mensch und Tier nur das Schäbige bemerken ließ, das nicht Gute oder das Niedergehende.

Maria konnte sich in sich selbst nicht zurechtfinden. Es war ihr eine Pein, an das Schlänglein zu denken, an König David. In der Stadt hatte sie sich verwaist gefühlt, die Stunde, in der ihr Freund sonst voll Verlangen zu ihnen herausgekommen war mit seiner ganzen Liebe, die alles umspannte, was sie und die Ströme betraf, die Stunde, die von verborgener Zärtlichkeit überströmte, diese Stunde war jetzt öde und leer, – nicht sehnsüchtig, aber es war da etwas Totes.

Und das schien der Lebendigen, Warmen unerträglich zu sein; gerade dieses Tote, das sich zu nichts mehr gestalten wollte. Das Weiblein, als König David es ihr brachte, war voll hingebender Zartheit zu ihr gewesen. Es mochte wohl wissen, er mochte ihm von seiner Liebe zu Maria gesprochen haben, Maria fühlte sich gedemütigt durch die Überbewegtheit des blütenjungen Geschöpfes, es war ihr bitter zumute – und das Weiblein mit seinen Zopf-Ohrmuscheln, seinem dünnen Kränzchen, das es sich immer neu flocht, seinem engen Gewändchen, kam ihr überspannt und nicht natürlich vor. Sie fühlte ein scharfes unfreundliches Urteil über das harmlose Geschöpf in sich.

Eine Scham vor sich selbst überkam sie immer wieder; aber es war stärker als sie selbst, was sie empfand. Sie wollte frei und gut fühlen; aber es ging nicht. Häßliches kam zum Vorschein, ihr Fremdes. Nicht nur, weil sie ihren Freund, wie sie meinte, verloren hatte, sondern weil sie anders war, als sie geglaubt. Sie hatte 102 ihm entsagt, als es in ihrer Macht stand; jetzt aber war sie bösen Willens und lieblos. Was half aller Frohsinn und Stolz ihres ganzen Lebens. So blieb sie im Zwiespalt mit sich selbst.

König David und das seltsame Weiblein lebten ihrer Liebe, hatten die ganze Welt vergessen und waren ineinander versunken.

Sie hatten ihre Werkstatt im Stübchen an der großen Scheuer und arbeiteten miteinander. Magdalena war sein Weib geworden, nicht nach den Gesetzen der Welt; aber nach den Gesetzen ihres eigenen Herzens. Eine Heirat war, solang sie nicht frei wurde, für sie unmöglich: aber sie wollten frei sein. – Sebald hielt sich auch wunderlich zurück, so kam es, daß Maria und die Ströme ihre ersten Wochen in der Heimat stiller verlebten als in der Stadt.

Jeder baute an seinem eigenen Leben, denn allen war vom Schicksal eine Frage, eine Aufgabe gestellt worden, und sie waren daran sie zu lösen. Auch Sebald schien nicht leer ausgegangen zu sein, sein Gotteskind, sein Wunder war ihm entschlüpft und lebte in einem seligen Rausche, hatte seine Urheimat gefunden und die mochte wohl eine große Liebe sein, in der dieses in sich selbst überselige Herz versinken konnte.

So hatten König David und das Weiblein ihre Armut und ihren Reichtum zu Rate gezogen, wohnten in einer Bauernstube, die sie einer alten Frau abgemietet hatten, arbeiteten, und durchstreiften das Land.

Als sie eines Tages Ottomar begegneten, brachen alle drei in Jubel aus »Schlänglein, Schlänglein! König David!« Ottomar wurde geküßt und geherzt; er war der Zuschauer ihres Glückes, ihr Publikum, ihr fröhlicher Begegner. Sie zeigten sich ihm. »Sieh, Ottomar, meine kleine Frau! Sieh sie dir an!«

103 »Und immer hat sie ihr schmal winziges Kränzlein auf, heut wie ein goldenes Schnürlein,« meinte Ottomar.

