Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Eine macht eine sonderbare Hochzeitsreise. Maria trägt ein altes Bauernweib und wird für einen Erzengel angesehen. Ein böser Schnauzhund macht von sich reden. König David kommt, ohne daß man ihn gewollt hat. Eine wäre gern geliebt und liebte gern, aber . . .

Edelkastanien, die ihre Stämme felsengleich aus der Erde gerungen haben und ihr goldgewirktes Dach von Blüten und Blättern gewaltig aufragend der Sonne entgegen strecken.

Eine grüne leuchtende Welt jeder Baum. Unerforschlich, voller Geheimnisse, voller Leben und Regen, Lieben und Hassen, voller Einöden und Lebensüberschwang und Rauschen, – schicksalsvoll von Völkern bewohnt, die ihre Welt kennen, der Menschenwelt fremd, Welten über Welten, wohin man blickt, nicht nur am ausgestirnten Himmel, alles überströmend von Kräften, die uns an sich ziehen, denen wir zutaumeln, an denen wir vorüberziehen.

Wie gut es sich steigt und wie schön es sich wandelt unter diesen schattenden Bäumen, in der leichten duftenden Luft im Sonnenglanz, und die Frohgesänge der uns so fernen Wesen, die wir Vögel nennen, die ihr Empfinden aus sich heraus jubeln immer in Seligkeit, immer lobend.

Wer solch eine kleine Brust erfühlen könnte! Einsame Welten, – einsame Wesen. Unaussprechlichkeit, Unausdenkbarkeit, wohin man blickt. – Sehend blind. Wissend, nicht wissend.

42 Die da unter den mächtigen Bäumen geht, die frohe Frau mit ihrem leichten Rucksack, den sie trägt, als hätte sie sich Flügel zu ihrem Aufstieg umgebunden, ist auch eine Welt unter Welten, taumelt selig dahin, vom Bergwind umspült, trunken vom Ausblick über die sonnigen Weiten, von Erinnerungen und Wissen und Leben durchdrungen, ganz davon aufgebaut und ausgefüllt. Was ist sie denn, die so froh, so von Daseinslust getrieben, aufsteigt? Dem Vogel in den Zweigen ist sie ein Rauschen, ein Dröhnen, etwas Großes, Dunkles, Nahendes, Schwindendes. Die Bäume spüren ihre steigenden Schritte als leichtes Zittern vielleicht von den Wurzelfasern bis zum Wipfel. Dem Gewürm am Weg ist sie eine Ungeheuerlichkeit, ein Zermalmendes, was nicht zu überschauen, nicht zu ahnen ist – ein Weltuntergang. Dem Bauern, der ihr begegnet oder der sie am Tor seines alten Berghofes vorübergehen sieht, dem ist sie sicherlich ein sauberes Weibermensch, dem er den weisen Tirolergruß: »Zeitlassen, Zeitlassen,« bedächtig und wohlgefällig nachruft.

Sie selbst ist sich etwas, was überströmt von Daseinsfreude, von Wehmut, von Liebe für Lebende und Tote. Gerade zusammengehalten wird ihr innerstes Wesen von den Grenzen ihres frohen schönen Leibes, sonst möchte es entströmen in die Herrlichkeiten Gottes hinein, die um sie gebreitet sind: denn die Seele verliert da den Namen Seele, sagt ein selig Wissender – und wird Unermeßlichkeit und Unendlichkeit. Ja, im Überschwang der Seele geht die Frau dahin in ihrer vollen Lebenskraft, in der Schönheit ihrer Jahre.

Aus der strengen Straße, aus dem Haus mit der öden Treppe, aus der Stube ihrer beiden Ströme hat sie sich schweren Herzens losgemacht, ein Gesetz war es, das sie 43 dazu getrieben, ein Gelübde, eine Wahrhaftigkeit ihres Wesens.

Und so ging sie nun einsam und froh und machte ihre Hochzeitsreise, die sie einst versäumt hatten. Versunkenes Leid ging leise neben ihr, ohne sie zu berühren. Den frohen Geist ihres Liebens spürte sie leidlos. Ja, es war ihr oft, als gingen sie Hand in Hand miteinander. Versunkenes Leid hat keinen Gegensatz mehr. Alles ist in versunkener Leidesregion furchtlos, frei und rein. Und ganz an ihr Herz angedrängt, wie ein Vogel im Nest, pulsierte und atmete die Liebe zu Ottomar. Die Liebe zum anderen Strom ist nicht minder warm und stark; aber zu diesem Nestvogel Ottomar waren geheimnisvolle Himmelsgluten in ihrem ganzen Wesen. Wo kommst du her, fragte sie sich oft, welche Geheimnisse umgeben dich? Und wo willst du hin? Wie kamst gerade du zu mir?

Geheimnisvoll erschien ihr oft das Kind, weltfremd. Die Liebe zu Heinrich war leicht zu tragen, fast fühlte Maria sich von ihr gestützt, die Liebe zu Ottomar aber schien ein sommerschweres, rührend schönes Glück, eine Unaussprechlichkeit.

Aber war es ihr nicht gewesen, als müßte sie einmal zu sich selbst kommen, als müßte sie alle Liebe und alle Hingabe einmal von sich abrücken und alle Freude und alle Gemeinsamkeit und müßte ausgehen, um mit sich selbst Zwiesprache zu halten, damit sie nicht zerflösse und sich verliere in die Seelen der anderen.

Sie mußte einmal aufjauchzen in der ganzen Kraft ihres eigenen Wesens.

Und wie sie so stieg, unbekannten Höhen entgegen, wurde die Luft immer leichter, die mächtigen Edelkastanienwelten blieben zurück und die noch gediehen, hatten die Gewalten nicht mehr, auch die schönen 44 Sonnenhöfe blieben zurück, die hinausschauten wie Edelsitze in die heiteren Fernen und in die strahlende Bergwelt.

So bleibt die Jugend im Leben zurück.

Kiefern dufteten harzig und herb, Moor und Heideboden stark riechende Kräuter, alles bekommt herberes Leben, aber all das Herbe, gedrängten Lebens volle, nicht mehr so nach Ausbreitung trachtende, wie die schöne starke Jugend, schien der wandernden Frau auch köstlich und die Luft wurde rauher und stärker; ein Bergwind ging.

