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Im Garten der Frau Maria Strom

Helene Böhlau: Im Garten der Frau Maria Strom - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleIm Garten der Frau Maria Strom
authorHelene Böhlau
year1924
firstpub1922
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Berlin
titleIm Garten der Frau Maria Strom
pages330
created20140409
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Ein Geburtstag wird gefeiert. Zwei verschenken sich. Es wird gesaugt, gesungen und erzählt. Ein Engel tritt auf und ein Weizenbrot. Der König David kommt. Ein Bub will, wenn's sonst recht ist, ein Mädel werden. Eine Mutter denkt nach, ob der liebe Gott weiß, was eine Mutter ist.

Wenn wir mit den Worten oft Begriffe verbänden, das gäbe eine schöne Geschichte. Wer denkt an das Ereignis selbst, wenn der Jahrestag der Geburt gefeiert wird, da der Gute, der Gefeierte als kümmerlicher Fetzen auf diese unsagbare Erde gerungen wurde?

Geburtstag! – Ein Fanfarentönchen – ein Wort ohne Bild – ein Irgendetwas, als wenn eine Glocke anschlägt, und es gibt ein Geräusch.

Aber ein Kind feiert seiner Mutter Geburtstag – das ist eine Anspannung. Da ist »Geburtstag« Schöpferkraft – da muß etwas geschehen! Heinrich und Ottomar feierten dieses Fest schon im voraus. Geheimnisvoll vorbereitend hockten sie am Abend und zeigten einander allerhand: Bleistifte, Blumenstöckchen. Die Mutter war ausgegangen, die Graue buk in der Küche, und es duftete festlich. Dieser Duft war entrückend, war wie ein Zaubernebel. Heinrich hatte der Mutter einen Glückwunsch geschrieben, eine wahre Pracht, schön, auf einem Rosenbogen. Sie hatten 10 auch eine Düte mit Bonbons, aus der sie hin und wieder jeder eins versuchten. Es waren ja so viele darin. – Auch zwei Apfelsinen hatten sie.

Aber beide waren noch nicht befriedigt.

»Lichtchen?« fragte Ottomar.

»Lichtchen sind da. Wir machen so viel Lichtchen, wie auf den Kuchen gehen.«

»Sind sie rot?«

»In der Küche liegen sie, die Graue hat sie mitgebracht, alle sind nicht rot.«

Ottomar sagte: »Schade, weil Rot Liebe ist.«

»Aber Blau ist Treue und Grün Hoffnung.«

Da war Ottomar auch zufrieden; – aber er wurde ganz still und saß auf dem Korbstühlchen am niederen Kindertisch.

»Na!« sagte Heinrich, »ich denke, wir wollen noch etwas machen?« Der Kleine antwortete nicht. »Ich mache schon ein Gedenknis,« sagte er auf eine wunderliche Art, Worte zu finden – »ich weiß schon was. – Und du mußt ein Hirt sein und mußt blasen – so: Dudel, Dudel –. Wart nur!«

Er kramte jetzt in seinem Baukasten und brachte eine verschabte kleine Holzsäule: »Auf der bläst du.« Und er blies ihm vor: »Dudel – Dudel – Dudel – Dudel Dudel Dudel – du wirst schon sehen – ich sag' dir was: nimm ein Papier! – Schreib'!«

»Nimm du doch eins, du hast bei Mutti doch schon was gelernt.«

»Dann sag' ich's nicht. – Ich kann doch nöt.«

»Du tust dir leicht.«

Zornig: »i – kann doch nöt!«

»Was ist's denn? – Da sag's doch!«

»Weil mir's vergessen tun.«

11 Heinrich nahm ein Blättchen Papier und saß und wartete und Ottomar sagte leise, als sänge abends ein Vogel im Nest:

»Kindlein will zur Ruhe bald
Und schnell zieht's die Mutter aus,
Legt's ins Bettlein sanft hinein,
Nimmt das Lichtlein mit sich fort,
Stellt's an einen sicheren Ort.
Aus ist der Tag fürs Kindelein.
Geflogen kommt das Vögelein –
Ein grünes Zweiglein an der Brust –
Schaut ins Nestelein hinein
Alles schläft im Nestelein.«

Er sprach so leise und so schnell, daß Heinrich nicht schreiben konnte.

»Was ist denn das?«

»Das mußt du singen und ich! und dann: Dudel Dudel Dudel.«

»Das ist kein Lied für Jungens!«

»Doch – für Kindlein,« sagte Ottomar, – »Morgen.«

»Kindlein –? Das sag' du nur mal in der Schule. – Lamm! – Wo hast du's denn her?«

Ottomar klopfte an sein Köpfchen und an sein Herz mit einer frohen Bewegung: »Da oder da.«

»Du – hast dir das ausgedacht!« Heinrich schaute ganz verblüfft. Er war fast verlegen und setzte sich nun hin, und der Kleine sagte ihm ernst und langsam und fast ohne Stocken sein Liedchen vor.

Heinrich schrieb es sorgfältig nieder und schrieb darunter: Das ist vom Lamm.

Am Sonntagmorgen zum Geburtstag waren beide Brüder in aller Frühe am Werk. Ottomar holte sich den Waschkorb von der Grauen, von dem er wußte, 12 daß er sein allererstes Bettchen auf Erden gewesen war. So war es ihm erzählt. Und für diesen Waschkorb hatte er immer eine große Vorliebe.

»Also, was machen wir denn?« fragte Heinrich, als Ottomar mit dem Korb ankam.

»Wir bescheren uns der Mutti.«

Ottomar war Feuer und Flamme, gar nicht aufzuhalten. Sie arbeiteten ganz versunken, der Kuchen kam auf den weißgedeckten Tisch, die Bleistifte, die Apfelsinen, die Blumen. Bald wurde alles so, bald so gestellt. Mit schiefen Köpfen standen sie und schauten. Nun aber machte sich Ottomar an Heinrich.

»Wart nur, mach nur!« rief er immer wieder eifrig. Heinrich wurde auf einen niederen Stuhl gesetzt und bekam das Flötensäulchen in die Hand und einen Weihnachtsstern in den dicken Schopf, und um ihn her legte Ottomar Heinrichs gut gehaltene Schulbücher aufgeschlagen.

»Verschmier sie mir nicht!« rief Heinrich.

»I nöt!« sagte Ottomar zornig, dann rannte er hinaus und kam mit seiner alten Saugflasche, die er aufgestöbert hatte, wieder herein. Die war mit Milch gefüllt.

Heinrich schaute ganz entsetzt: »Die soll doch nicht etwa ich? – dös i net lach!«

»Ich bin der Wusch!« rief Ottomar stolz und legte um den Waschkorb all seine Spielsachen. »Wo ist das Liedchen?« rief er und fuhr mit seinem blonden Lockenkopf und dem glühenden Gesicht in alle Zimmerecken.

»Hier!« rief Heinrich und blieb mit seinem Stern wie gebannt auf dem Stuhl sitzen, »hier in der Schulmappe!«

»Da lies,« sagte Ottomar.

»Aber wie singen wir's denn? Nur Dudel, Dudel geht doch nicht,« sagte Heinrich.