»Und wie wir arbeiten,« rief Seppl David, »und wie wir essen, wie die Könige! Und Butter haben wir,« riefen beide, und zwölf Eier trug Magdalena im Körbchen. »Du mußt aber mit uns essen. Unsere alte Frau kocht, und wir bringen die köstlichsten Dinge dazu. Alles ist bei uns Fest und Feiertag.«

»Ihr kommt wenig zu uns,« meinte Ottomar, »die Mutti ist traurig.«

»Gehen wir zu ihr!« sagte das Frauchen lebendig und eifrig. »Gleich!« und sie gingen miteinander.

Ottomar führte sie durch den Garten ins Haus. Maria saß vor dem offenen Fenster und nähte. Der Seewind spielte in ihrem Haar; Seppl David hatte in seinem Lebensrausch nicht von Marias Tränen erzählt, nicht wie er sie mit seiner Liebe bedrängt, nur von ihrer Güte und seiner Liebe und ihrer Abwehr. Und von all diesem hatte er gesprochen, als läge es tausend Jahre zurück.

So flog das glückliche Weibchen der lieben Frau entgegen, überströmend von Gefühl, schmiegte sich an sie, ganz aufgelöst in Empfinden, daß vielleicht ihr Liebster, daß sie selbst irgend in Verbindung mit dieser Trauer stehen könnten. »Nicht traurig sein! Nicht traurig sein, Sie Liebe, Sie Schöne!«

»Ich bin nicht traurig,« sagte Maria, und ihre Stimme klang hart und ihr Blick war kalt und sie war erschreckt und verwirrt, das kleine Weib erschien ihr albern. Sie sah das Wesen betroffen stehen. Sie selbst war betroffen, gepeinigt, erregt, ganz geschändet vor sich selbst.

»Magdalene, du hast sie erschreckt,« sagte Seppl David befremdet.

Und Ottomar rief laut und zornig: »Wenn du eine Mutti sein willst, sei gut!«

104 Das fuhr Maria wie ein Stoß gegen das Herz.

»Ottomar!« rief König David.

Der stand voller Trotz.

Maria kam sich vor, als wäre sie verstoßen. So kann man sich verlieren in einem Augenblick und wirbelt in einen dunklen Abgrund, fern allem Lebendigen.

Sie kam zu sich, reichte Seppl David die Hand und dem Weibchen und lachte und fragte, und es war wie sonst, nur in Marias Herzen blieb es traurig, wie ein Nebel lag es in ihrem Kopf, und wie durch einen Nebel schaute sie: der Nebel, der über jene fällt, die nicht durchbrechen können zu ihrem besseren Ich.

Und durch diesen Nebel hörte sie wie Ottomar sagte:

»Ich bin böse mit dir.«

Sie konnte ihm keinen Verweis geben, sie fand sich nicht zurecht.

»Du, komm mal her!« Seppl David rief ihn zu sich. »Was fällt dir denn ein, du Lausbub?« Ottomar kam zögernd auf ihn zu: »So was ist doch noch nicht da gewesen! Geh zu deiner Mutter und bitte sie, daß sie nicht gehört haben soll, was du sagtest.«

»Doch, sie hat's gehört.«

»Und wenn ich dir jetzt einen Klaps gebe, so denk, daß er von deinem allerbesten Freund kommt.« Und er gab Ottomar einen Schlag auf die Wange. Ottomars rundes Gesicht färbte sich rot und Tränen traten in seine Augen. Aber die Tränen flossen nicht die vollen Wangen herab, blieben in den Augen stehen und gaben diesen etwas ganz wunderlich Fremdes. Wie ein kleines wildes Tier schaute er unter dem Wasserschleier hervor.

Er war freilich bös und sie war nicht gut – und sie mußte gut sein.

Er fühlte die Ratlosigkeit, den Schrecken des Kindes, böses zu wittern, in denen, die sein Halt, sein alles sind.

105 Und der andere schlug ihn – und machte dumme »Sprüch«. So dachte und fühlte Ottomar dumpf und schwer.

Sie kamen ihm beide unheimlich vor. Er litt – floh sie und machte sich stumm aus dem Zimmer. 106

 

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