So wanderte sie bei ihrem Aufstieg durch die Menschenalter und Stufenjahre, denn alles ist Gleichnis, und kam so in das Reich der Höhe, in das hohe Menschenalter. Der Boden hart und felsig, wenig Erdreich mehr, die Pfade schmal und eng, die Luft fast allzu leicht, kümmerlich alles, was wachsen und gedeihen will; der Ausblick weit und groß – Einsamkeit –. Was vom Himmel kommt stärker und fremder, der Sonnenglanz klar ohne Erdenstaub, die Luft wie Geisterodem, dem Organischen fern.

Und die Frau fühlte, wie alles von ihr abtaute und versank. Das Leben unter ihr winzig klein, die Ortschaften mit ihren Kirchtürmen wie Hühnerstämme mit dem Hahn auf bunter Wiese, ein Bahnzug nur ein mühselig kriechendes Räupchen. Menschen nicht wahrzunehmen, vielleicht das Bewegen einer Winzigkeit wie in der Ackerfurche; die Klänge im Verhältnis zum Geschauten sehr klar und hell.

Fern bist du, o Gott, den Menschen, dachte Maria. Vor dir und deiner Ferne versinkt die Menschenwelt wie ein Staubkorn, löst sich auf und wird zu nichts. So mag es wohl sein, daß nur das Wesenhafte ohne Maße zu dir gelangt.

Bang wurde es Maria in dieser Größe und Einsamkeit und Stille. Nichts Lebendes um sie her, und der Himmel 45 bezog sich, Nebel stiegen auf, der Bergwind wehte kalt, und der Pfad führte an steilen Hängen hin. Sie war froh, wie er sich wieder über eine kleine Hochebene spannte, von der aus sie den Gipfel des Berges liegen sah. Im grauen Gestein, fast auf Gipfelshöhe, kaum unterscheidbar vom Felsen, lag da ein Bergkirchlein, einen Augenblick sichtbar, um gleich wieder von Nebelschwaden verhüllt zu werden. Aus allen Klüften und Schrunden stieg es zart.

Was aber war das! – Ein wunderlicher Ton. – Ein Geheul, das aufstieg wie aus einem Abgrund – urweltlich.

Marias Herz schlug entsetzt, – ein Ton mit nichts vergleichbar, so unerwartet wie unerklärlich und wieder – und wieder –

Ein Stoßen in Schwaden wie aus Raubtierrachen, verstoßener Geister Geheul, Unheilgebrüll in dieser Stille und Höhe. Maria stand, die Hand aufs Herz gepreßt und starrte auf den Weg, den sie gekommen. Da, um die Felsen, tauchte etwas auf – und das Getös ergoß sich wie ein Wassersturz, der hinter dem Felsen gedämpft gerauscht und getobt hatte.

Der steil aufsteigende Weg ließ zwei dunkle spitze Ohren sichtbar werden, etwas schwarzes schwankendes Großes darüber, und es schob sich ein Priester auf einem Maultier in die Höhe, ein Mann führte das Tier am Halfter und trug den Gekreuzigten am hohen schwarzen Kreuze hängend über die Schulter gelegt.

Hinter ihm drein kam es gekeucht, geschnauft, geröchelt, gebrüllt. Betende Wallfahrer, die lechzend nach Atem ringend, beim steilen Aufstieg zu Ehren Gottes ihr Gebet gestammelt, gewürgt und hervorgestoßen hatten mit den versagenden Kräften ihrer Lungen. Die hageren Bauern zogen an Maria vorüber, wie des Lebens Mühsal und 46 Not. Sie schoben wankend daher, der kleinen Hochebene zu, etwas zu Atem gekommen, nun wieder mit allen Kräften aufbrausend im Gebet, und sie blickten scheu zu der einsamen Frau und keuchten weiter. Verknorrte Männer, trockene Frauen mit kleinen festen Gesichtern, schwere, selbstgewebte schwarze Tuchröcke, flachbrüstige Mieder, braune magere Arme, die aus den groben weißen Linnenhemden hervorschauten, abgearbeitet und sehnig, wie viel gebrauchte Instrumente der Lebensmüh'.

Maria war es zumute, als ging ein großes Ereignis an ihr vorüber; die ganze Menschheit in ihrer Not, in ihrem schweren Lebensaufstieg. Tränen traten ihr in die Augen –, ein Weh, dem nicht zu entrinnen war, umtoste sie, im keuchenden wühlenden Gebete.

Sie stand wie erstarrt und lauschte auf die Atemstöße der vielen, die da klommen. Schwächer wurde das Grauen. Wie der schwere Atem eines Sterbenden klang es aus den Klüften und Felsen, durch die der Weg sich in die Höhe zum kleinen Gnadenkirchlein wandte. Da gewahrte Maria ein kleines altes Bauernweib, an dem der schwarze grobe Rock das Schwerste sein mochte, wenn nicht sein Herz unter dem weißen Brusttüchel. Das kleine Weib saß ganz hingestreckt ohne Kraft am Weg, seinen Rosenkranz zwischen den knorrigen alten Fingern.

Das Weiblein sah auf Maria, wie man etwa ein Pferd anschaut ohne alle Scheu. Sie besah sie sich von oben bis unten – und nickte.

»Du bischt a feschte Gitsch,« murmelte sie ohne Kraft und Atem – »oder hast du an Herrn?«

»Verstorben,« sagte Maria.

»Verstorben, a so. Da heroben wollen Sie um a leicht's Sterbestündel bitten. Bis daher sin mer nu.« Das Weiblein schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust, »do herinnen wills nimma. – Seid früh ummara zwei bin 47 i unterwegs. Un nu ummasinscht, mei Liabe – ummasinscht. Der Totentruchen kimmt koans aus – woll, woll, aber ums leichte Sterbestündel ischts, wann'd zu himmelen kimmscht. Du bischt fescht, mei Liabe. Du tätst mi leicht aufiziahen. – I hätt a Bitt.« Das alte Weiblein faltete die Hände aufeinander und machte die Bittgebärde der kleinen Kinder.