13 »Wie ein anderes Liedchen – oder so.« Dann kroch Ottomar in seinen Korb. Heinrich sagte: »Wir singen's wie alle Jahre wieder.«

»Die Lichtlein!« rief Ottomar. »Mutti! Mutti! komm an die Tür und bleib da, und wenn wir rufen, kommst du rein!«

Aus dem Korb heraus, Streichhölzer gesucht, die Lichter angezündet, in den Korb hinein mit der Saugflasche und einem Arm voll bunten Wirrwarr, Läppchen, Papieren, Schächtelchen und alles über sich gestreut – und Heinrich lachte immer und schämte sich mit seinem Stern. Ottomar aber saugte und saugte und machte ein rundes Wuschgesicht, wie das die ganz Kleinen so machen, und guckte mit runden Augen – und war versunken, und alle Schächtelchen und Läppchen streute er über sich, und die Lichter brannten und die Blumen dufteten, auch die Apfelsinen spürte man etwas. Die Bonbons weniger.

»Nun, Dudel, Dudel – dann gesungen und ich saug dazwischen!«

Wie er das alles machen wollte, war nicht klar. – Aber als die Beiden aus vollem Halse »Mutti« riefen, »Motzele« – und Maria eintrat, war alles so wundervoll – Dudel – Dudel – Saugen, nach alle Jahre wieder, oder singen. Alles gelang und Ottomar war aus seinem Wuschtraum kaum zu wecken. Er saugte und schnurrte und quäkte, nachdem er den Gesang meist Heinrich überlassen hatte, und die Milch lief ihm übers Gesicht und Heinrichs Schulbücher strahlten in ihrer Sauberkeit und sein Stern leuchtete.

Die heitere Maria Strom, in der Schönheit ihrer jungen Jahre, in ihrer Kraft und ihrem Frohmut, der durch das Erleben ihres verstorbenen Glückes zarter und geistiger geworden war, als sie den Sinn des 14 wunderlichen Bildes erfaßt hatte, war ganz bewegt, beugte sich über das lockige Wickelkind, sah all die lieben Sächelchen, seinen ganzen Besitz, sein ganzes Sein und Haben, das ihr von ihm geschenkt wurde, umarmte und küßte Heinrich mit seinem Stern, der mitten zwischen den saubern aufgeschlagenen Schulheften stand.

»Wir haben uns dir nämlich geschenkt,« sagte der etwas verlegen, aber sehr innig.

Ottomar aber in seinem Korb hatte etwas Überseliges, er saugte und jubelte und sang: »Ein Vöglein fliegt zum Nest, trägt ein grün's Zweiglein an der Brust – Trägt ein Schwammerl an der Brust! – Wir sind im Himmel und auf Erden! – Mutti, ich bin so pfuffel fidel! Mutti – Motzele!« und da hing er wieder an ihr und alles purzelte und fiel von ihm ab, bunte Schachteln, Pfeifchen, buntes Allerhand.

Dann kam der Kuchen und auch das Frühstück. Die Graue war ganz aufgeräumt und lächelte wie aus Spinnweben heraus.

Über dem ganzen Nest strahlte Liebeswonne, so hell, so frühlingshaft, und Frau Maria war umhüllt von Liebesglück, die jungen Ströme rauschten vor Wonne. Maria dachte: So freuen sie sich, wie sich einst ihr Vater freute. – Die Freudekraft hat er ihnen als Erbe gelassen.

Und schau – das war ein Gedanke, der wog dem Herzen zu schwer, da quoll es über vor tiefster Wehmut, und Maria weinte.

»Motzele,« rief Ottomar ganz außer sich, und Heinrich legte wie schützend seinen Arm um sie.

»Mutti weint! Weißt du denn, daß Weinen gar nix nützt? – Ich weine nie mehr, seit ich's weiß.«

»O du Dummerl!« Maria lächelte unter Tränen. »Ich denke an unser Väterchen.«

15 »Du Kloans!« rief Ottomar – »du ganz Kloans!« Und er deckte sie zu mit sich selbst, und Heinrich legte seinen Arm noch fester um sie. Da war sie wie in einer Festung von Liebe und Treuherzigkeit und Hingegebenheit.

Die Liebe wohnt bei den Kindern.

Heinrich sagte, wie um abzulenken: »Das Lamm hat gedichtet, denk dir das, Mutti, wart!« Und er holte das Verslein, das er aufgeschrieben hatte.

Und Maria las, unter dem Schriftstücklein stand: Das hat das Lamm gemacht.

Ja, und sie trocknete die Tränen, und miteinander lasen sie die Verslein und fanden sie alle sehr schön und freuten sich.

So saßen sie auf dem Sofa, Maria in der Mitte. Heinrich stand auf und holte vom Geburtstagstisch alles Schöne, den Blumentopf, die Apfelsinen, die Bonbons, die Bleistifte und alles duftete nach besten Kräften. Auch die Bleistifte hatten einen angenehmen Geruch.

Heinrich fragte, weshalb das Holz von den Bleistiften so gut riecht.

»Die sind aus großen Riesenbäumen gemacht, die auf dem Libanon wachsen, in dem Land, in dem der Herr Jesus gelebt hat und gekreuzigt worden ist,« sagte die Mutter. Da nahmen die Ströme jeder einen Bleistift in die Hand und machten sich ihre Gedanken, und sie schauten ihn sich genau an.

»Wie gut, daß du alles so schön weißt,« sagte Heinrich. Maria aber dachte: – Gott mag wissen, ob sie aus Zedernholz sind, und vom Libanon werden sie gewiß nicht sein. Aber es tat ihr wohl, daß Heinrich sie so lobte.

»Geh, erzähl' uns was aus deinem zu Haus,« sagte Heinrich und drückte sich fest an sie. »Du wolltest uns 16 doch erzählen, wie dich, als du klein warst, Jungens gehauen haben.«

»Aber wir wollten doch heute in die Kirche gehen.«

»Ach Motzele, nein, heut nicht,« bat Ottomar. »Du hast mir's auch ganz falsch gesagt: du sagst, Gott ist in uns, – Mutti, und überall.«

»Ja, Ottomar, und so ist's auch.«

»Nein, Mutti, die Menschen sagen aber, er ist ganz besonders in der Kirche, und da hat er eine heilige Omelette.«

»Aber Ottomar,« rief Heinrich, »so dumm zu sein.«

»Laß ihn,« meinte Maria, »das versteht er nicht und du auch nicht.«

»Der meint die Hostie,« sagte Heinrich und schlug sich aufs Knie.

»Nicht wahr, wir gehen nicht in die Kirche?« bat Ottomar. »Die Leute machen, daß die Kinder nicht in den Himmel wollen – die Leute sagen: man singt immer im Himmel. Davon wird ein Kind müde.«

»Wer sagt dir denn das alles?«

»Die Graue.«

»Weißt du, Ottomar, von Gott und dem Himmel spricht ein Kind nur mit seiner Mutter, mit niemanden sonst, merk dir's.«

»Nun erzähl' aber, wie du gehaut worden bist,« bat Heinrich.

»Ja, soll ich's denn jetzt? 's ist doch eigentlich eine sonderbare Stunde jetzt am Sonntag früh?«

»Geburtstag!« meinte Heinrich zärtlich.

»Also will ich euch einmal etwas von der Mutti, wie sie von einem Jungen und einem Mädel gehauen wurde, erzählen:

Von ihrer Mutter wurde sie freundlich ins Mäntelchen und ins Pelzchen eingehüllt, wie das alle Mütter immer 17 gemacht haben, und dann ging das Kind Winternachmittags ernst aus der Tür.«

»Warum ernst?« fragte Ottomar.

»Weil es einen wichtigen Gang zu machen hatte. Es sollte in die russische Kirche sich hinfinden; so heißt ein langgestrecktes Haus daheim. Da wird russischer Gottesdienst in einem Saal, der im Erdgeschoß liegt, gehalten, weil einmal in meiner Heimatstadt vor vielen Jahren eine russische Kaisertochter Herzogin war. Aber damit hatte die kleine Mutti nichts zu tun.