Maria nahm ihren Rucksack ab, hing ihn sich über den Arm, beugte sich vor der Alten nieder und sagte: »Steig auf und halt dich fest.«

»Sell woll!« meinte die Alte zögernd, »dös aber nöt! – dös hab i nöt meint! dös wirst nöt dermannsen.«

»Nur zu,« sagte Maria, »so geht's am besten. Auf daß dein Sterbestündlein leicht werde.«

»I gedenks deiner,«sagte das Weiblein, »Gott vergelts im Himmel auf, viel tausend Mal« und es schlang die Arme um Marias Hals. »Na, aber mein Stab nimmscht.«

»Wart,« sagte Maria, »den Rucksack häng ich dir auf, dann habe ich die Arme frei.« So geschah's. Dann stützte sich Maria mit ihrer Last am Stab in die Höhe und zog die Beine des Weibleins fest an sich. Das Weiblein war schwer mitsamt seinem Rock, und Maria hatte hart zu schaffen, bis sie endlich beim Kirchlein droben anlangte, und ihre Last niedergleiten lassen konnte.

Vom Platz, auf den das grau verwitterte Kirchlein stand, Fels in Felsen, schaute man in Nebelgewoge, dazwischen Fetzen von Sonnenglanz und türkisblauer schimmernder Weite.

»Jessas,« rief ein junger Bauer, »der Erzengel Gabriel! Dös is was! Sell woll mei Liabe, do bischt gut aufi kimmen, Muatta, do schaugts her!«

Die Bauern umstanden Maria und das Weiblein wohlgefällig. Ein hageres kleingesichtiges flinkes Weib rief: »Der Erzengel in Wahrhaftigkeit!«

48 »Fescht bischt genua dafür und sauber a. Jetzt muscht raschten. I glaabs – so ein altes Weibermensch is schwar.« Ein alter Bauer klopfte Maria auf die Schulter. »Dei Buckel ischt woll fescht, mei Gitsch, nu aber raschten – kimmscht mit? – Halt mit ins, mei Liabe. So an Erzengel wie du! Du gabst a fixe Bäuerin ab.«

Maria ging mit dem Bauer, schwindelnd vom Aufstieg mit der schweren Last. Gruppen lagerten auf dem Felsboden vor dem Kirchlein. Jeder einzelne hatte sein buntes Schnupftuch auf die Knie gebreitet und schnitt mit dem Taschenmesser sich die Bissen von einem Runksen Brot und dazu fein säuberlich und vorsichtig mit aller Hingebung ein Würflein vom würzigen Gesellchten. Dazu machte eine Korbflasche die Runde.

In einem Schuppen, der an die Kirche zum Unterschlupf bei schlechtem Wetter angebaut war, hatte der Bauer, mit dem Maria ging, seine Leute. Die saßen um ein Fäßchen, das als Tisch diente, auf einer rohen niederen Bank und hockten zum Teil auf der Erde. Da schien alles mitgegangen zu sein, Sohn und Tochter, Vater, Mutter und der alte Bauer, mit dem eben Maria kam.

»Do bring i enk den Erzengel Gabriel, der mit der alten Nani aufstieg, a sakrischer Weg. Mir haben enk gesiahn. – No – die mog nu an letztes Stündel sich heroben derbeten, wie Zucker und Zimt so fein, dös alte Weibermensch, dös alte Fell,« meinte der Bauer.

»No i vergunns ihr, die is nöt schlecht afi kimmen.« Maria wurde von den Bauersleuten freundlich begrüßt. Auch sie mußte aus der Korbflasche trinken. Sie packte auch ihren kleinen Wandervorrat aus, der neugierig gemustert wurde.

»Ös schaut's,« sagte der alte Bauer, neben dem Maria auf der Bank saß.

49 »Wann d' di fix machst, woas ziagst o?« fragte die junge Bauerntochter. Maria lächelte: »Bin ich dir nicht fein genug?« »Sell woll, i moan halt so, was hascht dohoam in der Trugen?« »Da habe ich,« sagte Maria, »nicht sehr viel, aber ein schönes weißes Kleid, wann ich mich fein machen will.« »Dös weiße möcht i siahn,« sagte die Gitsch. »Bei uns heroben da siagt ma nix.«

»Ihr seht ganz andere Dinge,« meinte Maria.

»Aber i möcht nach Innsbruck eini.«

»A so a Gagogala,« meinte die Bäuerin. Der alte Bauer und der Sohn schnitten bedächtig und ganz in ihr Werk versunken vom Brot; und nach dem zweiten Bissen das hochheilige Speckwürflein, das sie mit Achtung und Weihe betrachteten, ehe sie es einschoben.

Maria wollte sich erheben, sie hätte am alten Vater vorüber gemußt, denn sie saß zwischen Vater und Sohn. Sie wollte Umschau halten, denn der Nebel verzog sich mehr und mehr, die blauen Land- und Himmelsfetzen wurden weiter und weiter und die Herrlichkeit immer größer und leuchtender.

Die Bäuerin aber sagte: »Do bleibscht! Bis der Vatter und der Mo ausgekuit haben. – Weischt dös nöt?« Da hatte sie gar sehr nach altem Brauch und Recht verstoßen und setzte sich wieder bescheiden und sah zu mit dem ganzen Stamm, wie die beiden Familienoberhäupter ihr heiliges und gedeihliches Werk fortsetzten. Die übrigen Familienglieder waren schon gesättigt, nur hin und wieder wurde noch ein Bissen zum Magenschluß eingeschoben, der sich dann scharfeckig und äußerst lebendig unter den braunen dünnen Wangen, von der Zunge energisch getrieben, von starken Lippenverrenkungen unterstützt, bewegte, bis er rutschend verschwand. Die Menschenbrüder aus dem Volk sind uns verwandt in ihrer Menschennot und Freude, aber eine Fremdheit tut sich 50 auf, wenn sie essen und trinken; und so fühlte Maria sich fremd und fern –, sie wollte ihren Weg fortsetzen, der sie unterhalb der Kapelle weiterführte in ein wunderliches Städtchen zurück, das ihr oft geschildert worden war als Ziel der Sehnsucht, und in dem Maria Wohnung genommen, um von da aus das Sommerland zu durchstreifen.

Die Glocke im kleinen Felsenturm der Kirche begann zu läuten, in scharfen, heiseren Tönen, wie eingerostet vom langen Schweigen. Alles erhob sich und strömte dem Eingang zu. Zuletzt trat Maria ein. Dumpfe, kalte Luft, graues Licht, auf dem schmalen Altar ein gnadenreiches Bild der Mutter Gottes, an dem nun aller Blicke hingen. In Winterkälte und Einsamkeit hatte das Bild seine Güte ausströmen lassen und jetzt endlich wurden die Wunderkräfte von armen Menschenherzen aufgefangen, die kniend ihre Not vor dem guten Bilde ausbreiteten. Es bekam viel zu tun. Wunschlos war keiner hier heraufgekommen. Da kniete auch die Alte, deren Körperlichkeit Maria so nah und lastend gefühlt hatte, die sie so wohl nun kannte. Das schwere kleine Knochenhäufchen im schweren schwarzen Wollrock. »Gott möge dir dein Sterben leicht machen,« betete Maria herzlich mit ihr, der Wunsch aller Wünsche, auf den alle Wünsche des Lebens unbewußt hinauslaufen und alles, was geschieht; die Krone des Lebens, die Stunde des Todes.

Und Maria betete andächtig um diese Gnade, daß das Leben sie das Sterben lehren möchte und sie betete auch für die beiden Ströme. – Sterben können, die Arbeit eines ganzen Lebens. Das gebe ihnen Gott.

Dann erhob sie sich von den Knien noch vor Beginn der Messe, um sich leise zu entfernen. Als sie vor der Kirchentüre stand, sah sie, daß sie nicht allein war, die behende Frau mit dem kleinen Gesicht war ihr leise 51 gefolgt. Die, von der sie mit Überzeugung Erzengel Gabriel genannt worden war.

Die bot Maria an, ihre Führerin zu sein, auf einem guten Weg, den sie Maria herabgeleiten wollte. Maria war das nicht lieb. Die Einsamkeit in der stillen hohen Bergwelt war ihr gestört, aber es gelang ihr nicht, die Frau loszuwerden.

»Vom Lampl drennten kimmscht – woll, woll, do ischts fein, mei Liabe. Du – i hätt dir was zu bestellen, mei Liabe, der Bauer, der neben meiner stund, fragt di, ob du schon an Herrn hascht? Wann nöt, kanntsch du heroben bei ins dein Glück machen.« Die Frau blieb stehen und zeigte auf eine Anhöhe, auf die sie herab blickten, da lagen in Weinbergen und hinauf bis an die dunklen Kiefernwäldern verstreut weiße leuchtende Bauernhäuser und Höfe.

»Als wär dem Tuifel, wie der seine Sprüng gemacht hat, die Zuckerstranitzen entzwei brochen,« meinte das kleingesichtige Weib. »Daß die Würfeln außi gefallen sein, über die ganze Gegend hin. Schau – das größte von allen ganz da heroben is seiniges. Des könnt dein werden.«

Maria dachte: Was für ein gutes Los müßte das sein, wenn alles so einfach läge, und sie lächelte, als sie der Frau antwortete: »Ich hab' schon einen Herrn; aber grüß den Bauer von mir und sag ihm, ich dankte ihm recht schön.«

»Du bischt a bsunders Weibermensch, alle sagens, daß du mit der Schettelnanni aufgestiegen bischt, machts nöt alloan. Schaug, der junge Johannserbauer tät di zum Weib begehren, – dös is a braver Mo, den nehm a jede. – Un i – i woas nöt –; mi grausts nöt vor die – i tät dei Pfoat (Hemd) anlegen.«

Maria Strom lachte. Es tat ihr wohl, was das Weib sagte, die Herzensgewinnung war schön und wie aus 52 einer anderen Welt – und sie hatte eine Freude an sich selbst, eine große helle Freude; – die wundervolle Welt um sie her – und sie mitten darin voller Leben, und Leben strömte ihr zu. Gut war das.

Die Frau sprach dann weiter und erzählte ihr, daß man jetzt ruhig und unangefochten hier gehen könne, das verdanke man dem seligen Kooperator. Früher hätten die Gespenster auf jedem alten Strunk und jedem Zaun gehockt, aber jetzt, nach so vielen Ablässen und Wallfahrten, und weil er ein gar so eifriger Herr gewesen sei, hätten sie sich zumeist davon gemacht; aber, sagte sie, das wäre noch alles beim alten, wenn nicht ein Schnauzhund ein christliches Begräbnis hätte bekommen sollen. Das wäre dann dem geistlichen Herrn zu arg geworden und er hätte so mit dem ganzen Tuifelszeug aufgeräumt, was längst hätte geschehen sollen.

»Da ist dir eine Herrische gewesen, der ist durch Erbschaft ein altes Haus zugefallen, so ein Edelsitz, der einem Bozener Kaufherrn gehört hatte. Wir kommen an selbigem Haus vorbei. Und die ist eingezogen mit einem Schnauzhund und Knecht und Magd – ein Weinberg gehört auch zum Anwesen.

Der Schnauz aber war nur so ein Halbvieh, sage ich dir, und hat gemeint wunder wer er wäre. Mei Mutter selig hat ihn noch gekennt und die Herrische hatte nix im Sinn als den Schnauz, und den Schnauz, und den Schnauz. Miteinander haben sie gespeist, miteinander haben sie geschlafen und miteinander sind sie den ganzen Tag beisammen gewesen und haben miteinander geredt und sie hat mit dem Schnauz geredt wia mit einem Menschen – und der Schnauz hat alles gewißt. Wenn sie ausging, hat er ihr den Hut bracht, und wenn es kalt war, a Hauben. Sell woll – und wia an Dolch is er gewesn so scharf und bös; aber zum Fraule der reine 53 Sonnenschein; gerad als wäre sie sein Herrgöttle und er ein gottseliger Moa, der seinem Herrgott alles zu Liebe tun hätt mögen. Mandl hat er gemacht, auf zwei Beinen is er gegangen, auch gefunden was verloren hat er gekonnt, ›tot‹ hat er machen können. Alles – alles.

Sonst ist er immer auf drei Beinen gelaufen, was ein Zeichen ist, daß das Vieh im Zwischenreiche wandelte.