Große Steinsockel liegen vor den Fenstern, und auf diesen großen Steinen stehen im Sommer vielhundertjährige Orangebäume und duften unaussprechlich süß, und ein großer Brunnen rauscht und uralte Tannen schauen vom Parke her und duften harzig in den Orangenblütenduft hinein. So ist's im Sommer an der russischen Kirche; der ist aber längst vorübergegangen, und jetzt ist's Winter, einen Tag vor dem heiligen Abend.«

»Hui,« rief Heinrich!

»Eine alte gute Frau wohnte über dem Saal in der russischen Kirche, zu dieser Frau sollte das Kind gehen und sich ein Weihnachtsgärtchen anschauen, was die alte Frau hergerichtet hatte.

Und so stapfte das Kind möglichst durch den dicksten Schnee und schaute auf alles wie verwundert, was ihm begegnete, denn allzuoft ist es noch nicht so allein gegangen.

Es geht und springt und die rundgeschnittenen Haare klappen weich bei jeder Bewegung, wie die Ohren eines Jagdhundes an die Wängelein.«

»Das ist so, Mutti,« sagte Ottomar befriedigt, »das hab' ich auch einmal so gemeint.« Er drückte den Arm der Mutti innigst.

»Und,« sagte Maria, »da war das Kind natürlich gar bald ein Jagdhund, wie das so ist. Selbstverständlich.«

18 Lebhaftes zärtliches Einverständnis der beiden Ströme.

»Die Mutti kennt sich aus,« sagte Heinrich.

»Das Kind wackelte, als ob es wedelte,« fuhr Maria fort.

»Wackeln?« fragte Ottomar kritisch.

»Sei still!« brummte Heinrich.

»Wenn ihr mich immer unterbrecht! – Also das Kind tat, als wenn es wedelte, ist's so recht?«

»Ja,« sagte Ottomar.

»Es setzte sich in Trab, bellte frisch, schnupperte, – und war eben ein Hund –; aber ein sehr guter Hund, folgsam und freundlich. Wie roch die Schneeluft so herrlich, wie zog der Hund die Luft ein – wie gut und ausgezeichnet war es, vier Beine zu haben und ein braunes Fell.«

»Ein braunes Fell hattest du, Mutti; weshalb nicht so gesprenkelt?« fragte Ottomar.

»Es war braun,« sagte Maria, »und das Halsband gab bei jedem Schritt und Sprung einen Ton von sich, so daß der Hund genau merkte, daß es von Leder war, und der Metallring klang in seiner Öse ganz leise.«

»Ob«, fragte Ottomar, »ein gewöhnlicher Hund das auch so merkt?«

»Das weiß ich nicht; aber mein Hund hörte das alles. Der kleinen Mutti war's sehr wohl.«

»Der kleinen Mutti, den Hund meinst du doch?« sagte Heinrich wieder.

»Aber ruhig jetzt!« rief Maria, »sonst kann ich nicht weiter.«

»Also, der kleinen Mutti war's sehr wohl, sie lief durch die Straßen, und sah nur das, was einem Hund gefallen würde.«

Da gab Heinrich Ottomar einen verständnisvollen Puff.

19 »Einem guten Hund natürlich,« sagte Maria ausdrucksvoll. »Es gibt auch sehr ungezogene Hunde, das Kind aber war ein Hund, der ein Semmelkörbchen voll Semmeln vom Bäcker im Maul trug.«

»Ach so«, brummte Heinrich in sich hinein.

»Ein ganz besonders herrlicher Hund, dem die Kinder voll Bewunderung und Ehrfurcht nachschauten. – Da gab's nix.«

Maria erzählte weiter:

»So kam das Kind an die russische Kirche, wie aus einem Traum erwacht stand es da, – aus seinem Hundetraum.

Aus dem Saal, dessen Läden dicht verschlossen waren, drang gottesdienstlicher Gesang. Die russischen Sänger sangen mit aller Kraft und der Pope, das ist der russische Pfarrer, murmelte dumpf geheimnisvoll dröhnend.

Es war dem Kind, als wäre ein Sommergewitter in dem Saal eingefangen. Es dröhnte und dröhnte und manchmal klang es wie fern rollender Donner. Der Pope spricht mit Gott, hatte die gute alte Frau einmal gesagt.

Weshalb schloß der Pope sich dabei so ein? dachte die kleine Mutti. Auch die hohe weiße Türe war fest verschlossen, mit hohen weißen Läden.

Das Kind hielt die Händchen in den warmen Buckskinhandschuhen gefaltet. War Gott so nah? Hatten sie ihn darin? – War deshalb alles so geschlossen? – Mußte man so furchtbar singen, wenn man mit Gott sprach? – Konnte ein Kind nicht mit ihm sprechen?«

»Kinder fürchten sich oft in der Kirche, Mutti,« sagte Ottomar leise.

»Der kleinen Mutti war es auch so ein bissel bang und alleinig zumute,« sagte Maria.

»Wann kommt denn das mit dem Hauen?« fragte Heinrich.

20 »Noch nicht. Jetzt aber fiel der kleinen Mutti ein, daß vor der russischen Kirche Gold- und Silberflitterchen liegen sollten, daß Kinder dort welche gefunden hatten.

Das Kindermädchen hatte erzählt, daß die prächtigen Gewänder des Popen vor der hohen Türe ausgeschüttelt würden, und das Kind suchte im Schnee, fand aber nichts.

Sein Herz schlug bang, denn der schwere dröhnende Gesang dauerte noch immer fort. Es fühlte sich so fremd, das Kind, als wäre es gar nicht mehr auf der guten Erde, die es zu kennen meinte wie seine Kinderstube.«

»Weiter, Mutti, weiter.«

»Da öffnete sich ein Fenster . . .«

»Eine Hexe!« meinte Ottomar sensationslüstern.

»Nein –, eine sanfte Stimme rief: ›Was tuste so lange schon da unten im tiefen Schnee?‹

›Flinkerchen suchen,‹ klang es leise und bang.

›Komm 'rauf, kleine Maria!‹«

»'s is wirklich die Mutti!« In Ottomars Stimme klang Staunen und Befriedigung.

»Es kam gerne das Kind, denn es war ihm, als würde es dämmerig. Der Gesang tat ihm in seiner Seele weh, irgendwo, wo es sich noch nie gefühlt hatte.«

Maria schwieg – und schaute ihre beiden Buben nachdenklich an. Das hatte sie so wie für sich selbst gesprochen.

»Nun lief es die enge, schneeweißgescheuerte Treppe hinauf und wie in den warmen Sommer hinein in die Arme der guten alten Frau, die das Kind an sich drückte.«

Sonderbar dachte Maria ihren eigenen Worten nach: wie in den warmen Sommer hinein –. Eine alte Frau, die ein graues Kleid trägt, – eine gesteifte weiße Schürze und einen Peter, so nannte sie doch ihre Jacke, – eine Haube – eine Brille –; aber eigentlich gehören die Kleider doch nicht zu ihr? – Sonderbar. – Wer sind wir? – Wer sind die Kleider? Wer ist unser Leib, 21 wer unsere Seele? »Dann nahm die Frau das Kind in das große Wohnzimmer hinein, in dem es immer wie nach Himbeeren duftete, wie in keinem anderen Zimmer, – so ganz eigen.

Die alten Parktannen nickten zu den Fenstern herein, vor dem einen Fenster schaukelten Blaumeisen an aufgehängten Nußkernen und drehten sich und flogen ab und zu.