Und unter dem Mantel hat das Frauensmensch den Schnauz mit zur Kirche genommen, und da war dir das Vieh still wie ein Totes. – Und wann sie ausgefahren sind, da hat der Schnauz vorne beim Roß gesessen und hat statt einer Peitschen das Roß in den Hintern gezwickt, weil er gemeint hat, er sei der Herr vom Roß; und wenn das Roß geweidet hat, ist er neben dem Roß hergegangen und hat mit ihm geweidet und das Gras hat er dann ausgespien. Keiner sollte etwas vor ihm voraus haben: und an die Freitägsnacht, um era zwölfe, wo a jedes weiß, daß die Tiere mit den Geistern reden können, da hat er sich aufgemacht, wie ein Bauer, der ins Wirtshaus geht und hat mit dem Tuifelszeug, was damals noch auf jedem Zaun und an jedem Wege saß, dischkuriert. Daß dabei nit viel Gutes herauskumma ischt, läßt sich denken. Der Schnauz hat sie angestift. So an Gespenst braucht immer an Anstifter. – Von ihm selbst vermag es nichts zu tun, weil dem Gespenst der Wille fehlt, drum hocken sie herum und haben zeitlang.

Schau – und da ist keine Freitagnacht vergangen, in der der Schnauz nicht eine Übeltat beging. Wer das Mistvieh geärgert hatte, bekam seinen Teil. Der Magd vertrieb das Gespenst den Schatz beim Fensterln. Wann der die Leiter auffi stieg, hui da fuhrs wie ein Knittel ihm über den Hintern, daß der Schatz sich eiligst davon 54 machte – dem Knecht war das Tabakspfeiferl dahingegangen, man wußte nicht wohin; dann steckts im Mist mit dem Mundstück voran; auch der Frau tat ers an, wenn sie einmal nicht ganz untertänig war, und die konnte nach ihren Schlüsseln suchen, bis sie narrisch wurde. Und das Potschamberl ward umgegossen und im Milchkübel versoff eine Ratte und überall, wo es etwas geschah, da war der Schnauzhund dabei und schob die schwarze Lippe von den oberen Zähnen, das sollte Lachen sein und sah grauslich aus. – Und noch eppes: auf wen er an Zorn hatte, dem machte er ein Häuferl vor die Tür oder bieselte die Tür an, so an Mistvieh. Und wie das Vieh dischkurierte! – Da, wo wir jetzt gehen, war kein Vorüberkommen, so hockten die Gespenster und lachten sich den Buckel voll und der Schnauz dazwischen, immer räsoniert.

Und jeder wurde angehalten und jeder kriegte Püffe und wurde angehaucht und angegriffen. Na, da ischts jetzt um vieles besser.

Aber jedes Ding hat seine Zeit, daran mußte auch der Schnauz glauben, der gemeint hatte, es ginge so in alle Ewigkeit fort. Und das Mistvieh verreckte und aus wars mit seiner Anstifterei und seinem bösen Wandel.

Aber die Frau trug Leid, als wäre ihr der Herr gestorben – und bahrte das Vieh auf in einem silbernen Kaschten, da ist er gelegen der Schnauz mit Blumen überdeckt und ein goldenes Kreuz hat ihm auf der Brust gehangen, auf dem schwarzen lockigen Fell – und sechs hohe Wachskerzen haben gebrannt – und die Frau hat gekniet und hat Sterbegebete gesprochen und hat geweint, daß Gott erbarm. Der Magd aber hat es gegraust und sie ist gelaufen und hat von drennten den geischtlichen Herrn geholt – und wie der den Greuel mit Augen geschaut, hat er die Lichter, die um den toten 55 Schnauz im silbernen Sarg standen, runter geschlagen und hat geschrien und gewaltig lamentiert und hat der gottlosen Frau die Höll nöt übel heiß gemacht, das hat er gekennt, der selige Kooperator – dös glab i.

Aber das Weib hat Gott gelästert und hat gesagt: Und wenn er nun mein Liabstes auf Erden war – und wenn nun kein Mensch so hold zu mir war als wia der Schnauz; – wen soll ich dann betrauern? Und unser Heiland, dös woas i fir gewiß, ist auch für die holdseligen und gottesfürchtigen Tiere gestorben, so wahr mir Gott helfe. Da hat es draußen mit Dunnern begonnen und ein Hochgewitter ist aufgezogen. Die Frau ist bald verschwunden und das Haus ist bis auf heutigen Tag unbewohnt geblieben, nur Welsche wohnen jetzt darin. – Schau do liegts und der untere Stock steht leer.«

Mit starker Gebärde zeigte die Frau auf ein altes graues halb zerfallenes Haus, zwischen weitästigen Edelkastanien, die es mit ihrer grünen Wucht fast ganz verbargen.

»Ingallin (gleich) bin i wieder do.«

Und fort war die behende kleingesichtige Frau. Maria sah wie sie in das Haus eintrat und nicht lange währte es, da kam sie zurück und drückte Maria einen Fetzen blauer Tapete, der von der Mauer abgerissen war, in die Hand.

»Und das behälscht,« sagte das Weib voll Eifer, »damit du siescht, daß alles woar ischt. Das hab i abgerissen in der Stubn, wo der Schnauz aufgebahrt gelegen ischt, mei Liabe. Und nun pfiat Gott – nun kannscht nimma irregehen.«

»Aber du bist nicht bei der Messe geblieben und hast den Bittgang nicht mit zu Ende gemacht« sagte Maria.

»Weil i di mog!« antwortete das Weib. »Du gefalscht mir so viel. Du könntest mei leibliche Schweschter sein 56 und wer woaß, ob wir ins einander wiederschauen. Pfiat di Gott!«

Nun ging Maria im Abendlicht dem Städtchen wieder zu, leicht und festlich war's ihr ums Herz, so ganz eigen froh, – fröhlich über sich selbst.

Vielleicht hatte sie lange Zeit sich nicht selbst gespürt, war nun überrascht, sich als junges, schönes Weib zu finden, das Liebe erweckt, dem die Herzen zufliegen; und sie mußte vor sich hinlachen wie ein Bub etwa lacht, der einen schönen Apfel vom Baum stibitzt hat.