Das war ein schönes, geräumiges Zimmer. Ein großes mächtiges Ecksofa stand freundlich und breit, auf dem früher die Töchter der alten Frau um die Lampe gesessen hatten. Jetzt waren die alle längst verheiratet und die alte Frau einsam.

Man wußte von ihr, daß sie im Sommer ihre buntgeflickte Reisetasche packte und sich auf eigene Faust die Welt ansah. Sie reiste an den Rhein und in den Schwarzwald.

Wenn sie dann aber wieder unter den Orangenbäumen auf ihrem Bügelbrett saß, das von Steinsockel zu Steinsockel wie eine Bank gelegt war, und der schön gedeckte Kaffeetisch vor ihr stand und Verwandte und Bekannte um sie her saßen, von ihrem köstlichen Obstkuchen aßen und ihren guten Kaffee tranken, da packte sie allerhand aus, und die Leute erfuhren, wie eine kleine, einsame Frau mit ihrer großen Reisetasche sich in der Fremde ausnahm; aber was wissen die Leute von einer kleinen, alten Frau, man hört kaum darauf, was sie sagt. Alles, was sie tat, war aber schön und gut und fromm.

Im Wohnzimmer klang der Gesang der russischen Sänger ganz gedämpft wie aus weiter Ferne.

›Hör' nur,‹ sagte die alte Frau zum Kinde, ›wie sie singen. Wenn ich so in der Stille sitze und sie beginnen, muß ich immer denken: So singen die heiligen Erzengel um Gottes Thron – und da wird mir's ganz feierlich 22 zumute, und ich freue mich, daß ich so etwas in der eigenen Stube habe. Da könnte man die ganze Welt durchreisen und fände es nicht wieder. – Und guckste, beim Gesang gestern, da hab' ich ein Weihnachtsgärtchen dem Christkind zu Ehren gebaut, so schön wie mir noch nie eins glückte.‹«

»So 'n Gärtchen, wie du uns immer machst, Mutti?« fragte Ottomar.

»Ja, aber viel schöner noch! Und das hatte die alte Frau für die kleinen Engländerchen gemacht, von denen ich schon erzählt habe, mit ihren putzigen Zylindern, damit alle doch auch sehen sollten, wie wundervoll unser deutsches Weihnachten ist. So viel wie ich weiß, meinte die alte Frau, tun sie nix wie essen in England zu Weihnachten.

Während die alte Frau sprach, hatte sie der kleinen Mutti das Pelzchen abgenommen, die Handschuhe abgestreift.

Und nun mußte das Kind sich auf das große Ecksofa setzen und mußte sich die Augen zuhalten und es hörte, wie die alte Frau hin und her trippelte, eifrig, eifrig und im Nebenraum raschelte.

Das Kind saß geduldig und hätte um die Welt nicht geguckt, es hörte wie die alte Frau Lichter anzündete. Feierlich war es ihm zumute, und es kam sich wie eine Prinzessin vor.«

»Und das war auch so mit der kleinen Mutti?« fragte Ottomar.

»Das war so,« sagte Maria.

»Und nun rief die alte Frau: ›Nun guck!‹ Da taten sich des Kindes Augen auf und vor ihm stand das lieblichste Wunderwerkchen.

Es flimmerte ein winziges Rauhreifwäldchen. Schnee . . .«

»Wahrhaftig daher hat die Mutter ihr Gärtchen!« rief Heinrich.

23 »Alles verschneit! – Ein Pfefferkuchenhäuschen von Schnee bedeckt. Eiszapfen am Dach, und durch das Fensterlein drang ein kleiner Lichtschein und fiel auf bereifte Bäume und Sträucher, und vor dem Häuschen saß im weißen Kleid die Mutter Maria mit dem Christkind im Arm, so schön und blond und weiß und das Kindchen rosig und beide hatten kleine Heiligenscheine und um sie her standen fünf gläserne weiße Rehlein ganz traulich und warteten auf Futter.

Das Kind schaute stumm.

Die Alte aber wollte vom Kind hören, wie schön alles sei, und stand in großer Freude und wartete.

›Gefällt's dir denn?‹ fragte sie endlich.

Das Kind nickte, denn es konnte sich auf gar kein Wort besinnen.

Die alte Frau verstand das natürlich und sagte: ›Gucke, der Zaun und das Gärtchen ist aus richtigem Süßholz, den habe ich genau gemacht, wie die Zäune in den Alpen sind – und da schau her, der Brunnen, was meinst du wohl? Aus einer Zimtstange und das Wasser aus Zitronat und der Trog aus einer Feige und oben auf dem Brunnen sitzt ein Zuckertäubchen und die Bäumlein sind in Zuckerwasser getaucht und dann mit Zucker bestreut, daß sie ausschauen, als wären sie soeben aus dem bereiften Wald geholt – und der Erdboden ist ein einziger weißbeschneiter großer Pfefferkuchen. Und das Dach . . .‹ Da schmiegt sich das Kind in hellem Entzücken noch immer wortlos an die alte Frau und vergrub das Gesichtlein in die kühle schneeweiße Schürze, und die alte Frau war glückselig und ganz heller Freude voll.

Die Erzengel, die um Gottes Thron sangen, waren jetzt verstummt. Tiefe Stille. – Die alte Frau hatte vorhin die Vorhänge zugezogen, damit die Lichter 24 durch die zarte Dämmerung draußen nicht ihren Schein verlieren sollten. Jetzt blies sie die Kerzen aus und ließ das matte letzte Tageslicht wieder herein und das heilige süße Gärtchen strahlte wie ein Kleinod auch in diesem Lichte. Einem echten Kunstwerk kann eben nichts etwas anhaben. Das versteht ihr noch nicht, aber ihr werdet's schon einmal begreifen lernen.

Das alte und das junge Herz klopften in Seligkeit. Wie gut, daß auch ein altes Weiblein so froh sein kann. Gottes Güte und Reichtum ist überall: am schönsten und köstlichsten da wo die Welt gar nichts vermutet.

›Möchtest du das Gärtchen?‹ fragte die alte Frau, als das Kind mit gefalteten Händen noch immer davor stand.

›Nein,‹ sagte das Kind leise, aber hastig.

›Gib's den kleinen Zylinderengländerchen. Bei uns würden die Kinder den Zucker schlecken wollen.‹

›Du nicht?‹ fragte die Alte.

›Ich auch.‹

Da huschte das Frauchen in das Nebenzimmer und kam mit einem süßen Weihnachtsbaumkringel wieder.

Die kleine Mutti faßte verlegen danach.

Vom Park her schrien die Pfauen, die den Abend witterten. Das klang so wehmütig ins Zimmer herein, so als täte es ihnen weh, daß es Abend wurde.

›Sind das die Pfauen?‹ fragte das Kind ängstlich.

›Ja, die sagen: Gute Nacht, die müssen in ihr Winterhäuschen, können sich nicht in den Baumwipfeln schaukeln wie in den Sommernächten unter dem Sternenhimmel.«

»Da sind sie traurig, Mutti?«

»Ja, Ottomar, am Abend, wenn die Sonne untergeht, rufen alle Vögel nach dem lieben Gott, denn sie wissen nicht, daß die Sonne wiederkommt, wie wir – sie rufen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.«

25 »Sagt er ihnen dann, daß die Sonne wiederkommt?« fragte Ottomar besorgt.