Frohgemut saß sie und müde endlich beim Nachtmahl im uralten gewölbten Lampelsaal und hatte sich an das Tischlein gesetzt, das unter den buntbemalten Bogen stand, das sie aus ihres Liebsten Erzählungen so wohl kannte. Dies Tischlein war oft in ihren Wünschen ihrer beider Reiseziel gewesen. Ja, da hatte sie mit ihm sitzen sollen, an dem er so oft als junger Bursche vergnügt sein Abendmahl verzehrt und seinen Wein getrunken hatte, wenn er von langer Wanderung hier gerastet.

An der großen Tafel saßen Gäste und plauderten und tranken den roten und weißen Tiroler, Viertele auf Viertele und waren guter Dinge.

Maria sann nach, welchen Weg sie morgen machen wollte. Sie kannte alle die Herrlichkeiten. Wie manchen Winterabend waren sie und ihr Guter im Geiste diese Wege gewandert und wieder war es ihr zumute, als säße er neben ihr, mit ihr Hand in Hand, und keine Trauer kam ihr ins Herz – auch kein Wunsch.

Dann dachte sie an die Geschichte vom Schnauzhund, die mußte sie Heinrich und Ottomar erzählen. So einen lieben Schnauz, wenn sie hätten, und ordentlich grauslich war's. So Bauernfrauchen kennen sich mit Geistern und Gespenstern gut aus.

57 Als Maria in ihrer kleinen Gastkammer, im uralten Hause sich zum Schlafen niederlegen wollte, wurde es ihr sehnsüchtig nach den Strömen zumute. Aber sie wußte sie jetzt auch auf dem Lande bei ihrem lieben Freund und dessen Frau.

Sie kramte in ihrem Köfferchen und nahm ein schmales Büchlein heraus, darin las sie als sie sich behaglich niedergelegt hatte bei Kerzenlicht.

Sie las:

Ich fragte Ottomar lachend, als er in seinem weißen Kittelchen so rührend vor mir stand und wir im Schwätzen waren: »Willst du ein Bauer werden? Willst du ein Konditor werden?« Da antwortete er: »Ich will ein Schneeglöckchen werden.«

*

Und viel später:

Heinrich sagte zu Ottomar: »Mein Vater war Baumeister; ich werd auch einer,« sie bauten miteinander mit dem kleinen Ziegelsteinkasten, – »und du?«

Ottomar: »Ich will nur nicht Bettler werden, vielleicht König.«

Heinrich: »Wir müssen bleiben, was wir sind, das verstehst du nicht, und wenn du kein Bettler werden willst, mußt du Geld verdienen.«

Ottomar: »Ich bekomme zu Weihnachten welches und König will ich nicht werden, ich glaube, die werden zuletzt immer tot geschossen.«

Heinrich ärgerlich: »Nein, die werden nicht tot geschossen. Unser lieber Kaiser wird nicht tot geschossen.«

Ottomar: »Wer ist das?«

»Lamm,« sagte Heinrich, »auf nichts Vernünftiges paßt du auf . . .«

*

58 Heinrich und Ottomar gehen vor mir her, als wir letztes Jahr am Ammersee bei Sebalds waren.

Ottomar sagt: »Och, Heinrich, wenn's do friert!« (Auf dem Land sprechen sie bayerisch.)

Heinrich ganz tief: »Jo, jo, dös is was!«

Ottomar hell: »Och Heinrich, dös muß an Eis sein!«

Heinrich: »Jo, dös is an Eis.«

Ottomar: »Och im Geröll, wanns do friert.«

Heinrich: »Dös gefriart halt nit.«

So unterhielten sie sich wie zwei alte Bauern.

*

David hatte zu Heinrich und Ottomar gesagt: »Ich kann euch gar nichts geben, ich weiß euch nichts, – ich bin ein langweiliger Kerl.«

Ottomar sagt: »Und wenn du uns gar nichts gibst, gibst du uns doch etwas.«

»Was denn?«

»Du schenkst dich uns.«

Er hatte ihnen viel von Naturforschern und Tiefseeforschung und allerlei seltenen wunderlichen Tieren erzählt – als wir abends noch ein wenig auf der Straße auf und nieder gingen, sahen wir einen Mann, der schaute so sonderbar vor sich hin und blieb hin und wieder stehen.

»Muttili,« sagte Ottomar, »ich glaube, das ist ein Weltenseher und sucht nach seltenen Tieren und schaut auf die Welt . . .«

*

Ich pflückte Ottomar Schilf an einem Weiher. Das rührte ihn, wie es schien, denn sein Herz quoll über in Liebe: »Du, mein Mutterl, du lindes Mutterl – Liebes – du gutes – schneid dich nicht in die Händlein –. Du weißt alles – du kennst alles. Ich kann dich alles fragen.«

*

59 Und weiter las Maria. »Ach wie gern sind wir alle draußen im Freien! Wir haben zwei junge große dicke Nußhäher gefunden, die sich aus dem Nest verflogen hatten – das war ein Abenteuer, Ottomar erbarmten sie unendlich: »Wann werden sie erlöst!« rief er weinend, weil sie gar so jämmerlich und außer sich taten. »Wann erlöst ihre Mutter sie!« Wir hörten die Alten flattern und schreien: »Erlöse sie, erlöse sie.« Er wurde so traurig, daß er bat, ich sollte ihn auf den Arm nehmen.

»Im Wald geschehen zu traurige Dinge.«

Es war erst ein junges Reh an uns vorüber gelaufen, das vom Hund verfolgt wurde und jämmerlich schrie, später fanden wir die Federn von einem Nußhäher, den der Raubvogel geholt hatte. Wenn wir am Ammersee in der Hängematte lagen und über uns schrien die Nußhäher, meinte er: »Komm, gehen wir, die rufen immer den kleinen Toten. Kommt nie ein kleiner neuer Nußhäher, um die Mutti zu trösten?«

»Gewiß,« sage ich.

»Woher weißt du das?«

Ich: »Es kommen immer neue Nußhäher, das ist so.«

Er: »Aber dann bitte so viele, daß die kleine Mutter den Toten vergessen muß. Ich glaube doch, sie reden da oben von ihm.« Alles ist für Ottomar Mutter und Kind.