»Die schlafen gleich ein und träumen von ihr.«

»Bei dir spricht alles mit Gott,« unterbrach Ottomar wieder, »die Erzengel singen und die Pfauen und die Vögel piepsen: es will Abend werden.«

»Als das Kind wieder draußen in der Dämmerung war, ging es langsam seinen Weg. Die Jagdhundohren schlappten jetzt nicht an sein feines Wänglein; es fühlte nicht vier ausgezeichnete Jagdhundbeine, trug kein Semmelkörbchen im Maul, war ganz still und in sich gekehrt.«

»So sind die Kindlein oft,« meinte Ottomar.

»Was hatte es aber alles geschaut! Es war müde. Erzengel singen hören, ist keine Kleinigkeit, und die Gedanken der Tiere belauschen. Das Kind ging still und gottesnah durch die Dämmerung, so wie nur Kinder und ganz durchglühte Seelen gehen.«

Maria hatte wieder wie zu sich selbst gesprochen, und Heinrich wurde etwas ungeduldig, fragte: »Und der Junge und das böse Mädel?«

»Als das Kind,« fuhr Maria fort, »am alten Marstall vorüberging, da schlenderten ihr zwei entgegen, ein großes Mädchen und ein Bursche.

Urlaus! Und eine zitternde Bangigkeit durchrann die kleine Mutti. Wenn das Kind oben auf der Gartenmauer daheim hockte, da ging es noch, da konnte man sich die Urlaus gefallen lassen, da war man sicher wie das Kätzchen auf dem Baum, und wenn sie noch so schrecklich guckten unter ihren roten Haaren hervor. Die hatten Augen so frech, daß sie durch einen Apfel hindurchschauen konnten und auch durch ein Kind, sie konnten sehen, was es im Magen hatte.

Jetzt faßte die kleine Mutti ihren Zuckerkringel fester und wollte an den Urlaus vorüberhuschen. – Aber 26 da stellte sich der große Bursche breitbeinig vor das Kind hin, und das große Mädchen drückte des Kind an die Wand, und alles roch nach schlimmen Bettelleuten.

Sie waren dem Kind ganz fürchterlich nahe, es konnte nicht atmen.

Sie packten es an, sie schüttelten es wie ein Bäumchen,« erzählte Maria, »das ganz voll süßer Äpfel hing, die fielen alle zur Erde und das Bäumchen stand leer und ganz armselig da.«

Die Ströme hörten beide mit tiefem Mitgefühl zu. Heinrich grunzte vor Teilnahme.

»›No, du kommst ja daher wie e Faabuttchen außem Barke,‹« so schlecht sprachen sie, sagte Maria »›und bist a nischt als e ganz gewehniglicher Dreckschpotz!‹

›Was haste denn do? – Gucke,‹ sagte der Bursche, ›ohne e Zuckerkringelchen lassen se ihren Dreckschpotz nich aufs Gäßchen – Nä!‹

Da hatte er den Kringel schon zerbrochen und zerkrümelt in der Hand und schob ihn sich ins Maul.

Das fuchsige Mädchen gab dem Kinde rechts und links auf die Wängelchen ein paar tüchtige Klapse: ›Das haste dafür, daß de immer so 'runterguckst aus Euerm Garten, so unverschämt. – Merk dersch, was meenst de denn!‹ Dann gab das Mädchen dem Kinde noch einen gehörigen Schubs und munter lachend machten die Urlaus sich auf den Weg. Der Zwischenfall hatte für sie nicht viel zu bedeuten, aber das arme Bäumchen!«

»Armes Motzele!« Ottomar schmiegte sich fest an.

»Als die kleine Mutti in ihrem Bette lag, hielt sie die Hand ihrer Mutter ganz fest: ›Bleib da!‹ sagte sie immer von neuem.«

»Ganz wie die Vögel in ihrer Angst,« meinte Ottomar.

Und die Mutter blieb und streichelte ihr Kind, und das Kind wollte reden, fand aber keine Worte, – und 27 atmete tief. Hatte es nicht die heiligen Engel mit Gott reden hören, wahrhaftige heilige Erzengel mit dem wahrhaftigen lieben Gott? Wer von allen Menschen auf der Erde konnte das von sich sagen. Hatte es nicht die Tiere gehört, wie sie sich in ihrer Angst von Gott wollten trösten lassen?«

Maria dachte für sich und sprach's nicht aus: Auch die Tiere in ihrer Weltangst und im nächtlichen Grauen. Und war nicht auch über des Kindes, ganz von göttlichen Dingen erfüllte Seele alles Grauen der Welt hereingebrochen: Feindseligkeit, Haß, Krieg, Hilflosigkeit und Entsetzen? Sie hatte anfangs gar nicht daran gedacht, wie schwer ihre Kindheitserinnerung ausklang. Die unirdische Kindesseele stand ihr noch nah und war ihr wieder erweckt in Ottomar, zwar anders geartet.

Wenn eine Seele irdisch wird, schwindet das Erinnern an die noch unirdische Seele, an ihr süßes Spiel, ihre Gottesnähe, ihr unmittelbares Erkennen, ihren unaussprechlichen Reichtum. Darum sind die unirdischen Seelen ganz einsam in ihrer Seligkeit und ihrer großen Not.

Fest drückte sie Ottomar an sich. Sie war, wie es schien, daheim geblieben im Kinderreich, wenig hatte sie vergessen – und auch das Wenige wachte auf und wurde lebendig in der großen Liebe zu Ottomar. Wie ihr das jetzt soeben bewußt wurde, drückte sie Heinrich fest an sich, um ihre Liebe gleich zu geben und war dankbar und froh im Herzen, daß Heinrich von Anfang an heimischer auf Erden war, wie die kleine Mutti damals und das Ottomarlein jetzt.

Sie hatte große Liebe und großes Leid erfahren und war ganze Liebe geworden. Wie sollte solch eine Seele nicht unirdisch sein, auch wenn Liebe sie jetzt fest und fester an diese Erde bannt? Sie tat's mit Himmelsgewalten.

28 Marias Schweigen hatte auch die beiden Ströme still gemacht, sie dachten wohl, es käme noch etwas. Als das aber nicht eintrat, kam Leben in sie.

»Aus,« sagte Heinrich. – »Zu Ende! Die kleine Mutti hat sich aber fest gefürchtet!«

»Die wutzele, wunzige, wintzele kleine Mutti will ich haben, die soll bei mir sein! – Das Wutzele, das wunzige Kloane,« rief Ottomar ganz hingerissen vor Entzücken.

Am Nachmittag kam Franz Sebald, der Mann, der im wehenden Mantel durch die Straßen schritt im Wanderschritt, als ging er über Wiesenpfade und über Wege weich von Tannennadeln, und er wurde froh von den Strömen begrüßt und heimatlich von Maria.

»Geburtstag! Geburtstag!« jubelten die Knaben.

»Weiß ich.« – Er lächelte ein gutes Lächeln, das nicht von ungefähr über seine Züge kam. »Wartet, wartet!« sagte er fast wie Ottomar, als der mit seiner Saugflasche in den Waschkorb schlüpfte, und wehrte den Strömen, die sich an ihn drängten.

Aus seinem Rucksack kramte er etwas behutsam hervor – mit vorsichtig rot gefrorenen Fingern, die gedrungen und fest wie der ganze Mann waren.

Alle drei, Mutter und Kinder, schauten, was sich wohl entwickeln werde; und es kam ein zartes Gebilde, noch verdeckt von einem feinen weißen Tüchlein, zum Vorschein. Der Mann hielt es wie eine überzarte Blüte in der Hand, die er nicht wagte aus den Händen zu lassen, um sie nicht irgendwie zu verletzen.

Er konnte sich, wie es schien, nicht recht entschließen was nun weiter geschehen sollte, war einen Augenblick wie in einen Eindruck, in ein Erlebnis versunken, dann stellte er sein zartes Gebilde vorsichtig auf den Tisch nieder.

29 »Ein Engel,« rief Ottomar, »oder ein Vogel!« Eine Flügelspitze in goldenem Holzton schaute aus der leichten Umhüllung.

»Ja, ein Engel! – Ein Wesen aus einer anderen Welt; wahrhaftig kein Engel, wie man ihm so begegnet, ein Strahl aus den himmlischen Heerscharen.« Jetzt stand die zarte Blüte ohne Hülle und alle schauten auf das Wesen vor ihm und auf den Bringer desselben, der vor innerer Bewegung strahlte.

»Seht, wie die Fußspitzen erschauernd die Erde berühren, – die lebendigen Gewänder rauschen auf wie Wellen von den Schauern der Erdnähe bewegt. Das Haar flammt noch vom himmlischen Feuer, – die Geisterflügel sind von der schweren Erdenluft seitlich hingedrückt, – die zarte Hand verkündet Undenkbares und welch selige Bewegtheit in jedem Gliede –! Ein durchglühter geistiger Leib! Seht ihn von hier – und seht ihn so – und seht ihn seitlich, wie ihr wollt, die gleiche Seelenbewegtheit.«

Die Ströme standen still und ließen die ihnen noch fremden begeisterten Worte wie ein Wind über sich hinrauschen. Sie waren wie etwas beschämt vor so großen Worten; aber die schlichte behutsame Gebärde, mit der die vom Frost geröteten festen Finger des guten Freundes an dem feinen Gebilde deuteten, machten ihnen das Ganze heimischer.

»Was sagst du, Maria?«

»Da kann und darf man nichts mehr sagen. Du sagtest es und ich verstehe es, ganz wie du. – Und wie kommst du zu dem Wunderbaren?«

»Ja, wie kam ich dazu? Sagte ich dir nicht neulich: die Zeit mahlt leer? Sie haben kein Korn mehr zum Ausschütten; – aber ganz im Verborgenen, ganz versteckt, von keinem Auge gesehen –, vom Schweigen der 30 ganzen Welt verdeckt reift hier und da etwas. Heute zeige ich dir solch ein Gewächslein und du wirst mehr davon hören. Wir brauchen nicht zu verzagen – und wenn die Wüste ertötend würde; – plötzlich rauscht unter unseren Füßen eine Quelle, die die ganze Öde um uns her vergessen läßt. – Ich hätte dir das kleine Wunder heute fast selbst mitgebracht.«

»Das Wunder selbst?«

»Ja, ein Frauchen hat's gemacht, ein ganz zartes, kleines, nicht schön, – könnte ein armseliges Kindsdirnlein sein, durch sonderbare Schicksale vereinsamt, ein Ding mit breitem Köpfchen wie eine Kobra. Sie trägt das Haar in dicken Flechten um die Ohren gelegt – und die weit auseinanderstehenden Augen – und das gedrückte Näschen. Ich dachte: was willst kleine Kobra?«

»Was ist eine Kobra?« fragte Heinrich.

»Eine Schlange,« antwortete Maria, »und jetzt geht und tut etwas, wenn der Tee kommt, ruf ich euch.«

Die Ströme verschwanden etwas zögernd, aber doch ohne daß Maria ihren Wunsch noch einmal wiederholen mußte.

»Wie geht's deiner Frau?«

»Ja, daß ich's nicht vergesse, sie hat Euch ein Weizenbrot gebacken aus Ähren, die sie selbst gesammelt hat.«

Er machte sich wieder an seinem Rucksack zu schaffen – und brachte ein goldgelbes Brot hervor, auf das ein Büschel Ähren gebunden war.

»Wie schön!« rief Maria – »wie herrlich!«

»Ist auch schön,« sagte er.

»Aber es ist rührend schön,« meinte Maria, »wenn man denkt, daß sie über die Stoppelfelder geht und an den Zäunen entlang, wo die Erntewagen fahren, und sammelt.«

31 »Es ist ihre Natur so. Sie kann nicht anders.«

Maria streichelte das Brot. »Wollte sie nicht mitkommen?«

»Nein, das weißt du ja. Nicht um die Welt in die Stadt, nur wenn sie auf die Dult geht bei den Althändlern herumzustöbern, da ist sie auch in ihrem Element, das ist auch so eine Art Ernte.«

Maria legte das goldene Brot mit dem Ährenbüschel auf den Tisch vor dem Engel hin.

»Und weshalb brachtest du die kleine Schlange nicht mit?«

»Weil heute jemand kommt, den du wohl kaum erwartest.«

»Wer?«

»Seppel David.«

»David?«

»Entsinnst du dich, als wir uns neulich Lebewohl sagten und du mich einludst, mit hinaufzukommen, antwortete ich dir, daß ich einem versprach, ihn aufzusuchen.«

»Das war David?«

»Ja.«

»Du weißt alles?«

»Ja! Ich weiß, daß er dich liebt. – Nun will ich dir etwas sagen: Laß es gut sein, laß es nicht gewesen sein. Sei einfach gut zu ihm. Verlaß ihn jetzt nicht.«

Maria blieb stumm, hatte sich erhoben und stand am Fenster, blickte hinaus in die winterliche Straße, in den leisen Schneefall, der in die starre Häuserflucht einiges Leben brachte.

»Versteh mich recht. Weit entfernt bin ich davon, deinen Entschluß beeinflussen zu wollen.«

»Das könntest du auch nicht, trotz unserer alten Freundschaft, trotz deiner noch älteren Freundschaft zu Strom.«

32 »Sei einfach gut zu ihm, wenn er kommt. Vergiß, was zwischen euch zu Worten kam. Du hilfst ihm damit.«

Maria reichte ihrem Freund die Hand. »Ich vertraue dir, du wirst wissen, was ihm frommt. Wenn ich zu ihm einfach gut sein darf, so wie mir's ums Herz ist . . .«

»Ja, ja! das darfst du.«

Maria lächelte, »du meinst, man kann einen Mann einsingen wie ein Kind?« sagte sie leise.

»Du, liebe Maria, kannst das. Einsingen, – einfach einsingen; er braucht's, glaub mir. Wie soll er denn gegen diese Welt stehen? – Sie zermahlen ihn zwischen ihren Mahlsteinen wie ein Korn, und da sie leer mahlen, gibt's von diesem einen Korn kein Mehl. Dies Korn muß erst in schönem, nebligen Frühjahr in einer gütigen Erde ruhen, mit tausend Kräften und warten. – Es muß auskeimen und in warmer Sonnenlichterde aufschäumen zum Leben und dann in Regen, Glut und Hochgewitter und Stürmen wachsen.«

»Gott behüte einen Mann vor allzu großer Befremdlichkeit in dem, was er tut,« sagte Maria.