Wir spielten in der Hängematte von nun an Nußhäher. Ich war die Mutter Nußhäher, und er brachte mir die ganze Hängematte voll Tannenzapfen. Das waren die Nußhähereier, die ich wärmen sollte, damit die Nußhäher heraus konnten, und er brachte so viele, daß ich den kleinen Toten vergessen konnte. Er war der liebe Gott mit einem ganz weißen Gesicht und noch weißeren Händen, im laubgrünem Kleid mit viel feinem Gold. Er schlang die Arme um mich, der liebe kleine Gott im 60 laubgrünen Kleid und sagte mit tiefbewegter Stimme: »Wie bin ich gemacht? Sag' mir's; aber die Wahrheit – du weißt, ich glaube dir nie darfst du lügen.«

Und ich sagte: »Du kommst von Gott. Wie alles war, sag' ich dir einmal wenn du größer bist.«

»Erzähle mir wie der Nußhäher aus dem Ei kommt, das ist so wundervoll. Er sitzt darin im Ei wie ein Pünktchen so groß und ißt das Dotterlein – nicht wahr? Erzähl'!«

*

Jetzt blättert sie im Büchlein und ihre Augen ruhen auf einer sehr dummen Geschichte. Man sieht ihr an, daß sie mit Wohlgefallen liest: Ottomar hat etwas ganz Unverschämtes getan, hat mit Kreide auf meine Schlafzimmertür in seiner schlechten Schrift, die uns so viel Mühe macht, geschrieben: »Da wohnt das Lutter.«

Da ging's mit einmal das Schreiben, besser wie je! Ja, und Maria erinnerte sich, wie sie den drolligen Knirps hatte schelten müssen – wie er sich an sie geklammert hatte und gerufen: »Das ist Liebe!«

Maria lachte ein wenig, blies die Kerze aus und legte sich müde und behaglich zum Schlafen hin. Sie hatte auf die jungen Ströme gelauscht und hatte sich von ihnen einsingen lassen.

An einem Abend, als Maria wieder ganz sonnendurchdrungen am Hochzeitstischlein saß, erhob sich vom langen Gasttisch unter den anderen Gästen eine Gestalt, löste sich von ihnen und kam durch das Dämmerlicht des uralten gotischen Lamplsaals auf Maria zu.

Das ist . . . dachte sie wie im Traum, da aber stand Seppl David schon vor ihr, fein und schlank und begrüßte sie förmlich, wie es eigentlich nicht seine Art war. Kam er hinauf zu Stroms, mochte er immer ein wenig im Überschwang sein, so daß er einen regelrechten Gruß, 61 da er jedesmal wie in eine lang vermißte Heimat kam, nicht recht bändigen konnte; heute aber war ihm eine tadellose Begrüßung gelungen.

Maria Strom sah ihn lächelnd an, reichte ihm die Hand und dachte: Ein schlechtes Gewissen hat er wenigstens; aber sie ließ sich nicht merken, daß sie überrascht war ihn hier zu sehen und daß es nicht mit ihrem Willen geschehen.

So war sie warm und herzlich zu ihm, tat allen Eigensinn beiseite, trotzdem er sie durch sein Erscheinen aus einem blühenden Zustand ihres Lebens aufgescheucht hatte.

»Frau Maria,« sagte er, »seien Sie nicht so gut! Schelten Sie mich! Sie liebe, gelassene Maria. Geben Sie mir von dieser allerschönsten Tugend, ohne die man nicht eine Viertelstunde seines Lebens sein sollte.«

»Und wer würde Ihre schönen Dinge schaffen, die aus der Ungelassenheit Ihrer Seele kommen? Und wie kommen Sie nun hierher? – Aus heller Ungelassenheit?«

Maria wußte, daß er so eilig und unüberlegt gekommen war, daß er nicht einmal nach den Strömen gesehen hatte, keine Grüße mitbrachte. Das war nun geschehen. Sie brauchte gar nicht zu fragen und ihn jetzt zu beschämen.

»Holen Sie Ihren Wein und setzen Sie sich gemütlich her, König David.«

Sie nannte ihn, wie ihn die Kinder nannten. Da schaute er auf. »Maria, liebste Frau, ich habe Heinrich und Ottomar nicht gesehen – aber weshalb ich auf und davon bin, das wissen Sie nicht! – Ich habe die Einsamkeit verkauft und das Aufatmen – und noch verschiedenes andere – und gut! Der Mann, der mir das alles abgekauft hat, will noch mehr!«

»Die Einsamkeit und das Aufatmen hat er verkauft! – so ein Mensch! – und seine Seele dem Teufel!« Maria 62 Strom lachte. »Und für wieviel? Für dreißig Silberlinge?«

»Ja, Frau Maria, – so ist's! Aber schauen Sie nicht so –. Auf dieser Erde sind wir eben Leib und Seele.«

»Aber es ist doch komisch, wenn einer seine Einsamkeit und sein Aufatmen verkauft.«

»Verkaufen muß, Maria!«

»Aber sich so unverschämt freut und sein Geld sogleich vertut – ich sehe eine wundervolle neue Krawatte, König David.«

»Und nobel gereist, – erster Klasse und ein feines Hühnchen gespeist und Magdalener getrunken!«

»Aber doch, – wenn man so etwas nicht gewöhnt wäre: – ein vornehmer Mensch verkauft die feinsten, heiligsten Dinge seiner Seele und kauft sich eine Krawatte dafür! – Ich bin froh, daß meine Seele einmal unverkauft und unverhandelt vor Gott treten kann! – Aber David, ich freue mich doch! – das wissen Sie ja.« Sie reichte ihm die Hand und hatte das sehr warmen Herzens gesagt.