»Ja, befremdlich, – freilich ist's befremdlich, den schlanken feinen Kerl zu sehen, wie er sitzt und strichelt und tuscht.«

»Aber,« sagte Maria, »als kämen all diese formlosen zarten Gebilde aus einer anderen Welt. Ich denke oft, er malt Musik. Denk' dir, er fragte mich: Hast du deine Seele je geschaut? Wenn du so in dich hineinsiehst und hast alle Menschen, alle Kinder, alle Bäume, alle Wolken, Sonne und Mond und dich selbst ganz vergessen – und sag', was hast du da gesehen? Stiegen da nicht Perlen in lichten silbernen Nebeln auf, wie zarte Silberblasen und selige Farben und lauter Seligkeiten und Erkennen in überirdischem Leuchten und 33 Bewegen, so seltsam erdenfern. Und warst du nicht in Schönheit gebadet und ganz erfüllt – und wolltest du je aus diesem Bewegen wieder fort?«

Marias Freund gab ihr die Hand und sagte: »Dem mußt du freilich noch Heimat sein, so wie du sie Ottomar bist. Wer wird ihn verstehen, wie du ihn verstehst, so ganz bereitwillig ohne jede Hartnäckigkeit.«

»Ja,« sagte Maria, »mir ist nichts fremd in dieser ganz erdenfernen Art, wie er schafft, trotzdem ich so anders bin. Wie soll der Arme unter vernünftigen Leuten mit seiner fremden Kunst bestehen?«

»Darüber mach dir keine Sorge. Wer so ins Erdenferne schauen kann, der ist vor der Welt gefeit wie ein Kind, das spielt. Wenn zehnmal ein Rad und ein Fuß über sein Gärtchen gefahren und gestolpert ist, er richtet's immer wieder getrost auf. Wer weiß, welch ein seltener Keim unser David ist, auf was sein Spiel und Werk hindeuten mag.«

Es schellte. Maria sah still vor sich hin. »Mein lieber Freund,« sagte sie, »du bist klüger als ich, möge es zu seinem Besten sein, was du so bestimmt hast.«

Draußen erklangen die Stimmen der Ströme, erfreut und jubelnd. Ottomars weiche, noch ganz kindliche Stimme rief: »König David! König David!« Und man hörte, daß es ohne Umarmungen und handgreifliche Begrüßungen draußen nicht abging. Und zu dritt drängte es sich zur Tür herein. Jeder der Buben hing angeklammert am Freund, der schlank und fein zwischen den beiden schönen Kindern auf Maria zuging, ihre Hand mit beiden Händen faßte.

»Danke!« sagte er leise.

Dann drückte er Sebald die Hand. »Zweitausend Jahre wartete meine Seele auf die Begegnung mit ihr – und fast hätte ich sie nun ganz verloren.«

34 Er war froh wie ein Kind, das nach verbüßter Strafe wieder zu Gnaden angenommen wurde, und über das eine stille Weichheit ausgegossen ist, ein ruhiges Aufatmen nach aller Not.

Jetzt kam der Geburtstagskuchen an die Reihe und die Ströme begannen zu rauschen. So bescheiden sie sich bis jetzt verhalten hatten, war es doch ihr Festtag, ihr Recht. Die Lichter auf dem Kuchen wurden angezündet, es duftete wieder froh und feierlich. Die Ströme deckten den Tisch und stellten die Blumentöpfe ins rechte Licht. Der große Kuchenkranz mit seinen Rosinen und Mandeln versprach einen ausgiebigen Genuß und das goldene Brot leuchtete. Der Tee, den die Graue brachte, mischte sein feines Aroma mit in die ganze Herrlichkeit. Aber im Lichterglanz, der weich sich mit dem weißen Dämmerschneelicht einte, bekam der Engel der kleinen Kobraschlange himmlische Kräfte. Er wurde ganz lichtgewoben, verlor alle Schwere. Seine von der Erdennähe aufrauschenden Gewänder und die Fußspitzen, die zögernd die Erde berührten, und die von der Erdenluft seitlich gedrückten Flügel wurden zu leichten Luftgebilden, die im zuckenden Kerzenschein zu leben schienen.

Bisher hatte Seppel David nur Umschau im geliebten Raum gehalten, als ein Verstoßener, der wiedergekehrt war. Jetzt aber trafen seine Blicke das zarte Wesen, das neben dem Kuchenkranz und dem ährengeschmückten Brot niederzuschweben schien.

Maria, die Knaben und der Freund, waren von der neubelebten Erscheinung jeder auf seine Art ganz hingenommen und schauten schweigsam, und so gesellten Davids Blicke sich ihnen allen zu: auch er schwieg und schaute.

»Unglaublich,« sagte er leise, »was ist das?« »Das lebt.« »Ja, das lebt,« wiederholte Sebald ganz bewegt 35 und sprach von der kleinen Kobraschlange auf seine schirmende Art, mit der er etwas Gewachsenes zu behandeln pflegte.

»Die hat's nun gut,« sagte Maria, »sie hat dich gefunden.«

David aber war ganz versunken in den Anblick des zarten Kunstwerks.

»Mutti, liebe, den Kuchen,« bat Ottomar. »Darf ich die Lichtlein ausblasen?« Beide Knaben bliesen nach Herzenslust. Wachsgeruch und die kleinen dunklen Rauchschwaden der verlöschenden und bewegten Kerzenflamme.

»Rauch zum Licht! – kein Licht ohne Rauch und Qualm, so soll es sein, auch im Leben. – Und wie schön steht unser Engel in den dunklen Kerzenwolken. Der Strahl aus den himmlischen Heerscharen kommt in die Erdenluft. Allem Weh und Leid nahe, wie allem Licht und Schein. Grüß Gott, mein lieber Engel, auf Erden ist's gut sein!«

Seppel David war still, trank seinen Tee und aß seinen Kuchen wie ein Genesender und strich Ottomar, der sich nahe zu ihm hielt, manchmal sanft übers Haar.

Es war eine natürliche, wohltuende Stille im Zimmer. Einer der Anwesenden hatte die Macht, Stille zu schaffen. Ohne es zu wissen, gaben sich die anderen seinem Empfinden hin.

»Ottomar,« sagte Seppel David zu dem Kinde gebeugt, »geh und bring mir von draußen die kleine Mappe, die ich auf den Tisch gelegt habe.« Ottomar, glücklich, etwas zu tun, machte sich auf, und David hielt die Mappe nun in den Händen.

»Liebe Frau Maria,« sagte er, »damit Sie wissen, wie einer gelebt hat, bis der Sebald kam.« Er reichte ihr ein Blatt.

36 Eine Gestalt, in sich verkrochen, schmal und eng in ungeheurer Weite, umwogt und umronnen von sich bewegenden Linien. In grauen Nebeln, ein Gären und Brausen, ein Aufsteigen und Niederwallen, »Einsamkeit« stand in kleiner, zarter Schrift am Rande des Blattes.

Ein anderes Blatt reichte er Maria. Da wogte es in das graue Licht voll hinein. Die verkrochene Gestalt war aufgerichtet und formvoller, die Arme ausgebreitet, ein leuchtender Mittelpunkt. Ein beglückendes Spiel von Farben, Lichtwogen, ein Regen und Triefen von schöner Linienbewegung. »Aufatmen« stand, zart geschrieben, kaum sichtbar am Rand des Blattes.

Maria hielt die Blätter in der Hand, die Knaben schauten sie mit an und auch Sebald hatte sich hingeneigt und Maria reichte ihm das Blatt »Einsamkeit«.

»Du hast recht, es ist Musik, geschaute Musik. Man könnte auch herrliche geheimnisvolle Webereien daraus bilden, hier, dies ›Aufatmen‹, müßte einen königlichen Raum zu einem erhabenen Aufenthalt machen.«

Er stellte die beiden Blätter neben den Engel und sagte freudestrahlend: »Es regt sich! Es regt sich wie allererster Frühjahrshauch. Es knistert und rauscht, streckt und dehnt sich irgend etwas, wenn alles noch starr und leer, kalt und öde scheint. Die Kräfte aber sind schon am Werk. Die Frühlingsstürme werden nicht ausbleiben und das wilde Rauschen. Mir ist wohl und hoffnungsfroh zumute, weil ich die zarten, allerersten Quellentöne höre. Nun mahlt nur leer, so viel ihr wollt – auch das ist Lebendigkeit. Es regt sich doch! Die Welt der Gegensätze. Aus einem stürzen oder schleichen wir ins andere. Es wogt – es wogt! und schüttelt uns zu höherem Leben! Was wird dies Jahr wohl bringen?«

37 »Mir meine Hochzeitsreise, wie du's ja weißt,« sagte Maria. »Wenn sich das zwölftemal unser Hochzeitstag jährt, dann wollten wir miteinander in sein Sommerland reisen, unsere Hochzeitsreise nachholen. Nun muß ich es allein tun, und sein froher Geist wird um mich sein. Es wird eine Reise des Gedenkens werden. Es sollen die Heimgegangenen nicht immer unseren Kummer oder unser Vergessen zu spüren bekommen, auch unser sich mit ihnen freuen. Im Mai werde ich in seinem Lande sein.«

Das sagte Maria ruhig und froh. So hatte Heinrich Strom nicht nur sein Namensschildchen an der Türe seiner Lieben, er besaß auch ein treues heiteres Herz, das ihm kummerlos zugetan war.

Seppel spielte ein Fingerspiel mit Ottomar und hatte einen zusammengeknüpften Bindfaden um seine beiden Hände gleichmäßig gespannt und wußte diesen durch ein Aufheben und Abheben der Schlingen seltsam zu formen, bald stellte das Geflecht einen See dar, bald einen Tannenbaum, bald einen Stern, und Seppels schlanke Finger machten die Umwandlungen so behend, daß beide Knaben ganz hingenommen waren.

»Gut, daß du wieder da bist, König David,« meinte Ottomar zärtlich.

»Freut dich's?« sagte der junge Mann. »Ich will dir etwas leise sagen: mich freut's noch mehr!«

Währenddem standen im Lampenlicht die drei Kunstwerke, die in Sebald Frühlingsahnungen geweckt hatten. Der Engel neben den zwei traumhaft gebannten Zuständen eines zarten, sehr bewegten Herzens. Maria und Sebald schauten beide still auf sie hin.

»Was in solch einem Erdenwinkel, in einem Stübchen alles zusammenströmt,« meinte Sebald.

»Stübchen?« fragte David, »Stübchen? Ich fühl's wie eine trauliche Kapelle. Das Bild der lieben Frau 38 und alles Herzbewegen der Mutter, vor dem wir alle müssen auf den Knien liegen wie vor dem Quell der Liebe. Und wir, die Könige mit ihren Gaben, Hirten und arme Sünder, denen es wohl zumute ist. – Der Kuchen, das goldene Brot mit den Ähren, die Lichter, der Tee, – alles Kleinodien und Spezereien, die duften und leuchten und köstlich schmecken. Auch ein Engel ist hereingeflogen.«

Ottomar fühlte mehr, als er es verstand, daß König David die Mutter lobte, und so flog er, wie durch die Kraft des Empfindens des anderen getrieben, auf sie zu und fiel ihr um den Hals. Heinrich stand etwas beschämt. Aber auch ihm war es wohl und gut zumute. Kinder lieben es, wenn Gäste zahm und traulich es sich bei ihnen daheim wohl sein lassen und die Eltern loben; dann wird es ihnen erdensicher und fröhlich zumute.

Am Abend sagte Ottomar zärtlich zu seiner Mutter, als er zu Bette gehen sollte: »Mariele, Mariele, ich möchte Mariele heißen, so eine kleine Mutti wie du warst, möchte ich sein.«

»Ja, das wäre mir auch ganz lieb, dann hätte ich einen Bub und ein Mädel.«

»Ach,« sagte Ottomar, »wenn du willst und es dich freut, will ich gern ein Mädchen werden.«

»Ja, wenn das so ginge.«

»Das kannst du doch machen,« sagte Ottomar.

»Das geht aber nicht.«

»Doch,« sagte er, »laß mir die Haare lang wachsen, wir sagen es dann allen, weiter ist doch kein Unterschied.«

»Doch,« sagte Maria, »es ist ein Unterschied.«

»Glaub's nicht.«

»Doch. Die Mädel, das sind die kleinen Mütter und die Buben, das sind die kleinen Väter, das ist doch ein Unterschied? Nur die Mädel bekommen einmal die Kinder.«

39 »Ach,« sagte Ottomar zornig, »da soll kein Bub ein Kind bekommen, das glaub ich nicht, es wird doch so sein, daß auch Buben Kinder bekommen, so ungerecht ist der liebe Gott nicht. Kann man das nicht irgendwo sagen?« –

Maria beruhigte ihn damit, daß sie ihn vertröstete, die Kinder gehörten dem Vater und der Mutter zusammen.

»Und dann kriegt man ja die Kinder, die man gar nicht will,« sagte er enttäuscht.

»Man bekommt die Kinder, die Gott einem gibt.«

»Ach so.«

Ach so. – Wer das so sagen könnte, dachte Maria, so Ihr nicht werdet wie die Kinder.

So wurde für Maria Ottomars friedliches »ach so« ein Auftakt für ein neues Lebensjahr.

Maria lag noch lange wach, ehe sie einschlief; allerhand Gedanken tauchten ihr auf: wie sie einst hier in dieses Haus in der engen Straße eingezogen und wie sie den geliebten Mann hier verloren und wie er dahin geschwunden war.

Und wie hatte sie so ganz in ruhiger vertrauensvoller Liebe gelebt und die Kinder –! wie erstaunlich, wie fremd, wie nah, wie traut, wie unbegreiflich – alles.

Eins mit ihr waren sie gewesen – und dann waren es Wesen für sich – und weshalb liebte sie diese Wesen so unaussprechlich? Weil sie ihr eigenes Ich waren? Liebte sie sich so unaussprechlich? – Das wäre grauenhaft und gespensterhaft. Man will nicht, daß einem ein Splitter ins Auge fliegt, man will auch kein Glied brechen; aber man trägt doch nicht Liebesglut für sich selbst; – und was sie in ihrem Herzen für die Kinder trug, das war Liebesglut. Das war – ja – was denn? – Auch fremd. – Auch namenlos, wie alles. – Wozu die Worte eigentlich da sind? Musik wäre besser, tiefer, – 40 grenzenloser, die Worte sind eng, sagen so wenig – fast nichts von den Dingen – und weniger noch vom Empfinden.

Alles, was die Kinder betraf, war in ihr zu nah, schmerzvoll nah, erschreckend nah, unentfliehbar. – Wie wohl ein Tier fühlt, wenn es seine Kinder liebt? – Auch so – annähernd? Ob diese große Freudenqual und Leidensnot auch in solch eine arme Seele gesenkt ist, damit die Jungen nicht vergessen werden können? – Ja, die Vögel werden auch ähnlich fühlen, sie opfern sich für ihre Kinder – wer das alles wüßte!

Was eine Mutter ist – ist nicht auszudenken –. Ein Geheimnis, auch bei den stummen Tieren, – wie bei den stummen Menschen. Wir sind auch stumm, es scheint nur so, als wären wir es nicht. Gott allein mag wissen, was eine Mutter ist. – Wie sollte er es denn wissen? – Schrecklich, wenn niemand im Himmel und auf Erden weiß und deuten kann, was ewig und Millionenmale geschieht, und wenn man es selbst nicht weiß. 41

 

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