Seppl sah sie gerade und froh an. »Kunst ist etwas so einziges, Maria, Unaussprechliches, daß sie rein bleibt und heilig, auch wenn sie zehnfach verkauft wird. Das macht gar nichts. Alles, was auf diese Erde kommt, wird irdisch. Die süßeste Seele steckt in Haut und Knochen, in Fett und Eingeweiden. Nein, nein, da laß ich mich gar nicht schrecken, auch Christus mußte verkauft werden. – Schau, ich sag' das als guter Katholik, der Jesus Christus liebt und voll Anbetung ihn nennt. Bei euch Protestanten hat der gute deutsche Bürgersmann Luther, mit seiner breiten Gestalt, sich vor dem unsäglichen Zarten, Unaussprechlichen gestellt. Er hat ihn euch verdeckt, ihr könnt ihn nicht so recht sehen. Wie er die Welt schaut, ist das wahre Schauen, das göttliche 63 Begreifen in der Erscheinung. Hätte er gebildet, wir wären dem Rätsel der Göttlichkeit in der Erscheinung zum erstenmal gegenüber gestanden. Nun war er selbst dies gelöste Rätsel – und damit der Inbegriff höchster, der einzigen Kunst. Die Kunst, die ihn nicht begreift, ist keine Kunst. Deshalb haben wir jetzt keine Kunst mehr und keine Künstler.« Seppl David hob sein Glas. »Gott steh uns bei, wir sind arm!«

»Wenn einer wie ich weiß was Kunst ist – und macht kleine Armseligkeiten seiner Seele, es friert ihn und er ist einsam, oder er atmet ein wenig aus, das ist nur zu entschuldigen mit seiner großen Sehnsucht.

Weshalb friert's ihn denn? Weshalb ist er einsam? Weil sein ungeheuerer Meister ihn nicht im Schauen und Wissen erlöst hat!«

Maria sah auf ihren schlanken feinen Freund, wie der so im Schmerz seiner Seele vor ihr saß und sie war froh, daß er gekommen.

»Maria, gehen wir noch ein wenig in den Mondschein auf die Landstraße, so am Eisack hin, ist's Ihnen recht, Maria?«

Sie erhoben sich. Aus der engen Gasse traten sie durch das dunkle mittelalterliche Tor, hinaus in die mondüberschienene Bergwelt. Der Fluß rauschte und klimperte und spielte mit Scherben und Steinen und ließ die kleinen, eifrigen, spitzen Wellen aufspritzen. Alles schwamm in Herrlichkeit des kühlen blauen Lichtes.

Sie gingen schweigend.

»Frau Maria gib mir deine Hand, schau, es geht sich so gut so« – und sie gab ihm die Hand.

»Frau Maria, du hast deine Hand in meine gelegt,« sagte er bebend. »Wäre ich jetzt ein großer Künstler – nicht nur einer, der sein Aufatmen verkauft hat – ein Erlöser!«

64 »Lieber König David, dann würde ich sagen, wie ich jetzt sage«: – sie ließ ihre Hand ruhig in der seinen ruhen – »lieber, lieber König David – die Hand ist ganz gut für dich auf so einem schönen himmlischen Gang am Eisack hin – und sie ist für dich auch eine gute treue Hand; – aber sie ist doch eine Hand, die ihr Schönstes schon längst hingegeben hat.«

»Unsinn ist das.« Er hob die Hand an seine Lippen und küßte sie heiß. Da entzog Maria sie ihm sanft. »Wo soll ich denn mit aller Liebe hin, Seppl David? Heinrich, Ottomar und dich! Glaub mir, das ertrüg mein Herz nicht!«

»Hab' mich lieb, hab' mich lieb! Maria.«

»Glaub mir, es kommt Schönes für dich, –« flüsterte sie ganz leise, »wenn auch nicht durch mich, du lieber Mensch. – Was willst du mit uns dreien?« Maria lachte zärtlich auf und war ganz im Überschwang ihrer Gefühle. So liebevoll war die stille mondhelle Nacht, so Liebe heiligend und heischend, so abgrundweit vom Tag.

Auch in Maria stieg eine große Sehnsucht auf – und ließ sie erschaudernd schweigen. »Seppl David,« das kam so klar jetzt und hell von ihren Lippen, »eine Mutter wie ich muß rein sein. Und rein heißt für mich ganz da sein – nicht geteilt und nicht zerrissen – und wenn ich dich liebte, würde ich dich zu sehr lieben. – Gott behüt uns! – Und ich fühl's, Seppl, –schon längere Zeit spür ich's: auf der Schwelle steht dein wahres Glück und wartet auf dich. – Derweilen hast du dein gutes Nest bei uns. – Nun sei geduldig.« Damit faßte sie seine beiden Hände und gab ihm einen herzhaften Kuß, den der Tag und nicht die Nacht gesegnet hatte.

Und über beide kam ein tiefes Schweigen.

König David nahm wieder Marias Hand, und so gingen sie miteinander und ließen sich auf einer Bank nieder, die am Wege unter dem mächtigen Kirschbaum stand.

65 Der Eisack rauschte und klimperte mit seinen steinernen Scherben, – Laute und Düfte der Nacht huben an, zarte Laute und zarte Düfte, die in der Stille, in aller ihrer Feine hervortraten, leises Flüstern der Blätter, das Nachtwindwehen im hohen Gras, das sommerliche Zirpen klang wie ein andauernder Akkord, der in seiner Einförmigkeit zur Stille wurde. – Ein Käuzchen weinte, ein Vogel schrie aus in irgendeiner Not, es raschelte im Laub, die kleinen Nachttiere tummelten sich vorsichtig und das harte Menschenwerk, das immer rasselt, klappt und lärmt, hart wie die Natur nie Töne hat, war ganz zur Ruhe gekommen.

Maria fühlte, wie sich vertraulich ein Kopf auf ihre Schulter neigte, wie in großer Müdigkeit, und da ruhte.

Sie horchte auf alles um sie her.

Da wußte sie kaum, wie ihr geschah, sie fühlte, wie ihr die Tränen über die Wangen rannen, unaufhaltsam, ganz still, kein Schluchzen hob ihr die Brust; aber es tat wunderlich weh, als strömte mit den Tränen eine Seligkeit von ihr fort –, eine ganze Welt voller Liebe und Leben.

Ihr eigenstes Ich war aus dem Kreis ihres Wesens getreten, das durch Gewohnheit, Pflicht, Liebe, Erinnern, Behagen gebildet worden war; und es stand, wie so ein Ur-Ich eben steht, wenn es der Gewohnheit und allem, was an ihm formte und bildete, entronnen ist, aufatmend und verlangend.

Maria erschauerte fremd und bang, als stände sie nackt Sturm und Wetter ausgesetzt.

»Wir wollen heim,« sagte sie, und ihre Stimme klang traurig und ihr selbst ganz unbekannt.

Und so gingen sie miteinander und trugen ein jedes aus seine Art des Herzens und Seins, wunderliches, überraschendes Leben. 66

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.